Menschenskinder

Über die Demobilisierung der IG Metall München bei einer Friedenskundgebung

Kommentar von Gretl Aden

Foto: Rheinmetall-MAN (Screenshot)

„Soziales rauf – Rüstung runter“ war die Losung, unter der die Gewerkschaften ver.di und GEW am 12. Oktober in München zum Widerstand gegen die Kriegstreiberei aufgerufen haben. Man sollte meinen, jeder, der auf eine öffentliche soziale Infrastruktur angewiesen ist, also die gesamte Arbeiterklasse, und nicht will, dass ein immer größerer Anteil der Steuern in Aufrüstung und Kriegsvorbereitung verpulvert wird, könne sich dem anschließen. Doch dem ist offensichtlich nicht so. Schon im Vorfeld hatten Betriebsräte aus Rüstungskonzernen auf der Delegiertenversammlung der IG Metall München gegen die Forderung „Rüstung runter“ argumentiert und so dafür gesorgt, dass die IG Metall nicht mit zur Kundgebung aufgerufen hat. Von 150 Kolleginnen und Kollegen stimmten nur 11 für die Beteiligung an der Demonstration, 11 enthielten sich, der große Rest stimmte dagegen. Die Mehrzahl der Delegierten stellten BMW und MAN, die größten Metallbuden in München. Wenn die Delegierten aus den Rüstungsbetrieben gegen die Beteiligung an einer gewerkschaftlichen Friedensaktion stimmen, haben sie die Sicherung „ihrer“ Arbeitsplätze im Kopf. Angesichts einer Weltlage, die den Dritten Weltkrieg in sich trägt, ist das zumindest kleinkariert.

Rüstungskonzerne gibt es in München und Umgebung mehr als genug. Ein erheblicher Teil der größten deutschen Waffenschmieden konzentriert sich hier. Da ist zum Beispiel der Panzerbauer KNDS, ein Zusammenschluss von Krauss Maffei Wegmann und dem französischem Rüstungskonzern Nexter, in Allach. Eine S-Bahn-Station weiter ist das Joint Venture Rheinmetall MAN Military Vehicles in Karlsfeld, in dem die verschiedensten Sorten von kriegstauglichen Radfahrzeugen hergestellt werden. Gleich daneben hat MTU seinen Sitz, das Triebwerke für alle möglichen Kampfflugzeuge produzieren lässt. In Taufkirchen findet man Hensoldt, dessen Eigner ihren Profit mit dem Verkauf sogenannter Verteidigungs- und Sicherheitselektronik realisieren. Etwas weiter entfernt, in Manching, befindet sich die Rüstungsschmiede Airbus Defence and Space, in der über 5.000 Arbeiter unter anderem die Endmontage des Eurofighter durchführen. In Schrobenhausen hat MBDA seinen Sitz, dessen bekanntestes Produkt derzeit der Marschflugkörper Taurus sein dürfte, der mit einer Reichweite bis zu 500 Kilometern von der Ukraine aus weit in russisches Land eindringen könnte.

Aufrüstung bedeutet noch mehr Rüstungsaufträge für diese Firmen, bedeutet sprudelnde Profite und Reichtum für die Kapitaleigner. Für die gesamte Kapitalistenklasse ist sie nichts anderes als Kriegsvorbereitung, um den Kampf um Absatzmärkte, Rohstoffe und Einflussgebiete zur Absicherung ihrer Profite auch militärisch führen zu können. Und für die in der Rüstung beschäftigten Arbeiter? Wer nur an das Heute denkt, für den bedeutet Aufrüstung einen sicheren Lohn, um Lebensmittel, Miete und die Versorgung der Kinder bezahlen zu können. Schon morgen oder übermorgen wird sie für alle Arbeiter und ihre Kinder nur der Vorbote von Gestellungsbefehlen, Zerstörung der Häuser und Fabriken, Hunger, Tod und Verwüstung gewesen sein. Rund 1.500 Gewerkschafter und Kriegsgegner haben an der Kundgebung von ver.di und GEW teilgenommen. Menschenskinder, Kolleginnen und Kollegen, das kann doch nur ein Anfang sein, das müssen Hunderttausende werden! Sich gegen Aufrüstung und Kriegsvorbereitung zur Wehr zu setzen ist lebensnotwendig, egal wo man arbeitet.

Erstveröffentlicht in der UZ vom 1. November 2024
https://www.unsere-zeit.de/menschenskinder-4797570/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Nato-Übung: Zehn deutsche Großstädte „nachhaltig zerstört“

Die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik:  Für Adenauer waren Atomwaffen lediglich „eine Weiterentwicklung der Artillerie“, weshalb er seine Bundeswehr unbedingt mit diesen „beinahe normalen Waffen“ ausrüsten wollte. 

Von Gaby Weber

Bild: Erich Kästner bei einer Rede gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr 1958. Video-Screenshot

Die Tinte auf der Kapitulation war noch nicht trocken, da setzte die US-Administration bereits auf den Kalten Krieg. 1949 wurde der Nordatlantikpakt gegründet. Laut seiner Präambel bekennen sich seine Mitglieder zu Frieden, Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Allerdings sahen sie vornehm darüber hinweg, dass die blutige Diktatur in Portugal nichts mit diesen hehren Prinzipien gemein hatte. „Die Vereinigten Staaten sind der festen Überzeugung, dass aus militärischer Sicht die frühe Wiederbewaffnung Westdeutschlands von grundlegender Bedeutung für die Verteidigung Westeuropas gegen die UdSSR ist“, so die US-Vereinigten Stabschefs (Joint Chiefs of Staff).

Konrad Adenauer war zu Diensten. Das Problem war nur: Die Bürger hatten genug vom Krieg. Sogar die SPD war gegen die Errichtung von Streitkräften, demonstrierte für den Pazifismus und schloss sich der weltweiten Bewegung gegen Atomwaffen an. Die Fotos von den Abwürfen der US-Bomben auf Nagasaki und Hiroshima waren nicht länger zu unterdrücken und machten die Runde. Die Menschen waren entsetzt; so etwas sollte nie mehr geschehen! Wissenschaftler reihten sich in diese globale Friedensbewegung ein, in den USA sogar die Demokratische Partei.

Die Sowjetunion hatte 1957 ihren ersten künstlichen Erdsatelliten ins Weltall geschickt und den sog. Sputnikschock ausgelöst. Er bewies, dass der angeblich rückständige Arbeiter- und Bauernstaat die Weltmacht USA in den Schatten stellen konnte. Stalin war 1953 gestorben, und sein Nachfolger Nikita Chruschtschow wusste, dass das Wettrüsten zwischen Ost und West Milliarden verschlang – Geld das er für die Modernisierung seiner Wirtschaft dringend brauchte.

Der Deutsche Bundestag hatte in seiner ersten außenpolitischen Debatte Ende November 1949 eine Wiederbewaffnung abgelehnt. Erst der Koreakrieg (1952) führte zum Eintritt der Bundesrepublik in die Europäische Verteidigungsgemeinschaft EVG und, ausgerechnet am 9. Mai 1955, in die NATO. Nur fünf Tage nach dem westdeutschen NATO-Beitritt unterzeichnete die DDR mit der Sowjetunion, Albanien, Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und der Tschechoslowakei in Warschau den „Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand“.


Bei dem Text handelt es sich um ein stark verkürztes Kapitel aus dem neuen Buch von Gaby Weber: Drei Kreise des Abgrunds. Wie der Bonner Staat kriegstüchtig wurde – Adolf Eichmann und der Zionismus – Die Machtergreifung des Militärisch-Industriellen Komplexes. Erschienen Oktober 2024. Verlag Die Buchmacherei, 16 Euro. ISBN 978-3-9826199-3-4


Die USA hatten bei der Gründung einer Bundeswehr keinen Anstoß daran genommen, dass sich diese aus „alten Kameraden“, darunter Mitglieder der Waffen-SS, zusammensetzte. Am 19. Oktober 1955 beschloss das Kabinett in seiner 99. Sitzung die Gründung eines Kabinettsausschusses mit dem Titel „Bundesverteidigungsrat“ (BVR), dem Vorgänger des „Bundessicherheitsrates“. Von Anfang an wurde er als „besonders geheimhaltungsbedürftig“ eingestuft, und Atomminister Franz-Josef Strauß (CSU) bestand darauf, nur „von Fall zu Fall“ zu protokollieren und alles Weitere mündlich zu paktieren. Federführend war das Verteidigungsministerium, Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz sollten nur in Einzelfällen hinzugezogen werden.

Der Zeitpunkt für die rasche Aufstellung einer Wehrmacht „erfolge in einem psychologisch ungünstigen Augenblick“. Allenthalben herrsche die Auffassung, „die rasche Aufstellung einer Wehrmacht sei nicht notwendig. Es gelte, dieser Einstellung zu begegnen. Deshalb müsse den Fragen der psychologischen Verteidigung besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden.“ Der Rat rechnete vor: um den Verpflichtungen der NATO gerecht zu werden, brauche man in Westdeutschland eine Million Menschen. Diese müssen dem Arbeitsprozess entzogen werden, wo sie dringend für den Wiederaufbau benötigt wurden. Von den 480.000 Arbeitslosen sei die Hälfte „nicht mehr einsatzfähig“. Es bestehe ein Defizit bis zu 800.000 Menschen. Er zog einen Vergleich zum Jahr 1935, als der Nazi-Staat die Wehrmacht im Handumdrehen „kriegstauglich“ machen konnte.

Doch vor zwanzig Jahren, so bedauerte das Protokoll, habe es einen „ausgebildeten Truppenkern“ gegeben, beste Voraussetzungen also. Der sei heute nicht vorhanden, denn es habe zwischen 1945 und 1955 keine Streitkräfte gegeben. Außerdem lebten 1935 70 Millionen Menschen in Deutschland, 14 Jahre später sei das Land in BRD und SBZ (Sowjetische Besatzungszone, wie die DDR genannt wurde) geteilt worden. 1955 gab es nur noch 50 Millionen BRD-Bürger. Die Zuwanderung aus dem Osten reiche bei Weitem nicht aus, um diese Lücke zu füllen. Die peu à peu zurückkehrenden Kriegsgefangenen seien wenig hilfreich, die Wenigsten seien arbeitsfähig, viele opiumabhängig, ihre Seelen nicht verheilt. Unbrauchbar also.

Ausgerechnet Staatssekretär Hans Globke leitete den Bundesverteidigungsrat. Aber nicht einmal an ihm störten sich die NATO-Partner. Dabei war der Kommentator der Nürnberger Rassengesetze kein Militär, sondern hatte seine Erfahrungen in Hitlers Reichsinnenministerium mit der Entrechtung und Enteignung der europäischen Juden gesammelt. Adenauer vertraute ihm, er war seine rechte Hand.

Seine Aufgabe war, wie aus den Protokollen des BVR hervorgeht, die Skizzierung und Planung eines neuen Krieges: Wie sollte sich die Bevölkerung auf einen Krisen- oder Kriegsmodus vorbereiten? Wie sollten Lebensmittel und Arzneien bevorratet, die Versorgung der Industrie mit Öl, Kohle und Rohstoffen versorgt werden, wie sollte man das Informations-, Kommunikations- und Verkehrswesen auf den Ausnahmezustand vorbereiten? Bunker und Krankenhäuser müssten vorbereitet und die Zensur, auch die Vorzensur, eingeführt werden. Die Evakuierung von (deutschen) Flüchtlingen wurde geplant, man ging von zwei Millionen Binnenflüchtlingen aus. Der Notstand wurde durchgespielt. Die Elektrizitätswerke müssten vorbereitet, eine strahlensichere Lebensmittelbevorratung sichergestellt werden. Wasser und Luft sollten vor radioaktiver Verseuchung geschützt, Blutsammelstellen eingerichtet, Schutzräume gebaut werden.

Für Adenauer waren Atomwaffen lediglich „eine Weiterentwicklung der Artillerie“, weshalb er seine Bundeswehr unbedingt mit diesen „beinahe normalen Waffen“ ausrüsten wollte. Laut BVR-Protokoll waren eigene taktische Atomwaffen Voraussetzung für die Verteidigungsbereitschaft der BRD. Dies sei auch der NATO gegenüber zu vertreten. Eine ausschließlich konventionell ausgerüstete Armee hielt er für „völlig sinnlos“.

Das Pentagon befahl Adenauer, seine Haltung zur MC 70 zu klären. Diese Plandirektive bezog sich auf die NATO-Strategie einer Vorwärtsverteidigung samt eines nuklearen Erstschlages, wie man sich bei einem konventionellen Angriff aus dem Osten verteidigen würde, nämlich mit Atomwaffen. Ein Atomkrieg könne nur mit „sehr elastischen Verbänden“ geführt werden, daher müsse die Bundeswehr bei einer nuklearen Auseinandersetzung „in aufgelockerter Form kämpfen“.

Die MC 70 wollte der Sowjetunion die Möglichkeit verbauen, einen lokal begrenzten konventionellen Krieg zu gewinnen. Daher: Jeder Angriff, auch wenn dieser nur mit Panzern geschehe, werde atomar beantwortet, so die Direktive. Materielles Planungsziel müsse sein, die erste Phase eines Atomkrieges – 30 Tage – zu überleben.

General Lauris Norstad von SACEUR, dem Supreme Allied Commander Europe der NATO, behauptete, es gebe auch „begrenzte Kriege mit taktischen Atomwaffen“, die er sich allerdings nur auf europäischem Gebiet vorstellen wollte. Bonn müsse 12 Divisionen bereitstellen, um die Bundesrepublik „zur stärksten Raketenmacht des europäischen Kontinents“ auszubauen. Das Dokument trägt die höchste Geheimhaltungsstufe, „cosmic“.

Bedenken kamen aus dem Auswärtigen Amt. Es wollte „gewisse Untersuchungen zur Frage der Abwehrstrategie der Nato anstellen“ und den Einsatz von Atomwaffen durch die NATO „grundsätzlich überprüfen“. Das AA wollte wissen: „Wird sich der Gegner mit der Anwendung taktischer Atomwaffen begnügen oder strategische Nuklearwaffen einsetzen, wenn die NATO-Mächte einem konventionell vorgetragenen Angriff mit taktischen Atomwaffen begegnen? Wie hoch würde der Bevölkerungsverlust sein?

Was bliebe von der Bundesrepublik übrig, wenn die Direktive MC 70 zur Anwendung käme, wie es das Pentagon wollte und Adenauer abnickte? Hätte dies damals eine Zeitung gefragt, wäre wahrscheinlich die Auflage einkassiert und die Redakteure wegen „Landesverrats“ verfolgt worden. Die Antworten fehlen in den Akten, aber ein Blick auf die NATO-Manöver jener Tage lässt keine Zweifel, dass die Direktive die vollständige Vernichtung bedeutet hätte.

Die erste große gemeinsame Übung „Carte Blanche“ fand sechs Wochen nach dem Beitritt Bonns in das Atlantische Militärbündnis statt. Ergebnis: Binnen sechs Tagen könnten 268 Atombomben auf die Bundesrepublik abgeworfen werden, die Folge: 1,7 Millionen Tote und 3,7 Mio. Verletzte. Zwei Jahre später bestätigte die NATO-Übung Lion Noir die Vermutung, dass die Mehrzahl der mindestens hundert auf die BRD niedergehenden Atombomben nicht von den Sowjets, sondern von den eigenen Verbündeten abgefeuert worden waren. Lion Noir ging von der Hypothese aus, dass der Osten zunächst zwanzig deutsche Häfen und 50 Brücken zerstören würde. Zehn deutsche Großstädte würden „nachhaltig zerstört“.

Realistisch wäre eine Verteidigungslinie westlich vom Rhein. Bonn würde also verteidigt, Bonn-Beuel am rechten Rheinufer den Russen überlassen werden. Rest-Deutschland wäre ein einziges Schlachtfeld.

Im November 1960 bekräftigte der Bundesverteidigungsrat unter dem Vorsitz des Bundeskanzlers, dass die Ausrüstung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen eine unabdingbare Voraussetzung für die Verteidigungsbereitschaft der BRD sei. Adenauer beauftragte das Verteidigungsministerium und das Auswärtige Amt, „diesen Stand in den Verhandlungen mit den NATO-Partnern vertreten“.

Die Wiederaufrüstung hatte sich so schnell und fernab der Öffentlichkeit vollzogen, dass die zivile Gesellschaft kaum reagieren konnte. Die Kommunistische Partei war verboten, und die SPD sollte langsam von den parlamentarischen Wohltaten profitieren. Die Presse war in den Händen Weniger, die das „deutsche Wirtschaftswunder“ priesen. Die Gewerkschaften hielten still, die Löhne stiegen.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 2.11. 2024
https://overton-magazin.de/top-story/nato-uebung-zehn-deutsche-grossstaedte-nachhaltig-zerstoert/

Wir danken für das Publikationsrecht.


La Nation Tartuffe

Von Stefan Nold

Bild: Screenshot eines You Tube Videos der DW

Kürzlich habe ich in einem Nebensatz geschrieben, die USA hätten die Nordstream-Pipelines gesprengt. [1] „Alarm, Alarm!“ läuten da die Glocken der Faktenchecker. Hatte nicht im August 2024 die Tagesschau exklusiv gemeldet, der Generalbundesanwalt habe im Juni 2024 in dieser Angelegenheit einen Haftbefehl gegen den in Polen wohnhaften Ukrainer Wolodymyr Z. erlassen?

Leider hat sich der zwischenzeitlich in die Ukraine abgesetzt und ist dort für die deutsche Justiz nicht mehr erreichbar, wohl aber für die Tagesschau: „In einem kurzen Telefonat am Dienstag zeigte sich Z. überrascht von dem Vorwurf. Er bestritt, an den Anschlägen auf Nord-Stream beteiligt gewesen zu sein.“ Recherchen ergaben „zumindest keine direkten Verbindungen zum ukrainischen Militär oder zu Geheimdiensten.“ [2]

Seither ist es still geworden um Herrn Z., der zusammen mit zwei anderen auf der Segeljacht „Andromeda“ in 70 – 90 Meter Tiefe drei Stahlrohre von 1,15 Meter Durchmesser, 45 mm Wandstärke plus 109 mm Betonmantel in die Luft gesprengt haben soll. [3] Hut ab! Da hätte selbst James Bond Schwierigkeiten gehabt. Das war wohl eher eine Ente, die die Bundesregierung mal kurz durchs Sommerloch hat watscheln lassen – ganz exklusiv für die Tagesschau.

In einer Anhörung vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat der renommierte US-Professor Jeffrey Sachs (Columbia University) dargelegt, nur ein staatlicher Akteur mit entsprechendem Know-how und einem Zugang zur Ostsee habe die Möglichkeit gehabt, solch einen Anschlag auszuführen und nannte dabei Russland, die Vereinigten Staaten, Polen, Norwegen, Deutschland, Dänemark und Schweden. [3] Die Ukraine habe weder die technischen Möglichkeiten noch den Zugang zur Ostsee und hatte zu dem Zeitpunkt „ganz andere Prioritäten“ [4]. Anfangs stand die russische Spur hoch im Kurs. Danach hätte Russland die eigenen, mit sehr viel Mühe gegen heftigsten Widerstand der USA errichteten Pipelines gesprengt, um den Anschlag der Ukraine in die Schuhe zu schieben, oder um Regressforderungen zu entgehen, die es aber ohnehin nicht zahlen würde. [4] Das ist eine These, die selbst für westliche Medien so steil ist, dass sie derzeit nicht weiter verfolgt wird.

Somit kommen nur NATO-Staaten als Täter in Frage. Von ihnen haben neben Norwegen vor allem die USA das stärkste Motiv: Die US-Gaskonzerne versorgen nun Europa mit ihrem umweltschädlichem gefrackten Gas und verdienen dabei Milliarden. Seymour Hersh, der durch viele aufsehenerregende Enthüllungen Weltruhm erlangte, hat in einem Bericht plausibel dargelegt, wie die Aktion ausgeführt wurde. [5] Man wirft ihm vor, nur eine Quelle verwendet zu haben und „Verschwörungstheorien“ zu bedienen. [4] Nach dem was Julian Assange und andere durchmachen mussten, sollten wir froh sein, dass sich überhaupt jemand aus dem kleinen Kreis der Eingeweihten gegenüber Hersh geäußert hat.

Vor allem aber: Joe Biden hatte in einer Pressekonferenz ein halbes Jahr zuvor angekündigt, den Nordstream-Pipelines „ein Ende zu setzen.“ [6] – und das nach einer erstaunten Rückfrage einer Journalistin – immerhin geht es um die kritische Infrastruktur eines Bündnispartners – noch einmal bestätigt. Unser Bundeskanzler stand daneben, widersprach nicht und verzog keine Miene. Das hatte etwas von dem ikonischen Foto von 1979, als der damalige Generalsekretär der UdSSR Leonid Breschnew unserem Oberindianer aus Pankow durchs Maul knutschte. [7] Wir sind wieder mal die „Jawoll“-Nation. [8]  Vorbei die Zeit als Bundeskanzler Helmut Schmidt das deutsch-russische Erdgas-Röhren-Geschäft gegen erbitterten Widerstand der USA selbstbewusst mit den Worten durchdrückte: „Da können andere noch soviel quaken.“ [9]

Es bleibt dabei: Nach derzeitigem, öffentlich bekannten Stand der Ermittlungen haben die USA auf Anweisung ihres Präsidenten Joe Biden mit einer akribisch geplanten Sabotageaktion eine kritische Infrastruktur eines seiner engsten Bündnispartners in die Luft gesprengt, um der eigenen Industrie einen strategischen Vorteil zu verschaffen.

Es ist wie in der Komödie von Molière, in der die USA als Schwindler und Heuchler Tartuffe brilliert, während Deutschland die Rolle des treudoofen Orgon übernommen hat, der den Überredungskünsten Tartuffes unterliegt und ihm freudig sein gesamtes Hab und Gut überschreibt. Erst als er, unter einem Tisch versteckt, mitbekommt, wie Tartuffe ihm die Frau ausspannen will, kommt er zu Verstand. [10] Bei Molière gibt‘s ein Happy End, der Schwindler wird verhaftet; der Depp kommt mit dem Schrecken davon. Für Deutschland sieht es weniger gut aus.

Erstveröffentlich im Overton Magazin v. 8.11. 2024
https://overton-magazin.de/top-story/la-nation-tartuffe/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Quellen:

[1] Nold, Stefan (3.11.2024) Pumpernickel statt Panzer. Overton-Magazin. Buchkomplizen GmbH: Köln.
https://overton-magazin.de/top-story/pumpernickel-statt-panzer/

[2] Berwander, Manuel u.a. (14.8.2024) Erster Haftbefehl wegen Nordstream-Anschlägen. ARD: Hamburg. https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/nordstream-172.html

[3] Sachs, Jeffrey (21.2.2023) Briefing to the United Nations Security Council on the Nordstream pipeline: „The destruction of the Nord Stream pipelines required a very high degree of planning, expertise, and technological capacity. The Nord Stream 2 pipelines are a marvel of engineering (see, for example, here and here). Each section of pipe is rolled steel of 4.5 cm thickness, and with a pipeline internal diameter of 1.15 meters. The pipe is encased in concrete of 10.9 cm thickness. The weight of each section of concrete-encased pipe is 24 metric tons. The Nord Stream 2 pipelines, some 1,200 kilometers in length, contain around 200,000 pipes. The pipelines sit on the sea floor. Destroying a pipeline of heavy rolled steel, encased in concrete, at the depth of 70- 90 meters, requires highly advanced technologies for transportation of the explosives, diving to install the explosives, and detonation. To do so undetected, in the exclusive economic zones of Denmark and Sweden, adds greatly to the complexity of the operation. As a number of senior officials have confirmed, an action of this sort must have been carried out by a state-level actor. Only a handful of state-level actors have both the technical capacity and access to the Baltic Sea to have carried out this action. These include Russia, the United States, the United Kingdom, Poland, Norway, Germany, Denmark, and Sweden, either individually or in some combination. Ukraine lacks the necessary technologies, as well as access to the Baltic Sea.” https://www.jeffsachs.org/recorded-lectures/f4rsfnzw9rbdx2tz2n38lfgsctsbc8 Siehe auch https://press.un.org/en/2023/sc15206.doc.htm

[4] Dornblüth, Gesine (19.8.2023) Nordstream Pipeline Wer steckt hinter dem Anschlag? Deutschlandradio: Köln. https://www.deutschlandfunk.de/nord-stream-pipelines-anschlag-100.html

[5] Hersh, Seymour (8.2.2023) How America took out the Nordstream pipeline. https://seymourhersh.substack.com/p/how-america-took-out-the-nord-stream

[6] Biden, Joe (7.2.2022) Pressekonferenz mit Olaf Scholz im Weißen Haus. Bericht: Andrea Shalal und Rosalba O’Brien: If Russia invades Ukraine, there will be no Nord Stream 2, Biden says https://www.reuters.com/business/energy/if-russia-invades-ukraine-there-will-be-no-nord-stream-2-biden-says-2022-02-07/ Reuters: London Video: LIVE: Biden and German Chancellor Olaf Scholz Hold Joint Press Conference https://www.youtube.com/watch?v=quEbUA1ldmE (Minute 11:30 – 12:00) Bloomberg Quicktake: New York (USA).

Anmerkung: Die Antwort von Präsident Biden auf die Frage nach Nord Stream 2 lautete nach dem Bericht von Reuters und den im Netz verfügbaren Video-Aufnahmen: “If Russia invades, that means troops and tanks crossing the border of Ukraine again, then there will be no longer Nord Stream 2. We will bring an end to it.” Im Wortprotokoll der Bundesregierung steht: „Wenn Russland zum Beispiel mit Panzern und Truppen die Grenze zur Ukraine überquert, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben.” Der zweite entscheidende Satz der Video-Aufnahme wurde im Wortprotokoll der Bundesregierung weggelassen, obwohl er zwar leise, aber deutlich zu hören ist. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/pressekonferenz-von-bundeskanzler-scholz-und-dem-praesidenten-der-vereinigten-staaten-von-amerika-biden-am-7-februar-2022-in-washington-2003648

[7] Bossu, Régis (5.10.19179) Le Baiser. (Der Kuss) Der sozialistische Bruderkuss zwischen Leonid Breschnew und Erich Honecker in Berlin anlässlich des 30-jährigen Bestehens der DDR. Grundlage für das Bild an der Berliner Mauer von Dimitry Vrubel https://rarehistoricalphotos.com/socialist-fraternal-kiss-leonid-brezhnev-erich-honecker-1979/

[8] Szijjártó, Péter (10.10.2024) St. Petersburg, Internationales Gasforum. Armin Coeper ZDF: „Can we understand your participation here as another provocation against Brussels and the EU?“  Péter Szijjártó: „No. Try to behave in a polite and respectful way towards Hungria. This is first. And try to make an attempt to understand. All right? Try not to show your disrespect to other countries. Of what kind of provocation are you speaking about? This is a sovereign, a sovereign right of a country to decide on what events the ministers participate and on what not. We are not a Jawohl-nation, okay? So you cannot dictate us. No one, nor the German government nor the greens in Germany, okay?“ https://dert.site/kurzclips/video/222185-wir-sind-keine-jawoll-nation/

[9] Meyer-Larsen, Werner (21.3.1982) Der unverziehene Strang nach Osten. DER SPIEGEL: Hamburg. https://www.spiegel.de/wirtschaft/der-unverziehene-strang-nach-osten-a-7e646f14-0002-0001-0000-000014337181

[10] Molière (1669) Le Tartuffe, Acte IV, Scène V et VI. Aus: Molière, Oeuvres complètes II, S. 257 – 345. Ausgabe Garnier-Flammarion 1965: Paris.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung