Konversion pervers

„Es kommt doch nicht bloß darauf an, dass man Arbeit schafft, sondern es kommt vor allem darauf an, welche Arbeit man schafft und für welche Zwecke, die wir von unserem Standpunkte aus in ihren notwendigen Wirkungen und Folgen als kulturwidrig und kulturfeindlich ansehen müssen, oder ob wir Arbeitsmittel und Arbeitszwecke schaffen, die wir als kulturfördernd und kulturerhebend ansehen müssen.“ (August Bebel, Reichstagsrede v. 10. Februar 1900)

Von Andreas Buderus

Bild: IG Metall / Eigene Bearbeitung (Jochen Gester)

Schwerter zu Pflugscharen! – diese Parole der Friedensbewegung der 1980er Jahre war – nach anfänglichem erheblichem ´Fremdeln´- spätestens auch ab 1983 ein gewerkschaftliches Kampfmotto, insbesondere der IG Metall. Damals stand die Rüstungskonversion im Mittelpunkt gewerkschaftlicher Kämpfe – heute ist davon in der konkreten gewerkschaftlichen Betriebsarbeit nicht mehr viel übrig! In Görlitz wird der traditionsreiche Waggonbau zugunsten der Panzerproduktion begraben – und die IG Metall klatscht Beifall.

Das ist eine gewerkschaftliche Zeitenwende, die sich als ´Rechts schwenkt, Marsch!´ zum Burgfrieden selbst als Kapitulation vor der Logik des Krieges und den Profitinteressen des Militärisch-Industriellen-Komplexes entlarvt – jenseits aller eigenen gewerkschaftlichen Prinzipien und Beschlusslagen!

Was in den 1980er, 1990er und selbst bis Mitte der 2000er Jahre ein zentraler Bestandteil gewerkschaftlicher Kämpfe war – der Widerstand gegen weltweite Kriege, Militarismus und die Kriegsindustrie – wird heute von vielen Betriebsräten und Gewerkschaftsvertreter*innen unter dem Motto „Arbeitsplatzsicherung – egal wie!“ aktiv verraten und im wahrsten Sinne des Wortes ´meistbietend verkauft´- so wie jetzt in Görlitz. Dass aus der traditionsreichen Fertigung von Schienenfahrzeugen nun Teile für den Radpanzer Boxer hervorgehen, scheint für die zuständigen IG Metall-Repräsentantinnen kein Problem mehr zu sein. Dieselbe Gewerkschaft, die sich noch 2019 für die Umstellung von Rüstungsbetrieben auf zivile Produktion starkmachte, segnet nun den umgekehrten Weg ab. Verrat am Frieden – Verrat an der eigenen Beschlusslage und den eigenen Mitgliedern!…

Die Annäherung der DGB-Gewerkschaften an die Friedensbewegung in den 1980er Jahren war ein mühsamer und konfliktbeladener Prozess. …Langfristig trugen die DGB-Gewerkschaften bis zum Überfall der Russischen Föderation auf die Ukraine im Februar 2022 dann jedoch noch aktiv dazu bei, dass Frieden und Abrüstung als soziale und wirtschaftspolitische Fragen verstanden wurden, die nicht losgelöst von der Perspektive der Beschäftigten betrachtet werden konnten. So wurde die Friedensfrage als eine soziale Frage erkannt und focussiert, die den gesellschaftlichen Konflikt zwischen Kapitalinteressen und Arbeiterrechten weiter zuspitzte.

Ein historischer Kniefall – die IG Metall im Burgfrieden mit den Kriegsprofiteuren

Was jedoch seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges im Zuge der Militarisierung des öffentlichen Diskurses und der Kriegstüchtigmachung Deutschlands in den Gewerkschaften und vor allem in deren Vorstandsetagen entgegen all der dargestellten wichtigen und hart erkämpften Erkenntnisse und Positionierungen passiert, hat einen Namen: Burgfrieden!

Die Umwidmung des Waggonbaus in Görlitz zu einer Panzerschmiede steht exemplarisch für die Kapitulation des DGB und seiner Mitgliedsgewerkschaften (hier die IGM) vor der SPD geführten olivGrünbehelmten Kriegsregierung und dem Militärisch-Industriellen Komplex. Bereits im Vorfeld des Ersten Weltkriegs und auch während des Massenschlachtens dieses ersten industriellen Krieges verriet die Gewerkschaftsführung in Kumpanei mit der MSPD die Arbeiter*innenklasse, indem sie sich im Namen einer phantasierten „nationalen Verantwortung“ auf die Seite der Kriegsprofiteure und ihrer politischen Steigbügelhalter stellte; die Ähnlichkeiten zum Heute sind kein Zufall… Millionen Arbeiteri*nnen wurden damals erst in die Schützengräben und dann ins Massengrab getrieben. Heute wiederholt sich die Geschichte als Farce, wenn die IG Metall gemeinsam mit Konzernbossen und der Bundesregierung die Umstellung ziviler auf Kriegsproduktion als „gute Lösung“ verkauft!

Die Worte von Mirko Schultze (Die Linke) auf der Protestkundgebung in Görlitz treffen ins Schwarze: „Beschäftigte müssen in der Logik der militaristischen Zeitenwende auf weitere Aufrüstungsmaßnahmen oder gar Kriege hoffen, um zukünftig noch ihren Lebensunterhalt zu sichern – Konversion pervers!“

Ein perfides Spiel auf Leben und Tod, das die IG Metall-Führung bereitwillig mitspielt.

Wer den Menschen vorgaukelt, dass Arbeitsplatzsicherheit durch Militarisierung und Krieg erreicht werden kann, verkauft die Zukunft der Beschäftigten an den Militärisch-Industriellen-Komplex. Es gibt keine ´gute Arbeit´ in der Rüstungsindustrie, so wie es kein richtiges Leben im falschen gibt. Also muss die Frage lauten: In welcher Welt wollen wir leben?! „Eine gewerkschaftliche Antwort wäre es, bei den Kolleg*innen ein Bewusstsein für diese Widersprüche zu wecken. ´Wie eine Meinung im Kopf entsteht, damit haben auch wir etwas zu tun´, schreibt der ehemalige Vorsitzende der IG Metall, Jürgen Peters. ´Wenn wir zu politischen Themen schweigen, wenn wir schweigen, wenn wissentlich die Unwahrheit gesagt wird, wenn wir uns wegducken, dann überlassen wir den anderen das Feld. Dann müssen wir uns nicht wundern, wenn sich der Mainstream mehr und mehr in den Köpfen festsetzt.´“ (U. Eifler; Die Gewerkschaften dürfen sich nicht wegducken)

Kritik an der Gewerkschaftsführung – Widerstand wächst!

Die IG Metall-Führung schweigt oder legitimiert die ´Konversion Pervers´ wie in Görlitz mit fadenscheinigen Argumenten. So erklärt Dirk Schulze, IG Metall-Bezirksleiter Berlin-Brandenburg-Sachsen: „Sicherlich sind nicht alle glücklich über die Umstellung auf eine Fertigung von Wehrtechnik. Das kann ich verstehen. Unbestreitbar aber ist, dass wir – leider – in diesen Zeiten diese Produktion benötigen.“ Echt jetzt?! Da spricht der Militärisch-Industrielle-Komplex!

Dazu gibt es KEINE Beschlusslage der IG Metall! Genauso wenig wie für das unsägliche Kollaborationspapier ´SOUVERÄNITÄT UND RESILIENZ SICHERN – INDUSTRIEPOLITISCHE LEITLINIEN UND INSTRUMENTE FÜR EINE ZUKUNFTSFÄHIGE SICHERHEITS- UND VERTEIDIGUNGSINDUSTRIE´, das der IGM-Vorstand OHNE NOT und gegen alle Beschlusslagen der eigenen Organisation, mit den Kriegstreibern des SPD Wirtschaftsforums e.V. und dem Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie e.V., dem Lobbyverband der deutschen Rüstungsschmieden und Kriegsprofiteure im Januar 2024 unterzeichnete und veröffentlichte.

Uwe Garbe, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ostsachsen, spricht unverhohlen aus, was hier passiert: „Wenn auf dem Alstom-Gelände in Görlitz auch in Zukunft produziert wird, ist das eine Riesenchance für die Region, der wir uns nicht verschließen.“ Hauptsache Produktion – egal was! Auch Kriegsgerät und Tötungsmaschinen, wenn sie denn tarifvertraglich gesichert ist und brav das Betriebsverfassungsgesetz beachtet wird?!

Derselbe Gewerkschaftsfunktionär weist im bereits zitierten Interview mit der Sächsischen Zeitung darauf hin, er vermute, dass die Weigerung des Betriebsrates, sich öffentlich zu äußern damit zusammenhänge, dass es in der Belegschaft eben doch nicht unwesentliche Teile gäbe, die mit dieser Form von ´Konversion Pervers´ eben NICHT einverstanden seien, und niemand „auf den letzten Metern die Übereinkunft mit KNDS gefährden )will(, etwa indem man bestimmte Informationen, über die Stillschweigen vereinbart ist, zu früh in die Öffentlichkeit bringt. Dazu kommt, dass die Kollegen und Kolleginnen die Modalitäten der Übernahme durch KNDS noch gar nicht kennen.“. Damit wird offensichtlich, dass die IGM (mindestens teilweise) – wenn wahrscheinlich auch aus einer wohlmeinenden paternalistischen Haltung heraus… – hinter dem Rücken der Belegschaft und des Betriebsratsgremiums verhandelt hat. Genau dagegen gilt es aufzustehen. Genau DIESER kapitulantenhaften, standpunktlosen, anbiedernden und durch KEINEN Beschluss der Organisation gedeckten Positionierung der Gewerkschaftsführung (der Begriff ´Haltung´ verbietet sich hier!) muss das gewerkschaftliche Engagement im Kampf um Frieden, soziale Sicherung und gegen die weitere Vernutzung unserer Mitwelt gelten. Und damit übersehen wir eben gerade nicht die schwierige Situation der Region Ostsachsen und der betroffenen Kolleg*innen – im Gegenteil!

So regt sich bereits Widerstand! Die Demonstrierenden vor dem Werkstor in Görlitz zeigen, dass nicht alle diesen zackigen ´Rechts-Schwenkt-Marsch!´ der Gewerkschaftsführungen in den neuerlichen Burgfrieden kritik- und widerstandslos hinnehmen. Gewerkschafter*innen fordern die öffentliche Übernahme solcher Werke unter demokratischer Kontrolle. Statt den Rüstungskonzernen mit Steuermitteln Profite bis zum Säckeplatzen zu garantieren, braucht es eine nachhaltige demokratisch kontrollierte Industriepolitik, die den Wandel in Richtung zivile Produktion und ökologischen Umbau lenkt. Über 25.000 Menschen, überwiegend gewerkschaftlich organisierte Kolleg*innen unterstützen die gewerkschaftlichen Basisinitiative ´SAGT NEIN! Gewerkschafter:innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden´. Trambahnfahrer*innen verweigern das Fahren von Straßenbahnen, die mit Flecktarn und Bundeswehrwerbung beplankt sind. Über 6.000 Gewerkschafter*innen stehen mit ihrem Namen und Organisationsmitgliedschaft für den Aufruf ´Gewerkschaften gegen Aufrüstung und Krieg! Friedensfähigkeit statt Kriegstüchtigkeit!`.

Um Rentabilität, Eigentumsverhältnisse und betriebliche Hierarchien auch in zugespitzten Krisen zu sichern oder um die politischen Rahmenbedingungen stärker auf die jeweils aktuellen Profitbedürfnisse auszurichten, haben sich Kapitaleigentümer*innen, Manager*innen oder Lobbyverbände nicht selten als Unterstützer*innen autoritärer Kräfte betätigt, mitunter gar als Steigbügelhalter des Faschismus. (…) Deshalb sind die umfassenden Aktivitäten der Gewerkschaften im politischen Raum so wichtig. (…) Mitbestimmung bei der Entwicklung und Fixierung von Transformationsplänen in den Unternehmen ist notwendigerweise mit der Einflussnahme auf die Struktur der neuen Wertschöpfungsketten und die dafür notwendigen Investitionen verbunden. Damit dringt Mitbestimmung in den Kernbereich privatkapitalistischer Eigentumsrechte vor. (…)

Der Kampf um vordemokratische kapitalistische Verhältnisse muss auch und vor allem dort geführt werden, wo die Architektur des Kapitalismus ihre tragende Säule hat: an den Orten der Kapitalverwertung, also in den Betrieben und Wirtschaft.“ (H.-J. Urban (geschäftsführendes Vorstandmitglied der IGM; Der Betrieb als Kampffeld gegen rechts; in SOZIALISMUS 1_25; S. 38 – 45).

Womit auch deutlich genau denjenigen präzise und begründet widersprochen ist, die jetzt gerade behaupten, dass solche ´STANDORT- („eine militärische Bezeichnung für einen Ort, an dem Truppenteile, militärische Dienststellen u. ä. ständig untergebracht sind“)-Sicherung´ , wie in Görlitz quasi ´präventive gewerkschaftliche Arbeit gegen ´rechts´´ sei…

Das genaue Gegenteil ist der Fall!!! Und dafür spricht die historische Erfahrung: Der Kniefall der organisierten Arbeiter*innenbewegung vor dem Militärisch-Industriellen-Komplex führt direkt vom Standort in den Unterstand, erst in den Schützengraben und dann ins Massengrab!

Es waren aber im Januar 1918 eben auch die fast eine Millionen streikenden Kolleg*innen hauptsächlich in den Rüstungsbetrieben quer durch Deutschland, die unter der Parole ´Frieden und Brot!´ nach der Oktoberrevolution in Russland zwei Monate vorher eine weiteren entschlossenen und entscheidenden Schlag gegen das Massenschlachten des Ersten Weltkriegs führten und den Beginn der revolutionären Bewegung in Deutschland markierten, der am 09. November 1918 im Sturz des Kaiserreiches, der Novemberrevolution und 1919 in der Begründung der Weimarer Republik mündeten, der ersten Demokratie auf Deutschem Boden.

Sozialabbau und Aufrüstung sind die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Der neue Burgfrieden zielt auf das autoritäre Durchregieren der militaristischen Zeitenwende und darauf, dass die Bevölkerung, ´coronagestählt´, möglichst kritiklos ´unpopuläre´ Maßnahmen mitmacht und immer mehr bereit ist, ´neue Realitäten´ und ´radikale Kurswechsel´ hinzunehmen – auch ohne öffentliche Debatte und politische Diskussion, wie zuletzt bei der ´Männerübereinkunft´ zwischen Kriegskanzler Scholz und Ex-USA-Präsident Joe Biden über die Stationierung atomarer Erstschlagswaffen in Deutschland ab 2026. Die Angriffe auf den Sozialstaat sind bereits Regierungsprogramm und werden sich nach der Bundestagswahl verschärfen – egal unter welcher Regierung. Die Lobbyisten-Forderungen auf massive Einschränkungen des Streikrechts liegen auf den Tischen der Parteien und werden direkt proportional zur Verschärfung der Krise massiver. Das Tempo, in dem die Reichen immer Reicher werden und sich die soziale Schere immer weiter öffnet nimmt in den aktuellen Kriegszeiten – wie schon immer – massiv zu. Der autoritäre Sicherheitsstaat nimmt seit Jahren zunehmend einschränkend Gestalt an, während die Militarisierung des Öffentlichen Raums nicht vor Kinderzimmern, Schulen, Universitäten, Kinos, Pizzakartons und Brötchentüten halt macht. Wer Krieg nach außen führt, kann sich Widerstand im Innern nicht leisten! All dies führt zu realen Belastungen und Sorgen vieler Menschen und bereitet den Boden für nationalistische Verhetzung und rassistische Vertierung – Wasser auf die Mühlen der ewig Gestrigen.

Aktives gewerkschaftliches Engagement FÜR die Bedürfnisse der im Kapitalismus auf abhängige Beschäftigung Angewiesenen und GEGEN die militaristische Zeitenwende ist die konsequenteste und final einzig erfolgversprechende Form antifaschistischer Organisierung.

Richtig ist sicherlich, dass die Ursachen dafür, dass die gewerkschaftliche Bewegung für die Rüstungskonversion – wie die Friedensbewegung insgesamt – jahrelang immer schwächer wurde, nicht nur an Führung und einzelnen Verantwortlichen der Gewerkschaftsorganisationen, Verbände und Parteien liegt. Da müssen wir uns alle fragen, ob wir in den vergangenen Jahren zu zufrieden und behäbig waren, wenn wir das denn wollen. Insofern hat der Kollege Uwe Garbe, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ostsachsen, ja auch nicht unrecht in dem bereits zitierten Interview mit der Sächsischen Zeitung, wenn er fragt, wo die Demonstrant*innen gegen die KNDS-Übernahme in den vergangenen drei Jahren waren, als es in Görlitz bereits die Diskussionen um den Fortbestand des Waggonbaubetriebes gab. Sich aber hinter dieser berechtigten Frage zu verstecken, ist nicht in Ordnung – oder in den Worten des Kollegen Garbe selbst: ´zu kurz gegriffen´, weil sie erkennbar von der politischen Verantwortung der IGM als Organisation ablenkt und ablenken soll – eine Strategie übrigens, die seit Herausbildung der hauptamtlichen Apparate in den Massenorganisationen der organisierten Arbeiter*innebewegung als ein Teil des ´ehernen Gesetzes der Oligarchie´ bekannt ist.

Umso wichtiger ist es gerade jetzt den Blick in das Hier und Jetzt zu richten, gerade, wenn die Analyse Zustimmung findet, dass es mehr klassenautonomes Engagement der Basis geben muss, um solche Auswüchse wie jetzt in Görlitz (zukünftig) zu VERHINDERN. Konkret: Was gilt es daraus zu lernen für die eigene gegenwärtige und zukünftige gewerkschaftliche und politische PRAXIS? Wenn es erst so weit ist, dass statt Waggons Panzer, statt Kochtöpfen Soldatenhelme, statt Rohren für Installation Panzerrohre gebaut werden, dann ist es bereits zu spät.

Der Kampf der Arbeiter*innen in den Januarstreiks 1918 war ein couragierter Akt der Selbstermächtigung gegen die im Burgfrieden in der Kriegswirtschaft fest eingebundenen ADGB-Vorstände. Die Durchsetzung der Ostermarschidee in den DGB-Gewerkschaften in den 60er Jahren und die massenhafte Teilnahme von Gewerkschafter*innen erfolgte gegen die antikommunistische Hetze und Verblendung ihrer Vorstände. Der DGB und seine Einzelgewerkschaften als tragende Säule der Friedensbewegung der 80er Jahre in der BRD wären ohne den engagierten Kampf und die Akte der Selbstermächtigung der Basis und das Erleben von Selbstwirksamkeit mit klassenautonomen Standpunkt gegen große Teile der Vorstände und Apparate nicht denkbar gewesen. Das alles macht Mut und lehrt uns:

Die Gewerkschaft gehört den Mitgliedern – nicht der Rüstungslobby!

Gewerkschaften sind nur so stark wie ihre kämpferischen Mitglieder. Zum 01. Mai 1919 forderte Antonio Gramsci die Arbeiter*innen auf: „Bildet euch, denn wir brauchen all eure Klugheit. Bewegt euch, denn wir brauchen eure ganze Begeisterung. Organisiert euch, denn wir brauchen eure ganze Kraft.“ Es ist an der Zeit, dass sich Beschäftigte und friedensbewegte Gewerkschafter*innen noch mehr als schon jetzt dieser Forderung erinnern und sich gegen den eingeschlagenen selbstmörderischen Kurs ihrer Vorstände und Apparate wehren. Die Alternative zu „Schwerter zu Pflugscharen“ ist in Zeiten des globalen Kriegswahnsinns nicht „Pflugscharen zu Panzern“, sondern ein deutliches und lautes NEIN! Gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden!

Andreas Buderus, Mitinitiator der gewerkschaftlichen Basisinitiative ´SAGT NEIN! Gewerkschafter:innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden´

Quelle: Marxistische Blätter, Sondernummer „Gegenmacht im Gegenwind – Kämpfen aber wie?“
https://www.marxistische-blaetter.de/de/topic/1997.2025-2.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Waffen lösen keine Probleme, schaffen aber neue

Von Hans-Peter Waldrich

Weshalb Pazifismus heute so aktuell ist.

ERSTER TEIL

Bild: pixabay

Man spricht vom Recht auf Verteidigung, meint aber eine Politik der Gewalt. Wer für Recht und Regel eintritt, muss eine pazifistische Position wählen. Diese ist alles andere als irrational und blauäugig.

Die emotionale Basis des Pazifismus

Zunächst allerdings sollte man sich prüfen: Ist man bereit, die tatsächlichen Schrecken von Kriegen, Bürgerkriegen oder Terror an sich herankommen zu lassen? Wen nicht Abscheu, Ekel und Furcht ergreifen, wenn er sich die Realität des systematischen Tötens vor Augen hält, kann kein Pazifist sein. Ihm fehlt das Interesse, sich gegen eine Praxis zu stellen, die an Unmenschlichkeit nicht zu überbieten ist.

Das gilt vor allem im Hinblick auf einen Krieg mit Massenvernichtungsmitteln, vor allem mit Atomwaffen. Vielen Menschen scheint es unmöglich zu sein, sich die Schrecken eines solchen Krieges vorzustellen. Fast ließe sich von einer psychischen Erkrankung sprechen, die der Philosoph Günther Anders „Apokalypseblindheit“ nannte. Er war der Meinung, dass eine durch Atomwaffen ausgelöste Katastrophe zu gewaltig sei, einfach zu groß, um als warnende Vorstellung in der Imagination der Menschen eine Rolle zu spielen. Instinktiv lehnen es die meisten ab, sich mit den entsprechenden Vorstellungsbildern und den dazu gehörigen Gefühlen zu konfrontieren.

Die Unfähigkeit, solche realen Möglichkeiten an sich heran zu lassen, bedeutet natürlich nicht, dass Massenvernichtungsmittel niemals eingesetzt würden. Im Gegenteil: Schwindet die Furcht davor, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie zukünftig eine Rolle spielen werden. Das war die einhellige Überzeugung derer, die sich nach Erfindung der Atombombe dafür engagierten, sie so rasch wie möglich wieder abzuschaffen bzw. unter internationale Kontrolle zu stellen: Albert Einstein, Bertrand Russell, Albert Schweitzer, Carl Friedrich von Weizsäcker, Karl Jaspers, Horst Eberhard Richter und viele, viele andere.

Keiner von ihnen glaubte, es werde alles gut gehen, wenn sich die Nationen auf Dauer und für alle Zeiten auf Abschreckung mit Atomwaffen einlassen würden. Sie sprachen von der „Frist“, die uns noch bliebe, diese Tötungsmittel einzuhegen. Doch die ist längst verstrichen. Der Zustand, vor dem sie warnten, ist gegenwärtig eingetreten. Wie das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri aktuell meldet, befindet sich die Welt in einer rasanten atomaren Aufrüstung. Indirekt ist Deutschland entschieden mit von der Partie.

Vorübung also: Es ist Krieg. Stell dir vor, wie dein eigener Sohn, dein Bruder oder dein Partner einen Bauchschuss erhält. Schreiend stirbt er unter entsetzlichen Qualen. Oder deine Tochter:  Auf abscheuliche Weise wird sie vergewaltigt und anschließend getötet. Wenn du dein zunächst auftauchendes Bedürfnis nach Rache kontrollieren kannst, spürst du Mitleid und das führt direkt zum Pazifismus.

Oder: Du beschäftigst dich mit den Berichten über die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki. Etwa damit, wie die Überlebenden nur nach Wasser schrien. Stell dir vor, wie es dir als Mutter mit deinem Baby in diesem Horror gegangen wäre. Wir besitzen Spiegelneuronen, die auch auf lebhaft imaginierte Vorstellungen mit den entsprechen Gefühlen reagieren. Man kann solche Gefühle aber auch abwehren und damit einer möglichen Realität ausweichen.

Aber: Du wirst sehen, dass es vor allem rationale Gründe sind, die zwingend den Pazifismus fordern. Und das gerade heute! Pazifismus ist eine hoch aktuelle Position. Sie zu diffamieren („Lumpenpazifisten“!) bedeutet, sich nicht nur der Menschlichkeit, sondern auch der Vernunft zu verweigern.

Der falsche Fatalismus: es werde immer Kriege geben

Neben Empathielosigkeit hat der Unwille, den Pazifismus ernst zu nehmen, auch einen anderen Grund: die heimliche Überzeugung, dass der Mensch von Natur aus kriegerisch ist und sich das auch in Zukunft nicht ändern wird. Besser sich mit dieser Konstante arrangieren als illusionär von einer friedlichen Welt träumen.

Doch diese Grundaussage beruht auf einem Irrtum und einem kulturellen Vorurteil. Wissenschaftlich gesichert hat die vorgeschichtliche Menschheit die längste Zeit (viele hunderttausend Jahre) zwar nicht ohne Konflikte, aber ohne vernichtende Kriege gelebt.1 Kriege und systematische Gewaltanwendung sind die Folge unserer falschen Lebensweise. Doch die können wir ändern. Spätestens im Zeitalter der Massenvernichtungsmittel garantiert auf Dauer ausschließlich der Pazifismus das Überleben der Menschheit. Entweder – oder: Entweder wir schaffen es, Kriege und das systematische Töten abzuschaffen oder die Menschheit hat keine Chance mehr.

Zitat des Physikers und Friedensforschers Carl Friedrich von Weizsäcker: „Wäre der Krieg mit allen verfügbaren Waffen auch im technischen Zeitalter unvermeidlich, so wäre die Zukunftsaussicht der Menschheit so gut wie hoffnungslos. Die Spezies Mensch wäre dann eine der vielen Fehlkonstruktionen, die der Kampf ums Dasein hervorbringt und wieder verschlingt, wie vielleicht die Säbeltiger, die, wie es scheint, an der Hypertrophie ihrer Waffen zugrunde gegangen sind.“2

Deshalb ist der Pazifismus keine Position von Träumern, sondern im allerhöchsten Maße realistisch. Klimawandel, Umweltverschmutzung, die wachsende Ungleichheit rund um den Globus, neue Völkerwanderungen aufgrund solcher Verwerfungen fordern unsere gesamte Aufmerksamkeit und alle unsere Ressourcen. Beliebige Konflikte zwischen Kollektiven dadurch lösen zu wollen, dass wir zum gegenseitigen Abschlachten übergehen, ist nicht nur eine perverse, sondern vor allem eine dysfunktionale Methode. Sie macht unsere Anstrengungen, auf diesem Planeten zu überleben, zunichte. Ein Wesen, dem das Wasser bis zum Hals steht, sollte Kooperation und Zusammenarbeit in den Vordergrund stellen, nicht die Frage, wie es Waffen anhäufen und andere bedrohen oder abschrecken kann. Wer das für Träumerei hält, zeigt, dass er nichts begriffen hat.

Rüstung tötet schon jetzt

Immer schon war das Anhäufen von Waffen eine Methode, um auf doppelte Weise zu töten: Zum ersten Mal, während man Geld für Waffen verschwendet, zum zweiten Mal, wenn man Waffen einsetzt. Auch wer Waffen niemals einsetzt und schließlich unbenutzt entsorgt, hat dennoch getötet. Und zwar, indem er dringend benötigte Mittel denen entzog, die sie zum Überleben bräuchten. Man nennt das strukturelle Gewalt. Rüstung ist Gewaltausübung und das noch, bevor ein Krieg beginnt.

Das gehörte einmal zum Grundwissen der Friedensbewegung. Heute redet niemand mehr darüber. Auch wenn man vielleicht die Panik nachvollziehen kann, von denen die politischen Eliten in Ost und West geplagt werden (Menschen sind nun einmal Wesen, die zu einer wahnhaften Verarbeitung der Wirklichkeit neigen, wenn sie sich gegenseitig Angst machen), ist die nun anlaufende globale Aufrüstung in dieser historischen Stunde ein Menschheitsverbrechen.

Rüstung ist ein Selbstläufer, Abrüstung eher nicht

Vor jedem Krieg wurde gerüstet. Doch was Sicherheit bringen soll, steht im Verdacht, das Gegenteil zu bewirken. Der panische Blick auf den bösen Feind, Angst als Ratgeber also, erzeugt ein Grundproblem, das Lehrbücher der Politikwissenschaft unter dem Begriff „Sicherheitsdilemma“ abhandeln. Kurz erklärt: Allgemeine Hochrüstung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Rüstungspotentiale auch eingesetzt werden. Ratschlag der Fachleute: Rüstung immer mit Bemühungen um Abrüstung verbinden. Auch davon hört man zur Zeit überhaupt nichts.

Ohne Diskussion, so als sei alles vergessen worden, was einmal Bedingung der Friedlichkeit war,  ersetzt man das Risiko, dass der Feind angreift, durch das Risiko, dass Rüstung selbst der Grund für den Kriegsausbruch wird. Wie sinnvoll ist es, Milliarden in ein Vorgehen zu stecken, dass Sicherheit nicht erhöht, sondern eher schmälert? Wäre es nicht besser mit dem Feind zu reden? „Wir haben Angst vor euch“, könnte man vorbringen. „Wir sind in den Startlöchern, aufzurüsten, rüsten aber augenblicklich wieder ab, wenn auch ihr das tut. Lasst uns solche Schritte vertraglich festlegen.“

Leicht einsichtig ist, dass solches Vorgehen auf den Widerstand der Rüstungsindustrie trifft. Sie braucht Aufrüstungssicherheit und bekommt sie auch. Zurzeit erleben Rüstungsfirmen einen Boom.

Rüstung unterliegt also einem Druck, der zu weiterer Rüstung nötigt. Alleine die bereits ausgegebenen Gelder entfalten einen Trend, immer so weiter zu machen. Man spricht von „sunk cost“, versenkten Kosten: Ungern wird ein Weg verlassen, in den bereits Milliarden investiert wurden. Diese Gelder gelten als aus dem Fenster geworfen, wenn man den eingeschlagenen Kurs nicht beibehalten würde.

Auch sonst ist es nicht leicht, tausende Waffen, Panzer, Raketen, Drohnen, Geschütze, die fast alle noch brauchbar sind, zu vernichten und das Bedienungspersonal zu entlassen. Zumal solche Waffensysteme mit den Gefühlen von Stolz und Stärke verbunden sind. Abrüstung ist also ein gewaltiger Eingriff. Schon von daher ist Abrüstung nicht leicht durchzusetzen.

Wer hat schon einmal davon gehört, dass über solche Fragen öffentlich diskutiert wurde? Und doch hängen sie mit den Themen Krieg und Frieden engstens zusammen. Pazifisten haben die Pflicht, solche Probleme ins Bewusstsein zu heben.

Jeder Krieg geht mit neuen Kriegen schwanger

Psychologisch gesehen sind Waffengänge Akte gegenseitiger Traumatisierung. Kriegerische Massentötungen und Massenquälereien hinterlassen Wunden, die meist noch Jahrzehnte lang bluten. Aus den beigebrachten Traumata wachsen mit notwendiger Konsequenz Motive, neue Traumatisierungen anzurichten. Die Massenquälerei eines einzelnen Waffengangs legt die Wurzel für eine Massenquälerei eines weiteren Waffengangs. Aktuelles Beispiel ist der Völkermord in Gaza. Hier wird nicht die Hamas bekämpft, es wird ein neuer Terrorismus erzeugt, der später lediglich seinen Namen gewechselt hat.

Man kann sich Kriegführung als einen sich selbst verstärkenden Problemerzeugungsmechanismus vorstellen: Irgendein Konflikt hat Kriegshandlungen ausgelöst. Diese potenzieren die alten Probleme und schaffen zusätzliche neue. Die noch schlimmere Problemlage, die anschließend vorliegt, scheint den nächsten Krieg unvermeidlich zu machen. Jetzt ist der Teufelskreis perfekt, eine sich selbst befeuernde Zwangshandlung. Krieg muss sein, weil Krieg den Krieg erzeugt.

Als Zwangshandlung kann auch das Wettrüsten beschrieben werden. Die politischen Eliten scheinen keinen Spielraum zu haben, der etwas anderes zulässt, als dem Zwangsmuster zu entsprechen. Rüsten die anderen, rüsten auch wir. Jeder kennt solche Zwänge aus dem Alltag. Beleidigt mich jemand, beleidige ich zurück. Vor langer Zeit gab es eine wunderliche Person in Palästina, die riet, aus solchem Teufelskreis auszubrechen: Halte ihm auch die andere Wange hin! Aufschaukelung sollte vermieden werden.

Merkwürdigerweise sind es gerade christliche Parteien, die mit solchem Verhalten nichts am Hut haben. Gandhi war ein Hindu, der große Pazifist Bertrand Russell ein entschiedener Atheist.

Kriegführen löst niemals Probleme

Kriege und systematisches Töten lösen keine Probleme, sie verstärken die alten und erzeugen neue. Das Mittel des Tötens, auch schon die Androhung von Gewalt (Abschreckung) sind grundsätzlich dysfunktional und kontraproduktiv, jedenfalls wenn man den Blick auf die größeren Zusammenhänge und auf die Zukunft richtet. Der vom Krieg besessene Mensch ist ein Wesen, das gut leben möchte und zugleich alles tut, damit das unmöglich ist. Wer würde einen defekten Computer mit einem Vorschlaghammer „reparieren“? Wer Massentötungen ins Auge fasst oder durchführt, damit anschließend die Sonne scheint, befindet sich eindeutig im falschen Film.

Das heißt: die ungeheure Gewalt moderner Kriegsführung, speziell diejenige mit Atomwaffen, lässt keine Aufteilung ihn Gut und Böse zu. Böse ist es zu rüsten und den Krieg zu riskieren. Rüstung und Kriege sind selbst das Kriegsverbrechen. Der Pazifist weiß allerdings, dass von dieser Regel in extrem seltenen Fällen Ausnahmen denkbar sind. Der Pazifismus pauschalisiert nicht, sondern schaut genau hin. Ausnahmen lassen sich finden, sie bestätigen die Regel.3

Was Kriege anrichten, weiß man nie

Je mehr gerüstet wurde, desto unberechenbarer werden Kriege. Für alle möglichen operativen Experimente stehen aller Arten von Waffen zur Verfügung. Dann kann der Krieg sein eigentliches Gesicht zeigen: Krieg ist pure Regellosigkeit, ein chaotisches Geschehen. Blauäugig ist es zu glauben, Kriege seien die „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“, wie es einst der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz formulierte. Halbwegs traf das auf die „Kabinettskriege“ des 18. Jahrhunderts zu. Umgekehrt gilt heute: Kriege bemächtigen sich der Politik und reißen sie in einen Abgrund, der Absichten, Planungen, Ziele und Zwecke vernichtet und verschlingt.

Wer Krieg führt, hat Ziele, aber er erreicht sie so gut wie nie: Kriege führen fast immer zu Ergebnissen, die niemand wollte. Vor allem die mittel- und langfristigen Folgen durchkreuzen häufig sämtliche Voraussicht. Vorhersagen zu wollen, was Waffengänge bewirken und was in der Zukunft deren Konsequenzen sein werden, ist Augenwischerei. Es entspricht menschlicher Anmaßung, die meint, wissen zu können, was niemand wissen kann. In Kriegen wird immer die Büchse der Pandora geöffnet. Wer einen Krieg beginnt oder in ihn einsteigt, müsste zugleich bekennen: „Nun soll das Chaos herrschen. Wir legen unser Schicksal in die Hände des Zufalls. Nach uns die Sintflut.“

Es lohnt sich, hierzu die Meinung des großen Historikers Golo Mann zu hören:

„Die Erfahrung (… ) lehrt, dass Kriege niemals das sind, was man vorher gedacht hatte. Geplant wird wohl und geplant muss werden, aber die neue Wirklichkeit zerreißt diese Pläne. Man ist frei, Krieg zu machen oder nicht. Macht man ihn, dann ist man nicht mehr frei. Dann wird er, was er will und stellt alle, die ihm dienen, unter ein neu werdendes, vorher nicht zu fassendes Gesetz. (…) Wie unbelehrbar muss der sein, der noch glaubt, man könnte den Krieg, wenn er einmal da ist, beherrschen, ihm seine Grenzen beliebig vorschreiben!“4

Das ist auch der Grund, weshalb es enorm schwer ist, Kriege zu beenden. Der Ukraine-Krieg dümpelt sei Jahren vor sich hin, ohne dass die eine oder die andere Seite ihre Kriegsziele erreicht hätte. Der ebenfalls „dümpelnde“ Stellungskrieg während des Ersten Weltkriegs wurde durch den Unwillen der Soldaten beendet, sich gegenseitig noch weiter wegen nichts und wieder nichts umzubringen.

Das humanitäres Völkerrecht – eine Illusion

In großem Umfang sind Kriege mit Vergewaltigungen, Folterungen und grausamen Tötungsarten verbunden. Es ist eine Illusion zu glauben, das Humanitäre Völkerrecht könnte das maßgeblich einschränken. Das vom Wesen her Unkontrollierbare ist nicht durch Rechtsvorschriften zu kontrollieren. Die Realität der allermeisten Kriege zeigt, dass sich Kriege nicht zivilisieren lassen. Kriege und kriegsähnliche Auseinandersetzungen setzen die finstersten Triebe der Beteiligten frei. Sie sind ein Tummelplatz sadistischer und grausamer Neigungen oder sie rechtfertigen fabrikmäßige Massentötungen, die kühl aus großer Ferne geplant und durchgeführt werden.

Beispiele? Etwa die Vernichtung der Zivilbevölkerung durch Flächenbombardements deutscher und japanischer Innenstädte während des Zweiten Weltkriegs oder der massenhafte Einsatz von Napalm im Korea-Krieg. Schreiend rissen sich die Menschen ihre brennende Kleidung vom Leib oder sprangen ins Wasser. Aber die Flammen waren so kaum zu löschen. Sowohl die Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs wie auch die ungeheuren Gräuel während des Korea-Kriegs galten als Verteidigungsmaßnahmen, also als Maßnahmen der „Guten“. Im Korea-Krieg waren es Tötungstechniken jener Truppen, die im Auftrag der UNO handelten. Wie sahen die Kriegsverbrechen der „Bösen“ aus?

Dies alles könnte genügen, sich zum Pazifismus zu bekehren. Doch das Hauptargument kommt noch: Es gibt keine nachvollziehbaren Kriegsgründe. Die Auslösung eines Chaosgeschehens kann nicht begründet werden. Davon in Teil zwei.

Fußnoten

1 Auch neuerdings wieder hat ein Wissenschaftlerteam diese kulturelle Vorurteil begründet widerlegt: Harald Meller, Kai Michel, Carel von Schaik: Die Evolution der Gewalt, Warum wir Frieden wollen, aber Krieg führen, München 2024.

2 Carl Friedrich von Weizsäcker: Der bedrohte Friede, Politische Aufsätze 1945-1994, Hamburg 2020, S. 77.

3 Pazifismus sollte „pragmatisch“ sein, er sollte die Möglichkeiten und Umstände jeder konkreten Situation im Auge behalten. Die Alternative ist ein radikaler Pazifismus, der meist gemeint ist, wenn Pazifismus verurteilt wird. Eine sehr gute Darstellung des pragmatischen Pazifismus findet sich bei: Olaf Müller: Pazifismus, Eine Verteidigung, Stuttgart 2021.

4 Golo Mann:  Abschied vom Atomkrieg?, in: Ist der Krieg noch zu retten? Eine Anthologie militärpolitischer Meinungen, hrsg. von Helmut Lindemann, Hamburg 1965, S. 146 – 170, zit. S. 150.

Erschienen im Overton Magazin v. 3.7. 2025
https://overton-magazin.de/hintergrund/gesellschaft/waffen-loesen-keine-probleme-schaffen-aber-neue/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Weshalb Kriegsgründe auf Lügen beruhen, angreifbar oder irrtümlich sind

Von Hans-Peter Waldrich

Über die Notwendigkeit des Pazifismus.

TEIL ZWEI

Schicken wir unsere Söhne in den Krieg, dann nur für eine „gute Sache“. Doch gute Sachen gibt es nicht, wo Massentötungen anstehen und das Überleben der Menschheit auf dem Spiel steht.

Jeder Kriegsgrund ist anfechtbar

Was sind das für „gute Gründe“, die auch Massentötungen und Massentraumatisierungen rechtfertigen sollen? Eine ganze Liste ließe sich anfertigen, die jene Kriege aufführt, die mit einer Lüge begonnen wurden. Etwa der Krieg der USA gegen den Irak 2003.  Auch der Eintritt der USA in den Vietnamkrieg beruhte auf einer Lüge (dem angeblichen Tonkin-Zwischenfall).

Selten werden Kriege ausgelöst, weil der gesunde Menschenverstand dafür spricht. Erst muss jene „Logik“ kapiert werden, die mit den Alltagsinteressen von mir und dir nichts zu tun hat: die Logik des Machterhalts, der Machtausweitung, des Ärgers mit Konkurrenten, die in anderen Staaten den Ton angeben. Oft, in der Regel bei Bürgerkriegen, so genannten asymmetrischen Kriegen, nützt die Frage, welcher Warlord dadurch reich wird. Der russische Koch Prigoschin war ein solcher Warlord. Gerne wäre er noch reicher geworden. Putin, der am längeren Hebel saß, räumte ihn aus dem Weg.

Die meisten Rechtfertigungen, systematische Massentötungen zu beginnen, sind also angreifbar, perspektivisch einseitig oder beruhen auf Irrtümern. Erst viel später wird manchmal durch die geduldige Arbeit von Historikern festgestellt, ob und inwieweit Kriegsgründe berechtigt waren. Sie waren und sind es sehr selten.

So entsteht ein Widerspruch: Der Eindeutigkeit des Sterbens zahlloser Menschen steht die Vieldeutigkeit jener Begründungen gegenüber, die Eliten vorbringen, wenn sie kriegerische Handlungen in die Wege leiten. Was Leben und Tod betrifft, so gibt es nur zwei Möglichkeiten: lebendig oder tot zu sein. Wenn überhaupt, möchte jeder allenfalls dann sterben müssen, wenn der höhere Zweck absolut klar und unanfechtbar ist. Dem gegenüber steht die Tatsache, dass alle Aussagen über Kriegsgründe kontroverse Behauptungen sind, die richtig oder falsch, halb richtig oder halb falsch sein können. Sie sind mit jenen Unklarheiten und Unsicherheiten belastet, von denen keine Aussagen über hochkomplexe historische und politische Zusammenhänge frei sind.

Sollten wir es zulassen, dass unsere Körper in Leichen verwandelt werden, weil jemand vieldeutige Gründe vorbringt, weshalb das jetzt nötig sei? Wer würde den folgenden Unsinn vertreten: „Ich bin bereit zu sterben, obwohl völlig unklar ist, welchen Sinn mein Tod haben könnte und ob das irgendjemandem nützt oder nicht eher allen schadet.“ Beginnt ein Krieg, wird daher allen Beteiligten Blindheit verordnet. Die Gehirne sind abzuschalten. Wer im Krieg ernsthaft nachdenkt, wird zum Deserteur oder zum Pazifisten.

Kriegsgründe sind lebensfremde Abstraktionen

Weil Kriegshandlungen aller Arten so lebensfeindlich sind, dass sie unterdessen den ganzen Globus bedrohen, klingen ihre Rechtfertigungen heute besonders abgehoben. Freiheit, die Nation, das Volk, die Ethnie, der Glaube, das Territorium etc. sind Abstraktionen, die mit dem realen Alltag der Menschen wenig oder gar nichts zu tun haben. Es gehört sehr viel Propaganda dazu, Menschen zu überreden, ihr ganz konkretes Leben für solche Abstraktionen zu opfern.

Was kann man sich für „nationale Größe“ (MAGA!) oder für „Freiheit“ kaufen? Wie viele Menschen müssen umgebracht oder traumatisiert werden, damit die Staatsgrenze weiterhin genau dort verläuft, wo sie bisher verlief?  Geht es deinem alternden und kranken Vater besser, weil zuvor die Altenheime des Feindes zerbombt wurden? Könnte ich nicht mehr in Ruhe frühstücken, wenn ich mitgeteilt bekäme, ich wäre nun ein Russe? Wie viele Russen müssen abgeschlachtet werden, damit ich als Deutscher frühstücken kann? Und könnte es nicht sein, dass ich nach einigen Jahren schlussendlich kein Russe mehr bin, weil ja nichts so bleibt, wie es ist? Auch ohne vorausgehende Massentötungen? Wen wundert es, wenn aus dem israelisch-iranischen Krieg 2025 gemeldet wird: „In der Krise hat sich gezeigt, dass die meisten Iraner einfach nur ein sicheres und friedliches Leben wollen.“ (FAZ online, 27.6.25)

Überhaupt spricht der historische Wandel gegen die Nutzung des Tötens als ein Mittel der Politik. In der Kuba-Krise 1962 wäre fast der ganze Globus in die Luft gejagt worden, weil man die Ausbreitung des Kommunismus verhindern wollte. Auch in Vietnam galt die Devise, nichts sei schlimmer als „Kommunismus“. In beiden Fällen hätte man nur warten müssen: Der Kommunismus als Bedrohungslage verschwand schließlich auch ohne, dass zuvor Millionen getötet wurden. Vietnam ist heute ein begehrtes Ziel für Touristen und das nicht, weil im Vietnamkrieg zu wenig Unheil angerichtet wurde.

Konklusion: Dass es nötig sei, große Mengen von Menschen zu töten, damit ein wichtiges Ziel erreicht wird, ist nur dann nachvollziehbar, begibt man sich auf eine moralische Ebene, die Lichtjahre von aller Alltagsmoral entfernt ist. Aber es ist gerade die Alltagsmoral, die wir nötig brauchen, damit wir kollektiv überleben: Du sollst nicht töten, die Goldene Regel, das Mitleid mit dem Leiden anderer. Jener seltsame Mensch damals in Palästina mag nicht der Sohn Gottes gewesen sein, aber einer der frühen Pazifisten. Man lese aufmerksam das Neue Testament.

Die Ursachen für Kriege werden von den Kontrahenten gemeinsam erzeugt

Kein Mensch ist eine Insel, kein Staat oder kein Kollektiv lebt im luftleeren Raum. Der Mensch ist ein Rudeltier. Das dichte Geflecht des Miteinanders führt zu Situationen, die jeweils von allen Beteiligten gemeinsam hervorgebracht wurden. Kriegerische Auseinandersetzungen sind davon nicht ausgenommen. Die realen Motive für das Entstehen von Waffengängen stammen aus jenem gemeinsamen Wurzelgrund, der durch das historische Zusammenwirken der Völker und Gruppen aufgeschichtet wurde.

Jeder Massentötung und Massentraumatisierung geht daher eine lange Geschichte gegenseitigen Fehlverhaltens, wechselseitiger Kränkungen, Demütigungen und gegenseitiger Provokationen voraus. Genau diese Wahrheit wird bei Waffengängen ausgeblendet, mehr noch: Davon Kenntnis zu haben und sie zu verbreiten wird verfolgt oder gar zur Straftat. Daher ist die Wahrheit tatsächlich das erste Opfer von Kriegen und deren Vorbereitung.

Feinde sind Einbildungen unserer paranoischen Fantasien

Jenes Knäuel von Konflikten, das in so gut wie allen Fällen von den Kontrahenten gemeinsam geknüpft wurde, wird nun als die ausschließliche Machenschaft des Gegners hingestellt. Spiegelbildlich, also auf beiden Seiten. Stets ist der ausgestreckte Zeigefinger auf den jeweils anderen gerichtet. Was im privaten Umgang zwischen psychologisch informieren Menschen als fragwürdige Projektion gelten würde, wird nun zur Pflicht aller, um den Glauben an ein konstruiertes Feindbild zu kräftigen. Gerne steigen Menschen darauf ein, ihre eigene Feindseligkeit und ihre eigene Mitverantwortung projektiv dem Gegner anzuhängen. Doch gelöst wird dadurch nichts.

Ohne die Fundamentallüge, der andere sei alleine und ausschließlich schuld, würde auch die bestialische Unmoral von Massentötungen deutlicher hervortreten. Der Irrglaube, man kenne den alleinigen Auslöser des Konflikts, erleichtert auch grausames Töten ganz ohne Empathie. Ist nur der Feind die Ursache aller Gräuel, darf man beruhigt jene jungen Leute massakrieren, die der böse Feind an die Front geschickt hat. Sind „Kollateralschäden“ unvermeidlich, so ist auch das in Ordnung. Auch feindliche Zivilisten soll die ganze Härte der Gerechtigkeit treffen. In diesem Sinne merke: Niemand tötet, weil er böse ist, sondern immer, weil er gut ist und die Bösen bestraft.1 Sadisten haben ihre klammheimliche Freude daran.

So gesehen beruhen Feindschaften, die Kriege auslösen, auf dem gemeinsam erzeugten Irrtum, alles Übel komme von der jeweils anderen Seite. Doch indem man den Feind malträtiert, schädigt man zugleich sich selbst. Das ist der Sinn des Bonmots des französischen Pazifisten und Romanciers Henri Barbusse: „Zwei Armeen, die sich bekämpfen, sind eine große Armee, die Selbstmord begeht.“ Was Barbusse im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg formuliert hatte, gilt potenziert für das 21. Jahrhundert. Heute heißt es: „Viele mit Massenvernichtungsmitteln ausgestattete Nationen, die sich gewaltbereit gegenüberstehen, sind eine einzige Menschheit, die dabei ist, sich auszulöschen.“

Kriege liegen im Interesse von Eliten, nicht der vielen Menschen, die leben wollen

Undurchschaubare Kriegsgründe, gemeinsam erzeugte Konflikte, abstrakte „Werte“, die massenhaftes Töten rechtfertigen – alles zeigt, dass Kriegshandlungen nur im Interesse einer einzigen Gruppe liegen: nämlich der Herrschaftselite. Nicht immer ist es deren Bosheit, aber stets deren Dummheit, die Krieg auf Krieg erzeugt.2 Engstirnig versprechen sie sich von Waffengängen Vorteile, die sich mittel- und langfristig in Luft auflösen oder sich in Nachteile verwandeln.  Selbst wenn einige der „Vorteile“ erreicht würden, die man sich durch Massentötungen erhoffte, hätten nur die Eliten etwas davon. Die anderen müssten sich mit den Nachteilen begnügen.

Grundsätzlich kann gesagt werden: Kriegsursachen sind Differenzen im kleinen Kreis derer, die Massentötungen veranlassen können. Die „Aggressivität“ der Vielen, die sich angeblich gegenseitig an den Hals wollen, spielt kaum eine Rolle. Wenn Staatschef eins mit Machthaber zwei über Kreuz liegt, ziehen die Massen ohne Wut auf irgendwelche Feinde in den verordneten Krieg. Sie kämpfen, weil sie keine andere Wahl haben oder für ihre Kameraden, die auch keine andere Wahl haben. Könnten sie die Front wechseln und in die gegnerische Uniform schlüpfen, würden sie auch dort für ihre Kameraden kämpfen. Oft müssen sie schlicht Geld verdienen, was ihnen auf andere Weise nicht gelingt. Das heißt: Die Welt der Kämpfenden ist nicht die Welt der Eliten.

Früher trugen Fürsten ihren Ärger mit anderen Fürsten aus, indem sie Bauernsöhne im Gemetzel opferten. Diese wollten nicht kämpfen, wurde aber für windige Ziele „gepresst“. Das hieß: zwangsrekrutiert und gewaltsam ins Inferno gejagt. Kriegführen war ein Schachspiel der Machthaber. Doch nach wie vor sind die Interessen derer, die den militärisch-industriellen Komplex bedienen, in keiner Weise deckungsgleich mit den konkreten Lebenszielen der Bevölkerung. Auch nicht ihn „westlichen Demokratien“. Das wäre allenfalls in identitären Basisdemokratien anders, aber die gibt es nicht.

Das Rätsel der systematischen Massentötungen: Wie schaffen es winzige Minderheiten, die oft selbst wissen, wie sie sich heraushalten, die überwältigende Mehrheit in ein schauerliches Chaos zu stürzen? Für fremde Interessen sich die Beine amputieren zu lassen oder ein Leben lang Albträume zu haben, – weshalb gelingt es Wenigen den Vielen solchen Horror aufzuzwingen?

Im Vietnamkrieg gab es zwei Gruppen von jungen Leuten: Angehörige der unteren Schichten, die als Marines oder Green Berets in einen zweck- und sinnlosen Krieg zogen und junge Männer, die ihre Wehrpässe verbrannten und öffentlich protestierten. Wie kommt es, dass einige deutlich „nein“ sagen können, während die Mehrheit geduldig in den Tod geht?

Es gibt keinen gerechten Krieg

Alles in allem also: Es gibt keinen zu rechtfertigenden und erst recht keinen „gerechten“ Krieg. Die uralte Lehre vom „gerechten Krieg“ ruht auf einer Reihe von Fiktionen. So verlangt sie etwa, dass nur solche Kriege gerecht sind, die von einer „legitimen Autorität“ ausgerufen worden sind. In den meisten Fällen ist es jedoch strittig, welche Autorität so legitim ist, dass sie auch ein Massensterben verordnen darf. Können Warlords oder Gangsterbosse in Bürgerkriegsländern als „legitime Autoritäten“ angesprochen werden?

Ein weiteres Kriterium eines „gerechten Kriegs“ liegt in der Forderung nach Verhältnismäßigkeit. Der durch kriegerischen Eingriff ausgelöste Schaden dürfe nicht größer sein als der Schaden, der ohne Krieg verursacht worden wäre. Dieser Grundsatz ignoriert die Unmöglichkeit, eine solche vergleichende Berechnung im Voraus anzustellen. Niemand kann angeben, welche Schäden entstanden wären, hätte kein Krieg stattgefunden. Die unbekannte Höhe der vermiedenen Schäden kann daher nicht mit Schäden verglichen werden, die ebenfalls unbekannt sind. Nämlich mit den Zerstörungen eines noch nicht begonnenen Krieges. Die Lehre vom „gerechten Krieg“ ist ein Feigenblatt.

Es geht ums Ganze

Kommen wir zum wichtigsten Argument, weshalb Pazifismus keine Haltung von Lumpen, Feiglingen oder Schwachsinnigen ist, sondern eine höchst rationale Position. Das hat mit der Tatsache zu tun, dass sich aktuell die Welt in heftiger atomarer Aufrüstung befindet und auch andere Massenvernichtungsmittel reichlich zur Verfügung stehen und in Stellung gebracht werden. Der Philosophie-Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Reinold Schmücker, der sich mit dem Thema „gerechter Krieg“ befasst hat, schreibt dazu zutreffend Folgendes: „Aus der Verhältnismäßigkeit folgt unmittelbar, dass Kriege, die die Existenz der Menschheit auf Spiel setzen, niemals legitim sind. Denn etwas Gutes, das zur wahrscheinlichen Vernichtung der Menschheit in einem wie immer angemessenen Verhältnis stünde, ist (…) undenkbar.“3 Wenigstens in diesem Fall ist alles absolut klar.

Diese Aussage ist gegenwärtig von besonderem Gewicht. Eine Vielzahl bewaffneter Konflikte kann heute bis zu einem Ausmaß eskalieren, das letztlich die gesamte Menschheit betrifft. Es ist keine moralische Rechtfertigung denkbar, die Kriegführung unter Inkaufnahme der Menschheitsvernichtung erlauben könnte. Es reicht nicht, wenn an Krieg Interessierte behaupten, eine solche Eskalationsgefahr bestünde nicht.

Wo es um die Vernichtung der Zivilisation rund um den Globus geht, sind Behauptungen, die auf Wähnen und Glauben basieren, eine ungenügende Basis für Entscheidungen. Besonders eindrucksvoll konnte während des Ukraine-Kriegs verfolgt werden, wie unverantwortlich die globale Massenvernichtung riskiert wurde.

Gerade gegenwärtig gilt also für den Pazifisten, dass er kein Risiko gutheißen kann, das die Massenabschlachtung auch völlig Unbeteiligter rund um den Globus in Kauf nimmt. Dabei kommt es auf den Grad der Wahrscheinlichkeit, dass Massenvernichtungsmittel tatsächlich eingesetzt werden, nicht an. Die allergeringste Möglichkeit, dass ein solches Inferno verursacht werden könnte, ist Grund genug, es unter allen Umständen zu vermeiden. Wer Umstände zu kennen glaubt, die ein solches Risiko rechtfertigen, befindet sich bereits tief im moralischen Unrecht.

Also:

Zusammenfassend kann gesagt werden: Kriege und kriegerische Handlungen beruhen auf dem Grundirrtum, sie könnten als präzise instrumentelle Eingriffe durchgeführt werden, deren Folgen exakt anzugeben sind. Jedenfalls sei das Risiko gering, dass Kriegsziele nicht erreicht werden. Kriege könnten also mit „guten Gründen“ geführt werden.

Das ist nichts als Hybris. Die alten Griechen verwendeten dieses Wort, um die menschliche Neigung zu charakterisieren, sich selbst in gottähnlicher Weise zu überschätzen. Pazifismus ist eine realistische Haltung und eine der Bescheidung. Religiös gesprochen: der Demut, die den Sterblichen ansteht.

Auch das wussten die alten Griechen: Das Schicksal (moira) ist eine Macht, die selbst über den Göttern waltet. Sterbliche sind nicht in der Lage, diese Macht zu instrumentalisieren. Gingen sie dazu über, Millionen, gar Milliarden umzubringen, wäre das der finale Beweis, dass es genau so ist.

Wie also vorgehen?

Wer Pazifist ist, hat das Überleben im Auge. Das Überleben der Menschheit. Der Pazifist vertritt eine Verantwortungsethik, die nicht ausblendet, in welch großer Gefahr wir uns alle befinden. Für Wehrhaftigkeit tritt er ein, wo es vorübergehend nötig ist, zugleich aber entschieden für konsequente Rüstungskontrolle und alsbaldige Abrüstung, die – das wissen auch Pazifisten – nur schrittweise möglich ist. „Kriegstüchtig“ müssen wir nicht werden, sondern tüchtig für professionelle Diplomatie.

Überhaupt fordern Pazifisten, Friedlichkeit als Kulturtechnik in jeden Alltag zu integrieren, in    Kindergären, Schulen, Hochschulen. Friedenstraining könnte man das nennen, das im Gegensatz zur Kriegstüchtigkeit steht. Was wäre das für eine Zeitenwende! Aus der hohen Wahrscheinlichkeit, dass uns Kriege und Waffengänge dem Untergang näherbringen, sucht der Pazifist einen Ausweg. Er vertritt damit eine Haltung, die eigentlich alle Menschen einnehmen müssten – würden sie nur erkennen, was die Stunde geschlagen hat.

Fußnoten:

1 Das spielt auf die so genannte virtous violence theory an, die Theorie der tugendhaften Gewalt:  Alan P. Fiske, Rai T. Shakti:  Virtuous Violence : Hurting and Killing to Creat, Sustain, End and Honor Social Relationships, Cambridge : Cambridge Univ. Press, 2015.

2 In welchem Ausmaß Kriege mit der Dummheit der Eliten zu tun haben, zeigt gut die bekannte US-Historikerin Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Von Troja bis Vietnam, Frankfurt/Main 1991.

3 Reinold Schmücker: Gibt es einen gerechten Krieg? 2021, S. 52.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 4. 7. 2025
https://overton-magazin.de/hintergrund/gesellschaft/pazifismus-in-deutschland-weshalb-kriegsgruende-auf-luegen-beruhen/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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