Was ist der Unterschied zwischen der NATO und einem System kollektiver Sicherheit?

Wer passt hinein? – Diese Frage wurde bereits 1960 von der Zeitschrift “Der Mahnruf”, dem Mitteilungsblatt für die Mitglieder der VVN Westberlin, gestellt, wie das Bild zeigt.

Ist es verständlich, wenn sich die Ukraine der NATO anschließen will, nachdem Russland kapitalistisch geworden ist und Truppen in die Ukraine geschickt hat? Ist die NATO im Krieg in der Ukraine plötzlich zu einer Schutzmacht geworden? Gibt es eine Alternative zum Militärbündnis NATO?

Eine neutrale Ukraine, wie es nach 1990 für einige Jahre in der urkainischen Verfassung stand, ist eine größere Garantie für eine souveräne und unabhängige Ukraine als eine Mitgliedschaft in dem Militärbündnis NATO. Der Krieg in der Ukraine ist zu einem erheblichen Teil darauf zurückzuführen, dass die Ukraine diesen Kurs aufgegeben hatte und Mitglied der NATO werden wollte. Dazu wurde sie von den USA gedrängt.

Auch für die Bundesrepublik Deutschland ist die Mitgliedschaft in der NATO ein Verhängnis. Sie bindet sie viel zu sehr an die Politik der USA.

Als der Warschauer Pakt sich auflöste, warum hat sich da nicht auch die NATO aufgelöst? Warum ist dieses Militärbündnisses nicht durch ein System kollektiver Sicherheit ersetzt worden?

Die USA wollten die NATO als ein Instrument in ihren Händen behalten und über dieses Militarbündnis ihren Einfluss in Europa weiter geltend machen. Das ist der Grund, warum sich die NATO nicht aufgelöst hat. So nahm das Unheil seinen Lauf.

Es wäre besser, wenn wenn wir durchsetzen könnten, dass die Militärallianz NATO durch ein System kollektiver Sicherheit aller europäischen Länder einschließlich Russlands ersetzt wird. Der Aufruf “Frieden schaffen” stellt die Forderung nach einem System kollektiver Sicherheit in den Mittelpunkt. Er wird von vielen Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern unterstützt.

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Der Unterschied zwischen einem Verteidigungsbündnis und einem System kollektiver Sicherheit

Es lohnt, sich Klarheit zu verschaffen, was der Unterschied zwischen einem Verteidigungsbündnis und einem System kollektiver Sicherheit ist. Deshalb sei hier Dieter Deiseroth[1]Richter am Budesverwaltungsgericht a.D. Dieter Deiseroth „70 Jahr Grundgesetz. Das Friedensgebot des Grundgesetzes und der UN-Charta – … und die Bundeswehr? zitiert:

„Im Völkerrecht ist seit Jahrzehnten klar: „Kollektive Sicherheit und Verteidigungsbündnisse widersprechen sich fundamental.“Was sind dies fundamentalen Unterschiede, worin bestehen sie? Es lassen sich vier zentrale Kriterien festhalten:

(1) Verteidigungsbündnisse und „Systeme kollektiver Sicherheit“ reflektieren zwei entgegengesetzte Konzeptionen von Sicherheitsspolitik. Das Grundkonzept von Verteidigungsbündnissen basiert auf Sicherheit durch eigene Stärke und die Stärke der eigenen Verbündeten. Es ist „partikulär-egoistisch“. Denn es verankert die eigene Sicherheit nicht zugleich in der Sicherheit des potentiellen Gegners, also gerade nicht in der gemeinsamen Sicherheit, sondern im Gegenteil in der relativen Schwäche und Unterlegenheit des potentiellen Gegners.

Die Grundkonzeption kollektiver Sicherheit, die in der Periode zwischen den beiden Weltkriegen als bewusste Alternative zu den tradierten sogenannten Militärallianzen und Verteidigungsbündnis-Systemen entwickelt wurde, basiert dagegen auf der Sicherheit aller potenziellen Gegner durch Reziprozität und Gegenseitigkeit innerhalb einer internationalen Rechtsordnung. Er gründet auf dem Konzept der gemeinsamen Sicherheit.

(2) Anders als ein System kollektiver Sicherheit ist ein Verteidigungsbündnis – so auch die NATO – nicht auf Universalität im Sinne des Einschlusses potentieller Aggressoren angelegt.

So steht die NATO – bezeichnenderweise anders als das System kollektiver Sicherheit der UNO – nicht jedem Beitrittswilligen offen, der die im NATO-Vertrag vernankerten Ziele anerkennt. Dementsprechend haben die NATO und ihre Mitgliederstaaten sowohl in den Jahren 1954/55 als auch im Zusammenhang mit den NATO-Osterweiterungen der letzten Jahre Begehren der früheren Sowjetunion und Russlands auf Einbeziehung in das NATO-Bündnis ausdrücklich ausgeschlossen.

(3) Der NATO-Vertrag enthält – und dies ist ein weiterer gravierender Unterschied eine Verteidigungsbündnisses (Militärallianz) zu einem kollektiven Sicherheitssystem – für den Fall eines von einem eigenen Mitgliedstaat begangenen Aggressionsaktes keine verbindlichen internen Konfliktregelungsmechanismen.

Eine NATO-interne Verpflichtung der übrigen NATO-Partner, dem einen Aggesssionsakt begehenden NATO-Verbündeten mit kollektiven Zwangsmaßnahmen entgegenzutreten, sieht der NATO-Vertrag gerade nicht vor. Diese Defizit ist typisch für ein Bündnis zur kollektiven Verteidigung, das ja gerade zur Verteidigung gegen einen potenziellen externen Aggressor geschlossen wird.

(4) Die NATO etabliert auch – dies ist der vierte wesentliche Unterschied zu einem System kollektiver Sicherheit – keine den Mitgliedstaaten übergeordnete Macht nach dem Modell der Vereinten Nationen.“

Bild-Quelle: Mahnruf, März/April 1960, Seite 4; https://vvn-vda-westberlinerarchiv.de/14-1960/

References

References
1 Richter am Budesverwaltungsgericht a.D. Dieter Deiseroth „70 Jahr Grundgesetz. Das Friedensgebot des Grundgesetzes und der UN-Charta – … und die Bundeswehr?

03. Juni2023: Raus aus der Nato – Nato raus

Einladung zur Anti-Nato-Veranstaltung mit griechischen Kolleginnen und Kollegen:

Zeit:  Samstag, den 03. Juni 2023, 19.00 Uhr

Ort:   Kiezraum auf dem Dragonerareal (U-Bhf. Mehringdamm oder Hallesches Tor)

Notizen von einem Treffen mit der Revolutionären Arbeiterfront (RFU), Ukraine

ÜBER DEN KRIEG | 5. März 2023

Auf der Website der „Angry Workers of the World“ fanden wir ein Interview, das diese mit zwei Aktivisten der Organisation „Revolutionäre Arbeiterfront der Ukraine (RFU) im Frühjahr dieses Jahres führten. Wir haben diesen Text samt Vorspann durch die AW-Interviewer auf Deutsch übersetzt.

Hier ist der Text:

Wir haben die Audioaufnahme transkribiert und übersetzt von einem Teffen, das von Genossen der Revolutionären Perspektive am 21. Februar 2023 in Berlin organisiert wurde. Wir wissen wenig über RFU. Ihre Selbstbeschreibung als Marxisten-Leninisten deutet darauf hin, dass wir möglicherweise unterschiedliche Meinungen haben, wenn es um die Rolle politischer Organisationen geht. Dennoch erkennen wir an, dass dieses Interview zeigt, dass es in der Ukraine einen Widerstand gegen den Krieg gibt, der sich weigert, eines der verfeindeten Lager zu unterstützen. Es ist ermutigend zu lesen, dass „einige Freunde trotz ihrer anfänglichen sozialchauvinistischen Positionen ihre Position überdacht haben, seit sie an der Front sind“. Genossen in der Region haben eine schwierige Aufgabe, sich gegen die Flut der vorherrschenden Aufrufe zur „Verteidigung nationaler Interessen“ – ob russisch oder ukrainisch – zu behaupten. Dieses Interview zeigt, dass trotz aller Herausforderungen 

Einführung von Revolutionäre Perspektive, Berlin

Das Thema der heutigen Veranstaltung sind linke Positionen aus der Ukraine zum Krieg. Letztes Jahr, am 24. Februar, begann Russlands Angriff auf die Ukraine. Seitdem wurden auf beiden Seiten Tausende Soldaten und Zivilisten getötet. Dies ist ein imperialistischer Krieg um Macht, Einflusssphäre und Ressourcen. Die Ukraine ist für die Großmächte Russland, USA und EU von Interesse. Die Nato rüstet die Ukraine mit immer schwereren Waffen aus und führt einen Stellvertreterkrieg. Die Haltung zum Krieg innerhalb der Linken ist widersprüchlich, nicht nur hier, sondern auch in der Ukraine. Heute haben wir Genossen der marxistischen Organisation Revolutionary Workers Front (RFU) eingeladen, die sich sowohl gegen den russischen Angriffskrieg als auch gegen die ukrainische Regierung und die NATO stellt. Sie nehmen eine kohärente Klassenposition ein und organisieren die Unterstützung der Zivilbevölkerung. 

(…)

Ich begrüße jetzt Dimitri und Romano von der RFU. Können Sie uns etwas über Ihre Organisation erzählen? Wann wurden Sie gegründet, was machen Sie und was sind Ihre politischen Ziele?

Die RFU ist eine marxistisch-leninistische Organisation, die Ende 2019 auf einem Telegram-Kanal von Schülern und Universitätsstudenten gegründet wurde. Im Jahr 2020, während der Pandemie, konstituierte sich die Organisation in ihrer jetzigen Form. In den Jahren 2020 und 2021 haben wir einen YouTube-Kanal und eine Website gestartet, viele politische Veranstaltungen organisiert und mehr Menschen um uns versammelt. Kurz vor Kriegsbeginn haben wir in Charkow eine Protestkundgebung wegen Tarifstreitigkeiten organisiert und den Rechten die Teilnahme verboten. Mit dem Krieg im Jahr 2022 wurden viele Menschen stärker politisiert, was Möglichkeiten eröffnete, Bildungsveranstaltungen zu organisieren und die Gewerkschaften zu unterstützen. Wir begannen, die Zivilbevölkerung zu unterstützen, vor allem durch Rechtsberatung für Arbeiter und Studenten, aber auch für Soldaten. Wir sehen die Hauptaufgabe der Gruppe darin, eine marxistisch-leninistische Partei aufzubauen.  

Was ist Ihrer Meinung nach der Hauptgrund für den aktuellen Krieg in der Ukraine?

Es ist ein imperialistischer Krieg, der auf dem Territorium der Ukraine geführt wird. Es ist ein Krieg der NATO, die Waffen an die Ukraine liefert. Die NATO-Staaten wollen ihren Einflussbereich erweitern und Russland möchte seinen Einfluss nicht verlieren. Es gibt wirtschaftliche und politische Gründe. Russland wollte keine Nato-Erweiterung, aber wir können sehen, dass sich diese Erweiterung mit dem Krieg durch den Beitritt skandinavischer Länder nur beschleunigt hat. Territorialtechnisch ist die Krim von großer Bedeutung, da dort die Schwarzmeermarine der Russischen Föderation stationiert ist. Aus diesem Grund wurde die Krim sofort annektiert, die anderen Regionen im Donbas sind zweitrangig, aber das erklärt den langwierigen Prozess. Seit 2014 liefert der Westen Waffen in diese Region, während Russland sich wirtschaftlich auf den Krieg vorbereitet, indem es nach Importsubstitution sucht. Wenn Russland den Krieg gewinnen würde, hätte es Zugang zu Arbeitskräften und einem großen Markt für Ressourcen und Territorium, um sein Kapital anzusammeln, was den Westen schwächen würde. Es zeigt sich auch, dass die Ukraine ein Testfall für die Waffen des Westens ist.  

Wie ist die Lage der Arbeiterklasse, mit welchen Angriffen auf ihre Rechte sind sie seit Kriegsbeginn konfrontiert? 

Seit Beginn des Krieges werden Arbeitsrechte ständig verletzt, die Situation verschlechtert sich. So wurden beispielsweise Streiks verboten, Löhne können gekürzt werden, ohne dass die Arbeitnehmer das Recht haben, sich dagegen zu wehren, sie können leichter entlassen werden, die Möglichkeiten der Gewerkschaften, etwas dagegen zu unternehmen, wurden eingeschränkt. Trotz hoher Inflation gibt es in der Ukraine keine Lohnerhöhungen. Die Reste der Gewerkschaften arbeiten im Interesse der Arbeitgeber. Es gab einige Proteste von Seeleutegewerkschaften, die jedoch schnell gestoppt wurden. Ein weiteres großes Problem ist die hohe Arbeitslosigkeit, die derzeit bei 30 % liegt. Die Menschen sind bestrebt, jeden Job zu behalten oder anzunehmen, egal wie schlecht die Bedingungen sind. Auch während der Arbeit besteht ein hohes Risiko militärischer Angriffe. Zum Beispiel,

Was halten Sie beispielsweise von Positionen anarchistischer Gruppen, die sich für die Verteidigung der Ukraine aussprechen? Welche Positionen vertreten verschiedene Teile der Linken in der Ukraine? Mit wem kooperieren Sie?     

Die RFU ist die größte marxistisch-leninistische Gruppe. Es gibt andere Organisationen wie die Soziale Bewegung, die sozialchauvinistische Positionen vertreten, mit der Rechten kooperieren und die ukrainische Regierung unterstützen. Wir haben nicht viele Genossen in der Ukraine, arbeiten aber mit Menschen im übrigen Europa zusammen. Die Anarchisten nahmen eine seltsame Position ein, sie unterstützten die ukrainische Regierung von Beginn des Krieges an und indem sie Partei ergriffen, verrieten sie die Arbeiterklasse. Es zeigt auch, dass die Anarchisten in der Ukraine politisch nicht unabhängig sind. Trotz ihrer anfänglichen sozialchauvinistischen Positionen haben einige Freunde ihre Position seit ihrer Zeit an der Front überdacht; Wir hoffen, in Zukunft mit ihnen zusammenarbeiten zu können. 

Welche Möglichkeiten sehen Sie, den Krieg zu stoppen bzw. zu beenden?      

Das ist eine schwierige Frage, es ist schwer zu sagen, wer den Krieg gewinnen wird. Die ukrainische Armee hat einige Schlachten gegen eine große Armee gewonnen, die ihr gegenübersteht, beispielsweise in Cherson. Doch die russische Armee wird versuchen, das verlorene Territorium zurückzugewinnen. Die ukrainische Armee wird sich weiterhin verteidigen, solange die Waffenlieferungen anhalten. Die Ukraine ist in dieser Hinsicht völlig vom Westen abhängig. Solange in der Ukraine Menschen kämpfen und sterben, wird der Krieg weitergehen. Es sieht aus wie ein Zermürbungskrieg, der darauf basiert, wer am längsten über seine Ressourcen verfügt, und eine derzeitige Pattsituation.  

Gibt es Desertionen ukrainischer Soldaten und in welchem ​​Ausmaß?

Es gibt viele Fahnenfluchten, denn die Lage an der Front ist schrecklich, die Verluste sind hoch, trotz der Unterstützung aus dem Westen. Letztlich gibt es nicht so viele, die für einen Staat sterben wollen, der nichts für die arbeitende Bevölkerung tut, sondern deren Lebensbedingungen angreift. Parlamentsabgeordnete und Studenten, die Fremdsprachen lernen, sind von der Wehrpflicht befreit, es besteht jedoch weiterhin ein Ausreiseverbot. Viele Menschen versuchen, Dokumente zu fälschen und nachzuweisen, dass sie Freiwillige oder Betreuer sind und daher vom Militärdienst befreit sind. Viele Menschen versuchen, das Land zu Fuß zu verlassen. Selenskyj sagt, dass es jedem freisteht, das Land zu verlassen, aber das ist nicht die Wahrheit. Wir haben Bekannte, die an der Front gedient haben, unter anderem ein Offizier im Donbas, der sagte, dass es relativ leicht sei, zu desertieren, weil es schwer nachzuvollziehen ist. Offensichtlich redet die Regierung nicht darüber. Innerhalb der Bevölkerung nimmt die Kampfmotivation rapide ab, auch angesichts eines neuen Gesetzes, das Fahnenflucht oder jede Form der Weigerung, Befehlen militärischer Vorgesetzter Folge zu leisten, streng bestraft. Den Gerichten ist es nun verboten, mildere Strafen zu verhängen.

Wie verstehen Sie die sogenannten Volksrepubliken im Donbass, die nach dem Maidan 2014 ihre Unabhängigkeit erklärten und nun annektiert wurden? 

Einige Leute auf der linken Seite denken, dass die Republiken im Donbas im Interesse der Bevölkerung irgendwie fortschrittlich seien, aber das ist nicht der Fall. Diese Republiken sind sehr pro-russisch, sie sind Marionetten der Russischen Föderation. Sie wurden als Reaktion auf den Maidan gegründet, aber es ist falsch, sie Volksrepubliken zu nennen, da ihre Gründung wenig mit dem Volk zu tun hat, sondern nur von Russland genutzt wird. Für sie ist es ein weiterer Markt für billige Arbeitskräfte. Seit der Annexion der Republiken pumpt Russland Investitionen in sie. Russland nutzt sie aber auch als Labore für seine Kriegseinsätze. Bei der Gründung der Republiken waren zunächst linke Kräfte beteiligt, doch die Regierungen der Republiken versuchen alles, um die Ausbreitung fortschrittlicher Ideen zu verhindern und im Interesse des russischen Imperialismus zu handeln. Wahre Linke lehnen die wirtschaftliche Grundlage und die politischen Positionen der Imperialisten ab und würden nicht mit ihnen kooperieren. Einige der linken Aktivisten in den Republiken landeten im Gefängnis, einige verschwanden, andere wurden getötet. Die Kommunistische Partei wurde verboten. Es zeigt, dass die Republiken reaktionär agieren. Der russische Staat sagt, dass im Donbas nur die russische Bevölkerung lebe, das sei Putins Ideologie, dass die Ukraine kein unabhängiger Staat sei. Aber es ist falsch zu sagen, dass es im Donbass keine Ukrainer gibt. Diese Region ist ethnisch vielfältig, mit einem großen Anteil an Russen und Ukrainern, während die Region größtenteils russischsprachig ist. Statistisch gesehen waren im Jahr 2001 65 % der Bevölkerung im Donbass Ukrainer. Seit der Gründung der Marionettenrepubliken wurde die ukrainische Sprache offiziell entfernt, die Literatur wurde aus den Schulen entfernt. 

Wir werden nun Fragen aus dem Publikum haben. – 

Die Arbeit der Genossen ist angesichts ihrer Positionen offensichtlich sehr gefährlich. Putin spricht von Entnazifizierung, oder anders gefragt: Wie sehen Sie den Einfluss der extremen Rechten im ukrainischen Staat?   

Putin sagte, dass er mit dem Krieg den Nationalismus in der Ukraine ausrotten wolle, aber es zeige, dass die Lage nur noch schlimmer geworden sei und die antirussischen Positionen in der Bevölkerung gestärkt worden seien. Auch die Regierung hat gewechselt. Vor dem Krieg war es eine normale bürgerliche Demokratie im Sinne verschiedener politischer Parteien, aber als der Krieg begann, wurden alle unerwünschten Personen, die die offizielle Linie der Regierung nicht unterstützten, aus dem Amt entfernt. Um Selenskyj hat sich ein Einparteiensystem gebildet, das den neuen Nationalismus vertritt. Nationalistische Organisationen sind seit Kriegsbeginn stärker geworden, insbesondere militärische rechte Organisationen wie Asow. Das Gute ist, wenn man das so sagen kann, dass sie sich an der Front selbst zerstören. Ihr Bündnis mit dem Staat ist eher instabil, da Selenskyj an die Macht gelangt. Es ist möglich, dass es zu weiteren Spannungen kommt, wenn die Rechten zu viel Einfluss gewinnen, und Selenskyj wird versuchen, dies zu verhindern. Mit dem Krieg radikalisierten sich immer mehr Menschen nach rechts, aber wir können davon ausgehen, dass dies nicht lange anhalten wird. Die Masse der Menschen ist ideologisch nicht rechts. Die Unterstützung der Rechten ist eher ein kulturelles Phänomen, das auf der Angst während des Krieges beruht.       

Als Kommunisten sagen wir, dass die Arbeiter die Waffen auf ihre eigenen Herrscher richten müssen. Einige Teile der kommunistischen Bewegung, die Russland im Krieg mit der Nato unterstützen, werfen uns Linksradikalismus vor. Ich würde gerne wissen, was es für Sie als junge Organisation in der aktuellen Situation bedeutet, „die Waffen zu wenden“. Was sind Ihre Herausforderungen? Sind Sie mit Repression konfrontiert?

Die Massen sind derzeit nicht in der Lage, sich politisch zu engagieren. Es gibt nur wenige Möglichkeiten, den Spielraum linker Positionen zu erweitern. Wir sind mit möglicher Repression sowohl seitens des Staates in der Ukraine als auch in Russland konfrontiert. Wir müssen verdeckt arbeiten. Wenn der Geheimdienst unsere persönliche Identität wüsste, würden wir zwar nicht getötet werden, obwohl das auch möglich wäre, aber wir würden unsere Freiheit verlieren. Die Organisation Soziale Bewegung agiert weiterhin offen, wird aber vom Geheimdienst beobachtet. Es ist nicht möglich, die aktuelle Situation in eine revolutionäre Situation umzuwandeln, aber wir versuchen unser Bestes, um die Bevölkerung, insbesondere die Soldaten, zu agitieren. An der Front ist uns das wegen der großen Gefahr nur bedingt möglich, aber durch die Kontakte zu Freunden, die Soldaten und Offiziere sind, ist es möglich. 

Zunächst möchte ich sagen, dass es großartig ist, dass es Ihre Organisation gibt, eine Organisation, die sich sowohl der Nato als auch dem russischen Imperialismus in der Ukraine widersetzt. Das ist notwendig, um eine globale Bewegung gegen den Krieg aufzubauen. Aber was erwarten Sie von uns in einer westlichen imperialistischen Nation? Allein zu sagen, dass wir nicht mit dem deutschen oder dem russischen Staat kooperieren, käme politischer Passivität gleich. Leninisten müssten die Halbkolonie gegen die Aggression verteidigen und gleichzeitig in einem Krieg zwischen zwei imperialistischen Lagern die Niederlage ihrer eigenen Seite unterstützen.  

Die RFU möchte mit anderen Kameraden im Ausland zusammenarbeiten, einige unserer Kameraden leben in Deutschland, auch sie brauchen Unterstützung. Wir wollen unsere Arbeit mit Flüchtlingen aus der Ukraine, die sich in Europa aufhalten, ausweiten, dafür bräuchten wir Hilfe. Vor allem aber müssen Marxisten Kampforganisationen aufbauen, die die Bourgeoisie im eigenen Land angreifen und mit anderen Organisationen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten. 

Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen dem Versuch des ukrainischen Staates, das Land nach dem Ende der Sowjetunion zu „entkommunisieren“ und den aktuellen Bemühungen, die Nation zu „entrussifizieren“? In gewisser Weise ist dies ein Versuch, eine Klassenfrage in eine ethnische zu verwandeln.

Die derzeitige Regierung bestreitet die gemeinsame Geschichte Russlands und der Ukraine, dass beide Länder Teil derselben Nation waren. Diese Tendenz hat sich seit 2014 verschlimmert und dieses Narrativ ist notwendig, um das Ausmaß der Hysterie in der Ukraine aufrechtzuerhalten und die Menschen dazu zu bringen, bis zum bitteren Ende für den ukrainischen Staat zu kämpfen. Dies äußert sich auf vielfältige Weise, zum Beispiel werden viele Straßen oder Denkmäler umbenannt, um die Geschichte neu zu schreiben. Wenn Sie mit sowjetischer oder kommunistischer Literatur gesehen werden, bekommen Sie Probleme mit der Polizei. 

Gibt es in der Bevölkerung der Ukraine eine Bereitschaft, die östlichen Teile des Landes aufzugeben, um den Krieg zu beenden? Können Menschen solche Positionen äußern, kann sie öffentlich diskutiert werden?

Auf diese Position stoßen wir nicht; wenn es sie gibt, dann nur bei einer Minderheit. Die meisten Menschen wollen den Krieg fortsetzen, bis alle Gebiete zurückerobert sind. Es gibt nur wenige Positionen, die für den Frieden plädieren.

Könnten Sie mehr über die Organisation Soziale Bewegung sagen, da sie sowohl von der reformistischen als auch der radikalen Linken in Deutschland vorgeführt wird – und die Rosa-Luxemburg-Stiftung sie nutzt, um die Linke in Deutschland dazu zu bringen, sich den Positionen der Nato anzuschließen? 

Schon vor dem Krieg verfolgte die Organisation keine revolutionäre Strategie, sie sagte nur vage, dass sie die Interessen der arbeitenden Bevölkerung vertrete. Sie bieten hauptsächlich Rechtsberatung an. Sie sind bekannt, weil sie mit linken Organisationen im Ausland zusammenarbeiten. Dabei handelt es sich in der Regel nicht um marxistisch-leninistische Organisationen. Sie sagen, dass die ukrainische Regierung unterstützt werden muss, weil sie einen nationalen Befreiungskrieg führt. Derzeit bieten sie nicht so viel Unterstützung für lokale Arbeitskräfte an, wir leisten diesbezüglich mehr Arbeit.  

Haben Sie Kontakte zu Gruppen in Russland, welche stehen Ihnen politisch nahe? Und wo in der Ukraine sind Sie angesichts der Sicherheitsbedenken aktiv, wenn Sie uns das sagen können?

Wir haben Kontakte, hauptsächlich zur Russischen Arbeiterfront. Es gibt viele linke Organisationen in Russland, aber nur wenige mit guten Positionen, mit denen man zusammenarbeiten kann. Wir haben Genossen in der ganzen Ukraine und Gruppen in allen größeren Städten, mit Ausnahme der annektierten Gebiete. 

Zurück zur Frage des „Umdrehens der Waffen“: Was sind Ihre konkreten Schritte zum Aufbau einer Partei für eine revolutionäre Situation? 

Wir versuchen, auf die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung und der Soldaten, die sich geopfert fühlen, einzugehen. Dabei brauchen wir die Unterstützung unserer russischen Genossen. Ansonsten setzen wir unsere Aufklärungsarbeit fort und versuchen, den Arbeitnehmern bei der Gründung unabhängiger Gewerkschaften zu helfen. Wir hoffen, dass diese Arbeit uns dabei helfen wird, eine kommunistische Partei zu gründen. Wir konzentrieren uns auf unsere Offline-Arbeit, damit wir die Arbeiter und ihre Streiks und Proteste unterstützen können.

Sehen Sie die Chance, die ukrainische Regierung zu Friedensverhandlungen zu zwingen, indem Sie die Waffenlieferungen aus dem Westen stoppen?

Wir glauben nicht, dass die ukrainische Regierung Verhandlungen aufnehmen wird. Das Beste, was Sie tun können, ist, Ihren Kampf gegen die Regierung in der Ukraine fortzusetzen. Andere internationale Organisationen, die die Waffenlieferungen stoppen könnten, sind derzeit zu schwach. 

Die englische Fassung des Interviews:
‚https://www.angryworkers.org/2023/03/05/notes-from-a-meeting-with-comrades-from-the-revolutionary-workers-front-rfu-in-ukraine/

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