Akademiker in Solidarität mit VIOME – eine von den Arbeiter*innen selbstverwaltete Fabrik

Von Arbeiter:innen selbstverwaltete Fabriken und eine ökologisch ausgerichtete Produktion und Produktpalette ohne Profite sind ein Unding und ein Dorn im Auge all derer, die jede Art von Tätigkeit für die kapitalistische Gewinnmaximierung ausschlachten wollen. Also sollen die Arbeiter:nnen Initiativen und auch Kollektive in der Landwirtschaft, wie sie sich vor Jahren in Griechenland ausgebreitet haben, wieder Stück für Stück in eine kapitalistische Verwertung überführt oder auch ganz platt gemacht werden. Die Gegenwehr ist heftig! (Peter Vlatten).

Hier die Erklärung solidarischer Intellektueller, 09.10.23 – Pressenza Athens

Geehrte Kolleginnen und Kollegen,

die meisten von euch haben sicherlich bereits die wiederaufgenommene Arbeit von VIOME durch die Arbeitnehmenden gehört. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von VIOME in Thessaloniki, Griechenland, haben sich gegen Arbeitslosigkeit und Armut gewehrt, indem sie einen langen und harten Kampf geführt haben, um die besetzte Fabrik unter sehr schwierigen Bedingungen selbst zu verwalten. Seit 10 Jahren produzieren und verkaufen sie in den besetzten Räumen ökologische Reinigungsmittel. Sie arbeiten unter gleichen Bedingungen und treffen ihre Entscheidungen kollektiv in einer Betriebsversammlung. Gleichzeitig haben sie eine große Welle der Solidarität von Bewegungen nicht nur in Griechenland, sondern in der ganzen Welt erhalten, die ihren Kampf als ein Symbol für die Menschenwürde betrachten. Es ist zu einem großen Beispiel des Widerstands und der vorbildlichen Praxis geworden.

Wiederholt hat der griechische Staat die Fabrik bedrängt und mit einer Schließung gedroht. Am 20. September 2023 versuchten Vertreter von Investmentfonds, die Fabrik zu betreten und die Arbeiter zu vertreiben. VIOME wurde verschont: Trotz der überraschenden Aktion des Geldgebers und des Bauunternehmers, das Projekt zu zerschlagen, versammelten sich die Arbeiter und Solidaritätsgruppen am Tor und verhinderten die Räumung. Doch noch ist nichts gewonnen, sie werden es wieder versuchen.

Um diesen Angriff zu widerstehen, ist es wichtig, unsere Solidarität mit all jenen zu beweisen, die ihren Körper zu einem Schutzschild gegen Gier, Profit und Zerstörung gemacht haben. Für uns als Mitglieder der akademischen Gemeinschaft, die nach einer alternativen Zukunft streben, ist es entscheidend, uns an diesem Widerstand zu beteiligen, angefangen mit der Unterzeichnung dieser Erklärung.

Ich unterzeichne diese Erklärung in Solidarität mit dem Kampf von VIOME gegen den jüngsten Angriff auf die Räumung der Fabrik, die sie in den letzten 10 Jahren am Laufen gehalten haben. Wir schließen uns dem Widerstand an und bekräftigen unsere Unterstützung für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Unterstützerinnen und Unterstützer, um #Viome am Leben zu erhalten!

Viome steht nicht zum Verkauf!

Viome wird in den Händen der Arbeiter bleiben!

Professor Maria Daskalaki / Oxford Brookes University / mdaskalaki@brookes.ac.uk
Dr Dimitra Vladimirou / Coventry University / dimitravlad@yahoo.co.uk
Dr Dimitris Pettas / Technical University of Berlin / pettasdimit@gmail.com
Prof Denise Kasparian / University of Buenos Aires / dkasparian@conicet.gov.ar
Prof Monika Kostera / University of Warsaw, Poland and University of Södertörn, Sweden / kostera@onet.eu
Prof Iain Munro / Newcastle University, UK
Prof Ignasi Martí / ESADE Business School / ignasi.marti@esade.edu
Dr Emmanouela Mandalaki / NEOMA Business School / emmanouela.mandalaki@neomabs.fr
Dr. Anastasios Hadjisolomou / University of Strathclyde / a.hadjisolomou@strath.ac.uk
Prof Daniel Arenas / ESADE-Universitat Ramon Llull / daniel.arenas@esade.edu
Andrew Kilmister / Oxford Brookes University Business School / ackilmister@brookes.ac.uk
Dr Guilherme Azevedo Audencia Business School gazevedo@audencia.com
Dr Katia Novikova / SWPS University in Warsaw, Poland
Prof Chris Land / Anglia Ruskin University, School of Management
Professor Yuliya Shymko/ Audencia Business School / yshymko@audencia.com
Prof. Bhabani Shankar Nayak / Уniversity for the Creative Arts, UK / bhabani79@gmail.com
Dr Ruth Elizabeth / Slater University of Central Lancashire, UK
Dr. Dimitris Soudias / University of Groningen / d.soudias@rug.nl
Dr Beverly Geesin / Northumbria University, Newcastle Business School
Julien Lafaille / Grenoble Ecole de Management / julien.lafaille@grenoble-em.com
Prof Jason Glynos / University of Essex, Department of Government
Professor Carole Elliott / Sheffield University Management School / carole.elliott@sheffield.ac.uk
Professor Marianne Maeckelbergh / University of Ghent, Belgium / marianne.maeckelbergh@ugent.be
Jes Fernie / University of the Arts London / j.fernie@csm.arts.ac.uk
Professor Marianna Fotaki / Warwick Business School / Marianna.Fotaki@wbs.ac.uk
Professor Andreas Chatzidakis / Royal Holloway University of London / Andreas.Chatzidakis@rhul.ac.uk
Dr. Marco Gottero / Università degli Studi di Torino / marco.gottero@unito.it
Dr Anna Paraskevopoulou / Anglia Ruskin University / anna.paraskevopoulou@aru.ac.uk
Professor Lynne Segal / Birkbeck, University of London / l.segal@bbk.ac.uk
Professor Carine Bouzir / Neoma business school / carine.chemin-bouzir@neoma-bs.fr
Dr. Christina Sakali / Aristotle University of Thessaloniki / christina.sakali@gmail.com
Dr. Cagatay Sahin / Ordu University, Türkiye / cedgucansahin@gmail.com
Dr Dermot O’Reilly / Lancaster University / d.oreilly@lancaster.ac.uk
Dr Stephen Allen / University of Sheffield / stephen.allen@sheffield.ac.uk
Aleksandra Hall / University of Ghent / aleksandra.hall@ugent.be
Dr Alia Weston / OCAD University / aweston@ocadu.ca
Dr Anke Strauß / Eberswalde University for Sustainable Development / anke.strauss@hnee.de
Prof Alison Pullen / Macquarie University

Wir danken Pressenza für die Publikationsrechte, der Beitrag erschien am 9.10.2023 hier

Titelbild aus Pressenza 9.10.2023

Nicht erst nach Feierabend

Plädoyer für politische Streiks als Antwort auf die Krise des Parteiensystems

Niemand stellt die Machtfrage. Das ist der strategische Vorteil der »Dagegenpartei« AfD, aber auch eine Chance für die Gewerkschaften, neue Attraktivität zu gewinnen.

Von Marco Höne

Die AfD im Höhenflug: 21 Prozent der Befragten würden sie wählen. Die Partei träumt von echten Chancen auf die Macht. Gründe für die Attraktivität? 67 Prozent ihrer potenziellen Wähler*innen geben laut ARD-Deutschlandtrend an, die Partei wählen zu wollen, weil sie von der Politik der anderen Parteien enttäuscht sind. Vor allem die Regierungsparteien sorgen demnach für Frust. Eine Protestwahl also. Soziologisch fällt zudem in den Blick, dass die Partei besonders bei Erwerbstätigen punkten kann. Welchen Reiz hat gerade hier ein Widerstand an der Wahlurne – zumal ein dysfunktionaler, wenn man sich vor Augen führt, dass die Programmatik der Partei vor allem Wohlsituierten nützt? Und wie kann diese destruktive Energie wieder konstruktiv genutzt werden?

Störung der parlamentarischen Gemütlichkeit

Was die AfD vermag, ist, klare Frontstellungen zu beziehen. Hier die AfD, dort alle anderen Parteien. Sie stellt eine Machtfrage an der Konfliktlinie (völkisch-) konservativ versus liberal und produziert damit größte Aufregung. Auch an der Konfliktlinie Ökologie versus Ökonomie gelingt ihr diese Polarisierung. Die AfD in Verantwortung kommen zu lassen, verspricht eine echte Verschiebung der Macht in diesen gesellschaftlichen Konfliktfeldern. Das erzeugt Spannung.

Die Klärung dieser Fragen ist die Aufgabe des Parlaments. Woher die Aufregung? Diese Machtfragen stören die parlamentarische Gemütlichkeit. Die bisher regierenden Parteien bieten keine Richtungsentscheidungen mehr an. Es gibt keine Polarisierung zwischen SPD und CDU oder Grünen und FDP. Sie scheinen ihre Rolle gemeinschaftlich in der Moderation der Gesellschaft zu sehen. Immer bemüht, alle relevanten Interessengruppen auszutarieren. Dabei ist man sich im Pfad weitgehend einig. Alle vertreten eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, eine transatlantisch geprägte Außenpolitik und auch eine grundsätzlich liberale Haltung hinsichtlich individueller Lebensentwürfe.

In der umkämpften »Mitte« regieren nur Akzente. Rente mit 67 – mit oder ohne Ausnahmen? Kohleausstieg bisschen früher oder bisschen später? Wie viele Waffen liefern wir der Ukraine – viel oder sehr viel? Auf dem CSD wurden schon alle Mitte-Parteien gesichtet. Größere Verschiebungen bleiben aus. Das mag schön berechenbar sein. Angesichts von Klimawandel und disruptiver Digitalisierung sind aber keine Beharrungskräfte gefragt. Die großen Konflikte bleiben unbefriedet; die Wahlentscheidung ist letztlich unwirksam. Man mixt die Parteien seit 20 Jahren und bekommt immer dieselbe Geschmacksrichtung. Ob noch Merkel oder schon Scholz regiert, können nur feinste Gaumen herausschmecken.

Ein Indiz der Beliebigkeit ist die Spendenliste des Bundestagspräsidenten. So fand der Verband der Bayrischen Elektroindustrie in diesem Jahr seine Interessen bei SPD, FDP und CSU wieder, also bei den Parteien, die sich an der Konfliktlinie von Kapital und Arbeit gegenüberstehen sollten. Die Autovermietung Sixt unterstützte 2022 Grüne wie auch FDP, die theoretisch in der Frage Ökologie versus Ökonomie in verschiedenen Ecken stehen. Die Deutsche Vermögensverwaltung verteilte ihre Zuwendungen 2021 an SPD, Grüne, CDU und FDP. Offensichtlich stehen alle für eine gute Vertretung der Kapitalanlegerinteressen. Ebenso wenig konnte sich die Flossbach von Storch-Bank zwischen Grünen und FDP entscheiden. Nur unpässliche Linke und die völkische AfD tauchen in diesem Spiel der Beliebigkeit nicht auf, auch wenn die Blauen ebenfalls reiche Gönner besitzen.

Warum sind Erwerbstätige in dieser Situation besonders von der Protestwahl angezogen? Die Antwort liegt in ihrer Lebensrealität: sinkende Reallöhne, steigende Verbraucherpreise, unbezahlbare Immobilien und klamme Kommunen, die immer weniger Daseinsfürsorge liefern. Atypische Beschäftigung wächst und macht Lebenswege unwägbarer. Im Gegenzug sammelt sich der Wohlstand des Landes bei einer kleinen Zahl Schwerstreicher. Moralisch richtige Sätze wie Merkels »Wir schaffen das« treffen auf immer mehr Menschen, die materiell schon länger nicht mehr wissen, wie sie überhaupt etwas »schaffen« sollen. Mit der geringen Aussicht auf Kursänderungen bei den etablierten Parteien kann die Protestwahl als die letzte aktive Option an der Wahlurne erscheinen, bevor man sich mit der Nichtwahl an den Spielfeldrand stellt. Die Linke hat ihren Protestnimbus verloren, andere Kleinstparteien erzielen keine Effekte. Angst und Schrecken im Schlafwagen verbreitet nur die AfD. Seit 1983 hat sich die Zahl der Nichtwählenden verdoppelt.

Man kann nun mit gutem Gewissen Wählerbeschimpfung betreiben, weil Faschismus keine Akzeptanz verdient. Oder man fragt sich, wo Menschen, die keine Repräsentation mehr finden und auf destruktiven Irrwegen sind, konstruktiv abgeholt werden könnten, wenn nicht im Parteiensystem?

Blicken wir aus dem Parlament heraus: Mit Black Lives Matter, Vonovia enteignen oder eben auch den Schwurbelprotesten gegen die Corona-Maßnahmen haben sich in jüngerer Zeit immer wieder Bewegungen gebildet, die konkrete Machtfragen stellen. Sie richten ihre partikulare Forderung an die Politik. Diese erhört sie – oder eben auch nicht. Die Verzweiflung des zivilen Ungehorsams der Klimakleber bringt Aufmerksamkeit, aber übt keinen echten Druck auf die Mächtigen aus. Nicht selten mündet der Aktivismus der Straße in eine Ohnmachtserfahrung.

Gewerkschaften als politische Akteure

Eine Interessensorganisation in Deutschland kann außerhalb des Parlamentarismus Machtfragen mit eigenen Mitteln klären: Gewerkschaften. Sie tragen naturgemäß viel Konfliktbereitschaft in sich. Das erlebt man bei Streiks, wo Strittiges in echte Stärketests überführt wird. Die Konfliktbereitschaft sieht man in den Anstrengungen, das sogenannte »Organizing« als Praxis in den Betrieben anzuwenden, um bessere Durchsetzungsfähigkeiten zu erlangen. Und neben der üblichen Routine, Inflation und Produktivitätssteigerung dem Arbeitgeber als Rechnung zu präsentieren, kommen in Tarifrunden auch immer wieder Forderungen auf die Agenda, die auf echte Verbesserung der Lebenswelt arbeitender Menschen zielen, so wie zusätzliche freie Tage für Pflege oder zurzeit die Debatte um die Vier-Tage-Woche. Mal mehr, mal weniger zugespitzt, gewiss. Aber im Zweifel wird die Sache mit einer Machtprobe geklärt. Man hat die Chance, für seine Interessen einzustehen und auf Sieg zu spielen.

Jedoch: Die Gewerkschaftsbewegung ist nicht gut gealtert. Die Organisierungsgrade sinken. Immer weniger Unternehmen sind tarifgebunden. Auch Gewerkschaften müssen sich also fragen, wie ihr Nutzen wieder größer werden kann. Die Menschen laufen ihnen nicht automatisch in Scharen zu.

Vertretungslücke als Chance

Die funktionale Lücke des Parteiensystems könnte Quelle neuer Attraktivität sein. Die Gewerkschaften könnten sich anbieten, stärker in die Machtfragen der Gesellschaft einzusteigen. Der Streik als politische Praxis gibt kollektiven Interessen dabei eine echte Möglichkeit zur Klärung. Er sollte nicht nur in Betrieben und Tarifrunden zur Anwendung kommen. Im Grunde sind Demonstrationen ohne Streik kollektives Betteln. Die Arbeitsniederlegung ist die echte Machtprobe in der Gewichtung von Interessen. By the way: Die Mehrheit der Bevölkerung ist lohnabhängig beschäftigt. Warum gibt es kein Rentensystem, das ihnen Sicherheit im Alter gibt, warum gibt es nicht flächendeckend Löhne, die gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, warum gibt es zwei parallele Krankenkassensysteme? Weil die Erwerbstätigen ihre einzige Trumpfkarte, die Masse, nicht zücken können.

Ein gewagter Gedanke, da politische Streiks in der herrschenden Meinung als verboten gelten. Begründet durch ein 1952 gefälltes Urteil des Freiburger Landesgerichts zum »Zeitungsstreik«, das auf einem Gutachten von Hans Carl Nipperdey beruhte. Dieser hat seine juristische Karriere im Nationalsozialismus begründet. Dass sein Denken von einem autoritären Staatsverständnis geprägt wurde, liegt nahe. Nipperdey führte in seinem Gutachten aus, dass Streiks nur zulässig seien, wenn sie auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen abzielten. Druck auf die Gesetzgeber auszuüben, sei, so seine Argumentation, nicht legitim.

Gesetzlich ist dieses »Verbot« nicht verankert. Es ist sogenanntes Richterrecht. Es obliegt den gesellschaftlichen Kräften, hier bei Bedarf das Grundgesetz neu zu verhandeln. Keine Fantasterei: Verdi hat im März 2023 die eigenen Tarifforderungen im öffentlichen Dienst mit den Anliegen von Fridays for Future verknüpft, beide Organisationen gingen zum globalen Klimastreik gemeinsam auf die Straße. Im Jahr 2007 rief die IG Metall zum »Protest während der Arbeitszeit« gegen die Rente mit 67 auf. Und es gibt noch mehr Beispiele, bei denen Versuche unternommen wurden, die Arbeiterbewegung auch außerhalb von Betrieben wirksam werden zu lassen.

So könnten die drängenden Machtfragen gestellt werden – ohne Bettelei beim ermüdeten Parlamentarismus. Politischer Streik wäre konstruktiver als eine Protestwahl und selbstwirksamer als das Nichtwählen. Die gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen von Transformation und Digitalisierung könnten über den Werkszaun hinweg an Tarifkonflikte angedockt werden. Tarifpolitik und Kampagnenarbeit könnten noch stärker verzahnt werden. Die Legislative aus dem Zuschauerraum zu holen, wäre die Idee. Es geht nicht nur um die Vier-Tage-Woche in einem Stahlwerk; es geht um die Frage, wie wir arbeiten und leben wollen. Wie viel Recht auf Freizeit sollten Menschen haben? Es geht in den kommenden Tarifrunden nicht nur darum, wie Beschäftigte für die Transformation qualifiziert werden, sondern auch um die Fragen: Wer produziert eigentlich was? Und ergibt das überhaupt Sinn? Brauchen wir nicht eine neue Debatte über Eigentumspolitik? Ein attraktiver ÖPNV braucht gute Beschäftigung. Die Frage der Infrastrukturinvestitionen gehört in den Konflikt hinein. Krankenhäuser brauchen keine Profitlogik, sondern Personal, das allein die Genesung ihrer Patienten motiviert. Können tarifliche Forderungen mit der Frage Deprivatisierung verbunden werden? Das Bildungssystem ist keine schnöde Aufbewahrungsstätte, es ist wichtig, Lehrkräfte zu haben, die nicht am Rande des Burn-out stehen.

Gegen diese Sichtweise stehen andere Interessen im Raum. Superreiche wollen keine Erbschaftssteuer zahlen, Shareholder zweistellige Renditen erlangen und Konzerne alles für ihren Profit verwertbar machen. Diese somit gegensätzlichen Interessen gilt es, als Gesellschaft auf dem Boden des Grundgesetzes auszufechten. Wieviel konzentrierten Reichtum will die Mehrheit mit ihren Verzichten bezahlen? Die Gewerkschaften könnten mit einer neu gelebten Koalitionsfreiheit mit dem Streik als politischer Praxis ein Angebot zur Sammlung sein. Denn: Diese Machtfragen stellen sich nicht nur nach Feierabend.

Marco Höne ist Gewerkschaftssekretär und Mitglied der Linken.

Erstveröffentlicht im nd vom 21.9. 2023


Wir danken für das Abdruckrecht.

‘No Justice, No Jeeps!’ Szenen des Automobilarbeiterstreiks in den USA

Mitglieder der UAW-Ortsgruppe 372 in Michigan nahmen an einer Streikpostenübung teil. Die Beschäftigten in einigen Werken der Big 3 könnten bereits am Donnerstag nach Mitternacht in den Streik treten. Foto: UAW.

Von Keith Brower BrownLuis Feliz LeonJane Slaughter

Der Streik geht weiter. Gestern Abend legten die Autoarbeiter (UAW) drei große Montagewerke bei Ford, General Motors und Stellantis (ehemals Chrysler) still. Es ist das erste Mal in der Geschichte der Gewerkschaft, dass sie alle drei Unternehmen gleichzeitig bestreikt. Die neuen UAW-Führer hielten die Pläne für die zu bestreikenden Werke streng geheim und verließen sich darauf, dass die Mitglieder eher bereit sind, schnell in Aktion zu treten als die Unternehmensleitung. Die Strategie scheint bisher erfolgreich zu sein, denn es gibt zahlreiche Berichte über Manager, die überrascht wurden, nachdem sie kostspielige Materialbewegungen zur Streikvorbereitung in den falschen Werken vorgenommen hatten. In jedem bestreikten Werk haben die Autoarbeiter innerhalb von nur einer Stunde starke, jubelnde Streikposten organisiert. Hier sind die Berichte von Labor Notes-Reportern vor Ort.

MISSOURI AUF DEM MARSCH

Um 22.30 Uhr zentraler Zeit beendete Kim Forschim ihre achtstündige Schicht, in der sie im GM-Montagezentrum in Wentzville bei St. Louis die Frontverkleidung von Chevy Colorado-Lkw montierte. Die Nachricht vom Streik hatte sich wie ein Lauffeuer in der Belegschaft verbreitet. Die Manager hatten aus Angst vor Sabotage die Türen zu den Toiletten schon Minuten vor Streikbeginn verschlossen.

Mit hundert anderen machte sich Forschim auf den Weg zur Halle der UAW-Ortsgruppe 2250, um sich für die erste Streikpostenschicht zu melden. Die fünf Jahre, die sie seit 2017 als Zeitarbeiterin gearbeitet hatte, motivierten sie dazu, für höhere Löhne und die Abschaffung des Tarifvertrags zu kämpfen.“Was mich wirklich ärgert, ist, dass in den Nachrichten so getan wird, als bekämen wir 60 oder 70 Dollar pro Stunde“, sagte Forschim in der Leitung. „Keiner von uns verdient so viel! Wir bekommen $32 pro Stunde, wenn wir Glück haben. Neue Aushilfskräfte bekommen 16 Dollar die Stunde und keine Gehaltserhöhung, keinen Urlaub, keine Krankheitstage. Es ist schwer, so zu leben.“
Als die Streikuhr um 23.00 Uhr schlug, sprangen 15 Teams aus Lieferwagen, um jedes Tor des Werks zu besetzen. Die Arbeiter der Nachtschicht legten die Arbeit nieder und fuhren in einer 40-minütigen Prozession hupend und schreiend von den Parkplätzen weg.

Forschim sagte, die neue Reformführung der UAW leiste „hervorragende Arbeit. Sie haben viel mehr mit uns kommuniziert. Sie verkaufen uns nicht mit weniger. Die alte Führung hat alles für sich behalten, weil sie nur auf sich selbst und nicht auf die Mitglieder bedacht war. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum sie im Knast sitzen.“

HARTER KERN, ALTE SCHULE

Die Ortsgruppe in Wentzville, Missouri, hat stolz an einer Kultur des „harten Kerns, der alten Schule“ festgehalten, wie es ein älterer Arbeitnehmer ausdrückte. In den 1980er Jahren waren die Mitglieder hier neben anderen Betrieben in ganz Missouri eine treibende Kraft für die Reformgruppe New Directions, die sich für eine demokratische Gewerkschaft und für betriebliche Aktionen gegen Zugeständnisse einsetzte.

Der Ortsverband hat sich erfolgreich gegen die Auslagerung von Arbeitsplätzen in der Teileverarbeitung an nicht gewerkschaftlich organisierte oder untergeordnete Arbeitnehmer gewehrt. Durch koordinierte Verweigerungen haben die Beschäftigten das Recht auf einen Arbeitsplatz behalten, anstatt gezwungen zu sein, zwischen drei Arbeitsplätzen zu rotieren. Arbeitsplatzrotation und Outsourcing sind in vielen GM-Werken zu weit verbreiteten Zugeständnissen geworden.

Tommy Spraggins ist seit 38 Jahren Produktionsarbeiter in Wentzville. Er erzählte den anderen Streikposten am Freitagmorgen fröhlich, wie er plante, „mit Nein zu stimmen, wenn die Lohnerhöhung gleich zu Beginn nur 10 Prozent beträgt. Das sind nur 3 Dollar pro Stunde“.

„Die GM-Chefin hat seit unserem letzten Vertrag 36 Prozent mehr bekommen und verdient 26 Millionen Dollar“, sagte Spraggins. „Wie Fain schon sagte, sie prellen die amerikanische Öffentlichkeit um Milliardengewinne. Das haben sie nicht verdient, wenn sie rumsitzen und Bonbons essen.““Und sie bekommen nicht unsere geschwollenen Knie“, meldete sich Krissy Spencer zu Wort, die seit 12 Jahren in dem Werk Karosserien und Transporter montiert.

Die Arbeitsplatzsicherheit ist ein heißes Thema in Wentzville. GM hat erklärt, dass es seinen profitablen Transporter bis 2026 aus dem Werk entfernen wird. Die Arbeiter an der Linie diskutierten Gerüchte, dass eine derzeitige Erweiterung des Karosseriebaus eine elektrische Version dieses Transporters bringen würde.

Ron Rottger, der seit 38 Jahren dabei ist, sagte, dass das Werk die Arbeit mit Elektrofahrzeugen (EV) begrüßen würde, aber nicht ohne Bedenken. „Für Stellantis waren Elektrofahrzeuge ein Vorwand, um viele Werke zu schließen, wie zum Beispiel Belvidere. Es könnte sein, dass es nicht so viele Arbeitsplätze wie bei uns gibt. Deshalb müssen wir die Batteriewerke organisieren, wie es Ultium getan hat.“

Die drohende Verlagerung von Arbeitsplätzen nach Mexiko kam zur Sprache, aber auch die Solidarität mit den mexikanischen Arbeitern. Als bei der morgendlichen Mahnwache ein GMC Terrain SUV vorbeifuhr, wies ein Arbeiter darauf hin, dass er in Mexiko gebaut wird.

Jennifer Ryan, die seit acht Jahren in dem Werk arbeitet, meldete sich zu Wort: „Habt ihr das Video gesehen, mit dem die mexikanischen Arbeiter uns unterstützen? Sie haben eine neue Gewerkschaft und das ist großartig.“ Der andere Arbeiter, der auf den Terrain hingewiesen hatte, stimmte mit Begeisterung zu. Ryan sagte: „Die verdienen da unten manchmal nur 40 Dollar pro Woche, wenn sie so arbeiten wie wir. Das muss sich auch ändern.“

Während sich die Tagesschicht aufwärmte, erzählten die Arbeiter von ihrem 40-tägigen Streik im Jahr 2019 und nahmen sich vor, ihn diesmal so lange wie nötig durchzuhalten. Ein UPS-Lkw fuhr vorbei und hupte zur Unterstützung. Spraggins sagte: „Wenn wir die Renten und die Gesundheitsversorgung [für die Rentner] zurückgewinnen wollen, dann machen wir es so, genau hier“.FORD MICHIGAN MONTAGEDie Arbeiter im Ford-Werk für Bronco und Ranger westlich von Detroit waren fassungslos, als sie am Donnerstag um 22 Uhr die Nachricht erhielten. „Die Leute sind fassungslos, denn wir sind wirklich betroffen“, sagte Lee Maybanks mit großen Augen. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Ford hat seit 1978 in keinem seiner Werke mehr gestreikt.

Die Unternehmensleitung schickte die Arbeiter um 11 Uhr nach Hause und wartete nicht auf die Streikfrist um Mitternacht. Nach Mitternacht schwärmten die Streikposten schnell aus, um die vielen Tore des Werks zu bewachen, während sich andere auf der anderen Straßenseite versammelten, begleitet von skandierenden Unterstützern und einigen Arbeitern aus anderen Werken. Der dichte Verkehr auf der Michigan Avenue ließ die Hupen unaufhörlich ertönen. Gelegentlich ertönte der Ruf „No Deals, No Wheels!“.
Die Ankunft des UAW-Präsidenten Shawn Fain löste einen Medienrummel aus – der Mann konnte seine Absicht, die Linie zu gehen, kaum umsetzen. „Es ist wie Beatlemania hier“, sagte ein UAW-Mitarbeiter. Fain versuchte, die Reporter zu ermutigen, den einfachen Mitgliedern zuzuhören.Maybanks‘ Großvater arbeitete in dem Werk. Nach weniger als zwei Jahren Betriebszugehörigkeit ist sein Problem die angemessene Bezahlung, da die Inflation hoch ist.

Der Mühlenbauer Dave Briseno steht mit seinen 24 Berufsjahren an der Spitze der Lohnskala, ist aber dennoch der Meinung, dass die Renten für die Beschäftigten der zweiten Schicht ein wichtiges Thema sind. „Eine Rente ist eine große Sache“, sagte Briseno. „In der Vergangenheit kamen die Leute hierher, um Karriere zu machen. Die neuen Leute sehen das anders: ‚Ich kann einen Job bei Walmart bekommen‘.

„Es hat die letzten beiden Verträge gebraucht, um diese Leute dorthin zu bringen, wo sie jetzt sind, und es gibt immer noch Abstufungen.“

Wie die meisten Automobilarbeiter erinnert sich Briseno an die Opfer, die die Beschäftigten gebracht haben, als die Unternehmen während der Großen Rezession Zugeständnisse forderten. „Wir haben mit ihnen zusammengearbeitet“, sagte er. „Jetzt wollen sie nicht mehr mit uns arbeiten. Wir machen weniger als 7 Prozent der Kosten eines Fahrzeugs aus. Die 21 Millionen Dollar, die [Ford-CEO] Jim Farley bekommt – so viel Geld brauchen sie nicht. Es heißt: ‚Lasst uns den kleinen Mann bescheißen'“.

Briseno erwartet nicht, dass die Gewerkschaft alle ihre ehrgeizigen Forderungen durchsetzen kann: „Ich erwarte keine 32-Stunden-Woche“, sagte er. „Das ist eine europäische Sache.“

Eine Mitarbeiterin der ersten Schicht, die ihren vollen Namen nicht nannte, hoffte, dass der Streik die Schichten abschaffen würde, „damit die Leute nicht sechs oder acht Jahre warten müssen“, sagte sie. „Ich war nach drei Jahren am Ende. Die alten [Beschäftigten der ersten Schicht] wollten das nie für sie [nachfolgende Beschäftigte].“

STELLANTIS IN OHIO

In Ohio versammelten sich die Arbeiter der ersten Schicht des Toledo Assembly Complex vor dem Tor 12 des Werks, unter riesigen Buchstaben mit der Aufschrift „World Class Manufacturing“. Die Arbeiter klatschten und jubelten, als immer mehr ihrer Kollegen durch die Drehkreuze gingen. Irgendwann fingen sie an, „No More Tiers“ zu skandieren.Zur Feier des Tages posierten die Arbeiter für Fotos. Ein schwarzer Arbeiter, der seinen Namen nur Danny nannte, trug ein schickes, komplett rotes Outfit.“Wir schreiben heute Geschichte, Baby“, sagte er. „Ich vertrete mein Volk. Und ich lasse euch wissen – so kommen wir, und wir kämpfen für das, was richtig ist.“

Ganz oben auf seiner Liste stehen gleiche Löhne und Sozialleistungen für alle Arbeitnehmer. „Die Wirtschaft ist im Arsch“, sagte Danny. „Ich kenne Leute, die kämpfen, um ihre Familien zu ernähren und ihre Miete zu bezahlen. Ich kenne Frauen, die versuchen herauszufinden, ob sie zuerst die Miete oder die Kinderbetreuung bezahlen sollen. Sie werden nicht gleich bezahlt. Ich kenne Zeitarbeiter, die seit sechs Jahren hier sind und nicht fest angestellt sind.

Gestern, so Lauren McCallum, sei ein Vorgesetzter auf sie und einen anderen Gewerkschaftsmitarbeiter zugegangen und habe gesagt: „Ihr verdient keine 47 Prozent. Ihr arbeitet nicht hart genug, um das zu bekommen.“

„‚Ich will nicht einmal die 47 Prozent‘, erwiderte sie. „‚Ich hätte gerne eine Rente.‘ Und er sagte: ‚Oh, das werden Sie nicht bekommen. Diese Zeiten sind längst vorbei.‘
„Und ich habe mich nicht einmal aufgeregt“, sagte sie. „Es ist einfach so, dass wir unsere Forderungen ernst nehmen. Wir opfern uns von oben bis unten auf. Auch wenn wir vielleicht nicht alles sofort bekommen, müssen wir etwas bekommen, um zu zeigen, dass das Rad in die Richtung läuft, die wir brauchen.
„Die Zeit ist jetzt reif. Tu das Richtige für die Menschen, die das Richtige für dich tun.“

Am Tor 14, auf dem der Name des Stellantis-Vorgängers Chrysler prangte, hoben sich die Schatten der Arbeiter von dem silbernen Namensschild ab, als sich die Arbeiter um das Verbrennungsfass versammelten und skandierten: „No Justice, No Jeeps!“ Die Arbeiter in diesem Werk stellen den Jeep Wrangler, den Wrangler 4XE und den Jeep Gladiator her.
Gegen 2 Uhr morgens drängten sich die Arbeiter um ein Verbrennungsfass. Die Nacht wurde kühl, aber das Hupen der vorbeifahrenden Fahrzeuge hob die Stimmung; Fäuste und Streikpostenschilder wurden hoch in die Luft gestreckt. Eine Arbeiterin, die aus dem kürzlich geschlossenen Werk Belvidere in Illinois gewechselt war, warf Papier in die Verbrennungstonne. Auf die Frage, was das sei, scherzte sie, es sei der abgelaufene Vertrag.Sysco Garza, ein Mechaniker, schlug einen Solidaritätskonvoi vor, um die Medien auf den Streik aufmerksam zu machen. „Jeder, der einen Jeep besitzt, sollte um diesen ganzen Komplex herumfahren“, sagte er.

„Wir befinden uns etwa seit den 1970er Jahren auf dieser Talfahrt“, sagte Korbin Friend, Mitglied der Reformfraktion Unite All Workers for Democracy, die sich für das Recht der Mitglieder auf Direktwahl der Gewerkschaftsspitze einsetzte und dann Fain und die übrigen Reformkandidaten unterstützte. Er ist ein weiterer Versetzter aus dem stillgelegten Werk in Belvidere und jetzt Streikpostenführer.

Er erinnert sich daran, was ihm ein Kollege aus Belvidere über die verheerenden Auswirkungen von Werksschließungen erzählte. „Stell dir vor, jeder, mit dem du zusammenarbeitest, würde auf einmal 50 Pfund zunehmen oder sich umbringen“, erinnert sich Friend an die Worte des 25-jährigen Veteranen. „Das ist es, was in diesen Gemeinden passiert, wenn diese Unternehmen Zahlen in einer Tabelle über die amerikanischen Arbeiter stellen, die die Fahrzeuge bauen.“

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Kurt Weissenbach
https://labornotes.org/2023/09/no-justice-no-jeeps-scenes-auto-workers-strike

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