Deutsche Rojava-Delegation von türkischen Behörden misshandelt

Auf einer Pressekonferenz von People’s Caravan schilderten Aktivistinnen ihre Erlebnisse in Nordkurdistan und in türkischer Haft. Sie berichten von Überwachung, Festnahmen und Misshandlungen durch türkische Behörden – sowie von ungebrochenem Widerstand und Solidarität.

Bild: Perspektive Online, CC BY-NC-SA 4.0

Die Friedenskarawane für Rojava startete ursprünglich mit 150 Genoss:innen aus verschiedenen Teilen Europas: Journalist:innen, Ärzt:innen, Lehrer:innen und Aktivist:innen wollten ihre Solidarität mit den Menschen in Kobanê und ganz Rojava zeigen und vor Ort helfen. Auf dem Weg zur türkischen Grenze organisierten sie in mehreren Städten Pressekonferenzen. Die jüngste Pressekonferenz fand am Donnerstag – inzwischen wieder in Deutschland – statt.

Nur 29 Teilnehmer:innen erreichten letztlich Istanbul. An der griechisch-türkischen Grenze wiesen die Behörden einen Buskonvoi ab. In der Hauptstadt der Türkei wurden sie von Genoss:innen der Halkların Demokratik Partisi (HDP) und der DEM Parti empfangen. Die Gruppe reiste dann weiter in die türkisch-syrische Grenzregion. Türkisches Militär und Polizei überwachten sie durchgehend.

Misshandlungen in türkischer Haft

Als sie am Freitag, dem 30. Januar, versuchten, die Grenze zu überqueren und nur noch wenige Kilometer von Kobanê entfernt waren, nahmen türkische Einheiten sie fest und brachten sie in Abschiebehaft. Als Begründung nannten die Behörden eine Überschreitung der Aufenthaltsdauer.

In einem Gefangenenbus transportierten die Behörden die Festgenommenen zurück nach Istanbul. Während der rund 20-stündigen Fahrt wurden die Gefangenen fortlaufend schikaniert. Man verbot kurdischen Gefangenen, kurdisch zu sprechen, und zwang sie, türkisch zu benutzen. Wasser und Toilettengänge wurden über lange Zeit verweigert. Im Abschiebegefängnis schließlich wurden die Inhaftierten psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt ausgesetzt.

Mehrere Aktivist:innen weigerten sich, die Zellen zu betreten. Sicherheitskräfte griffen sie daraufhin an. Sieben bis acht Wärter:innen traten eine Person am Boden zusammen. Als sie das Bewusstsein verlor, fesselten sie sie mit Kabelbindern und warfen sie in eine Zelle. Über das Wochenende versuchten die Inhaftierten, das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft zu kontaktieren. Die ersuchten Stellen kündigten konsularische Hilfe erst nach dem Wochenende an.

Erst durch den Druck von Mitgliedern der HDP und der DEM Parti setzten die Behörden 20 Personen am Sonntagmorgen, dem 1. Februar, in ein Flugzeug, das sie außer Landes brachte. Für den Transport zum Flughafen steckten türkische Einheiten einige in Zwangsjacken. Mehrere Männer zerrten eine weibliche Teilnehmerin in einen Raum, entblößten sie und zwangen sie in eine Zwangskutte.

Internationalistische Delegation ebenfalls inhaftiert und drangsaliert

Eine 13-köpfige internationalistische Delegation machte ähnliche Erfahrungen. Sie unterstützte vom 24. bis 28. Januar in Amed kurdische Genoss:innen bei Protesten. Obwohl der türkische Staat ein Demonstrationsverbot verhängt hatte, machten die Aktivist:innen bei mehreren Veranstaltungen auf die Lage in Kobanê aufmerksam. Am 28. Januar nahm der Staat die Gruppe fest, schlug auf sie ein und transportierte sie in einem Bus ab.

Die Behörden nannten weder Gründe für die Inhaftierung noch erklärten sie Rechte. Sie brachten die Gruppe nach Istanbul und wandten Berichten zufolge ebenfalls physische, insbesondere sexualisierte Gewalt an. Sie hielten die Aktivist:innen in Isolationshaft und rissen weiblichen Gefangenen Zöpfe heraus. Als die Delegation schließlich im Flugzeug saß, holten Sicherheitskräfte sie wieder heraus, weil sie Mitreisende über die Vorfälle informiert hatten.

Erneut misshandelten sie die Aktivist:innen so schwer, dass eine Person das Bewusstsein verlor. Immer wieder betraten Beamte die Zellen, zeigten Hitlergrüße oder spielten Videos getöteter kurdischer Kämpfer:innen ab. Trotz allem blieb die Delegation standhaft. Inzwischen befindet sie sich wieder in Deutschland.

Widerstand und Solidarität ungebrochen

Auf der Pressekonferenz betonten die Betroffenen, ihr Leid halte sich aufgrund ihrer Herkunft noch in Grenzen. Kurdische Genoss:innen seien täglich deutlich härterer Repression ausgesetzt. Zwei Tage nach der Abschiebung nahmen die Repressionsbehörden 120 Sozialist:innen, Künstler:innen und Andersdenkende in der Türkei fest. Gruppen in Deutschland fordern nun ihre Freilassung sowie die anderer politischer Gefangener, darunter Abdullah Öcalan.

Die Solidarität mit dem kurdischen Volk bleibt auf der Tagesordnung. Trotz eines bestehenden Friedensabkommens belagern Kräfte weiterhin Kobanê. Berichten zufolge befindet sich die kurdische Bevölkerung dort in einer katastrophalen humanitären Lage und benötigt dringend Hilfe.

Erstveröffentlicht auf „perspektive online“ v. 13.2. 2026
Deutsche Rojava-Delegation …

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Linke gefangen in Grenzen

Warum sind selbst das Kapital und Rechtsextreme international besser vernetzt als Linke, fragt nd-Kolumnistin Nelli Tügel

Bild: DIE LINKE Schwalm

Kürzlich war ich Zuhörerin einer Podiumsdiskussion; es ging darum, den gegenwärtigen Kapitalismus zu verstehen, und wurde – logisch – recht global. Schließlich sagte der Linke-Politiker Harald Wolf, dass es »eigentlich« eine neue Internationale bräuchte. In dem Satz steckt eine einfache Wahrheit, doch gilt die Idee heute vielen Linken als naive Fantasie.

Wie kann das sein? Wo doch die Geschichte der Arbeiter*innenbewegung von Beginn an eine Geschichte der grenzübergreifenden Vernetzung und Debatte war? Wie konnte es zu der absurden Situation kommen, dass heute nahezu alle – Kapital, Staaten, Superreiche und Rechtsextreme – stärker international miteinander verbunden und handlungsfähiger sind als wir Linken, deren Vordenker den Imperativ »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« schon 1848 formuliert hatten?

Klar, Linke schreiben sich gern den Abbau von Grenzen ins Programm oder Parolen wie »No borders, no Nations« auf Demotranspis. Doch geht es um Organisierung, Strukturen und Strategien, sind Borders und Nations zumeist – Ausnahmen wie die kurdische Bewegung bestätigen die Regel – das, woran sich Gruppen oder Parteien orientieren. In ihrer Frühphase war die Arbeiter*innenbewegung viel weiter, obgleich heutige technische Voraussetzungen besser sind.

Woran also liegt es? Ein Grund dürfte die Geschichte der Internationalen und ihr Ende sein: Die erste von ihnen, die von Marx mitgegründete Internationale Arbeiterassoziation, löste sich mit der Spaltung von den Anarchist*innen auf; die zweite Internationale implodierte wegen des epischen Versagens ihrer Anführer zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Die dritte Internationale war organisatorisch wohl am ausgereiftesten, sie unterhielt einen großen Apparat kosmopolitischer, international agierender Hauptamtlicher. Wie der Stalinismus dem Ganzen ein grausiges Ende setzte, lässt sich dann in Eugen Ruges »Metropol« oder Wolfgang Leonhards »Die Revolution entlässt ihre Kinder« nachlesen. Die vom sowjetischen Diktator befohlene Selbstauflösung der Komintern 1943 zog einen Schlussstrich unter die internationale Organisierung der Arbeiter*innenbewegung. Alle weiteren Versuche – die trotzkistischen Internationalen, die Zusammenarbeit der dekolonisierten Staaten Afrikas, später die Antiglobalisierungsbewegung – sind an das Niveau der Vorstalin-Ära nicht mehr herangekommen.

Hinzu kommt die sozialdemokratische, seit 1914 hauptsächlich am Nationalstaat orientierte Prägung der Gewerkschaften, die nie eine dem Globalisierungsgrad des Kapitals angemessene Strategie gefunden haben. Dabei hatte es schon Mitte des 19. Jahrhunderts Gewerkschaften mit multinationaler Mitgliedschaft und grenzübergreifender Hilfe bei Streiks gegeben. Heute: in vielen Ländern und Branchen undenkbar.

So sehr sich diese Misere historisch herleiten lässt, das Ergebnis bleibt eine Katastrophe. Denn noch viel naiver, als sich eine neue Internationale vorzustellen, ist der Glaube, man könne gegen Kapital, Superreiche und Rechte wirklich etwas ausrichten, ohne mit den eigenen Strategien, Debatten und Aktionen die Grenzen der Nationalstaaten zu überschreiten.

Nelli Tügel ist Redakteurin der Monatszeitung »analyse & kritik« und freie Journalistin. Hier nimmt sie Ausbeutung, Arbeiter*innenbewegungen und linke Strategien unter die Lupe.

Erstveröffentlicht im nd v. 19.2. 2026
Linke gefangen …

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Warum der Westen zu den Angriffen auf Rojava schweigt

Die HTS führt einen Feldzug gegen die Bevölkerung in Westkurdistan – und die Bundesregierung schweigt. Denn anders als im Jahr 2015 liegt der potenzielle Profit im Bündnis mit al-Sharaa. Deutsche Unternehmen stehen an der Spitze der Profiteure. – Ein Kommentar von Azad Dersime.

Bild: Perspektive Online, CC BY-NC-SA 4.0

Es ist schwer, ein Thema zu finden, zu dem die Bundesregierung so schweigt, wie zu den Machenschaften des neuen Partners Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) in Syrien. Während sich ein Sammelbecken aus verschiedensten islamisch-fundamentalistischen Gruppen mit Unterstützung der faschistischen Türkei auf einen Feldzug gegen die Selbstverwaltung in West-Kurdistan aufmacht, drücken die sonst so menschenrechtsbewegten westlichen Staaten ein Auge zu.

Die gleichen deutschen Politiker:innen, die sich während den Protesten gegen den geopolitischen Kontrahenten Iran gerne mit Parolen wie „Jin, Jiyan, Azadî“ (dt. Frauen, Leben, Freiheit) geschmückt oder Israels Genozid mit der Farce des Kampfes gegen den vermeintlichen „islamistischen Terror“ vehement unterstützt haben, lassen von diesem Sentiment nichts mehr spüren. Stattdessen ist strategische Gleichgültigkeit der Geist der Stunde.

Dass es sich hier nicht etwa um ein moralisches Versagen des Westens oder eine einzigartige Tragödie, sondern um profitgesteuerte Strategie der aufsteigenden Weltmacht Deutschland und des gesamten westlichen imperialistischen Blocks handelt, wird beim genauen Hinsehen glasklar. Denn mehr als manche Syrer:innen oder gar die ethnischen Minderheiten in Rojava freut sich aktuell das westliche Kapital über die neue Regierung in Damaskus. Syrien ist endlich wieder „Open-for-Business“.

Puppenspieler aus dem Westen

Weit über Deutschland hinaus, hat sich daher der gesamte Wertewesten still mit dem Interims-Präsidenten Ahmed al-Scharaa – auch bekannt unter dem aus seinen al-Qaida Zeiten stammendem Kampfnamen Kunya Abu Muhammad al-Jolani – zufriedengegeben. Jeder verfolgt dabei seine eigenen Interessen: Für den einen ist es billiges Gas, für den anderen ein Druckmittel und für wieder andere ist es der wichtige Schritt im Krieg gegen China. Doch an erster Stelle steht für alle der eigene wirtschaftliche Profit.

Die gleichen Kämpfer:innen, die gestern noch international gefeiert wurden, sind heute unbequeme Kurden-Milizen. 2015 schrieb der Spiegel noch Zeilen wie „Die Kurden bekriegen den IS“, heute veröffentlicht er Artikel von Autorinnen wie Shelly Kittleston unter dem Titel „Welches Spiel die mächtigste Kurdenmiliz in Syrien treibt“. Die Autorin veröffentlicht regelmäßig Artikel in den türkischen Staatsmedien. In ihren Beiträgen geht es dabei häufig um die Vorgänge in Westasien und Kurdistan, allerdings auf Linie mit den türkischen Ambitionen in der Region.

Da, wo die YPG laut Spiegel gestern noch „einer der mächtigsten Gegner des IS in Syrien“ war, sind sie heute nichts mehr als eine unangepasste Fraktion in einem regionalen Konflikt. Dieser Tonwechsel ist für die deutsche Presse kein ungewöhnliches Vorgehen. Mit ändernden Kapitalinteressen ändert sich auch, welche Berichterstattung gerade notwendig ist, um den nötigen Konsens zu generieren.

Nachdem die Syrian Democratic Forces (SDF) nicht mehr als sogenannter demokratischer Partner der Region, als verlässlicher Stützpunkt westlicher Interessen in Syrien gehandelt wurde, hatten die SDF für die westlichen Imperialisten auch keinen weiteren Nutzen. Man hat mit der neuen syrischen „Übergangsregierung“ eine viel stabilere Möglichkeit zur Ausbeutung der Menschen und des gesamten Landes. Eine Zentrale, dem Westen freundliche gesinnte Regierung, die ihre Ressourcen westlichen Profiteuren zugänglich macht, macht eine kurdische Autonomie-Region in diesem Bild für westliche Herrscher unattraktiv.

Westliche Unternehmen auf der Suche nach Profiten

Den Machtwechsel nutzten internationale Konzerne sofort. Die Süddeutsche Zeitung berichtete begeistert über syrische Unternehmer, die nun endlich wieder Markenprodukte wie Kiri Käse, Ariel oder Pepsi-Cola verkaufen könnten. Was die dadurch steigenden Profite für PepsiCo, die BelGroup oder P&G bedeuten, wird nicht weiter beleuchtet.

Über ähnliche Profite kann sich auch die DHL zukünftig freuen. Das Unternehmen kauft sich zurzeit auch in lokale Speditionsunternehmen ein. Im vergangenen Sommer hatte die DHL zudem erklärt, in Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten etwa 500 Millionen Euro in Geschäfte zu investieren.

Aufgrund von immer noch erschwerenden Handelsbeschränkungen aus Zeiten des Al-Assad Regimes haben Konzerne und Banken aktuell noch Schwierigkeiten, ein stabiles Standbein in Syrien aufzubauen. Bisher profitieren vor allem (internationale) mittelständige Unternehmen, wie Speditionen und kleinere Export-unternehmen.

Interessensverbände wie der Nah- und Mittelost Verein (numov), ein Zusammenschluss aus deutschen (Klein-)Unternehmen mit wirtschaftlichen Interessen in Westasien, freuen sich über zukünftige Geschäfte mit der HTS. „Die Deutsche Wirtschaft hat ein großes Interesse, sich am Wiederaufbau Syriens zu beteiligen“, erklärt das Vorstandsmitglied Helene Rang.

Das US-Vorgehen in Rojava

Ursache für den aktuellen Vorstoß der HTS ist unter anderem der Umschwung der US-Regierung. Um den Jahreswechsel 2015/16 konnten die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und vor allem die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) den sogenannten Islamischen Staat (IS) um hunderte Kilometer zurückdrängen. Inmitten des Eifers im Kampf gegen den IS im Irak und in Syrien, nahmen, auf außenpolitischen Druck hin, auch US-amerikanische Kampfflugzeuge an den Gefechten teil.

SDF-Kommandant:innen freuten sich, als US-amerikanische Jets vor fast genau 10 Jahren erstmals Stellungen des IS in Angriff nahmen. Dass dieser Akt allerdings nicht auf selbstloser Barmherzigkeit der US-Air Force und der amerikanischen Regierung basierte, lässt sich jetzt beobachten.

Jetzt wird im Rahmen der neuen US-amerikanischen außenpolitischen Strategie Stück für Stück das letzte bisschen Unterstützung der USA gegenüber Rojava abgezogen. Der aktuelle US-Botschafter in der Türkei, Tom Barrack, erklärte im Januar die Partnerschaft in der SDF sei „weitgehend beendet“.

Die Gründe dafür werden in der „2026 National Defense Strategy“ offengelegt. Mit der Rückbesinnung auf die sogenannte „Monroe-Doktrin“ will Amerika statt aktiver Partizipation an der Sicherung von Ressourcen, lieber viele Proxys – also Staaten, die faktisch als verlängerter Arm einer Großmacht agieren.

Syrien, und andere Länder sollen im besten Fall aus Eigeninteresse den Willen der US-amerikanischen Regierung und des US-Kapitals in ihrer Region durchsetzen. Das langfristige Ziel ist die Sicherung des amerikanischen Kontinents. Gleichzeitig soll es so wenig Beteiligung an Konflikten weltweit geben, um die gesamte militärische Kraft auf den Kampf gegen China konzentrieren zu können. Allein mit dieser Projektion der eigenen Stärke will Amerika China in Schach halten.

Für diesen Zweck ist die Regierung um Al-Sharaa und seine Lakaien um Längen besser geeignet als die SDF. Einerseits kommunizierte die HTS von Beginn an ihr Interesse an wirtschaftlicher Kooperation – also offene Märkte insbesondere für westliche Unternehmen.

Andererseits sorgten die Angriffe des NATO-Partners Türkei auf die kurdischen Gebiete immer wieder für Spannungen. Natürlich nicht wegen der humanitären Lage für die Menschen, sondern weil die türkische Regierung immer wieder Druck auf die USA ausübte, die Unterstützung für die „PKK-Terroristen“ einzustellen.

Nabucco Pipeline

Einer der wesentlichen Player im Kampf gegen Rojava und das Recht der Bevölkerung Kurdistans auf Selbstbestimmung ist historisch die Republik Türkei. Die Politik der Assimilierung, Vertreibung, Ermordung und von Kurd:innen und vielen anderen Minderheiten geht bis auf die Staatsgründung der Türkei zurück. Seitdem sich der Widerstand gegen die faschistische Politik der Türkei zuspitzt, kämpft die türkische Regierung mit Händen und Füßen gegen sie. Dabei handelt sie explizit kolonial und nutzt Methoden, die man sonst nur von Besatzungen wie in Palästina kennt.

Eine dieser kolonialen Maßnahmen ist der Plan zum Bau der sogenannten Nabucco Pipeline. Diese bietet direkten Zugang zu Erdgas und Öl von Westasien bis nach Europa unter vollständiger Kontrolle der Türkei.

Das Projekt „Nabucco Pipeline“ geht auf ein 2002 initiiertes europäisches Projekt zurück, das im Zuge der ersten Erdgas-Konflikte mit Russland durch ein Konsortium aus europäischen Unternehmen ins Leben gerufen wurde. Das Nabucco-Projekt sollte einen von Russland unabhängigen Zugang zu wichtigen Ressourcen, allen voran Erdgas sichern. Von Anfang an war die BOTAS-Gruppe mit im Boot. Sie ist ein Erdgas-Förderunternehmen, das zu 100 Prozent dem türkischen Staat gehört. 2008 kam später auch der rheinländische Energieversorger RWE mit dazu.

Das Projekt wurde 2013 allerdings eingestellt, unter anderem zugunsten einer gemeinsamen Pipeline zwischen Aserbaidschan und der Türkei. Dass die Türkei dieses Projekt allerdings nicht vergessen hat, zeigt ihr Vorgehen in der Region. Seit dem Fall des Assad Regimes werden die türkischen Pläne für einen Energiekorridor zwischen Westasien und Europa immer realistischer.

Schon im Dezember 2015 schloss die Türkei ein Erdgasabkommen mit der katarischen Regierung ab, hatte bis jetzt aber keine profitablen Möglichkeiten, dieses Erdgas zu vertreiben. Die aktuelle Situation bietet eine einzigartige, vielleicht einmalige Chance. Erst soll der politische Feind, die kurdische Autonomieregion aus dem Weg zu geschafft werden. Anschließend könnte der türkische Staat das Projekt, Europas Energieversorgung stärker zu kontrollieren, verwirklichen.

Nicht nur bietet dieses Szenario enormes wirtschaftliches Potential. Als wichtiger Teil der Energieversorgung des gesamten Kontinents würde die Türkei eine stärkere wirtschaftliche Machtposition bekommen, um ihre Interessen durchzusetzen. Für zukünftige koloniale Bestrebung ist das unerlässlich.

Ein treuer Freund des Projektes sind deutsche Energieunternehmen. Schon 2002 waren Deutsche Unternehmen wie RWE und die TÜV am Nabucco-Projekt beteiligt. Es wären voraussichtlich vor allem deutsche Abnehmer, die vom förmlich bombensicheren und günstigen Zugang zu Erdgas und Öl profitieren würden.

Bundesregierung braucht Partner, um nach Syrien abzuschieben

Um den Aufbau in Syrien voranzutreiben, will die Merz-Regierung jetzt so schnell wie möglich mit Abschiebungen von Menschen beginnen, die seit 2014 nach Deutschland geflohen sind. Darunter sind auch viele, die im Zuge der IS-Invasion ihr Zuhause verlassen mussten. Viele Geflüchtete aus Syrien haben sich in Deutschland mittlerweile ein Leben aufgebaut. Sie haben kaum noch lebende Verwandte oder soziale Netze in Syrien. Viele Syrer:innen sind auch in Deutschland geboren oder aufgewachsen. Trotzdem sollen sie nach Ansicht der Bundesregierung das Land verlassen.

Nach einem Aufenthalt in Syrien im Oktober 2025 äußerte sich der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU), Syrer:innen könnten aufgrund der Lage im Land „kurzfristig nicht zurückkehren“. Die Aussage löste einen Streit innerhalb der Bundesregierung aus. Denn im Koalitionsvertrag schrieb die schwarz-rote Koalition fest, man wolle wieder nach Afghanistan und Syrien abschieben. Auch für Friedrich Merz ist klar, dass es für diese Menschen „jetzt keinerlei Gründe mehr für Asyl gibt“. Das gab er nach Wadepuhls Treffen mit Al-Shara bekannt.

Darüber freuen sich neben der Bundesregierung sowohl Fluggesellschaften, als auch traditionelle Touristikunternehmen wie die DER-Deutsches Reisebüro. Diese profitierten laut einer Anfrage der Linkspartei aus 2020 massiv von deutschen Abschiebungen. So sollen im Zeitraum von 2016 bis 2019 etwa 40.000 Abschiebungen durch das Reisebüro abgewickelt worden sein.

Auch Fluggesellschaften wie die spanische Wamos Airline oder das deutsche Unternehmen Sundair sind unter den großen Profiteuren der Abschiebeflieger. Sundair alleine soll laut Recherchen der Taz 2021 alleine etwa 300.000 Euro mit sogenannten Rückführungen gemacht haben.

Unternehmen wollen am Wiederaufbau verdienen

Und dann ist da noch das Geschäft mit dem Wiederaufbau. Noch bevor die Assad aus Syrien ausgeflogen war, richteten deutsche Unternehmen ihre Augen auf das vom Krieg zerrissene Syrien. Die Zerstörung, die der Bürgerkrieg und die immer wieder aufgeflammten Aufstände hinterlassen haben, sind in Teilen immer noch nicht wieder aufgebaut. Einige Viertel in Städten wie Aleppo liegen bis heute in Ruinen.

Jetzt wollen deutsche Unternehmen das Chaos der deutschen Bomben gerne wieder aufräumen – alles zu seinem Preis versteht sich. Als Vorbild gilt dabei sicherlich auch das Modell Ukraine. Hier fanden sich bereits wenige Tage nach des Beginn des Krieges führende Köpfe aus Wirtschaft, Militär und Politik zusammen. um den Wiederaufbau von Infrastruktur, Wirtschaft und des Lebens in der Ukraine finanziell abzuwägen und aufzuteilen.

Jetzt gibt es einen klaren Fahrplan für die völlige Transformation des Landes nach dem Einstellen der Kampfhandlungen. Mehrere hundert deutsche Unternehmen stehen bereit, um sofort mit den Arbeiten zu beginn. Auch für Syrien fand solch eine Konferenz im Februar 2025, drei Monate nach dem Sturz Assads durch die HTS, in Paris statt.

Siemens will Generatoren und Kraftwerke bauen

Das liegt wie so oft nicht am besonders guten Willen deutscher Unternehmer, sondern am immens profitablen Geschäft mit dem Wiederaufbau. Zum Vergleich: Beim Start der Wiederaufbau-Maßnahmen im Irak nach dem Krieg gegen die IS gab die Irakische Regierung 157 Aufträge im Wert von 77 Milliarden Euro frei. Mit einem solchen Wiederaufbau können Länder innerhalb weniger Jahre komplett abhängig gemacht werden. Denn neben der finanziellen Abhängigkeit werden die imperialistischen Investoren auch für spätere Wartungen und Expertisen benötigt.

Schon jetzt erklären sich selbstlose Samariter wie die Siemens AG – berühmt für ihre Beteiligung an den Verbrechen im Nationalsozialismus – bereit, beim Wiederaufbau des zerstörten Landes zu helfen. Als Teil eines 7 Millionen Dollar Pakets soll sich das Unternehmen um Stromgeneratoren und Kraftwerke im neuen Syrien kümmern.

Syrer:innen wurden also unter anderem mithilfe r deutschen Bomben, aus ihrer Heimat vertrieben. Flüchten sie aus ihren Häusern nach Deutschland, werden sie von dort mit deutschen Flugzeugen abgeschoben. Zurück in ihrer zerstörten Heimat, sollen sie dann für die Profite deutscher Unternehmen beim Wiederaufbau schuften.

Kriegsprofiteure angreifen, wo sie sind

Wer sich fragt, warum der Westen schweigt, der muss sich einfach anschauen, wo die imperialistischen Profiteure Chancen sehen. Das „neue Syrien“ bietet westlichen Staaten viele Möglichkeiten für neue Kapitalerträge, Macht und Einfluss. Während für zahlreiche europäische Länder ein wenig billigeres Öl und Gas winken, geht es für einige wenige um viel mehr.

Schafft es die Türkei ihr Vorhaben, das Energiedrehkreuz Europas zu werden, durchzusetzen, wird es, neben den immensem wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sich der Türkei damit bieten, für westliche Staaten einfacher, die militärischen Ambitionen der Türkei in der Region zu ignorieren. Eine derartige Machtposition würde den eigenen kolonialen Bestrebungen, wie der Unterdrückung des kurdischen Volks, in ungekannten Maßen in die Karten spielen.

Auch die USA hat viel zu gewinnen. Schaffen sie es, Syrien als lokalen Proxy aufzubauen, können sie ihre Ressourcen gänzlich dem Kampf gegen China um die Vormachtstellung in der Welt widmen.

Doch mitunter am meisten profitiert wohl Deutschland von der Situation. An jeder Ecke, an jedem Aspekt dieses Konflikts macht Deutschland Gewinn. Viele große Unternehmen haben Teil an diesem Goldschatz: Von der DHL über Siemens zur Energieindustrie und vielen weiteren, wie der Rüstungsindustrie oder der Deutschen Bank.

Das Schweigen der Bundesregierung zu den Angriffen auf Rojava ist weder trauriger Zufall noch eine politische Entgleisung. Sie ist kalkuliert und notwendig für die Pläne und Vorhaben der deutschen herrschenden Klasse. Durch das Plädieren an eben diese Bundesregierung gibt es nicht viel zu gewinnen. Wenn sich die Regierung für ihre Wirtschaftsinteressen mitschuldig am Krieg gegen Rojava macht, wenn man das Schweigen brechen will, muss man dort anpacken, wo es ihnen wohl am meisten schmerzt: an ihrem Gewinn.

Azad Dersime

Autor bei Perspektive seit 2025. Kurdischer Migrant 2. Generation, Arbeiterkind, Antiimperialist. Nach dem Motto „Schreiben, was ist“ interessiert er sich für die Vorgänge des globalen Imperialismus – und vor allem den Widerstand dagegen! Mit revolutionärem Optimismus blickt er auf die Kämpfe unterdrückter Völker im Kampf gegen ihre Ketten. Gezeichnet von Hoffnung auf eine bessere Welt, Glück für die Familie und ein Haus in der Heimat.

Erstveröffentlich auf „Perspektive online“
Warum der Westen schweigt

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