Erklärung der VVN-BdA zum Urteil im Dresdener Antifa-Prozess

Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir die Presserklärung der VVN BdA zum Urteil gegen die Leipziger Antifaschist:innen.

4. Juni 2023

Die VVN-BdA ist empört über das Urteil des Dresdener Oberlandesgerichts im Fall der angeklagten Antifaschistin Lina E und ihrer Mitangeklagten. Über fünf Jahre Haft für sie als „Rädelsführerin“ einer „kriminellen Vereinigung“ ist ein Urteil, das nicht nur bezogen auf die Vorwürfe überzogen ist, sondern angesichts des Prozessverlaufs nur als skandalös zu bezeichnen ist.

Es ist ungeheuerlich, dass der Senat um Richter Hans Schlüter-Staats ein solch drastisches Urteil auf der Basis von Indizien, haltloser Aussagen militanter Neonazis und eines dubiosen Kronzeugen fällte. Vor Gericht kamen immer wieder grundlegende Zweifel an der Arbeit der Bundesanwaltschaft auf, die den Fall an sich gezogen hatte. Falsche Interpretationen von vorgelegten Materialien, widersprüchliche Aussagen und fehlende Beweise prägten das Verfahren. Es gab lediglich ein Konvolut an Indizien, die als »Belege« für die Täterschaft von Lina E. angeführt wurden: Nicht einmal DNA-Spuren konnten eindeutig zugeordnet werden, ein Foto vom Tatort bei Lina E. wurde als Beleg ihrer Anwesenheit gerechnet. Auch der Kronzeuge Johannes Domhöver konnte nichts Substanzielles beitragen. Vielmehr ist es erkennbar, dass er seinen Freispruch erkauft hat mit einer Aussage, die die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft stützen sollten. Aussagen militanter Neonazis wurde Glauben geschenkt – „Zeugen“, die in einem eigenen Prozess in Eisenach wegen krimineller Handlungen verurteilt wurden.

Selbst die Bundesanwaltschaft musste eingestehen, »nicht den einen, erdrückenden Beweis« zu haben. Trotzdem forderte sie acht Jahre Haft. Für sie sei es »die Gesamtschau«, die die Vorwürfe erhärtete. Die Verteidigung hat vollkommen zurecht das Vorgehen der Dresdner Justiz als politisch motiviert beschrieben. Es ist ein Gesinnungsurteil, dass ein Exempel gegen (militanten) Antifaschismus statuieren soll.

Dieses Urteil weckt unliebsame Erinnerungen an die Justiz in der Endphase der Weimarer Republik, als bei Auseinandersetzungen zwischen Nazis und Nazigegnern in aller Regel die Antifaschisten mit schweren Verurteilungen rechnen mussten, während die SA und andere gewalttätige Nazis mit Milde der Richter rechnen konnten.

Wenn Innenministerin Nancy Faeser angesichts des Urteils betont, dass es auch im Handeln gegen Neonazis keine Selbstjustiz geben dürfe, da solch ein Verhalten das Vertrauen in den Rechtstaat beschädige, dann betonen wir, dass dieses Urteil in noch viel größerem Maße das Vertrauen in die Justiz und die Regeln des Rechtstaates beschädigt. Wir erwarten, dass bei einer rechtlichen Prüfung dieses Urteil aufgehoben wird.

Hier unser Beitrag zum Thema: Das Urteil Lina E – Wer gegen Nazis kämpft, kann sich auf den Staat nicht verlassen (Esther Bejarano)

Europäischer Tag der Solidarität mit den palästinensischen Arbeiter:innen

Wir, die unterzeichnenden palästinensischen Gewerkschaftsorganisationen, begrüßen die Initiative des Europäischen Gewerkschaftsnetzwerks für Gerechtigkeit in Palästina, den 20. Mai zum Europäischen Tag der Solidarität mit den palästinensischen Arbeitnehmern zu erklären.

Am 20. Mai 1990 wartete eine Gruppe palästinensischer Arbeiter aus Gaza darauf, einen israelischen Bus zu besteigen, um zur Arbeit zu fahren. Ein Mann in IDF-Uniform kontrollierte ihre Ausweise, zwang sie, sich auf den Boden zu knien und ermordete sieben Arbeiter.

Im Mai wird auch der Nakba, der palästinensischen Katastrophe, gedacht, die zur Vertreibung von schätzungsweise 750.000 Flüchtlingen aus dem historischen Palästina führte,

Es ist inzwischen allgemein anerkannt, dass die Verletzung der palästinensischen Menschenrechte nach internationalem Recht den Tatbestand der Apartheid erfüllt.

Wir rufen die europäischen Gewerkschaften auf, einen sinnvollen Akt der Solidarität zu setzen, indem sie:

die Beziehungen zu Institutionen und Unternehmen, die in die Unterdrückung palästinensischer ArbeiterInnen verwickelt sind, abbrechen;

Druck auf die europäischen Regierungen ausüben, damit sie ihre wirtschaftlichen Transaktionen mit den illegalen israelischen Siedlungen einstellen, ein beidseitiges Militärembargo gegen Israel verhängen und ihre Beziehungen zu Unternehmen beenden, die mit dem israelischen Apartheidregime in Verbindung stehen.

Wir setzen unseren Kampf und Widerstand fort, aber es ist notwendig, die europäische und internationale Solidarität mit den palästinensischen Arbeitnehmern an allen Fronten zu verstärken. Daher begrüßen wir die Initiative für den Europäischen Tag der Solidarität mit den palästinensischen Arbeitnehmern, der am 20. Mai begangen werden soll.

Unterstützende Gewerkschaften:

General Union of Palestinian Workers (GUPW)
Palästinensische Gewerkschaft der Post-, IT- und Telekommunikationsbeschäftigten
Palästinensischer Allgemeiner Gewerkschaftsbund „PGFTU Gaza
Föderation der unabhängigen Gewerkschaften
Palästinensische Neue Gewerkschaftsföderation (New Federation of Trade Unions)
Die Arabische Arbeitergewerkschaft
Palästinensische Gewerkschaft der Postangestellten
Unabhängige Gewerkschaft der Arbeiterkomitees in Palästina – Gaza
Die Union der landwirtschaftlichen Arbeitskomitees (UAWC)

Pazifisten aus der Ukraine, Russland und Belarus wollen enger zusammenarbeiten

Konferenz

Am Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerer trafen sich Pazifistinnen und Pazifisten aus der Ukraine, Russland und Belarus in Berlin. Sie forderten den Schutz der Kriegs- und Militärdienstverweigerer aller Länder

Von Peter Nowak

„Ich habe drei Kinder, drei Hunde und sieben Hamster“. So bescheiden stellte sich Olga Karach in Berlin vor. Doch die freundliche Frau wird vom belarussischen Geheimdiensten und vom Minsker Machthaber Alexander Lukaschenko als Terroristin bezeichnet. Ihre Heimat musste sie verlassen. Sie lebt mittlerweile in Vilnius. Denn Olga Karach ist aktiv in der zivilgesellschaftlichen belarussischen Organisation Nash Dom (Unser Haus).

Unter der Parole „Keine zweite Front“ ruft sie die Wehrpflichtigen im Land auf, alles zu tun, damit Belarus nicht weiter in den Krieg gegen die Ukraine hineingezogen wird. Sie sollen den Kriegsdienst verweigern. „Wir wollen keine Kriegspartei unterstützen und sind überzeugt, dass nur der Frieden und Verständigung den Menschen hilft“, bekräftigte Karach ihre pazifistische Position. Damit ist sie sich einig mit Yurii Sheliazhenko von der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung, der am 15. Mai, dem Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung, per Livestream aus Kiew zugeschaltet war, weil Männern zwischen 18 und 60 Jahren die Ausreise nicht erlaubt ist.

Abrüstung statt Waffen

„Was wir brauchen, ist keine Eskalation des Konflikts mit mehr Waffen, mehr Sanktionen, mehr Hass auf Russland und China, stattdessen umfassende Abrüstung auf allen Seiten“, bekräftigte der Sozialwissenschaftler seine Absage an eine militärische Verteidigung. Damit ist er und seine kleine Gruppe von Pazifistinnen und Pazifisten gegenwärtig in der Ukraine sehr isoliert. „Es ist nicht leicht, Pazifist zu sein in einem Land, das sich im Krieg befindet“, beschreibt er die schwierige Lage der konsequenten ukrainischen Kriegsgegner*innen. Schließlich geißelt er nicht nur die russischen Bombenangriffe, bei denen jeden Tag Zivilist*innen sterben. Sheliazhenko erinnert auch daran, dass auch im Donbas Zivilist*innen sterben, wenn sie von der ukrainischen Armee bombardiert werden. „Die Waffen müssen auf allen Seiten schweigen“, bekräftigte er.

Damit wiederum ist er sich mit Maria A. von der Bewegung der Kriegsdienstverweigerer in Russland einig. Die Frau absolviert mittlerweile ein Auslandsstudium in Edinburgh in Schottland. Doch zum Schutz ihrer Verwandten, die noch in Russland leben, will die russische Kriegsgegnerin ihren vollständigen Namen nicht in den Medien lesen.

Echter Schutz

Die Podiumsdiskussion der drei Pazifist*innen am Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung ist Teil einer Kampagne, die das pazifistische Netzwerk War Resisters International vorantreibt. „Ein echter Schutz für alle Menschen, die sich dem Krieg verweigern, ist schon lange überfällig“, betont Rudi Friedrich vom Kriegsdienstverweigerungs-Netzwerk Connection e.V..

Friedrich hatte am Vormittag des 15. Mai dem Büro der Europäischen Kommission in Berlin knapp 50.000 Unterschriften überreicht, die die Kriegsgegner*innen in den vergangenen Wochen für einen Aufruf gesammelt haben, der den bedingungslosen Schutz der Kriegs- und Militärdienstverweigerer*innen aller Länder fordert. Die Praxis sieht heute noch ganz anders aus. Vor allem Menschen, die ihre Heimat verlassen, bevor sie in die Fänge der Militärs geraten, würden in Deutschland oft kein Asyl erhalten. „Für die Asylbehörden spielt es keine Rolle, dass Menschen einfach Angst um ihr Leben haben und sich deswegen den Militärdienst verweigern“, so Friedrichs Kritik. „Es spielt für die Behörden oft auch keine Rolle, dass Menschen sich nicht auf die Straße trauen, aus Angst, zum Militär eingezogen zu werden.“

Prozesse gegen Kriegsdienstverweigerer

In Zukunft wollen die Pazifist*innen der drei Länder enger zusammenarbeiten. Einige Projekte sind in Planung, darunter regelmäßige Informationen über Repressionen gegen Kriegs- und Militärdienstverweigerer*innen. Sheliazhenk berichtete über mehrere Prozesse gegen Kriegs- und Militärdienstverweigerer in der Ukraine in den nächsten Wochen.

Er wünscht sich dafür eine größere Aufmerksamkeit aus dem Ausland, auch aus Deutschland. In einer Zeit, in der immer neue Waffenlieferungen an die Ukraine als Akt der Solidarität bezeichnet wird, geben diese Pazifist*innen dem Wort wieder seine ursprüngliche Bedeutung zurück. Gefordert ist Solidarität mit den Menschen in allen Ländern, die Nein zum Krieg sagen.

Erstveröffentlichung in „Freitag“ vom 16.5. 23
Wir danken dem Autor für die Abdruckgenehmigung.

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