Das geknebelte Gedenken

Von Wolf Wetzel

Der israelisch-deutsche Philosoph Omri Boehm sollte anlässlich des 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11. April 2025 eine Rede halten. So hatte es die Gedenkstätte Buchenwald geplant. Dann knickte der Leiter der Gedenkstätte Jens-Christian Wagner ein, der uns eigentlich den „aufrechten Gang“ beibringen sollte.

Es intervenierte das israelische Kriegskabinett, u.a. in Gestalt des israelischen Botschafters:

„Die Entscheidung, mit Omri Boehm einen Mann einzuladen, der Yad Vashem als Instrument politischer Manipulation bezeichnet, den Holocaust relativiert und sogar mit der Nakba verglichen hat, ist nicht nur empörend, sondern eine eklatante Beleidigung des Gedenkens an die Opfer“. (spiegel.de vom 2.4.2025)

Auf Nachfrage ergänzte sein Sprecher:

„Wenn das Andenken an die Ermordeten entstellt und beschmutzt werden soll, werden wir nicht wegschauen. Diese Position hat die Botschaft auch der Gedenkstätte Buchenwald übermittelt.“ (s.o.)

Um zu verstehen, wen der israelische Botschafter fürs Gedenken ungeeignet hält, hier ein paar wenige Daten:

„Boehm, 1979 in Haifa geboren, hat unter seinen Vorfahren selbst Holocaustüberlebende. Seit etlichen Jahren lehrt er als Hochschullehrer in New York, seine Bücher und Thesen werden weltweit wahrgenommen, polarisieren aber durchaus. Die Haltung des Philosophen zur Regierung seiner Heimat Israel und auch zur dortigen Gedenkkultur ist eine kritische. Auch nach dem Massaker des 7. Oktober 2023 durch die Hamas und dem anschließenden Krieg in Gaza setzt er sich für eine binationale Einstaatenlösung ein, fordert dazu nicht zuletzt die ‚Kunst des Vergessens‘.“ (s.o.)

Die Okkupation des Gedenkens

Dass es als Erinnerung, als Mahnung, als Aufruf an die Zukunft verschiedene Meinungen gibt, geben muss, hat ganz sachlich etwas damit zu tun, dass das eine Grundregel der Meinungsfreiheit darstellt – auch und gerade dann, wenn es einem nicht passt.

Es gibt aber einen noch tieferen Grund für diesen notwendigen Dissens: Die Opfer des Holocaust hatten nicht die eine Meinung, hatten ganz und gar nicht dasselbe Verständnis vom Judentum. Es gab nicht wenige, die weder im Judentum ihr Selbstverständnis hatten, noch im Zionismus eine (zweite) Heimat gefunden hatten und haben.

Viele Juden, die aus Deutschland fliehen mussten, waren Sozialisten und Weltbürger. Was haben sie mit der reaktionären und rassistischen Siedlerbewegung gemein? Nichts.

Viele Juden, die in KZs umgebracht wurden, waren Kommunisten. Was haben sie mit dem Finanzminister und Faschisten Smotrich gemein? Nichts.

Wie anmaßend ist es also, wenn diese zutiefst reaktionäre Regierungskoalition im Namen der Opfer zu sprechen wagt.

Deren staatstragende Behauptung, es gäbe ein Gedenken ist die eigentliche Verhöhnung der Opfer.

Zudem gibt es überhaupt keine Linearität von den Opfern zu den Überlebenden und denen, die heute vorgeben, im Namen der Opfer zu reden.

Wenn es also eine Instrumentalisierung der Opfer gibt, dann in dieser Form der Okkupation.

Das belegt auch die vorsätzliche und absichtsvolle Reduzierung des Gedenkens auf jüdische Opfer.

Die von der Gedenkstätte selbst veröffentlichten Zahlen („Buchenwald Concentration Camp 1937 – 1945“, Göttingen 2004) lauten beispielsweise für den 31.7.1941 (die Kategorien stammen nicht von mir):

39% Politische, 20% Polen (nichtjüdisch), 17% „Arbeitsscheu Reich“, 17% Juden, 0,6% Homosexuelle und 6,4% Sonstige („Bibelforscher“, „Berufsverbrecher“ usw.)

Immanuel Kant säße in israelischer Administrativhaft – wenn er noch leben würde

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.

Der Leiter der Gedenkstätte Jens-Christian Wagner wurde in der 3sat-Sendung gefragt, wie er sich diese Absage erkläre. Zuerst hatte er für den unerwünschten Philosophen ausgesprochen warme und herzliche Worte. Omri Boehm beziehe sich in seiner Arbeit ausdrücklich auf Immanuel Kant, der die universalistischen Werte wie die Gleichheit aller Menschen ins Zentrum seines Denkens gesetzt habe, was auch Omri Boehm an- und umtreibe. Zum anderen könne er bestätigen, dass es diesen Druck auf eine Gedenkveranstaltung noch nicht gegeben habe. Aber, so Herr Wagner im Gespräch, er hätte sich diesem Druck nicht gebeugt. Vielmehr habe er die letzten Überlebenden des Holocausts im Blick gehabt, die er vor den erwartbaren Turbulenzen schützen wollte.

Das klingt auf den ersten Blick sympathisch und selbstlos. Doch bei genauerem Hinsehen geht es doch um etwas sehr Eigennütziges, was in zahlreichen Fällen zuvor und danach zum Tragen kommt. Die Betroffenen haben Angst um ihren Job, haben Angst vor den politischen und beruflichen Konsequenzen, wenn sie nicht diesem vorbürgerlichen Diktat der „Staatsraison“ gehorchen.

Tatsächlich benutzt das israelische Kriegskabinett in Gestalt des israelischen Botschafters die Opfer des Holocaust, um angeblich in ihrem Namen zu sprechen. Und der Gedenkstättenleiter schiebt die Überlebenden des Holocausts vor, um sein eigenes Verhalten zu kaschieren.

Wenn es in diesem Konflikt tatsächlich um jene ginge, die nicht mehr reden können oder gar nicht gefragt werden, wäre doch folgender Vorschlag um einiges redlicher:

Man teilt die Gedenkveranstaltung in zwei Teile. Im ersten stehen die Überlebenden des Holocausts im Mittelpunkt. Danach würde sich eine Veranstaltung mit dem israelisch-deutsche Philosoph Omri Boehm anschließen. Den Überlebenden des Holocaust stände es dann frei, daran teilzunehmen.

Wenn man Zusammenhänge ausradieren will

Als wollte die Leitung der Gedenkstätte beweisen, dass man auch eigenständig das Gedenken diktieren kann, hat sie für dieses Jahr eine neue Hausordnung erlassen. Diese kam jetzt zum Zuge, als Menschen mit Kufiyas die Gedenkstätte besuchten:

„Direkt nach unserer Ankunft wurden wir von zwei Mitarbeitern gebeten, auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers die Kufiyas abzunehmen. Als Begründung nannten sie einen Absatz in der neuen Hausordnung, laut derer „das Tragen von Kleidungsstücken und Symbolen, deren Herstellung oder Vertrieb im rechtsextremen Feld anzusiedeln sind, ebenso das Tragen von Kleidungsstücken oder Symbolen, die nach objektiver Betrachtung den Grundwerten und dem Zweck der Stiftung widersprechen“ nicht gestattet ist.“

Und noch etwas umtreibt mich, Herr Wagner: „Solidarität mit Palästina“ wird gerne als versteckte Form des Antisemitismus „entlarvt“. Sie sind ja ein belesener Mann und kennen die dazu entsprechenden Fachbegriffe, die wie Drohnen über den Debattenraum kreisen: „Israel bezogener Antisemitismus“ oder noch schwammiger die „3-D-Regel“. Wenn also Menschen mit einer Kufiya die Gedenkstätte betreten, dann wäre es doch das Erste, was Sie machen sollten: Sie begrüßen! Denn ganz offensichtlich ist diesen Menschen das Gedenken an die Shoa sehr wichtig, vielleicht auch deshalb, weil „Nie wieder“ einer universellen Idee folgt. Verstehen Sie?

Bei der Gedenkfeier sprach eine Schülerin u.a. vom Genozid in Gaza. Darauf antwortete der Leiter der Gedenkstätte prompt und erkennbar gequält:

Ja, ich glaube, wir müssen um die Menschen, die unschuldig im Gazastreifen getötet wurden, trauern. Aber von einem Genozid zu sprechen, wie wir es gehört haben, das gehört sich meines Erachtens nach nicht an einem Ort wie hier.“

Die Plattform „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ kommentierte diese Zurechtweisung wie folgt:

Es passt nicht an diesen Ort. Warum passt es nicht?

Weil es nicht zu dem „Wir“ passt, das darauf aufgebaut ist, dass Juden immer gut sind und keinen Völkermord begehen können – nur die Deutschen konnten das einmalig, einzigartig, singulär und super-spektakulär und das war es. So sagen sogar die Lieblingsjuden Deutschlands, solche, die Deutschland – also „uns“ – vergeben. Und die Schülerin soll sich vorsichtig äußern. Und wenn nicht, wird „wir“ es ihr erklären.“

Gedenkvorschrift

In Anerkennung der Tatsache, dass es hier nicht um eine offene Diskussion geht, sondern um ihre kategorische Verhinderung, schlage ich zur Vermeidung unnötiger Skandale folgende Gedenkvorschrift vor:

  • Nur das israelische Kriegskabinett entscheidet, wer und wie der Opfer des Holocaust gedacht wird.
  • Nur das israelische Kriegskabinett hat das Recht, zu relativieren: Wenn der Ex-PLO-Chef Arafat als Hitler des Nahen Osten bezeichnet wird, dann ist das in Ordnung.
  • Nur das israelische Kriegskabinett hat das ultimative Recht, den Holocaust zu instrumentalisieren, wenn es einen zweiten Holocaust zu verhindern vorgibt und damit den Widerstand gegen die israelische Besatzung meint.
  • Nur das israelische Kriegskabinett darf Faschisten in der Regierung beheimaten und überall in der Welt „Nie wieder“ als Lehre ausgeben.
  • Nur das israelische Kriegskabinett darf von Untermenschen, Abschaum und Ungeziefer reden, wenn damit Palästinenser gemeint sind und nicht Juden.
  • Nur das israelische Kriegskabinett darf unentwegt von einem „Groß-Israel“ (Erez Israel) sprechen und dieses in die Tat umsetzen, ohne den Wahnideen eines Großdeutschlands nahe zu kommen.
  • Wenn jemand vom Abholzen, verbrennen, zermalmen und auslöschen redet und damit Gaza meint, dann ist das kein Faschist, sondern ein geschätztes Mitglied des israelischen Kriegskabinetts, Itamar Ben-Gvir, Minister für nationale Sicherheit.
  • Nur das israelische Kriegskabinett hat das exklusive Recht, das Andenken an die Ermordeten so zu entstellen und zu beschmutzen, bis es auch für Vernichtungskriege taugt.

Anhang: Eine E-Mail an den Leiter der Gedenkstätte Buchenwald

8.4.2025

„Sehr geehrter Herr Jens-Christian Wagner,

da ich mir Mühe gebe, nicht über Menschen zu schreiben, ohne sie das wissen zu lassen, möchte ich Ihnen meinen Beitrag im Magazin Overton vom 8.4.2025 zukommen zu lassen. Auch wenn man die „Streitkultur“ und das Recht auf unterschiedliche Meinungen als hohes Gut hochhält, wissen Sie wie ich, dass das in den letzten Jahren orwellsche Anwandlungen angenommen hat. Ich möchte wo immer das möglich ist, das zur Sprache bringen – ohne Hausordnungen und begrifflose Grenzzäume wie „Grundwerte“ und Benimmregeln fürs Erinnern (was den Inhalt und sogar den Ort angeht), die dem Universalismus der Menschenrechte, den Sie offensichtlich mit dem ausgeladenen Philosophen Omri Boehm teilen, völlig widerspricht.

Ich würde mich freuen, wenn Sie zu den gemachten Vorwürfen und politischen Einschätzungen Stellung nehmen. Ganz sicher wäre das Magazin Overton bereit, Ihrer Stellungnahme denselben Platz einzuräumen wie mir.

Wolf Wetzel

Quelle und Hinweise

Jahrestag der KZ-Befreiung. Philosoph Omri Boehm darf bei Buchenwald-Gedenkfeier nicht sprechen, spiegel.de vom 2.4.2025: https://www.spiegel.de/kultur/philosoph-omri-boehm-darf-bei-buchenwald-gedenkfeier-nicht-sprechen-a-b764ce35-cfee-488c-a7b2-e478d23c3f21?sfnsn=scwspmo

Buchenwald-Gedenken: Absage an Omri Boehm. Vor der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Befreiung Buchenwalds hat Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner den Redner, Philosoph Omri Boehm, ausgeladen. Wir sprechen mit Wagner: https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/buchenwald-gedenken-absage-an-omri-boehm-100.html

Arbeit am Begriff statt politischer Instrumentalisierung, Gerhard Hanloser, 2020: https://wolfwetzel.de/index.php/2020/09/10/arbeit-am-begriff-statt-politischer-instrumentalisierung-von-gerhard-hanloser/

Zerstören, zerschmettern, abholzen, auslöschen …, Wolf Wetzel, 2025: https://wolfwetzel.de/index.php/2025/03/27/zerstoeren-zerschmettern-abholzen-ausloeschen/

Der eliminatorische Nationalismus. Zwischen Krieg und Krieg in Gaza um Palästina, Wolf Wetzel, 2023: https://wolfwetzel.de/index.php/2023/11/29/der-eliminatorische-nationalismus-zwischen-krieg-und-krieg-in-gaza-um-palaestina/

Kufiya hat in Buchenwald Hausverbot! 4. April 2025: https://kommunistische-organisation.de/stellungnahme/kufiya-hat-in-buchenwald-hausverbot/

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 8. April 2025
https://overton-magazin.de/kolumnen/kohlhaas-unchained/das-geknebelte-gedenken/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Kein BSW wird uns retten, kein Trump, kein Scholz …

… keine selbstberuhigenden Reden, von wegen: Es wird nichts so heiß gegessen wie gekocht.

Von Wolf Wetzel

Bild: Screenshot FAZ v. 5.3.2025

Das war meine Einschätzung vor der Bundestagswahl 2025. Nun ist sie vorbei. Wer meint, dass das Allerschlimmste nicht eingetreten ist, der kann es nicht abwarten.

Auch wenn es kaum noch auffällt: Das Wahlergebnis zeigt, dass es seit 1949 noch nie eine so reaktionäre Mehrheit im deutschen Bundestag gab, wie jetzt. Wenn man die Stimmen von CSU/CDU, AfD, SPD, Grüne zusammenzählt, kommt man auf über 75 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Damit ist mehr als eine rechte Mehrheit gemeint. Wenn man die politische Entwicklung dieser Parteien über die letzten Jahre verfolgt, haben sie durch die Bank ihre eh rechten Positionen (in Sachen Flüchtlings- und Asylpolitik, Sozialpolitik und Kriegswirtschaft) verschärft. Mit reaktionär ist also gemeint, dass sie ein schwindelerregendes Rollback vollzogen haben. Das wird ganz besonders an der Asylthematik, in der Sozial- und Kriegspolitik deutlich. Was früher ein Merkmal für kleine, sichtbare Differenzen war, ist heute ein Gemeinschaftsunternehmen.

Die „Brandmauer gegen rechts“ ist in vier Jahren Kunst-Schnee von gestern

Ich wage eine weitere Prognose: CSU/CDU und SPD (und für die Aufhebung der „Schuldenbremse“ die Grünen/die Linke) werden sich zusammenfinden. Sie werden uns dabei belügen, dass sie die Brandmauer gegen rechts bilden und dass sie hält, was sie vorgibt zu sein.

Das ehrlichste kommt von denen, die es nicht unbedingt eilig haben: Von der AfD. Sie gibt ruhig und geduldig drei Statements ab:

  1. Sie habe gewonnen, denn CSU/CDU und SPD haben im Kern die (Re-)Migrationspolitik der AfD übernommen.
  2. Die „Große Koalition“ wird nie und nimmer das Original ersetzen können, sondern die AfD zum Thron führen.
  3. Das Scheitern der „neuen“ Regierung aus CSU/CDU und SPD wird die AfD zum Sieger machen.
Baerbock warnt in der ARD/ZDF-Schlussrunde zur Wahl vor Russen-Einmarsch nach Brandenburg

Bis auf die letzten Meter steigern sie den Verfolgungswahn, den man therapeutisch, auf keinen Fall politisch behandeln sollte.

Seit fast drei Jahren wird uns erzählt, dass man Putin in der Ukraine aufhalten müsse, sonst stände er bald auf dem Reichstagsgebäude in Berlin und würde zum Spaß noch einmal die kommunistische Sowjetfahne hissen.

Seit fast drei Jahren erzählt man uns, dass man mit Putin nicht verhandeln könne, dass man Russland nur „ruinieren“ (Ex-Außenministerin Annalena Baerbock) können muss.

Und dann kommt ein Trump daher und erzählt uns eine ganz andere Geschichte: Der Einmarsch der russischen Truppen war vom Westen gewollt. Die Sicherheitsinteressen Russlands seien legitim. Also keine NATO an der Grenze zu Russland. Der Krieg müsse beendet werden und man kann ihn beenden.

Dass bei diesen Verhandlungen die EU bestenfalls am „Katzentisch“ sitzen darf, macht unsere Kriegselite wahnsinnig. Man habe doch so viel investiert. Und wer bezahlt, müsse auch bei der Kriegsrendite beteiligt werden.

Manchmal fragt man sich, ob diese EU-Elite schon einmal etwas von Imperialismus gehört hat. Der funktioniert nicht, weil man teilt, sondern weil man sich nimmt! Noch nie etwas davon gehört?

Man kann das Verstörtsein auf Seiten der EU-Kriegseliten auch träumerisch angehen. Die EU wollen ein ganz neues Kapitel in der Geschichte der Welterzählungen aufschlagen, das in etwa so vorzutragen ist:

Man will ehrlich sein. Man will sich an Abkommen und Vereinbarungen halten. Man will keinen „Informationskrieg“ führen. Man will sich nur verteidigen und nie, aber auch nie imperiale Interessen verfolgen.

Fangen wir von weit vorne an:

Der erste Krieg in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg … war nicht der russische Einmarsch in die Ukraine 2022, sondern der Krieg gegen die ehemalige Bundesrepublik Jugoslawien 1999. Dort verhinderte man kein „zweites Auschwitz“, sondern verfolgte nackte imperialistische Interessen.

Nicht Russland rückte seit 1989/90 vor – auf Berlin und sonst wo, sondern die NATO-Staaten. Das nennt man bis heute „Osterweiterung“ und ist das glatte Gegenteil vom dem, was in den Zwei-plus-vier-Verhandlungen versprochen wurde. Es war der Außenminister Genscher, der am 31. Januar 1990 in einem Vortrag vor der Evangelischen Akademie Tutzing gesagt hatte:

„Was immer im Warschauer Pakt geschieht, eine Ausdehnung des Nato-Territoriums nach Osten, das heißt, näher an die Grenzen der Sowjetunion heran, wird es nicht geben. […] Der Westen muss auch der Einsicht Rechnung tragen, dass der Wandel in Osteuropa und der deutsche Vereinigungsprozess nicht zu einer Beeinträchtigung der sowjetischen Sicherheitsinteressen führen dürfen.“
(Hans-Dieter Heumann: Hans-Dietrich Genscher. Die Biografie. Schöningh, Paderborn 2012, S. 280)

Es ist nicht „Putin“ mit dem man nicht verhandeln kann, sondern die NATO- und EU-Kriegseliten, die keine Gelegenheit auslassen, Vereinbarungen und Verträge zu brechen. Dazu gehören die Minsk I und II-Abkommen, die 2014/15 geschlossen wurden, um den „Bürgerkrieg“ zu beenden. Nicht „Putin“ hat diese Verträge gebrochen, sondern die versammelte EU-Kriegselite.

Bis heute zeigte sich niemand bestürzt darüber, dass die Ex-Bundeskanzlerin Angelika Merkel betont lässig gegenüber der Wochenzeitung ZEIT Anfang Dezember 2022 erklärte, dass das Minsker Abkommen von 2014 der Versuch gewesen sei, der Ukraine Zeit zu geben. „Sie hat diese Zeit auch genutzt, um stärker zu werden, wie man heute sieht.“

Im Imperialismus sind (transatlantische) Freundschaften kitschige Anmutungen

Der „US-Friedensplan“ scheint sehr einfach und logisch aufgebaut zu sein: Die US-Konzerne bekommen die Seltenen Erden, Russland die Donbass-Republiken und die Krim … und die EU zahlt (den Rest).

Nach der Bundestagswahl haben die zukünftigen Koalitionspartner sofort und gemeinsam das Kriegsbeil geschwungen. Man müsse noch mehr für den Krieg ausgeben, noch mehr Waffen an die Ukraine liefern, noch mehr Krieg in Eigenregie führen (ohne die USA).

Ganz sicher wird die politische Unterstützung in der Bevölkerung (vor allem im Osten Deutschlands) für den Krieg auf dem Boden der Ukraine noch mehr schwinden. Das wird der erwartbaren Koalition aus CSU/CDU und SPD noch mehr politische Legitimation kosten.

Im Osten bereits am Ziel angekommen

Man muss es ausdrücklich betonen: Schon jetzt ist die AfD in den fünf „neuen“ Bundesländern die stärkte parlamentarische Macht – mit zum Teil über 40 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Das basiert ganz wesentlich auf Erfahrung und Nicht-Erfahrung. In der ehemaligen DDR haben die Menschen die Erfahrung mit den „Russen“ gemacht. Und diese hat wenig bis gar nichts mit dem überlebten und reaktivierten Russenhass im Westen zu tun. Das zweite, was der AfD in die Hände spielt, ist die Nicht-Erfahrung. Die „Ausländer“ spielten im DDR-Alltag kaum bis gar keine Rolle. Man brauchte also nach dem Zusammenschluss den Ausländerhass nur aufspielen – ohne dass er sich gegen (andere) Erfahrungen durchsetzen musste.

Gewinner dieses irrsinnigen Krieges mit dem alten „Russenhass“ werden nicht die Menschen in der Ukraine sein, sondern die AfD in Deutschland. Das wird sich in vier Jahren noch deutlicher zeigen.

Die AfD bekämpfen, indem man sie an die Macht kommen lässt

Es ist naheliegend, dass einige darüber nachdenken, was man gegen diesen reaktionären Run oder – ganz hipp – Flow unternehmen könnte. Dabei werden Stimmen laut, die den Vorschlag machen, dass man die AfD doch an die Macht kommen lassen sollte, um … sie zu „entzaubern“. Ich habe keine Zauberkugel, um in die Zukunft zu schauen. Es gibt aber sehr handfeste Erfahrungen mit dieser „Strategie“. Sie ist nicht neu, sondern kläglich gescheitert. Das ist eine Weile her, also ungefähr 90 Jahre. Als die NSDAP in den 1930er Jahren immer stärker wurde, schlugen zahlreiche Analytiker aus konservativen, über SPD- bis hin zu KPD-Kreisen vor, die NSDAP auf die Weise zu „entzaubern“, in dem man sie an die Macht kommen lässt. Dann müsse sie beweisen, was sie von ihrem Programm umsetzt, wieviel nur Propaganda war. Man könnte und sollte wissen, dass diese „Strategie“ 1933ff sehr blutig gescheitert ist. Die NSDAP hat nicht nur Wort gehalten, sie hat mehr als dies getan – genau das, was man zur Selbstberuhigung als übertrieben oder auch nur widersprüchlich abtat.

Ob die AfD (noch) „das freundliche Gesicht des NS“ (Matthias Helferich/AfD und nun auch MdB) ist oder nur eine rechts-konservative Partei ist ein eigenes Kapitel (wert).

Warum kommen so wenige auf die Idee, eine andere Politik, eine „konkrete Utopie“ (Bloch) zu entwickeln und damit rechtsinnen und rechtsaußen gleichermaßen zu bekämpfen?

Sehr bald wird von der „Brandmauer gegen rechts“ nur noch der Projektor stehen bleiben, der regenbogenfarbige Bilder ins diverse Nirgendwo wirft. Dann werden die Illusionisten der politischen „Mitte“ dankbar sein, wenn sie zu Koalitionsgesprächen eingeladen werden. All das werden wir mit Wahlen nicht aufhalten. Auch dieses Mal nicht. Im Gegenteil.

Den Sauerstoff entziehen

Es gibt ein paar wunderbare Gedanken von Arundhati Roy, die einen anderen Weg einschlagen:

Our strategy should be not only to confront empire, but to lay siege to it. To deprive it of oxygen. To shame it. To mock it. With our art, our music, our literature, our stubbornness, our joy, our brilliance, our sheer relentlessness – and our ability to tell our own stories. Stories that are different from the ones we’re being brainwashed to believe.“

„The corporate revolution will collapse if we refuse to buy what they are selling – their ideas, their version of history, their wars, their weapons, their notion of inevitability.
(Arundhati Roy)

„Unsere Strategie sollte nicht nur darin bestehen, das Imperium zu konfrontieren, sondern es zu belagern. Ihm den Sauerstoff entziehen. Es beschämen. Es zu verhöhnen. Mit unserer Kunst, unserer Musik, unserer Literatur, unserer Hartnäckigkeit, unserer Freude, unserer Brillanz, unserer schieren Unerbittlichkeit – und unserer Fähigkeit, unsere eigenen Geschichten zu erzählen. Geschichten, die sich von denen unterscheiden, die man uns durch eine Gehirnwäsche glauben machen will.“

Und: „Die Revolution der Konzerne wird zusammenbrechen, wenn wir uns weigern, das zu kaufen, was sie verkaufen – ihre Ideen, ihre Version der Geschichte, ihre Kriege, ihre Waffen, ihre Vorstellung von Unvermeidbarkeit.“

Quellen und Hinweise

Der Kohlhaas-Wahl-O-Mat 2025, Wolf Wetzel, 2025: https://overton-magazin.de/kolumnen/kohlhaas-unchained/der-kohlhaas-wahl-o-mat-2025/

Letzte TV-Runde vor der Wahl: Baerbock warnt vor Russen-Einmarsch nach Brandenburg, BILD vom 21.2.2025: https://www.bild.de/politik/aussenministerin-macht-angst-baerbock-warnt-vor-russen-einmarsch-in-brandenburg-67b797ef1aeb2534badd249a

Rechts und links = Null? Wolf Wetzel, 2023: https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/rechts-und-links-null/

AfD mit Helferich und Krah. Das „freundliche Gesicht des NS“, taz vom 25.2.2025: https://taz.de/AfD-mit-Helferich-und-Krah/!6068620/

Es ist nichts geschehen, Daniel Sandmann, 2025: https://www.manova.news/artikel/es-ist-nichts-geschehen

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 5.3. 2025
https://overton-magazin.de/kolumnen/kohlhaas-unchained/kein-bsw-wird-uns-retten-kein-trump-kein-scholz/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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