Offener Brief: Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt

Vorbemerkung Forum-Red.: Wir dokumentieren. Nun haben sich auch 150 jüdische Mitbürger:innen der Hauptstadt zu Wort gemeldet und haben mit dem folgenden Offenen Brief ein weiteres Zeugnis dafür geliefert, dass der Kampf der Parteien der bürgerlichen Mitte gegen den vorgeblichen Antisemitismus der Linken keineswegs von all denen verlangt wird, die angeblich geschützt werden sollen. Es handelt sich lediglich um eine Schutzbehauptung, die eine Außenpolitik nötig hat, die sich an einem Genozid beteiligt und um eine Kommunalpolitik, in der die Geschäfte des Immobilienkapitals über den Existenzinteressen großer Teile der Bevölkerung stehen. (JG)

English below

Berlin, den Tag nach der Wahl

Wir sind Berliner Jüdinnen und Juden und kommen aus unterschiedlichen Milieus; wir beten in unterschiedlichen Synagogen oder gar nicht; wir wählen unterschiedliche Parteien – und wir schreiben diesen Brief, weil wir in den vergangenen Wochen immer wieder dieselbe Behauptung gehört haben: Die Linke sei gefährlich für Juden, eine Koalition unter ihrer Beteiligung ein Sicherheitsrisiko für unsere Gemeinden. Wir widersprechen dieser Darstellung – nicht, weil wir die Sorgen kleinreden, sondern weil wir sie ernster nehmen, als es plakative Warnungen tun.

In einer Zeit, in der eine teilweise offen faschistische Partei quer durch Deutschland auf dem Weg zur Macht ist, entziehen sich die großen Publikumsmedien und (wichtige) Teile unserer eigenen jüdischen Gemeinschaft ihrer Verantwortung, wenn sie weiterhin so tun, als würde die Linke die größte Gefahr für jüdische Sicherheit darstellen. Wie alle Arten von Ressentiment und Vorurteil tritt auch der Antisemitismus in vielen verschiedenen Teilen der Gesellschaft auf. Und genau wie die anderen Formen von Gruppenhass wird er dort am gefährlichsten, wo er mit rechtsextremer Ideologie und mit den antidemokratischen Tendenzen und Konflikten zusammenfällt, die sich manchmal auch gewaltsam auf unseren Straßen Bahn brechen. Dass gerade die Linken ständig des Antisemitismus beschuldigt werden, ist nicht nur eine zynische politische Instrumentalisierung, sondern setzt beinahe jede Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleich. Diese Flut an Anschuldigungen zielt darauf ab, andere Meinungen zu unterdrücken und das internationale Völkerrecht auszuhöhlen. Vor dem Hintergrund des überall anschwellenden Antisemitismus ist es nicht einfach eine neutrale Beobachtung, eine demokratische linke Partei herauszugreifen, sondern ein politisches Instrument, um Aufmerksamkeit ab- und umzulenken.

Uns beschäftigt etwas anderes mindestens genauso: Wie werden wir – und alle Berlinerinnen und Berliner – in dieser Stadt in den nächsten fünf Jahren leben? Steigende Mieten treffen jüdische Familien genauso wie alle anderen. Prekäre Beschäftigung, überlastete Schulen, ein Gesundheitssystem am Limit, wachsende soziale Spaltung – all das erzeugt genau jene gesellschaftlichen Spannungen, die auch  den Judenhass fördern. Wer soziale Missstände ignoriert, überlässt das Feld denen, die immer als erstes  nach Sündenböcken suchen. Eine Stadtregierung, die bezahlbaren Wohnraum sichert, öffentliche Daseinsvorsorge stärkt und soziale Ungleichheit spürbar reduziert, tut mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – und damit auch für unsere Sicherheit! – als bloß eine demokratische Partei auszugrenzen. 

Deshalb sagen wir: Die klar bessere Wahl für diese Stadt, auch für uns Juden, ist eine Koalition, die das sozialökonomische Programm ernst nimmt, das jetzt so dringend gebraucht wird. Nicht weil wir alle Positionen in der Linken oder irgendeiner anderen Partei teilen – das tun wir nicht, und wir werden weiter kritisch bleiben, wo es nötig ist. Sondern weil eine rot-rot-grüne Koalition die Kraft hat, die materiellen Ursachen gesellschaftlicher Spannungen anzugehen, während eine Fortsetzung des Status quo oder ein Rechtsruck diese Spannungen nur verschärfen würde.

Wir bitten die künftige Regierende Bürgermeisterin und ihre Koalitionspartner um zweierlei: Nehmen Sie unsere Sicherheit als das, was sie ist – eine rote Linie, keinen zynischen Spielball für Propaganda. Und nehmen Sie unsere sozialen Nöte ebenso ernst wie die aller anderen Berlinerinnen und Berliner. Beides gehört zusammen. Eine Stadt, die gerechter wird, wird zu einer Stadt, in der auch wir sicherer leben.

Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt

Unterschriftenliste: siehe unten

Open Letter: Berliner Jews for a Social and Safe City

Berlin, the day after the election

We are Berlin Jews who come from different backgrounds, belong to different Jewish cultural institutions and initiatives, pray in different synagogues (or not at all), and vote for different parties. We are writing this letter because, over the past few weeks, we have heard the same claim time and again: that The Left is dangerous for Jews, and that a coalition involving the party poses a danger to our safety. We reject this claim not because we downplay concerns about our safety, but because we actually take them seriously.

At a time when an in-parts openly fascistic political party is marching towards power across Germany, it is an abdication of responsibility on the part of mainstream media and elements of our own community to continue to pretend that the Left presents the largest threat to Jewish safety. Like any form of bigotry, Antisemitism can be found in different parts of society. And, like any other form of bigotry, it becomes most dangerous where it is coupled with far-right ideology and with the anti-democratic tendencies and conflicts being played out violently on our streets. The constant accusations of antisemitism against the left are not only cynical political weaponisation, but they also conflate nearly any criticism of Israel with antisemitism. The barrage of accusations aims to stifle dissent and the protection of international law. In this reality, singling out a democratic left-wing party while antisemitism is rising everywhere is not a neutral observation but a political choice about where to direct attention.

We are just as concerned about something else: How will we – and all Berliners – live in this city over the next five years? Rising rents affect Jewish families just as much as everyone else. Precarious employment, overcrowded schools, a healthcare system stretched to its limits, growing social division – all of this creates precisely the kind of social tensions in which antisemitism thrives. Those who ignore social hardship leave the field open to those who are always the first to look for scapegoats. A city government that secures affordable housing, strengthens public services, and tangibly reduces social inequality does more for social cohesion, and thus also for our safety, than the symbolic exclusion of a democratically elected party.

That is why we say: The clearly better choice for this city, including for us as Jews, is a coalition that takes seriously the socio-economic agenda that is needed now. Not because we agree with every position held by the Left – or the other parties for that matter – we do not, and we will continue to be critical where necessary. But because a red-red-green coalition, with its progressive social agenda, is key to countering the right, and has the potential to address the root causes of social tensions, whereas maintaining the status quo or shifting to the right would only exacerbate them.

We ask the future Governing Mayor and her coalition partners for two things: Treat our safety for what it is – a red line, not a matter for negotiation. Don’t do cynical politics on the backs of Jewish safety concerns. And take our social hardships just as seriously as those of all other Berliners. The two go hand in hand. A city that becomes more just will also be a city where we live more safely.

Berlin Jews for a Social and Safe City

Zum Unterschreiben / Sign here

Erstunterzeichner*innen / First Signatories

  1. Nimrod Adam, Technologist
  2. Udi Aloni, Film maker 
  3. Hila Amit, Autorin
  4. Nadav Avruch 
  5. David Bakum
  6. Gal Bar Nisan
  7. Raz Bdv
  8. Susanne Beer
  9. Eliana Ben-David 
  10. Gilad BenDavid
  11. Vered Berman, Ansprechperson zu Antisemitismus, Alice-Salomon-Hochschule
  12. Dr. Sanders Isaac Bernstein
  13. Michelle Bernstein, Yiddishist / Filmmaker / Writer 
  14. Raquel Elena Blum
  15. Jacob Blumenfeld
  16. Assaf Bondy
  17. Julia Bosson, Editor-in-Chief, the Diasporist 
  18. Micah Brashear, Lehrer (AdL)
  19. Amos Brison
  20. Dalia Castel 
  21. Arun Chaudhary, Former Videographer for Barack Obama
  22. Gal Chen, Analyst
  23. Jordan Coll
  24. Ben Cruchley, Musiker
  25. Irene Dische
  26. Emily Dische-Becker
  27. Esther Dischereit, Schriftstellerin
  28. Guli Dolev-Hashiloni
  29. Tomer Dotan-Dreyfus, Autor, Publizist
  30. Danit Dottan
  31. Nika Dubrovsky, Director of David Graeber Institute 
  32. Michael Dunajevsky 
  33. Walter Einat
  34. Max Elias
  35. Debby Farber, Curator and researcher
  36. Deborah Feldman, Autorin, Publizistin
  37. Dr. Noa Feldman
  38. Orsolya Ferenczi 
  39. Nimrod Flaschenberg, Israelis für Frieden
  40. Ruth Fruchtman, Autorin
  41. Dr. Yael Gaulan
  42. Tom Givol
  43. Dr. Michal Givoni
  44. Harry Glass, Executive Director, Berlin Atonal
  45. Milena Glimbovski, Unternehmerin, Autorin
  46. Maya Gorkin
  47. Scott Grabell, Varietè Artist
  48. Dr. Shany Grossman 
  49. Assaf Gruber, Artist and filmmaker 
  50. Nia Grünberg
  51. Maya Guttmann
  52. Karen Emma Haber, Schriftstellerin
  53. Michal Halevy
  54. Gali Har-Gil
  55. Camille Hausken-Brates
  56. Iris Hefets, Psychoanalytikerin
  57. Naomi Heimann
  58. Rafael Heimann 
  59. Rotem Heyman
  60. Alma Itzhaky, Künstlerin 
  61. Hori Izhaki 
  62. Sarah Milena Jochwed 
  63. Michal Kaiser-Livne, Psychoanalytikerin
  64. Noy Avinoam Katsman 
  65. Dr. Jordan D. Klein
  66. Sonja Knüppel 
  67. Oded Korach
  68. Omer Krieger, Artist
  69. Na’ama Landau
  70. Josef Laor
  71. Jacob Lefton
  72. Shay Lerner 
  73. Avisar Alon Lev 
  74. Naomi Levari
  75. Nadine Levin
  76. Dr. Romm Lewkowicz, Research Fellow, Max Planck Institute 
  77. Eyal Li
  78. Shelly Lieber
  79. Rapha Linden, Writer
  80. Adi Liraz
  81. Shoshana London Sappir
  82. Dr. Jossef Loss
  83. Avital Lutzky, Educator
  84. Itamar Mann
  85. Naomi Mark 
  86. Dr. Asher J. Mattern, Rabbiner
  87. Eva Menasse, Schriftstellerin
  88. Yael Merlini, Lehrerin 
  89. Dr. Ben Miller, Historiker, Autor; Vorstand, Schwules Museum
  90. Yonatan Miller, Gewerkschafter
  91. Elya Milner, PhD
  92. Irit Mogilevsky 
  93. Laura Moser, Writer
  94. Irit Naaman, Teacher 
  95. Etay Naor
  96. Prof. Susan Neiman, Director Emerita, Einstein Forum/Senior Fellow, New York University
  97. Merrill Nisker, Musician
  98. Noki Olchovsky
  99. Eli Osheorff 
  100. Shlomo Owen
  101. Jonathan Peaceman, freier Journalist
  102. Noam Perry
  103. Einat Podjarny
  104. Avraham Ramati
  105. Tamar Raphael, Schriftstellerin, Lehrerin 
  106. Adam Raz, Historian
  107. Prof. em. Dr. Fanny-Michaela Reisin
  108. Theresia Rexeisen 
  109. Emilia Zenzile Roig, Author
  110. Ron Rothschild
  111. Robert Rotifer, Journalist und Musiker
  112. Ryan Ruby, Writer
  113. Gaia Saati 
  114. Dror Sadot
  115. Alon Sahar, Founder, Staatsräson Monitor
  116. Ravit Sandler Jaffe
  117. Naftali Sappir
  118. Michael Sappir, Writer
  119. Tali Schaefer
  120. Eran Schaerf, Artist
  121. Feli Schuler, Studentin
  122. Ben Schuman-Stoler, Kollo Media Founder, HEIST Founding Publisher
  123. Charlotte Sebes 
  124. Jonathan Shamir 
  125. Nil Shani
  126. Mati Shemeolof, Author
  127. Or Shemesh
  128. Milan Shiff
  129. Gil Shohat, Historiker, politischer Bildner
  130. Sonia Simmenauer
  131. Walter Solon, Artist / Filmmaker
  132. Lili Sommerfeld, Musikerin
  133. Nirit Sommerfeld
  134. Jacob Sperber, Public Relations
  135. Shaked Spier
  136. Maya Steinberg, Filmmaker
  137. Adina Stern
  138. Lilli Stern
  139. Maayan Strauss
  140. Eliad Vagner
  141. Dr. Katharina Verleger
  142. Joel Vogel, Artist
  143. Emily Weingarten, Sozialarbeitende
  144. Laura Weiss, Ärztin
  145. Yehudit Yinhar, Artist
  146. Dr. Or Yizhar
  147. Dr. Kim Yuval
  148. Lili Zahavi, Director 
  149. Roni Zahavi-Brunner
  150. Roy Zinger, Marketing Specialist 

50 Jahre nach Daimlers Verbrechen

Morde von Mercedes Benz Argentina jetzt vor Gericht.

Von GABY WEBER

Titelbild: Gaby Weber

Am 22. Oktober wird in einem Vorort von Buenos Aires der ehemalige Produktionschef des deutschen Autobauers Mercedes-Benz Argentina (MBA) vor Gericht stehen: Juan Ronaldo Tasselkraut, Jahrgang 1941. Ihm wird die aktive Beteiligung an der Ermordung von 14 Gewerkschaftsaktivisten zur Last gelegt, konkret geht es um die Verhaftung des Arbeiters Héctor Ratto im August 1977 mitten im Betrieb sowie die Weitergabe der privaten Adresse des Gewerkschafters Diego Núñez an die Militärs, die in derselben Nacht Núñez verschleppten, folterten und dann ermordeten. Seine Leiche wurde nie gefunden. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass während der Diktatur bis zu 30.000 Menschen „verschwanden“.

Ich hatte den Fall 1999 für den WDR recherchiert und in der Welt bekannt gemacht. In Deutschland erstattete der Republikanische Anwaltsvereins Anzeige gegen Tasselkraut wegen Beihilfe zum Mord. Nach mehreren Jahren stellte die Staatsanwaltschaft Nürnberg das Verfahren ein, weil in ihren Augen nicht nachgewiesen wurde, dass die Verschwundenen wirklich tot seien und nicht irgendwann wieder auftauchen.

2004 erhoben die Hinterbliebenen in San Francisco (USA) Klage gegen DaimlerChrysler. Zunächst verneinten die kalifornischen Richter die geographische Zuständigkeit, annullierten jedoch im Mai 2010 ihr eigenes Urteil, und Daimler rief den Obersten Gerichtshof an. Dazu muss man wissen, dass die Richter in den USA vom Volk gewählt werden, lediglich die Obersten Richter von der Exekutive. 2014 hob der Supreme Court brav das Urteil des kalifornischen Berufungsgerichtes auf. „Der Neunte Gerichtsbezirk (San Francisco) hat den Risiken auf die internationalen Gebräuche zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, als er seine allgemeine Zuständigkeit erklärt hat“, hieß es in dem Urteil, eine „allgemeine Zuständigkeit könnte ausländische Investoren entmutigen“.

In Argentinien war 2002 (da galten noch die Amnestiegesetze) Strafanzeige wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung erstattet worden. Beschuldigt wurden, neben den Militärs, der MBA-Manager Tasselkraut, der Gewerkschaftsboss José Rodriguez und Carlos Ruckauf, bis zum Putsch 1976 peronistischer Arbeitsminister. Nach vier Jahren wurden die Ermittlungen aus der Hauptstadt Buenos Aires in den Vorort San Martín abgegeben, wo sie auf dem Schreibtisch der Richterin Alicia Vence landete. Und die tat gar nichts mehr. Die einst mächtige Menschenrechtsbewegung schaute weg und schwieg, denn der deutsche Autobauer verstand sich gut mit der neuen peronistischen Kirchner-Regierung. Im März 2022 stellte Richterin Vence das Verfahren ein. Dagegen legten die Opferanwälte Einspruch ein. Und nach weiteren vier Jahren wird nun das Verfahren doch noch eröffnet. Ich sprach mit Rattos Rechtsanwalt, Pablo Llonto. Er vertritt die Nebenklage.

GW: Im Oktober wird der Prozess gegen den Mercedes-Manager Tasselkraut eröffnet werden, fast 50 Jahre nach den Ereignissen. Warum so spät?

Pablo Llonto: Der Fall MBA ist leider nicht der einzige Fall. Im Moment warten 53 Menschenrechtsverfahren auf eine Terminierung. Das sage ich nicht zur Entschuldigung sondern zur Erklärung. Die Warteliste ist sehr lang, aber wir haben jetzt wenigstens ein Datum: im Oktober wird der Prozess eröffnet. Fast 50 Jahre nach den Verbrechen.

Pablo Llonto. Bild: Gaby Weber

Aber hatten wir nicht seit 2002 verschiedene peronistische Regierungen, und die Kirchners hatten das Thema Menschenrechte auf ihre Fahnen geschrieben. Warum ist da nichts passiert?

Pablo Llonto: Es ist ziemlich egal, wer an der Regierung war. Die Justiz hat sich einfach geweigert, diesen Verfahren Priorität einzuräumen. Das einzige Mal, wo der Justizapparat verstand, dass man sie nicht auf die lange Bank schieben kann, war 1985, als die Junta-Kommandanten vor Gericht gestellt wurden. Damals wurde jeden Tag verhandelt, und zwischen April und August wurden 833 Zeugen vernommen und im Dezember das Urteil gesprochen. Damals gab es den erklärten Willen der Richter; heute hingegen wird in den Menschenrechts-Verfahren bestenfalls alle 14 Tage verhandelt. Das können Sie ausrechnen: wenn wir nur 20 Zeugen vernehmen wollen, alle zwei Wochen, dann brauchen wir dafür fünf Monate. Das ist schmerzhaft, und die Verantwortung dafür hat der Oberste Gerichtshof. Es spielt keine Rolle, ob Javier Milei, Mauricio Macri oder Cristina Kirchner regieren. Wir haben immer die Beschleunigung gefordert, aber vergeblich. Die Richter weigern sich, diesen Verfahren eine Priorität einzuräumen wie sie es zum Beispiel derzeit bei den Korruptions-Verfahren tun. Wenn um Menschenrechte geht, tun sie es nicht.

Ab dem 70. Lebensjahr verbringen die Verurteilten die Haft – wenn es überhaupt dazu kommt – im Hausarrest. Wie alt ist der angeklagte Tasselkraut?

Pablo Llonto: 85 Jahre. Aber auch das ist in den anderen Verfahren nicht anders. Die meisten, die damals 30 Jahre alt waren, sind heute über 70 bis Mitte 90.

Worum geht es im Oktober konkret? Die Vorwürfe sind ja sehr umfangreich, insgesamt sind mindestens 14 kämpferische Gewerkschafter ermordet worden.

Pablo Llonto: Es geht nur um zwei konkrete Vorwürfe, um die Beteiligung an der illegalen Festnahme und  Folter von Héctor Ratto und um das Verschwinden-Lassen seines Kollegen Diego Núñez.

MBA hat damals, als Firma, die geheime Wöchnerinnen-Station der Kaserne Campo de Mayo unterstützt, indem es Brutkästen lieferte. Dort mussten schwangere Regimegegnerinnen ihre Kinder auf die Welt bringen, die ihnen dann weggenommen wurden, bevor man die Mütter ermordet hat. In der Familie Tasselkraut gibt es drei Kinder, die laut ihrer Geburtsurkunde als leibliche Kinder eingetragen sind, was definitiv nicht der Wahrheit entspricht. Es besteht der Verdacht, dass auch diese in den Folterzentren der Militärs auf die Welt gekommen sind. Wird das zur Sprache kommen?

Pablo Llonto: Es ist nicht Teil der Anklage, aber wir werden das nicht unter den Tisch fallen lassen. Vieles ist nicht Teil der Anklage. Wir werden darauf bestehen, dass es protokolliert wird, um später in weiteren Prozesse geklärt zu werden.

Was sagt ihr Mandant, Héctor Ratto, dazu, dass erst 50 Jahre nach den Verbrechen die Verhandlung stattfindet? Was fühlt er? Ist er enttäuscht und wie wird er sich verhalten?

Pablo Llonto: Mein Mandant ist sehr wütend und verletzt. Er weiß ja, dass und warum seine Kollegen damals ermordet worden sind. Das wird er auch im Prozess sagen. Die Töchter der Familie Núñez sind jünger als Ratto und bei der Gruppe „Hijos“ (Kinder der Verschwundenen) aktiv. Sie alle sind aber zufrieden über das, was erreicht worden ist. Wir werden weitermachen, auch noch nach 50 Jahren. Ratto weiß, dass er und die Familienangehörigen der Opfer viel Solidarität erfahren haben, weltweit. Und das war wichtig.

Die Firma hatte notgedrungen einen Untersuchungsbericht in Auftrag gegeben, den sog. Tomuschat-Bericht. Leider hat der unter Vertrag genommene Berliner Jura-Professor ein Gefälligkeitsgutachten abgegeben. Viele sprachen von einer verpassten Chance, doch irgendwie auf die Opfer zuzugehen, um das Thema zu beenden. Hat sich das deutsche Unternehmen irgendwann für sein Verhalten entschuldigt? Irgendeine Geste? Irgendwas?

Pablo Llonto: Nein, weder öffentlich noch intern im Rahmen des Verfahrens. Ich hoffe, dass – wenn wir eine Verurteilung bekommen – sich das vielleicht auf junge Manager auswirkt. Wir haben in Argentinien den Fall des Molinos-Konzerns, dem ebenfalls schwere Menschenrechts-Verletzungen vorgeworfen wurden. Dort gibt es neue Besitzer, und die haben sich im Verfahren gemeldet und mit der Anklage kooperiert, Unterlagen zur Verfügung gestellt. Das ist eine Ausnahme. Ford und Mercedes-Benz haben dies nie getan.

Über den Fall hat die Autorin einen Dokumentarfilm („Wunder gibt es nicht“) gemacht und 2024 Jahr bei der Buchmacherei ein Buch veröffentlicht: „Causa Mercedes-Benz“.

Gaby Weber

Gaby Weber
Weber studierte Romanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1982 am Lateinamerika-Institut. Seit 1978 ist die Mitgründerin der taz als Journalistin und seit 1986 als freie Korrespondentin tätig, zuerst aus Montevideo und ab 2002 aus Buenos Aires. Außerdem hat sie mehrere Reportagen und umfangreiche Recherchen zur Geschichte nachrichtendienstlicher Aktivitäten veröffentlicht. 2012 erschien ihr Buch „Eichmann wurde noch gebraucht“.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 16.9. 2026
https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/50-jahre-nach-daimlers-verbrechen/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Grüne und SPD bestellen – „und unsere Genoss:innen liefern?“ – Kein Parteiauschluss wegen Palästinasolidarität!

Es wurde ein Parteiauschlussantrag gegen Hannah Bruns, Ko-Kreis-Mitglied der LAG Palästinasolidarität Die Linke, eingereicht!

Eben solche Ausgrenzungen fordern jetzt die Grünen und SPD als Preis für eine Koalition. Der grüne Spitzenkandidat verlangt, Die Linke müsse ihre „problematischen Teile“ in die Schranken weisen. Die SPD Spitze lässt verlauten: „Antisemitismus keinen Milimeter Platz lassen“. Gemeint sind diejenigen in der Partei Die Linke, die sich nicht der Staatsräson beugen. Gemeint sind diejenigen, die sich universell für Menschenrechte einsetzen, seien sie Jüd:innen oder Palästinenser:innen. Gemeint sind diejenigen, die für das im Völkerrecht verbriefte Widerstandsrecht gegen Angriffskriege, Kriegsverbrechen und Völkermord eintreten. Gemeint sind diejenigen, die nicht den Mund halten, wenn eine rechtsextrem geprägte Regierung und deren Armee tageintagaus Menschenrechtsverletzungen barbarichster Art begehen.

Wo linke Parteien sich schon im Vorfeld solchen Bedingungen potentieller vermeintlicher (bürgerlicher) Partner unterwerfen, verlieren sie nicht nur ihre besten Genoss:innen, sondern ihre linke DNA. Sie verspielen das Vetrauen ihrer Basis, deren Rückgrat und Kampf unverzichtbar ist, um linke Programmatik – auch für ein bezahlbareres Berlin – gegen die versammelte bürgerliche Reaktion überhaupt durchsetzen zu können.

Als linke Gewerkschafter:innen und Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin fordern wir: Weg mit dem Ausschlussantrag gegen Hannah! Solidarität mit Ferat Koçak. Die gegenwärtige Hetzkampagne gegen vermeintlichen Antisemitismus in der Linken muss entschieden zurückgewiesen werden. Es ist überfällig, die rechte Front quer über alle Parteien der Mitte mit rechtsextremen Parteien und Regierungen dazu aufzudecken.

Ein Clanchef besucht ungebeten die Wahlparty der Partei Die Linke und wird - als er  erkannt wurde - unverzüglich zum Verlassen aufgefordert und hinauskomplimentiert. Skandal. Die SPD: mit solchen Leuten könne man unmöglich koalieren! Letztes Jahr besuchte derselbe Clanchef auf Einladung des CDU Abgeordneten Christian Zander sogar das Berliner Abgeordnetenhaus. Er wurde nicht hinausgeworfen. Es wird behauptet, der CDU Abgeordnete soll auch sonst Kontakt mit dem Clanchef gepflegt haben. Christian Zander  wurde jetzt für die CDU wiedergewählt. Alles kein großer Skandal. Es ist nicht bekannt, dass die SPD je erwogen hätte, deswegen die SchwarzRote  Koalition zu verlassen oder jetzt deswegen eine Koalition mit der CDU zu verweigern.

Erschreckend viele Politiker, Antisemitismusbeauftragte und Journalisten setzen Israel mit Juden in Deutschland gleich (Merz: Israelfahne = Judenfahne, Antisemitismus = Ausländerfeindlichkeit) und bringen damit jüdische Menschen in Gefahr, die niemals für die Taten Israels verantwortlich gemacht werden dürfen.

Völkerrechtlich gebotene Forderungen und vom Grundgesetz gedeckte politische Äußerungen im Kontext Israel/Palästina werden zu einer Gefahr für jüdisches Leben umgedeutet. Mit der Kampagne gegen eine Rot-Rot-Grüne Regierungskoalition in Berlin hat diese Instrumentalisierung des Kampfes gegen Antisemitismus jetzt einen neuen Tiefpunkt erreicht. Juden werden benutzt, um die Linke von der Macht fernzuhalten.

Kristin Herlberg, 24.9.2026 Journalistin und Westasienexpertin

150 namhafte Berliner Jüd:innen haben zur Unterstützung der Partei Die Linke aufgerufen! Alles Antisemiten?

Wir publizieren hier die Stellungnahme der LAG Palästinasolidarität Die Linke Berlin zum Parteiauschlussantrag „gegen unsere Genossin und Ko-Kreis-Mitglied der LAG Palästinasolidarität!“

„Die Grünen bestellen -unsere Genoss:innen liefern?“
Ausschlussantrag liegt vor


Noch im Wahlkampf legten die Verfasserinnen des Ausschlussantrags gegen Hannah Bruns das Schreiben der WELT vor und fütterten damit die Kampagne gegen unsere Partei. Um eine inhaltliche Auseinandersetzung mit linken Themen zu verhindern, wurde jeden Tag aufs Neue das Schreckgespenst des linken Antisemitismus heraufbeschworen.

Jetzt wurde der Antrag offiziell eingereicht – das haben wir aus der Presse erfahren.

Mal wieder sollen autoritäre Maẞnahmen, wie das Leaken von Parteiinterna an die Presse und das Einreichen von Ausschlussanträgen palästinasolidarische Genossinnen einschüchtern. Nicht mit uns!

Für eine konsequente Palästinasolidarität

Wir stehen an der Seite der Menschen, die unter Besatzung, Vertreibung und Krieg und Genozid leiden. Wir stellen uns gegen Unterdrückung – auch wenn das unbequem ist. Wir stellen uns konsequent gegen Imperalismus, auch wenn das politischen Gegenwind bedeutet. Und wir stehen für die Selbstbestimmung der Palästinensertinnen.

  • Internationalismus ist kein Ausschlussgrund.
  • Palästinasolidarität ist keinAusschlussgrund
Die Farce!

Die Beschlüsse der Partei sind auf unserer Seite! Der Bundesparteitag hat im Juni 2026 klargemacht: Debatten über Westasien müssen in unserer Partei offen, plural und ohne Angst vor Sanktionen geführt werden. In einer sozialistischen Partei muss Platz für antizionistische Positionen sein. Und bereits im November 2025 hat der Parteirat ausdrücklich eine Haltung gegen die Kriminalisierung der Palästina-Solidarität beschlossen. Das ist unsere Beschlusslage. Dann muss sie auch gelten

Hannah wird nicht schweigen. Und wir auch nicht!

Sie hat auf Demonstrationen das Recht der Palästinenserinnen auf bewaffneten Widerstand gegen Vertreibung und Unterdrückung vertreten. Das steht übrigens auch im Völkerrecht und dahinter sollte Die Linke niemals zurückfallen.

Sie- und auch wir als LAG Palästinasolidarität- setzt sich auẞerdem für eine sozialistische Perspektive ein, in der Palästinenserinnen und Israelis gleichberechtigt leben können. Wer diese politische Positionen nicht teilt, soll in eine Diskussion gehen. Aber nicht Ausschlussanträge schreiben. Was ist das für eine Parteikultur?

Alles für die Regierung?

Ausgerechnet jetzt. Während in Berlin über Sondierungen und eine mögliche Regierungsbeteiligung gesprochen wird, soll eine der konsequentesten palästinasolidarischen Stimmen aus der Partei gedrängt werden. Gleichzeitig kommen von den Grünen und SPD Forderungen nach Sanktionen gegen vermeintlich antisemitische Stimmen in der Linken. Alles für eine Koalition?

Wir lassen uns nicht erzählen, dass das nichts mit einer möglich Regierungsbeteiligung zu tun hat.
Es geht auch um die Frage: Wie viel Palästinasolidarität ist für eine Linke noch »erlaubt“, die auf Biegen und brechen regieren will?

Solidarität ist nicht verhandelbar!

Wir kämpfen für eine sozialistische Partei und werden uns nicht für eine Regierungsfähigkeit anpassen:

  • Nicht an Springer
  • Nicht an die Grünen
  • Nicht an mögliche Koalitionspartner

Und auch nicht an diejenigen in der eigenen Partei, die glauben, palästinasolidarische Positionen müssten für eine Regierungsbeteiligung verschwinden. Eine sozialistische Partei muss unbequem sein. Sie muss internationalistisch sein. Sie muss an der Seite der Unterdrückten stehen. Sonst braucht sie den Namen ,,links“ nicht mehr.

Hände weg von Hannah!

Wir stehen an Hannahs Seite. Wir kämpfen gegen ihren Ausschluss. Wir kämpfen gegen die Kriminalisierung der Palästinasolidarität- innerhalb und auẞerhalb der Partei. Für ein sofortiges Ende des Genozids und für Solidarität mit der palästinensischen Community.

Wir kämpfen dafür, dass unterschiedliche linke Positionen in unserer Partei ihren Platz haben.

Palästinasolidarität bleibt Teil der Linken. Hoch die internationale Solidarität!


LAG Palästinasolidarität Die Linke Berlin

siehe auch zum Thema 

"Kein Weiter so” der Linken"

"Antisemitismus-Kampagne gegen Linke soll soziale Wende stoppen"

Offener-Brief-Berliner-Juedinnen-und-Juden

Titelbild: Peter Vlatten

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