„… hier wird ganz offensichtlich ein umfangreicher Angriff auf unsere Lebensbedingungen geführt. Wir sollen den Krieg finanzieren und hin und wieder auch mal 6 Milliarden für das Management und die Aktionäre.“

Lars Hirsekorn, BR-Mitglied bei VW Braunschweig, hat am 03. März 2026 auf einer Betriebsversammlung in Braunschweig eine bemerkenswerte Rede gegen die Angriffe auf die Arbeitsrechte gehalten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

am letzten Freitag[1]Die USA und Israel greifen den Iran an. postete ein Freund „Halt die Welt an, mir ist schlecht, ich will aussteigen“. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr er mir damit aus dem Herzen gesprochen hat. In den letzten Monaten verging kaum ein Tag, an dem mir nicht schlecht wurde. Egal auf welchen Wege die Welt in mein Gehirn kroch, der Druck auf den Schädel wurde doch immer stärker. Ich bin Arbeiter, gesetzlich kranken-, pflege- und rentenversichert. Ich arbeite in Teilzeit weil mir das Geld zum Leben reicht und ja, ich freue mich schon jetzt auf die Rente. Anders gesagt, ich bin faul, zu oft krank und ein widerlicher Egoist, der nicht bereit ist sein Leben für die Interessen der Aktionäre zu opfern.

Die Millionäre dieser Welt und ihre Politiker schreien dies seit Wochen jeden Tag in den Orbit und hoffen auf ein Echo. Dabei ist die Gewinnausschüttung der Dax Konzerne von rund 10 Milliarden in den Jahren 2003 und 2004 auf jeweils rund 52 Milliarden in den Jahren 2023 und 2024 gestiegen.

Kolleginnen und Kollegen, wir reden hier wirklich über unfassbare Summen. Innerhalb von 20 Jahren haben sich die Gewinne verfünffacht. Aber es reicht ihnen nicht, die Gier dieser Damen und Herren kennt einfach kein Maß, sie ist unersättlich. Natürlich haben wir diese Gewinne nicht alleine erwirtschaftet, das waren alle Lohnabhängigen dieser 40 großen Konzerne auf der ganzen Welt. Aber genauso ist ihr Angriff auf unsere Arbeits- und Lebensbedingungen weltweit. Egal ob in Deutschland, Frankreich, Polen oder Ungarn, überall wurde die Rente verschlechtert und überall wird uns gesagt, wir würden zu wenig arbeiten. Es geht um Wochenstunden, Krankengeld und Lebensarbeitszeit. Egal ob bei Volkswagen, Ford, Tesla oder BYD. Auf der ganzen Welt haben die Bosse verstanden, dass sie nur mehr bekommen, wenn sie uns etwas wegnehmen oder uns länger arbeiten lassen.

Die Frage ist, wann wir das begreifen. Ich selbst habe vor Jahren geschaut wie ich aus dieser permanenten Wochenendarbeit bei Volkswagen raus komme. Eine der wenigen Möglichkeiten, die ich sah, war auf Teilzeit zu gehen. Jetzt bekomme ich zwar weniger Geld, aber es reicht für mich. Ich habe ein schönes Dach über dem Kopf, fahre in den Urlaub und, wenn meine Waschmaschine kaputt geht, kann ich mir eine neue kaufen. Man könnte meinen, ich könnte ein schönes Leben führen. Aber sie lassen einen nicht in Frieden leben. Da kommt der Kanzler der Milliardäre um die Ecke und sagt: „Mit (einer) Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können“. Merz und Söder fordern ein Ende der 40 Stunden Woche, gleichzeitig werden Millionen Menschen geradezu dazu gezwungen in Teilzeit zu arbeiten, in erster Linie Frauen, weil sie ihre Kinder nicht betreut bekommen. Und das nur weil dieser Regierung Panzer und Dividenden wichtiger sind, als Kindergärten und Schulen. Und dann kommt auch noch Herr Söder um die Ecke und schreit in den Saal, „Leistung, Leistung, Leistung“, das sei das was wir wieder bräuchten. Da frage ich doch direkt mal zurück, wann hat den diese Bierzeltkarikatur mal ernsthaft eine Nacht bis Morgens um 6:00 Uhr gearbeitet? Und damit meine ich nicht die Nächte beim Oktoberfest. Dazu würden sich wohl auch bei uns Freiwillige finden. Wann hat denn so jemand mal den Feinstaub der Staplerreifen eingeatmet, Öle und Kühlschmierstoffe auf der Haut gehabt oder auch taktgebunden Nachts um vier geschuftet, obwohl einen schon die Müdigkeit übermannt.

Mal im Ernst, da sitzt eine Regierung voller Winkeladvokaten und Zahlendrehern und jammert zusammen mit den Wirtschaftsbossen, das wir faul und krank sind. Ja, wir sind öfter mal krank, aber woran liegt es denn? Wer dreißig Jahre Dreierschicht arbeitet, stirbt 7-8 Jahre früher als der Durchschnitt. Das sind nicht meine Zahlen, das sind die Zahlen der Berufsgenossenschaft. Ja, das ist so, wir verkaufen hier mit den Zuschlägen unsere Gesundheit und reale Lebensjahre. Niemand kann sie uns zurückgeben. Das sind acht Jahre echtes Leben, das wir verlieren, und jetzt kommen diejenigen, die noch nie so gearbeitet haben, daher und sagen wir seien faul? Sie fühlen sich allen Ernstes ermächtigt uns unseren Lebensabend endgültig zu zerstören? Die Ärzte empfehlen ganz dringend, dass gefährdete Gruppen aus der Schichtarbeit genommen werden. Eine dieser Gruppen sind ganz einfach die Älteren. Die Empfehlung ist dabei eindeutig, wenn du schon Dreierschicht arbeitest, dann hör mit 50 Jahren damit auf. Bei Volkswagen haben wir wenigstens noch die Regelung, dass ich mit 55 aus der Nachtschicht aussteigen kann. Bei der Group Services[2]VW eigene Tochterfirma für Werkverträge mit schlechteren Tarifen haben wir das nicht. Hier heißt es schön durchziehen bis zum Ende. Da kommt schon mal der vorgesetzte an und sagt „Hier Hirsekorn, unterschreib mal die sechs Tage Nachtschicht für den 60 Jährigen“ – Am Arsch!

Bis 70 Dreierschicht arbeiten? Mit Verlaub, das ist Körperverletzung mit Ansage und Todesfolge. Darauf müsste Knast stehen und keine Wiederwahl. Deutschland liegt bei der absoluten Zahl der Milliardäre auf Platz 4 in der Welt, bei der Lebenserwartung aber nur auf Platz 43. So ein reiches Land, nun finde einmal jemand den Fehler. Sie wollen uns die Zähne aus der Krankenversicherung nehmen. Jeder Zahnarzt wird euch bestätigen wie wichtig gesunde Zähne für ein gesundes Herz sind. Bei VW können wir noch einen Zuschuss von der Unterstützungskasse[3]Freiwillige Solidarkasse der Belegschaft zum Zahnersatz beantragen. Bei der Group Services gibt es die nicht, ist dem Unternehmen zu teuer. Da lassen sich junge Kolleginnen 100 Überstunden auszahlen, damit sie zwei Kronen finanzieren können.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

hier wird ganz offensichtlich ein umfangreicher Angriff auf unsere Lebensbedingungen geführt. Wir sollen den Krieg finanzieren und hin und wieder auch mal 6 Milliarden für das Management und die Aktionäre.

Es wird an uns liegen, diese Angriffe abzuwehren. Wir müssen uns in den Betrieben und in der ganzen Gesellschaft dagegen wehren. Mit dem Betriebsverfassungsgesetz allein sind wir da aufgeschmissen. Wenn die Rente kaputt gemacht wird, können wir uns tausendmal um Schonarbeitsplätze bemühen, wir werden es nicht schaffen. Dem Unternehmen sind ja jetzt schon unsere Kolleginnen von Work to Work[4]Eine Abteilung, in der physisch oder psychisch angeschlagene Kollegen mit geminderten Zeitdruck arbeiten können. Viele haben jetzt Abfindungen „angeboten“ bekommen. zuviel.

Liebe Leute ich habe kein Bock hier mit 70 zwischen den Maschinen den Löffel abzugeben. Aber das schaffe ich nun mal nicht alleine. Dazu brauche ich euch, und nicht nur ein oder zwei, sondern viele, wenn nicht sogar alle. Das ist der Gedanke von Gewerkschaft.

Die Manager kommen und gehen, aber die Belegschaft bleibt bestehen.

Ich bitte euch: Steht auf und steht zusammen.

Titelbild: Peter Vlatten

References

References
1 Die USA und Israel greifen den Iran an.
2 VW eigene Tochterfirma für Werkverträge mit schlechteren Tarifen
3 Freiwillige Solidarkasse der Belegschaft
4 Eine Abteilung, in der physisch oder psychisch angeschlagene Kollegen mit geminderten Zeitdruck arbeiten können. Viele haben jetzt Abfindungen „angeboten“ bekommen.

Keine Wohnung, kein Schutz

Gewalt gegen obdachlose Menschen: Berliner Polizei vermeldet brutalen Angriff auf Schlafende

Von Lola Zeller

Angriffe auf wehrlose schlafende Menschen sind nicht selten, berichten ehemals obdachlose Menschen und Unterstützer*innen. Am Donnerstag findet in Berlin die jährliche Mahnwache gegen Obdachlosigkeit statt.

Kurz vor 11 Uhr nachts am Alexanderufer in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs: Zwei Menschen schlafen unter einer Brücke, als sie von einem Mann angegriffen werden. Sie werden getreten, bis eines der Opfer mit sehr schweren Verletzungen am Kopf ins Krankenhaus zur stationären Behandlung muss. Das geht aus einer Meldung der Berliner Polizei hervor. Demnach ereignete sich der Vorfall in der Nacht von Sonntag auf Montag, von Zeug*innen alarmierte Einsatzkräfte hätten den mutmaßlichen Täter festgenommen.

Gewalt gegen Obdachlose gibt es immer wieder. »Das Schlimme sind nicht die physischen Folgen, die hat man ganz schnell vergessen. Das Schlimme ist das Psychische, das bleibt das Leben lang«, sagt Meru zu »nd«. Meru hat selbst obdachlos in Berlin gelebt und ebenfalls solche Gewalt erfahren. Als er 2021 alleine auf einer Bank am Charlottenburger Savignyplatz schlief, wurde er brutal angegriffen und musste im Krankenhaus behandelt werden. Sieben Zähne seien ihm aus dem Mund getreten worden, der Kiefer war gebrochen, zahlreiche Platzwunden habe er davongetragen. Warum er angriffen wurde, das weiß er bis heute nicht. »Ich habe keine Ahnung, wie man auf die Idee kommen kann, jemandem etwas anzutun, der sich nicht wehren kann«, sagt Meru. Vielleicht gehe es um ein Gefühl von Macht, vielleicht um ein grausames Aufnahmeritual unter Jugendlichen.

Meru bietet inzwischen Stadtführungen in Berlin an, die am Bahnhof Zoo starten. Ehrenamtlich hilft Meru in Nachtcafés, die obdachlosen Menschen einen Aufenthaltsraum bieten. »Gewalt gegen Obdachlose kriege ich jeden Tag mit«, sagt er. Zu oft habe er gesehen, wie Menschen mit blauen Augen, kaputten Zähnen, blutenden Mündern und verletzten Beinen klarkommen müssten. Viele hätten keine Krankenversicherung und es gebe nicht genug ehrenamtliche Ärzt*innen, um sie zu versorgen, sagt Meru. Um gegen die Gewalt vorzugehen, hilft in seinen Augen nur eines: Obdachlosigkeit an sich zu beenden. »Der Wohnraum ist eigentlich da«, sagt er.

»Ich habe keine Ahnung, wie man auf die Idee kommen kann, jemandem etwas anzutun, der sich nicht wehren kann.«Meru ehemals obdachlos

Stefan May ist seit 17 Jahren mit dem Fahrrad nachts auf Berlins Straßen unterwegs, um dort schlafende Menschen zu unterstützen. »Radtouren für obdachlose Menschen« heißt seine ehrenamtliche Initiative. »Wir könnten ganze Bücher füllen zum Thema Gewalt gegen Obdachlose«, sagt May zu »nd«. Nachts draußen präsent zu sein und zu schauen, dass es den Menschen gut geht und sie zu unterstützen, wenn sie etwas brauchen, das helfe schon, um dieser Gewalt vorzubeugen, sagt May. »Das ist auch der Grund, warum wir überwiegend nachts unterwegs sind.«

In den vergangenen 17 Jahren sei die Gewalt gegen obdachlose Menschen nicht immer auf einem so hohen Niveau gewesen, wie aktuell. »Es gab eine Zeit, da ist das sogar zurückgegangen.« Doch seit vier Jahren verzeichnet May wieder einen Anstieg. »Und in diesem Jahr hat die Gewalt noch mal so richtig zugenommen.« Erst vor Kurzem sei etwa eine obdachlose Frau am Bahnhof Yorckstraße im Schlaf mit dem Messer in den Rücken gestochen worden. »Viele Menschen auf der Straße können gar nicht schlafen, weil sie ja immer damit rechnen müssen, dass etwas passiert.«

May will am Donnerstag auch am Roten Rathaus bei der Mahnwache gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen sein. Diese wird jedes Jahr von einem Bündnis aus obdachlosen und wohnungslosen Menschen und Unterstützer*innen organisiert. Dazu gehört Nicole Lindner. Auch sie stellt fest, dass Gewalt gegen obdachlose Menschen zunimmt. »Keinen Wohnraum zu haben, führt dazu, dass man auch keinen Schutzraum hat«, sagt Lindner.

Die Mahnwache am Roten Rathaus soll dieser Gewalt etwas entgegensetzen – unter anderem mit Redebeiträgen, Unterstützungsangeboten, einer Ausstellung und Konzerten. »Das wird richtig groß«, sagt Nicole. In einer digitalen Live-Konferenz will man sich außerdem im Rahmen der Housing Action Days international mit Aktivist*innen austauschen. Schließlich werden voraussichtlich auch einige Menschen die Nacht über vor Ort verbringen. »Wenn man Obdachlosigkeit beenden will, dann muss man endlich mit den Zwangsräumungen aufhören, die immer wieder Obdachlosigkeit schaffen«, sagt Lindner.

Erstveröffentlicht im nd v. 24.3. 2026
Berlin: Keine Wohnung …

Wir danken für das Publikationsrecht.

EU-Gelder für Israels Universitäten sind mitschuldig an Apartheid und Völkermord – internationale Protestmamärsche


Am 27. März demonstrieren Studierende in über 30 Städten in der gesamten EU, um den Ausschluss Israels aus dem Horizon-Programm zu fordern.

Kommt am 27. März um 14:00 Uhr in Berlin zum Europäischen Haus, Unter den Linden 78, 10117 Berlin

Um was geht es?

Während Israel seinen Völkermord im Gazastreifen fortsetzt und eine beispiellose Aggression gegen die Bevölkerung des Westjordanlandes, des Libanon und des Iran entfesselt, überweist die EU Millionen an israelische Universitäten. Über das Horizon-Programm erhielt Israel in den letzten drei Jahren 1,1 Milliarden Euro – mehr als alle EU-Mitgliedstaaten außer zwei.

Diese Gelder und Partnerschaften sind für die israelische Wissenschaft unerlässlich. Die Israelische Akademie der Wissenschaften und Geisteswissenschaften erklärte, ein Ausschluss aus dem Programm käme einem „nahezu Todesurteil“ für die israelische Forschung gleich.

Das israelische Universitätssystem ermöglicht die Besetzung palästinensischen Gebiets und die regionale Aggression, indem es wichtige Technologien und andere Dienstleistungen für das völkermörderische Militär bereitstellt. Projekte ohne direkten militärischen Bezug

Dienstleistungen für sein völkermörderisches Militär. Projekte ohne direkten militärischen Bezug spielen eine Schlüsselrolle bei der Normalisierung seines Apartheid-Systems, indem sie es einem auf ethnischer Säuberung und Völkermord basierenden Gebilde ermöglichen, sich als Leuchtfeuer des wissenschaftlichen Fortschritts zu präsentieren. Während die EU Russland fast unmittelbar nach dessen Invasion in der Ukraine aus dem Horizon-Programm ausschloss, verblieb Israel nach über zwei Jahren Völkermord im Gazastreifen und Angriffen auf seine Nachbarn im Programm.

Horizon-Programm Stoppen! Nein zu weiteren EU-Geldern für Völkermord!

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