Der Bürgermeister und der Antisemit

Kai Wegners Haltung zu Berlins Ex-Innensenator Heinrich Lummer wirft Fragen auf

Von Nathaniel Flakin

Lummerportrait: Stadt Berlin

Heinrich Lummer, einst Berliner Innensenator für die CDU, ist größtenteils in Vergessenheit geraten. Der ein oder andere Skandal aus seiner Amtszeit von 1981 bis 1986 bleibt aber im kollektiven Gedächtnis. Über Jahre hinweg führte der strenge Antikommunist eine Affäre mit einer Agentin des Ministeriums für Staatssicherheit und machte sich so erpressbar. Und 1981 ließ Lummer acht besetzte Häuser räumen, wobei der 19-jährige Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay unter die Räder eines Busses geriet und starb. Eine selbst gemachte Gedenktafel im Bürgersteig vor der Potsdamer Straße 125 erinnert bis heute an seinen Tod. Lummers Karriere ging 1986 mit einem Bauskandal zu Ende. Später kam heraus, dass der Hardliner im Jahr 1971 Tausende D-Mark an Rechtsradikale gespendet haben soll.

Einem einflussreichen Berliner Lokalpolitiker trotzt diese Vita Bewunderung ab: »Er war eine starke Persönlichkeit der Berliner CDU«, schreibt Kai Wegner nach Lummers Tod im Jahr 2019. Als frischgebackener Landesvorsitzender würdigt er den Verstorbenen, nennt ihn »unvergessen«. »Viele werden ihn in Erinnerung behalten als jemanden, der die Innere Sicherheit und Ordnung konsequent durchgesetzt hat«, heißt es in dem Facebook-Post. »Das hat ihm nicht nur Sympathien beschert, aber auch seine Haltung gezeigt.« Heute ist der Autor Regierender Bürgermeister von Berlin.

Dabei stach Lummer ab Ende der 90er Jahre besonders mit einem Thema hervor: seinem Hass auf Jüd*innen. 1997 sprach sich Lummer im »Ostpreußenblatt«, der heutigen »Preußischen Allgemeinen Zeitung«, gegen weitere jüdische Einwanderung in die Bundesrepublik aus. Das Land habe bereits zu viele Ausländer*innen – und die deutsche Außenpolitik sei »weitgehend fremdbestimmt« in Bezug auf Israel.

Lummer hat seinen Antisemitismus so laut verkündet, dass ihm 1998 die Einreise nach Israel verweigert wurde. Im folgenden Jahr sagte er im Interview mit der rechten Zeitung »Junge Freiheit«, das Berliner Holocaust-Denkmal sei nur auf Druck der »amerikanischen Ostküste« gebaut worden. In einem weiteren Interview fragte er, ob Zwangsarbeit unter den Nazis wirklich »so schrecklich und gering bezahlt war«. Schließlich habe es »im Zusammenhang von Kriegen immer wieder Zwangsarbeit gegeben«.

»Viele werden ihn in Erinnerung behalten als jemanden, der die Innere Sicherheit und Ordnung konsequent durchgesetzt hat.« Kai Wegner über Ex-Innensenator
Heinrich Lummer (beide CDU)

Weitere rechtsextreme Themen durften bei Lummer nicht fehlen. Wieder im »Ostpreußenblatt« schrieb er 1999, dass das deutsche Volk drohe durch Masseneinwanderung zu verschwinden, gefördert durch fremde Mächte. Heute ist diese rechtsextreme Verschwörungstheorie als »Großer Austausch« bekannt. 2001 unterzeichnete Lummer eine Petition zur Unterstützung Götz Kubitscheks – heute Vordenker der neofaschistischen Rechten – und 2006 eine weitere Petition für die »Junge Freiheit«. 

Das alles ist kein Geheimnis. In Lummers Wikipedia-Eintrag findet sich ein ganzes Kapitel zu seinem Antisemitismus. Und was sagt Wegner dazu? Auf Anfrage von »nd« teilt ein Sprecher mit, dass der Regierende Bürgermeister den verstorbenen Lummer für dessen Bürgernähe sowie seinen Einsatz für innere Sicherheit und Ordnung gewürdigt habe. Dessen »Ansichten zu Israel« habe Wegner schon damals nicht geteilt und tue das auch heute nicht. »Wir dulden in Berlin keinen Antisemitismus, Rassismus und keine sonstigen menschenverachtenden Ideologien – weder auf den Straßen noch an Universitäten und anderen Orten der Stadt.« Die Frage, ob Wegner den Antisemitismus seines Mentors jemals kritisierte, bleibt unbeantwortet.

Dabei hält sich Wegner selbst nicht zurück, wenn es um Vorwürfe des Antisemitismus geht. Eine Rede des israelischen Filmemachers Yuval Abraham auf der Berlinale, in der dieser die Ungleichbehandlung von Palästinenser*innen und Israelis im Westjordanland kritisierte und dabei den Begriff »Apartheid« verwendete, nannte Wegner eine »untragbare Relativierung«. Als Studierende, darunter auch jüdische Studierende, ein Gebäude der Humboldt-Universität besetzten, warnte Wegner vor »rechtsfreien Räumen für Antisemiten und Terror-Sympathisanten«. Wegners Kultursenator Joe Chialo (CDU) will ein Kulturzentrum schließen, weil dieses einer Veranstaltung des Vereins Jüdische Stimme Raum bot – dieser sei ebenfalls »antisemitisch«.

Noch im März ließ sich Wegner Arm in Arm ablichten mit Tesla-Chef Elon Musk, der schon mehrfach für antisemitische Verschwörungstheorien in die Kritik geraten ist. Und wer weiter in die Vergangenheit blickt, findet streitbare Aussagen von Wegner selbst: Im Jahr 2000 berichtete die »Taz«, dass der heutige Regierende Bürgermeister, damals Landesvorsitzender der Jungen Union auf dem Berliner CDU-Parteitag forderte, die Jugend müsse endlich ein »gesundes Verhältnis zur Nation entwickeln«. In dem Bericht wird zudem indirekt aus der Rede des damals 28-jährigen Wegner zitiert: »Wenn zu viel über die ›12 Jahre‹ gelehrt werde, könne das auch Gegenreaktionen erzeugen.« Da könnten manche von einer untragbaren Relativierung sprechen.

Erstveröffentlicht im nd v. 27.8. 2024
http://Kai Wegners Haltung zu Berlins Ex-Innensenator Heinrich Lummer wirft Fragen auf

Wir danken für das Publikationsrecht.

Erklärung des DGB zum 1. September 2024


Wir dokumentieren:

Bild: DGB Hamburg

https://www.dgb.de/aktuelles/news/friedensgebot-mit-leben-fuellen-kriegerische-gewaltspirale-durchbrechen/

Null Bock mehr auf Krieg

Aus der Ukraine sind neue Töne zu hören

Von Angela Klein

Bild: You Tube Video-Screenshot, eigene Bearbeitetung

Das Online-PortalDefend Democracy berichtete am 19.Juli von zunehmenden, auch gewaltsamen Protesten gegen die Rekrutierung neuer Soldaten. Nachstehend eine Zusammenfassung.

Im Mai dieses Jahres hat das ukrainische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das die Mobilisierung von Soldaten verstärken soll. Wir erinnern uns: Dies folgte auf die Feststellung nach dem Scheitern der ukrainischen Gegenoffensive im Sommer 2023, dass der ukrainischen Armee nicht nur die Waffen, sondern auch die Soldaten ausgehen. Gleichzeitig gab es Unmut darüber, dass ukrainische Männer, die sich das leisten können, sich vielfach ins Ausland abgesetzt haben, um dem Kriegsdienst zu entgehen.

Mit dem Gesetz wollte Selenskiy dem einen Riegel vorschieben. Alle Männer im Alter zwischen 18 und 60 Jahren sind seitdem verpflichtet, immer einen Militärausweis bei sich zu tragen. Sie können jederzeit vorgeladen werden; eine Frist für die Demobilisierung gibt es nicht. Das Rekrutierungsalter war schon vorher von 27 auf 25 Jahre gesenkt worden.

Rekruten fangen

Die Maßnahmen, neue Soldaten zu bekommen, werden härter: Männer werden auf der Straße aufgegriffen, in Lieferwagen gestopft, geschlagen und außergerichtlich festgehalten, bis sie sich der Einberufung unterwerfen – ein Zeichen dafür, dass die Kriegsbegeisterung aus den Anfangstagen abnimmt und der Widerstand gegen Kriegsdienst zunimmt.

Dies äußert sich nun offenbar auch in handfesten Widerstandsaktionen. Das Online-Portal berichtet von mehrfachen Brandschlägen gegen Autos von Mitarbeitern von Rekrutierungszentren, sogar von einem versuchten Brandanschlag auf ein Rekrutierungszentrum sowie von Sabotageanschlägen auf Eisenbahn- und Stromnetze und anderer Infrastruktur. Odessa soll ein Zentrum solcher Aktionen sein, Vorfälle wurden aber auch aus Vinnitsa, Rovno, Dnipro und Kharkiv, ja sogar aus der Stadt Busk in der Region um Lwiw im Westen der Ukraine gemeldet. Täglich würden Männer im kampffähigen Alter aus der Ukraine versuchen, über die Grenze ins benachbarte Ungarn, Polen, Rumänien oder Moldawien zu entkommen. Verschärft wird die Lage durch die nach wie vor grassierende Korruption, die dazu führt, dass Männer sich freikaufen können.

Die Meldungen werden von Statistiken unterstützt. Ukrainische Medien hätten im Juli d.J. unter Berufung auf offizielle Regierungsangaben berichtet, dass die Einberufungsämter seit Februar 2022 417.000 Wehrdienstverweigerer gemeldet haben, davon 316.100 allein im Zeitraum zwischen 2023 und 2024. Ein Hotspot der Verweigerung soll dabei die Westukraine gewesen sein.

Stimmungsbarometer

Es scheint auch keine Schande mehr zu sein, sich der Wehrpflicht zu entziehen. Eine Umfrage des Rasumkow-Zentrums, ein angesehener Think Tank für öffentliche Politik in der Ukraine, habe ergeben, dass 46 Prozent der Ukrainer es nicht als „beschämend“ empfinden, sich der Mobilisierung zu entziehen, 29 Prozent fänden es beschämend, 24,8 Prozent fänden die Frage schwer zu beantworten.

Derselben Umfrage zufolge waren 44 Prozent der Befragten der Meinung, es sei Zeit für Friedensgespräche mit Russland; 35 Prozent waren dagegen und 21 Prozent unentschieden.

Das ist immer noch keine absolute Mehrheit, aber schon deutlich mehr als im vergangenen Jahr – die Januarausgabe 2024 der SoZ zitierte noch einen Artikel aus <I>Le Monde Diplomatique<I>, der berichtete, 24 Prozent würden den Kampf trotz anhaltender Besatzung einstellen.

Auch aus persönlichen Gesprächen in diesem Sommer gewann die Autorin des vorliegenden Artikels den Eindruck, dass die Hoffnungen sich verstärkt auf eine Ende der Kampfhandlungen richten. Die Aussicht, dass sich der Krieg „noch lange hinziehen“ soll, wie in den westlichen Hauptstädten verkündet wird, gerät mehr und mehr zu einem Alptraum.

Das war absehbar. Auf Dauer ist keine kapitalistische Klassengesellschaft in der Lage, Millionen von Menschen zu motivieren, für die Interessen von Oligarchen und einem aufstrebenden Mittelstand zu kämpfen, der an die Fleischtöpfe will, während sie selber nur den Blutzoll zu entrichten haben, Arbeitsplatz und Lohn verlieren und das Land ihnen absehbar keine Zukunftsaussichten bietet. Das Portal zitiert einen ehemaligen ukrainischen Soldaten mit den Worten, die meisten Rekruten seien demoralisiert und fragten sich, warum sie für ein Land kämpfen sollten, „das ihnen in ihrem ganzen Leben nichts als ein Maschinengewehr gegeben hat“.

Diese Tendenz verdient es, massiv befördert zu werden, vor allem dadurch, dass wir soziale Kämpfe gegen die Regierung Selenskyi unterstützen.

Quelle:http://www.defenddemocracy.press/odessa-leads-violent-resistance-to-mobilization-as-poll-shows-ukrainians-sympathy-for-draft-dodgers/

Veröffentlicht in der SoZ (Sozialistische Zeitung) September 2024
https://www.sozonline.de/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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