»Wir wollen nicht kämpfen«

Der Schüler Golo Kirsch streikt. Denn er lehnt Zwangsmusterungen und Aufrüstung ab. Ein Gespräch über die Angst vor Krieg und was wirklich wichtig ist im Leben.

Interview: HENRIKE STIER

Titelbild: Demo gegen Wehrpflicht in Göttingen. K.P. Wittemann. R-mediabase.

Du beteiligst dich am Freitag an einem Schulstreik gegen die Wehrpflicht. Aber die gibt es doch noch gar nicht.

Das Verteidigungsministerium hat erst am vergangenen Freitag kundgegeben, dass es ab jetzt Zwangsmusterungen geben wird. Das macht noch mal klar, dass die Wehrpflicht wieder eingeführt werden soll, und zwar lieber heute als morgen. Das macht mich und viele meiner Mitschüler sauer.

Die Wehrpflicht wird gerade etappenweise eingeführt. So schafft die Bundeswehr oder die Regierung es, dass die Wehrpflicht dabei kein großes Thema wird.

Die Zwangsmusterungen sind also ein Schritt auf dem Weg zur Wehrpflicht?

Genau. Auf der einen Seite sprechen Politiker ganz offen davon, dass wir eine konventionelle große Armee brauchen, die stärkste Armee Europas. Aber gleichzeitig spricht die Bundeswehr nicht sehr offen davon, dass wir jetzt alle zwangsgemustert werden. Das sieht man nur, wenn man sich die Gesetze wirklich gründlich durchliest. Für Schüler ist es also sehr schwer nachzuvollziehen, was jetzt genau passiert. Auch in den Medien ist die Wehrpflicht in meiner Wahrnehmung kein so großes Thema. Es wird darüber gesprochen, inwiefern wir weiter aufrüsten müssen. Aber die Zwangsmusterungen von uns Jugendlichen werden nicht breit genug in die Öffentlichkeit getragen.


Du sagst, du möchtest nicht für Deutschland kämpfen. Wofür möchtest du kämpfen oder dich einsetzen?

Für ein besseres, gerechteres Bildungssystem. Und für ein besseres Gesundheitssystem. Ich meine: Wenn ich zum Arzt gehe, muss ich zwei Stunden warten. Und bei jedem Arzt, zu dem ich in der letzten Zeit gegangen bin, lagen Unterschriftenlisten gegen die Kürzungen im Gesundheitssystem aus. Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft. Dass man es da nicht hinbekommt, das beste Gesundheitssystem überhaupt aufzubauen, finde ich komisch. Würde man sich mal Gedanken machen, was wirklich wichtig ist, anstatt Kriege vorzubereiten, könnte das Leben hier sehr schön sein.

»Würde man sich mal Gedanken machen, was wirklich wichtig ist, anstatt Kriege vorzubereiten, könnte das Leben hier sehr schön sein.«

Ist der Schulstreik gegen Wehrpflicht die erste politische Bewegung, in der du aktiv bist?

Ich war schon bei den Klimastreiks, da war ich aber noch ganz klein. Die Schulstreiks gegen Wehrpflicht sind das erste große Ding, bei dem ich so richtig aktiv bin.

eht in Kiel zur Schule und organisiert den Protest gegen Zwangsmusterungen und Wehrpflicht mit.

Wie wurde Kriegsdienstverweigerung ein Thema für dich?

Das ist einfach ein sehr zentrales Thema bei uns Jugendlichen. Wir wollen nicht kämpfen, aber die Wehrpflicht wird gerade immer realer.

Es wird so viel Geld in die Militarisierung gesteckt und bei uns fehlt es. Das merken meine Freunde und ich in der Schule und im Alltag. Dann habe ich mitbekommen, dass die ersten Schulstreiks gegen Wehrpflicht organisiert werden. Da habe ich gedacht, das mache ich hier auch mit meinen Freunden. Und beim ersten Schulstreik waren wir in Kiel schon um die 1500 Schüler. Und dann habe ich einfach nicht aufgehört.

Wie organisiert man einen Streik an der Schule?

Bei den Schülern ist das so: Entweder sind sie von Grund auf gegen die Wehrpflicht und sehen direkt ein, dass sie gegen unsere Interessen ist, oder sie sind in ihrem Patriotismus oder Nationalismus gefangen und sehen den Zusammenhang zwischen der Militarisierung, also der Tatsache, dass Milliarden in die Rüstung gesteckt werden, und deren Fehlen im Bildungssystem und im Gesundheitssystem einfach nicht.

Der Großteil steht hinter dem Schulstreik. Aber das heißt nicht, dass alle hingehen, weil wir leider auch einfach noch nicht die Breite haben, mit allen in Kontakt zu kommen.

Und wie wollt ihr mit mehr Schüler*innen in Kontakt kommen?

Im Streikkomitee hier in Kiel versuchen wir, in den Schulen Strukturen aufzubauen – Schulkomitees nennen wir das –, in denen wir den Streik an den Schulen selbst vorantreiben.

Wir machen Kreideaktionen vor den Schulen, verteilen Schülerzeitungen oder machen Schulhofkundgebungen. So machen wir den Streik an den Schulen präsent.

Wie reagieren eure Lehrer*innen darauf?

Auf mich sind Lehrer zugekommen und haben gesagt, dass sie es wichtig finden, was wir machen. Es gibt bundesweit aber auch Beispiele von Schulen, die während des Streiks ihre Schüler einschließen. Ich wurde am Anfang mal zum Schulleiter gerufen, weil ich für den Schulstreik geworben habe.

Man bekommt eine Sechs, wenn man während einer Klausur streikt. Zumindest hier in Schleswig-Holstein sagt das Bildungsministerium ganz klar, dass niemand entschuldigt wird. Lehrer können natürlich immer etwas anderes machen. Wenn ihr Lehrer seid und das lest, bitte entschuldigt uns am 25. September!

Dich hat kürzlich sogar der Verfassungsschutz angequatscht. Was war da los?

Vor dem dritten Streik Ende April wollte ich zur Schule fahren. Auf dem Weg dorthin hat mir jemand vom Verfassungsschutz aufgelauert, mit der Hook »allgemeine Verkehrskontrolle! Spaß, Verfassungsschutz«. Er hat mir gesagt, dass er mit mir über die Grenzen des antimilitaristischen Kampfes sprechen möchte. Und dann bin ich auch relativ schnell wieder aus der Situation geflohen.

Das war doch bestimmt sehr gruselig?

Das sitzt schon immer noch tief. Dass dort Menschen vor meinem Haus auf mich gewartet haben. Weil ich gegen Krieg bin. Die wissen, wo ich wohne. Die wissen, wo mein Schulweg ist.

Was glaubst du, war der Zweck davon?

Das war kein Gespräch, das mich vom Gegenteil überzeugen oder mich warnen sollte, mit wem ich da auf der Straße bin. Das sollte mir einfach Angst machen und mich einschüchtern. Und das einfach nur, weil ich für eine gerechtere Zukunft kämpfe, weil ich keinen Bock habe, im nächsten Krieg zu sterben. Das finde ich schon krass.

Wie reagiert die Politik auf euren Streik? Auch im Vergleich zu den letzten großen Schulstreiks von Fridays for Future?

Bei Fridays for Future haben alle Politiker einfach gesagt, wie toll das ist, dass wir auf die Straße gehen. Aber am Ende hat sich wenig geändert. Bei uns hat eigentlich nie ein Politiker versucht, sich hinter uns zu stellen. Außer vielleicht die Linke, die hat sich mehrmals mit uns solidarisiert. Aber von den Regierungsparteien kam nie etwas. Wir stellen uns hier gegen etwas, das die Politik wirklich durchbringen möchte.

Wurdest du schon zu einer Musterung eingeladen?

Ja, ich habe einen Brief bekommen und wurde zum 31. August eingeladen. Ich bin aber nicht aufgekreuzt, weil ich das nicht mit mir machen lasse. Das Ziel der Musterung ist zu schauen, ob man gutes Menschenmaterial ist, um dann im Krieg auf andere Soldaten zu schießen.

Und kennst du Menschen, die hingegangen sind?

Ein Freund von mir war schon da. Der wusste gar nicht, dass man da nicht hin muss. Das ändert sich ja auch jetzt. Die Bundeswehr hat zwar gar nicht die Kapazitäten, uns zu verfolgen, wenn wir nicht aufkreuzen. Aber auf dem Papier ist es inzwischen verpflichtend.

Und was hat dein Freund erzählt? Was passiert bei einer Musterung?

Er hat erzählt, dass es erst ein paar Tests gibt – Blutdruck, wie die Gelenke funktionieren, eine Urinprobe, man wird gewogen. Aber dann passiert auch eine Inspizierung im Genitalbereich. Einem wird an die Hoden gepackt und der Finger in den Po gesteckt.

Danach ging es weiter mit Reaktionstests und Mathe- und Logiktests. Das Witzige ist, dass die Computer wirklich sehr alt sind. Keine Ahnung, wie die Reaktion geprüft werden soll, wenn die Maus zwei Sekunden verzögert ist.

Und es gab eine Befragung dazu, ob man verfassungstreu ist. Da wurde gefragt, ob man den Holocaust leugnet oder ob Frauen und Ausländer Menschenrechte haben sollen. Das dient wahrscheinlich dazu, dass die Bundeswehr sagen kann, sie habe ja alle gefragt, ob sie Nazis sind.

Kriegsgegner*innen werden oft Egoismus oder mangelnde Solidarität der Gesellschaft gegenüber vorgeworfen. Was sagst du dazu?

Ich halte es nicht für egoistisch, Nein zu Krieg zu sagen. Auch wenn ein Soldat in Russland oder in der Ukraine verweigert, stehe ich solidarisch dahinter und sage, dass es nicht egoistisch ist. Solche Leute verhindern diesen Krieg, wenn sie sich verweigern.

Außerdem glaube ich nicht, dass diese Wehrpflicht und die Aufrüstung überhaupt nötig sind. Es gibt eine tolle Greenpeace-Studie, die klarmacht, dass das nicht so ist: Es gibt keinen Grund für Aufrüstung, wenn man sich nur verteidigen möchte. Die Aufrüstung dient dazu, dass Deutschland wieder Kriege führen kann. Wir sind nicht egoistisch, wenn wir uns einem Krieg verweigern, der nicht unseren Interessen dient. Es geht ja eben nicht darum, eine Kita zu sichern oder dafür zu sorgen, dass mein Jugendzentrum nicht geschlossen wird.

Interview

Der 18-jährige Golo Kirsch geht in Kiel zur Schule und organisiert den Protest gegen Zwangsmusterungen und Wehrpflicht mit.

Erstveröffentlicht im nd v. 24.9. 2026
Wir wollen nicht kämpfen …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Linke-Wahlerfolg in Berlin: Die inszenierte Hysterie der Mitte

Mit einer Medien-Schlammschlacht versucht das bürgerliche Deutschland das Berliner Wahlergebnis rückgängig zu machen. Aber warum eigentlich?

Von Raul Zelik

Bild: DIE LINKE

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Ich muss zugeben: Bei den Berliner Wahlen lag ich mal wieder völlig falsch. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass Die Linke so stark abschneidet und ihr Erfolg so große internationale Ausstrahlung besitzt. Völlig außerhalb meiner Vorstellungskraft lag allerdings auch die Kampagne, die die politische Mitte seither entfacht hat. Blickt man auf die Seiten von »Welt«, »Tagesspiegel« oder »Zeit«, könnte man meinen, Berlin werde demnächst von einer Koalition aus SED und palästinensischer PFLP regiert.

Mit der Hysterie gegen links bereitet sich das Bürgertum auf den Schulterschluss mit der AfD vor.

Doch wie erklärt sich diese Hysterie? Völlig klar ist, dass es sich bei den Antisemitismusvorwürfen um Nebelkerzen handelt. Dank der »Staatsräson« ist der Antisemitismusbegriff so entleert worden, dass er mit der Bekämpfung des real existierenden Antisemitismus nichts mehr zu tun hat. Die Vorwürfe gegen die Berliner Linke werden allein mit deren Haltung zu Israel begründet – und eben nicht mit Vorurteilen gegenüber Jüd*innen. Es wird also abgefragt, wie die globale Staatenordnung und der Nahostkonflikt interpretieren werden. Und unabhängig davon, was hier richtig ist: Nach deutschen Maßstäben wäre die »Jewish Currents«, die wichtigste linke jüdische Zeitschrift in den USA, wegen ihrer antizionistischen Positionen »gesichert verfassungsfeindlich« und New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani ein »notorischer Israel-Hasser«. Die Antisemitismusvorwürfe haben allein den Zweck, die an den Wahlurnen erstarkte Linke zurückzudrängen und einzuhegen.

Doch was will die bürgerliche Mitte eigentlich verhindern? Viele Linke sind der Ansicht, es gehe um die Enteignung der Immobilienkonzerne. Das ist sicher nicht falsch – die Vergesellschaftung von Eigentum soll keine Schule machen. Aber vergessen werden darf auch nicht, dass die öffentliche Daseinsvorsoge noch kein Merkmal des Sozialismus ist. In weiten Teilen des 20. Jahrhunderts war öffentliches Wohneigentum eine Säule sozialdemokratischer Politik. Kann es sein, dass die bürgerliche Mitte sich so sehr vor der Rückkehr einer Sozialdemokratie fürchtet?

Meiner Ansicht nach sind zwei andere Aspekte nicht weniger wichtig: Die Berliner Linke soll nicht deshalb sturmreif geschossen werden, weil sie linkssozialdemokratische Politik machen könnte, sondern weil sie einen – durchaus erfolgreichen – antikapitalistischen Flügel hat, der soziale Kämpfe organisieren will und Teile der migrantischen Bevölkerung erreicht. Eine Verbindung, die die Mitte schon immer für brandgefährlich hielt.

Erstveröffentlicht im nd v. 24.09. 2026
Die inszenierete Hysterie …

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50 Jahre nach Daimlers Verbrechen

Morde von Mercedes Benz Argentina jetzt vor Gericht.

Von GABY WEBER

Titelbild: Gaby Weber

Am 22. Oktober wird in einem Vorort von Buenos Aires der ehemalige Produktionschef des deutschen Autobauers Mercedes-Benz Argentina (MBA) vor Gericht stehen: Juan Ronaldo Tasselkraut, Jahrgang 1941. Ihm wird die aktive Beteiligung an der Ermordung von 14 Gewerkschaftsaktivisten zur Last gelegt, konkret geht es um die Verhaftung des Arbeiters Héctor Ratto im August 1977 mitten im Betrieb sowie die Weitergabe der privaten Adresse des Gewerkschafters Diego Núñez an die Militärs, die in derselben Nacht Núñez verschleppten, folterten und dann ermordeten. Seine Leiche wurde nie gefunden. Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass während der Diktatur bis zu 30.000 Menschen „verschwanden“.

Ich hatte den Fall 1999 für den WDR recherchiert und in der Welt bekannt gemacht. In Deutschland erstattete der Republikanische Anwaltsvereins Anzeige gegen Tasselkraut wegen Beihilfe zum Mord. Nach mehreren Jahren stellte die Staatsanwaltschaft Nürnberg das Verfahren ein, weil in ihren Augen nicht nachgewiesen wurde, dass die Verschwundenen wirklich tot seien und nicht irgendwann wieder auftauchen.

2004 erhoben die Hinterbliebenen in San Francisco (USA) Klage gegen DaimlerChrysler. Zunächst verneinten die kalifornischen Richter die geographische Zuständigkeit, annullierten jedoch im Mai 2010 ihr eigenes Urteil, und Daimler rief den Obersten Gerichtshof an. Dazu muss man wissen, dass die Richter in den USA vom Volk gewählt werden, lediglich die Obersten Richter von der Exekutive. 2014 hob der Supreme Court brav das Urteil des kalifornischen Berufungsgerichtes auf. „Der Neunte Gerichtsbezirk (San Francisco) hat den Risiken auf die internationalen Gebräuche zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, als er seine allgemeine Zuständigkeit erklärt hat“, hieß es in dem Urteil, eine „allgemeine Zuständigkeit könnte ausländische Investoren entmutigen“.

In Argentinien war 2002 (da galten noch die Amnestiegesetze) Strafanzeige wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung erstattet worden. Beschuldigt wurden, neben den Militärs, der MBA-Manager Tasselkraut, der Gewerkschaftsboss José Rodriguez und Carlos Ruckauf, bis zum Putsch 1976 peronistischer Arbeitsminister. Nach vier Jahren wurden die Ermittlungen aus der Hauptstadt Buenos Aires in den Vorort San Martín abgegeben, wo sie auf dem Schreibtisch der Richterin Alicia Vence landete. Und die tat gar nichts mehr. Die einst mächtige Menschenrechtsbewegung schaute weg und schwieg, denn der deutsche Autobauer verstand sich gut mit der neuen peronistischen Kirchner-Regierung. Im März 2022 stellte Richterin Vence das Verfahren ein. Dagegen legten die Opferanwälte Einspruch ein. Und nach weiteren vier Jahren wird nun das Verfahren doch noch eröffnet. Ich sprach mit Rattos Rechtsanwalt, Pablo Llonto. Er vertritt die Nebenklage.

GW: Im Oktober wird der Prozess gegen den Mercedes-Manager Tasselkraut eröffnet werden, fast 50 Jahre nach den Ereignissen. Warum so spät?

Pablo Llonto: Der Fall MBA ist leider nicht der einzige Fall. Im Moment warten 53 Menschenrechtsverfahren auf eine Terminierung. Das sage ich nicht zur Entschuldigung sondern zur Erklärung. Die Warteliste ist sehr lang, aber wir haben jetzt wenigstens ein Datum: im Oktober wird der Prozess eröffnet. Fast 50 Jahre nach den Verbrechen.

Pablo Llonto. Bild: Gaby Weber

Aber hatten wir nicht seit 2002 verschiedene peronistische Regierungen, und die Kirchners hatten das Thema Menschenrechte auf ihre Fahnen geschrieben. Warum ist da nichts passiert?

Pablo Llonto: Es ist ziemlich egal, wer an der Regierung war. Die Justiz hat sich einfach geweigert, diesen Verfahren Priorität einzuräumen. Das einzige Mal, wo der Justizapparat verstand, dass man sie nicht auf die lange Bank schieben kann, war 1985, als die Junta-Kommandanten vor Gericht gestellt wurden. Damals wurde jeden Tag verhandelt, und zwischen April und August wurden 833 Zeugen vernommen und im Dezember das Urteil gesprochen. Damals gab es den erklärten Willen der Richter; heute hingegen wird in den Menschenrechts-Verfahren bestenfalls alle 14 Tage verhandelt. Das können Sie ausrechnen: wenn wir nur 20 Zeugen vernehmen wollen, alle zwei Wochen, dann brauchen wir dafür fünf Monate. Das ist schmerzhaft, und die Verantwortung dafür hat der Oberste Gerichtshof. Es spielt keine Rolle, ob Javier Milei, Mauricio Macri oder Cristina Kirchner regieren. Wir haben immer die Beschleunigung gefordert, aber vergeblich. Die Richter weigern sich, diesen Verfahren eine Priorität einzuräumen wie sie es zum Beispiel derzeit bei den Korruptions-Verfahren tun. Wenn um Menschenrechte geht, tun sie es nicht.

Ab dem 70. Lebensjahr verbringen die Verurteilten die Haft – wenn es überhaupt dazu kommt – im Hausarrest. Wie alt ist der angeklagte Tasselkraut?

Pablo Llonto: 85 Jahre. Aber auch das ist in den anderen Verfahren nicht anders. Die meisten, die damals 30 Jahre alt waren, sind heute über 70 bis Mitte 90.

Worum geht es im Oktober konkret? Die Vorwürfe sind ja sehr umfangreich, insgesamt sind mindestens 14 kämpferische Gewerkschafter ermordet worden.

Pablo Llonto: Es geht nur um zwei konkrete Vorwürfe, um die Beteiligung an der illegalen Festnahme und  Folter von Héctor Ratto und um das Verschwinden-Lassen seines Kollegen Diego Núñez.

MBA hat damals, als Firma, die geheime Wöchnerinnen-Station der Kaserne Campo de Mayo unterstützt, indem es Brutkästen lieferte. Dort mussten schwangere Regimegegnerinnen ihre Kinder auf die Welt bringen, die ihnen dann weggenommen wurden, bevor man die Mütter ermordet hat. In der Familie Tasselkraut gibt es drei Kinder, die laut ihrer Geburtsurkunde als leibliche Kinder eingetragen sind, was definitiv nicht der Wahrheit entspricht. Es besteht der Verdacht, dass auch diese in den Folterzentren der Militärs auf die Welt gekommen sind. Wird das zur Sprache kommen?

Pablo Llonto: Es ist nicht Teil der Anklage, aber wir werden das nicht unter den Tisch fallen lassen. Vieles ist nicht Teil der Anklage. Wir werden darauf bestehen, dass es protokolliert wird, um später in weiteren Prozesse geklärt zu werden.

Was sagt ihr Mandant, Héctor Ratto, dazu, dass erst 50 Jahre nach den Verbrechen die Verhandlung stattfindet? Was fühlt er? Ist er enttäuscht und wie wird er sich verhalten?

Pablo Llonto: Mein Mandant ist sehr wütend und verletzt. Er weiß ja, dass und warum seine Kollegen damals ermordet worden sind. Das wird er auch im Prozess sagen. Die Töchter der Familie Núñez sind jünger als Ratto und bei der Gruppe „Hijos“ (Kinder der Verschwundenen) aktiv. Sie alle sind aber zufrieden über das, was erreicht worden ist. Wir werden weitermachen, auch noch nach 50 Jahren. Ratto weiß, dass er und die Familienangehörigen der Opfer viel Solidarität erfahren haben, weltweit. Und das war wichtig.

Die Firma hatte notgedrungen einen Untersuchungsbericht in Auftrag gegeben, den sog. Tomuschat-Bericht. Leider hat der unter Vertrag genommene Berliner Jura-Professor ein Gefälligkeitsgutachten abgegeben. Viele sprachen von einer verpassten Chance, doch irgendwie auf die Opfer zuzugehen, um das Thema zu beenden. Hat sich das deutsche Unternehmen irgendwann für sein Verhalten entschuldigt? Irgendeine Geste? Irgendwas?

Pablo Llonto: Nein, weder öffentlich noch intern im Rahmen des Verfahrens. Ich hoffe, dass – wenn wir eine Verurteilung bekommen – sich das vielleicht auf junge Manager auswirkt. Wir haben in Argentinien den Fall des Molinos-Konzerns, dem ebenfalls schwere Menschenrechts-Verletzungen vorgeworfen wurden. Dort gibt es neue Besitzer, und die haben sich im Verfahren gemeldet und mit der Anklage kooperiert, Unterlagen zur Verfügung gestellt. Das ist eine Ausnahme. Ford und Mercedes-Benz haben dies nie getan.

Über den Fall hat die Autorin einen Dokumentarfilm („Wunder gibt es nicht“) gemacht und 2024 Jahr bei der Buchmacherei ein Buch veröffentlicht: „Causa Mercedes-Benz“.

Gaby Weber

Gaby Weber
Weber studierte Romanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1982 am Lateinamerika-Institut. Seit 1978 ist die Mitgründerin der taz als Journalistin und seit 1986 als freie Korrespondentin tätig, zuerst aus Montevideo und ab 2002 aus Buenos Aires. Außerdem hat sie mehrere Reportagen und umfangreiche Recherchen zur Geschichte nachrichtendienstlicher Aktivitäten veröffentlicht. 2012 erschien ihr Buch „Eichmann wurde noch gebraucht“.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 16.9. 2026
https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/50-jahre-nach-daimlers-verbrechen/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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