Apathie und Schockstarre – Warum bleiben die Ängste vor einer Ausweitung des Krieges stumm und folgenlos? 

Eine deutliche Mehrheit der Bürger fürchtet einer Umfrage zufolge eine Ausweitung des Kriegs in der Ukraine auf europäisches NATO-Gebiet. Warum wird das hingenommen, als handele es sich um ein unabwendbares Naturereignis?

Von Leo Ensel

Bild: Der Psychologe und Friedensaktivist Horst-Eberhard Richter

„Vielleicht wird es der späte Historiker noch rätselhafter finden als wir Zeitgenossen, dass, obwohl allmählich fast jedes Kind wusste, dass man vor Kriegen stand, die auch für den Sieger das entsetzlichste Leiden mit sich brachten, dennoch die Massen nicht etwa mit verzweifelter Energie alles unternahmen, um die Katastrophe abzuwenden, sondern auch noch ihre Vorbereitung durch Rüstungen, militärische Erziehung usw. ruhig geschehen ließen, ja sogar unterstützten.“

Mit diesen Worten von Erich Fromm hatte ich vor genau 40 Jahren ein Buch über Angst – genauer: Nicht-Angst – und atomare Aufrüstung eingeleitet, das im Mai 1984 erschien. Fromm hatte diese Sätze am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, 1937, in seinem Aufsatz „Über die Ohnmacht“ formuliert; das Zitat war damals also bereits 47 Jahre alt.

Warum ich nun vier Jahrzehnte später einen Essay wiederum mit diesem Zitat eröffne, das bedarf, leider!, keiner weiteren Erläuterung. Wiederum stehen wir vor Kriegen, nein: tobt im Osten Europas längst ein Krieg, der „auch für den Sieger“ – falls es den überhaupt geben und was auch immer hier mit „Sieg“ genau gemeint sein sollte – „das entsetzlichste Leiden“ mit sich bringen wird, nein: bereits mit sich bringt. Und es sieht so aus, als hätte dieser Krieg seinen Kulminationspunkt noch gar nicht erreicht. Auf der Skala der möglichen Entsetzlichkeiten ist nach oben noch erschreckend viel Luft. Mit anderen Worten: Dass der Krieg in der Ukraine sich nicht doch noch zu einem Flächenbrand auswächst, der ganz Europa, ja möglicherweise die gesamte Nordhalbkugel erfasst, und dass die finalen Untergangsgeräte nicht doch noch zum Einsatz kommen, falls eine Seite sich definitiv in die Ecke gedrängt fühlen sollte, das ist noch lange nicht ausgemacht.

Nur, dass diese Gefahr, genauso wie vor über 85 Jahren, offenbar niemanden groß zu interessieren, gar aufzuregen scheint!

Sprachlosigkeit und stumpfe Unbeweglichkeit

Mittlerweile frage ich mich nur noch, was mich fassungsloser macht: Die Ungeniertheit, die fröhliche Unbekümmertheit und an Wahnsinn grenzende Skrupellosigkeit, mit der Politiker, Militärs und Medien hierzulande nahezu unisono im Dauerstaccato und jeden Tag schriller bis an die Schmerzgrenze eskalieren – von der Lieferung immer gefährlicherer Waffensysteme über Szenarien, „den Krieg nach Russland zu tragen und Ministerien, Hauptquartiere und Kommandoposten zu zerstören“ bis zur Forderung nach westlichen „Boots on the Ground“ – oder die Apathie und Schockstarre, mit der die überwältigende Mehrheit der Zeitgenossen dies alles kritik- und klaglos über sich ergehen lässt.Dabei scheint es unter der Oberfläche durchaus zu brodeln. Erheblich mehr Menschen als auf den ersten Blick sichtbar scheint es allmählich mulmig zu werden. So äußerten Ende Februar im Rahmen einer INSA-Umfrage 61 Prozent die Befürchtung, der Ukrainekrieg könne sich auf NATO-Gebiet ausweiten. (Der Untersuchung „World Affairs“ des global operierenden demoskopischen Instituts IPSOS in 30 Ländern auf allen Kontinenten zufolge, hielten Mitte November letzten Jahres im länderübergreifenden Durchschnitt sogar 71 Prozent „eine nukleare, biologische oder chemische Attacke innerhalb der nächsten zwölf Monate für eine reale Gefahr“.) Und seit langem wünscht sich eine überwältigende Mehrheit der Deutschen ein stärkeres Engagement der Bundesregierung für Friedensverhandlungen. All dies ist angesichts des medialen Dauerfeuers aus allen offiziellen Kanälen durchaus bemerkenswert. Andererseits bleibt die allgemeine unterschwellige Unruhe stumm und auf der Handlungsebene völlig folgenlos, sodass man sich fassungslos fragt, wo eigentlich der längst fällige Aufschrei bleibt.

Und auch das ist nicht neu.

„Nahezu die Hälfte unserer Bevölkerung glaubt laut Umfragen an die Möglichkeit eines Krieges. Die Leute sind betroffen, aber sie rühren sich kaum. Wie können Menschen in Passivität und zumindest äußerlicher Gelassenheit auf demoskopischen Fragebögen bejahen, dass ein großer Krieg bevorstehen könnte? Warum reagieren wir so, als handele es sich hier um ein unbeeinflussbares Naturereignis, obwohl in dieser Angelegenheit doch alles, was geschieht, in der Macht menschlicher Berechnung und Entscheidung liegt?“ Dies schrieb der 2011 verstorbene Arzt und Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter im Mai 1980 im Vorfeld der Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Westeuropa. „Wir Bürger fühlen uns in einen seltsam unmündigen Zustand versetzt, der uns zugleich die Sprache verschlägt“, konstatierte Richter damals in seinem „Sind wir unfähig zum Frieden?“ betitelten Essay und diagnostizierte „Sprachlosigkeit und stumpfe Unbeweglichkeit“. 

Die Parallele zur aktuellen Situation springt förmlich ins Auge.

Apokalypseblindheit: Ablenkung und Ersatzhandlungen

Dabei verblüfft zugleich, dass „Sprachlosigkeit und stumpfe Unbeweglichkeit“ jedoch bei anderen gesellschaftspolitischen Themen nicht unbedingt vorherrschen. Immerhin gingen hier in den letzten beiden Monaten Hundertausende Menschen „Gegen rechts!“ und „Für ein buntes weltoffenes Deutschland!“ auf die Straße. Vergleicht man allerdings diese Zahlen mit denen derjenigen, die bislang für ein Ende der Kampfhandlungen im Ukrainekrieg demonstrierten, so ergibt sich ein groteskes Missverhältnis. Offenbar sind nicht nur die jungen Klimaschützer, sondern auch die überwiegende Mehrheit der Demonstranten für ein weltoffenes Deutschland blind für die Möglichkeit einer Ausweitung des Ukrainekrieges auf NATO-Terrain – mit Gefahren bis hin zum Undenkbaren …

Und dies ist ebenfalls nicht neu. Was Horst-Eberhard Richter zu Beginn der Achtziger Jahre in diesem Kontext über Initiativen gegen Kindesmisshandlungen und Tierversuche bis hin zum Kampf gegen Atomkraftwerke schrieb, gilt mutatis mutandis heute ebenso: „Niemand wird den Sinn der Initiativen bestreiten, die sich zur Abwendung solcher und anderer Gefahren aufgetan haben. Aber wenn das Gesamt dieser Initiativen am Ende zu einer Erschöpfung der Widerstandskräfte führt, von denen ein großer Teil sich gegen die wichtigste aller Bedrohungen wenden müsste, dann liegt in der Tat ein unheilvoller Verschiebungsmechanismus vor: Man reagiert sich in der Bekämpfung von vergleichsweise greifbaren Schädlichkeiten ab, die unbewusst das bei weitem gefährlichste, aber deshalb unerträglich gewordene Angstobjekt ersetzen.“ Gemeint war natürlich die durchaus reale Gefahr eines Atomkrieges in Europa, deren psychologische Auswirkungen Richter folgendermaßen charakterisierte: „Das Vernichtungspotential, das die Atommächte bereits aufgehäuft haben, ist zu ungeheuerlich, als dass man es noch auszuhalten wagt, sich die Ausmaße vor Augen zu halten. Es gibt Wahrheiten, die so entsetzlich sind, dass man alle Anstrengungen daran wendet, sie zu verdrängen bzw. zu verharmlosen.“ 

Wie heute.

Und zu dieser Verharmlosung gehört auch ein dem Wunderglauben ähnliches magisches Hoffen auf automatische Veränderungen. Horst-Eberhard Richter: „Je weniger man selbst das System beeinflussen kann, in das man eingeordnet und von dem das Tun in erheblichem Maße bestimmt wird, umso mehr möchte man darauf bauen, dass das gute Gewissen in dem System selbst steckt. Man versucht alles mögliche, um diese Überzeugungen gegen gegenteilige Erfahrungen zu verteidigen, und konsumiert deshalb dankbar eine entsprechende Propaganda des Systems. Man belügt sich, aber man kann damit besser schlafen.“

Der Philosoph Günther Anders, der wie kein Anderer sich mit der Gefahr einer atomaren Selbstvernichtung der Menschheit auseinandergesetzt hat, nannte diesen Mechanismus „Apokalypseblindheit“.

Mut zur Angst

Es geht darum, die Angst wieder zu lernen, den, wie Günther Anders vor 65 Jahren in seinen „Thesen zum Atomzeitalter“ schrieb, „Mut zur Angst“ wieder aufzubringen: „Was zu klein ist und was dem Ausmaß der Bedrohung nicht entspricht, ist das Ausmaß unserer Angst. Habe keine Angst vor der Angst, habe Mut zur Angst. Auch den Mut, Angst zu machen. Ängstige deinen Nachbarn wie dich selbst.“ Und Anders fuhr fort: „Freilich muss diese unsere Angst eine von ganz besonderer Art sein: 1. Eine furchtlose Angst, da sie jede Furcht vor denen, die uns als Angsthasen verhöhnen könnten, ausschließt. 2. Eine belebende Angst, da sie uns statt in die Stubenecken hinein in die Straßen hinaustreiben soll. 3. Eine liebende Angst, die sich um die Welt ängstigen soll, nicht nur vor dem, was uns zustoßen könnte.“

Sich der Angst stellen und diese produktiv umzusetzen, würde für jede/n Einzelne/n von uns hier und jetzt bedeuten, sich mit allem gebotenen Ernst Folgendes – und zwar nicht nur auf der Ebene der Ratio, sondern, viel wichtiger!, auch des Gemüts – bewusst zu machen: Jawohl, es ist brandgefährlich! Und wenn wir jetzt nicht handeln, wenn ich jetzt nicht handele, wird die Wahrscheinlichkeit, dass das Undenkbare eintritt, mit jedem Tag größer. Oder, um einen über 200 Jahre alten ‚kategorischen Imperativ‘ Heinrich von Kleists zu paraphrasieren: „Handele so, als ob das Schicksal einer weiteren Eskalation des Krieges allein von dir abhinge!“ (Dies würde im übrigen auch dem Friedensgebot unseres Grundgesetzes entsprechen, das, wie der verstorbene Botschafter a.D. und Genscher-Vertraute Frank Elbe schrieb, „eine unmittelbar bindende Vorschrift unserer Verfassung ist: Sie verpflichtet jedermann – staatliche Organe wie auch jeden Bürger.“)

Hören wir ein letztes Mal Horst-Eberhard Richter: „Die Bedrohung lässt sich überhaupt nur bewusst ertragen, indem man praktisch dagegen ankämpft.“ Und schauen wir uns die aktuellen Bedingungen des ‚praktischen Dagegen-Ankämpfens‘ illusionslos an: Die Lage ist dramatisch. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ist in Sprachlosigkeit und Unbeweglichkeit gelähmt, die junge Generation der Klimaschützer auf dem rüstungspolitischen Auge blind und das, was unter dem Etikett „Friedensbewegung“ heute noch aktiv ist, ist überwiegend marginalisiert, vergreist und im Ritualismus erstarrt. Es sieht so aus, als müssten wir alle nochmal ganz von vorne anfangen. 

Und hoffentlich bleibt uns noch genügend Zeit!

PS:
Die Diagnosen und Warnungen Horst-Eberhard Richters vom Mai 1980 blieben übrigens nicht ungehört. Im Februar 1981 ging Der Stern ein großes Risiko ein, als er unter dem Titel „Die größte Atomwaffendichte der Welt“ eine Karte der alten Bundesrepublik mit den Standorten der dort gelagerten 6.000 Atomsprengköpfe veröffentlichte. Nun konnte jeder, der es wissen wollte, nachprüfen, wieviele potenzielle ‚Hiroshimas‘ in seiner unmittelbaren Nachbarschaft schon gelagert waren. Und am 10. Oktober desselben Jahres demonstrierten bereits 300.000 Menschen im Bonner Hofgarten gegen die Stationierung amerikanischer atomar bestückter Mittelstreckenraketen. Zwei Jahre später, im Herbst 1983, waren es über eine Million.

Die Friedensbewegung konnte damals die Stationierung nicht verhindern, aber Jahre später schrieb ein gewisser Michail Sergejewitsch Gorbatschow: „Ich erinnere mich gut an die lautstarke Stimme der Friedensbewegung gegen Krieg und Atomwaffen in den 1980er-Jahren. Diese Stimme wurde gehört!“ 

Erstveröffentlich auf GlobalBridge
https://globalbridge.ch/apathie-und-schockstarre-warum-bleiben-die-aengste-vor-einer-ausweitung-des-krieges-stumm-und-folgenlos/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Geringverdiener an die Front

Die Ukraine benötigt Steuereinnahmen und Soldaten, nach Auskunft eines Abgeordneten der Präsidentenpartei sollen die Gutverdiener und die Beamten zahlen, aber keinen Kriegsdienst leisten müssen.

Von Florian Rötzer

An der Front sieht es derzeit weiterhin nicht gut für die Ukraine aus. Langsam rücken russische Truppen an einigen Abschnitten wie bei Bachmut, Ugledar oder Awdijiwka vor, die Ukrainer leisten Widerstand, während in fieberhafte Eile viel zu spät Verteidigungslinien aufgebaut werden, was die Russen bereits 2023 gemacht hatten. Drei Linien über 2000 km Länge sollen es werden, ähnlich wie die russischen mit Drachenzähnen, Panzergräben, Minenfeldern und Stützpunkte.

Die russische Artillerie ist derzeit weit überlegen und kann 10.000 Schuss abfeuern, die ukrainische 2000. Dazu kommen die Fliegerbomben, die kaum abgwehrt werden können. Besonders furchtbar müssen die eineinhalb Tonnen schwerden, zur Hälfte aus hochexplosiven Sprengstoff bestehen FAB-1500-Bomben sein, die von Flugzeugen aus der relativ sicheren Entfernung von 50-60 km abgeworfen werden und eine ziemlich gute Treffergenauigkeit haben sollen. Für viele sei das kaum auszuhalten und verursache einen Schock. “Das ist die Hölle“, berichtete ein ukrainischer Soldat.

Der ukrainische Militärgeheimdienstchef Budanow kündigte eine große Offensive auf der Krim an. Dis bislang erfolgten Angriffe mit Wasserdrohnen und Raketen seien nur das Vorspiel gewesen. Was geplant ist, wenn es sich nicht nur um einen Blöff handelt, sagte er nicht. Hingewiesen wird auf die Spezialeinheit „Shaman“, die den Dnjepr überquerte und bei Krynky unter hohen Verlusten einen Brückenkopf einrichten konnte. Unklar ist, ob die wenigen ukrainischen Soldaten, die nicht wirklich versorgt werden können, inzwischen den Brückenkopf geräumt haben oder ihn noch verteidigen. Das ist eher eine symbolische Aktion, nicht strategisch wichtig. Möglicherweise sollen Einheiten in einer Art Selbstmordaktion einen Brückenkopf auf der Krim einrichten. Auch das wäre ein zeitweiser symbolischer und medialer Erfolg, aber vermutlich ohne anhaltende Wirkung. Wahrscheinlich werden solche vereinzelten Erfolge derzeit als wichtig erachtet, um die Kampfmoral auch in der Bevölkerung und bei den Unterstützerländern der Ukraine aufrechtzuerhalten.

Das Mobilisierungsgesetz, mit dem neue Soldaten an die Front gebracht werden sollen, um die Verluste zu ersetzen und Einheiten an der Front, die seit langem kämpfen, abzulösen, ist weiter in Bearbeitung und höchst umstritten. Die Rada drückt sich vor der Verabschiedung, es ist nicht bekannt, wann das Parlament wieder tagen wird. Wer sich bislang nicht freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hat, wird nicht begeistert sein, unter Zwang eingezogen zu werden. Die Abgeordneten und der Präsident erwarten, dass die Wehrpflichtigen und deren Angehörigen revoltieren könnten.

Aber jetzt kommt noch eine Initiative dazu, die die Stimmung im Land endgültig zerrütten könnte. Das Ministerkabinett plant, wie der Abgeordnete Alexej Gontscharenko von der Präsidentenpartei Diener des Volks berichtet, dass Männer ab einem bestimmten Einkommen vom Wehrdienst befreit werden sollen. Hintergrund ist, dass die Kriegsführung mit Steuergeldern bezahlt werden muss, da die westlichen Unterstützerstaaten bislang nicht direkt das Militär finanzieren, sondern nur Waffen und Munition liefern und die staatlichen Strukturen aufrechterhalten. Für die benötigten Hunderttausende von neuen Soldaten fehlt das Geld, die Steuereinnahmen werden auch sinken, wenn so viele nicht mehr arbeiten sollten. Eine Idee ist daher, dass sich diejenigen, die relativ viel verdienen und auch Steuern zahlen, sich vor Wehrdient freikaufen können. Den Krieg führen würden dann die Armen, die ihre Arbeitgeber nicht überreden können, ihren Lohn entsprechen zu erhöhen.

Gontscharenko spricht von Sozialdarwinismus, wenn Beamte und Reiche ihr Leben nicht riskieren müssen. Offenbar ist geplant, dass alle, die mehr als 35.000 UAH (ungefähr 830 Euro)  im Monat, das Doppelte des Durchschnittslohns, verdienen, nicht eingezogen werden. Auch wer eie Einkommensteuer in Höhe von mehr als 6300 UAH zahlt oder eine Sozialsteuer von 7700 UAH entrichtet, soll weiter zahlen, aber nicht kämpfen müssen. Das würde u.a. IT-Spezialisten betreffen. Ausgenommen werden sollen auch höhere Beamte, Polizisten und Angestellte in Verteidigungs-, Industrie- und Treibstoff, Energie- und Telekommunikationsunternehmen.

Das kommt selbst bei den Freiwilligenverbänden wie Asow nicht an. Maxim Zhorin, der stellvertretende Kommandeur der 3. Angriffsbrigade, eine Eliteeinheit, die aber Awdijiwka nicht verteidigen konnte, erklärt, die Situation an der Front werde katastrophal. Die Kritik an der Regierung folgt: „Anstatt die Herangehensweise an Rekrutierung und Ausbildung zu ändern, beschlossen sie, das Prinzip ‚Krieg nur für die Armen‘ zu legitimieren. Jetzt steht die Ukraine an der Front vor sehr ernsten Prüfungen. Aufgrund verschiedener beschissener Initiativen und der Verzögerung des Prozesses werden wir eine katastrophale Situation haben.“

Erstveröffentlicht im Overton Magazin
https://overton-magazin.de/top-story/ukraine-geringverdiener-an-die-front/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Wie geht selektiv applaudieren, wenn zwei sich einig sind?

Berlinale: Herausforderung für eine deutsche Politikerin

Bei der Berlinale äusserte sich ein palästinensisch-israelisches Wir und wurde vom internationalen Publikum mit Applaus bedacht. Das ganz anders ein-gegroovte deutsch-nationale Wir war gekränkt und reagierte giftig.

Von Sophia Deeg

Bild: Der palästinensische Aktivist Basel Adra und der israelische Journalist Yuval Abraham diskutieren im Cinema Colosseum während der Berliner Filmfestspiele 2024 über ihren Film „No Other Land“. Foto: César (CC-BY-SA 3.0 unported – cropped)

Seit Jahren werden in der Region rund um Masafer Yatta (nahe Hebron) Wohnhäuser, Schulen, Läden niedergerissen, die dort seit vielen Generationen lebenden Palästinenser*innen vertrieben – nichts Besonderes in den durch Israel völkerrechtswidrig zwecks Kolonialisierung besetzten palästinensischen Gebieten. Am 4. Mai 2022 gab der Oberste Israelische Gerichtshof zudem grünes Licht für ein Trainingslager der IDF in dieser Region. Die Vertreibungskampagne wurde einen Gang höher geschaltet.[1]

In all den Jahren davor und danach protestierten Bewohner*innen von Masafer Yatta, praktizierten „soumout“[2]: harrten trotz widrigster Bedingungen und Gefahren aus, so lange es ging, hielten beharrlich an ihrem Leben im Dorf, auf ihrem Land fest. Zwei von ihnen – Basel Adra und Hamdan Balal – dokumentierten diesen Alltag ebenso wie die Aggressionen seitens der Besatzungsarmee und posteten ihre Fotos und videos auf social media.

Irgendwann stiessen zwei israelische Journalist*innen zu ihnen: Rachel Shor und Yuval Abraham. Die Vier freundeten sich an, diskutierten intensiv und entwickelten zusammen die Idee zu einem Film. Dieser sollte sich auf das reichhaltige Material von Basel und Hamdan stützen, aber sie sollten darüber hinaus beim Dokumentieren gefilmt werden. Das würde nicht nur die Glaubwürdigkeit der Aufnahmen erhöhen – es würde auch die extremen Arbeitsbedingungen palästinensischer Journalist*innen[3] in den besetzten Gebieten zeigen.

So entstand der Dokumentarfilm No Other Land, der bei der 74. Berlinale Premiere hatte. Die ganz überwiegend nicht-deutsche Jury verlieh ihm zwei Preise für den besten Dokumentarfilm. Das Publikum, auch dieses nicht allzu deutsch, applaudierte bei der Preisverleihung begeistert, nachdem sich Regisseur Adra und Co-Regisseur Abraham gemeinsam zu dem Land geäussert hatten, in das sie wenig später zurückkehren würden.

Und da hatten wir ihn wieder, wie gehäuft in letzter Zeit, den Schlamassel: Diese Ausländer! Man öffnet ihnen grosszügig unser Land und legt ihnen besonders die Hauptstadt zu Füssen, auf dass sie dieser das Flair einer Weltmetropole der Kunst und Kultur einhauchen – und das ist der Dank! Sie schleppen uns ihren Antisemitismus ein! Gemach, gemach. Ich plädiere in diesen Dingen für Genauigkeit. Was wurde mit Publikumsapplaus bedacht? Was also sagte der Palästinenser, was der Israeli, wobei sie nah beisammen standen, offensichtlich ein Wir bildeten? Worauf hatte sich das palästinensisch-israelische Team geeinigt? Was wollte es, dieses Wir, mitteilen angesichts dessen, worum es im Film geht, und angesichts der Tatsache, dass man sich in Deutschland befand?

Basel Adra, der Regisseur, ernste Miene, genau wie sein israelischer Kollege, begrüsst das Publikum. Ihre Schultern berühren sich, während er spricht.

Sie (die Preisträger*innen) seien froh hier zu sein und dankbar. Es sei für die community von Masafer Yatta, sein Heimatdorf, der erste Film seit Jahren. Das Dorf sei durch die brutale Besatzung verwüstet worden. „Ich bin hier, um den Preis zu feiern, aber zugleich ist das sehr schwer für mich, wenn gerade Zehntausende von meinen Leuten in Gaza von Israel abgeschlachtet und massakriert werden, Masafer Yatta, mein Dorf, von israelischen Bulldozern ausradiert wird. Da wir in Berlin, Deutschland sind, bitte ich hiermit Deutschland um Eines: die Aufrufe der UN zu respektieren und keine Waffen mehr nach Israel zu schicken.“

Das Publikum stimmt applaudierend zu, und Yuval Abraham tritt ans Mikrophon. Auch sein Gesicht ist ernst, auch ihm ist nicht zum Feiern zumute, als er anhebt: „Wir stehen hier vor Ihnen, gleichaltrig, ich Israeli, er Palästinenser. Und – “ er zögert, es ist etwas Zentnerschweres, was er auszusprechen ansetzt – „in zwei Tagen kehren wir zurück in ein Land, in dem wir nicht gleich sind.“

Er erläutert die Ungeheuerlichkeit: „Ich geniesse grundlegende Rechte. Basel lebt unter Militärrecht. Wir leben 30 Minuten voneinander entfernt. Ich kann wählen, Basel nicht. Ich bin frei, mich jederzeit überall hin zu bewegen in diesem Land. Basel ist wie Millionen Palästinenser*innen eingesperrt. In der besetzten Westbank. Es ist Apartheid zwischen uns. Diese Ungleichheit muss aufhören! Und wir fragen uns, wie die Besatzung beendet werden kann, wie wir zu einer politischen Lösung kommen können. Wir haben nicht wirklich eine Antwort. Aber ich denke, eine Antwort könnte darin bestehen, dass Menschen endlich wirklich aufstehen!“ In diesem Raum gebe es eine Reihe einflussreicher Leute. Die schliesst Yuval Abraham ein in dieses Wir, das gemeinsam Verantwortung hat, diese auch übernehmen müsse: „Wir müssen einen Waffenstillstand erreichen. Wir müssen eine politische Lösung fordern, um die Besatzung zu beenden.“[4]

Wieder ein Applaus, der eindeutig Zustimmung signalisiert über die Gratulation für einen gelungenen Film hinaus. Dumm gelaufen: Die Staatsministerin für Kultur und Medien sitzt ebenfalls im Publikum, ganz vorn selbstverständlich und selbstverständlich des Englischen mächtig – und lächelt und klatscht ebenfalls! Und wird dabei von der Bildzeitung erwischt, d.h. bei der Zustimmung zu „antisemitischen Äusserungen“ (huch? – siehe oben…?). So jedenfalls der allgemeine Aufschrei in deutschen Medien, des Antisemitismus-Beauftragten, des Zentralrats der Juden etc. etc. Claudia Roth bzw. ihr Ministerium daraufhin: Ihr Applaus habe dem jüdisch-israelischen Journalisten und Filmemacher Yuval Abraham gegolten. Heisst auf Deutsch: nicht dem palästinensischen Teil des Wir, das sich da geäussert hatte. Es wird schlicht negiert, ausgelöscht.

Geht’s noch eindeutiger rassistisch? Und, die Frage schliesst sich an: Ist eine Person, ist eine Gesellschaft gewappnet, Antisemitismus entgegenzutreten, wenn sie andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ganz unverblümt propagiert? Hat eine solche Gesellschaft und politische Elite einer xenophoben Rechten etwas entgegenzusetzen ausser netten Demos?

Auch der jüdisch-israelischen Stimme des Wir, der Frau Roths ganzer Applaus galt, wurde von ihr Unrecht getan, sie wurde verzerrt, instrumentalisiert, ihrer Intention beraubt, weggerissen von dem israelisch-palästinensischen Wir zu dem sich Yuval Abraham bekennt. Nein, er hatte durchaus nicht die Seichtigkeit geäussert, die sie ihm nachträglich in den Mund legte, um ihren Applaus zu rechtfertigen. Er hatte sich nicht vage und unverbindlich „für eine politische Lösung und ein friedliches Zusammenleben in der Region“ ausgesprochen, vielmehr – siehe oben.

Und für das, was die deutschen Medien und die deutsche politische Elite aus seinen Äusserungen machten, zahlte er in Israel den Preis, wohlgemerkt nicht für das, was er und sein palästinensischer Partner Basel Adra gesagt hatten. Dergleichen Kritik ist in Israel durchaus üblich. Ursprünglich hatte er einen Tag nach der Abschlusszeremonie nach Israel zurückkehren wollen, doch als er Todesdrohungen erhielt und erfuhr, dass rechte israelische Medien die Hetze der deutschen Medien und Politik aufgegriffen hatten und ihn zu Hause ein rechter Mob erwartete, besann er sich und zögerte die Rückkehr hinaus.

Dem Guardian gegenüber sagte er, Deutschland verwandle einen Terminus, den des Antisemitismus, in eine Waffe, um Palästinenser*innen wie Israelis zum Schweigen zu bringen, die die Besatzung kritisierten und das Wort „Apartheid“ benutzten. Dies entleere den Begriff, der eigentlich Jüdinnen*Juden schützen solle, vollkommen. Und er fügte hinzu: „Basel lebt unter Besatzung, und die Armee oder die Siedler*innen können jederzeit Rache an ihm nehmen. Er ist in viel grösserer Gefahr als ich es bin.“

Fußnoten


[1] https://www.msf.org/forced-home-daily-struggle-masafer-yatta

[2] Soumout: das standhafte Ausharrren, Festhalten an seinen Rechten als Form des zivilgesellschaftlichen Widerstands

[3] Journalist*innen, insbesondere palästinensische, die in der Westbank oder Gaza arbeiten, geraten häufig ins Visier der IDF. Ein prominenter Fall ist der von Shireen Abu Akleh, die am 11.05.2022 von einer israelischen Kugel tödlich getroffen wurde: https://apnews.com/article/middle-east-jerusalem-israel-journalists-west-bank-88d1a497cb235500151b77b0eb3b38dc; im Krieg gegen Gaza sind laut CPJ bis zum 8.3.’24 bereits an die 100 Journalist*innen zu Tode gekommen: https://cpj.org/2024/03/journalist-casualties-in-the-israel-gaza-conflict/

[4] https://www.youtube.com/watch?v=nZBbOBPLSvA

Erstveröffenticht im „Untergrund Blättle“
https://www.untergrund-blättle.ch/politik/deutschland/berlinale-basel-adra-herausforderung-fuer-eine-deutsche-politikerin-008250.html

Wir danken der Autorin für das Publikationsrecht.

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