Kursk und die Folgen

Kiew fordert nach der Ankündigung Berlins, die Finanzmittel für die Ukraine zu begrenzen, direkten Zugriff auf russisches Auslandsvermögen. Verhandlungsbemühungen sind durch den Angriff auf Kursk zunichte gemacht worden.

23 Aug 2024

Von German Foreign Policy

BERLIN/KIEW (Eigener Bericht) – Nach der Ankündigung Berlins, die Finanzierung der Ukraine zu begrenzen, fordert Kiew einen unmittelbaren Zugriff auf im Westen eingefrorenes Vermögen des russischen Staats. Die Bundesregierung hat vor kurzem mitgeteilt, über die bereits für Kiew verplanten Mittel hinaus keine neuen Ausgaben zur Unterstützung der Ukraine tätigen zu wollen; das Land soll nun auf Basis der Zinserträge aus den eingefrorenen Auslandsguthaben der russischen Zentralbank finanziert werden. Kiewer Regierungsangaben zufolge reicht das nicht aus; es sollen deshalb die Guthaben selbst beschlagnahmt werden. Faktisch wäre das ein Präzedenzfall für den Diebstahl fremden Staatseigentums, der weltweit Folgen hätte – wohl auch für Auslandsvermögen westlicher Staaten. Die Debatte spitzt sich auch deshalb zu, weil die Ukraine faktisch bankrott ist. Weckten noch kürzlich Äußerungen von Präsident Wolodymyr Selenskyj und die Entsendung von Außenminister Dmytro Kuleba nach China Hoffnung auf Waffenstillstand und Wiederaufbaumaßnahmen, so sind diese nach dem Angriff der Ukraine auf das russische Gebiet Kursk zerstoben. Der Angriff habe Verhandlungen unmöglich gemacht, werden Diplomaten zitiert.

Anlass zu Verhandlungen

Zur Aufnahme von Gesprächen mit Moskau hatte Kiew aus verschiedenen Gründen Anlass. Zum einen war sein Versuch, auf dem vorgeblichen Friedensgipfel Mitte Juni in der Schweiz eine Reihe einflussreicher Staaten des Globalen Südens auf seine Seite zu ziehen und damit Russland politisch zu isolieren, gescheitert; die Regierungen etwa Indiens, Brasiliens oder Südafrikas hatten sich Abschlusserklärung des Gipfels mit dem Hinweis verweigert, Friedensgespräche mit nur einer Konfliktpartei ergäben keinen Sinn.[1] War zumindest das Vortäuschen von Verhandlungsbereitschaft also Voraussetzung für weitere Bemühungen, den Globalen Süden für die Ukraine zu gewinnen, so zeichnete sich zusehends auch materieller Druck ab. Die russischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur, die Kiew zum Einlenken nötigen sollten, haben der Washington Post zufolge mittlerweile neun der 18 Gigawatt vernichtet, die die Ukraine im kalten Winter zu Spitzenzeiten benötigt.[2] Bereits jetzt ist die Bevölkerung der Ukraine mit schweren Stromausfällen konfrontiert; die ohnehin stark geschädigte Wirtschaft wird durch den Energiemangel zusätzlich beeinträchtigt. Die ukrainischen Angriffe auf Russlands Erdölindustrie dagegen fügen Moskau relativ geringere Schäden zu – und weil sie zeitweise den Ölpreis in die Höhe getrieben haben, stoßen sie in den westlichen Hauptstädten intern auf Unmut.

„Von der Tagesordnung genommen“

Laut der Washington Post ließ sich Kiew deshalb kurz nach dem Schweizer Ukraine-Gipfel auf einen Vorstoß Qatars ein, zu Verhandlungen mit Moskau überzugehen.[3] Demnach sollte zunächst ein beidseitiger Verzicht auf Angriffe auf die Energie- bzw. die Ölinfrastruktur in Kraft treten – dies mit der Perspektive, zu einem umfassenderen Waffenstillstand ausgeweitet zu werden. Qatar habe darüber fast zwei Monate lang mit beiden Seiten verhandelt, hieß es unter Berufung auf Diplomaten; die Regierung in Doha habe gehofft, in Kürze eine Einigung zu erzielen. Der ukrainische Angriff auf das Gebiet Kursk habe die Bemühungen jetzt aber umgehend zunichte gemacht. Der liberale russische Politiker Grigori Jawlinski etwa ließ sich von der New York Times mit der Aussage zitieren, in Moskau habe man Hoffnung gehegt, „die Kämpfe könnten dieses Jahr enden“.[4] Der Angriff auf das Gebiet Kursk habe nun aber die Chancen dafür nicht nur reduziert, sondern sie sogar „von der Tagesordnung genommen“. Zwei ehemalige russische Regierungsmitarbeiter schlossen sich gegenüber der US-Zeitung dieser Einschätzung an. Ausdrücklich bestätigte Juri Uschakow, außenpolitischer Berater des russischen Präsidenten Wladimir Putin, angesichts der jüngsten Kiewer „Eskapade“ werde man zumindest vorläufig „nicht verhandeln“.[5]

Vermittler düpiert

Hinzu kommt, dass Kiew mit seinem Vorgehen einmal mehr potenzielle Vermittler verprellt. Erst im Juli hatte China den ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba zu Gesprächen nicht zuletzt mit seinem Amtskollegen Wang Yi empfangen – in der Absicht, Wege zu einer Verhandlungslösung zu bahnen.[6] Zudem hatte Indien mit der ukrainischen Regierung über einen Besuch von Ministerpräsident Narendra Modi verhandelt – sozusagen als Ausgleich für Modis Besuch im Juli in Moskau. Während Kiew mit Beijing und New Delhi über Wege zu einer Konfliktlösung diskutierte, bereitete es hinter deren Rücken längst den Angriff auf Kursk vor. Modi trifft am heutigen Freitag düpiert in der ukrainischen Hauptstadt ein. Auch Qatars Regierung muss konstatieren, dass sie mit ukrainischen Gesprächspartnern über Wege aus dem Krieg verhandelte, während Kiew insgeheim bereits die Eröffnung eines neuen Schlachtfeldes auf russischem Territorium plante. Doha, gleichfalls düpiert, sagte die schon in Kürze geplanten Gespräche inzwischen ab.[7]

„Der Topf ist leer“

Gleichzeitig zeichnen sich neue Spannungen zwischen Kiew und Berlin ab. Wie bereits am vergangenen Wochenende berichtet wurde, will die Bundesregierung ab sofort keinerlei neue Mittel mehr für die Ukraine zur Verfügung stellen. Bereits fest verplant sind die knapp acht Milliarden Euro, die der Bundeshaushalt 2024 für die Unterstützung der Ukraine vorsieht. Im Bundeshaushalt 2025 sind weitere vier Milliarden Euro für Kiew enthalten; diese sind aber, wie es heißt, „offenbar schon überbucht“.[8] Für 2026 ist von drei, für 2027 und 2028 jeweils von einer halben Milliarde Euro die Rede. Weitere Mittel sollen – darauf beharren Kanzler Olaf Scholz und Finanzminister Christian Lindner – lediglich dann gewährt werden, wenn für die entsprechenden Vorhaben „eine Finanzierung gesichert“ sei. Hintergrund sind die Berliner Bestrebungen, die Staatsausgaben einzuschränken, um die Neuverschuldung zu begrenzen. Zwar würden bereits getätigte Zusagen noch realisiert, heißt es; doch wird ein Mitarbeiter der Bundesregierung mit der Feststellung zitiert: „Ende der Veranstaltung. Der Topf ist leer.“[9]

Präzedenzfall

Gedeckt werden soll Kiews Finanzbedarf nach dem Willen Berlins nicht mehr aus deutschen Mitteln, sondern stattdessen aus Zinserträgen, die die im Westen eingefrorenen Mittel der russischen Zentralbank einbringen – insgesamt gut 260 Milliarden Euro. Konkret werden zur Zeit die Zinsen der gut 173 Milliarden Euro ins Visier genommen, die der Finanzkonzern Euroclear mit Sitz in Brüssel verwaltet. Die G7 haben beschlossen, die Zinsen zugunsten der Ukraine zu beschlagnahmen und Kiew auf ihrer Grundlage einen Kredit zu ermöglichen; jährlich könnten damit mehrere Milliarden Euro beschafft werden, heißt es.[10] Allerdings sind noch diverse Fragen offen. So wird berichtet, Experten rechneten mit einer Laufzeit des Kredits von möglicherweise 20 Jahren. Das setze faktisch voraus, dass die russischen Gelder auch noch nach einem etwaigen Friedensschluss mit der Ukraine eingefroren blieben, sollte ein solcher zustande kommen. Hinzu kommt das nach wie vor ungelöste Problem, dass ein westlicher bzw. ukrainischer Zugriff auf russisches Staatseigentum als klarer Präzedenzfall gewertet würde. Damit müssten westliche Staaten damit rechnen, dass ihr Eigentum im Ausland im Konfliktfall gleichfalls enteignet werden könnte, nicht nur zur Entschädigung von Kriegs-, sondern auch von Kolonial- und insbesondere von NS-Verbrechen.

Finanzdesaster

Umso schwerer wiegt, dass Kiew jetzt, wie die stellvertretende Finanzministerin Olga Zykova soeben auf einer Videokonferenz des Kiewer Centre for Economic Strategy erklärte, nicht nur die schnelle Freigabe der Kreditmittel auf Basis der Zinserträge des eingefrorenen russischen Staatsvermögens fordert, sondern den Zugriff auf das Staatsvermögen selbst. Das sei nötig, heißt es, um den ukrainischen Staatshaushalt zu stabilisieren, der zuletzt zu mehr als 50 Prozent aus auswärtigen Zuwendungen gespeist worden sei.[11] Für das Jahr 2025 benötige man Hilfsgelder in Höhe von mindestens 35 Milliarden US-Dollar; 15 Milliarden US-Dollar fehlten noch. Als einziger Ausweg aus dem zunehmenden Finanzierungsdesaster gilt ein Ende des Krieges und der Wiederaufbau des Landes; beides aber ist nach dem ukrainischen Angriff auf Kursk weniger in Sicht denn je.

[1] S. dazu Ziele klar verfehlt.

[2] Isabelle Khurshudyan, Siobhán O’Grady, John Hudson, Catherine Belton: Ukraine’s offensive derails secret efforts for partial cease-fire with Russia, officials say. washingtonpost.com 17.08.2024.

[4], [5] Anton Troianovski, Andrew E. Kramer, Kim Barker, Adam Rasgon: Ukraine Says Its Incursion Will Bring Peace. Putin’s Plans May Differ. nytimes.com 19.08.2024.

[6] S. dazu Diplomatie statt Waffen.

[7] Isabelle Khurshudyan, Siobhán O’Grady, John Hudson, Catherine Belton: Ukraine’s offensive derails secret efforts for partial cease-fire with Russia, officials say. washingtonpost.com 17.08.2024.

[8], [9] Peter Carstens, Konrad Schuller: Kein neues Geld mehr für die Ukraine. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 18.08.2024.

[10] Christian Schubert: Ein russischer Hebel gegen Putin. Frankfurter Allgemeine Zeitung 21.08.2024.

[11] Andreas Mihm: Kiew: Brauchen Milliarden schnell. Frankfurter Allgemeine Zeitung 22.08.2024.

Erstveröffentlich in German Foreign Policy v. 22.8. 2024
https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9647

Wir danken für das Publikationsrecht.

Der Bürgermeister und der Antisemit

Kai Wegners Haltung zu Berlins Ex-Innensenator Heinrich Lummer wirft Fragen auf

Von Nathaniel Flakin

Lummerportrait: Stadt Berlin

Heinrich Lummer, einst Berliner Innensenator für die CDU, ist größtenteils in Vergessenheit geraten. Der ein oder andere Skandal aus seiner Amtszeit von 1981 bis 1986 bleibt aber im kollektiven Gedächtnis. Über Jahre hinweg führte der strenge Antikommunist eine Affäre mit einer Agentin des Ministeriums für Staatssicherheit und machte sich so erpressbar. Und 1981 ließ Lummer acht besetzte Häuser räumen, wobei der 19-jährige Hausbesetzer Klaus-Jürgen Rattay unter die Räder eines Busses geriet und starb. Eine selbst gemachte Gedenktafel im Bürgersteig vor der Potsdamer Straße 125 erinnert bis heute an seinen Tod. Lummers Karriere ging 1986 mit einem Bauskandal zu Ende. Später kam heraus, dass der Hardliner im Jahr 1971 Tausende D-Mark an Rechtsradikale gespendet haben soll.

Einem einflussreichen Berliner Lokalpolitiker trotzt diese Vita Bewunderung ab: »Er war eine starke Persönlichkeit der Berliner CDU«, schreibt Kai Wegner nach Lummers Tod im Jahr 2019. Als frischgebackener Landesvorsitzender würdigt er den Verstorbenen, nennt ihn »unvergessen«. »Viele werden ihn in Erinnerung behalten als jemanden, der die Innere Sicherheit und Ordnung konsequent durchgesetzt hat«, heißt es in dem Facebook-Post. »Das hat ihm nicht nur Sympathien beschert, aber auch seine Haltung gezeigt.« Heute ist der Autor Regierender Bürgermeister von Berlin.

Dabei stach Lummer ab Ende der 90er Jahre besonders mit einem Thema hervor: seinem Hass auf Jüd*innen. 1997 sprach sich Lummer im »Ostpreußenblatt«, der heutigen »Preußischen Allgemeinen Zeitung«, gegen weitere jüdische Einwanderung in die Bundesrepublik aus. Das Land habe bereits zu viele Ausländer*innen – und die deutsche Außenpolitik sei »weitgehend fremdbestimmt« in Bezug auf Israel.

Lummer hat seinen Antisemitismus so laut verkündet, dass ihm 1998 die Einreise nach Israel verweigert wurde. Im folgenden Jahr sagte er im Interview mit der rechten Zeitung »Junge Freiheit«, das Berliner Holocaust-Denkmal sei nur auf Druck der »amerikanischen Ostküste« gebaut worden. In einem weiteren Interview fragte er, ob Zwangsarbeit unter den Nazis wirklich »so schrecklich und gering bezahlt war«. Schließlich habe es »im Zusammenhang von Kriegen immer wieder Zwangsarbeit gegeben«.

»Viele werden ihn in Erinnerung behalten als jemanden, der die Innere Sicherheit und Ordnung konsequent durchgesetzt hat.« Kai Wegner über Ex-Innensenator
Heinrich Lummer (beide CDU)

Weitere rechtsextreme Themen durften bei Lummer nicht fehlen. Wieder im »Ostpreußenblatt« schrieb er 1999, dass das deutsche Volk drohe durch Masseneinwanderung zu verschwinden, gefördert durch fremde Mächte. Heute ist diese rechtsextreme Verschwörungstheorie als »Großer Austausch« bekannt. 2001 unterzeichnete Lummer eine Petition zur Unterstützung Götz Kubitscheks – heute Vordenker der neofaschistischen Rechten – und 2006 eine weitere Petition für die »Junge Freiheit«. 

Das alles ist kein Geheimnis. In Lummers Wikipedia-Eintrag findet sich ein ganzes Kapitel zu seinem Antisemitismus. Und was sagt Wegner dazu? Auf Anfrage von »nd« teilt ein Sprecher mit, dass der Regierende Bürgermeister den verstorbenen Lummer für dessen Bürgernähe sowie seinen Einsatz für innere Sicherheit und Ordnung gewürdigt habe. Dessen »Ansichten zu Israel« habe Wegner schon damals nicht geteilt und tue das auch heute nicht. »Wir dulden in Berlin keinen Antisemitismus, Rassismus und keine sonstigen menschenverachtenden Ideologien – weder auf den Straßen noch an Universitäten und anderen Orten der Stadt.« Die Frage, ob Wegner den Antisemitismus seines Mentors jemals kritisierte, bleibt unbeantwortet.

Dabei hält sich Wegner selbst nicht zurück, wenn es um Vorwürfe des Antisemitismus geht. Eine Rede des israelischen Filmemachers Yuval Abraham auf der Berlinale, in der dieser die Ungleichbehandlung von Palästinenser*innen und Israelis im Westjordanland kritisierte und dabei den Begriff »Apartheid« verwendete, nannte Wegner eine »untragbare Relativierung«. Als Studierende, darunter auch jüdische Studierende, ein Gebäude der Humboldt-Universität besetzten, warnte Wegner vor »rechtsfreien Räumen für Antisemiten und Terror-Sympathisanten«. Wegners Kultursenator Joe Chialo (CDU) will ein Kulturzentrum schließen, weil dieses einer Veranstaltung des Vereins Jüdische Stimme Raum bot – dieser sei ebenfalls »antisemitisch«.

Noch im März ließ sich Wegner Arm in Arm ablichten mit Tesla-Chef Elon Musk, der schon mehrfach für antisemitische Verschwörungstheorien in die Kritik geraten ist. Und wer weiter in die Vergangenheit blickt, findet streitbare Aussagen von Wegner selbst: Im Jahr 2000 berichtete die »Taz«, dass der heutige Regierende Bürgermeister, damals Landesvorsitzender der Jungen Union auf dem Berliner CDU-Parteitag forderte, die Jugend müsse endlich ein »gesundes Verhältnis zur Nation entwickeln«. In dem Bericht wird zudem indirekt aus der Rede des damals 28-jährigen Wegner zitiert: »Wenn zu viel über die ›12 Jahre‹ gelehrt werde, könne das auch Gegenreaktionen erzeugen.« Da könnten manche von einer untragbaren Relativierung sprechen.

Erstveröffentlicht im nd v. 27.8. 2024
http://Kai Wegners Haltung zu Berlins Ex-Innensenator Heinrich Lummer wirft Fragen auf

Wir danken für das Publikationsrecht.

Erklärung des DGB zum 1. September 2024


Wir dokumentieren:

Bild: DGB Hamburg

https://www.dgb.de/aktuelles/news/friedensgebot-mit-leben-fuellen-kriegerische-gewaltspirale-durchbrechen/

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