Kleines Kursbuch

Ein Land in Olivgrün

Von Jochen Gester

Bild: Collage Jochen Gester

Nachdem der Corona-Pandemie, die auch genutzt wurde, die Bevölkerung an autoritäre Eingriffe des Staates, die Grundrechte suspendierten, zu gewöhnen, hat sich seit dem Febrauar 2022 schlagartig ein neuer Virus ausgebereitet, der jedoch nicht über die Atemwege sonden durch die Gehirne Verbreitung findet. Sein Name lautet „Kriegstüchtigkeit“. Besonders befallen sind die politischen Eliten des Bürgertums. Ihre gegenwärtigen Vorkämpfer beschränken sich nicht auf die rechtsautoritären Kreise, die in dieser Klasse schon immer das Recht beansprucht haben, ihre Interessen mit offener Gewalt durchzusetzen sondern haben sich auch auf diese Milieus ausgebreitet, die aus den subalternen Klassen einen Aufstieg zu Rang und Namen geschafft haben. Statt den Krieg verachten diese heute mehr sogenannte Lumpenpazifisten, die daran erinnern, dass Kriege keine Probleme lösen sondern nur verschärfen. Vorbei die Zeiten, in der man sich als geläutertes gebranntes Kind präsenierte und reumütig verkündete, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen sollte und man bereit sei, die Hand zu Verständigung und Versöhnung zu reichen. Das neue Feindbild ist das alte: Russland. Und wie dies das ABC der Kriegspropaganda erfordert, muss der Feind personifiziert werden. Es ist „Putin“, der wie der selige Grofaz in deutschen Diensten nicht nur allmächtig sein soll, sondern dem – so die neuesten Erkenntisse hiesiger Gazetten – auch alles dort gehöre. Ein Super-Musk sozusagen.

Nicht weniger duchgeknallt ist die Debatte um die erforderliche Höhe des Rüstungshaushalts, die den Charakter einer Auktion angenommen hat. Wer bietet mehr? Das lange nicht durchsetzbare Ziel, jährlich 2% des BIPs dafür zu verausgaben, ist Verfassungsauftrag. Doch war das nur eine Dammbruchmarke. Die Bieterkette aus Pistorius, Merz, Trump, Musk und Weidel ist nun bei 5% und mehr angelangt. Die Sympathieerklärungen der bürgerlichen Mitte nach rechtsaußen reißen nicht ab. Wen wundert es da noch, dass der Leiter des arbeitgeberfreundlichen ifo-Instituts Clemens Fuest, sich für die Goebbelsche Losung „Kanonen statt Butter“ erwärmen kann. Auch mit dem geradezu avantgardistischem Einsatz der einmal grasgrünen Partei für Umwelt und Frieden bekommt Deutschland eine olivgrüne Färbung. Kaum vergeht ein Tag, an dem nicht neue Vorschläge die Runde machen. Dabei dreht es sich immer mehr auch darum, dass die Gesellschaft in den Kriegskurs eingebunden wird und nicht irgendwie widerspensig oder gleichgültig außen vor bleibt. Eine koordinierende und durchgriffsfähige Exekutive ist gefragt. Auch soll eine „Kriegsmentalität“ entstehen.

Ganz aktuell hat sich der designierte Bundeskanzler aus dem Sauerland zu diesem Thema in einem Vortrag des Global Leader Dialogs bei der Körber Stiftung geäußert. Im Fokus steht der neu eingerichte Nationale Sicherheitsrat. Nach den verstärkt an Schulen einzusetzenden Jugendoffizieren der Bundeswehr und den Angriffen auf die Zivilklauseln an den Hochschulen, die miliärischer Forschung Grenzen setzten, möchte Merz gleich ganze Lehrstühle für Sicherheitspolitik einrichten.

„Dreh- und Angelpunkt der kollektiven politischen Entscheidungsfindung der Bundesregierung soll der neue Nationale Sicherheitsrat im Kanzleramt werden. Ihm sollen die mit innerer und äußerer Sicherheit befassten Minister der Bundesregierung, Vertreter der Bundesländer sowie die wichtigsten Sicherheitsbehörden angehören, die Bundesregierung werde hier zu jeder grundsätzlichen Frage eine gemeinsame Linie finden und diese dann auch gemeinschaftlich vertreten. „Die Zeiten, in denen europäische Partner aus Berlin andere Antworten bekommen haben – je nachdem, ob sie im Kanzleramt, im Auswärtigen Amt oder im Finanzministerium angerufen haben – müssen der Vergangenheit angehören“, so Merz. Der Sicherheitsrat soll auch die Federführung bei der Erstellung einer neuen nationalen Sicherheitsstrategie haben, die binnen eines Jahres fertiggestellt sein soll. Friedrich Merz kündigte zudem an, Geld für die Einrichtung sicherheitspolitischer Lehrstühle an deutschen Hochschulen bereitzustellen.“1

Auch Entwicklungszusammenarbeit soll klarer unter der Prämisse stehen, den strategischen Interessen Deutschlands zu dienen. Israel soll es an nichts fehlen und im Indopazifik hätte der CDU-Vorsitzende gerne eine Marinebasis. Und er weiß als ehemaliger Deutschland-Verantwortlicher für Blackrock auch, dass die aktuellen und zukünftig ersehnten Geschäfte in der Ukraine nicht durch Friedensbemühungen torpediert werden dürfen. Die Allianz mit den USA ist für ihn einmalig und unersetzbar. Donald Trump sieht er nicht düster sondern eher als Chance.

Da passt es doch prima ins Bild, dass auch die taz einen Artikel würdigt, den Michael Krüger, emiritierter Professor für Sportwissenchaften in Münster im offiziellen Organ des Deutschen Sportlehrerverbandes, veröffentlich hatte. Der Autor möchte seinen Artikel als Beitrag zur Demokratieerziehung im Geiste des SPD-Politikers Carlo Schmids verstanden wissen.

„Was hätte Carlo Schmid heute zu seinem SPD-Genossen und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius gesagt, der angesichts des Krieges des russischen Diktators Wladimir Putin gegen die Ukraine und letztlich auch gegen die Menschen in Russland davon gesprochen hat, dass die Bundeswehr wieder „kriegstüchtig“ werden müsse, um sich gegen diese Aggression zu wappnen. Auch wenn es Boris Pistorius nicht gesagt hat, aber „kriegstüchtig“ bedeutet nicht nur, dass das Kriegsgerät funktioniert und in ausreichender Zahl Waffen und Munition zur Verfügung steht, sondern es geht auch um die Menschen, die bereit und in der Lage sind, einen Krieg zu führen, die Waffen zu bedienen und die physischen und psychischen Strapazen sowie Entbehrungen eines Krieges auf sich zu nehmen, wie es die ukrainischen und russischen Soldaten tun. Wie viele von ihnen inzwischen gefallen sind, weiß niemand genau – Schätzungen gehen in die Hunderttausende. Leibesübungen und Sport sind kein Mittel der „Erziehung zu seelischer und körperlicher Militärtauglichkeit“. Das sollten wir festhalten. Carlo Schmid wusste jedoch auch, dass die „Würde des Menschen“, wie es im Grundgesetz heißt, erkämpft und verteidigt werden muss. Eine freiheitliche Gesellschaft in einem demokratischen Staat braucht deshalb Bürger*innen, die sowohl seelisch als auch körperlich in der Lage sind, dies zu tun. Die charakterliche und physische Erziehung durch Bewegung, Spiel und Sport ist in diesem Sinn auch Teil der Erziehung zur „Kriegstüchtigkeit“ in einem freiheitlichen Gemeinwesen. „Frieden ohne Freiheit ist kein Frieden“, meinte Konrad Adenauer, Carlo Schmids Gegenspieler von der CDU und erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. In diesem Punkt waren sich die beiden einig.“2

Der Autor scheint diese Sätze mit Bedacht zu formulieren. Er sagt nicht, dass mit den Ertüchtigungen nun im nächsten Schuljahr in der Grundschule begonnen werden muss. Es ist aber naheligend, daran zu erinnern, dass er Sportlehrer ist und natürlich auch die ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen im Blick hat. Da ist es denn nur eine Frage, ab wann damit begonnen werden sollte. Schließlich spricht er von „Erziehung“, und damit ist normalerweise nicht die Vermittlung von Wissen und Können bei Erwachsenen gemeint. In jedem Fall sollte man dieser Art Neu-Jahnscher Wehrertüchtigung jegliche Legitimationshilfe verwehren.

Das Wort „Kriegstauglichkeit“ wäre eigentlich der konkurrenzlose Kandidat für das „Unwort des Jahres“ gewesen, das jedes Jahr von einer Jury vergeben wird. Die Jury hat sich nicht getraut. Geworden ist es „biodeutsch“. Der Gewinner hatte nur 10 Einsendungen. „Kriegtauglichkeit“ wollten 58 Voten. Wo bleibt die Hoffnung? Hier ist sie.

Fußnoten:

1 Deutscher Bundeswehrverband:
https://www.dbwv.de/aktuelle-themen/blickpunkt/beitrag/merz-bei-koerber-stiftung

2 https://dslv-niedersachsen.de/wp-content/uploads/2024/08/Sportunterricht-Brennpunkt-August-2024.pdf

Auf den Spuren von Walburga

Zu Besuch im KZ Auschwitz, wo das Leben meiner Großmutter endete

Von Rudolf Stumberger

Bild: pixabay

Die Fahrt mit dem Vorortzug vom Hauptbahnhof in Krakau nach Auschwitz dauert etwa eineinhalb Stunden; der Zug hält alle zehn Minuten an einer kleinen Haltestelle. Es gibt auch schnellere Züge, doch dieser hier erschien mir von der Abfahrtszeit günstig. Je weiter wir uns von Krakau entfernen, desto geringer wird die Zahl der Fahrgäste. Schließlich sitze ich an diesem Montagnachmittag alleine im Abteil, draußen vor dem Fenster huscht die Landschaft vorbei. Waldstücke mit Laubbäumen, darunter viele Birken, wechseln ab mit Feldern, auf denen noch der Mais steht. Das Land ist flach, hie und da von Gewässern durchzogen.

Ob wohl auch Walburga diese Aussicht hatte? Meine Großmutter wurde im März 1943 mit Hunderten anderer Frauen vom Gefängnis im oberbayerischen Aichach in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, mit der Eisenbahn. Am 7. April beschwerte sich der Gendarmerieposten Aichach über das »primitive Waggonmaterial«, das dabei zum Einsatz kam. Die eingesetzten beiden Waggons seien für die dreieinhalbtägige Fahrt »ungeeignet« gewesen. Für das Begleitpersonal habe es keine Kabine zum Ausruhen gegeben, ein Waggon habe über keine Toilette verfügt und das Dach sei undicht gewesen. Die Anstaltsleitung des Frauengefängnisses schließt sich dieser Beschwerde »voll an«, da mit weiteren Transporten zu rechnen ist. Walburga, damals 47 Jahre alt, muss wohl auch diesen Weg genommen haben.

Gestorben ist meine Großmutter am 8. Mai 1943 im Alter von 47 Jahren. Als Todesursache steht »Durchfall« auf der Todesurkunde.

Wir fahren jetzt an dem Örtchen Dwory vorbei, hier baute die IG Farben 1942 ihr riesiges Buna-Werk, in dem die KZ-Häftlinge arbeiten mussten. Schließlich hält der Zug am Bahnhof mit dem Ortsschild Oświęcim, dem polnischen Namen für Auschwitz, jenem Begriff, der in Verbindung mit dem Konzentrationslager in aller Welt zum Synonym für das Grauen des Massenmordes wurde. Ich war schon einmal hier, vor Jahrzehnten als junger Mann, doch damals wusste ich noch nichts von Walburga und ihrem Schicksal, ein Tabu in meiner Familie.

Heute bin ich hier, um an einem internationalen Journalistenseminar teilzunehmen, das vom Museum Auschwitz-Birkenau organisiert wurde. Es geht auch um den Ausblick auf den 80. Gedenktag zur Befreiung des Lagers durch die Truppen der Roten Armee am 27. Januar 1945. Unsere Gruppe ist bunt zusammengewürfelt, die Journalisten kommen aus den USA, aus England, aus Österreich und Deutschland, auch ein Spanier und ein Ungar sowie eine Journalistin aus Rumänien sind dabei. Wir sind in einem modernen Hotel untergebracht; früher stand hier die Fabrik des örtlichen Likör­fabri­kanten Jakub Haberfeld, das Flüsschen Sola mit seinen grünen Auen ist nur ein paar Schritte entfernt. Wiederum ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung findet sich der große Marktplatz inmitten der Altstadt von Auschwitz.

Um 1918 lebten viele jüdische Bürger in der Stadt, die mal zu Preußen, zuletzt zum Reich der Habsburger und zu dieser Zeit wieder zu Polen gehörte. Am 1. September 1939 marschierte Hitler in Polen ein, das innerhalb weniger Wochen von der Landkarte getilgt wurde. Oświęcim wurde zu Auschwitz und dem Deutschen Reich zugeschlagen. Und schon bald tauchten die ersten SS-Männer auf, die nach geeigneten Standorten für Konzentrationslager suchten.

Das Interessensgebiet

Unsere Gruppe wird von Pawel Sawicki betreut, einem früheren bekannten Radio-Moderator, der vor 17 Jahren beschlossen hatte, sein weiteres Berufsleben dem Auschwitz-Museum zu widmen. Dreieinhalb Stunden lang wird er uns durch Auschwitz 1 oder das Stammlager führen, das 1940 auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne errichtet wurde, um zunächst polnische Gefangene aufzunehmen, denn die Gefängnisse waren nach dem Sieg der Wehrmacht überfüllt mit Menschen, die Widerstand leisteten oder auch nur auf Verdacht verhaftet worden waren.

Im September 1939, als der Zweite Weltkrieg begann, saß meine Großmutter Walburga im Frauengefängnis Aichach eine mehrjährige Freiheitsstrafe ab. Das Landgericht München I hatte sie wegen kleiner Taschendiebstähle zu mehr als fünf Jahren verurteilt. Aber es war nicht das erste Mal – das Leben hatte es nicht gut mit ihr gemeint. Kleptomanisch veranlagt, hatte sie immer wieder kleine Geldbeträge gestohlen, manchmal vier Reichsmark, manchmal sieben. Sie selbst konnte sich ihr Handeln nicht erklären, doch die nun nationalsozialistisch gefärbte Justiz stempelte sie als »Gewohnheitsverbrecherin« ab. Viele der Frauen in Aichach saßen wegen kleiner Delikte ein: Unterschlagung einer Pelzjacke, unbefugter Verkauf von Strümpfen oder Diebstahl von Zuckerrüben etwa.

Zusammen mit Pawel Sawicki gehen wir an der ehemaligen Kommandantur vorbei in Richtung der Villa von Rudolf Höß, ab April 1940 der erste Kommandant des Konzentrationslagers. Das Haus ist heute in Privatbesitz, aber der dazugehörige Garten ist zugänglich. Der Kinofilm »The Zone of Interest« behandelt das Familienleben von Höß mit Frau und Kindern in der Gartenidylle, nur wenige Meter vom tödlichen, mit Starkstrom geladenen Stacheldraht entfernt, der das Lager umgab. Der Filmtitel verweist auf das von der SS erklärte »Interessensgebiet«, das sie für ihre Lagerpläne brauchte; die polnische Bevölkerung wurde vertrieben.

Tausend Meter Fußweg zwischen Stacheldrähten. Die aussortierten Menschen wurden hier entlang in die Gaskammern der Krematorien IV und V getrieben. edition ost/frank schumann, fritz schumann

Vor gut eineinhalb Stunden haben wir das Gelände des ehemaligen KZ durch das Haupttor mit der berüchtigten Aufschrift »Arbeit macht frei« betreten. Wir haben die Steinbaracken gesehen, in denen die Häftlinge zusammengepfercht auf Holzpritschen schlafen mussten. Den Gefängnisblock 11, auch »Todesblock« genannt. Im Keller waren kleine Verschläge zu sehen, die sogenannten Stehbunker, zugänglich nur durch ein Loch am Boden. Und die sogenannten Hungerzellen, in denen Häftlinge ohne Nahrung eingesperrt wurden, bis sie verhungert waren – das war die Vergeltung der SS für die Flucht von Gefangenen.

Das Lager mit seinen Erschießungsplätzen und dem Galgen war ein Ort des unendlichen Grauens und verzweifelten Überlebenskampfes der Häftlinge, um neben den Hinrichtungen dem Tod durch Hunger, Krankheit und Auszehrung zu entgehen. Doch sei Auschwitz, so erklärt Pawel Sawicki, über die knapp fünf Jahre seiner Existenz vom Sommer 1940 bis Januar 1945 nie ein einheitliches, gleichbleibendes Gebilde gewesen. Das Lager habe sich stetig verändert, sei permanent etwa den Anforderungen vonseiten des »Reichsführers SS« Heinrich Himmler angepasst worden, etwa als beschlossen wurde, KZ-Häftlinge für die IG-Farben-Fabrik zu stellen. Es habe sich quasi um die beständige Improvisation und Neuanpassung einer Todes- und Disziplinierungsmaschine gehandelt. Höß sprach in seinen Aufzeichnungen so auch von »einer nicht mehr abreißenden Kette von immer neuen Aufträgen, immer wieder neuen Planungen«.

Totenschein Nr. 19 683

Ich habe jetzt eine Verabredung in Block 24, direkt neben dem Haupttor. »Archiwum« steht auf einem roten Schild an der Eingangstür. Drinnen empfängt mich Wiktoria Piotrowska, eine junge Mitarbeiterin des Museums­archivs. Sie ist jene Frau, die mir auf Anfrage zum Schicksal meiner Großmutter geantwortet hat. Jeder kann sich auf der Suche nach Angehörigen an das Archiv in Auschwitz wenden und erhält eine Antwort. Sie bringt mich zu Wojciech Płosa, dem Archivdirektor; sein Büro liegt im ersten Stock des Gebäudes. Der 52-Jährige ist ein hagerer Mann mit Brille, umgeben von Aktenstößen auf den Tischen.

20 Mitarbeiter kümmern sich im Archiv um das, was übrig geblieben ist von den Akten und Dokumenten in Auschwitz. Denn: »Kurz vor der Befreiung des Lagers hat die SS an die 90 Prozent aller Unterlagen verbrannt«, erklärt Archivleiter Plosa. Heute umfasst der Bestand des Archivs deutsche Originaldokumente, Zeitzeugeninterviews, 39 000 Negative von Häftlingen, die bei deren Aufnahme im Lager gemacht wurden, 284 Dokumentationsbände der Zentralbauleitung der Waffen-SS mit Bauplänen und technischen Dokumentationen. Und zum Bestand des Archivs gehören auch 48 sogenannte Sterbebücher, mit 70 000 Sterbeurkunden der in Auschwitz Ermordeten.

Zwei der Bände stammen aus dem Jahr 1941, die restlichen von 1942 und 1943. Und hier stoße ich auch auf die Sterbeurkunde meiner Großmutter. Sie findet sich zwischen der Sterbeurkunde des Sattlers Johann Eggerer aus Fürth (gestorben 9. Mai 1943 im Alter von 48 Jahren, Todesursache »Bronchopneumonie«) und der von Zdenka Burianski aus Mähren (gestorben am 12. Mai 1943 im Alter von 21 Jahren, Todesursache »Grippe bei Körperschwäche«).

Die Todesurkunde meiner Großmutter ist, wie die anderen auch, datiert auf den 20. Mai 1943; gestorben ist sie am 8. Mai im Alter von 47 Jahren. Oben trägt der Schein die Nummer 19 683. So viele Menschen sind in diesem Jahr bis zu diesem 20. Mai 1943 im Lager gestorben, jedenfalls wenn sie registriert wurden, was bei Hunderttausenden nicht der Fall war. Als Todesursache steht »Durchfall« auf dem Papier, unterzeichnet vom »Doktor der Medizin Rhode«. Ausgestellt wurde der Totenschein von einem »Standesamt Auschwitz«. »Dieses Standesamt gehörte zur Politischen Abteilung der Lagerverwaltung«, erklärt der Archivdirektor. Man hatte dort eine Liste mit Todesursachen, aus denen man sich jeweils eine beliebige heraussuchte und in den Totenschein eintrug.

Am zweiten Tag des Journalistenseminars steht ein Rundgang im Lager Auschwitz-Birkenau auf dem Programm, nur wenige Kilometer vom Stammlager entfernt. Mit dem Bau dieses Lagers wurde im Herbst 1941 begonnen, es sollte gigantische Ausmaße haben und war zunächst für 50 000, dann bis zu 200 000 sowjetische Kriegsgefangene gedacht. Die Lebensbedingungen in Auschwitz-Birkenau waren noch entsetzlicher als im Stammlager. Auf sumpfigem Gelände wurden Baracken aus Ziegelsteinen errichtet, in die statt 180 Personen über 700 hineingepfercht wurden.

Die meisten Gefangenen mussten in Baracken aus Holz schlafen, die ursprünglich als Pferdeställe gedacht waren, ungeschützt gegen die Kälte im Winter. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, bei Regen verwandelte sich das Gelände in ein Schlammloch. Die Häftlinge wurden von Ungeziefer geplagt, es breiteten sich Epidemien wie Typhus und Fleckfieber aus. Nachdem die ersten eingelieferten sowjetischen Kriegsgefangenen rasch gestorben waren, änderte sich 1942 der Charakter von Auschwitz: Es wurde nun zum Vernichtungslager für die in Viehwaggons herantransportierten Juden.

Im Frauenlager

Wir stehen an der Bahnrampe hinter dem Haupttor von Auschwitz-Birkenau. Linker Hand sind auf dem riesigen Gelände die noch vorhandenen Steinbaracken zu sehen, rechter Hand einige Holzbaracken. Von den meisten ist freilich nur noch der steinerne Kamin stehen geblieben. Es ist früh am Morgen, über dem Museum liegt eine große Stille. Während beim gestrigen Besuch im Stammlager die Sonne schien und den furchtbaren Ort in ein viel zu freundliches Licht tauchte, rollen jetzt schwere Wolken über einen dunklen Himmel, ab und zu fallen ein paar Regentropfen. Ganz hinten im Lager, werden wir später sehen, befinden sich die Überreste der Gaskammern, die kurz vor dem Rückzug der SS gesprengt wurden. Das Lager war intern durch Stacheldraht in verschiedene Zonen abgeteilt: das Männerlager, das Frauenlager, das Zigeunerlager, das Effektenlager. Eine Stadt des Grauens. An der Bahnrampe, an denen die Ärzte die Selektion vornahmen zwischen den arbeitsfähigen Juden und jenen, die ins Gas getrieben wurden, steht einer der Waggons, aus denen die Opfer damals gestiegen sind.

Es gibt eine Reihe von Fotos, aufgenommen 1944 von der SS, die die Ankunft aus Ungarn deportierter Juden an der Selektionsrampe zeigen. Die Bildserie – eines der wenigen fotografischen Dokumente aus dem Lager, in dem Fotografieren ansonsten streng verboten war – sollte wohl der SS-Führung die Effektivität des Selektionsprozesses vorführen. Mit jedem Foto werden die Menschen an der Rampe weniger, schmilzt der aufgetürmte Berg mitgeführter Habseligkeiten. Am Schluss ist die Rampe leer, die SS hat ihre Arbeit getan, entspannt schlendern ein paar Uniformierte am Gleis entlang.

Walburga überlebte nicht einmal fünf Wochen in Auschwitz.

Am Ende des Rundgangs besichtigen wir noch einige Steinbaracken, darunter eine Küche und eine Latrine, bei denen gerade Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt werden. Sie liegen im Sektor B1, in dem das Frauenlager von Auschwitz untergebracht war. Hierher wurde Walburga Ende März 1943 verschleppt. Über ihr Schicksal war ein halbes Jahr zuvor gut 600 Kilometer weiter östlich in Schitomir, einer Stadt in der Ukra­ine, entschieden worden. Dort hatte der »Reichsführer SS« Heinrich Himmler sein Feldquartier aufgeschlagen. In einer fünfstündigen Besprechung einigten sich im September 1942 der SS-Führer und Reichsjustizminister Otto-Georg Thierack darauf, alle im Gewahrsam der deutschen Justiz befindlichen Juden, Zigeuner, Russen und Ukra­iner sowie alle Polen mit mehr als dreijährigen und alle Tschechen und Deutschen mit über achtjährigen Haftstrafen der SS zu übergeben. Gleiches galt für die rund 15 000 Deutschen, die sich Mitte 1942 in den Gefängnissen in Sicherungsverwahrung befanden. Dazu gehörte auch Walburga. »Auslieferung asozialer Elemente aus dem Strafvollzug an den Reichsführer SS zur Vernichtung durch Arbeit«, schreibt Thierak später in seinem Protokoll über diese Besprechung.

Bereits im Oktober 1942 wird mit einem Geheimerlass des Justizministeriums die Auslieferung »asozialer Elemente« aus dem Strafvollzug an die SS zur »Vernichtung durch Arbeit« angeordnet; am 1. November 1942 beginnt die Selektion in den Haftanstalten. Rechtlich bedeutete diese Auslieferung den totalen Rückzug der Justiz – die Betroffenen erwartete kein Gerichtsverfahren mehr, sondern nur noch die Willkür von SS, Gestapo und Polizei. Bis zum 30. April 1943 waren 14 700 Personen aus den Haftanstalten in die Konzentrationslager deportiert worden, davon waren bereits am 1. April über 5900 verstorben.

Die Haft im überfüllten Frauengefängnis in Aichach war sicher kein Zuckerschlecken. Zeitweilig waren in der für 500 Insassen gebauten Anstalt bis zu 2000 Frauen untergebracht, darunter politische Gefangene wie die bekannte Augsburger Kommunistin Anna Pröll. Manche Gefangene waren verzweifelt, wie eine gewisse Anna G., die am 19. Februar 1940 insgesamt 43 Nägel, 10 Näh- und zwei Stecknadeln verschluckte. Aber die Gefängnisse unterstanden nicht der SS, es ging nicht um das nackte Überleben. Anders als bei den mehr als 350 Frauen in »Sicherungsverwahrung«, die als »Haftunterbrechung« von Aichach nach Auschwitz in den Tod geschickt wurden.

Im Frühjahr 1943 beherbergte das Frauenlager 20 000 Frauen, die dort unter infernalischen Bedingungen in Baracken und auf faulen Strohsäcken dahinvegetierten. Die Wienerin Ella Lingens, die als Ärztin und »Arierin« durch ihre Tätigkeit im Krankentrakt überlebte, beschrieb die Zustände im Frauenlager so: »Das Gros der Frauen glich hässlichen, alten Skeletten, die sich wie durch ein Wunder auf den Beinen hielten.« Wer sich nicht irgendwie zusätzliche Nahrung verschaffen konnte, »starb in Auschwitz in der Regel zwischen dem vierten und dem zehnten Lagermonat«. Im März 1943, als die Frauen aus Aichach ins Lager kamen, wütete dort das Fleckfieber. »Die Mortalität lag bei etwa 80 Prozent«, so Lingens in ihren Erinnerungen, »Tote, Tote, wohin man blickte.« Walburga überlebte nicht einmal fünf Wochen in Auschwitz. Die meisten Frauen aus Aichach teilten ihr Schicksal.

Ich stehe bei den Fundamenten einer der Baracken aus dem Frauenlager, der Schornstein ist am Zerbröckeln. Inzwischen ist es fast Mittag, das Lager füllt sich mit Besuchergruppen, die auf den Kieswegen unterwegs sind. Der Himmel hat sich ein wenig aufgehellt. Ich denke an Walburga, die Großmutter, die ich nie kennengelernt habe. Die Gefängnisakten aus Aichach sind das wenige, was von ihr geblieben ist. Ich lege einen Blumenstrauß nieder.

Erstveröffentlicht im nd v. 24.1. 2025
https://nd.digital/editions/nd.DieWoche/2025-01-25/articles/16393742

Wir danken für das Publiktionsrecht.

Unerhörte Erinnerungsarbeit

Am 27. Januar 2025 jährt sich die Befreiung des KZ Auschwitz zum 80. Mal. Ein Essay über Widersprüche des Erinnerns in West- und Ostdeutschland

Von Klaus Weber

Bild: Screenshot zvab

Auschwitz: ein deutsches Vernichtungslager im Jahr 1943. In der Romantrilogie »Hartenstein« von Wolfram Adolphi wird berichtet, wie ein deutscher Chemiker durch seine Arbeit beim Bau des Chemiewerks Buna IV für die IG Farben in Auschwitz-Monowitz zum Täter wird. Bei diesem Täter handelt es sich um den »realen« Großvater Wolfram Adolphis, der dessen Verstricktheit zum Anlass nimmt, den Blick auf das deutsche Grauen zu richten und unbeirrt Fragen zu stellen, welche die deutsche »Erinnerungspolitik« mit ihren menschenverachtenden Floskeln von »Wiedergutmachung« und »Aufarbeitung« auch nicht ansatzweise in den Blick nimmt.

In den bundesdeutschen Kinos waren im Jahr 2024 zwei Filme zu sehen, die sich mit der Vernichtungspolitik der Nazis in Auschwitz beschäftigen: »Zone of Interest« besticht durch die Herstellung des Zusammenhangs von bürgerlichem Alltagsleben des SS-Manns und Lagerleiters Rudolf Höß (mit Familie) und der keinen Steinwurf entfernten Vergasung und Verbrennung der deportierten Juden. Kurze Zeit später wird, kaum beachtet, das Peter Weiss’sche Theaterstück »Die Ermittlung« als Film in die Kinos gebracht. Kontrastiert werden darin die täglichen Erfahrungen der zur Vernichtung, Auslöschung vorgesehenen Menschen (die überlebt haben) mit den mit absoluter Überzeugung vorgebrachten Erklärungen der Täter. Der für seine Folterungen mit der »Boger-Schaukel« bekannt gewordene Wilhelm Boger: »Ich muß Vernehmungen durchführen, muß zu meinem Ziel kommen«; Helmut Bartsch, SS-Richter: »Er habe ›gesprächsweise‹ von den Vergasungen erfahren und sie … für ›legal‹ gehalten«.

Wolfram Adolphis »Hartenstein«

Der vorliegende Text ist ein leicht veränderter Abdruck des Nachworts, das Klaus Weber für die aktuelle Neuausgabe der Roman­trilogie »Hartenstein oder Die unerhörte Arbeit des Erinnerns« von Wolfram Adolphi verfasste. Adolphi, 1951 in Leuna geboren, war poli­tischer Journalist, Politikwissenschaftler und Romanautor. Nach einer wissenschaft­lichen Laufbahn in der DDR war er 1990 erster Vorsitzen­der des Landesverbands der PDS in Berlin. Seine Mandate legte er 1991 aufgrund innerparteilichen …

Ist achtzig Jahre nach Befreiung der KZ und Vernichtungslager nicht schon alles geschrieben und gesagt zum »Thema Auschwitz«? Sind die aktuellen Filme und Romane zur Nazivergangenheit nicht lediglich Versuche, ein weiteres Mal zu Lasten der Vernichteten und zur Entlastung der Täter*innen gewinnbringende Kulturwaren auf den Film- und Büchermarkt zu bringen? Angesichts der Magda-Goebbels-Schmonzette von Nora Bossong, »Reichskanzlerplatz« aus dem Jahr 2024, die den Verdacht nahelegt, dass Google- und KI-gestützte Romane problem- und gedankenlos auf den Markt geworfen werden können, wird deutlich, dass die bundesrepublikanische Art und Weise der »Erinnerung« an den deutschen Faschismus weitgehend davon bestimmt ist, das Leben und Leiden der Täter*innen vorzuführen und sich an dem heißen Eisen »Faschismus« zu wärmen, anstatt es anzufassen.

Eine andere Art des Erinnerns

»Hartenstein« fällt vollständig aus dem Rahmen dieser deutschen, bildungsbürgerlich aufgepeppten Erinnerungsliteratur. Wolfram Adolphi geht es ums Ganze; er steckt mittendrin in der kleinen Geschichte seines Großvaters, die – wie er schreibt – mit der »ganz großen verquickt« ist. Er will verstehen, wie es zu den Anfängen des deutschen Faschismus kam und wie die Einzelnen sich durch ihr Denken, ihr Handeln und ihr Fühlen mit den Nazis zusammen oder in Einklang mit ihnen »arrangierten«. Adolphis Großvater, Hartenstein genannt, wird im Jahr 1943 von seinem Arbeitgeber, der IG Farben, nach Auschwitz-Monowitz geschickt, wo er als Chemiker tagtäglich Seite an Seite mit Häftlingen, die neben ihm wie Fliegen wegsterben, seine Arbeit verrichtet.

Der erste Teil des biografischen Romans handelt von Jugend und Erwachsenwerden Hartensteins, von seinem durch die baltische Herkunft gespeisten »Drang nach Osten«, wo er sich wohler fühlt als im Westen, den er durch einen längeren Arbeitsaufenthalt in den USA zur Genüge kennengelernt hat.

Wie ein einfaches deutsches Leben in einer Industriestadt (Leuna) durch den Wechsel in das von der IG Farben gebaute Vernichtungswerk Monowitz sich ändert, wie Frau und Kinder ebenso wie Hartenstein Teil der deutschen Vernichtungsgeschichte werden, ist einfühlsam beschrieben. Doch – Adolphi kennt seinen Brecht, der betont, Ausfühlung sei wichtiger als Einfühlung – alles vom Enkel Gedachte, Gesagte und Geschriebene wird von der politischen »Freundin« Jocelyn (mal sensibel, mal hochmütig linksradikal) infrage gestellt: Er rechtfertige das grausame Werk des Großvaters doch nur und wolle ihn entlasten. Dass Jocelyn lieber be- und verurteilt anstatt zu verstehen – steht sie doch auf der »richtigen« Seite –, führt auf der Leserseite zu einem Lernprozess, weil die Argumente so verteilt sind, dass ich die Widersprüche sehen kann, die – auch das mit Brecht – unsere Hoffnung sind.

Im dritten Teil geht es um den bewussten Eintritt Hartensteins in die SED und seine Aktivitäten beim Aufbau eines sozialistischen Deutschland. Hier steht im Mittelpunkt die Frage danach, ob die DDR eine sinnvolle Alternative zum Westen gewesen sein kann (Jocelyn sieht vor allem die Mängel des bürokratischen Sozialismus und muss sich fragen, wieso sie die Vernichtungspotenziale an Mensch und Natur des westlichen Kapitalismus gerne »übersieht«); vor allem aber die Frage danach, wie der Übergang von einer bürgerlichen Gesellschaft zu einem faschistischen System möglich war. Adolphi schafft es, schwierige Texte von Max Horkheimer (»Die Juden und Europa«, 1939) und Carl von Ossietzky (»Notate zum deutschen Faschismus«, 1932/33) durch den Widerstreit zwischen sich (im Roman heißt er Jakob) und Jocelyn verständlich zu machen, wie es kaum einem Sachbuch gelingt. Adolphis Hinweis, wie nötig »das Bewusstsein des gemeinsamen Gescheitertseins und das gemeinsame Wissen um die Stärke« des Gegners ist, um uns als Menschen der tagtäglichen Befreiungsarbeit widmen zu können, zeigt das aktivierende Potenzial, welches »Hartenstein« birgt.

Im zweiten Teil dann der radikale Wechsel von der Tätergeschichte zu jener der Opfer, die der Vernichtung preisgegeben waren. Am Holzschuh, den die Deportierten für sich finden müssen (Adolphi »leiht« sich die Erzählung aus einem Sachbericht des Überlebenden Primo Levi), wird die Perfidie des faschistischen Vernichtungswerks deutlich. Jeder der Häftlinge weiß, dass das Finden des passenden Schuhs die Entscheidung birgt: Leben oder Tod. Ein zu kleiner Schuh, der reibt und an dem der Fuß sich entzündet, als Folge das Zurückbleiben in der Marschkolonne und der Todesschuss durch den SS-Mann; der Holzschuh ist Symbol »dieses von vornherein auf Auslöschung der Lebenden zielenden Regimes«.

Aufarbeitung in Ost und West

Seit 35 Jahren ist es zur Gewohnheit der Westdeutschen geworden, die DDR als einen Staat voll von Überwachung, Spitzeln und Geheimdienstmenschen zu denken. Gefängnisse allüberall, keine Meinungsfreiheit, Angst und Unsicherheit im Privat- wie im Arbeitsleben. Allen voran beim DDR-Bashing diejenigen, die vor 1989 in privilegierter Stellung (in der Kirche, im Sport) leben konnten und damit auch ins Ausland reisen: Joachim Gauck und Ines Geipel. Wer ihre Bücher lesen mag, kann erkennen, wie etwa bei Gauck die faschistische Vergangenheit der eigenen Eltern geleugnet wird, um sich als Opferkind der russischen Besatzung zu imaginieren. Bei Geipel ist die Fähigkeit, Ambivalenzen und Widersprüche des DDR-Lebens zu erkennen und damit auch nur im Ansatz sozial-, gesundheits-, kultur- oder frauenpolitisch den Vorteil einer Gesellschaft zu erkennen, welche nicht auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln basiert, völlig verloren gegangen (wenn sie je vorhanden war). Einzigartig differenziert ist DDR-Geschichte in einem Werk zu finden, das sowohl – was die Erinnerungspolitik am Beispiel der DDR betrifft – die diktatorische als auch die »Arrangement«- und Fortschrittsseite des Landes (und der Menschen in der) DDR analytisch ausbreitet: die drei Bände umfassende »Kulturgeschichte der DDR« von Gerd Dietrich aus dem Jahre 2018.

Der von ihm konstatierte »Wahn« der Sieger, die sich anmaßen, die Geschichte so zu schreiben, dass sie »nicht nur einen Schlussstrich (unter das Kapitel DDR) ziehen, (sondern die DDR) selbst aus der Erinnerung wegwischen«, wie Dietrich Adorno paraphrasiert, macht auch vor der Lüge nicht halt, in der DDR seien die Judenvernichtung und Auschwitz genauso wenig zum Thema geworden wie im Westen. Wer im Kino und im TV die Filme sehen konnte, die über den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gezeigt wurden, weiß: Erst durch seine Initiative in Bezug auf die Ergreifung Eichmanns und auf die Frankfurter Auschwitz-Prozesse ist das Wort »Auschwitz« (wenn auch nicht die Sache) in der BRD kurzzeitig »aufgetaucht«. Doch Bauer, schwuler jüdischer Sozialdemokrat, äußerte den eindrucksvollen Satz, der zeigt, wie es um die bestellt war, die in der BRD versuchten, Täter zur Rechenschaft zu ziehen: »Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich Feindesland.«

Kein deutscher Nazi-Jurist wurde in der BRD für seine verbrecherischen Urteile zur Rechenschaft gezogen, mehr als fünfzig Prozent der Angestellten und Beamten im bundesdeutschen Regierungsapparat waren Mitglieder der NSDAP, der SA, der SS und anderer faschistischen Gruppen und Verbände. Bis heute werden in fast allen Gemeinden und Städten NSDAP- und SS-Angehörige durch Straßen- und Schulbenennungen geehrt. Das eindrücklichste Beispiel dafür ist der ehemalige Bundesminister und FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher. Im November 2016 beschließt das Herdergymnasium in Halle, sich umzubenennen. »Lehrer, Eltern und Schüler beschließen, den Aufklärer und Philosophen« im Namen zu streichen, wie das »nd« damals berichtet, und dafür einem ehemaligen NSDAP-Mitglied Genscher die Ehre zu geben. Genscher behauptete immer, er habe erst in den 1970er Jahren von einer Mitgliedskarte erfahren, die im von den USA verwalteten Berliner Document Center lagerte. Als Außenminister der BRD sorgte er dafür, dass diese Karte im Safe des Chefs des Document Centers verschwand, sodass niemand davon erfahren konnte. Der Ex-Nazi wurde jedoch nicht nur in Halle/Salle geehrt – auch in München ist eine Straße eines Neubauviertels vor kurzer Zeit nach ihm benannt worden. In der DDR dagegen nahm »Auschwitz bereits in den ersten Nachkriegsjahren einen zentralen Platz ein. … In den Texten linker Autoren wie Stephan Hermlin, Hans Mayer, Anna Seghers und Arnold Zweig war Auschwitz ein Metonym für den ungeheuerlichsten Massenmord der Weltgeschichte‘«, schreibt Dietrich.

Im Sommer 2019 fahre ich nach Potsdam, um Wolfram Adolphi zu treffen. Da sitzt er in seinem Schreibzimmer, berichtet von den enormen Unterschieden von DDR und BRD in Bezug zur »Aufarbeitung« der Geschichte vor 1945; vom Verstehenwollen der in den gesellschaftlichen Verhältnissen arbeitenden, lebenden und liebenden Menschen, das an keinem Punkt zur Rechtfertigung unmenschlicher Taten geraten darf; und von der Gleichheit des Ostens wie des Westens, wenn es um die »Schonung« der IG Farben geht. Der Westen will den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Menschenvernichtung ent-nennen; der Osten möchte keinesfalls das so wichtige Werk in Leuna mit einer unangenehmen Vor-Geschichte versehen wissen. Doch Adolphi weiß, dass das Leben der Menschen widersprüchlich ist, damals wie heute: »Die kleine Geschichte des Einzelnen in ihrer Verquickung mit dem ganz großen. An der man begreift, wie die eine in die andere geworfen ist«. Er will verstehen des Großvaters »Sprung von der Nazizeit in die DDR«; wie Hartenstein, »sehr zur Verwunderung der anderen ehemaligen I.G.-Männer, Mitglied der neuen Einheitspartei« werden konnte. In »Hartenstein« können die Leser*innen ost- und westdeutsche Geschichte kennenlernen: ohne ideologische Scheuklappen, ohne Vor- und Nachverurteilung und mit großer Liebe zu den Menschen geschrieben.

Wieder am Anfang

Die zentrale Frage, die uns heute umtreibt, ist die nach den Anfängen des Faschismus: »ob und wie man heutige Anfänge erkennen kann«. Konfrontiert mit dem »neuen Faschismus« der AfD und ihrer Schlägertruppen, die bereits Menschen jagen und Flüchtlinge in ihren Ghetto-Unterkünften versuchen zu verbrennen, wird (wie in der Weimarer Zeit) deutlich: Auf die bürgerlichen Kräfte ist kein Verlass. In der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« wird in Leitartikel vom 11. Oktober 2024 darüber nachgedacht, wie die neuen Faschisten mitregieren beziehungsweise wie man eine Brücke zu ihnen bauen könnte, um sie an der Macht zu beteiligen. In der »Neuen Züricher Zeitung« ist vom Chefredaktor zu lesen: »Die Republik ertrüge es, wenn in Thüringen eine Partei mit einem rechtsextremistischen Flügel den Ministerpräsidenten stellte.« Die Konjunktive können nicht verbergen, dass die Sehnsucht nach einem faschistischen Führer auch den bürgerlichen Block erfüllt. Die Demokratie hält es aus, wenn die Faschisten an der Macht sind, tönt es aus den Mainstream-Medien der bürgerlichen Gesellschaft und des Kapitals.

Aus der Geschichte lernen zu können, ist sicher eine Floskel, die darüber hinwegtäuschen soll, dass im Konkreten nichts gelernt werden kann und will. Der kluge Ausruf der Aktivistin Daniela Sepehri »An dem Tag, an dem ein Faschist eine Wahl gewinnt, erklärt der Bundespräsident die Begrenzung von Migration zur obersten Priorität. Nicht den Kampf gegen den Faschismus« zeigt, dass der bürgerliche Block kein Interesse daran hat, die neuen Nazis von der Macht fernzuhalten. Die Anderen, die Nicht-Deutschen, werden zu Sündenböcken gemacht, in Lager gesperrt und in Folter- und Kriegsstaaten abgeschoben, gefesselt und geknebelt – einige sterben bei diesen Aktionen, was den bürgerlichen Politiker*innen nicht einmal ein Schulterzucken wert ist. Deutschland ist auf dem Weg in einen neuen Faschismus: Weder die NSDAP noch die AfD hatte und hat eine Mehrheit. Dass es zur Vernichtungspolitik der Nazis kam, hat seinen Anfang in der Machtübergabe des bürgerlichen Blocks an Hitler und die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz am 23. März 1933. Der neue Anfang ist gemacht – er wird mit dem enden, was Björn Höcke angekündigt hat: Vernichtung von »Teilen des eigenen Volks«, und: »Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen.«

Klaus Weber ist Professor an der Hochschule München mit unter anderem den Fachgebieten Sozialpsychologie, Faschismus sowie Subjekt und Gesellschaft. Zudem ist er gewählter Bezirksrat in Oberbayern für die Partei Die Linke. Im Argument-Verlag veröffentlicht er die Buchreihe »Gestalten der Faschisierung«, deren vierter Band 2025 erscheint.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung