Pazifismus ist kein Verbrechen

An die ukrainische Regierung:
Lassen Sie die Anklage gegen Yurii Sheliazhenko fallen!

05.08.2023

Das Europäische Büro für Kriegsdienstverweigerung (EBCO), War Resisters’ International (WRI), der Internationale Versöhnungsbund (IFOR) und Connection e.V. (Deutschland) verurteilen aufs Schärfste die Tatsache, dass Yurii Sheliazhenko, Geschäftsführer der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung, von der ukrainischen Regierung formell des Verbrechens der „Rechtfertigung der russischen Aggression“ angeklagt wurde. Als einziger „Beweis“ wird dafür die Erklärung der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung angeführt, die auf
dem Treffen zum Internationalen Tag des Friedens am 21. September 2022 mit dem Titel „Friedensagenda für die Ukraine und die Welt“ beschlossen wurde. Darüber hinaus wird in der
Erklärung die russische Aggression ausdrücklich verurteilt (https://worldbeyondwar.org/peace-agenda-for-ukraine-and-the-world/).

Wir sind alle schockiert darüber, dass der ukrainische Sicherheitsdienst am 3. August 2023 in die Wohnung von Yurii Sheliazhenko eingebrochen ist und eine illegale Durchsuchung durchführte. Dabei wurde nichts Kriminelles gefunden. Trotzdem wurde sein Telefon, sein Computer sowie einige Dokumente der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung beschlagnahmt. Wir protestieren aufs Schärfste gegen die Schikanen gegen Yurii Sheliazhenko. Er wurde für den 7., 8. und 9. August 2023 zum Verhör vorgeladen.

Wir erinnern die ukrainische Regierung daran, dass Pazifismus kein Verbrechen ist. Wir fordern, dass die Anklage gegen Yurii Sheliazhenko unverzüglich fallen gelassen wird und dass die Menschenrechte in vollem Umfang geschützt werden, einschließlich des Rechts auf freie Meinungsäußerung und des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung, das dem Recht auf Gedanken-,Gewissens- und Religionsfreiheit innewohnt, das unter anderem in Artikel 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention sowie in Artikel 18 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR) garantiert wird und das auch in Zeiten des öffentlichen Notstands nicht außer Kraft gesetzt werden kann, wie in Artikel 4 Absatz 2 des ICCPR festgelegt.

Yurii Sheliazhenko ist ein bekannter Kriegsdienstverweigerer, Pazifist, Menschenrechtsverteidiger und Rechtsanwalt. Wir verurteilen aufs Schärfste alle Schikanen und Einschüchterungsversuche gegen ihn und die Ukrainische Pazifistische Bewegung sowie alle Fälle von Zwangsrekrutierung und Entführung von Wehrpflichtigen für die am Krieg in der Ukraine beteiligten Armeen und alle Verfolgungen von Kriegsdienstverweigerern, Deserteuren und gewaltlosen Kriegsgegner*innen.

Wir unterstützen die Forderung von EBCO nach einem Treffen mit dem Präsidenten der Ukraine in Kiew am Montag, den 7. August 2023, um unsere Bedenken und Empfehlungen zu besprechen, auch im Rahmen unserer gemeinsamen #ObjectWarCampaign: Russland, Belarus, Ukraine: Schutz und Asyl für Deserteure und Verweigerer.

Die Initiative „Kritik am Militär ist keine Verbrechen. #Kriegsverrat ist Friedenstat“ ruft auf.

Ab Mo. 7.8.23 zur tägl. Mahnwache ab 11 Uhr bis zur Freilassung von Yuri Sheliazhenko
vor der Ukrainischen Botschaften in Berlin: Albrechtstraße 26, 10117 Berlin-Mitte (direkt gegenüber der Heinrich-Böll-Stiftung)

Gedenken an die Opfer des Rechtsterrorismus

Bologna 2. August 1980 / Mücnhen 26. September 1980

Auf Einladung der A.N.P.I., der Organisation der antifaschistischen Partisanen Italiens, fand am Mittwoch, dem 2. August auf dem Wittenbergplatz eine Gedenkaktion statt, die den Opfern des Attentats in Bologna vom 2. August 1980 gewidmet war. Auch der Berliner Landesverband der VVN BdA, der deutschen Schwesterorganisation der A.N.P.I., hatte zu diesem Gedenken eingeladen. Zeitgleich fand auch in Bologna ein öffentliches Gedenken statt, das von den betroffenen Opferfamilien seit 1980 jährlich organisiert wird. Es begann um 10.25 Uhr, dem Zeitpunkt der Bombenexplosion. Auch der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella sprach am Tatort, dem Bahnhof der Stadt.

Der Anschlag von Bologna (italienisch Strage di Bologna) war ein Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof Bolognas am Morgen des 2.August 1980. Bei dem Anschlag starben 85 Menschen, mehr als 200 wurden verletzt. Nach sechs Jahren Ermittlung konnte Untersuchungsrichter Felice Casson nachweisen, dass es sich bei den Tätern um Neofaschisten handelte, die Kontakte zum italienischen Militärgeheimdienst pflegten. Beide waren auch über die sog. P2 (Propaganda Due), einer Geheimorganisation, in der sich Führungspersönlichkeiten aus Politik, Militär, Wirtschaft und Geheimdienst bis hin zur Mafia zusammenfanden, verbunden. Gemeinsam versuchten sie durch eine sog. „Strategie der Spannung“ (Organisation von Chaos und Angst) die gesellschaftliche Machtposition der starken Linken Italiens mit terroristischen Mitteln zu zerstören.

Nur einige Wochen später kam es auch in Deutschland zu einem terroristischen Anschlag, in den womöglich ähnliche Kräfte verwickelt waren. Es war der Anschlag auf das Oktoberfest am 26. September 1980 in München. Durch die Explosion einer handgefertigten Bombe wurden 13 Personen getötet und 221 verletzt, 68 davon schwer. Der Anschlag war der bis heute schwerste Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. In Wikipedia heißt es dazu: „Als Täter wurde Gundolf Köhler ermittelt, der selbst bei dem Anschlag starb. Er war Mitglied der neonazistischen Wiking-Jugend und der Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) gewesen. Nach dem Abschlussbericht der Ermittler vom November 1982 plante und verübte Köhler den Anschlag jedoch allein und aus persönlichen Motiven, eventuell als erweiterten Suizid. Diese Einzeltäterthese wurde seitdem kontinuierlich bestritten. Zeugenaussagen und nicht weiterverfolgte Spuren verwiesen auf mögliche rechtsextreme Mittäter. Vom 11. Dezember 2014 bis 7. Juli 2020 ermittelte die Bundesanwaltschaft erneut zu dem Fall und stellte abschließend fest: Die Tat war eindeutig ein rechtsextremer Terrorakt, mit dem Köhler die Bundestagswahl 1980 beeinflussen, dem Kandidaten der Unionsparteien Franz Josef Strauß ins Kanzleramt verhelfen und letztlich einen „Führerstaat“ nach dem Vorbild des NS-Staates erreichen wollte. Anstifter, Mitwisser und Mittäter Köhlers ließen sich weder beweisen noch ausschließen. Fehler der ersten Ermittlungskommission wurden nicht aufgeklärt.“

Die letzte wirklich ergiebige Buchveröffentlichung zu diesem Thema („Oktoberfest – Das Attentat. Wie die Verdrängung des Reschtsterrors begann“, Chr. Links Verlag 2014) stammt von Ulrich Chaussy, der sich am längsten und intensivsten mit den Hintergründen des Attentats befasst hat. Bis heute steht eine wirkliche überzeugende Aufklärung des Terroranschlags aus. Ähnlich wie später beim NSU existieren in der Gerichtsbarkeit nur isolierte Einzeltäter. Deren politische Einbindung und ihr Unterstützernetz bleiben weitgehend im Dunkeln.

Was Bologna betrifft, so ist in Deutschland weitgehend unbekannt, dass auch drei Deutsche Opfer des rechten Terrors wurden. Während diese hier zu Lande kaum ein Thema waren, wurden in Italien nach den beiden getöteten Kindern in Bologna eine Schule benannt.

Auch diesen Opfern zu gedenken war der Schwerpunkt der kleinen Aktion am Wittenbergplatz. Ihr Schicksal findet sich in der folgenden Recherche, die in Italienisch und Deutsch verlesen wurde.

MARGRET ROHRS MADER (39 Jahre)
ECKHARDT MADER (14)
KAI MADER (8 Jahre)

Horst Mader, ein Fabrikarbeiter, verlor seine Frau Margret und zwei Söhne: Kai und Eckhardt. Ein weiterer Sohn, Holger, erlitt Frakturen am ganzen Körper. Der Vater ist immer noch bei dem 16-jährigen Jungen, der der einzige ist, den er noch hat und den er selbst kurz nach der schrecklichen Explosion aus den Trümmern gezogen hat. Es war der erste Urlaub, den Horst seit seiner Heirat vor siebzehn Jahren gemacht hatte. Als Eisenbahner mit einer großen Familie hatte Horst sich nie viel gegönnt: nach so vielen Jahren und mit Kindern im richtigen Alter hatte er sich für den ersten Urlaub entschieden. Sie hatten sich für Lido di Pomposa an der Riviera von Ferrara entschieden. Hier hatten sie 15 Tage in einem Gästehaus verbracht. Nach den Ferien nahmen sie in Ferrara einen Zug und stiegen in Bologna in einen Anschlusszug um. Am Bahnhof angekommen, mussten sie zwei Stunden warten. Gerade genug Zeit, um sich die Stadt anzuschauen. Der Wartesaal der ersten Klasse war sehr voll, es herrschte ein gewisses Durcheinander: Die Mutter und die beiden Söhne saßen auf einem Sofa, der Vater und der andere Junge etwas weiter weg. Horst beschloss daraufhin, mit seinen Eltern einen Spaziergang in Richtung Zentrum zu machen. Aber zuerst wollte er einen großen Koffer in den nahe gelegenen Gepäckraum bringen. Kaum hatte er die Schwelle überschritten, gab es eine gewaltige Explosion. Er versuchte, zu seinen Eltern zurückzulaufen, aber vor ihm lag nur ein Trümmerhaufen, also ging er auf die gegenüberliegende Seite, durchquerte die Schalterhalle und schaffte es auf der Seite der Piazza Medaglie d’Oro irgendwie, die Reste des Warteraums zu erreichen. Er rief seine Leute, suchte und grub mit den Händen: aus einem Trümmerhaufen erblickte er Holger, der noch lebte. Er grub mit den Händen und zog ihn aus den Trümmern heraus. Kurze Zeit später fand er die anderen. Zuerst Kai, jetzt leblos, dann seine Frau und Eckhardt, vor dem er das Bewusstsein verlor. Als er bewusstlos aufgefunden wurde und als traumatisiert galt, wurde er ins Hotel Rizzoli gebracht, wo kurz darauf auch sein Sohn Holger eintraf, der zunächst nach S. Orsola gebracht worden war. Am frühen Nachmittag bat Horst darum, seine Eltern zu sehen: Er wollte in alle Krankenhäuser gehen. Die Kleidung, die er trug, war in Fetzen. Im Rizzoli gab man sich alle Mühe, ihm zu helfen. Die Geschäftsleitung gab ihm 300.000 Lire, damit er sich neue Kleidung kaufen konnte. Horst und ein Arzt, der gut Deutsch sprach, begannen mit der Krankenhausführung. Aber Margret, Eckhardt und Kai waren nicht mehr da.

Am Schluss des Gedenkens wurden noch gemeinsam an nahegelegenen Stolpersteinen von Opfern des deutschen Faschismus frische Blumen niedergelegt.

Ti Amo Tutti Antifascisti!

Ukraine: „Müssen wir den Krieg gewinnen?“

Eine Antwort auf Sotsialny Ruch

Im letzten „express“ (www.express-afp.info) war ein interessantes Interview zu lesen, das ein Genosse der polnischen IP mit Vatali Dudin, dem Begründer der ukrainischen Sozialbewegung Sotsialny Ruch geführt hatte. Gegenstand des Artikels war die Kriegssituation in der Ukraine. Insbesondere ging es um die soziale und politische Sitiuation der arbeitenden Bevöllkerung. Und schließlich darum, wie sich Sotsialny Ruch zum Krieg verhält. Der Artikel ist hier als pdf zu lesen:

Die Positionierung der Gruppe ist für mich sehr verstörend. Deshalb habe ich dem express den folgenden Kommentar geschickt, der auch in der Juni-Ausgabe der Zeitung abgedruckt wurde.

KOMMENTAR

In seiner Situatisationsbeschreibung der gesellschaftlichen Realität der Ukraine lässt Dudin keinerlei Zweifel am arbeiterfeindlichen Charakter des gegenwärtigen politischen Systems seines Landes. Keinen Moment lang käme man dabei auf die Idee, mit seinen Repräsentanten einen solidarischen Schulterschluss zu suchen. Da überrascht es doch, dass er kurz vor Ende des Interviews mit eben diesem Oligarchensystem gemeinsam Krieg führen und in einem militärischen Sieg gegen Russland eine linke Perspektive erkennen möchte.

Ich befürchte, dass genau das Gegenteil der Fall sein wird. Der Verzicht auf eine innergesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Kriegsgründen und seiner Vorgeschichte, deren Verantwortung nicht allein Russland zugewiesen werden kann, wird nur zur Stärkung der tonangebenden neoliberalen und völkischen Kräfte in der Ukraine führen, die diesen Krieg führen und eskalieren wollen. Zudem wird er eine Ermutigung für den konfrontativen Kurs sein, den die USA und mit ihr die NATO steuern, um den Übergang des von den USA dominierten imperialistischen Weltsystems zu einer mulitpolaren Ordnung zu verhindern.

Krieg ist an sich ein Verbrechen. Er ist dies angesichts der ökologischen Existenzkrise der Menschheit noch einmal ganz besonders. Er zerstört und löscht Leben aus, löst keine Probleme, sondern schafft täglich neue, immer unlösbarere, verhindert kooperative Lösungen, ohne die Höllenszenarien auf der Erde nicht zu verhindern sind.

Und: wie stellt sich denn Sotsialny Ruch den militärischen Sieg über eine Atommacht vor, deren staatliche Existenz einige nicht mal garantieren wollen? Liebe Genossen – das sind völlig entrückte Ideen. Einer linken Tradition können sie jedenfalls nicht folgen.

Die Ukraine ist, so Dudin, durch eigene Verantwortung heute Peripherie. Der erhoffte Sieg der Verkünder „der regelbasierten Ordnung“ wird nur die Namen und die Ideologie der „Oligarchen“ ersetzen. Den Peripherie-Status der Ukraine wird er weiter zementieren und der Arbeiterklasse droht dies insbesondere.

Ein Problem der „Ukraine-Solidarität“, der sich ja auch ein Teil der Linken verschrieben hat, ist, dass sie den Kriegskonflikt mit Russland rein auf einer völkerrechtlichen Ebene betrachtet. Die ist natürlich eindeutig. Russland ist des Völkerrechtsbruchs schuldig. Doch daraus lässt sich weder eine „Alleinschuld“ ableiten noch weist sie Perspektiven, die am Ende des Konflikts den Frieden sicherer macht. Denn im Völkerrecht sind nur die Beziehungen zwischen Staaten Gegenstand. Ihre Akteure sind die herrschenden Klassen der Länder, die in einem Gesellschaftssystem agieren, das den Krieg in sich birgt wie die Wolken den Regen (Jaures). Vorwärts geht es nur, wenn sich die Bevölkerungen von deren Logik lösen und sich in Bewegung setzen. Das zu befördern heißt, zu einer Klassenperspektive zu wechseln.

Betrachten wir unter diesem Blickwinkel die herrschenden Klassen Russlands und der Ukraine, so ist doch offensichtlich, dass sie Fleisch vom Fleisch sind – hervorgegangen aus einem staatskapitalistischen System, dessen Produktionsmittel de Jure der Allgemeinheit gehörten, doch realiter den Produzenten entfremdet blieben. Die obsiegenden Nachlassverwalter der KPdSU haben dann in beiden ehemaligen Republiken der Sowjetunion das nominell gesellschaftliche in ihr real privates Eigentum verwandelt. Ihnen gegenüber stehen die jetzt getrennten Abteilungen der vormals politisch unfreien,aber sozial relativ geschützten Arbeiterbevölkerung, die jetzt im neoliberalen Sinne freie Lohnarbeiter geworden sind und um existenzielle gewerkschaftliche Rechte kämpfen müssen. Man kann über den Grad der Entrechtung in den beiden Nachfolgestaaten streiten. Einen wirklich qualitativen Unterschied mag ich nicht erkennen.

Dies aus einer herrschaftskritischen Sicht nüchtern zu konstatieren, bedeutet auch nicht, der in westlichen Medien zur ideologischen Stützung eines pro-westlichen nationabuildings erfundenen Erzählung zu folgen, es habe bereits in Sowjetzeiten eine Art neokoloniale Beherrschung der Ukrainer durch Russland gegeben und diese bestünde jetzt noch verstärkt. In Bezug auf die UdSSR ist das erkennbarer Unsinn. Die Ukraine gehörte zu den industriellen Zentren der SU und im Führungspersonal der KPdSU waren wohl die in der Ukraine Geborenen stärker vertreten als es dem Bevölkerungsanteil der Sowjetrepublik entsprach. Auch in kulturellen Fragen gab es keine Abwertung des Ukrainischen. Und nach der Implosion der Sowjetunion haben die staatlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern nie den Charakter angenommen, der etwa mit den Gewaltverhältnissen zu vergleichen wäre, die z. B zwischen den USA und Vietnam oder Nicaragua bestanden haben und der Zementierung von Abhängigkeit und Unterentwicklung dienten.

Auch wenn dies im Augenblick verbauter denn je erscheint, gibt es auch im Ukrainekonflikt perspektivisch nur dann eine Hoffnung spendende Entwicklung, wenn die „postsowjetische“ Arbeiterklasse zur Einsicht kommt, dass sie mehr verbindet als der gemeinsame Pass mit den Repräsentanten ihrer oligarchischen Systeme.

Was die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungsperspektiven betrifft, sollte die Ukraine sich aus der Blockkonfrontation lösen. Es gibt weder eine Alternative zu einem militärisch neutralen Status. Noch ist es nach geografischer Lage, Geschichte und Kultur sinnvoll, das Land, das ja auch übersetzt „Brücke“ bedeutet, an einen wirtschaftlichen Block zu binden. Nikolai Asarow, der letzte Ministerpräsident der Ukraine, der nach dem Maidan-Aufstand nach Russland fliehen musste, hatte versucht, diesen Weg – Aufrechterhaltung der traditionellen wirtschaftlichen Verbindungen zu Russland und Ausbau der Handelskontakte mit der EU – zu gehen. Doch nicht Russland sondern die EU hat – angetrieben durch die USA – diesen Weg blockiert und die Konfrontation gesucht. Auch Selensky hatte noch Wahlkampf gemacht mit dem Versprechen, mit Moskau eine Verhandlungslösung zu suchen, und wurde deshalb wohl auch gewählt. Doch davon löste er sich offenbar, nachdem der Westen ihm signalisierte, dies nicht zu unterstützen – und er selbst von der militanten Nazi-Szene mit dem Tode bedroht wurde, sollte er die im Minsker-Prozess andiskutierte Vereinbarung unterschreiben.

Mit meiner Kritik an Vitali Dudin möchte ich nicht die Versuche innerhalb der Linken infragestellen, die Zusammenarbeit mit Organiationen wie Sotsialny Ruch zu suchen. Dies ist bitter nötig, denn die ukainische Linke ist ja nur noch ein Schatten ihrer selbst. Fast alle Organisationen sind mittlerweile verboten. Wir sollten weiter gesprächsbereit sein und Kontakte knüpfen. Doch heißt Solidarität nicht, zu folgenschweren Fehlentscheidungen zu schweigen, auch wenn wir nachvollziehen können, warum sie zustande gekommen sind.

Der Kurs von Sotsialny Ruch in Richtung „Vaterlandsverteidigung“ erinnert sehr an die deutsche Sozialdemokratie zu Beginn des 1. Weltkrieges, die allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so verbalradikal aufgetreten ist. Die durch die Kriegsunterstützung nicht kompromittierte Linke sammelte sich damals auf der Zimmerwalder Konferenz. Bekannterweise waren unter den klandestin in die Schweiz Angereisten nicht nur linke marxistisch orientierte Sozialdemokraten sondern auch Anarchisten, von denen sich nicht wenige dieser Traditon auch heute durchaus noch bewusst sind. Wer glaubt, dass das anarchistische Spektrum heute durch die Bank der ukrainischen Linken den Gang in die Schützengräben empfielt, in dem Schulter an Schulter mit Asow-Nazis gekämpft werden muss, sollte genauer hinschauen. Die russische „Konföderation der revolutionären Anarchosyndikalisten“, Mitglied der anarchistischen IAA, steht in der Tradition des revolutionären Defäetismus und spricht sich gegen jede Art der Unterstützung der kämpfenden Armeen aus. Aber auch in der Ukraine gibt es linke Organisationen, die einer militärischen „Lösung“ keinerlei Sinn abgewinnen können. Beispiele sind die demokratischen Sozialisten der „Union der Linken Kräfte“ oder auch die Gruppe „Revolutionäre Arbeiterfront“ (RFU). Es ist klar, dass die Kontaktaufnahme hier noch schwieriger ist. Doch verspricht sie eine Kooperation zu sein, die dem proletarischen Internationalismus verpflichtet ist.

Jochen Gester

Auskunft über die Position der „Union der Linken Kräfte“ und zur „Revolutionären Arbeiterfront“ finden sich hier:
https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/19671/
https://gewerkschaftliche-linke-berlin.de/notizen-von-einem-treffen-mit-der-revolutionaeren-arbeiterfront-rfu-ukraine/

Mehr über die „Konföderation der revolutionären Anarchosyndikalisten gibt Ewgeniy Kasakov in seinem Buch „Spezialoperation und Frieden – Die russische Linke gegen den Krieg“,
UNRAST Verlag, Dezember 2022

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