Nein zu Deutschland als Kriegspartei – Nein zu neuen Mittelstreckenraketen!

Als Presserklärung ist der folgende Aufruf veröffentlicht worden. Zu den Initiator:innen gehören Prof. Dr. Peter Brandt (Historiker), Reiner Braun (Intern. Friedensbüro), Anke Brunn (Landesministerin a.D.), Prof. Dr. Hertha Däubler-Gmelin (Bundesjustizministerin a.D.), Bärbel Dieckmann (Eh. Präsidentin Welthungerhilfe), Ulrike Eifler (Gewerkschaftssekretärin), Michael Müller (Parl. Staatssekretär a.D.), Helga Schwitzer (ehem. Gf. Vorstand IG Metall), Jörg Sommer (Vors. Deutsche Umwelthilfe) und Willi van Ooyen (Bundesausschuss Friedensratschlag). Über ihre Motive schreiben sie: „Anfang der 1980er-Jahre fanden in der Bundesrepublik Großdemonstrationen gegen die Stationierung von Pershing-Raketen statt. Sie waren ein Ausdruck für die Stärke der Friedensbewegung in der deutschen Zivilgesellschaft. In der damaligen DDR forderten ebenfalls viele Demonstranten, „Schwerter zu Pflugscharen“ zu machen. An diesen breiten Friedenswillen knüpfen wir an. Wir fordern ein Ende des Krieges. Wer uns und den Aufruf unterstützen will, kann das tun unter Friedenschaffen.net.“

AUFRUF

Nein zu Deutschland als Kriegspartei – Nein zu neuen Mittelstreckenraketen!

Was unser Land braucht, ist eine starke Friedensbewegung, die sich der zunehmenden Militarisierung in der Politik und den öffentlichen Debatten entschieden widersetzt. Das haben wir in den 1980er-Jahren gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen getan, und das tun wir auch heute. In der Ukraine ist die Eskalationsdynamik des Krieges ungebrochen und verschärft sich weiter. An dieser historischen Weichenstellung dürfen wir nicht schweigen.

Vor einem Jahr haben wir mit dem Aufruf „Frieden schaffen jetzt!“, dem sich auch viele Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen angeschlossen haben, den Bundeskanzler aufgefordert, schnell auf einen Waffenstillstand zu drängen und Friedensverhandlungen zu vermitteln. Doch das Töten, die schweren Verletzungen, die Zerstörungen, das Leid und Elend der Menschen gehen weiter. Die Gefahr eines großen Krieges in Europa droht wieder zu einer denkbaren Zukunft zu werden. Dass die unmittelbare Kriegsschuld Russlands außer Frage steht, ändert nichts daran, dass es zuerst um den Frieden gehen muss.

Krieg ist unmenschlich. Wir wissen aus den Katastrophen der beiden Weltkriege: Krieg kennt keine Grenzen in sich. Der Krieg in der Ukraine darf nicht weiter eskalieren und zu einem großen Krieg werden. Doch bei uns wird bei Waffenlieferungen in die Ukraine immer vor „roten Linien“ gewarnt, die nicht überschritten werden dürfen, um sie dann auf inneren oder äußeren Druck doch zu überschreiten. Wir verurteilen die unsägliche Kriegsrhetorik von Politikern der Regierungs- wie der Oppositionsparteien sowie großer Teile der Medien.

Das EU-Europa, das sich in eine wachsende Abhängigkeit gegenüber den USA begeben hat, muss wieder zu einer eigenständigen Friedensmacht werden, in der die Diplomatie im Zentrum steht.

Aus der extrem gefährlichen Cuba-Krise von 1962 hatten beide Supermächte gelernt, dass sie die elementaren Interessen und Bedrohungen des Kontrahenten wahrnehmen müssen. Das ist die Grundlage der Entspannungspolitik. Doch im Ukraine-Krieg geschieht das Gegenteil.

Vieles erinnert schmerzhaft an den Juli des Versagens 1914 vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Aber in Deutschland sollen wieder Waffensysteme stationiert werden, die mit sehr kurzen Vorwarnzeiten konventionelle Sprengköpfe und sogar Atomwaffen nach Russland tragen können.

Wir sagen Nein zu landgestützten Raketensystemen, die im INF-Vertrag verboten wurden. Wir sagen Nein zu einem neuen Kalten Krieg, aus dem ein heißer Krieg werden kann. Grenzenlose Aufrüstung ist nicht die „ultima ratio“, sie ist die „ultima irratio“. Die Konflikte und Spannungen der Welt werden größer, wenn der Krieg nicht beendet wird und Russland auf dem Rücken der Ukraine niedergerüstet werden soll. Und im Hintergrund spitzt sich die Rivalität der USA mit der neuen Supermacht China weiter zu.

Die NATO-Staaten werden in der Ukraine faktisch zu Kriegsparteien, wenn sie nicht Aufrüstung und Waffenlieferungen stoppen und zu einer friedlichen Alternative kommen. Die Strategie, den Gegner niederzurüsten, ist von den Militärs der NATO-Führung vorgegeben und verfolgt in erster Linie die Interessen der USA. In Wiesbaden entsteht mit 700 Militärs die Nato Security Assistance and Training for Ukraine (NSATU), 40 davon stellt die Bundeswehr.

Deutschland droht in den Krieg abzurutschen. Dagegen stehen wir. Auch wenn behauptet wird, dass die NSATU aus der NATO keine Konfliktpartei macht, hat sie nur eine Aufgabe: immer mehr Waffen in die Ukraine zu liefern. Diese Aufrüstung wird in Deutschland koordiniert. Unser Land wird zur Kriegspartei.

Frieden braucht eine „Europäisierung Europas“ und eine gesamteuropäische Sicherheitsarchitektur. Mehr Gemeinsamkeit in unserer Welt mit Staaten unterschiedlicher Ordnung kann nur heißen: Nord-Süd-Solidarität, Gemeinsame Sicherheit und Nachhaltigkeit. Wir sagen Nein zu Aufrüstung und Krieg! Wir brauchen eine Politik des Friedens und der Vernunft.

Wir rufen auf, sich an den Friedensaktionen am 6. August und am 1. September an vielen Orten und am 3. Oktober 2024 an der bundesweiten Demonstration in Berlin zu beteiligen und dafür zu werben.

Berlin, den 17. Juli 2024

Weitere Informationen erhältlich bei Reiner Braun (0172 2317475) und Michael Müller (0172 2462125) sowie unter Friedenschaffen.net.

Märtyrerleben

Peter Steiniger zu den Folgen des Anschlags auf Trump für den US-Wahlkampf

Von Peter Steiniger

Kleine Verletzung, große Wirkung: Der Anschlag auf den ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump während einer Kundgebung in Pennsylvania kann die kommende Wahl bereits entschieden haben. Mit seiner gereckten Faust, nur Sekunden nach den Schüssen des Attentäters, hat Trump das ikonische Bild eines politischen Kämpfers geschaffen, der sich durch nichts und niemanden unterkriegen lässt. Für seine Anhänger ist Trump nun erst recht ein Märtyrer. Darauf wird die Show auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner aufbauen und der Mitleidseffekt könnte ihm viele Stimmen bisher unentschiedener Wähler einbringen.

Wie üblich bei solchen Anlässen äußert nun alle Welt ihre Empörung über den feigen Akt und politisch motivierte Gewalt überhaupt. Die Rede ist von einem Anschlag »auf die Demokratie« und bestürzt zeigt sich auch die liberale Elite des Westens, die vor dem Supergau einer Wiederwahl Trumps zum »Anführer der freien Welt« eifrig warnte. Als hätte sich mit der Wahl von Biden vor vier Jahren etwas an der Herrschaft einer Oligarchie von Wallstreet und Großkonzernen in Washington geändert oder daran, dass die USA bei der Durchsetzung ihrer Führungsrolle im Zweifel keine Freunde kennen. Die Kultur der Gewalt in ihrem Inneren ist ein Spiegelbild des Interventionismus, der seit der Ausrufung des »Kriegs gegen den Terror« über ganze Weltregionen Leid gebracht hat.

Die Motive des 20-jährigen Täters, der nicht mehr reden kann, weil er von Sicherheitsbeamten erschossen wurde, liegen noch im Dunkeln. Der Schutz des US-Spitzenpolitikers war weniger perfekt, als es zu erwarten gewesen wäre. In den sozialen Medien blühen die Spekulationen. Hier ersetzen starke Meinungen Beweise, wird über Verschwörungen spekuliert. Der Angriff auf Trump erinnert an die dubiose Messerattacke auf seinen brasilianischen Zwilling Jair Bolsonaro während des Wahlkampfes im September 2018. Der hatte mit Unterstützung der mächtigen evangelikalen Sekten aus seiner Verletzung ein politisches Kapital geschlagen, das den ultrarechten Hinterbänkler in den Präsidentenpalast katapultierte.

Bei Trump 2024 ist die Ausgangslage aber eine ganz andere. Seine Chancen auf eine erneute Wahl waren bereits vor dem Attentat, das zwei Verletzte forderte und einen Unbeteiligten das Leben kostete, völlig intakt. Die rechte Mehrheit am Obersten Gericht hatte ihm gerade Carte Blanche für frühere und künftige Vergehen im Amt erteilt und damit aller Sorgen entledigt, vor der Wahl doch noch juristisch zur Strecke gebracht zu werden. Und schließlich arbeitete ihm auch noch der von Trump als »krummer Joe« verspottete Amtsinhaber Biden mit zunehmenden kognitiven Aussetzern zu, was berechtigte Zweifel weckte, ob der 81-Jährige seiner Aufgabe und einem weiteren Wahlkampf überhaupt noch gewachsen ist.

Trumps Ohr wird verheilen, der tiefe Riss in der US-amerikanischen Gesellschaft aber bleibt. Ihre Polarisierung hat der Republikaner mit betrieben, die Geister selbst gerufen, die sich auch gewalttätig entladen. Aus Fake News und verrohter Sprache in den unsozialen Medien wurde in der realen Welt die Erstürmung des Kapitols im Januar 2021. Der Umsturzversuch seiner radikalisierten Anhänger forderte mehrere Opfer. Als Fürsprecher der Waffenlobby ist Trump mitverantwortlich dafür, dass in den USA Jahr für Jahr Tausende durch Kugeln sterben. Wenn Biden nun aus Anlass der Schüsse auf Trump proklamiert, dass es in den USA »keinen Platz für diese Art von Gewalt« gebe, ist das fern der Realität. Sie ist ein Risiko mit Ansage.

Erstveröffentlicht im nd v. 15.7. 2024
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2024-07-15/articles/13712946

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung