Kanonen statt Butter? An was soll denn nun gespart werden?

Sozialstaat: Während der größten Aufrüstung der Nachkriegszeit steht er selbstverständlich wieder einmal zur Disposition. Was aber ist mit diesem Begriff gemeint?

Von Hans-Peter Waldrich

Bild: Screenshot You Tube Video

„Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“, steht in Artikel 20 des Deutschen Grundgesetzes, der die grundlegenden Verfassungsprinzipien aufzählt. Das „Soziale“ gehört zum unveränderlichen Teil der Verfassung, ist also besonders wichtig.

Doch es gibt zwei völlig unterschiedliche Weisen, das Sozialstaatsprinzip zu verstehen. Weitgehend durchgesetzt hat sich jenes Verständnis, das den Interessen der Geldeliten entspricht bzw. den Milieus, die diesen Kreisen direkt zuarbeiten. Kanzler Merz gehört zu dieser Gruppe.

Almosenstaat oder soziale Demokratie?

„Sozial“ hat nach dieser Variante etwas mit dem Verteilen von Almosen zu tun. „Oben“ befinden sich jene, die anhand von Einkommens- und Vermögensdaten zeigen könne, wie fähig sie sind. Besteuerung „ihrer“ Leistungsergebnisse empfinden sie, wie der Soziologe Michael Hartmann nachweisen konnte, als zutiefst ungerecht. Dennoch sind sie bereit, kleinere Summen davon abzugeben. Nicht zuletzt, um soziale Unruhen zu vermeiden.

Almosen verteilen sie gern über private Stiftungen, ein speziell in den USA beliebtes Modell. Hier können sie selbst bestimmen, was mit den unbesteuerten Profiten geschehen soll. Von dieser Vorstellung ausgehend ist es nicht mehr weit zum Gedanken, den Steuer- und Verteilungsstaat überhaupt abzuschaffen. „Verteilen“ können die Hyperreichen auch selbst. Ich nehme an, Elon Musk denkt so ähnlich. Es gehört zur libertären Programmatik.

Völlig anders klingt jenes Verständnis des Sozialstaats, das in Deutschland einstmals maßgeblich von der SPD vertreten wurde. Dementsprechend war nach 1945 der erste Vorsitzende der West-Sozialdemokratie Kurt Schumacher der Auffassung, dass der Sozialstaat im Rahmen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung unmöglich sei. In alter linker Tradition identifizierte er Sozialstaatlichkeit mit Demokratie. Der Monopolkapitalismus habe Hitler zur Macht gebracht, daher sei die konsequente Abschaffung der Klassenherrschaft gleichbedeutend mit dem Ausbau von Sozialstaatlichkeit als Demokratie.

Wer am Sozialstaat spart, spart an der Demokratie.

Diese Deutung entspricht den Interessen der vielen, die nicht über riesige Vermögen verfügen und sich damit einen privilegierten Zugang zu politischen Entscheidungen erkaufen können. „Sozial“ bedeutet hier nicht so etwas wie „mildtätig“, sondern schlicht „gesellschaftlich“. Der Begriff nimmt also Bezug auf eine Gesamtheit, auf die Gesamtheit der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger. Gemeint ist das demokratische Volk, von dem – ebenfalls nach Artikel 2O des Grundgesetzes – alle Staatsgewalt auszugehen hat. Soziales, also die Gesellschaft bezogenes Denken resultiert nicht aus der Besorgnis der hoch Privilegierten um den Verlust ihrer Privilegien, sondern ist eine Orientierung am Demokratiegedanken. Wer am Sozialstaat spart, spart an der Demokratie.

Genau an diesem Punkt befindet sich die traditionelle Scheidung linker und konservativer bzw. rechtet Positionen. Wer über das Soziale redet, spricht zugleich über die Demokratie. „Linke“, etwa im Sinne der alten Arbeiterbewegung oder der SPD, als sie noch im eigentlichen Sinn links war, bemängeln den undemokratischen Charakter des Kapitalismus. Wird der Kapitalismus demokratisiert, ist damit zugleich auch der Sozialstaat realisiert.

Das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl

Es geht also um das Staatsverständnis. Zweck des staatlichen Handelns, so die berühmte Formulierung des englischen Philosophen Jeremy Bentham, sei es, „das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl“ zu befördern. Das aber ist aber kaum das primäre Ziel der von den Riesenvermögen hin und her gestoßenen Regierungen. Wir sehen das etwa an der Unmöglichkeit, in Deutschland die einst ausgesetzte Vermögensteuer wiedereinzuführen. Aus der Sicht der Riesenvermögen ist die Bundesrepublik kein Staat, der sich am größtmöglichen Glück aller zu orientieren hat, sondern vor allem an der Vermögenspflege.

Dabei ist die Formulierung Benthams zugleich eine „linke“ Formulierung des Sozialstaatsprinzips. Ein solches Staatswesen orientiert sich an der großen Zahl, an der Bevölkerung insgesamt. Sofern in einer tatsächlichen sozialen Demokratie alle maßgeblich mitbestimmen, was geschehen soll, werden sie dafür sorgen, dass alle auch in sozialer Sicherheit leben. Jedenfalls werden sie kaum akzeptieren, dass sich die Früchte der Anstrengungen aller hochgradig in den Händen einer kleinen Minderheit ansammeln.

Demokratie oder Almosenstaat?

Der krasse Gegensatz dieser beiden Interpretationen von Sozialstaatlichkeit ist den meisten wohl kaum mehr präsent. Nach dem Zweiten Weltkrieg war eine soziale Demokratie im Sinne der allgemeinen Teilhabe Kernprogramm der SPD und fand sich auch bei Teilen der CDU/CSU. Die Tradition des christlichen Sozialismus verstand Solidarität als ein Gebot der christlichen Nächstenliebe. Alle haben ein Recht auf Teilhabe in der Mitbestimmung sowie im Hinblick auf die Ergebnisse der Ökonomie.1

Die gegenwärtige Debatte kennt nur noch den ausgedünnten Sozialstaatsbegriff. Das „Soziale“ bezieht sich nach dieser Lesart auf moderne Formen der Armenspeisung. Hier kommt freiwillige Wohltätigkeit zum Einsatz. Gespendet wird, was noch übrig ist. Und hier kann natürlich gespart werden, denn die entsprechenden Mittel gehören substanziell nicht zum eigentlichen Budget.

Die Frage, in welchem Umfang Almosen verteilt werden sollen – „Wohltaten“ in der Sprache des Neoliberalismus –  hat mit der Demokratiefrage nichts zu tun.

Doch manchmal (bei Herrn Klingbeil zurzeit?) blitzt eine Erinnerung daran auf, was einmal zum eigenen Parteiprogramm gehörte. Aber die Interessen der dominierenden Kapitaleliten, bestens vertreten durch den Bundeskanzler, werden sich als gewichtiger erweisen. Schließlich könnte es einmal nötig sein, das Privilegiensystem mit Panzern und Raketen zu verteidigen, wenn nichts mehr übrig ist für die Armenspeisung.

1Hans-Peter Waldrich: Demokratie als Sozialismus. Westdeutschland und die Ideen der ersten Stunde, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Mai 2019.

Hans-Peter Waldrich

Hans-Peter Waldrich hat sein Geld vor allem im Bildungswesen und -unwesen verdient, an Schulen und Hochschulen und unter anderem beim Bundesamt für den Zivildienst. Während der 1980 Jahre engagierte er sich maßgeblich in der Friedensbewegung. Seit seiner Jugend schrieb er für eine Vielzahl von Zeitungen und Zeitschriften, etwa den Freitag, und veröffentlichte mehrere Bücher, vor allem zu politischen, pädagogischen und philosophischen Fragen. Er hält sich zugute, dass er sich niemals genötigt sah zu publizieren, um davon leben zu müssen und dass er stets nur auf eines Rücksicht zu nehmen hatte: seine eigenen Überzeugungen.
Mehr Beiträge von Hans-Peter Waldrich →

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 4.9. 2025
https://overton-magazin.de/kommentar/gesellschaft-kommentar/kanonen-statt-butter-an-was-soll-denn-nun-gespart-werden/

Wir danken für das Publikationsrecht.

FRIEDENSFÄHIG WERDEN ! – WIE ?

Auf dem von der Friko organisierten Friedensmarkt am 31. Augsut manifestierte sich einmal mehr das getrennte Marschieren der verschiedenen Strömungen der Friedensbewegung. Am Neptunbrunnen war die Stagnation der mobilisierten Kräfte nicht zu übersehen. Auch die Örtlichkeiten waren nicht wirklich geeignet, um Neugier und Gespräch mit nicht Beteiligten zu ebnen. Über Alternativen sollte nachgedacht werden. Parallel zum hier vertretenen Spektrum sammeln sich andere antimilitaristische Gruppen rund um das Berliner Bündnis gegen Kriegsproduktion. Ferner gibt es den Provisorischen Anarchistischen Antikriegsrat. Nur ein Teil der jeweiligen Gruppen begreift diese Situation als ein zu überwindendes Problem. Die bundesweite Demonstration der Friedensbewegung am 3. Oktober und die Demo des Bündnisses gegen Kriegsproduktion am 12. Oktober wären eine gute Gelegenheit unsinnige Abgrenzungen zu überwinden und sich als Teil eines Ganzen zu begreifen. Das folgende Statement wurde per Mail an die „Mahnwache für das Verbot der Atomwaffen weltweit“ geschickt, die sich zusammen mit dem Arbeitskreis Internationalismus und der Antifa-Werkstatt der Berliner VVN einen Stand geteilt hatten. Mit der Zustimmung der Autorin veröffentlichen wir diesen Diskussionsbeitrag und hoffen auf weitere Anregungen zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses. (Jochen Gester)

Bild: Mahnwache


von Ruth  Luschnat ( Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost)

Liebe Friedensfreunde/innen,

Auf dem Friedensmarkt der Friko am Sonntag in Berlin fand ich auf keiner der Unterschriftenlisten eine Forderung nach nuklearen Abrüstungsverträgen, was früher ja stets zu den Forderungen der Friedensbewegung zählte, als die Friedensbewegung noch stark, progressiv, viel feministisch und international bis global war. Ich konnte nicht zeichnen, da nix gefordert wurde.

Es fehlten auch Stände der IDK oder der IPPNW oder von WILPF. Das kann an der Präsenz der BSW gelegen haben, die mich auch störte, oder an den Widersprüchen bezüglich diverser Positionen zu Ukraine oder Gaza…(?)

Immerhin konnte ich am Stand der AG Frieden der VVN die ICAN-Kampagne auf Flugblättern finden und habe dort mit den Frauen diskutiert, dass es dringend wäre, wieder an die erfolgreichen Frauen-Friedens-Solidaritäten der 80er und 90er zu erinnern und anzuknüpfen, den Autokraten die Aufmerksamkeit zu entziehen, bzw. sie ihnen nur für das Aushandeln neuer nuklearer Verträge, mindestens aber für die Verlängerung vom NEW START zu gewähren.

Ich finde es wichtig, dass wir aus der Zersplitterung heraus kommen,und das drohende Ende von NEW START zum Anlass nehmen neu zu denken.

etwa:

  • NEW START verlängern – dann NEW INF fordern gleich als Anschluss. Und: Warum nicht mal eine UN Generalversammlung anstreben, um die Rechte der Frauen mit der UN Resolution 1325 Frieden, Abrüstung und Sicherheit durch Verträge  (UN-Verträge einhalten … und Beendigung der genozidalen Handlungen in Gaza ….?) einzufordern, also andere Stimmen als die der Kriegsherren zu Gehör zu bringen.
  • Statt gebannt auf die Autokraten aller Seiten zu starren, oder dem Zwang nachzugeben, sich irgend einer patriarchal-imperiale Kriege führenden Macht anzuschließen, müssen wieder Abrüstungsverträge in den Vordergrund gerückt werden und der Tatsache gedenken, dass es feministische Netzwerke waren, die hierzu viel geleistet haben, zuletzt zu den Erfolgen der ICAN-Kampagne aber auch früher als es bei allen Friedensbewegungsdemos immer um Abrüstungsverträge ging:

Selbst wenn wir über ICAN das Verbot von Nuklearen Waffen als Fernziel für alle Staaten solidarisch aufrecht erhalten, so erinnern wir daran, dass es Sicherheitsarchitekturen gab mit dem ABM-Vertrag, dem Budapest Versprechen, Start und NEW Start (ergänzt hier alle Verträge), von denen nur mehr  NEWSTART übrig ist und wir sollten uns alle einig sein:

                                                                 KEIN FRIEDENS NOBELPREIS OHNE NUKLEARE ABRÜSTUNGSVERTRÄGE !

Es lohnt an die globalen breiten und auch die feministischen Friedensbewegungen zu erinnern, die in den 80ern z.B.mit Greenham Common und bei uns gegen die Pershing-Stationierung große Wirkmacht entfalteten und zuletzt mit Feminist Peace Network gegen den Irak Krieg international agierten.Alle waren willkommen.

Gerade heute versuchen rechte autoritär-patriarchale Mächte durch nukleare Drohungen, Entwertung grundlegender Menschenrechte – z.B. der Entrechtung selbstbestimmter Frauen und Zivillgesellschaften – eine autoritären Internationale zu schaffen, was die Gefahr der Wiederholung und Verselbstständigung genozidaler Dynamiken, wie schon begonnen in Gaza, aufzeigt. Diese Dynamiken müssen dringend aufgehalten werden!

So haben feministische Kriegskritiken in früheren Wellen stets die Situation der betroffenen Frauen in Kriegsgebieten wie nun auch wieder im Sudan thematisiert, in denen meist die Männer existenziellen Zwängen folgend in die Kriegshandlungen als Söldner eintreten und die Frauen dann oft mit Gewalt überziehen.

Heute sehen wir es auch oben Automatismen:Gerade im Konflikt zwischen Netanyahu und Irans Mullahs können wir sehen, wie sehr sich die Machthabenden ähneln und wie sie Krieg gebrauchen, um ihre Macht zu erhalten, indem sie durch Krieg gegeneinander sich gegenseitig autoritär-patriarchal verstärken. Die progressiven Kräfte wehren sich: sowohl in Israel als auch im Iran und dies 2012 noch gemeinsam online publik machen konnten, dass das  jeweilige Regime nich ti n ihrem Namen Krieg führt. Was Heute leider durch Zensur unterbunden ist. Durch dies können die Lügen der Herrschenden stärker werden. Autoritäre Gewalt verstärkt gleichlaufende Kontexte: Die Rechte Reaktionäre Internationale ist eine antifeministische, wie ?                                                

Imperiale Dynamiken und Konkurrenzen sind Aspekte des Patriarchats im Kapitalismus und führen dazu, dass die herrschenden Klassen autoritäre  Kriegsherrscher werden, die sich durch endloses Kriege führen an  der Macht halten. Krieg ist die effektivste Art das Patriarchat in Gesellschaften zu pressen, um autoritär durch Nationalismen zu herrschen: Kolonialismus ist Teil dieser Geschichte in allen imperialen Projekten. ( UK,USA, RU. China, Türkei, Festung s EU etc. pp) Dass dazu auch die US imperialistische Geschichte gehört ist ebenso wichtig für die historische Analyse. Hier haben wir die christlich Version der reaktionären Herrschaftsidee an der Macht, ohne deren christliche Zionisten Netanyahu nicht den genozidalen und expandierenden Krieg führen könnte, den die Zivilgesellschaften der Welt beendet sehen wollen.  Wie das jetzt angehen ? Oben nannte Ich die UN Res 1325, wie die nutzen ? Das geht uns alle an:   

Seit Netanyahus Israel den Krieg eskaliert und mit Unterstützung der USA und  zu vieler EU Länder inkl. Deutschlands in Gaza einen Völkermord begeht (laut Expertise der vereinigten Genozidforscher auf der Welt)  steht das nach dem 2.Weltkrieg aufgebaute UN System für  Menschenrechte, Völkerrecht und Sicherheit auf dem Spiel, sodass wir handeln müssen, es zu stützen:

Die Idee der UN Res 1325 könnte eher zusammen mit einer UNITING for Peace UN Generalabstimmung einfordern, was Crqaig Mokhiber hier als Lösung im Sinne kollektiver Lösungen beschreibt:Craig Mokhiber für eine solche UNITING for Peace UN Abstimmung, hier der Artikel :: https://senderfreiespalaestina.de/pdfs/Wie-die-UNO-heute-handeln-und-den-Voelkermord-stoppen-koennte.pdf / Siehe dazu auch: https://taz.de/Israel-Resolution-von-Genozidforschern/!6107891/

Wir sollten diese Möglichkeit nutzen die globalen Demokratie Energien wieder zusammen zu bringen und stark zu machen für eine neue gloabel Friedens- und Abrüstungsbewegung!

Immanuel Kant und der Kampf für den Frieden

Von Matthias Schindler

Vortrag auf dem Forum Sozialismus am 30.08.2025 in Coimbra (Portugal)

Scholz beruft sich auf Kant

Anlässlich des 300. Geburtstags von Immanuel Kant berief sich der damalige deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz im Jahr 2024 auf den großen Philosophen und Pazifisten Immanuel Kant, um die Aufrüstungs- und Kriegspolitik Deutschlands zu rechtfertigen.

Nichts wäre weniger angemessen als dies!

Jeden Tag wird deutlicher, dass der Krieg in der Ukraine Tausende von Toten und unermessliche Zerstörungen verursacht, aber weder in der Lage ist, das ukrainische Territorium zu verteidigen noch Frieden zu bringen kann. Da es immer weniger Argumente für die Fortsetzung dieses Krieges gibt, wollte Scholz eine philosophische Rechtfertigung für weitere massive Waffenlieferungen an die Ukraine vorbringen.

Hier beziehe ich mich ausdrücklich auf den Fall von Scholz und Deutschland, weil er es gewagt hat, Kant in die Debatte einzubringen. Aber seine Argumentation ist in allen europäischen Ländern zu hören, und daher gelten meine Kommentare auch weit über Deutschland hinaus.

Im ersten Teil dieses Beitrags fasse ich die wichtigsten Aspekte der Friedensbotschaft Immanuel Kants zusammen, die er in seinem 1795 verfassten Essay Zum ewigenFrieden zum Ausdruck brachte, der jedoch auch heute noch eine beeindruckende Aktualität besitzt.

Der zweite Teil widmet sich hauptsächlich dem Krieg in der Ukraine und der politischen Debatte über diesen Konflikt.

Im dritten Teil fasse ich die wichtigsten Schlussfolgerungen zusammen und gebe einen Überblick über die essenziellen Positionen, die die Linke in ihrem Kampf gegen den Krieg und für den Frieden vertreten muss.

Zum ewigen Frieden – Einleitung

In seinem Aufsatz Zum ewigen Frieden zeigt Immanuel Kant einen Weg auf, wie Kriege überwunden und eine friedliche Welt aufgebaut werden können. Der Autor bekräftigt nicht nur kategorisch, es soll zwischen uns keinen Krieg geben, sondern er nennt auch eine Reihe konkreter Schritte, die unternommen werden müssen, um tatsächlich in eine Friedensdynamik hineinzukommen.

Dieser Text besteht aus zwei wesentlichen Kapiteln: Der erste Teil enthält die Präliminarartikel, die konkrete Schritte zur Verringerung der Spannungen zwischen den Staaten und zur Schaffung gegenseitigen Vertrauens aufzeigen, um einen Friedensprozess zuerleichtern. Im zweiten Teil erläutert Kant in den Definitivartikeln, welche grundlegenden politisch-gesellschaftlichen Beziehungen innerhalb der Länder und zwischen den verschiedenen Ländern notwendig sind, um einen dauerhaften Frieden zu erreichen.

Dieser Ansatz war zu seiner Zeit neu: Er legte den Schwerpunkt nicht mehr auf die Kriterien, die einen gerechtenKrieg ausmachen, da alle Seiten immer einen Grund gefunden haben, ihre Kriege zu rechtfertigen, und diese Debatte daher nie zu einer Friedenssituation geführt hat. Um aus dieser Sackgasse herauszukommen, entwarf Kant einen Weg der kleinen Schritte, den er in seinen sechs Präliminarartikelnvorschlug. Ihr Ziel ist es, die Logik des Krieges nach und nach zu durchbrechen und sich dadurch immer mehr einer Dynamik des Friedens anzunähern.

Kants Präliminarartikel

Im Folgenden werde ich auf die Präliminarartikeleingehen und sie ins Verhältnis zur aktuellen politischen Situation setzen. In diesem Zusammenhang werde ich insbesondere die Politik der NATO untersuchen, denn es ist genau dieses Bündnis, das die Militär- und Außenpolitik seiner Mitgliedsländer bestimmt.

Auf den ersten Artikel werde ich weiter unten eingehen. Der zweite Präliminarartikel lautet: Es sollkeinfürsichbestehenderStaat(verstandenalseinemoralischePerson)voneinemanderen Staate erworben werden können.

Aber die NATO-Länder unterstützen die Türkei bei ihrer Unterdrückung des kurdischen Volkes sowie bei ihrer Besetzung eines Teils Zyperns. Sie akzeptieren die Einverleibung der saharauischen Territorien in den marokkanischen Staat. Und sie haben Israel jahrzehntelang bei der Besetzung Palästinas unterstützt!

Dritter Artikel: StehendenHeeresollenmitderZeitganz aufhören.

Aber im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich die NATO erweitert und seit 1990 16 neue Länder in ihr Militärbündnis aufgenommen. In den letzten Jahren wurden die Militärausgaben aller westlichen Länder erhöht, mit dem ursprünglichen Ziel, 2 % – inzwischen auf 5 % erhöht – ihres BIP dafür auszugeben!

Vierter Artikel: EssollenkeineStaatsschuldenin BeziehungaufäußereStaatshändelgemacht werden.

Scholz kündigte jedoch für 2022 an, neue Schulden in Höhe von 100 Milliarden Euro für die Bewaffnung der deutschen Bundeswehr aufzunehmen. Und im März 2025 beschloss die Europäische Kommission, dass die Staaten der Europäischen Union Schulden in Höhe von 800 Milliarden Euro für die europäische Bewaffnung aufnehmen sollen!

Fünfter Artikel: Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines anderes Staates gewalttätig einmischen.

Aber die Vereinigten Staaten haben – oft mit Unterstützung der NATO-Mitgliedstaaten – militärisch in Guatemala, der Dominikanischen Republik, Vietnam, Afghanistan, Serbien, Grenada, Nicaragua, Panama, Irak, Libyen, Iran und anderen Ländern interveniert!

Sechster Artikel: Kein Staat, der sich im Krieg mit einem anderen Staat befindet, darf solche Feindseligkeiten zulassen, die das gegenseitige Vertrauen in einen zukünftigen Frieden unmöglich machen.

Aber die Geheimdienste der USA oder Israels führen bis heute weltweit Geheimdienstoperationen – und insbesondere auch Morde an Personen, die als Feinde gelten – ohne Einschränkungen durch!

Darüber hinaus wurden wir Zeugen eine Täuschungsmanövers, das kaum jemand für möglich gehalten hätte. Dieses Ereignis hat mit dem ersten Präliminarartikel zu tun, den ich zu Beginn nicht erwähnt habe und der besagt: Es darf keinen Friedensvertrag geben, der mit dem geheimen Vorbehalt eines zukünftigen Krieges geschlossen wurde.

Daher muss ein Friedensvertrag immer einen endgültigen und dauerhaften Frieden als sein Endziel haben. Im Jahr 2015 wurde das Minsk-II-Abkommen unterzeichnet, um den Krieg in der Ostukraine zu beenden. Aber im Jahr 2022 erklärte die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel – eine der Vermittlerinnen dieses Abkommens – dass dieses Abkommen nur zu dem Zweck geschlossen wurde, Zeit zu gewinnen, um die ukrainischen Streitkräfte für eine zukünftige Fortsetzung des Krieges zu stärken.

Angela Merkel – die Ikone der sogenannten westlichen Werte – widersprach damit wörtlich einem der wichtigsten Postulate der pazifistischen Leitlinien Immanuel Kants!

Kants Definitivartikel

Die Definitivartikel der Friedensschrift fassen die rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen zusammen, die erfüllt sein müssen, um tatsächlich einen dauerhaften Friedenszustand zu erreichen. Dabei gibt es drei wesentliche Ebenen von Beziehungen, nämlich die innerstaatlichen Beziehungen (Staatsbürgerrecht), die Beziehungen zwischen Staaten (Völkerrecht) und die Beziehungen zwischen Individuen und Staaten (Weltbürgerrecht).

Kant postuliert zunächst, dass alle Staaten eine republikanische Verfassung haben sollen. Weiterhin fordert er, das Völkerrecht soll auf einer Föderation freier Staaten beruhen. Und schließlich tritt er dafür ein, dass das Weltbürgerrecht auf die Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein soll.

Nur wenn auf allen drei Ebenen die rechtlichen Bedingungen erfüllt sind, die es ermöglichen, alle Streitigkeiten durch Verhandlungen beizulegen, gibt es eine materielle Grundlage dafür, künftige Kriege zu vermeiden und tatsächlich einen dauerhaften Frieden zu erreichen.

Aber Kants Definitivartikel sind Gegenstand schwerwiegender Manipulationen – sowohl seitens der Politik als auch seitens der Wissenschaft.

Der erste Definitivartikel, der postuliert, dass die Staaten republikanische Verfassungen haben sollen, wird in zweierlei Hinsicht verfälscht und instrumentalisiert. Einerseits wird er als Rechtfertigung für Kriege gegen undemokratische Länder herangezogen. Dieses Muster können wir heutzutage häufig im Zusammenhang mit dem Krieg Israels gegen das palästinensische Volk beobachten. Die politische Rechte und die Mainstream-Medien suggerieren ständig, dass Israel als angeblich demokratischer Staat das Recht habe, seine

Nachbarn militärisch anzugreifen. Andererseits müssen wir feststellen, dass die wichtigsten republikanischen Merkmale – Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, demokratische Freiheiten u. a. – derzeit in allen unseren angeblich so demokratischen Gesellschaften einem kontinuierlichen Erosionsprozess unterliegen.

Der zweite Definitivartikel spricht sich für die Bildung einer Föderation freier Staaten aus und enthält das kategorische Gebot: Es darf keinen Krieg zwischen ihnen geben. Es gibt nur eine einzige akzeptable Rechtfertigung für Krieg: Wenn ein Land angegriffen wird, hat es das Recht auf Selbstverteidigung. Diese kantischen Prinzipien sind eine der historischen Grundlagen der Charta der Vereinten Nationen, auch bekannt als Völkerrecht.

Aber diese Ausnahme – die Zulässigkeit von Krieg im Falle der Verteidigung – wurde oft in ihr Gegenteil verkehrt. Die Vereinigten Staaten erfanden die Lüge eines Angriffs Nordvietnams auf ein US-Kriegsschiff, um den Krieg gegen Vietnam zu beginnen (1964). Oder sie verbreiteten die Lüge, dass das Regime von Saddam Hussein im Besitz von Massenvernichtungswaffen sei, um den Krieg gegen den Irak zu beginnen (2003). Erst vor wenigen Tagen haben Israel und die Vereinigten Staaten Iran unter dem Vorwand angegriffen, dass dieses Land über Atombomben verfüge – Angriffe, die von der deutschen Regierung ausdrücklich begrüßt wurden (2025).

Der dritte Definitivartikel fordert, die Rechte der Weltbürger auf das Hospitalitätsrecht zu beschränken. Dieser Rechtsbegriff hat zwei sich ergänzende Aspekte: Einerseits haben Menschen das Recht, andere Länder zu besuchen und um friedliche Beziehungen zu ihnen zu bitten. Andererseits haben Besucher das Recht, von den Einwohnern fremder Länder nicht feindselig behandelt zu werden. Angesichts der Geschichte aller Interventionen westlicher Staaten in den Ländern des Südens und unter Berücksichtigung der feindseligen Behandlung von Einwanderern und Flüchtlingen in unseren Ländern ist es offensichtlich, dass das Recht auf Hospitalität von unseren Ländern schwer verletzt wird.

Was die Postulate der sechs Präliminar- und der drei Definitivartikel betrifft, so wird deutlich, dass die westlichen Länder noch weit davon entfernt sind – und wahrscheinlich immer weiter davon entfernen –, den von Kant vor mehr als 200 Jahren entworfenen Idealzustand des Friedens zu erreichen.

Scholz vs. Kant

Dennoch behauptet Olaf Scholz, im Einklang mit den friedenspolitischen Prinzipien Immanuel Kants handeln. Da lohnt es sich, Scholz‘ Positionen mit der wahren Aussagen der kantianischen Friedensbotschaft zu vergleichen.

Scholz erwähnt die Präliminarartikel (wie den schrittweisen Abbau der Armeen oder das Verbot von Schulden zur Finanzierung von Rüstungsgütern) einfach gar nicht. Oder er verschweigt die zahlreichen Verstöße gegen diese Artikel durch Deutschland und die NATO (wie alle Kriege und geheimen terroristischen Aktivitäten der Vereinigten Staaten oder die Unterstützung des israelischen Krieges gegen das palästinensische Volk).

Sowohl in der Politik als auch in der Wissenschaft werden die Präliminarartikel oft missachtet oder völlig ignoriert. Nicht entsprechend dieser Artikel zu handeln, bedeutet jedoch, mögliche und nötige konkrete Schritte zur Verringerung internationaler Spannungen zu unterlassen.

Scholz sagte wörtlich, es sei „offensichtlich, dass wir in Kants Zum ewigen Frieden keine praktischen Handreichungen zur Lösung von kriegerischen Konflikten im 21. Jahrhundert finden können.“ Was für eine dreiste Lüge! Kant hat die vorläufigen Artikel genau zu diesem Zweck entworfen. Wenn Scholz diese konkreten Vorschläge nicht findet, dann entweder, weil er den Text nicht kennt oder weil er ihn nicht kennen will!

Die Regierungen der NATO-Staaten weigern sich bewusst, die von Kant vorgeschlagenen Maßnahmen zur Vorbereitung von Friedensprozessen umzusetzen, und tragen daher eine erhebliche Mitverantwortung für die aktuellen bewaffneten Konflikte, insbesondere in der Ukraine und in Palästina.

Die beiden kantischen Prinzipien, dass es keinen Krieg geben soll und dass es ein Recht auf Selbstverteidigung gibt, werden oft für die Behauptung instrumentalisiert, dass es in einer Situation, in der ein Land militärisch angegriffen wird, nur natürlich wäre, auch auf militärischer Ebene zu reagieren. In den Worten von Scholz klingt das so: „Für Kant ist es klar: Wer angegriffen wird, der darf sich verteidigen.“

Dies wäre jedoch eine unzulässige Vereinfachung von Kants Position. Als Philosoph hat er seine rechtlichen und kategorischen Aussagen stets mit humanistischen und moralischen Kategorien in Verbindung gebracht. Deshalb verurteilte er einen Verteidigungskrieg gegen eine gewaltige und furchterregende Macht als „ungerecht“, weil dieser „das Übel nur noch gewisser und schneller herbeiführen“ würde. Achtung: Obwohl der bedrohte Staat das Recht zur Selbstverteidigung besitzt, zieht Kant es vor, nicht zu den Waffen zu greifen!

Der Krieg in der Ukraine

Es wäre sinnlos, über Kants Friedensbotschaft zu sprechen, ohne auf den Krieg in der Ukraine einzugehen.

Zunächst ist es jedoch wichtig zu erklären, warum wir hier mit einer Analyse der Politik unserer westlichen Länder beginnen. Der wichtigste Ort unseres politischen Handelns ist hier. Die Adressaten unserer politischen Forderungen sind unsere Regierungen. Es liegt in unserer Verantwortung, unsere Regierungen zu kontrollieren und – wenn nötig – bessere Vorschläge für das politische Handeln hier zu machen.

Deshalb müssen wir fragen: Haben wir alles in unserer Macht Stehende getan, um die internationalen Spannungen zu entschärfen? Was haben wir falsch gemacht? Was können und müssen wir besser machen? Einige Antworten auf diese Fragen zu geben, ist eines der wichtigsten Ziele dieses Textes.

Aber es muss ganz klar festgestellt werden: Die Verantwortung der NATO-Staaten für die heutige Situation zu analysieren und hervorzuheben, bedeutet keineswegs, die Verantwortung Russlands für den Krieg in der Ukraine zu relativieren. Noch weniger bedeutet es, die russische Aggression gegen dieses souveräne Land zu rechtfertigen. Es besteht kein Zweifel daran, dass dieser militärische Angriff eine eklatante Verletzung des Völkerrechts war und ist, die die uneingeschränkte Verurteilung der ganzen Welt verdient. Natürlich entspricht auch die internationale Militärpolitik Russlands in keiner Weise den pazifistischen Postulaten Kants.

Seit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums und der Auflösung des Warschauer Pakts in den Jahren 1990 und 1991 verfolgen die Regierungen der Vereinigten Staaten die geostrategische Zielvorstellung, ihre Position als weltweit dominierende Wirtschafts- und Militärmacht um jeden Preis zu verteidigen. Aber weder die dramatische Osterweiterung der NATO, noch die massive Aufrüstung der NATO-Staaten, noch die repressive Politik der ukrainischen Regierungen gegenüber der russischen Bevölkerung in der Ukraine, noch irgendein anderer von Putin vorgebrachter Vorwand rechtfertigen den russischen Angriff auf die Ukraine. Und noch viel weniger rechtfertigen sie die inhumane Art und Weise, in der die russische Armee diesen Krieg führt.

Daher hat die Ukraine jedes Recht, sich militärisch zu verteidigen und um internationale Hilfe für ihre Verteidigung zu bitten. Aber das Recht auf Verteidigung ist nicht das gleiche, wie die Pflicht zur Verteidigung.

Die Ukraine – und insbesondere ihre Regierung – muss abwägen, ob die menschlichen Verluste und die materiellen Zerstörungen, die ihr Land durch einen solchen Verteidigungskrieg erleiden, ein akzeptabler Preis für die zu erwartenden Ergebnisse eines solchen Krieges sind.

Die ukrainische Regierung schickt Zehntausende – vielleicht sogar Hunderttausende – Zivilisten und Soldaten in den Heldentod oder in ein Leben als Kriegsversehrte. Es ist äußerst fragwürdig, ob dies politisch richtig ist und moralisch gerechtfertigt werden kann.

Das ukrainische Volk verdient unsere ganze politische Solidarität gegen die russische Aggression und jede mögliche humanitäre und zivile Hilfe, um sein Leid zu lindern. Aber wenn uns die Ausrichtung der ukrainischen Regierung auf die militärische Verteidigung nicht überzeugt, sind wir auch nicht verpflichtet, das Land militärisch zu unterstützen. Wenn uns diese Orientierung als selbstmörderisch erscheint, gibt es keine Pflicht, diese Politik mitzutragen.

Wenn uns diese Politik falsch und verwerflich erscheint, haben wir nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, ihr zu widersprechen und eine bessere Alternative vorzuschlagen. Die einzige Perspektive, um den Weg zum Frieden zu ebnen, kann ein sofortiger Waffenstillstand und die Aufnahme von Friedensverhandlungen sein.

Der Prager Frühling

Diese ganze Debatte ist nicht neu. Ein Blick auf die Geschichte kann uns dabei helfen, richtige Antworten auf diese komplexen aktuellen Fragen zu finden.

Im Jahr 1968 schickte die Führung der Sowjetunion unter Generalsekretär Leonid Breschnew Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, um das Land zu besetzen und den Reformprozess des damaligen autoritären kommunistischen Systems zu beenden. Es war bis heute der letzte Versuch, einen demokratischen Sozialismus aufzubauen – auch bekannt als Sozialismus mit menschlichem Antlitz oder als der Prager Frühling.

Bevor er von sowjetischen Truppen verhaftet und entführt wurde, befahl der Chef der tschechoslowakischen Regierung und Kommunistischen Partei, Alexander Dubček, der Armee und den Polizeikräften, in ihren Kasernen zu bleiben, und rief die Bevölkerung dazu auf, auf bewaffneten Widerstand zu verzichten. Dennoch gab es 108 Tote und zahlreiche Verhaftungen. Aber ein offener Krieg konnte vermieden werden – wenn auch um den Preis von mehr als zwanzig Jahren politischer und nationaler Unterdrückung.

Würde man die aktuelle politische Debatte auf die damalige historische Situation anwenden, dann wäre es damals richtig gewesen, der Armee den Befehl zu geben, den verzweifelten Kampf gegen die sowjetische Übermacht aufzunehmen und die westliche Welt um militärische Unterstützung zu bitten. Dies hätte jedoch katastrophale Folgen gehabt.

Wer in der Tschechischen Republik oder in der Slowakei würde heute sagen, dass Dubček in jenem Moment die falsche Entscheidung getroffen hat und dass es besser gewesen wäre, einen militärischen Krieg zur Verteidigung des Landes zu führen? Wir haben damals aus Solidarität mit der Tschechoslowakei gegen die Besetzung des Landes demonstriert. Hätten wir damals dazu aufrufen sollen, der Tschechoslowakei Waffen, Panzer und Raketen zu liefern?

Nun gibt es den Einwand, dass die geopolitische Lage damals eine andere war und man sie nicht mit der heutigen Situation vergleichen kann. Das ist richtig!

Aber erstens ist die Grundkonstellation – eine viel größere Macht überfällt ein schwächeres Land – dieselbe. Daher ist ein Vergleich zumindest in gewisser Weise möglich.

Zweitens – und das ist viel wichtiger – bestätigt ein solcher Einwand, dass in den internationalen Beziehungen nicht nur das Völkerrecht berücksichtigt werden muss, sondern dass es auch andere politische Kriterien gibt, die das internationale Handeln von Regierungen bestimmen.

Im konkreten Fall der Ukraine bedeutet dies, dass die Reaktion auf die russische Aggression nicht allein durch die Regeln des Völkerrechts bestimmt werden sollte, sondern dass auch andere wichtige Dimensionen berücksichtigt werden müssen, wie beispielsweise die Auswirkungen auf das Leben der Bevölkerung selbst.

Irgendwann wird die Frage gestellt werden: „Wer war der beste Regierungschef für sein Land: Alexander Dubček für die Tschechoslowakei oder Wolodymyr Zelensky für die Ukraine?“ Wer hat die Souveränität und die Ressourcen seines Landes besser verteidigt? Wer hat mehr für das Leben seiner Bevölkerung getan?

Für mich gibt es nicht den geringsten Zweifel daran, dass Dubčeks Weg unendlich viel produktiver und humaner ist als der Weg, den Zelensky und all seine Anhänger innerhalb und außerhalb der Ukraine eingeschlagen haben.

Wir zahlen – sie sterben

In der Debatte über die Ukraine gibt es einen Widerspruch, der nie erwähnt wird. Fast alle europäischen politischen Kräfte, von Ursula von der Leyen bis Annalena Baerbock, setzen sich enthusiastisch für die Lieferung von Waffen an die ukrainische Armee ein. Aber niemand ist bereit, selbst an diesem Krieg teilzunehmen. Niemand erklärt seinen Kindern, Enkeln, Nichten und Neffen, dass sie in den Krieg ziehen sollen. Der Deal ist schlicht und einfach: Wir zahlen, und die Ukrainer sterben.

Es ist sehr schwer, eine zynischere Haltung gegenüber dem Krieg in der Ukraine zu finden. Wer nicht bereit ist, sich am militärischen Kampf zu beteiligen und seine Kinder in den Krieg zu schicken, der oder die hat auch keinerlei moralische Autorität, andere in den Krieg zu schicken und sie zum Kampf und zum Tod aufzurufen.

Es gibt immer Alternativen zum militärischen Krieg. Der Vietnamkrieg endete nicht, weil wir Waffen an die Nationale Befreiungsfront geliefert haben, sondern weil wir weltweit eine breite politische Bewegung gegen die Kriegspolitik der Vereinigten Staaten organisiert haben.

Als Washington in den 1980er Jahren drohte, in Nicaragua einzumarschieren, um die sandinistische Regierung zu stürzen, haben wir nicht dazu aufgerufen, Waffen zur Verteidigung Nicaraguas zu liefern. Stattdessen bildeten wir friedliche internationale Arbeitsbrigaden, die sich in das zivile Leben der Bauern integrierten und bei der Kaffeeernte oder beim Bau von Gesundheitsstationen halfen. Ich habe mich zusammen mit Tausenden anderer Solidaritätsaktivisten – viele davon aus den Vereinigten Staaten – an dieser internationalen Kampagne beteiligt. Es war ein politisches Zeichen. Wir waren dort als menschliche Schutzschilde für das nicaraguanische Volk und seine Revolution. Auch unter uns gab es Tote, ermordet von der Contra, einer Stellvertreterarmee der USA. Aber wir waren überzeugt, dass diese öffentliche politische Aktivität angesichts der damaligen geopolitischen Situation der beste Beitrag war, den wir leisten konnten.

Die Teilnahme der Koordinatorin des Bloco de Esquerda, Mariana Mortágua, an der Friedensflotte für Gaza ist eine absolut angemessene Fortsetzung dieser Form der internationalen Solidarität und des Kampfes für den Frieden. Wir senden Mariana unsere herzlichsten und solidarischen Grüße und hoffen, dass alles gut gehen möge bei dieser ebenso gefährlichen wie notwendigen Mission!

Schlussfolgerungen

Hier wurden mehrere Beispiele angeführt, die zeigen, dass die Politik des globalen Westens – oder genauer gesagt der NATO – seit Jahrzehnten in hohem Maße den pazifistischen Idealen Kants widerspricht. Viele Menschen wissen das nicht. Viele Politiker wollen das nicht wissen. Sie geben vor, treue Anhänger des großen Philosophen der Aufklärung zu sein, während sie in Wirklichkeit das Gegenteil tun.

Als Lösung für diesen Widerspruch schlägt der deutsche Philosoph Professor Ulrich Thiele vor, zu „bestätigen”, dass die Politik der westlichen Länder nicht mit den Prinzipien von Kant vereinbar ist – aber gleichzeitig empfiehlt er, diese Politik zu „verteidigen“, weil sie die angemessenste Antwort auf die Komplexität der aktuellen internationalen Beziehungen zu ist.

Seine Botschaft lautet: Kant ist sehr hübsch im Bücherregal – aber für die reale Politik vertrauen wir ihm nicht.

Dies ist die Methode, mit der viele Regierungen weltweit alle möglichen Verstöße gegen das Völkerrecht und die Menschenrechte rechtfertigen. Ein solcher Ansatz wäre jedoch für die Linke inakzeptabel, die die Pflicht hat, diese Rechte für alle Menschen überall auf der Welt zu verteidigen. Für die Linke kann es keine Politik der doppelten Standards geben.

Kant formuliert seinen kategorischen Imperativ mit den Worten: Handle so, dass du wollen kannst, deine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden.

Eine Politik, die diese Grundnorm zwischenmenschlichen Handelns nicht respektiert, kann die Menschen nicht überzeugen und kann niemals dem Wohl aller dienen.

Deshalb muss die Linke die Menschenrechte in Russland ebenso verteidigen wie in der Ukraine, in Israel ebenso wie in Palästina.

Insbesondere müssen wir die russische Aggression gegen die Ukraine ebenso energisch zurückweisen wie den Völkermord Israels am palästinensische Volk. Wir müssen das Recht auf Selbstverteidigung der Ukrainer ebenso wie das der Palästinenser verteidigen. Wir erkennen die ukrainische Regierung ebenso wie die Hamas als Ausdruck des Kampfes für die Verteidigung und Befreiung ihrer Gesellschaften an. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir die Politik der Führungen in der Ukraine oder in Palästina politisch unterstützen müssen. Und schon gar nicht bedeutet es, dass wir Waffen an die Hamas oder die Ukraine liefern müssen. Unsere Aufgabe ist es nicht, Öl ins Feuer zu gießen. Wir setzen uns für einen Waffenstillstand und die sofortige Aufnahme von Friedensverhandlungen in der Ukraine und in Palästina ein.

Wir sind aufgerufen, alle möglichen politischen und friedlichen Anstrengungen zu unternehmen, um einen Weg zu einem dauerhafte Frieden in diesen beiden Ländern und auf der ganzen Welt zu finden!

Eine sehr gut passende und beeindruckende Ergänzung:
Rede der slowenischen Präsidentin Natasa Pirc Musar auf dem 20. Bled Strategic Forum vom 1. September 2025: https://www.youtube.com/watch?v=724Go5eF8VA

Kant, Immanuel (1795): Zum ewigen Frieden: Ein philosophischer Entwurf, Akademieausgabe [AA] der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Band 8, S. 343-386, [online] https://korpora.zim.uni-duisburg-essen.de/kant/suche.html [26.01.2017].

Scholz, Olaf, 2025, Bundeskanzler Scholz zum 300. Geburtstag von Immanuel Kant, https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/newsletter-und-abos/bulletin/bundeskanzler- 300-jahre-kant-2273948

Thiele, Ulrich, 2008, Demokratischer Pazifismus. Aktuelle Interpretationen des ersten Definitivartikels der Kantischen Friedensschrift https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/KANT.2008.012/html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung