Breiter Protest gegen „wissenschaftliche“ Aufrüstung

Universität Köln: Bundeskanzler Merz eröffnet die private „Adenauer School of Government“. Sie wird vom verschwiegensten Milliardärs-Clan Deutschlands finanziert, auf Umwegen.

Werner Rügemer

Am 13. Juli eröffnete Bundeskanzler Friedrich Merz an der Universität Köln feierlich die „Adenauer School of Government“. Von diesem Institut sollen, so der Ehrengast Merz in seinem Festvortrag, „künftige Führungskräfte“ kommen für „die selbstbewußte Neuordnung der Welt“, mit der „Digitalisierung und Modernisierung unseres Staates, gerade auch unserer kritischen Infrastruktur, in Form der Befähigung unserer Streitkräfte“.1

Höchste „Sicherheits“stufe

Die Eröffnung war eine Veranstaltung der höchsten „Sicherheits“stufe. Der Albertus-Magnus-Platz Platz vor der Universität war hermetisch abgeriegelt, umstellt von Polizeiwagen und Security-Personal, bevor die sechsspännige Mercedes-Kanzler-Kolonne, ebenfalls abgeschirmt von Polizeiwagen, einfahren konnte.

Sprengstoff-Experten mit ihren Spürhunden kontrollierten das Hauptgebäude, suchten nach Bomben, kontrollierten die Fotoapparate und Aufnahmegeräte der zahlreichen Journalisten. Auch im Saal mit der Rede von Merz galten strenge Vorschriften: Der Zuritt war streng geregelt, beim Beifall-Klatschen durften die ausgewählten Zuschauer nicht aufstehen, sondern mußten sitzenbleiben. „Sitzenbleiben!“ ist ja sowieso die Parole des Bundeskanzlers an die Bevölkerung, bei der er gerade noch 13 Prozent Zustimmung hat und er zurecht das Aufstehen befürchten muß.

Zur Eröffnung sprachen auch die Wissenschaftsministerin des Landes NRW, der Universitätsdirektor und der schon eingesetzte Institutsdirektor. Und Merz verließ nach seinem Auftritt als erster den Saal, als Vorsichtsmaßnahme, damit ihn keiner und keine unter den braven Sitzenbleib-Klatschern am schnellen Verschwinden behindern oder gar eine ungeplante Frage stellen konnte.

Breiter Protest, studentisch, gesellschaftlich – und gut vorbereitet

Die „Sicherheit“ für den Minderheits-Feier-Kanzler galt den mehreren Tausend Studierenden, die auf der Uniwiese hinter dem Hauptgebäude der Universität protestierten.

„74 % unzufrieden – für wen regiert Merz“? hieß es auf einem der vielen Dutzend hochgehalten Protestschilder; auf anderen Transparenten stand die ganze fantasievolle Palette, meist kurz und knapp: „Halt den Mund Friedrich“, „Köln steht auf – Merz muß weg“, „Merz ist nicht die Mitte“, „Mehr Herz statt Merz“, „Lieber Merz los statt Herzlos“, „Behinderte gegen Rechts“, „Tax the Rich“, „Reformen – das ist Klassenkrieg“ und zum Beispiel: „Ich habe meine Arbeit unterbrochen, um gegen Merz zu protetieren – Klassenkampf“ – und so weiter.2

Der Protest war seit Wochen gut vorbereitet, durch ein breites Bündnis. Auch bei Studierenden ist inzwischen mehr los an Selbstorganisation und Widerstand als der „normale“ Medienkonsument und Wähler ahnt (und ahnen soll). Die Themen betreffen natürlich die Universität, gehen aber auch weit in die Gesellschaft hinein.

So erklärte Paula Woltering von „Studis gegen Rechts“: „Egal ob Studierende, SchülerIn, Krankenhaus-Beschäftigte oder Erwerbslose, wir alle wollen Besseres als die antisoziale Politik der großen Koalition unter Friedrich Merz.“

Studierende und abhängig Beschäftigte gehören zusammen, so Woltering: „Die Merz-Regierung kürzt bei der Krankenkasse, der Kinder- und Jugendhilfe, der Pflegeversicherung, der Grundsicherung und bei der Rente. Deswegen fordern wir soziale Absicherung, kürzere Arbeitszeiten und höhere Löhne. Wir wollen Zugang zu Gesundheit, Bildung, Kultur und Wohnen für alle, statt Milliardenprofite für Superreiche!“

Proteste gegen Aufrüstung und Genozid, für Demokratie

Auch die Geopolitik ist im Blick, nicht nur in Kritik an der Merz-Migranten-Politik. So erklärte Assme Ben Akil von der Fachschaft Sprachen und Kulturen der islamisch geprägten Welt: „Mit dem neuen EU-Migrationsabkommen werden Förderungen für die Seenotrettung gestrichen und Abschiebegefängnisse an den Grenzen Europas gebaut. Wir dagegen fordern: Fluchtursachen bekämpfen statt geflüchtete Menschen!“

Die Fachschaft Physik erklärte: „Die Regierung finanziert mit Milliarden eine seit der Nazizeit nicht mehr gesehene Aufrüstung. Mit der Wehrpflicht sollen junge Menschen wieder das Töten und Sterben lernen. Wir wollen keinen Krieg und keinen Genozid. Wir fordern Abrüstung, Diplomatie, die Einhaltung des Völkerrechts und ein Ende der imperialistischen Gewalt.“

Der AStA-Vorsitzende Frederick Heinz benannte direkte Folgen der Merz-Politik für Universität und Studierende und begründete die Gegen-Forderungen: „Hier an der Uni wird unter anderem die Professur für Disability Studies gestrichen. Die Bundesregierung streicht selbst die mickrige Inflationsanpassung des Bafög-Satzes und läuft gegen die Zivilklauseln an Hochschulen Sturm, um Rüstungsforschung voranzutreiben. Und gegen die Bundesregierung, die eine dringend benötigte BAföG-Reform und damit prekäre studentische Lebenslagen mit Füßen getreten hat, kämpfen wir für ein BAföG für alle. Auch damit alle für eine gerechte, demokratische und friedliche Welt studieren und sich engagieren können.“3

Adenauer School of Government: 10 Millionen jährlich, privat

Das neue Institut funktioniert nach dem Vorbild von US-Elite-Universitäten. Von den neun Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats kommen sieben von den privaten US-Elite-Universitäten Stanford, Harvard und dem Massachussetts Institute of Technology (MIT); ein weiteres Beiratsmitglied kommt vom Center for Global Development in Washington und ein weiteres Mitglied von der Toulouse School of Economics in Frankreich, finanziert von Konzernen wie Airbus, AXA und dem weltweit führenden Luxusgüterkonzern LVMH. Niemand von der Universität Köln ist im Beirat: Sie darf die äußere Hülle stellen.

Auch den ausführenden Direktor darf die Universität Köln stellen, Prof. Axel Ockenfels, gelobter Theoretiker der Spieltheorie, der Verhaltensökonomie und des Marktdesigns. Er hatte auch in Harvard studiert, hatte kurzzeitige Gastprofessuren in Stanford und der University of California. Der Vielverwendbare hatte und hat viele Funktionen, unter anderem ist er Mitglied im Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Und er spricht fließend englisch. Der Master-Studiengang in „Public Governance“ wird in englisch durchgezogen. Besonders ausgewählte Studierende bekommen ein Stipendium.

Das Institut wird privat finanziert, und zwar von einem der reichsten und zugleich verschwiegensten deutschen Milliardärs-Clans: 10 Millionen Euro jetzt zum Start, und 10 Millionen jedes Jahr, für unbegrenzte Zeit. Die Millionen kommen von der Reimann-Familie: Dieser Clan wird auch von den populistischen BILD- und Massen-Leitmedien fast nie genannt, die ansonsten immer wieder ein paar Heirats-, Liebes- und Sex-Geschichten aus dem Leben der reichen Piechs und Porsches (VW, Porsche), Springers (BILD, Welt), Quants und Klattens (BMW, Altana, SGL Carbon, Nordex, Skion), Schwarz (Lidl, Kaufland) und Albrechts (Aldi) ausbreiten (ein bißchen). Dabei wäre gerade die große Reimann-Familie ungleich ergiebiger für solche „Skandal“-Geschichten, aber gerade sie kommen nicht, warum? Dazu später.

Benckiser mit den Reimanns: Erster Aufstieg mit Hitler

Das große Geld kommt aus der Erfolgsgeschichte der Reimanns, zuerst mit dem Hitler-Regime. Albert Reimann, 1898 geboren, stieg im chemischen Mittelstandsunternehmen Benckiser auf, gegründet im 19. Jahrhundert, in Ludwigshafen am Rhein, im Schatten des größeren Chemiekonzerns BASF. Reimann wie sein Vater begeisterten sich früh für Hitler: 1931 wurde Sohn Albert, führender Benckiser-Manager, sofort Mitglied im gerade gegründeten SA-Motorsturm und im Nationalsozialistischen Kraftfahrer-Korps NSKK; am 1. Februar 1932 trat er der NSDAP bei, war für die Hitler-Partei im Stadtrat, und schon 1933 wurde Benckiser zum NS-Musterbetrieb.

„Wir sind ein über hundertjähriges, rein arisches Familienunternehmen, unbedingte Anhänger der Rassenlehre“, meldete Reimann dem NS-Staat. Vater Reimann wurde IHK-Präsident der Pfalz und wehrwirtschaftlicher Verbindungsmann zum Reichs-Wirtschaftsminister Hermann Göring. 1943 löste Junior Albert Reimann seinen Vater ab und wurde Betriebsführer des Benckiser-Konzerns. So expandierte Benckiser im Krieg gegen Russland auf das Dreifache, auch mithilfe des Einsatzes von bisher namentlich ermittelten 870 Zwangsarbeitern aus Russland und der Ukraine und Kriegsgefangenen aus Frankreich.4

Zweiter Aufstieg mit US-Militärregierung und Adenauer

Nach dem Krieg stellten sich die Reimanns, von der US-Militärregierung geschützt, als Nazi-Opfer dar. Albert Reimann wurde mithilfe freundlicher „Persilscheine“ aus der ursprünglichen, schon zu harmlosen Einstufung als „Belasteter“ (Gruppe II) zum „Mitläufer“ (Gruppe IV) herabgestuft, zahlte 2.000 Reichsmark und konnte weitermachen. Alle Kriegsgewinne konnte Benckiser behalten.

Die Produktion expandierte profitabel dann auch weiter gefördert in der Adenauer-Republik, mit Produkten wie dem schon in der NS-Zeit entwickelten Wasserenthärter Calgon, dem Spülmittel Calogonit, mit Clerasil und Sagrotan, dem Zahnreiniger Kukident und dem Finanzprodukt Quanto.

Die alten Beziehungen zu Hitlers Rüstungsminister Albert Speer wurden nach dessen Entlassung aus dem Gefängnis 1966 sofort wieder aufgenommen: Ex-NS-Aktivist Albert Reimann holte den alten Freund, den Ex-NS-Aktivisten Speer als Berater, für die anstehende Umstrukturierung des Benckiser-Konzerns.

Mit mehreren Jubiläumsschriften – 1958, 1973, 1978 – wurde die NS-Zeit lügenhaft übertüncht. Albert Reimann bekam, auf der Höhe seines neuen Erfolgs 1963 das Große Verdienstkreuz der christlichen Konrad Adenauer-Regierung. Und das wurde noch gesteigert durch das Große Verdienstkreuz mit Stern, 1973 von der sozialdemokratischen Willy Brandt-Regierung.

Benckiser: Die Amerikanisierung und Globalisierung

Nach dem Tod des Chef-Mitläufers Reimann 1984 wurde das Erfolgsunternehmen Benckiser weiter umstrukturiert. Dazu gehörte die Verteilung des Milliardenvermögends auf dessen neun (9) adoptierte Kinder als Erben. Die letzten Schritte wurden ab 2016 eingeleitet, denn da kam, sehr spät, noch die „Aufarbeitung“ der NS-Komplizenschaft dazu – deren Folgen aber gleichzeitig verdeckt werden sollten.

Die Umstrukturierung oder Modernisierung wurde geleitet von Peter Harf: Der Harvard-Absolvent, der zunächst in der US-Unternehmensberatung Boston Consulting Group gearbeitet hatte, wurde Anfang der 1980er Jahre zu Benckiser geholt. Nicht-profitable Teile wurden verkauft, aber mit den Benckiser-Milliarden wurden schrittweise weltweit etwa 25 Unternehmen hinzugekauft, etwa in England, Italien, Spanien und vor allem in den USA: Im Bereich Kaffee und Getränke (Jacobs, Senso, Tassimo, Tully’s, Van Houtte, Keurig Green Mountains), bei Luxus-Kosmetik (Coty) und Genußmitteln (Krispy Kreme), in der Systemgastronomie (Panera Bread, Brueggers Bagel, Manhattan Bagel). Inzwischen gehört auch eine Kette von Veterinärkliniken und Haustierversicherungen dazu.

Zum Beispiel: Der Kauf des US-Kaffeemaschinen- und Kaffeekapselherstellers Keurig Green Mountain kostete 12,8 Mrd. Dollar, der Kauf der US-Bäckereikette Panera Bread kostete 7,5 Mrd. Dollar, der Kauf der US-Getränkekonzern Dr Pepper Snapple Group kostete 10,2 Mrd. Dollar.

Der Name Benckiser wird zum Verschwinden gebracht

Bei allen diesen zahlreichen Unternehmen, Tochter- und Briefkastenfirmen, verstreut auf mehrere Staaten und Finanzoasen, und auf allen Produkten steht nirgends der Name Reimann oder Benckiser: Die milliardenschweren Eigentümer wurden unsichtbar gemacht.

Und der Unsichtbarkeit wurde noch weiter nachgeholfen: Die öffentlich nicht bekannte Zahl der Firmen wird seit 2012 zusammengefaßt in der zentralen Holding JAB S.a.r.l. Sie hat ihren Sitz in der Finanzoase Luxemburg (S.a.r.l. = Société à responsabilité limitée, Gesellschaft mit beschränkter Haftung). Die Abkürzung JAB steht für Johann Adam Benckiser, der 1823 das kleine Mittelstandsunternehmen gegründet hatte und nichts mit den Verbrechen seiner Nachkommen ein Jahrhundert später zu tun hatte – aber sein Name dient als Täuschung: Die Milliardäre inszenieren sich als biedere Mittelständler.5

Das in der JAB angelegte bzw. versteckte Vermögen der hier investierten vier verbliebenen Haupt-Reimann-Erben und die kleineren Anteile ihrer Kinder und vieler Verwandter und führender Manager betrug im Jahre 2017 geschätzte 70 Mrd.6 Wegen der international organisierten Versteckerei schwanken die Angaben erheblich: 2025 wurde das Vermögen von freundlichen „Experten“ auf nur 25 Milliarden geschätzt.7

Und der Umstrukturierer, Top-Manager Peter Harf selbst wurde damit auch selbst zum (kleinen, einstelligen) Milliardär. In diesem Milieu darf auch ein Diener Milliardär werden, wenn er ein Vielfaches seines Einkommens für die Multimilliardäre unsichtbar macht.8

Also, Ergebnis: Der Name des Erfolgsunternehmens Benckiser wurde 175 Jahre nach dessen Gründung zum Verschwinden gebracht. Benckiser? Vergessen. Gibts nicht mehr. Gabs nie: Ergebnis einer aufwendigen Vergessens-Produktion. Aber warum?

Von der Benckiser-Stiftung zur Landecker Foundation

Die Vergessensproduktion dauerte etwa drei Jahrzehnte. Der Umstrukturierungs-Manager und Vergessens-Produzent Peter Harf ist auch Chef der großzügigen Stiftung, die die jährlichen 10 Millionen zahlt. Die kommen als Brosamen von den Milliarden der heutigen Reimann-Erben. Aber die Stiftung heißt nicht Reimann-Stiftung, heißt auch nicht Benckiser-Stiftung.

Die Stiftung heißt Alfred Landecker Foundation. Sie wurde erst 2019 gegründet, von den heutigen Reimann-Erben. Und das kam so: Nachdem die Nazi-Vergangenheit der Reimanns ab 2016 ansatzweise begonnen wurde aufzudecken, nahm Harf namens seiner Mehrfach-Milliardäre die „Aufarbeitung“ der NS-Vergangenheit selbst in die Hand. Sie beauftragten den Historiker Paul Erker, die „Verstrickungen der Unternehmensleitung von Benckiser in der NS-Zeit“ zu untersuchen, so heißt es auf der website der Alfred Landecker Foundation. „Verstrickungen“ und „NS-Zeit“: dieser Sprachgebrauch, der die aktive, profitable Mittäterschaft der Reimanns mit Hitlers Völkermord-Regime zugleich verharmlost, verleugnet – das ist schon ein Teil der Vergessens- und Fälschungs-Produktion.

Um gleichzeitig die Folgen der „Aufarbeitung“ abzufedern, wurde, wie das andere Konzerne auch gemacht haben – allerdings meist schon viel früher -, eine wohltätige Stiftung gegründet, mit gemeinnützigem Status: Die zunächst gegründete Stiftung mit Sitz in den Niederlanden hieß zuerst „Benckiser Stiftung Zukunft“: Der Name Benckiser, das wäre wahrheitsgemäß gewesen. Aber es ging um die Verdeckung der Wahrheit. Deshalb mußte dieser Name verschwinden, auch weil das vom beauftragten Historiker Erker veröffentlichte Buch den Titel hat „Die chemische Fabrik Joh. A. Benckiser im Nationalsozialismus“. Es erschien 2023.

Deshalb wurde die Benckiser- Stiftung schon vor der Veröffentlichung dieser NS-Konzerngeschichte umbenannt – in die Alfred Landecker Foundation. Chef ist kein anderer als der Vergessens-Manager Peter Harf selbst: Bei der Präsentation der Adenauer School of Government an der Universität Köln präsentierte Harf sich stolz neben Merz als der großzügige Sponsor. Die Sitzenbleiber auf den Stühlen im Saal klatschten.

Benckiser-Betriebsführer Reimann: Außerehelich mit der „Halbjüdin“

Aber wer war Alfred Landecker? Er war ein Jude, aus Ostpreußen eingewandert in die aufstrebende Industrieregion um Ludwigshafen und Mannheim, wurde als Unteroffizier im 1. Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, wurde Prokurist in einem Stahlunternehmen, führte eine gut situierte Ehe mit einer Katholikin, sie hatten drei Kinder.

Diese Kinder galten dann in Hitler-Deutschland als „Halbjuden“. Aber ihr Vater, der „Volljude“ Alfred Landecker, wurde arbeitslos gemacht, er mußte den gelben Stern tragen und wurde 1942 nach Polen deportiert, kam dort unter ungeklärten Umständen um, entweder durch Verhungern im Zwischen-Ghetto Izbica oder in einem der KZs wie Sobibor.

Diese 80 Jahre lang verheimlichte Geschichte wurde nun plötzlich aufwendig hervorgeholt und instrumentalisiert. Alfred Landeckers Name wurde zur Umbenennung der Ersatz-Stiftung mißbraucht. Dafür gaben die Reimann-Erben über ihren Geschäftsführer Harf jetzt plötzlich auch die Biografie Landeckers in Auftrag, finanzierten sie und stellten die Unterlagen zur Verfügung. Die Biografie erschien 2024.9

So wurde es öffentlich: Während also Vater Landecker vom NS-Regime verfolgt wurde, den gelben Stern tragen mußte und dann in den Tod deportiert wurde, führte seine Tochter Emilie als offizielle „Halbjüdin“ ein ganz anderes Leben: Auf der anderen Seite, auf der Seite des führenden NS-Täters im aufsteigenden Benckiser-Konzern.

Benckiser-Juniorchef Albert Reimann war seit 1938 mit Paula Frey verheiratet, seiner langjährigen Haushälterin in der üppigen Reimann’schen Villa im Zentrum von Ludwigshafen. Die Ehe dauerte jahrzehntelang, aber wird kinderlos bleiben.

Aber Reimann, schon ein Jahr nach seiner Eheschließung mit Paula Frey, zog ab 1939 sowieso eine um 25 Jahre jüngere, attraktivere Frau vor, nein, es war ein junges Mädchen, nämlich die damals 17jährige „Halbjüdin“ Emilie: Sie war die Tochter von Alfred Landecker.

Neun uneheliche Benckiser-Erben

Reimann war und blieb mit Paula Frey verheiratet, aber pflegte gleichzeitig, unter anderen, jahrzehntelang die außereheliche Beziehung mit Emilie, ab 1939.

Während Paula Frey bis 1983 lebte und gut versorgt wurde, hatte Reimann mit Emilie dann ab 1951 drei außereheliche Kinder. Da hatte auch die katholische Kirche nichts gegen dieses Verhalten ihres katholischen Führungs-Schafes. Reimann adoptierte die drei Kinder 1965, so gehören sie zu seinen heutigen Erben.

Weil das aber nicht genug war, um die bisherigen und kommenden Milliarden in die (kapitalistische) Ewigkeit zu retten, adoptierte Reimann sechs weitere seiner Kinder verschiedener Mütter, die teilweise mit den Reimanns verwandt waren, teilweise nicht.10 So wurde das Erbe also auf neun (9) adoptierte Kinder verschiedener Mütter verteilt, die alle nicht mit dem Vater Reimann verheiratet waren.

Diese damalige Form der Leihmütterschaft war auch in der Bundesrepublik Deutschland mit dem Gründungskanzler Adenauer von der christlichen Regierungspartei und auch seiner Nachfolger eine geduldete Praxis, jedenfalls in der „Elite“, die diese Parteien finanzierte – und die Kirchen mit ihrem damals verbreiteten, verheimlichten und christlich abgesegneten sexuellen Mißbrauch hatten auch nichts dagegen.

Die politischen Helfer: Die Multimillionäre Adenauer, Merz

Konrad Adenauer, von 1917 bis 1933 außergewöhnlich hoch bezahlter Oberbürgermeister von Köln, dann ab 1921 bis 1933 gleichzeitiger hochbezahlter Präsident des Preußischen Staatsrats in Berlin und vor allem während dieser Zeit Mitglied von einem Dutzend Aufsichtsräten, etwa der Deutschen Bank – so wurde Adenauer zum Multimillionär.

Der NS-Staat zahlte ihm dann auf der Grundlage seines hohen Einkommens eine hohe Pension, bewilligt auf Lebenszeit, und seine anderen Millionen durfte er auch behalten. Gegen Hitler hatte er nichts: „Meinetwegen auch Hitler“, schrieb er nach Hitlers Machtantritt an seine Bankiers-Freundin Dora Pferdmenges.11

So sah dann auch der 1949 gegründete Separatstaat Bundesrepublik Deutschland aus, geführt vom CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzler Adenauer: Der auch von der US-Militärregierung geschützte Benckiser-Chef Albert Reimann bekam das Große Verdienstkreuz.

Und Friedrich Merz, Adenauers Doppelnachfolger als CDU-Vorsitzender und Bundeskanzler, hatte sich ab 2005 bis 2021 ebenfalls zum Multimillionär gemacht, als Miteigentümer der US-Wirtschaftskanzlei Mayer Brown, als Berater von US-Investoren beim Ausverkauf des deutschen Mittelstands, dann wie Adenauer mit einem Dutzend Mandaten in Unternehmens-Aufsichtsräten, dann ab 2016 gleichzeitig als Aufsichtsratsvorsitzender der deutschen Tochterfirma von BlackRock, des inzwischen größten Aktionärs, also Eigentümers der führenden Unternehmen in Deutschland, zum Beispiel beim Rüstungskonzern Rheinmetall und im Wohnungskonzern Vonovia. Merz verheimlicht nicht nur seine persönlichen zweistelligen Millionen-Vermögen, sondern in der Regierung auch die Milliardenvermögen der ungleich reicheren BlackRock-Kunden.12

So führt Merz die von Adenauer begründete Politik weiter, jetzt auch mit der Adenauer School of Government an der Universität Köln, mithilfe der Reimanns, die sich hinter einem Nazi-Opfer verstecken, aber ihren Ursprung in den Gewinnen des 2. Weltkriegs haben, mit dem Hauptkrieg gegen Russland: Regieren lernen, das heißt, so Merz auch mithilfe der erhofften Führungskräfte der Adenauer School of Governance: Neu aufrüsten gegen Russland.

Es gibt also noch viel mehr Gründe, das zu verhindern! Auch die Proteste an der Kölner Universität sind ein hoffnungsvolles Zeichen!

1Rede von Bundeskanzler Merz anlässlich der Eröffnung der Adenauer School of Government, https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/eroeffnung-adeanuer-school-2446836

2Instagram.com/reel/Dau-1szO1SV/

3Alle genannten Erklärungen: https://asta.uni-koeln.de/2026/07/08/pressemitteilung-merz-besuch/

4Paul Erker: Die chemische Fabrik Joh. A. Benckiser im Nationalsozialismus, Göttingen 2023

5Hans-Jürgen Jakobs: Wem gehört die Welt? München Random House 2016, Seite 259ff.

6Reimann-Holding verwaltet bereits 70 Milliarden Dollar, manager magazin 28.5.2017

7Private-banking-magazin.de, abgerufen 26.7.2026

8Die Welt 7.5.2026

9Anette Prosinger: Alfred Landecker. Ein deutsch-jüdisches Leben 1884-1992, Göttingen 2024

10Die tragische Geschichte der reichsten Familie Deutschlands, manager magazin 17.9.2020

11Werner Rügemer: Der christliche Lügner. www.nachdenkseiten.de 5. Januar 2026

12Werner Rügemer: BlackRock Germany. Die heimliche Weltmacht, ihre Praktiken in Deutschland und Friedrich Merz, Berlin 2026


Dieser Artikel erschien zu erst am 29.06.2026 bei: NachDenkSeiten

Vielen Dank an Werner Rügemer, dass er uns seinen Artikel zur Verfügung stellt.

Beitragsfoto: Werner Rügemer während einer Buchvorstellung am 07.02.2025, Fotorechte: IngMue1957

SPD-Forderungen zur Pflege­reform sind Protest fürs Schau­fenster

Die Wünsche der Sozialdemokraten ändern nichts daran, dass Beschäftigte in Heimen und Familien weiter belastet werden. Ein Kommentar

Von JANA FRIELINGHAUS

Screenshot Tagesschau

Kommt es zum Schwur, entdeckt die SPD zuverlässig ihr soziales Gewissen. Sie trägt brutale Kürzungsprogramme zulasten von Kindern, Frauen, Erwerbslosen mit und verlangt kurz vor anstehenden Kabinettsbeschlüssen, also fünf vor zwölf, ein paar Abmilderungen. So auch jetzt bei der »Reform« der Pflegeversicherung. Die sieht zusätzliche Belastungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen – und für die Beschäftigten in Pflegeheimen – vor.

Die SPD fordert nun eine Deckelung der rasant steigenden monatlichen Eigenanteile, die Pflegebedürftige und ihre Angehörigen aufbringen müssen. Doch das ist eine Mogelpackung. Denn der von den Sozialdemokraten vorgeschlagene Deckel von 1500 Euro monatlich betrifft nur die reinen Pflegekosten, nicht aber die ebenfalls seit Jahren steigenden Aufwendungen für Verpflegung, Unterkunft und Co. Außerdem könnten Generalsekretär Klüssendorf und andere SPD-Größen ihren Genossen Klingbeil auffordern, fünf Milliarden in der Coronakrise aus der Pflegekasse abgezweigte Euro an diese zurückzuzahlen, um deren Defizit auszugleichen.

Wenn sie einen ersten Schritt hin zu einer solidarischen Pflegeversicherung für alle in Form eines Beitrags der privat Pflegeversicherten für die gesetzlichen Kassen anmahnen, ist das zwar gut. Nur hätten sie das von Anfang an tun müssen. Und wenn SPD-Fraktionschef Miersch sagt, seine Partei werde ein »reines Kürzungspaket so« nicht mittragen, heißt das im Klartext: Grundsätzlich darf es schon ein Kürzungspaket sein, nur möchte die SPD sich anschließend ein paar Abmilderungen zugutehalten können.

Den Weg zu einer Pflege-Vollversicherung zu beschreiten, die vor horrenden Eigenanteilen im Alter und für Angehörige schützt, wäre angesichts der Alterung der Gesellschaft das Gebot der Stunde und der Vernunft für die Koalition gewesen. Doch nichts dergleichen wird passieren.

Damit Wohlmeinende sich nicht zu sehr über die SPD-Vorschläge freuen, sei hier auch daran erinnert, dass das Pflege-Gesetzespaket unter anderem die Streichung des sogenannten Entlastungsbetrags beim Pflegegrad 1 beinhaltet. Leistungen für Familien, in denen Angehörige daheim gepflegt werden, werden also weiter zusammengestrichen. Auch zum Aussetzen der Tarifpflicht für Beschäftigte in der Pflege bis 2030 kam und kommt von der SPD kein »Nicht mit uns!«. Dabei ist das nicht nur eine Unverschämtheit gegenüber den hart am Burn-out Schuftenden, sondern es wird den dramatischen Arbeitskräftemangel weiter verschärfen und damit auch die Gefahr der Vernachlässigung Pflegebedürftiger erhöhen.

Erstveröffentlicht im nd v. 28.9. 2026
Proteste fürs Schaufenster

Wir danken für das Publikationsrecht.

Israel und NAZA

Was hat es mit der hysterischen Reaktion Israels auf die Preiskrönung des Filmes “Naza” in Venedig auf sich?

Von MOSHE ZUCKERMANN

Titelbild: Gaza. WAFA

Am 10. September 2026 fand im Rahmen des Wettbewerbs um den Goldenen Löwen die Weltpremiere von NAZA bei den 83. Internationalen Filmfestspielen von Venedig statt. Regie führten Yuval Abraham und Rachel Szor, die bereits zu den Regisseuren von No Other Land gehörten. Es handelt sich um einen investigativen Dokumentarfilm, der die militärischen und nachrichtendienstlichen Systeme hinter den israelischen Luftangriffen auf Gaza untersucht – besonders die Frage, wie viele zivile Opfer bei den operativen Entscheidungsprozessen einbezogen bzw. in Kauf genommen werden.

Im Zentrum des Films stehen 24 israelische Soldaten, Geheimdienstmitarbeiter und Offiziere, mit denen Abraham und Szor über einen Zeitraum von etwa drei Jahren gesprochen haben. Gesichter und Stimmen wurden zum Schutz der Informanten digital verändert. Ihre Aussagen betreffen u.a. den Einsatz von KI-gestützten bzw. automatisierten Systemen bei der Suche und Auswahl von Angriffszielen; die geheimdienstlichen Verfahren, mit denen bestimmt wird, welches Gebäude angegriffen werden soll; die Einschätzung, wie viele palästinensische Zivilisten bei einem Angriff voraussichtlich getötet werden; die Tatsache, dass nach den Aussagen der Informanten zivile Opfer teilweise nicht bloß als unbeabsichtigte Nebenfolge, sondern als kalkulierbare Größe in die militärische Entscheidungsfindung eingehen. Der Titel NAZA bezeichnet dabei einen hebräischen militärischen Begriff (Akronym) für die erwartete Zahl ziviler Opfer eines Angriffs – also eine bürokratisch-technische Kennzahl für “Kollateralschäden”.

Der Film will weniger einzelne Soldaten moralisch beurteilen, sondern versucht, die Struktur und Bürokratie des Tötens sichtbar zu machen. Die Regisseure fragen also nicht primär “Warum tötet dieser oder jener Soldat?”, sondern “Wie kann ein bürokratisch-technisches System entstehen, in dem die Tötung von Zivilisten kalkuliert, quantifiziert und in Entscheidungsprozesse integriert wird?” Die offizielle Festivalbeschreibung formuliert den Anspruch noch schärfer: Der Film wolle die „systems behind Israel’s calculated mass killing of Palestinian civilians in Gaza“ offenlegen. Ein wesentlicher Teil des Materials stammt aus journalistischen Recherchen von The Guardian, +972 Magazine und Local Call, die bereits seit 2023 über diese militärischen Systeme berichtet haben. NAZA versucht, aus diesen einzelnen Enthüllungen ein Gesamtbild der dahinterstehenden militärischen Logik zu entwickeln.

Die israelische Armee weist zentrale Aussagen und Schlussfolgerungen des Films zurück. Sie bestreitet insbesondere, dass KI eigenständig über Angriffe entscheide, und kritisiert die Verwendung nicht überprüfbarer anonymer Quellen. Diese Gegenposition gehört zur öffentlichen Auseinandersetzung über den Film. Gerade deshalb ist NAZA nicht einfach ein Film über einzelne Kriegsverbrechen, sondern ein Film über die Sprache und Bürokratie, durch die Gewalt administrativ verschleiert oder normalisiert werden kann: “Kollateralschaden”, Zielauswahl, Fehlerquote, erwartete Opferzahl usw.

Die Reaktion im Saal bei der Premiere war enthusiastisch. Nach der Vorführung gab es etwa 25 Minuten lang Standing Ovations – nach damaliger Berichterstattung die längste bzw. eine der längsten Reaktionen in der Geschichte des Festivals. Die Ovationen richteten sich insbesondere an Abraham und Szor, aber auch an die Produzenten. Zugleich war die Atmosphäre außerhalb des Saales politisch aufgeladen: Auf dem roten Teppich waren Rufe wie “Free Palestine” und “Free Israel” zu hören. Die Jury zeichnete den Film schließlich mit dem “Special Jury Prize” aus.

Die Reaktion in Israel auf den Film und die Veranstaltung war außerordentlich heftig. Bemerkenswert ist, dass viele der schärfsten Angriffe von Politikern kamen, die den Film zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gesehen hatten. Benjamin Netanyahu bezeichnete den Film als Teil einer internationalen antisemitischen Kampagne und kritisierte besonders, dass israelische Filmemacher das israelische Militär als Kriegsverbrecher darstellten. Kulturminister Miki Zohar ging noch weiter: Er bezeichnete Abraham und Szor als Verräter und kündigte an, Schritte zum Entzug ihrer israelischen Staatsbürgerschaft prüfen zu lassen. Auch der Generalstabschef, Eyal Zamir, meldete sich zu Wort und bezeichnete die Vorwürfe des Films als “Blutlügen” und “bewusste Verzerrung der Realität” und ordnete zugleich eine Untersuchung der militärischen Quellen bzw. möglicher Geheimnisverletzungen an. Auch einer der Führer der Opposition, Naftali Bennett, griff den Film scharf an und bezeichnete ihn als eine “Ritualmordlegende”. Von selbst versteht sich, dass Itamar Ben-Gvir und Avigdor Lieberman mit dabei waren und die Regisseure, den Film und die Veranstaltung unter Verwendung faschistischer Rhetorik vehement angriffen. Es gab aber auch einen gewissen Widerstand gegen diese Angriffe. 43 israelische Menschenrechts-, Gleichheits- und Friedensorganisationen veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung zur dezidierten Unterstützung der beiden Regisseure, mithin gegen die Forderungen, ihnen die Staatsbürgerschaft zu entziehen oder sie strafrechtlich zu verfolgen.

Das will indes wohlverstanden sein: Es handelt sich hier mitnichten um ein Gleichgewicht der Reaktionen von “links” und “rechts”. Es herrscht momentan in Israel ein schmutziger Wahlkampf, bei dem der Anschein erweckt werden könnte, ein linker Oppositionsblock sei bestrebt, den rechten bzw. rechtsradikalen Netanjahu-Block zu besiegen, mithin Netanjahus Amtszeit zu beenden. Diese Blockbildung gibt es in der Tat, nur hat sie nichts mit “rechts” und “links” zu tun, denn sobald es um Palästinenser geht, mithin um die politische Lösung des Nahostkonflikts, ist die jüdische Bevölkerung Israels weitgehend homogenisiert: Die Allerwenigsten sind bereit, der Zweistaatenlösung das Wort zu reden (de facto ist diese Kategorie schon längst im innerisraelischen Politdiskurs ausgelöscht worden). Und nach dem 7. Oktober hat sich der Hass auf Palästinenser ins Unermessliche gesteigert.

Dass Israels Reaktion auf die Katastrophe zu einem horrenden Rache- und Vergeltungskrieg ausartete, der die fast totale Verwüstung des Gazastreifen, die Tötung von 73.000 PalästinenserInnen, unter ihnen 20.000 Kinder, zeitigte, wobei unzählige Kriegsverbrechen begangen wurden, interessiert heute die jüdische Bevölkerung Israels so gut wie gar nicht mehr. Man gefällt sich darin, zu bekunden, dass man nicht die geringste Empathie für die Leiderfahrung der Gaza-Bewohner und ihre Not aufzubringen vermag. Rationalisiert wird dies mit dem “Argument”, dass es keine Unbeteiligte bzw. Unschuldige in Gaza gebe, alle seien Hamas oder Hamas-Anhänger und als solche müssen sie bekämpft und vernichtet werden – auch Kinder, weil sie zu Hamaskämpfern heranwachsen werden.

Außerdem hätten die Palästinenser die über sie hereingebrochene Katastrophe mit dem 7. Oktober selbst verschuldet. Den Kontext dieses desaströsen Pogroms vergegenwärtigt sich in Israel kaum noch jemand. Nicht nur wird die viele Jahrzehnte währende Okkupationsbarbarei, mithin die alltägliche Unterdrückung der Palästinenser in den besetzten Gebieten, die gegen sie gerichtete Gewalt, die Beraubung ihres Landes, welche auf Annexion hinausläuft, die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage völlig verdrängt bzw. gelassen ignoriert, sondern man legt sich auch keine Rechenschaft darüber ab, dass es Israel war (allen voran Netanjahu), das die verhandlungsresistente Hamas hochgezüchtet und die verhandlungsbereite PLO gedrosselt hat. Für die allermeisten Israelis beginnt das Desaster mit dem 7. Oktober, welches aber einen langen historischen Vorlauf hat, der sich vor allem darin manifestiert, dass man eine territoriale Teilung, also die Gründung eines palästinensischen Staates, nicht zulassen möchte und letztlich den Frieden mit den Palästinensern eher als Bedrohung denn als ein erstrebenswertes Ziel anzusehen geneigt ist. Die Hamas ist nicht im lustleeren Raum entstanden – auch nicht ihre terroristische Gewaltpraxis.

In einem sind sich entsprechend nahezu alle jüdischen Israelis einig: Die Palästinenser sind allesamt erbarmungslos zu bekämpfende Feinde, sie sind Terroristen, gegen die Israel, die ”einzige Demokratie im Nahen Osten”, ohne Rücksicht auf Verluste vorgehen muss. Daher gilt es “die moralischste Armee der Welt” bedingungslos zu unterstützen – ihre Soldaten sind stets “Helden”, die gegen “Monster” kämpfen. Kriegsverbrechen? Nicht die IDF. Mordlust, soldatische Übergriffe, Zerstörungslust? Wie kommt man überhaupt auf die Idee. Manifeste Unmenschlichkeit auch bei der militärischen Planung der Waffengänge? Disproportionalität der reaktiven Gewaltanwendung? Unmäßiges Töten von Zivilbevölkerung und exzessive Verwüstung? Das sind alles Vorwürfe, die nichts mit der Realität zu tun haben und im Ausland von Antisemiten sowie im Inland von sich selbst hassenden Juden erhoben werden.

Daher konnten Yuval Abraham und Rachel Szor nichts anderes als Verräter sein, die – so meinen nicht wenige in Israel –gerichtlich verfolgt, verbannt oder gar (für so manchen) getötet gehören. Was sich in der Reaktion auf NAZA wie eine kollektive Massenpsychose der jüdische Bevölkerung Israels ausnimmt, ist deshalb so gravierend, weil sich in ihr manifestiert, wie verblendet-unfähig die israelische Bevölkerung ist, sich mit dem auseinanderzusetzen, was sie im ihr vorgesetzten Spiegel zu erblicken hat. Und das Frappierende: Sie wusste schon, was sie im Spiegel wird erblicken müssen, bevor sie überhaupt den Film von Abraham und Szor gesehen hat.

Denn auch das dürfte klar sein: Die aggressiv räsonierenden Politiker wie auch die sie ideologisch tragende Bevölkerung und ohnehin die Militärs selbst wissen sehr wohl, was Israel an den Palästinensern verbricht. Sie wollen es aber nicht wissen, sie dürfen es nicht wissen wollen, denn was würde sonst von der Raison d’être ihres Staates, mithin ihres Daseins übrigbleiben? Wer sich dennoch anmaßt, artikulieren zu wollen, was er begriffen und nicht ertragen kann, muss daher als nichtswürdiger Renegat verflucht werde. Yuval Abraham und Rachel Szor trauen sich nicht, nach Israel zurückzukehren.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, erscheint demnächst.
Mehr Beiträge von Moshe Zuckermann →

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 26.9. 2026
Israel und GAZA

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung