Tausende gegen Wehrpflicht: Angst und Widerstand

KIZ, Distarstar, Dritte Wahl – großes Kulturprogramm auf antimilitaristischer Kundgebung in Berlin mit tausenden jugendlichen Teilnehmern.

Von David Rojas Kienzle

Titelphoto: Jochen Gester

Joseph und Richin, beide 21, sind zufällig hier. Eigentlich besuchen sie einen Freund in Berlin und wollten zum Brandenburger Tor. Am Freitagnachmittag stehen sie aber am Rand einer Kundgebung gegen die Wehrpflicht. Ins Militär gehen zu müssen, würde ihm Angst machen, sagt Joseph zu »nd«. »Wenn man vom Krieg zurückkommt, ist man nicht mehr die gleiche Person.« Auch für Richin ist die Vorstellung bedrohlich: »Ich würde schon gerne ein schönes Leben haben«, sagt er. Er wolle nicht in den Krieg ziehen. »Wir können ja nichts dafür, dass die Politiker solche Entscheidungen treffen.«

Eingeladen zur Kundgebung hat ein breites Bündnis um die Friedenskoordination, Schulstreiks gegen die Wehrpflicht und die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK). Das Motto ist »unzwingbar«. Angemeldet waren 30.000 Teilnehmer*innen. Um so viele Leute zu mobilisieren, hat das Bündnis zahlreiche Künstler*innen eingeladen, darunter die Rapper K.I.Z, Disarstar und Sechser und die Rostocker Punkband Dritte Wahl.

Ungefähr in der Mitte der Menge vor der Bühne steht der 22-jährige Janne. Er berichtet »nd«, sein kleiner Bruder habe einen Musterungsbescheid bekommen. Er selbst habe schon verweigert, sagt er. Janne studiert Lehramt und unterrichtet schon an einer Schule. »Viele Kinder haben Angst«, sagt er. Es stelle sich ein Gefühl der Machtlosigkeit ein, gerade auch durch soziale Medien. Deswegen sei er auch auf der Kundgebung. »Das zeigt, dass man kämpfen kann.«

Auf dem Platz des 18. März sind schon zu Kundgebungsbeginn um 16 Uhr Tausende Menschen, vor allem Jugendliche. Auf der Straße des 17. Juni ist, mehrere Meter groß, das Logo der DFG-VK aufgestellt: Zwei Hände, die ein Gewehr zerbrechen. Ein Junge sitzt vor der Bühne auf den Schultern seines Vaters und hält ein offensichtlich selbstgemachtes Schild in der Hand, auf dem steht: »Kinder wollen nicht ab 18 in die Wehrpflicht.«

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Die erste Rede hält Till von der Verdi-Jugend Kiel. Er schlägt die Brücke vom Sozialkahlschlag der Bundesregierung zur Aufrüstung. Die Jugend sei von ersterem besonders betroffen. Er spricht von verpflichtenden Krankschreibungen ab dem ersten Tag, der Aussicht, keine Rente zu bekommen, Stellenstreichungen und Kettenbefristungen. Das alles sei eine Drohung an die junge Generation. Das Geld wandere in die Taschen der Konzerne und in die Aufrüstung. Die Jugend, die verweigere, sei ein Vorbild für die Gewerkschaften. Es brauche große Streiks, auch gegen die »Politik des Sozialkahlschlags und der Aufrüstung«.

Zwischen Reden und Konzerten stimmt die Menge vor der Bühne immer wieder Sprechchöre an. Darunter »Nie wieder Wehrpflicht« oder »Krieg, Krise, Inflation, Friedrich Merz du Hundesohn«. Vor gut einer Woche waren Schüler*innen bei anderen Demonstrationen wegen letzterer Parole festgenommen worden. Aber wie schon bei der Parole »Merz leck Eier«, die im Frühjahr für Aufsehen sorgte, lassen sich die Demonstrant*innen davon nicht abhalten. Zentrale Aufgaben auf der Kundgebung, wie die Moderation auf der Bühne oder die Ordner*innen, werden von jungen Menschen übernommen.

Im Laufe des Abends wächst die Kundgebung immer weiter an. Zwei riesige orangefarbene Fahnen, auf denen »FCK AfD« und »FCK NZS« steht, werden geschwenkt, wie auch zahlreiche Fahnen kommunistischer Organisationen sowie die weiße Taube auf blauem Grund, die Fahne der Friedensbewegung. Zwischen den Reden treten immer wieder Künstler*innen auf.

»Das ist gelebter gemeinsamer Widerstand.« Jürgen Grässlin DFG-VK

Neben diesen erhält der Bundessprecher der DFG-VK mit am meisten Applaus. »Das ist gelebter gemeinsamer Widerstand«, sagt Jürgen Grässlin in seiner Rede dazu, dass Politik und Kultur miteinander verbunden werden. »Hallo ihr jungen Menschen, die als Kanonenfutter im nächsten Krieg dienen sollen, wenn es nach der Bundesregierung geht«, begrüßt er dann die Menge, während es langsam dunkel wird. Er erzählt, wie er in der Zeit des Kalten Krieges Soldat war. Als er Kopfschüsse üben sollte, habe er verweigert, ruft er und die Menge jubelt. »An diesem Tag wurde ich Pazifist. Ich weigerte mich zu schießen. Ich weigere mich bis heute, erst auf Zielscheiben zu schießen und danach auf Menschen.«

Er sagt, dass die russische Armee völkerrechtswidrig in die Ukraine einmarschiert ist. Es werde aber nicht gesagt, dass die israelische Armee Zehntausende getötet hat, dass die türkische Armee Kurd*innen umbringt. »Das Gute an alledem aber ist: Ihr verweigert euch!« Grässlin schließt seine Rede mit einer Aufforderung: »Lasst uns gemeinsam diese bessere Welt erschaffen!«

Nach einem kurzen Auftritt des Rappers Sechser geht Andrea Hornung ans Mikro. Sie ist Sprecherin der Initiative »Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder«, die die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht mitorganisiert. Hornung erzählt von der Musterungslotterie, mit der während des Vietnamkriegs junge US-Amerikaner ausgelost wurden, die dann nach Südostasien in den Krieg mussten. Aber genauso berichtet sie vom Widerstand dagegen, an den sie heute anschließen will. »Wir verweigern uns und kämpfen gegen den Krieg«, ruft sie und schließt: »Wenn die Bundesregierung mit uns Lotto spielen will, dann sorgen wir dafür, dass sie nur Nieten zieht.«

Jemand, der die Folgen seiner antimilitaristischen Haltung gespürt hat, ist Soul Tsalik. Er ist, wie er sagt, israelischer, antizionistischer Aktivist und berichtet von seinen Erfahrungen. »Als ich 16 war, bekam ich meinen ersten Einberufungsbescheid.« Damals habe er noch sein Bestes gegeben, um in die angesehenste Militäreinheit zu kommen. Mit 18 allerdings verweigerte er und musste deswegen ins Gefängnis. Er habe Freunde verloren und noch immer berufliche Nachteile.

Jetzt studiert Tsalik. In jedem Hörsaal sei ein Soldat. »Militarismus ist eine Sucht«, sagt er und er diene dazu, das Leben zu vereinfachen. »Das Schlimmste, was Militarismus macht, ist Krieg, ist Besatzung, ist Völkermord.« Er sagt, gezielt an das deutsche Publikum gerichtet, die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit dürften die Verbrechen der Gegenwart nicht rechtfertigen. »Hört auf, mein Land zu bewaffnen«, ist der letzte Satz seiner Rede.

Nach weiteren Reden und Konzerten schließt die Kundgebung mit einem Auftritt von K.I.Z. Schon vorher, beim Auftritt von Disarstar, war die Stimmung wie bei einem Festival. Jetzt singen tausende Teilnehmer*innen lautstark mit.

Am Ende sind es nicht die angekündigten 30.000 Teilnehmer*innen geworden, sondern, so die Veranstalter*innen, 20.000. Trotzdem zeigt sich am Freitag, dass die Friedensbewegung, deren Veranstaltungen in den vergangenen Jahren vor allem von Älteren besucht wurden, sich verjüngt. Die Aussicht, in den Krieg geschickt zu werden, macht Angst – aber auch der Wille, Widerstand zu leisten, wird größer.

Erstveröffentlichz im nd v. 4.10. 2026
Tausende gegen Wehrpflicht

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SPD-Forderungen zur Pflege­reform sind Protest fürs Schau­fenster

Die Wünsche der Sozialdemokraten ändern nichts daran, dass Beschäftigte in Heimen und Familien weiter belastet werden. Ein Kommentar

Von JANA FRIELINGHAUS

Screenshot Tagesschau

Kommt es zum Schwur, entdeckt die SPD zuverlässig ihr soziales Gewissen. Sie trägt brutale Kürzungsprogramme zulasten von Kindern, Frauen, Erwerbslosen mit und verlangt kurz vor anstehenden Kabinettsbeschlüssen, also fünf vor zwölf, ein paar Abmilderungen. So auch jetzt bei der »Reform« der Pflegeversicherung. Die sieht zusätzliche Belastungen für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen – und für die Beschäftigten in Pflegeheimen – vor.

Die SPD fordert nun eine Deckelung der rasant steigenden monatlichen Eigenanteile, die Pflegebedürftige und ihre Angehörigen aufbringen müssen. Doch das ist eine Mogelpackung. Denn der von den Sozialdemokraten vorgeschlagene Deckel von 1500 Euro monatlich betrifft nur die reinen Pflegekosten, nicht aber die ebenfalls seit Jahren steigenden Aufwendungen für Verpflegung, Unterkunft und Co. Außerdem könnten Generalsekretär Klüssendorf und andere SPD-Größen ihren Genossen Klingbeil auffordern, fünf Milliarden in der Coronakrise aus der Pflegekasse abgezweigte Euro an diese zurückzuzahlen, um deren Defizit auszugleichen.

Wenn sie einen ersten Schritt hin zu einer solidarischen Pflegeversicherung für alle in Form eines Beitrags der privat Pflegeversicherten für die gesetzlichen Kassen anmahnen, ist das zwar gut. Nur hätten sie das von Anfang an tun müssen. Und wenn SPD-Fraktionschef Miersch sagt, seine Partei werde ein »reines Kürzungspaket so« nicht mittragen, heißt das im Klartext: Grundsätzlich darf es schon ein Kürzungspaket sein, nur möchte die SPD sich anschließend ein paar Abmilderungen zugutehalten können.

Den Weg zu einer Pflege-Vollversicherung zu beschreiten, die vor horrenden Eigenanteilen im Alter und für Angehörige schützt, wäre angesichts der Alterung der Gesellschaft das Gebot der Stunde und der Vernunft für die Koalition gewesen. Doch nichts dergleichen wird passieren.

Damit Wohlmeinende sich nicht zu sehr über die SPD-Vorschläge freuen, sei hier auch daran erinnert, dass das Pflege-Gesetzespaket unter anderem die Streichung des sogenannten Entlastungsbetrags beim Pflegegrad 1 beinhaltet. Leistungen für Familien, in denen Angehörige daheim gepflegt werden, werden also weiter zusammengestrichen. Auch zum Aussetzen der Tarifpflicht für Beschäftigte in der Pflege bis 2030 kam und kommt von der SPD kein »Nicht mit uns!«. Dabei ist das nicht nur eine Unverschämtheit gegenüber den hart am Burn-out Schuftenden, sondern es wird den dramatischen Arbeitskräftemangel weiter verschärfen und damit auch die Gefahr der Vernachlässigung Pflegebedürftiger erhöhen.

Erstveröffentlicht im nd v. 28.9. 2026
Proteste fürs Schaufenster

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Israel und NAZA

Was hat es mit der hysterischen Reaktion Israels auf die Preiskrönung des Filmes “Naza” in Venedig auf sich?

Von MOSHE ZUCKERMANN

Titelbild: Gaza. WAFA

Am 10. September 2026 fand im Rahmen des Wettbewerbs um den Goldenen Löwen die Weltpremiere von NAZA bei den 83. Internationalen Filmfestspielen von Venedig statt. Regie führten Yuval Abraham und Rachel Szor, die bereits zu den Regisseuren von No Other Land gehörten. Es handelt sich um einen investigativen Dokumentarfilm, der die militärischen und nachrichtendienstlichen Systeme hinter den israelischen Luftangriffen auf Gaza untersucht – besonders die Frage, wie viele zivile Opfer bei den operativen Entscheidungsprozessen einbezogen bzw. in Kauf genommen werden.

Im Zentrum des Films stehen 24 israelische Soldaten, Geheimdienstmitarbeiter und Offiziere, mit denen Abraham und Szor über einen Zeitraum von etwa drei Jahren gesprochen haben. Gesichter und Stimmen wurden zum Schutz der Informanten digital verändert. Ihre Aussagen betreffen u.a. den Einsatz von KI-gestützten bzw. automatisierten Systemen bei der Suche und Auswahl von Angriffszielen; die geheimdienstlichen Verfahren, mit denen bestimmt wird, welches Gebäude angegriffen werden soll; die Einschätzung, wie viele palästinensische Zivilisten bei einem Angriff voraussichtlich getötet werden; die Tatsache, dass nach den Aussagen der Informanten zivile Opfer teilweise nicht bloß als unbeabsichtigte Nebenfolge, sondern als kalkulierbare Größe in die militärische Entscheidungsfindung eingehen. Der Titel NAZA bezeichnet dabei einen hebräischen militärischen Begriff (Akronym) für die erwartete Zahl ziviler Opfer eines Angriffs – also eine bürokratisch-technische Kennzahl für “Kollateralschäden”.

Der Film will weniger einzelne Soldaten moralisch beurteilen, sondern versucht, die Struktur und Bürokratie des Tötens sichtbar zu machen. Die Regisseure fragen also nicht primär “Warum tötet dieser oder jener Soldat?”, sondern “Wie kann ein bürokratisch-technisches System entstehen, in dem die Tötung von Zivilisten kalkuliert, quantifiziert und in Entscheidungsprozesse integriert wird?” Die offizielle Festivalbeschreibung formuliert den Anspruch noch schärfer: Der Film wolle die „systems behind Israel’s calculated mass killing of Palestinian civilians in Gaza“ offenlegen. Ein wesentlicher Teil des Materials stammt aus journalistischen Recherchen von The Guardian, +972 Magazine und Local Call, die bereits seit 2023 über diese militärischen Systeme berichtet haben. NAZA versucht, aus diesen einzelnen Enthüllungen ein Gesamtbild der dahinterstehenden militärischen Logik zu entwickeln.

Die israelische Armee weist zentrale Aussagen und Schlussfolgerungen des Films zurück. Sie bestreitet insbesondere, dass KI eigenständig über Angriffe entscheide, und kritisiert die Verwendung nicht überprüfbarer anonymer Quellen. Diese Gegenposition gehört zur öffentlichen Auseinandersetzung über den Film. Gerade deshalb ist NAZA nicht einfach ein Film über einzelne Kriegsverbrechen, sondern ein Film über die Sprache und Bürokratie, durch die Gewalt administrativ verschleiert oder normalisiert werden kann: “Kollateralschaden”, Zielauswahl, Fehlerquote, erwartete Opferzahl usw.

Die Reaktion im Saal bei der Premiere war enthusiastisch. Nach der Vorführung gab es etwa 25 Minuten lang Standing Ovations – nach damaliger Berichterstattung die längste bzw. eine der längsten Reaktionen in der Geschichte des Festivals. Die Ovationen richteten sich insbesondere an Abraham und Szor, aber auch an die Produzenten. Zugleich war die Atmosphäre außerhalb des Saales politisch aufgeladen: Auf dem roten Teppich waren Rufe wie “Free Palestine” und “Free Israel” zu hören. Die Jury zeichnete den Film schließlich mit dem “Special Jury Prize” aus.

Die Reaktion in Israel auf den Film und die Veranstaltung war außerordentlich heftig. Bemerkenswert ist, dass viele der schärfsten Angriffe von Politikern kamen, die den Film zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gesehen hatten. Benjamin Netanyahu bezeichnete den Film als Teil einer internationalen antisemitischen Kampagne und kritisierte besonders, dass israelische Filmemacher das israelische Militär als Kriegsverbrecher darstellten. Kulturminister Miki Zohar ging noch weiter: Er bezeichnete Abraham und Szor als Verräter und kündigte an, Schritte zum Entzug ihrer israelischen Staatsbürgerschaft prüfen zu lassen. Auch der Generalstabschef, Eyal Zamir, meldete sich zu Wort und bezeichnete die Vorwürfe des Films als “Blutlügen” und “bewusste Verzerrung der Realität” und ordnete zugleich eine Untersuchung der militärischen Quellen bzw. möglicher Geheimnisverletzungen an. Auch einer der Führer der Opposition, Naftali Bennett, griff den Film scharf an und bezeichnete ihn als eine “Ritualmordlegende”. Von selbst versteht sich, dass Itamar Ben-Gvir und Avigdor Lieberman mit dabei waren und die Regisseure, den Film und die Veranstaltung unter Verwendung faschistischer Rhetorik vehement angriffen. Es gab aber auch einen gewissen Widerstand gegen diese Angriffe. 43 israelische Menschenrechts-, Gleichheits- und Friedensorganisationen veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung zur dezidierten Unterstützung der beiden Regisseure, mithin gegen die Forderungen, ihnen die Staatsbürgerschaft zu entziehen oder sie strafrechtlich zu verfolgen.

Das will indes wohlverstanden sein: Es handelt sich hier mitnichten um ein Gleichgewicht der Reaktionen von “links” und “rechts”. Es herrscht momentan in Israel ein schmutziger Wahlkampf, bei dem der Anschein erweckt werden könnte, ein linker Oppositionsblock sei bestrebt, den rechten bzw. rechtsradikalen Netanjahu-Block zu besiegen, mithin Netanjahus Amtszeit zu beenden. Diese Blockbildung gibt es in der Tat, nur hat sie nichts mit “rechts” und “links” zu tun, denn sobald es um Palästinenser geht, mithin um die politische Lösung des Nahostkonflikts, ist die jüdische Bevölkerung Israels weitgehend homogenisiert: Die Allerwenigsten sind bereit, der Zweistaatenlösung das Wort zu reden (de facto ist diese Kategorie schon längst im innerisraelischen Politdiskurs ausgelöscht worden). Und nach dem 7. Oktober hat sich der Hass auf Palästinenser ins Unermessliche gesteigert.

Dass Israels Reaktion auf die Katastrophe zu einem horrenden Rache- und Vergeltungskrieg ausartete, der die fast totale Verwüstung des Gazastreifen, die Tötung von 73.000 PalästinenserInnen, unter ihnen 20.000 Kinder, zeitigte, wobei unzählige Kriegsverbrechen begangen wurden, interessiert heute die jüdische Bevölkerung Israels so gut wie gar nicht mehr. Man gefällt sich darin, zu bekunden, dass man nicht die geringste Empathie für die Leiderfahrung der Gaza-Bewohner und ihre Not aufzubringen vermag. Rationalisiert wird dies mit dem “Argument”, dass es keine Unbeteiligte bzw. Unschuldige in Gaza gebe, alle seien Hamas oder Hamas-Anhänger und als solche müssen sie bekämpft und vernichtet werden – auch Kinder, weil sie zu Hamaskämpfern heranwachsen werden.

Außerdem hätten die Palästinenser die über sie hereingebrochene Katastrophe mit dem 7. Oktober selbst verschuldet. Den Kontext dieses desaströsen Pogroms vergegenwärtigt sich in Israel kaum noch jemand. Nicht nur wird die viele Jahrzehnte währende Okkupationsbarbarei, mithin die alltägliche Unterdrückung der Palästinenser in den besetzten Gebieten, die gegen sie gerichtete Gewalt, die Beraubung ihres Landes, welche auf Annexion hinausläuft, die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage völlig verdrängt bzw. gelassen ignoriert, sondern man legt sich auch keine Rechenschaft darüber ab, dass es Israel war (allen voran Netanjahu), das die verhandlungsresistente Hamas hochgezüchtet und die verhandlungsbereite PLO gedrosselt hat. Für die allermeisten Israelis beginnt das Desaster mit dem 7. Oktober, welches aber einen langen historischen Vorlauf hat, der sich vor allem darin manifestiert, dass man eine territoriale Teilung, also die Gründung eines palästinensischen Staates, nicht zulassen möchte und letztlich den Frieden mit den Palästinensern eher als Bedrohung denn als ein erstrebenswertes Ziel anzusehen geneigt ist. Die Hamas ist nicht im lustleeren Raum entstanden – auch nicht ihre terroristische Gewaltpraxis.

In einem sind sich entsprechend nahezu alle jüdischen Israelis einig: Die Palästinenser sind allesamt erbarmungslos zu bekämpfende Feinde, sie sind Terroristen, gegen die Israel, die ”einzige Demokratie im Nahen Osten”, ohne Rücksicht auf Verluste vorgehen muss. Daher gilt es “die moralischste Armee der Welt” bedingungslos zu unterstützen – ihre Soldaten sind stets “Helden”, die gegen “Monster” kämpfen. Kriegsverbrechen? Nicht die IDF. Mordlust, soldatische Übergriffe, Zerstörungslust? Wie kommt man überhaupt auf die Idee. Manifeste Unmenschlichkeit auch bei der militärischen Planung der Waffengänge? Disproportionalität der reaktiven Gewaltanwendung? Unmäßiges Töten von Zivilbevölkerung und exzessive Verwüstung? Das sind alles Vorwürfe, die nichts mit der Realität zu tun haben und im Ausland von Antisemiten sowie im Inland von sich selbst hassenden Juden erhoben werden.

Daher konnten Yuval Abraham und Rachel Szor nichts anderes als Verräter sein, die – so meinen nicht wenige in Israel –gerichtlich verfolgt, verbannt oder gar (für so manchen) getötet gehören. Was sich in der Reaktion auf NAZA wie eine kollektive Massenpsychose der jüdische Bevölkerung Israels ausnimmt, ist deshalb so gravierend, weil sich in ihr manifestiert, wie verblendet-unfähig die israelische Bevölkerung ist, sich mit dem auseinanderzusetzen, was sie im ihr vorgesetzten Spiegel zu erblicken hat. Und das Frappierende: Sie wusste schon, was sie im Spiegel wird erblicken müssen, bevor sie überhaupt den Film von Abraham und Szor gesehen hat.

Denn auch das dürfte klar sein: Die aggressiv räsonierenden Politiker wie auch die sie ideologisch tragende Bevölkerung und ohnehin die Militärs selbst wissen sehr wohl, was Israel an den Palästinensern verbricht. Sie wollen es aber nicht wissen, sie dürfen es nicht wissen wollen, denn was würde sonst von der Raison d’être ihres Staates, mithin ihres Daseins übrigbleiben? Wer sich dennoch anmaßt, artikulieren zu wollen, was er begriffen und nicht ertragen kann, muss daher als nichtswürdiger Renegat verflucht werde. Yuval Abraham und Rachel Szor trauen sich nicht, nach Israel zurückzukehren.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, erscheint demnächst.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 26.9. 2026
Israel und GAZA

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