Universitäre Zeitenwende

Von Peter Nowak

Am Mittwoch, dem 26. Juni 2024, musste die Bundesbildungsministerin Stark-Watzinger im Bundestag Rede und Antwort stehen: Sollen die Wissenschaftler*innen sanktioniert werden, die jüngst in offenen Briefen die staatliche Repression gegen pro-palästinensische Aktivist*innen verurteilten? Stark-Watzinger hatte unmittelbar nach Erscheinen des Briefes öffentlich angezweifelt, ob die Unterzeichner*innen – die teilweise seit Jahrzehnten zu Rassismus, Faschismus und Antisemitismus forschen – noch auf dem Boden der Verfassung stehen. Eine sorgfältige Prüfung des Briefinhalts wartete die Bundesministerin gar nicht erst ab, einen Grund zum Rücktritt sieht Stark-Watzinger in ihrer überhasteten Denunziation allerdings nicht; eine Staatssekretärin wurde bereits geschasst, damit ist die Sache erledigt.

Im Schatten der Aufregung um Stark-Watzinger, deren Macht im föderalen deutschen Bildungssystem letztlich begrenzt ist, werden in der Hauptstadt Fakten geschaffen. Die Berliner CDU-Justizsenatorin Felor Badenberg will die Vergabe von sämtlichen Fördermitteln künftig von einer Demokratieklausel abhängig machen. Davon wären neben Wissenschaftler*innen und Künstler*innen auch viele andere Personen betroffen, die von öffentlichen Mitteln abhängig sind. Über das Prozedere hat sich Badenberg, die übrigens bis April 2023 Vizepräsidentin des Verfassungsschutzes war, in den Medien geäußert: Bei Beantragung von Fördermitteln sollen die zuständigen Behörden in einem Stichwort nachsehen, ob Bewerber*innen im Verfassungsschutzbericht auftauchen oder gleich selbst eine Anfrage bei den Verfassungsschutzämtern stellen.

2010 war die Empörung noch groß, als die damalige Bundesinnenministerin Kristina Schröder die Förderung von zivilgesellschaftlichen Initiativen gegen rechts von der Unterzeichnung einer Extremismusklausel abhängig machen wollte. Der Widerstand dagegen zog sich bis ins linksliberale Milieu und war entsprechend erfolgreich: Die Extremismusklausel ist mit der ehemaligen Ministerin in der Versenkung verschwunden. Jetzt taucht sie wieder auf, zufällig in Zeiten, in denen das Bildungs- und Wissenschaftssystem in Deutschland kriegsfähig gemacht werden soll. Bereits nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 wurde die Kooperation zu russischen und später auch zu chinesischen Wissenschaftler*innen gekappt. Stark-Watzinger zufolge ist im Zuge dieser »Zeitenwende« ein hochschulpolitischer Ansatz erforderlich, »der das hohe Gut der Wissenschaftsfreiheit mit unseren sicherheitspolitischen Interessen in Einklang bringt«.

Repressiver Umgang mit Protesten auf dem Uni-Campus, Fördermittelvergabe nur nach Verfassungsschutzanfrage und ein »Kalter Krieg« in der Forschungskooperation passen in eine Gesellschaft, in der die Räume für Widerspruch und Renitenz zunehmend eingeengt werden. 

Peter Nowak v. 29.6. 2024
https://peter-nowak-journalist.de/2024/06/29/universitaere-zeitenwende/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Antifaschistischer Regenbogen

»Neue Volksfront«

Gegen eine drohende Regierungsübernahme von rechts wendet sich in Frankreich die »Neue Volksfront« – ein buntes, aber auch brüchiges Bündnis

Von Volkmar Wölk

Manche Episoden der Geschichte hinterlassen Spuren. Sie können nur oberflächlich sein oder sie graben sich tief ein. Manchmal verblassen sie wieder und scheinen völlig verschwunden zu sein, nur um an unerwarteter Stelle erneut aufzutauchen. Sie überwinden Zeit und Raum als Teil einer großen Erzählung des Kampfes um Emanzipation.

Die Geschichte der Rainbow Coalition gehört zweifellos zu dieser Erzählung. Eigentlich war jener Zusammenschluss progressiver Bewegungen nur ein lokales Ereignis im Chicago Ende der 60er Jahre. Und doch war sie viel mehr. Gegründet von dem Aktivisten der Black Panther Party Fred Hampton entwickelte sie sich zu einem sozialrevolutionären Netzwerk, das marginalisierte junge Leute diverser Communities vereinte, die bis dahin isoliert gekämpft hatten. Es ging um einen grundlegenden sozialen Wandel, den Kampf gegen den Rassismus im Staat und in der Gesellschaft. Hampton selbst proklamierte: »Nichts ist wichtiger, als den Faschismus zu stoppen, denn der Faschismus wird uns alle stoppen.« Am 4. Dezember 1969 wurde Hampton vom FBI im Schlaf erschossen.

Von Nupes zur Neuen Volksfront

Die Agrarwissenschaftlerin und langjährige Sprecherin von Attac Frankreich, Aurélie Trouvé, brachte diesen Ansatz 2021 mit ihrem Buch »Der Regenbogen-Block. Für eine politisch radikale und inklusive Strategie« wieder ins Spiel. Eine solche Strategie, so Trouvé, verdeutliche sich in den Sätzen von Hampton: »Wir müssen Feuer mit Wasser bekämpfen. Wir dürfen Rassismus nicht mit Rassismus bekämpfen, sondern müssen ihm mit Solidarität entgegentreten. Wir dürfen den Kapitalismus nicht mit einem Kapitalismus auch für Schwarze bekämpfen, sondern mit der Forderung nach Sozialismus.« Heutzutage, da der Neoliberalismus an seinen Widersprüchen erstickt, schlussfolgert Trouvé, sei es unverzichtbar, die diversen Kräfte der organisierten Linken zu bündeln und die feministischen, sozialen, radikaldemokratischen, ökologischen und antifaschistischen, außerparlamentarischen Kräfte zum festen Bestandteil eines Bündnisses zu machen. Es geht um die Zusammenführung sowohl der unterschiedlichen Kampffelder wie auch der Kampfformen.

Aurélie Trouvé ist seit 2022 Parlamentsabgeordnete von La France Insoumise (LFI). Ihr Ansatz der »Regenbogen-Koalition« hatte zur Gründung des Wahlbündnisses Nupes (Neue ökologische und soziale Volksunion) beigetragen, das dem neoliberalen Status quo wie dem Rechtsruck etwas entgegensetzen sollte. Das Linksbündnis hatte keinen Bestand und scheiterte auch an inneren Widersprüchen. Mittlerweile hat sich die Lage nochmals deutlich zugespitzt: Das Lager des neoliberalen Präsidenten Emmanuel Macron ist offensichtlich heruntergewirtschaftet und verfügt spätestens seit der Niederlage bei der Europawahl über keine eigene Mehrheit mehr. Die Regierungsübernahme durch die extreme Rechte um Marine Le Pen erscheint als realistisches Szenario.

»Diese Volksfront wird umso schlagkräftiger sein, je weniger sie sich auf ein Wahl­bündnis politischer Apparate reduzieren lässt.«Didier Eribon Soziologe und Philosoph

Auf diese Gefahr reagierte die Linke mit der Gründung einer »Neuen Volksfront« (NFP), die jedoch mehr ist als nur eine aus der Not geborene Reaktion. Das Bündnis lasse Hoffnung schöpfen, urteilt Didier Eribon im Interview mit der Tageszeitung »Libération«. »Diese Volksfront wird umso schlagkräftiger sein, je weniger sie sich auf ein Wahlbündnis politischer Apparate reduzieren lässt. Es handelt sich um eine viel breitere Sammlungsbewegung, die im Entstehen begriffen ist: mit Gewerkschaften, Verbänden, ökologischen und antirassistischen Bewegungen, LGBT, Jugendorganisationen, Intellektuellen und Künstlern.« Eribon scheint richtig zu liegen mit seiner Einschätzung. Die Gewerkschaften, die in Frankreich traditionell nicht in Wahlkämpfe eingreifen, mobilisieren in großem Stil für das Linksbündnis. An einer Kundgebung am Donnerstag in Paris, zu der über 100 Organisationen – von der Liga für Menschenrechte bis hin zu Oxfam und Greenpeace – aufgerufen hatten, nahmen Zehntausende teil.

Vieles wird möglich

Aus dem Zusammenschluss, meint Eribon, könnte sich eine umfassende Dynamik entwickeln, die neue Perspektiven eröffne, besonders durch die kollektive Neudefinition eines Linksprojekts der sozialen Transformation. »In einem solchen Moment, wie wir ihn gerade erleben, werden viele Dinge möglich.« Ansätze zu einer wirklichen Veränderung sind erkennbar, wie etwa der Versuch, in und mit einem Wahlbündnis über ein reines Wahlbündnis hinauszuweisen und außerparlamentarische Bewegungen zu berücksichtigen.

Einige bisherige Abgeordnete des LFI wurden nicht erneut aufgestellt. Stattdessen kandidieren nun durchaus prominente Gewerkschafter*innen. Die nachvollziehbare Maßnahme hat allerdings auch einen schalen Beigeschmack, da es sich bei den nicht mehr Berücksichtigten durchweg um interne Kritiker*innen von Jean-Luc Mélenchon handelt. Andere Kandidaturen sind deutliche Zeichen an die außerparlamentarischen Bewegungen. So nominierte LFI einen der Wortführer der Bewegung gegen die umstrittene Schnellbahn-Neubaustrecke Lyon nach Turin in den Savoyen.

Und in Avignon wurde mit Raphaël Arnault ein bekannter Aktivist der antifaschistischen Jeune Garde aufgestellt – eine Entscheidung, die sofort zu heftigen Attacken führte. Denn Arnault ist durch den französischen Inlandsgeheimdienst mit dem »fiche S« markiert, einer Einstufung, die in Deutschland der eines »Gefährders« entspricht. In Frankreich sind schätzungsweise knapp 30 000 Personen von diesen Einträgen betroffen.

Bruchlinien

Vom LFI prallen solche Angriffe bisher ab. Mathilde Panot, Fraktionsvorsitzende des LFI im Parlament, konterte entsprechende Vorwürfe mit den Worten: »Ich bin stolz darauf, antifaschistische Kräfte in unserer Neuen Volksfront zu haben.« Allerdings zeigt der Fall auch mögliche Bruchlinien innerhalb des NFP auf. Fabien Roussel, Chef der französischen Kommunisten, forderte LFI umgehend im Fernsehen auf, die Kandidatur von Arnault rückgängig zu machen.

Ein deutlicher Bruch zeichnet sich mit dem Verhältnis zum Antisemitismus ab. Die Zerwürfnisse darum sind kein Alleinstellungsmerkmal der deutschen Linken. Serge Klarsfeld, als Nazijäger bekannt, erklärte wegen Äußerungen von Funktionären des LFI, er würde im zweiten Wahlgang, »ohne zu zögern«, Le Pens Rassemblement National wählen, wenn der Gegenkandidat vom LFI komme. Bernard-Henri Lévy stützte diese Position in einem Gastbeitrag in der »Süddeutschen Zeitung« und warnte vor Frankreichs »antisemitischer Linken«. Zur entgegengesetzten Einschätzung kommt der konservative Philosoph und Historiker Emmanuel Todd, ebenfalls jüdischer Herkunft. Er urteilte kategorisch: »Wenn die Wehrmacht wieder in Paris einmarschiert, dann werde ich mich eher bei einem Aktivisten des LFI verstecken als bei einem Konservativen oder jemandem vom Front National.«

Linke Sozialwissenschaftler wie Geoffroy de Lagasnerie sehen nicht nur in diesem Fall eine umfassende Kampagne sowohl der Kreise um Macron als auch der extremen Rechten, um das neue Bündnis zu verunglimpfen. Er zitiert die US-Bürgerrechtlerin Bernice Johnson Reagon: »Wenn du Teil eines Bündnisses bist und dich darin wohlfühlst, dann ist das Bündnis noch nicht breit genug.« Welche Zukunft das Regenbogen-Bündnis haben wir, steht spätestens am 7. Juli fest.

Quelle: nd v. 29.6. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1183336.neue-volksfront-linksbuendnis-in-frankreich-antifaschistischer-regenbogen.html?sstr=Volkmar|W%C3%B6lk

Wir danken für das Publikationsrecht.

Von Krieg zu Krieg

Seit 80 Jahren rettet der Internationale Währungsfonds das Weltfinanzsystem. Nun gerät er selbst in die Krise

Von Stephan Kaufmann

Bild: Unter dieser Losung demonstrierten 1988 etwa 100 000 Menschen in Berlin gegen die sog. Restrukturisierungsprogramme des IWF, die Länder in die Armut trieben.

Steuerdebatten laufen in Deutschland stets friedlich ab. In Kenia dagegen gab es zuletzt Tote: Tagelang protestierte in Nairobi die bereits verarmte Bevölkerung gegen Pläne der Regierung zu Steuererhöhungen. Am Ende wurde scharf geschossen – und die Regierung musste ihr Vorhaben zurücknehmen. Gefordert hatte die Steuererhöhung der Internationale Währungsfonds (IWF): Im Gegenzug für Hilfskredite musste das überschuldete Kenia dem Fonds zusagen, seine Einnahmen zu erhöhen. »Wir sind nicht die Laborratten des IWF«, skandierten die Demonstranten in Nairobi. 80 Jahre nach seiner Gründung ist der Fonds damit wieder im Zentrum der Kritik. Gleichzeitig ist er eine Säule, auf der die Weltfinanzordnung ruht. Doch diese Säule bröckelt. Unterminiert wird sie durch die »zunehmende Politisierung des globalen Finanzsystems durch die USA, Europa und China«, so Adam Posen, Chef der US-Denkfabrik Peterson Institute.

Gegründet wurde der IWF vor genau 80 Jahren auf der Konferenz von Bretton Woods. Im Zuge der fortlaufenden Finanz- und Schuldenkrisen der Nachkriegszeit wurde er zu einer Art globaler Finanzfeuerwehr, die hochverschuldeten Staaten aushilft, die von privaten Geldgebern keine Kredite mehr bekommen. So federte der Fonds die zahlreichen Zusammenbrüche ab – von der Lateinamerikakrise der 1980er Jahre über die Asien-, Mexiko- und Russlandkrise der Neunziger bis zur Eurokrise der 2010er Jahre. Und auch in heutigen Zeiten der latenten Krise ist er global aktiv: Seit der Corona-Pandemie hat er eine Billion Dollar an Liquidität in das Finanzsystem geschleust, 93 Staaten schulden dem IWF Geld und müssen daher auf seine Anweisungen hören – wie Kenia.

Der IWF finanziert sich aus Kreditzusagen seiner Mitgliedsländer, vor allem der USA, Japans und Europas. Es handelt sich bei ihm also um eine Art kollektiv finanziertes Sicherungsnetz – und dieses Netz wurde nicht aus Mildtätigkeit für die Verliererstaaten des Weltmarktes gespannt. Vielmehr leistet der Fonds unersetzliche Dienste: Er stabilisiert das Gesamtsystem. Durch seine »Hilfe« bleibt ein Land zahlungsfähig, auch wenn es das nach ökonomischen Maßgaben gar nicht mehr ist. Mit den IWF-Krediten bleibt das überschuldete Land als Geschäftspartner der Weltmarktgewinner erhalten, ihre Investitionen und Kredite müssen nicht abgeschrieben werden, und systemgefährdende Staatspleiten werden verhindert.

Das macht den Fonds so wertvoll für die großen Weltwirtschaftsmächte: Als Garanten der IWF-Kredite »retten« sie regelmäßig die Zahlungsfähigkeit ruinierter Länder, mindern damit aber weniger den Schaden der Schuldner – siehe Kenia –, sondern bewahren sich selbst vor dem Schaden, den die Schuldner dem System zufügen könnten. Das ist die Leistung des IWF. Allein durch seine Existenz schafft er Vertrauen an den Finanzmärkten und macht so ein System stabil, das permanent Verlierer produziert. Damit fördert er weltweit Investitionen und Handel. Im Krisenfall sorgt er mit den Auflagen für seine Schuldner dafür, dass sie ein investorenfreundliches Klima schaffen, wobei die Investoren zumeist aus dem Globalen Norden stammen.

Allein durch seine Existenz schafft der IWF Vertrauen an den Finanzmärkten und macht so ein System stabil, das permanent Verlierer produziert.

Dass der IWF eine Institution ist, die die Weltmarktgewinner vor den -verlierern schützt, ist auch an seiner Struktur erkennbar. Zwar zählt der Fonds 190 Mitglieder, bestimmend in ihm sind aber jene Länder, die mehr zur Finanzkraft des IWF beitragen. Das sind im Wesentlichen die USA und die EU-Staaten, die auch die Führungsposten des Fonds besetzen. Der Stimmenanteil der USA im IWF beträgt 16,5 Prozent, was ihnen als einzigem Land ein Veto-Recht einräumt, da Entscheidungen im IWF-Führungsgremium mindestens 85 Prozent Zustimmung benötigen. Ein Veto-Recht haben auch die EU-Staaten, solange sie geschlossen auftreten: Deutschland hat 5,3 Prozent der Stimmen, dahinter folgen Frankreich (4,0), Italien (3,0), die Niederlande und Spanien (je rund zwei Prozent). »Bislang hat aber kein Land und keine Ländergruppe sich je dafür entschieden, die US-Führung offen herauszufordern«, schreibt Morten Bøås, Professor am Norwegischen Institut für Internationale Angelegenheiten.

Formal ist der IWF unabhängig. Allerdings sind bei seinen Krediten »geopolitische Erwägungen ein wichtiger Faktor«, so ein Arbeitspapier der Europäischen Zentralbank von 2008. Deutlich wird dies aktuell im Falle Ukraine: Ursprünglich verboten die IWF-Regeln die Kreditvergabe an Krieg führende Länder. Doch für die Ukraine wurden diese Regeln umgeschrieben. Für den hoch verschuldeten Westen sei es »reizvoll, die IWF-Ressourcen zu nutzen, um Freunden und Nachbarn zu helfen, selbst wenn diese Kredite ökonomisch nicht gerechtfertigt sind«, schreibt Raghuram Rajan, ehemals Zentralbankdirektor Indiens, in einem IWF-Papier.

Die Machtverteilung innerhalb des IWF passte zu einer Zeit, in der die Vormacht des Westens uneingeschränkt war. Doch sind diese Zeiten vorüber. Denn erstens haben die US-Hypothekenkrise ab 2007 sowie die Eurokrise ab 2010 gezeigt, dass nicht länger nur die ärmeren Länder Schwachpunkte des globalen Finanzsystems sind. Zweitens haben die Schwellenländer und vor allem China an ökonomischer Bedeutung gewonnen und damit zum Westen aufgeschlossen. Es sei nicht einzusehen, warum »Chinas Stimmenanteil im IWF ist mit 6,08 Prozent geringer als der Japans, obwohl Chinas Wirtschaft mehr als vier Mal größer ist als die Japans«, so Rajan. »Gleichzeitig ist Indiens Anteil geringer als der Frankreichs und Großbritanniens, obwohl Indiens Wirtschaft beide überholt hat.« Dieser Zustand, so Rajan, sei lediglich zu erklären mit dem »Bedürfnis des Westens, seine Macht zu erhalten«.

Die Kritik am IWF nimmt damit zu, da er als Instrument des Westens gesehen wird. Insbesondere China baut daher eigene Kreditinstitutionen auf und tritt selbst als Kreditgeber des Globalen Südens auf. Damit aber zersplittert das Weltfinanzsystem, der IWF verliert an Autorität – und das in einer Zeit, in der große Krisen immer näherrücken. Schließlich sind gerade in den armen Ländern die Schulden in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. Verschärft wird die Situation dieser Länder durch die »geopolitischen Machenschaften der Regierungen großer Wirtschaftsmächte und ihre Tendenz, den Zugang zu ihren Märkten nur noch für Verbündete zu reservieren«, so Posen. »Das ist exakt die Art von sicherheitsgetriebener Fragmentierung, die das Bretton-Woods-Abkommen vor 80 Jahren verhindern sollte«.

Um das System zu retten, werden nun zwei Lösungen präsentiert. Zum einen sollen die Stimmrechtsanteile innerhalb des IWF stärker zu Gunsten der großen Schwellenländer umverteilt werden. Doch dürfte das kaum die zugrundeliegenden Widersprüche auflösen. »Wenn die Stimmrechte nach Wirtschaftskraft aufgeteilt werden, könnte China dereinst die meisten Stimmrechte erhalten, laut IWF-Statuten müsste der IWF dann nach Bejing umziehen«, so Rajan. Es ist kaum denkbar, dass die USA dies geschehen lassen. Der zweite Vorschlag ist, den IWF von politischem Einfluss zu befreien, ihn unabhängig zu machen. Doch auch hier ist fraglich, ob insbesondere die USA dies billigen.

So steht der Westen vor dem Widerspruch, dass er einerseits die im IWF gebündelte, kollektive Kreditmacht braucht zur Stabilisierung seiner Weltordnung. Um diese Kreditmacht zu erhalten, darf er diese Ordnung aber gleichzeitig nicht zu seinem eigenen Nutzen gebrauchen. Dieser Widerspruch ist durch eine Neuformulierung der IWF-Statuten kaum zu lösen.

Bereits auf der Bretton-Woods-Konferenz 1944 schlug der britische Verhandler John Maynard Keynes vor, dem IWF ein internationales und unabhängiges Direktorium zu geben, um ihn vor dem Einfluss der USA zu schützen. Keynes wurde aber überstimmt durch US-Verhandler Harry Dexter White. »Es ist Zeit, Keynes Idee neu zu prüfen«, so Rajan. »80 Jahre nach Bretton Woods muss die Welt entscheiden, ob sie sich den Herausforderungen stellt, oder ob sie untätig bleibt und den IWF verkümmern lässt« – und damit dem Weltfinanzsystem sein Sicherheitsnetz nimmt. Bretton Woods: Wie die Welt 1944 geordnet wurde

Der Zweite Weltkrieg war noch lange nicht vorüber, da lud die US-Regierung Vertreter von 43 Staaten zu einer Konferenz in die Kleinstadt Bretton Woods. Im Juli 1944, vor 80 Jahren, wurden dort Grundlagen der Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegszeit gelegt, die bis heute Bestand haben. Ausgangspunkt war, dass der Krieg alle großen Ökonomien stark beschädigt hatte – bis auf die USA, die unangefochten zur Wirtschaftsmacht Nummer Eins aufgestiegen waren. Auf dieser Basis machte sich die US-Regierung daran, eine Ordnung zu etablieren, die auf dem freien Welthandel beruhen sollte, also auf dem Abbau von Handelsschranken. Dabei war Washington klar, dass »es kostspielig und kontraproduktiv wäre, diese Wirtschaftsordnung allein auf Zwangsmaßnahmen zu gründen«, so der US-Politologe John Ikenberry. Also machten die USA dem Rest der Welt ein Angebot. Im Bretton-Woods-Vertrag wurden die geschwächten Währungen der anderen Länder gekoppelt an den US-Dollar, der damals global als das einzige vertrauenswürdige Geld galt, da die USA zur Gläubigernation aufgestiegen waren und quasi die gesamten Goldschätze der Welt bei ihnen lagerten. Mit ihrer Bindung an den US-Dollar wurden die anderen Währungen zu global gültigen Zahlungsmitteln, was nach dem Krieg den Welthandel in Schwung brachte. Den USA war dabei klar, dass der freie Markt allein den Aufschwung nicht bringen würde – dass er vielmehr Verlierer und Krisen produziert. Daher wurde der globale Kapitalverkehr stark eingeschränkt. Zudem wurden die Bretton-Woods-Institutionen Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) ins Leben gerufen. Die Weltbank sollte Kredite zum Wiederaufbau geben. Der IWF wiederum sollte überschuldeten Ländern mit Hilfskrediten aushelfen, um sie geschäftsfähig zu halten. Die Sowjetunion trat dem Abkommen nicht bei. Im kapitalistischen Westen hingegen schuf das Abkommen die Basis für den fulminanten Aufschwung der Nachkriegszeit. Zwar wurden einige Regelungen des Abkommens im Laufe der Zeit aufgegeben – so fiel Anfang der 1970er Jahren die Dollar-Bindung der Währungen, die Welt ging über zu einem System flexibler Wechselkurse, zudem wurde der Kapitalverkehr liberalisiert. Der US-Dollar ist aber weiter Weltleitwährung, und Weltbank und IWF bleiben bis heute Eckpfeiler der Weltwirtschaftsordnung – die im Zuge der neuen Blockkonfrontation allerdings erodiert. »Mit dem sich verstärkenden Machtkampf zwischen den USA und China kehrt die Geschichte zurück«, so Maurice Obstfeld, Ex-Chefökonom des IWF. »Die Welt bewegt sich in einen Zustand der Spannung, ähnlich wie in der Phase zwischen den Weltkriegen – ein Zustand, wie ihn das Bretton-Woods-Abkommen vor 80 Jahren beenden sollte«. 

Quelle: nd v. 29.6. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1183351.regelbasierte-weltordnung-von-krieg-zu-krieg.html?sstr=Stephan|Kaufmann

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung