„Sterben und Sterben lassen“ – Der Ukrainekrieg als Klassenkonflikt

Hatte die Corona-Pandemie bereits zu fast gegensätzlichen Wahrnehmungen und politischen Schlussfolgerungen geführt, so sorgten Ukrainekrieg und Nahostkonflikt für noch tieftere Gräben innerhalb der Linken, die sie zunehmend handlungsunfähiger machten. Erstmals stand auch die grundsätzliche Ablehnung von Kriegen zur „Lösung“ gesellschaftlicher Probleme offen zur Disposition.

In der Folge entstanden innerhalb der Friedensbewegung nun zwei Hauptströmungen. Die eine kann sich nicht von NATO-Narrativen lösen und wird direkte Kriegspartei. Die andere beschränkt sich darauf, die „Zeitenwende“-Narrative lediglich offen zu hinterfragen, um dann jedoch bei einer Position zu verharren, die die im Westen offizielle Sicht von Täter und Opfer mehr oder weniger nur umdreht. Auch wenn man zum sicher richtigen Ergebnis kommt, dass der fortdauernde Krieg im Osten vor allem der NATO zuzuschreiben ist, können Antimilitarist:innen trotzdem nicht einfach zu „Solidarität mit Russland und China“ aufrufen.  Auch die dort etablierten herrschenden Klassen sind Akteure eines imperialistischen Weltsystems und folgen der Profit- und Klassenlogik kapitalistischer Ökonomien. Solidarität muss eine andere Basis haben.

Kurz- und langfristig geht kein Weg daran vorbei, die Kampfkraft und das politische Selbstbewusstsein der abhängigen Bevölkerungsmehrheiten dies- und jenseits aller Kriegsfronten zu stärken. Nur so können sich nachhaltige Barrieren entwickeln, die den Herrschenden die Krieglust nehmen. Das sollte zumindest für die Linke innerhalb der Friedensbewegung zur entscheidenden Orientierungsmarke werden.

Um an dieses traditionelle Verständnis des Antimilitarismus zu erinnern und zu stärken hat der Berliner Verlag DIE BUCHMACHEREI das Buch „Sterben und Sterben lassen – Der Ukrainekrieg als Klassenkonflikt“ herausgegeben. Dafür wollen wir mit diesem Beitrag werben.

Zu lesen ist im Folgenden eine gekürzte Fassung des Einleitungsbeitrags. In einem PDF gibt es eine Übersicht über den Inhalt. Das Buch kann über die Buchläden, aber auch online direkt bestellt werden. https://diebuchmacherei.de/produkt/sterben-und-sterben-lassen/

Zu diesem Buch

Unmittelbar nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 öffnete sich in den westlichen Ländern in unheimlicher Geschwindigkeit und mit erdrückender Wucht eine ungewohnte Kriegsfront. Der Ruf nach Aufrüstung war plötzlich nicht mehr die Sache der politischen Rechten, sondern fand seine mitunter vehementesten Fürsprecher in linken und linksliberalen Milieus, wo die Remilitarisierung der Deutschen nun offen zur antifaschistischen Pflicht erklärt wurde.

Im Spiegel bezeichnete der Kolumnist Sascha Lobo die Gegner von Waffenlieferungen als »Lumpen-Pazifisten«, die dem »russischen Faschistenführer Putin« die Ukraine zum Fraß vorwerfen wollen. Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel zog auf ARD Parallelen zur spanischen Volksfront gegen Franco: »Eigentlich sollten wir nicht hier sitzen, sondern – wie in Spanien 1936 – in Internationale Brigaden gehen und kämpfen.« Und der Welt-Autor Deniz Yücel begründete die Unterzeichnung eines offenen Briefes an Bundeskanzler Olaf Scholz, der die kontinuierliche militärische Aufrüstung der Ukraine als Interesse Deutschlands stark macht, mit seiner Lektüre von Paul Celans Gedicht Todesfuge. Die Produktion der Todeswaren von Thyssenkrupp, Diehl oder Rheinmetall, die der deutsche Staat, drei Wochen nach der Invasion, mit einem milliardenschweren Sondervermögen ankurbelte und im Grundgesetz verankerte, wurde zur Garantie des freien Lebens erklärt, da der Tod nun ein Meister aus Russland sei.

Doch selbst innerhalb traditionell antimilitaristischer Fraktionen der Linken kam es in Teilen zu einer Revision alter Positionen. Sozialistische Gruppen ließen verlautbaren, dass der Faschismus seine Heimat nun in Moskau habe und die westlichen Gesellschaften sowie die globale Arbeiterklasse bedrohe, weshalb die maximale Bewaffnung der Ukraine durch die NATO und die Niederlage Russlands (d. h. ein Sieg des US-Imperialismus) im Interesse des Weltproletariats wären. Auch das anarchistische Milieu ist tief gespalten. Hier bewegt man sich zwischen der Bereitschaft, mit Asow-Faschisten in die Schützengräben zu gehen, bis zur Propagierung militanter Antikriegspolitik mittels Anschlägen und Sabotageaktionen.

Dieser neue progressive Militarismus befiel selbst Teile der radikalen Linken. Auch hier hat der Kampf gegen die russische Tyrannei nun oftmals Vorrang vor der Kritik am eigenen Imperialismus, da der Hauptfeind für viele nicht mehr im eigenen Land steht, sondern im Osten nur auf ein Zeichen westlicher Schwäche wartet, um loszuschlagen. In der Tageszeitung nd konnte man deshalb kurz nach der russischen Invasion von einer queeren Autorin lesen, dass wir »auch als Linke nicht mehr um die Einsicht herumkommen, dass die destruktive, tödliche Auflösung gegebener Ordnung in mitteleuropäischen Staaten nicht hinnehmbar ist. Zu ihrer Verhinderung gehört auch militärisches Gegengewicht.«

Der britische linke Publizist Paul Mason, Autor von Büchern über postkapitalistische Ökonomie und Faschismus, rief zur Unterstützung von »erhöhten Verteidigungsausgaben, anhaltender Unterstützung von Waffenlieferungen an die Ukraine, einer gestärkten NATO und nuklearer Abschreckung« auf. Im Lager der prowestlichen Linken wurde das ukrainische Opfer, kaum überraschend, mit großem Applaus begrüßt. So rehabilitierte die Wochenzeitung Jungle World, die sich einst der Kritik des Antiimperialismus verpflichtete, die internationale Solidarität: »Emanzipatorische Kräfte haben sich ausschließlich an den Interessen der Angegriffenen, Unterdrückten und Verjagten zu orientieren […]. Viele Menschen in der Ukraine wehren sich gegen den russischen Imperialismus – unabhängig davon, was die USA oder Deutschland tun. Erst dieser Widerstand eröffnete den Nato-Staaten überhaupt erst die Chance, Russlands Position zu schwächen.« In derselben Zeitung verkündete ein ukrainisch-deutscher Autor, der sich gegen die antimilitaristische Linke richtete, die neuen antifaschistischen Bündnispartner nach der Zeitenwende: »Der Dreck unter einem einzigen Fingernagel eines Asow-Soldaten ist mehr wert als die germanische Linke in ihrer Gesamtheit.«

Auf der anderen Seite treibt Putin das gleiche Spiel. Er begründete die Invasion in der Ukraine mit einer notwendigen »Entnazifizierung«, beschwört einen neuen »Großen Vaterländischen Krieg« und bezeichnet seine Gegner unablässig als »Nazis«. Zugleich wird die russische Erinnerungspolitik, die sich der verbreiteten Sowjetnostalgie bedient, von allem Sozialistischen gereinigt. Schließlich muss der russische Oligarchenkapitalismus, der seine Bürger:innen als willfährige Arbeiter und Soldaten braucht, die Erinnerung an die Arbeiter- und Soldatenräte vernichten. Und auch in Russland kann durch diese bestimmte Erinnerungspolitik, auch unter sogenannten Linken, nicht unerhebliche Zustimmung gewonnen werden.

Im Nebel historischer Referenzen

Der gegenwärtige linke Bellizismus macht die Verteidigungskräfte der Ukraine und die NATO-Armeen zu antiimperialistischen Kampfeinheiten, die im Interesse von bedrohten Minderheiten eine Heimat verteidigen, die durch den russischen Faschismus und Imperialismus existentiell bedroht sei. Man bewegt sich hierbei vollständig im Legitimationsgerüst einer US-Außenpolitik, deren Expansionismus sich in den letzten Dekaden neue Kleider anlegte, um seine militärischen Interventionen, unter Verweis auf die Unterdrückung von Minderheiten, Frauen oder queeren Identitäten, auf der Höhe der Zeit rechtfertigen zu können.

Gleichzeitig werden die machtpolitischen Interessen der Gegenwart des neuen Kalten Krieges unter Unmengen an historischen Referenzen begraben. Je nach politischem Interesse und Lager wird sich fraktionsübergreifend geschichtlicher Schablonen bedient, um mit der Weihe der Historie und dem Ziel ihrer Wiedergutmachung in die Schlacht ziehen zu können. Die Referenzen sind so grenzenlos wie die Schrecken des 20. Jahrhunderts: der Erste oder Zweite Weltkrieg, die sowjetischen Militärinterventionen in Berlin, Budapest, Prag und Afghanistan, oder auch der Kosovokrieg. Anarchisten berufen sich auf den Kampf des ukrainischen Bauernanarchisten Nestor Machno, Sozialisten auf die Volksfrontpolitik von 1936 und Antifaschisten auf die Résistance gegen den Hitlerfaschismus.

Die Schlacht von Mariupol wird mit Stalingrad und die Annexion der Krim mit der deutschen Einverleibung des Sudetenlandes verglichen. Vor dem US-Kongress beschwor Präsident Wolodymyr Selenskij den japanischen Überfall auf Pearl Harbor, im belgischen Parlament die Schlacht von Ypern, in Madrid das Massaker von Guernika und in Tschechien den Prager Frühling. Zugleich wird unermüdlich, unter Verweis auf das Münchner Abkommen von 1938, jede Kompromissbereitschaft mit verhängnisvollem Appeasement und Verrat gleichgesetzt. Um diese Wiederkehr der Vergangenheit abzuwehren, verbünden sich viele Linke mit der eigenen herrschenden Klasse und lassen die NATO die internationale Solidarität erledigen.

Massive Aufwertung des Krieges

Der Vorkrieg schafft das für den Krieg notwendige Rüstzeug: die moralische Rechtfertigung und die psychologischen Voraussetzungen. Die deutsche Rüstungsindustrie, die bis dato als ethisch kaum tragbare Branche galt, zählt heute fraktionsübergreifend als systemrelevanter Lebensretter und rehabilitierte sich quasi über Nacht. »Frieden ist eben kein Normalzustand – sondern eine wertvolle zivilisatorische Errungenschaft, die vor Bedrohungen zu schützen ist und dazu auch einer Wehrhaftigkeit bedarf, die auf militärischen Fähigkeiten beruht«, so ein Pressesprecher von Rheinmetall zum neuen Pazifismus der alten Todesproduzenten.

Diese sogenannte Zeitenwende hatte zugleich zur Folge, dass die Bedeutung anderer zivilisatorischer Errungenschaften verblassen musste: Bildung, Gesundheit, Entwicklung, Wirtschaft/Klima, Wohnen und Umwelt erhalten im geplanten deutschen Haushaltsbudget für das Jahr 2024 zusammen immer noch rund 10 Mrd. weniger finanzielle Zuwendung als das Militär. Gegen diese massive Aufwertung des Krieges gab bzw. gibt es jedoch kaum nennenswerten Widerstand. Im Gegenteil: der Westen, der den Menschen in der letzten Dekade wenig mehr bieten konnte als soziale Prekarisierung, Abstiegsängste und autoritäre Krisenpolitik konnte angesichts der »russischen Gefahr« zunächst neue Lebenskraft schöpfen. So schuf der für die Mehrheit völlig unerwartete russische Angriff auf die Ukraine und die schnelle Eskalation des Krieges, der schnell die ukrainische Zivilbevölkerung mit unerbittlicher Härte traf, im Westen nicht nur Betroffenheit und Angst, sondern zunächst auch einen gesteigerten Patriotismus, der zugleich auf die kämpfenden Ukrainer projiziert wurde.

In den endlosen Kriegsberichterstattungen, die die krisengebeutelte Bevölkerung des Westens aus der Coronakrise in die Schützengräben des Ostens führte, wurde der ukrainische Oligarchenstaat, der neuen manichäischen Vorkriegslogik folgend, zum Bollwerk der Demokratie erklärt und die Ukrainer, wie es der Soziologe Wolodimir Ishenko ausdrückt, »als Kämpfer und Sterbende dargestellt, die für etwas kämpfen, an das zu viele Westler nicht mehr glauben. Dieser edle Kampf bringt (buchstäblich) neues Blut in dessen krisengeschüttelten Institutionen und ist verpackt in eine zunehmend identitäre ‚zivilisatorische‘ Rhetorik.«

Der eurasische Raum nimmt eine zentrale Stellung ein in der US-Geopolitik

Gegen diese neuen Kriegstrommler und ihre zynische Logik, die die schrankenlose Aufrüstung zur Bedingung menschlicher Freiheit und Zivilisation erklären, richtet sich der Sammelband Sterben und sterben lassen. Er richtet sich an alle Antimilitarist:innen, die gegenwärtig wohl leider ähnlich minoritär sind, wie die sozialistischen Kriegsgegner, die sich im September 1915, als Ornithologen getarnt, in der Pension Beau Séjour im Schweizer Zimmerwald trafen, und die angesichts ihrer Zwergenhaftigkeit darüber scherzten, »dass es ein halbes Jahrhundert nach Begründung der Ersten Internationale möglich war, alle Internationalisten in vier Wagen unterzubringen«. Er richtet sich ebenso an alle Unentschlossenen, die an den humanitären Kräften der Aufrüstung und des Westens zweifeln.

Denn schließlich, soviel sollten Linke eigentlich wissen, wird die Aufrüstung durch den Westen nicht betrieben, um Freiheitsrechte von Minderheiten zu schützen, sondern sie ist Ausdruck einer weiteren Eskalationsstufe kapitalistischer Staatenkonkurrenz, die aus der unipolaren US-Hegemonie selbst hervorgegangen ist, die sich einige nun wieder zurückwünschen. Der russische Imperialismus will sich mit Gewalt als Regionalmacht in der Ukraine behaupten, deren Kampf um nationale Souveränität der Westen nutzt, um Russland von der Weltbühne zu verdrängen, zu schwächen oder sogar zu zerschlagen. Denn der eurasische Raum nimmt eine zentrale Stellung ein in der US-Geopolitik.

Der einflussreiche US-Politikberater Zbigniew Brzezinski legte davon in seinem berühmt gewordenen Buch »Die einzige Weltmacht – Amerikas Strategie der Vorherrschaft« offen Zeugnis ab. Er schrieb: »Eurasien ist der größte Kontinent der Erde und geopolitisch axial. Eine Macht, die Eurasien beherrscht, würde über zwei der drei höchstentwickelten und wirtschaftlich produktivsten Regionen reichen. […] Nahezu 75 Prozent der Weltbevölkerung leben in Eurasien, und in seinem Boden wie auch seinen Unternehmen steckt der größte Teil des materiellen Wachstums der Welt. […] Als Ganzes genommen stellt das Machtpotenzial dieses Kontinents das der USA weit in den Schatten.« Wollen die Vereinigten Staaten ihre hegemoniale Stellung behaupten, so darf kein Staatenbündnis zustandekommen, das dieses Potential beherrschen kann. Das Aufkommen einer solchen »dominierenden, gegnerischen Macht« müsse deshalb um jeden Preis verhindert werden. Die Ukraine spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn ohne die Ukraine verliert Russland sein eurasisches Potenzial und seine geopolitischen Optionen werden auf drastische Weise beschnitten.

Garantie für den Weltfrieden

Statt sich für eines dieser kapitalistischen Lager zu entscheiden,, muss jedoch auf die Totalität imperialistischer Auseinandersetzung hingewiesen und nicht zwischen guten und bösen Imperialismen unterschieden werden. Dušan Popović, der Vorsitzende der Serbischen Sozialdemokraten, wusste das bereits im Jahr 1915. Seine Partei stimmte am Vorabend des Ersten Weltkriegs gegen die Kriegskredite, obwohl ihr kleines Land angegriffen wurde:

»Wenn die Sozialdemokratie irgendwo das Recht hatte, für den Krieg zu stimmen, dann vor allem in Serbien. Für uns war aber die entscheidende Tatsache, dass der Krieg zwischen Serbien und Österreich nur ein kleiner Teil einer Totalität war, nur der Prolog zu einem größeren, europäischen Krieg, und dieser hatte – davon waren wir zutiefst überzeugt – einen deutlich ausgeprägten imperialistischen Charakter. Daher hielten wir es als Teil der großen sozialistischen, proletarischen Internationale für unsere Pflicht, uns dem Krieg entschieden entgegenzustellen.«

Popović bezeichnete wenig später die Russische Revolution als die »beste Garantie für den Weltfrieden«. Und auch wir halten die Überwindung imperialistischer Konkurrenz durch eine Klassenbewegung von unten für die einzige und beste Garantie für den Weltfrieden, in so weiter Ferne sie momentan auch liegen mag. Auf die Klassendimension des Krieges hinzuweisen ist Ziel des Buches. Zu diesem Zweck führten wir Interviews mit linken Aktivist:innen aus Russland und der Ukraine, die dem Narrativ eines antiimperialistischen Volkskriegs widersprechen und versammeln antimilitaristische Stimmen aus dem Westen. Das Buch will einen Beitrag leisten zum Aufbau eines neuen linken Internationalismus und Antiimperialismus, der nicht bereits auf den Schlachtfeldern des Vorkriegs fällt.

Keine Rückkehr zum Zustand vor dem 7. Oktober

Die Beendigung des Krieges und Fortschritte für den Frieden sind eine dringende Realität

Von Alon-Lee Green und Rula Daood

Bild: Aktivisten der Basisbewegung »Standing Together« hängen Plakate in Hebräisch und Arabisch auf mit der Aufschrift »Wir werden das gemeinsam durchstehen«. Foto: Standing Together

Ein Jahr ist seit dem 7. Oktober 2023 vergangen, als die Hamas brutal zivile Städte und Dörfer innerhalb Israels, nahe dem Gazastreifen, angriff und unsere Regierung mit einem noch brutaleren Krieg antwortete, der unser Land immer tiefer in Schmerz und Elend stürzt. Die Zahl der Todesopfer im Gazastreifen übersteigt 40 000 – darunter mehr als 15 000 Kinder. Da der Mangel an Nahrungsmitteln und medizinischer Grundversorgung weiter zunimmt, entwickelt sich eine humanitäre Katastrophe. Innerhalb Israels werden weiterhin Hunderttausende von Zivilisten aus ihren Städten nahe der Süd- und Nordgrenze evakuiert, wegen der ständigen Raketen- und Drohnenangriffe seitens der Hisbollah und der Hamas. Im Libanon führt die israelische Armee nun einen totalen Krieg, indem sie sowohl die Hauptstadt Beirut bombardiert als auch Bodentruppen entsendet, um den südlichen Teil des Landes einzunehmen.

Während der Krieg andauert, wächst die Unzufriedenheit mit der Regierung von Benjamin Netanjahu. Eine kürzlich vom privaten TV-Nachrichtensender i24news durchgeführte Meinungsumfrage zeigt, dass eine Mehrheit von 52 Prozent ein Abkommen zur Geiselfreilassung befürwortet, das ein Ende des Krieges und einen vollständigen Rückzug der israelischen Armee aus dem Gazastreifen einschließt. Weitere Meinungsumfragen zeigen, dass die Parteien, aus denen sich derzeit Netanjahus Koalition zusammensetzt, voraussichtlich ihre Mehrheit verlieren würden, wenn heute Neuwahlen angesetzt würden.

Forderung nach Geiselabkommen reicht nicht

Standing Together – als die führende Basisbewegung, die jüdische und palästinensische Bürger Israels organisiert und mobilisiert, um sich für Frieden, Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit einzusetzen – interveniert regelmäßig bei den Anti-Netanjahu-Protesten auf den Straßen. Jedes Wochenende demonstrieren Zehntausende in den Großstädten und fordern einen Geiselaustausch. Wir betonen, dass dies nur erreicht werden kann durch die Beendigung des Krieges, den Rückzug der israelischen Armee aus dem Gazastreifen und die Beendigung des Tötens von Unschuldigen.

Doch die bloße Forderung nach einem Geiselabkommen zur Beendigung des Krieges ist zwar dringend und notwendig, aber nicht ausreichend. Das seit mehr als zwanzig Jahren in der israelischen Politik vorherrschende Paradigma, das sowohl von Mitte-Rechts als auch von Mitte-Links geteilt wird, lautet: »den Konflikt verwalten«. Nicht nur Netanjahu, sondern auch diejenigen, die ihn abzulösen bereitstehen, scheinen zu glauben, dass die Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts keine dringende Notwendigkeit ist, und dass die jahrzehntelange Militärherrschaft über Millionen von Palästinensern in den besetzten Gebieten, die keine Staatsbürgerschaft haben und denen grundlegende Rechte verweigert werden, auf unbestimmte Zeit aufrechterhalten werden kann.

Der israelisch-palästinensische Konflikt kann nicht »verwaltet« werden.

Der Bankrott dieser Idee wurde nach dem 7. Oktober deutlich. Der israelisch-palästinensische Konflikt kann nicht »verwaltet« werden. Dies ist lediglich ein Rezept für weitere 7. Oktober, für weitere Kriege, Aggressionen und Eskalationen, die den Verlust vieler unschuldiger Menschenleben zur Folge haben werden. Vielmehr gilt es, die grundlegende Wahrheit zu erkennen: Es gibt Millionen von Palästinensern in diesem Land. Keiner von ihnen geht irgendwo hin. Und es gibt Millionen von Juden in diesem Land. Keiner von ihnen wird irgendwo hingehen. Die einzige Hoffnung auf Schutz und Sicherheit liegt in einem israelisch-palästinensischen Friedensabkommen, das die Besatzung beendet, dem palästinensischen Volk sein Recht auf nationale Selbstbestimmung in einem unabhängigen Staat an der Seite Israels zugesteht und die Rechte beider Völker auf ein Leben in Freiheit, Gerechtigkeit und Unabhängigkeit zu leben.

Keine Rückkehr zur Vorkriegsrealität

Diese sehr grundlegende Wahrheit wird vom politischen Establishment in Israel infrage gestellt. Vor kurzem hat die Knesset (das israelische Parlament) eine Resolution angenommen, die sich gegen die Gründung eines palästinensischen Staates an der Seite Israels ausspricht. Diese Resolution erhielt nicht nur die Unterstützung von Mitgliedern von Netanjahus rechtsextremer Koalition, sondern auch unter den Oppositionsparteien. Eine Mehrheit von 68 der insgesamt 120 Knesset-Mitglieder stimmte für die Resolution. Dazu gehörten die zentristische Partei des ehemaligen Ministerpräsidenten Jair Lapid und sogar der ehemalige Sicherheitsminister Benny Gantz, dessen Partei in den Umfragen zulegt und der als möglicher nächster Premierminister gilt. Nur neun Abgeordnete stimmten gegen die Resolution, was zeigt, dass das politische Establishment in Israel immer noch hofft, zum Status quo ante bellum zurückzukehren, also zum Zustand vor dem Krieg, in dem den Palästinensern die Eigenstaatlichkeit verweigert wird.

Deshalb müssen wir jetzt die Vorstellung in Frage stellen, dass wir einfach zur Vorkriegsrealität zurückkehren und »den Konflikt verwalten«. Dies ist ein Rezept für eine Katastrophe, aber die Politiker sind nicht bereit, dies zu erkennen. Wir brauchen eine breite Friedensbewegung, die ihre Selbstgefälligkeit in Frage stellt. Eine Bewegung, die die Idee verbreitet, dass der einzige Weg, die Zukunft und die Rechte beider Völker langfristig zu sichern, nur möglich ist durch einen israelisch-palästinensischen Frieden, der die Besatzung beenden würde. Auf der Grundlage dieser Perspektive arbeiten wir von »Standing Together« innerhalb unserer Gesellschaft, um Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften um unsere gemeinsamen Interessen herum zu organisieren, um eine neue Mehrheit aufzubauen, die eine progressive gesellschaftliche und politische Umgestaltung unseres Landes ermöglicht. Wir arbeiten im Lichte des Mottos unserer Bewegung: »Wo es Kampf gibt, gibt es Hoffnung«.

Alon-Lee Green und Rula Daood sind nationale Ko-Direktoren von »Standing Together«.

Erstveröffentlicht im nd v. 7. 10. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1185801.standing-together-keine-rueckkehr-zum-zustand-vor-dem-oktober.html?sstr=Standing|together

Wir danken für das Publikationnsrecht.

Die Ökonomie – ausradiert

In Israel leidet die Wirtschaft unter dem laufenden Krieg, in Gaza ist sie verschwunden

Von Stephan Kaufmann

Bild: unicef.uk

Israel zahlt einen hohen ökonomischen Preis für die Kriege im Nahen Osten. Die Staatsschulden steigen immer weiter und die Wirtschaftsleistung wächst kaum noch. In den palästinensischen Gebieten wiederum ist die Ökonomie im freien Fall – und in Gaza ist sie de facto ausgelöscht worden. »So etwas haben wir in der ganzen Geschichte des Städtewesens noch nicht gesehen«, sagte Mark Jarzombek, Architekturprofessor am Massachusetts Institute of Technology, der die Geschichte des Wiederaufbaus Europas nach dem Zweiten Weltkrieg studiert hat. »In Gaza sind nicht nur physische Infrastrukturen zerstört, sondern die grundlegenden Institutionen einer Gesellschaft.«

Sparprogramme für den Krieg

Die israelische Regierung schätzt, dass die laufenden Kriege bis Ende 2025 rund 66 Milliarden Dollar kosten werden. Das entspricht zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Israels, wobei in dieser Summe die Ausweitung der Kämpfe im Libanon noch nicht enthalten ist. Um den Krieg zu finanzieren und die Wirtschaft zu stützen, erhöht die israelische Regierung ihre Neuverschuldung; dieses Jahr könnte sie auf fast acht Prozent des BIP klettern. Finanzminister Bezalel Smotrich stellt die Bevölkerung daher auf Sparprogramme ein, Sozialleistungen und Gehälter werden eingefroren. Die Ausgaben für den Krieg dagegen »werden nicht begrenzt«, sagte Smotrich diese Woche. »Denn ohne Sieg wird es keine Sicherheit geben und ohne Sicherheit keine Wirtschaft.«

Insgesamt aber sieht es so aus, als könne sich Tel Aviv die Konflikte ökonomisch leisten: Die Schuldenquote ist mit 70 Prozent des BIP moderat. Die Arbeitslosenrate ist auf 2,8 Prozent gefallen und laut Smotrich wird die Wirtschaftsleistung Israels dieses Jahr noch um rund ein Prozent wachsen, nächstes Jahr sogar wieder um 4,4 Prozent.

Katastrophal ist hingegen die Lage in den palästinensischen Gebieten. Das zeigt ein Bericht der Weltbank vom September 2024, der sich auf Daten der palästinensischen Statistikbehörde bezieht. Laut diesen Daten schrumpft die Wirtschaftsleistung nicht nur – tatsächlich kann von »Wirtschaft« in Palästina nicht mehr die Rede sein.

Im ersten Quartal 2024 lag das BIP der gesamten palästinensischen Gebiete – Gaza und Westjordanland – ein Drittel unter dem Stand ein Jahr zuvor. Im Westjordanland brach die Wirtschaftsleistung um ein Viertel ein, vor allem wegen der anhaltenden Kämpfe mit israelischen Siedlern und den zahlreichen Maßnahmen, mit denen die israelische Regierung Produktion und Handel im Westjordanland behindert. Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) ist quasi pleite, da ihr zustehende Einnahmen aus Zöllen und Steuern von der israelischen Regierung zurückgehalten werden und die PA dadurch etwa zwei Drittel ihrer Finanzmittel verliert. Damit droht ein »Systemzusammenbruch«, so die Weltbank.

Im Gazastreifen wiederum erlaubte die israelische Blockade bereits vor dem jüngsten Krieg den Einwohnern lediglich ein Leben am Existenzminimum. Bis 2022 war die Wirtschaftsleistung auf den Stand von 1994 zurückgefallen. Mit dem Krieg ist nun der Rest der Wirtschaft verschwunden. Die palästinensische Statistikbehörde errechnet ein BIP-Minus von 86 Prozent.

Gaza ist unbewohnbar geworden

Mit dem Niedergang des Wirtschaftslebens sind die meisten Haushalte in Gaza ohne jede Einkommensquelle, erklärt die Weltbank. Fast die gesamte Bevölkerung lebe in Armut. Die meisten Unternehmen sind beschädigt oder zerstört, die Belegschaften sind auf der Flucht. Die verbleibende wirtschaftliche Aktivität findet im informellen Sektor statt: Basisgüter werden auf dem Schwarzmarkt verkauft, wo sich die Anbieter – insbesondere im Transportgewerbe – die katastrophale Situation zunutze machen, um die Preise zu erhöhen. Lebenswichtige Güter waren im August 250 Prozent teurer als ein Jahr zuvor.

Im Agrarsektor von Gaza ist laut Weltbank der Ertrag von 63 Prozent aller Anbauflächen gesunken. 350 000 Einwohner – 15 Prozent der Bevölkerung – haben so gut wie keinen Zugang zu Nahrungsmitteln mehr. 95 Prozent der Haushalte schränken ihre Nahrungsaufnahme ein, zwei von drei Haushalten nehmen nur noch eine Mahlzeit pro Tag zu sich, und »90 Prozent der Kinder unter zwei Jahren leiden unter extremer Nahrungsmittelarmut«, so die Weltbank.

Den Menschen mangelt es nicht nur an Geld. Dem Krieg sind die grundsätzlichen materiellen Voraussetzungen einer Gesellschaft zum Opfer gefallen. Das Bildungssystem ist kollabiert, seit Oktober 2023 erhält keines der 625 000 Schulkinder mehr Unterricht. Laut Schätzungen sind etwa 95 Prozent aller Schulen zerstört oder beschädigt. Das Gleiche im Gesundheitssystem: Die Zerstörung der Wasser- und Energieversorgung sowie ein Mangel an Generatoren haben 80 Prozent der Primärversorgungszentren funktionsunfähig gemacht. Gaza ist unbewohnbar geworden.

Ein Wiederaufbau – für den sich bislang keine Geldgeber finden – würde eine komplette Erneuerung der Infrastruktur bedeuten. Allein die Beseitigung der Schuttmassen dauert Jahrzehnte. Angesichts der umfassenden Zerstörungen, so das Palästinensische Institut für Wirtschaftsforschung (MAS), »hat das Konzept einer ›wirtschaftlichen Erholung‹ jede Bedeutung verloren«.

Erstveröffentlicht im nd v. 8.10. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1185744.krieg-in-nahost-die-oekonomie-n-ausradiert.html?sstr=Kaufmann

Wir danken für das Publikationsrecht.

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