»Die Menschen fühlen sich in die Enge getrieben«

Der Anarchist Wjatscheslaw Asarow kritisiert den autoritären Kriegszustand in der Ukraine

Im Krieg geht es oft ums Überleben. Viele Menschen in der Ukraine seien demoralisiert, meint Wjatscheslaw Asarow.


Bernhard Clasen, Odessa

Sie sind ständiger Besucher des staatlichen Archivs im Gebiet Odessa. Was suchen Sie dort?

Ich bin auf der Suche nach Material für mein neues Buch zur Situation der Arbeiterklasse in der Zeit vor der Oktoberrevolution. Hier interessiert mich insbesondere die Anfangszeit des Ersten Weltkriegs. Damals wurden die Häfen von Odessa mit Kriegsbeginn blockiert. In der Folge stand die Hälfte der Fabriken still. Es herrschte eine große Arbeitslosigkeit. Viele landeten ganz unten, wurden zu Dieben und Bettlern. Viele hungerten. Genau für diese Gesellschaftsschicht interessiere ich mich, kommen doch aus ihr die aktiven, wenn auch nicht sehr professionellen Aufständischen und Revolutionäre. Diese Leute waren es, die auf den Barrikaden waren, die die Regierungsgebäude besetzten und eben die Revolution gemacht haben.

In welchem Zustand ist das Archiv?

Es stammt aus der Zeit der Sowjetunion und enthält viele Dokumente unterschiedlicher Behörden und Strukturen, darunter der Gendarmerie, von politischen Parteien, der Polizei, Gerichten, die Revolutionäre verurteilt haben. Die Dokumente sind aus der Zeit vor der Revolution und den ersten Jahren der Sowjetmacht. Besonders gut erhalten und ausführlich sind Dokumente vom Anfang des Jahrhunderts, so um das Jahr 1905 herum. Aber je mehr man an das Jahr 1917 herankommt und insbesondere 1917 selbst, umso größer werden die Lücken. Dies betrifft insbesondere Dokumente der Gerichtsmiliz der Übergangsregierung und Unterlagen zur politischen Polizei. Die Gerichtsmiliz ist eine Einrichtung, die es nur während der kurzen Unabhängigkeit der Ukraine nach dem Ersten Weltkrieg gab. Viele wichtige Dokumente dieser Zeit fehlen auch ganz.

Aber vieles konnten Sie finden?

Ja. Es gibt auch noch Dokumente von Revolutionären, die ihre Erinnerungen aufgeschrieben haben, über den Bürgerkrieg von 1917 bis 1918, als die Armee der ukrainischen Volksrepublik gegen russische und ukrainische Rote Garden kämpfte, über ihre Zeit im Untergrund und die Militärintervention von 1918 und 1919 (erst besetzten deutsche und österreichische Truppen große Teile der Ukraine, und nach deren Rückzug war ein Expeditionskorps von französischen und griechischen Soldaten in Odessa, Anm. d. Red).

Und welchen Einfluss haben Kriminelle auf die Revolution gehabt?

Vieles findet sich auch über die kriminelle Unterwelt von Odessa in diesem Archiv. Während des Bürgerkrieges waren viele Flüchtlinge aus Zentralrussland in der Stadt. Und es gab sehr starke Überschneidungen von kriminellem und revolutionärem Untergrund. In Odessa gab es ein Regiment, das 54. sowjetische Regiment, das von einem bekannten Kriminellen, Mischka Japontschik, angeführt wurde. Der hat natürlich seine Leute im Regiment gehabt, das waren Kämpfer, die aus der kriminellen Unterwelt kamen.

Viele Revolutionäre haben ihre Laufbahn mit »Expropriationen« (d.h. Enteignungen) begonnen, was damals eine Straftat war. Und dann haben sie im Untergrund eine wichtige Rolle gespielt, brauchte man doch für Untergrundarbeit, Aktionen und Terroranschläge gegen die weißen Offiziere erfahrene und gut vorbereitete Leute. Jemand, der sein Leben in der Fabrik gearbeitet hat, kann so was nicht machen.

Wie muss man sich diese Expropriationen vorstellen?

Diese Expropriationen, im revolutionären Jargon auch »Exi« genannt, sind bewaffneter Raub in Banken, Geschäften oder bei reichen Bourgois. Das erbeutete Geld hat man für die Revolution eingesetzt. Also man hat damit zum Beispiel Arbeiterkollektive unterstützt, Streiks bezahlt, Druckmaschinen gekauft, mit denen man verbotene Literatur gedruckt hat, Labors zum Herstellen von Sprengstoffbomben. Natürlich wurden diese Expropriationen in der zaristischen Rechtsprechung als Verbrechen bestraft.

Hatten die Bolschewisten im Raum Odessa viel Einfluss?

Die Stalin’sche Interpretation der Geschichte hat natürlich alles in ihrem Sinne ausgelegt. Das heißt, in ihrer Sichtweise haben die Bolschewisten die Hauptrolle in der Revolution gespielt. Tatsächlich begonnen haben sie hier im Süden aber im Wesentlichen die Sozialrevolutionäre und die Anarchisten und eben nicht die Bolschewisten (Die Partei der Sozialrevolutionäre war eine linke Partei in Russland, Anm.d. Red.).

1917 ging es um Eigentumsfragen. Deswegen war auch viel Gewalt dabei. Bei den aktuellen Veränderungen in der Ukraine seit 2014 stehen jedoch andere Dinge im Vordergrund. Bedeutet das, dass Gewalt keine Rolle spielt?

Nein, das ist nicht so. Die Frage einer Umverteilung von Eigentum hat beim Zusammenbruch der Sowjetunion eine wichtige Rolle gespielt und auch bei den Ereignissen auf dem Maidan. Die liberalen Reformen der postsowjetischen Zeit gingen einher mit überfallartigem Raub von Besitz, Diebstahl oder Betrug mit gefälschten Dokumenten. So hatte manch einer sich das ehemals sozialistische Eigentum angeeignet. Wenn ein politisches Regime, egal wo, mit Gewalt ausgewechselt wird, dann wirkt bei dieser Umverteilung immer auch die kriminelle Welt mit.

Ich hatte mich an mehreren Aktionen beteiligt, bei denen es um soziale Gerechtigkeit gegangen ist, wie Mieten, Kosten für Strom und Heizung. Und da haben uns Hooligans, die sich »Patrioten« nannten, mit Gewalt an den Aktionen gehindert. Deswegen will ich in der Ukraine keinen Umsturz, sondern eine soziale Revolution, die den Menschen maximale Autonomie auf kommunaler Ebene garantiert.

Das Leitbild der Maidan-Demonstrationen ist der Nationalist Stepan Bandera. Warum spielt eigentlich der Revolutionär Nestor Machno in der Ukraine heute keine Rolle?

Machno steht für eine Selbstorganisation der Gesellschaft, für Basisdemokratie. Ich denke mal, die Herrschenden wollen keinen Teil ihrer Macht an die Zivilgesellschaft abgeben. Und deswegen erwähnen sie Machno nicht.

Sie haben in der Vergangenheit viele politische Aktionen organisiert. Wie können Sie jetzt im Kriegsrecht arbeiten?

Versammlungen sind verboten, die meisten unserer Aktivisten in der gesamten Ukraine haben sich entschieden, sich nicht öffentlich als Anarchisten erkennen zu geben. Wenn man hier in der Ukraine etwas sagt, das nicht mit dem offiziellen Narrativ übereinstimmt, wird einem schnell vorgeworfen, Putin in die Hände zu spielen. Und so ein Vorwurf ist sehr gefährlich. Ich weiß, wovon ich rede, war selbst Überfällen von Rechtsradikalen ausgesetzt.

Funktioniert Demokratie im Kriegsrecht?

Die Menschen fühlen sich in die Enge getrieben, sie haben Angst. Sie sind demoralisiert, Politik ist gerade nicht das, was sie brauchen. Sie denken erst mal ans eigene Überleben. Wer sein Haus verloren hat, weil es zerstört ist, wer nur absolut miserable staatliche Unterstützung erhält, in einer Turnhalle leben muss, der wird den wählen, der ihm eine Dose Trockenfleisch bringt.

Aber wer will, kann seine Meinung frei und öffentlich sagen?

Im Krieg ist viel von Einheit die Rede. Und gleichzeitig darf man nichts tun, was vielleicht von der russischen Propaganda benutzt werden könnte. Letztlich hatten wir das auch schon unter dem Präsidenten Petro Poroschenko, wenn auch in milderer Form. Konkret sieht das so aus: Du demonstrierst gegen eine Erhöhung der kommunalen Gebühren und musst dir dabei anhören: »Was soll das? Bist du eventuell auch ein Unterstützer Russlands? Jetzt werden die russischen Medien deine Aktion aufgreifen und werden schreiben, dass dir die kommunalen Gebühren nicht passen.«

Will man den Krieg beenden?

Ich glaube, dazu fehlt der politische Wille. In Russland, klar, da fehlt er völlig. Aber auch bei uns fehlt er. Russland sagt: »Überlasst uns das von uns besetzte Territorium, lass uns da die Grenze ziehen.« Doch damit können wir, kann man im Westen nicht einverstanden sein. Für die Falken des Westens wäre dies gleichbedeutend mit einer Niederlage des Westens gegenüber Russland.

Es wurden ja sehr viele Kredite bezahlt. Und gleichzeitig wird nur wenig kontrolliert. Wir haben nach wie vor Kriegsrecht. Und das heißt unter anderem, dass es verboten ist, die Machthabenden zu kritisieren, dass wir eine riesige Korruption haben. Kurzum, alle halten den Mund. Niemand hat das Recht zu kritisieren, niemand hat das Recht, auf der Straße zu protestieren. So eine kritikfreie Situation ist doch für Machthaber, egal welcher Couleur, ein richtiges Märchen.

Ich frage mich, ob Wolodymyr Selenskyj und sein Umfeld wirklich glauben, dass sie an die Grenzen von 1991 kommen werden. Oder wollen sie einfach nur Zeit schinden, um so lange wie möglich in einer derart privilegierten Lage mit Kritikverbot zu sein? Mir fällt es schwer, auf diese Frage zu antworten. Irgendwie muss man mal den Punkt auf das i setzen, den Krieg beenden. Man sollte, meine ich, solange es möglich ist, militärische Fortschritte erreichen. Doch wenn diese ausbleiben, muss man verhandeln.

Wurden in der Ukraine Fehler gemacht?

Ich denke, man hätte verhandeln müssen. Vielleicht hätte man dann den Krieg verhindern können.

Wie soll es weitergehen?

Ich hoffe, dass es bald zu demokratischen Wahlen kommen wird. Und dann geht es auch um die Frage, wie wir unsere Wirtschaft wieder aufbauen wollen. Bisher haben wir vom Westen 170 Milliarden Dollar erhalten. Dieses Geld muss irgendwann zurückgezahlt werden. Die Geldgeber sind ja nicht unsere Mäzene. Das bedeutet, die Ukraine wird auf lange Sicht ein armes Land bleiben.

Vor diesem Hintergrund, glaube ich, sind die Ideen von Nestor Machno aktuell: Selbstorganisation der Gesellschaft, demokratische Strukturen auf der untersten kommunalen Ebene. Wir Anarchisten sind beim Wiederaufbau zu einer Zusammenarbeit mit den Machthabern bereit, wenn sich dabei unsere Sicht der gegenseitigen Hilfe umsetzen lässt. Für uns gibt es nur zwei rote Linien: Wir lehnen eine Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst ab, und wir sind nicht bereit zu einer Zusammenarbeit mit Rechtsradikalen.

Interview

Wjatscheslaw Asarow ist Vorsitzender der Partei der Anarchisten der Ukraine, seit 30 Jahren aktiv in der Zivilgesellschaft. Der gelernte Seemann und Elektromechaniker hat einige Jahre auf Fischereischiffen und Schiffen der Handelsflotte gearbeitet, war anschließend, wie er sagt, »erfolgloser Unternehmer«. Er betreibt einen Telegram-Kanal (https://t.me/slav_azaroff), beschäftigt sich mit historischen Forschungen und ist Autor mehrerer Bücher zu Anarchismus und Nestor Machno, die in der Ukraine und Kanada veröffentlicht wurden.

Erstveröffentlichung im nd, v. 27. Juli 2023
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1175055.ukraine-krieg-die-menschen-fuehlen-sich-in-die-enge-getrieben.html

Wir danken für das Abdruckrecht.

Meister der Doppelmoral

Interessante und widersprüchliche Aussagen in der Tagesschau, vom 18.07.23

Immer wieder erhebt Berlin schwere Vorwürfe gegen Moskau wegen der Aussetzung des Getreidedeals, blendet aber die Folgen der Russland-Sanktionen für den Globalen Süden bei der Getreide-, Düngemittel- und Erdgasversorgung aus. Nach dem Aus des Getreidedeals, seit Anfang dieser Woche (18.07.2023) setzt unsere Außenministerin wieder ihren üblichen Tonfall gegen Russland fort, dass Putin: “erneut Hunger als Waffe gegen die ganze Welt” einsetzt. Sie verschweigt jedoch, dass die Sanktionen, die die Getreide- und Düngemittelexporte aus Russland behindern [1]Die Sache ist die, dass zwar Getreide und Düngemittel schon seit längerem von den westlichen Sanktionen ausgenommen sind, also theoretisch ohne weiteres geliefert werden dürfen. Die Theorie ist … Continue reading den globalen Süden hart treffen. Des weiteren hat die EU keine Sanktionen etwa bei Kernbrennstoffe [2]Am 15. April steigt Deutschland aus der Kernenergie aus – möchte man meinen. Im niedersächsischen Lingen wird nur das Kraftwerk abgeschaltet, Brennstäbe für Reaktoren produziert man dort … Continue reading und Nickel ausgerufen [3]In der Liste der EU der restriktiven Maßnahmen der EU, auf die die Bundesregierung verweist, findet sich nicht Nickel; in den Sanktionslisten der Bundesregierung und der EU finden sich auch nicht … Continue readingda die EU darauf angewiesen ist und es nicht aus anderen Länder beziehen kann. [4]https://www.energiezukunft.eu/umweltschutz/weiter-keine-sanktionen-fuer-russlands-atomexporte/; https://www.telepolis.de/features/Russland-Sanktionen-Ja-aber-nicht-fuer-die-Atomindustrie-8047400.htm … Continue reading

Hauptsache: Ich, alles andere ist mir egal, so ist die Denkweise der EU, so ist die Denkweise des Kapitals! Sie interessiert der Kampf gegen den Hunger der Welt nicht.

Getreidefeld
Foto: Getreidefeld, Nähe Leipzip, 2019, Ingo Müller

Interessante Tatsachen und Fakten, auch zu diesem Thema bringt “german-foreign-policy”. Das Nachrichtenmaterial dazu stammt aus öffentlich zugänglichen Quellen. Unter anderem aus Korrespondentenberichte assoziierter Wissenschaftler, die das Kontinuum (Kontinuierlichkeit, etwas lückenlos Zusammenhängendes) der deutschen Außenpolitik untersuchen.

weitere Info hierzu:


Es wird ja immer wieder durch die bürgerlichen Massenmedien und insbesondere durch unsere Außenministerin Baerbock behauptet, dass die Beendigung des Getreidedeal mit der Ukraine [5]Im Juli 2022 wurde unter der Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei eine Vereinbarung getroffen, die die Wiederaufnahme der Lieferungen aus drei ukrainischen Schwarzmeerhäfen regelt und … Continue reading die ärmsten Länder am meisten treffen wird und die Weltpreise für Getreide in die Höhe schießen werden.

Wenn man sich jedoch die Empfängerliste des Getreides anschaut, was nicht in den Massenmedien so propagiert wird, zeigt sich, dass die südlichen, ärmsten Ländern kaum etwas erhalten haben. Nutznießer waren die Länder, die mit dem Getreide Profit machen. Zu den Großabnehmer gehören die Türkey, China und Spanien.

Weitere Infos:

https://www.agrarheute.com/markt/marktfruechte/geht-getreide-ukraine-fuenf-laender-kaufen-60-prozent-602022

Wohin verkauft die Ukraine ihr Getreide? – nicht nach Afrika

Die Afrikanische Union (AU) ließ bereits am 3. Juni 2022 verlauten, dass die Blockade (gemeint sind die Sanktionen gegenüber Russland, in Punkto Getreideausfuhr) heute schon verheerende wirtschaftliche und sozioökonomische Auswirkungen haben.

weitere Info´s


Aussagen in der Tagesschau vom 18.07.2023

Schaut Euch die Tagesschau, insbesondere von Minute 02:53 – 04:52 an, hier geht es um das Getreideabkommen und wie hier zwei Aussagen genau das Gegenteil manifestieren, was kurz davor propagiert wurde. Uns wird weisgemacht, dass die Hauptleidenden des Endes des Getreideabkommens Ostafrika, Afghanistan und Jemen sind. Lt. Angaben der UN gingen nur 3% des Getreides an diese Länder.

Kommen wir jedoch zu den zwei Aussagen, die genau das Gegenteil ihrer Propaganda aufzählen. Entweder merkt es die Tagesschau selbst nicht, wie sie sich widerspricht oder sie hält die Zuschauer für dumm und blöd.

Seht selbst:

  1. Ab 03:08 – 03:14, hier geht es darum, dass Kiew den Export weiterführen will. Wer jetzt aber denkt, dass es Kiew um humanitäre Gründe geht, der irrt. Nein, es geht um die Einnahmen, die Kiew braucht. Keine weitere Bemerkungen von der Tagesschau, wozu die Einnahmen benötigt werden.
  2. Ab 4:16 – 4:26, die Tagesschau sagt selbst, dass die Hauptabnehmer nicht die ärmsten Ländern sind. So ging die letzte Lieferung an die Niederlande. Die Hauptabnehmer des Getreides sind China, gefolgt von der Türkei und Spanien. Diese drei Ländern importieren die Hälfe des Getreides, oft als “Tierfutter”

Lass euch diese Aussagen durch den Kopf gehen. Was hier offizielle gelogen wird. Und wie dumm wir verkauft werden. Jeder normal denkender Mensch, müsste allein schon bei der Nachricht, wer das meiste Getreide importiert und vor allem wofür es verwendet aufschreien!

Selbst die Tagesschau setzt keine Zeichen, was hier nicht stimmt und regt sich nicht darüber auf. Aber Hauptsache die “Russen” haben schuld.

Hier geht’s zur Tagesschau:

Weitere Info´s hierzu:


Eine komplette Übersicht aller Sanktionspakete seit dem 23. Februar 2022 könnt ihr hier nachlesen:

In Istanbul wird ein gemeinsames Koordinierungszentrum eröffnet, um den sicheren Export kommerzieller Lebensmittel und Düngemittel aus ukrainischen Häfen zu erleichtern


“Ausbeutung des Kontinents beenden”

In der Ausgabe der Junge Welt vom 29./30.07.2023 wird über das zweite Russland-Afrika-Gipfel berichtet. Unter der Überschrift: “Ausbeutung des Kontinents beenden” wird auf das Ergebnis hingewiesen, dass die Ausweitung von Handel und russischen Investitionen beschlossen wurde.

So wurden u.a. folgende Probleme besprochen:

  • Bau von Erdgasverflüssigungsanlagen wird in Aussicht gestellt, wenn russ. Firmen die Technologie beherrschen
  • Ägypten drängt auf eine schnelle Entwicklung “innovativer Finanzmechanismen” um Nahrungsmittellieferungen aus Russland in den Ländern Afrika zu steigern, da diese auf Grund der westlicher Sanktionen gehemmt werden
  • geplant ist die Bezahlung des russisch-afrikanischen Handelns in eigenen statt in westlichen Währungen, so schützt man sich gegen westliche Sanktionen

Weitere Infos zu diesem Thema:

Ausbeutung des Kontinents beenden

Sabotage missglückt – Russland-Afrika-Gipfel mit zahlreichen Vertretern des Kontinents: Kostenloses Getreide für ärmste Staaten, Kooperation soll ausgeweitet werden

DIPLOMATIE UNERWÜNSCHT – Westen hat kein Interesse an Frieden

Das Ende der Dollar-Dominanz?


Dieser Text wurde in Zusammenarbeit mit Benedikt Hopmann und Ingo Müller erstellt.

References

References
1 Die Sache ist die, dass zwar Getreide und Düngemittel schon seit längerem von den westlichen Sanktionen ausgenommen sind, also theoretisch ohne weiteres geliefert werden dürfen. Die Theorie ist aber das eine, die Praxis das andere. Denn Getreide und Düngemittel müssen transportiert und bezahlt werden, die Transporte müssen versichert werden. Transport- und Finanzdienstleistungen unterliegen aber weiterhin den Sanktionen, und das behindert in der Praxis die Lieferung von Getreide und Düngemitteln ganz massiv: Man dürfte liefern, kann aber nicht, weil nicht transportiert und bezahlt werden darf. Wirtschaftssanktionen treffen vor allem auf folgende Bereiche: Verkehr (Verbot des Schiffs- und Flugverkehr mit anderen Ländern; den Handeln), Import und Export von bestimmten Waren sowie Finanztransaktionen. Die Bundesregeriung zu den Sanktionen: “Die russischen Banken wurden vom SWIFT-System ausgeschlossen. Das bedeutet ganz konkret: Diese Institute wurden von den internationalen Finanzströmen abgeklemmt; sie können faktisch am internationalen Zahlungsverkehr nicht mehr teilnehmen, was ihr globales Agieren massiv einschränkt.”(https://www.bundesregierung.de/breg-de/schwerpunkte/krieg-in-der-ukraine/eu-sanktionen-2007964) Solange die Lieferung von Getreide und Düngemitteln auf diesen internationalen Zahlungsverkehr über die russischen Banken angewiesen ist und die russischen Banken “faktisch am internationalen Zahlungsverkehr nicht mehr teilnehmen” können, ist die Lieferung von Getreide und Düngemitteln massiv eingeschränkt.
2 Am 15. April steigt Deutschland aus der Kernenergie aus – möchte man meinen. Im niedersächsischen Lingen wird nur das Kraftwerk abgeschaltet, Brennstäbe für Reaktoren produziert man dort aber weiter. Sogar in Zusammenarbeit mit Russland, weitere Infos
3 In der Liste der EU der restriktiven Maßnahmen der EU, auf die die Bundesregierung verweist, findet sich nicht Nickel; in den Sanktionslisten der Bundesregierung und der EU finden sich auch nicht Kernbrennstoffe; das unternehmernahe Institut IW hebt die Bedeutung von Nickel für deutsche Unternehmen hervor
4 https://www.energiezukunft.eu/umweltschutz/weiter-keine-sanktionen-fuer-russlands-atomexporte/; https://www.telepolis.de/features/Russland-Sanktionen-Ja-aber-nicht-fuer-die-Atomindustrie-8047400.htm ; https://de.euronews.com/my-europe/2023/02/14/kiew-will-sanktionen-gegen-russlands-atomsektor-aber-die-eu-zieht-nicht-mit
5 Im Juli 2022 wurde unter der Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei eine Vereinbarung getroffen, die die Wiederaufnahme der Lieferungen aus drei ukrainischen Schwarzmeerhäfen regelt und die sichere Passage von mit Getreide beladenen Schiffe durch den Bosporus gewährleisten soll

Ukraine – welchen Staat unterstützt Deutschland da eigentlich?

Bericht und Vortrag

Veranstaltung von „Frieden gewinnenn nicht den Krieg!“ am 14. Juli 2023 in der Mediengalerie – Referent: Werner Rügemer.

Conny Renkl berichtet:

Um 18 Uhr war der Raum mit über 100 Personen übervoll. Einige KollegInnen nahmen es sogar in Kauf zu stehen. In der Begrüßung zu dieser fünften Veranstaltung in unserer Vortrags- und Diskussionsreihe stellte Kameradin Brigitte Renkl (VVN-VdA Neukölln) den Referenten vor:

Dr. Werner Rügemer ist in Bayern aufgewachsen. Hat in München, Tübingen, Berlin und Paris studiert. Er hat in Bremen über den Philosophen Arnold Gehlen promoviert (nicht zu verwechseln mit dem Faschisten, Militaristen und BND-Gründer Reinhard Gehlen – hier ergänzte Werner Rügemer dass Reinhard Gehlen der Bruder von Arnold Gehlen gewesen sei).
Werner ist freier Autor und publiziert u.a. in Ossietzky, jungeWelt und NachDenkSeiten. Er hat sich gründlich mit neuen Entwicklungen im Kapitalismus auseinandergesetzt wie den Riesenkonzernen der sog. digitalen Plattformökonomie, also Amazon, Microsoft, Apple, Meta-Facebook, Google-Alfabet u.a. Dazu die Konzerne der Finanzmärkte, die Hedgefonds oder die Private Equity Monster US-amerikanischer Provenienz wie z.B. Black Rock. Zu Black Rock, in dessen deutscher Repräsentanz bekanntlich CDU-Merz eine führende Rolle spielt, organisierte er ein Tribunal in Berlin zusammen mit Peter Grottian. Bekannt wurde besonders sein Buch: Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts. Im Blick hat Rügemer dabei stets nicht nur die Kapitalisten, sondern den zweiten Part im Kapitalverhältnis: Die lohnabhängigen Werktätigen und ihre Rechte. „Arbeitsunrecht“ und die „Fertigmacher“ heißen seine Bücher. Für sein mutiges Engagement wurde Werner auch mit Prozessen überzogen so vom Bankhaus Sal. Oppenheim (früher Pferdmenges, heute Deutsche Bank), von Du Mont und dem Institut zur Zukunft der Arbeit (gegründet von der Deutschen Post).

In einem neuen Prozess geht es am 10.8. in Köln um Zensur durch die Berliner Zeitung zugunsten solcher Ukraine-Aufrüster und Kriegsverlängerer wie Pistorius oder Strack-Zimmermann!

Wenn Werner Rügemer gelegentlich kritisiert wird, dass er zu sehr auf die USA als Bedrohung der Menschheit fixiert sei, so muss deutlich gesagt werden: Werner weiß sehr wohl zu unterscheiden zwischen dem US-Imperialismus, dem selbsternannten Weltgendarmen und dem Volk der USA, den amerikanischen Werktätigen, den Vielen, die wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Herkunft benachteiligt werden. Und in seinem Buch „Imperium EU“ erteilt er dem Großmachtgehabe der EU und seiner deutschen Hegemonialmacht eine deutliche Absage. Neu ist jetzt bei PapyRossa erschienen: „Verhängnisvolle Freundschaft – wie die USA Europa eroberten – Vom 1. zum 2. Weltkrieg“.

Zum Thema führte der Referent aus, dass die Ukraine kein selbständiger Staat sei, sondern Aufmarschgebiet für den „Westen“. Die Ukraine sei der höchstverschuldete Staat der Welt und erhält vom sonst so knauserigen IWF weiterhin Kredite zu unvergleichlich günstigen Bedingung. Die USA haben den Land-Lease Act wiederbelebt, der 1940 – im 2. Weltkrieg also – Großbritannien die Möglichkeit „nicht-monetärer Rückzahlung von Krediten“ eröffnete. Die Rückzahlung erfolgte dann nach dem Krieg durch „großzügige Überlassung von Stützpunkten im britischen Kolonialreich“. Die Ukraine sei auch der korrupteste Staat der Welt, seine Souveränität steht eigentlich nur noch auf dem Papier.

Die Ukraine ist der Schlüsselstaat zur Eroberung Eurasiens. In dieser Weise hat der bekannte US-Stratege Brzeziński die ehemalige Sowjetrepublik in seinem Buch von 1997 „Die einzige Weltmacht“ charakterisiert. Das Vorwort der deutschen Übersetzung hat immerhin der ehemalige deutsche Außenminister Genscher verfasst. Dort wird von einem kompakten Gebilde geträumt, das sich zur Abwehr Chinas von Lissabon bis Wladiwostok erstrecken müsse.

Bereits unter Präsident (von 1994 bis 2005) Kutschma wurde die Ulkraine „neoliberal zugerichtet“. Als Beispiele nannte Werner Rügemer u.a. Philip Morris. Die haben die ukrainische Zigarettenindustrie zu einem Spottpreis gekauft, mussten nur Niedrigstlöhne und praktisch keine Steuern zahlen. Die Ukraine wurde so zur Zentrale für den Zigarettenschmuggel in ganz Europa. Der Schaden, der der EU dadurch entstanden ist, wurde auf vier Milliarden Euro beziffert. Die EU-Kommission hat zwar geklagt. Es wurde ein Vergleich geschlossen, aber die Ukraine nie dazu angehalten, die geforderten Zahlungen zu leisten. Auch hier sei Black Rock als Aktionär von Philip Morris mit von der Partie.

Als weiteres Beispiel wurde ausgeführt, wie das Agrobusiness der Ukraine, die ja einer der größten Getreideexporteure der Welt ist, aussieht. Während etwa 7 Millionen Bauern ihre Existenz auf 2-3 ha Land fristen, ist das wirkliche Geschäft in festen Händen, nämlich in der Hand solcher Konzerne wie Cargill (größter Getreidehändler der Welt) John Deere (Landmaschinen), Glencore (mit Sitz in der Schweiz als Grundbesitzer und Verarbeiter) und nicht zuletzt Bayer/Monsanto (Düngemittel, Pestizide). Sie operieren mit ukrainischen Oligarchen, die ihren Sitz z.B. in Luxemburg oder Zypern haben.

In der Ukraine sitzen viele Zulieferer für deutsche und andere europäische Konzerne in der Auto-, Textil- und Pharmabranche. Der Mindestlohn betrug 2014 Euro 0,34, heute liegt er bei 1,21 Euro. 5 Millionen Wanderarbeiter verdingen sich in Rumänien, Polen u.a., wo der Mindestlohn bei 3 bis 4 Euro/h liegt.

Polnische Agenturen vermitteln ukrainische Frauen in der BRD für 24 Stunden Pflegejobs, bei denen aber nur 8 Stunden bezahlt werden (siehe der bekanntgewordene Fall vor dem Bundesarbeitsgericht).

Die von Selenskij 2022 durchgedrückte Arbeitsrechtsreform lassen jetzt sog. Null-Stunden-Verträge zu, bei denen nur bezahlt wird, wenn der Kapitalist tatsächlich die Arbeitsleistung abruft. Gegen Kündigungen kann nicht mehr geklagt werden. Gewerkschaften, die aus der Zeit der Sowjetunion noch über Häuser verfügen, können enteignet werden.

Besonders Frauen sind von der Verarmung betroffen. In der Ukraine herrscht ein besonders großes Auseinanderklaffen der Löhne für Frauen und für Männer. Besonders ausgebreitet hat sich die Leihmutterschaft, die in der Ukraine etwa 60.000 Euro kostet, während in den USA z.B. etwa 250.000 Dollars bezahlt werden. Das zum Thema „feministische Außenpolitik“.
Ausgerechnet Black Rock wurde zum offiziellen Koordinator des Wiederaufbaus der Ukraine ernannt. – Da weiß man doch wenigstens, dass nichts in falsche Hände kommt.

Nach dem Referat entwickelte sich eine angeregte Diskussion insbesondere auch um die Frage, ob die Ukraine ein faschistischer Staat sei. Werner Rügemer gab viele Hinweise zur Wiederbelebung der faschistischen Traditionen, meinte aber, dass die Debatte darum in die falsche Richtung weise; es genüge schon, was dieses arme Land unter der neoliberalen Knute zu erdulden hatte und hat. Es hatte bereits vor dem Krieg die ärmste und am meisten kranke Bevölkerung Europas.

Als Fazit hielt Kamerad Benedikt Hopmann fest, dass wir uns nicht nur in der militärischen Auseinandersetzung, sondern in einem sozialen Krieg befinden, den wir mit der wahnsinnigen Rüstungsoffensive und den damit überall drohenden Kürzungen im sozialen Bereich, bei Bildung und Gesundheit, mit den massiven Reallohnsenkungen zu verlieren drohen, wenn nicht die Gewerkschaften und die Friedensbewegung wieder zusammenfinden und den Kampf gegen Krieg und Kapitalismus führen. Dabei geht es auch, wie ein Teilnehmer erklärte, um die Durchsetzung der sozialen Menschenrechte, wie sie völkerrechtlich verbindlich im sog. UNO-Sozialpakt (1966) festgelegt wurden. Diese Seite des Völkerrechts bemühen unsere SpitzenpolitikerInnen lieber nicht.

Der vollständige Vortrag mit vielen weiteren aufschlussreichen Einzelheiten kann hier nachgelesen werden.

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