Die Selbstbefreiung

Vor 80 Jahren erhoben sich die Häftlinge von Buchenwald gegen ihre Peiniger

An diesem Wochenende wird in der Gedenkstätte Buchenwald an das Ende der Schreckensherrschaft der SS in diesem einst größten Konzentrationslager auf deutschem Boden erinnert.

Von Ulrich Schneider

Bild: DIE LINKE Thüringen

Im März 1945 drohte das Stammlager Buchenwald aus allen Nähten zu platzen. Hierher waren vor allem aus Auschwitz, aber auch aus anderen Konzentrations- und Vernichtungslagern im Osten angesichts des Vormarsches der Roten Armee Tausende Häftlinge aller Nationen getrieben worden. Doch nunmehr näherten sich auch dem Lager auf dem Ettersberg bei Weimar alliierte Streitkräfte.

Nach Sachsenhausen, errichtet 1936, wurde es als zentrales Konzentrationslager 1937 für die Mitte des Deutschen Reiches errichtet. Es folgten Flossenbürg und Mauthausen (1938) sowie das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück (1939). Buchenwald war mit zahlreichen Außenlagern auch das größte. Zunächst diente es der längerfristigen Ausschaltung innenpolitischer Gegner, Anhänger der Arbeiterparteien und Gewerkschaften, linker Intellektueller und christlicher Nazi-Gegner, in Vorbereitung auf den geplanten Krieg. Aus der Sicht der Nazis war der Erste Weltkrieg durch die Unruhen an der Heimatfront verloren worden (»Dolchstoßlegende«). Das sollte nicht noch einmal passieren.

Gleichzeitig ging es um eine Normierung der faschistischen »Volksgemeinschaft«. Dazu sollten »volksschädliche Elemente«, wie es in der Nazi-Diktion hieß, interniert werden. Neben den politischen Gegnern gehörten zu den »Volksfeinden« auch sogenannte Arbeitsscheue, Menschen, die sich nicht in das System der militarisierten Arbeit einzwängen ließen. »Fahrende«, aber auch sesshaft gewordene Sinti und Roma, wurden darunter ebenso gefasst. Auch »befristete Vorbeugehäftlinge«, im Nazi-Jargon »Berufsverbrecher«, gehörten zu den ersten Häftlingen.

Die Errichtung des Lagers begann am 15. Juli 1937. Auf dem circa neun Kilometer von der Klassikerstadt Weimar entfernten Ettersberg, der damals noch unberührtes Waldgelände war, traf das erste Vorkommando von 149 Häftlingen ein, unter ihnen 52 politische aus dem KZ Sachsenhausen. Es folgten in den nächsten Tagen Häftlinge aus den sogenannten wilden provisorischen KZ Sachsenburg und Lichtenburg, die später aufgelöst wurden. Die Überlebenden dieser Aufbauphase berichteten in ihren Erinnerungen, sie mussten in täglich 14- bis 16-stündiger schwerster körperlicher Arbeit, unter ständiger Lebensgefahr durch Knüppel schwingende, tretende und schießende SS-Leute in kaum zwei Jahren Häftlingsbaracken und SS-Unterkünfte, Verwaltungsgebäude und Villen für die höheren SS-Offiziere errichten, ohne technische Hilfsmittel. Mit der Picke wurden die Steine gebrochen und auf den Schultern im Laufschritt an die Stelle getragen, an der sie gebraucht wurden. Auch die vielen gefällten Bäume wurden nicht mit Lastwagen fortgefahren, sondern mussten auf Schultern weggeschleppt werden.

Schon vor Beginn des Krieges befanden sich in Buchenwald die ersten ausländischen Häftlinge. Es waren politische und jüdische Häftlinge aus Österreich, eingeliefert im Frühjahr 1938 nach dem »Anschluss« des südlichen Nachbarlandes, und aus den nach dem Münchener Abkommen besetzten tschechischen Gebieten. Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 kamen Häftlinge aus allen vom deutschen Faschismus okkupierten Ländern in das Lager auf dem Ettersberg.

Das KZ-System war ein riesiger bürokratischer Apparat. Täglich wurde gezählt, die Häftlingsschreibstube musste Listen über Listen ausfüllen: Transportlisten, Belegstärke, Zu- und Abgänge. Bei ihrer Einweisung erhielten die Häftlinge eine Nummer, die nicht wie in Auschwitz auf dem Unterarm eintätowiert wurde, sondern deutlich sichtbar auf der Häftlingskleidung getragen werden musste. Zudem gab es farbige Winkel. Der – heute noch als Symbol populäre – rote Winkel kennzeichnete politische Gegner des NS-Regimes, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, aber auch bürgerliche Antifaschisten, mitunter auch Wehrmachts- oder NSDAP-Angehörige, die als »Meckerer«, »Schwarzhörer« oder »Devisenschieber« angeklagt waren. Alle Häftlinge aus den verschiedenen überfallenen Ländern erhielten ebenfalls einen roten Winkel mit Länderkennung, zum Beispiel F für Frankreich.

In der Aufbauphase bildeten die Träger grüner Winkel, wegen krimineller Delikte verdächtigte und verurteilte Häftlinge, eine recht große Gruppe. Aus der Sicht der Politischen handelte es sich bei ihnen häufig um problematische Mithäftlinge, da viele von ihnen sich von der SS als eine Art verlängerter Arm oder als Spitzel missbrauchen ließen. Tatsächlich stellten sich nicht wenige von ihnen gegen Ende des Krieges den SS-Verbänden, insbesondere der SS-Division Dirlewanger, zur Verfügung, um aus dem Lager entlassen zu werden. Es gab unter ihnen aber durchaus auch aufrechte Antifaschisten und verlässliche Mitstreiter für die politischen Häftlinge in dem alsbald sich im Lager formierenden illegalen Widerstand.

Ebenfalls differenzierter als die SS-Zuordnung vermuten lässt, verhielt es sich mit den Trägern der schwarzen Winkel. Die SS bezeichnete sie pauschal als »Asoziale«, was jedoch nur bedeutete, dass sich diese Menschen aus der Sicht des NS-Regimes nicht den Regeln der »Volksgemeinschaft« unterwarfen. Dazu gehörten »Jahrmarktsmenschen« und »Arbeitsscheue«. Häftlinge, die wegen ihrer Homosexualität verurteilt waren, erhielten einen rosa Winkel.

Neben den sowjetischen Häftlingen stellten über die gesamte Zeit der Existenz des KZ Buchenwald Juden die zahlenmäßig größte Häftlingsgruppe, auch wenn dies in der Erinnerung Ehemaliger und in der Literatur so nicht präsent ist. Ihre Zahl war auch deshalb so hoch, weil die SS viele Häftlinge mit einer »Doppelidentität« versah, indem ihrem jeweiligen Winkel, der den Haftgrund und das Land offenbarte, noch ein gelber Winkel beigefügt wurde, wenn sie gemäß der faschistischen Rassenideologie als »Jude« angesehen wurden. Diese trugen deshalb neben dem farbigen Winkel noch einen gelben Winkel, der über Kreuz mit dem anderen vernäht war, sodass optisch daraus der sechseckige Stern entstand.

Einer dieser Häftlinge war Emil Carlebach aus Frankfurt am Main, der zunächst ins KZ Dachau, später nach Buchenwald kam. Er verstand sich als Kommunist, dem die jüdische Identität von den Nazis zugeschrieben wurde. Ähnlich sah es offensichtlich auch die SS im Lager, die ihn – trotz einer Anweisung, dass Juden keine Häftlingsfunktionen übernehmen durften – zum Blockältesten des »Judenblocks« 26 machte. Eine große Zahl jüdischer Häftlinge erreichte Buchenwald mit den »Evakuierungstransporten« und Todesmärschen aus den Vernichtungslagern im Osten Ende 1944/Anfang 1945.

Sinti und Roma unterlagen einer besonders grausamen Behandlung durch die SS. Ihnen wurden die schwersten körperlichen Arbeiten aufgebürdet. Zudem wurden sie von der Rassenhygienischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes für angebliche wissenschaftliche Studien missbraucht. Etwa 3500 Sinti und Roma waren in Buchenwald interniert, mindestens 400 von ihnen wurden hier umgebracht.

In ihrer Herrenmenschen-Mentalität drückte sich die SS vor allen Arbeiten. Dies betraf auch Verwaltungsaufgaben und die Organisation des Lageralltags wie die Zusammenstellung von Arbeitskommandos. Das sollten Häftlinge übernehmen, was nicht bedeutete, dass jene viel Spielraum gehabt hätten. Wenn 100 Häftlinge auf »Transport« gehen sollten, mussten auch 100 Namen auf der Liste stehen. Mit der Übertragung gewisser Funktionen an Häftlinge versuchte die SS zudem, die Häftlingsgesellschaft zu spalten. Die sogenannten Kapos und Blockältesten hatten für das reibungslose Funktionieren des Lagers zu sorgen, für »Ordnung und Disziplin«. Lief etwas nicht im Sinne der SS, wurden nicht nur die jeweiligen Häftlinge, sondern ebenfalls der Kapo oder Blockälteste bestraft.

Neben den sowjetischen Häftlingen stellten Juden die zahlenmäßig größte Häftlingsgruppe.

Die Häftlinge erkannten rasch, welcher Kapo oder Blockälteste der SS gefallen wollte und selbst mit Schlägen und anderen Schikanen sie zur Arbeit antrieb oder ihnen das Überleben im Lager leichter zu gestalten versuchte. Anfangs hatte die SS vor allem »Grüne« in Funktionen eingesetzt. Es gelang den »Roten«, diese zunehmend zu verdrängen; auch in den Augen der SS waren die Politischen zuverlässiger als die wegen krimineller Delikte eingewiesenen Häftlinge. Letztlich bleibt zu konstatieren: Entgegen der heutzutage vorherrschenden Geschichtsschreibung, die mitunter den Begriff »Häftlingsselbstverwaltung« verwendet, betonten die überlebenden KZ-Häftlinge stets, dass von einer solchen keine Rede sein könne.

Doch zurück ins Frühjahr 1945: Die US-Army war nur noch 150 Kilometer Luftlinie von Buchenwald entfernt, da sollte auch das Stammlager auf dem Ettersberg aufgelöst werden, wobei vollkommen unklar war, wohin denn die Gefangenen getrieben werden könnten. Um Unruhen zu vermeiden, ließ der Lagerkommandant, SS-Oberführer Herrmann Pister, gegenüber den »reichsdeutschen« Häftlingen erklären, dass »bei seinem Ehrenwort als Offizier« das Lager nicht evakuiert werde. Doch schon am 4. April kam der erste Befehl dazu – zunächst die jüdischen Häftlinge betreffend.

Als am Morgen des folgenden Tages zum Appell beordert wurde, gab es erstmals seit acht Jahren ein Bild des Durcheinanders statt der befohlenen »Ordnung«. Bei den »Judenblocks« fehlten Hunderte, bei den Blocks der »Arier« standen plötzlich mehr Häftlinge als zuvor. Ein bisher unerhörter Vorgang. Besonderen Mut zeigte Wilhelm Hammann, der Blockälteste von Blocks 8, dem »Kinderblock«. Als SS-Leute dort erschienen und befahlen, sämtliche jüdischen Kinder antreten zu lassen, erklärte er mit fester Stimme, hier gebe es keine. Seinen Schützlingen hatte er zuvor eingetrichtert, sich auf keinen Fall bei der Frage »Wer ist Jude?« zu melden. Einen Jungen, der sich aus Angst vor der SS melden wollte, brüllte er an: »Du bist kein Jude!« und schickte ihn wieder ins Glied. Hammann hat durch diese Aktion allein 400 der insgesamt 904 Buchenwald überlebenden Kinder und Jugendliche gerettet.

Am 6. April kommandierte die SS 46 Häftlinge, unter ihnen 32 Deutsche, fünf Niederländer, vier Tschechen, drei Österreicher und zwei Polen ans Lagertor. In der Häftlingsschreibstube war durchgesickert, ein Spitzel habe sie als angebliche »Führer des Widerstands« denunziert. Das im Juli 1943 gebildete illegale Internationale Lagerkomitee (ILK) unter Leitung des deutschen Kommunisten Walter Bartel beschloss: »Die aufgerufenen Häftlinge stehen unter dem Schutz des Internationalen Komitees und werden im Lager versteckt! Wer der SS hilft, die 46 Versteckten zu finden, ist ein Verräter, ein Feind. Exekutionen der SS werden nicht mehr geduldet. Wenn die SS versucht, mit Gewalt einen der 46 ans Tor zu schleppen, wird ihr Gewalt entgegengesetzt.«

Die von der SS Gesuchten wurden an verschiedenen Orten im Lager versteckt. Die Suche nach den 46 blieb »erfolglos«. Das war nicht nur eine Botschaft an die SS, sondern auch an die Häftlingsgesellschaft: Widerstand war möglich.

Am Sonntag, dem 8. April, wurden die Blockältesten um elf Uhr ans Lagertor mit der zynischen Inschrift »Jedem das Seine« gerufen. Der SS-Lagerführer erklärte: »Bis zwölf Uhr muss das Lager leer sein.« Sie sollten alle Häftlinge antreten lassen. Dies geschah jedoch nicht. Worauf um 14 Uhr schwer bewaffnete SS-Kolonnen aufmarschierten und zwei Maschinengewehre aufstellten. Es gelang, innerhalb einer Stunde 9600 Häftlinge auf den Appellplatz zu treiben. Die Hälfte wurde zum Weimarer Bahnhof gescheucht, die anderen blieben bis zum Abtransport unter Bewachung ukrainischer SS-Freiwilliger unter freiem Himmel.
Wissend, dass sich alliierte Streitkräfte bereits im Raum Gotha befanden, hatte das ILK an diesem Tag bereits um 13.30 Uhr über sein illegales Funkgerät einen Funkspruch in englischer, deutscher und russischer Sprache abgesetzt: »An die Alliierten, an die Armee des Generals Patton – hier Konzentrationslager Buchenwald – SOS – wir bitten um Hilfe – man will uns evakuieren – die SS will uns vernichten.« Es dauerte nur eine kurze Zeit, bis eine Antwort der US-Armee in englischer Sprache empfangen werden konnte: »KZ Buchenwald – aushalten – wir eilen Euch zu Hilfe – Stab der 3. Armee.« Man kann sich vorstellen, mit welcher Euphorie diese Nachricht von den Illegalen aufgenommen wurde. Und wie sie den Überlebenswillen stärkte.

Am kommenden Tag gab es durchweg Fliegeralarm, sodass die SS die Räumung des Lagers nicht fortsetzen konnte. Am Dienstag, dem 10. April, befahl Kommandant Pister: »Das Lager wird heute restlos evakuiert. Um elf Uhr gehen die russischen Kriegsgefangenen in einem Sondertransport ab, dann folgen alle übrigen Häftlinge zu 4000 Mann in Abständen von je zwei Stunden«. Erst mit deutlicher Verspätung formierte sich der Transport der Kriegsgefangenen der Roten Armee, die in Buchenwald in einem gesonderten Lager gefangen gehalten wurde und die schlimmsten Schikanen hatten erleiden müssen, von Folter bis hin zu willkürlichen Erschießungen. Ihnen hatte die Ende 1943 im Lager gebildete Internationale Militärorganisation (IMO) aus ihrem heimlich angelegten Arsenal Messer, Schlagwaffen und andere Gegenstände zur Selbstverteidigung übergeben, damit sie sich gegen Versuche der SS wehren könnten, sie während des »Transports« zu liquidieren.

Erneute Tieffliegerangriffe der US-Amerikaner verzögerten die Zusammentreibung weiterer Häftlinge. In der Nacht vom 10./11. April rechnete das Gros der Häftlinge damit, dass es entweder zu einer Bombardierung des Häftlingsbereichs durch deutsche Flieger oder zu einem Massenabtransport kommen würde – oder zu Kämpfen mit der SS. Das Artilleriefeuer der 3. US-Army rückte immer näher, geflüstert wurde, Erfurt sei eingenommen. In der Agonie der Auflösung ermordete die SS noch die letzten 24 Häftlinge im berüchtigten Bunker, man wollte keine Zeugen für die Verbrechen. In der Effektenkammer bedienten sich SS-Leute an Geld, Uhren und anderen Wertsachen, auch Papieren und Personaldokumenten, um nach »dem Ende« unter falscher Identität untertauchen zu können.

Am 11. April 1945 gab es noch etwa 21 000 Häftlinge auf dem Ettersberg. Um 10.15 Uhr ertönte die Sirene, signalisierte »Feind-Alarm«. Wenig später befahl Pister den Lagerältesten Hans Eiden, einen deutschen Kommunisten, seit 1939 in Buchenwald, zu sich. In einer weinerlichen Rede erklärte er, dass er diesem hiermit das KZ übergebe. Offenkundig wollte er sich absetzen und mit der weiteren Entwicklung nichts mehr zu tun haben. Andere Häftlinge jedoch wollten gehört haben, dass Pister das Lager liquidieren wolle, wenn keine Bomber mehr zur Verfügung stünden, dann mit von Tieffliegern abgeworfenen Gasgranaten.

Eine Message aus der Vergangenheit – von Fred Hüning decodiert

Schier unglaublich aber wahr. Eine filmreife Geschichte. Sie beginnt hoch oben auf dem unwirtlichen Ettersberg bei Weimar. Drei Häftlinge des KZ Buchenwald, die das Glück haben, dank ihrer geschickten Hände in der kunstgewerblichen Werkstatt arbeiten zu dürfen, müssen ein Schiffsmodell bauen. Schiffsmodelle sind beliebt bei den SS-Männern, die aus einer Art Warenkatalog auswählen können, was ihnen beliebt zur Ausstattung ihres behaglichen Heims. Das Angebot ist reichlich, von Spielzeug bis …

In dieser Situation, als die alliierten Truppen anscheinend in direkter Nähe des Lagers waren, entschied sich das ILK für einen Aufstand und erteilte dem Leiter der IMO die Freigabe der Waffen. Fast gleichzeitig wurden an bestimmten Durchbruchstellen die Tore und Drahthindernisse niedergerissen, die Postentürme besetzt, mit den dort erbeuteten Waffen weitere militärisch geschulte Häftlinge ausgerüstet. Der spanische Schriftsteller, Résistance-Kämpfer und Buchenwalder Jorge Semprún schilderte diesen Tag mit folgenden Worten: »Die Kampfgruppen sammelten sich an den zuvor festgelegten Stellen. Um 15.00 Uhr gab das militärische Komitee den Befehl, die Aktion zu beginnen. Die Kameraden brachen plötzlich vor, Waffen im Arm: automatische Gewehre, Maschinenpistolen, einige Handgranaten, Parabellum, Panzerfäuste … Waffen, die in langen Jahren geduldig gesammelt worden waren für den heutigen, so unwahrscheinlichen Tag …«

Die von der SS zurückgelassenen und auf sich selbst gestellten Wachmannschaften setzten dem Angriff der Kampfgruppen der Häftlinge wenig Widerstand entgegen. Größtenteils ergaben sie sich oder suchten ihr Heil in der Flucht. Bis zur Nacht wurden etwa 120 von ihnen als Gefangene eingebracht. Sie wurden den später eintreffenden US-Truppen übergeben. Das ILK und die Leitung der IMO duldeten keine Selbstjustiz.

Am 19. April fand die Trauerkundgebung für alle jene Häftlinge statt, die das Grauen in Buchenwald nicht überlebt hatten. Laut dem Bericht des ILK waren die Blocks und Baracken mit Fahnen und Transparenten geschmückt. »Unter den Klängen ihrer Nationalhymnen marschierten die Nationen auf. Sowjetische Häftlinge, Polen, Tschechen und Slowaken, Jugoslawen, Österreicher, Ungarn, Rumänen, Engländer, Deutsche, Franzosen, Italiener, Spanier, Belgier, Holländer und Luxemburger.« Dann verlasen ILK-Mitglieder, jeder in seiner Sprache, eine Erklärung: »Kameraden! Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Außenkommandos von der Nazi-Bestie und ihren Helfershelfern ermordeten 51 000 Gefangenen! 51 000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt, ersäuft, verhungert, vergiftet, abgespritzt. 51 000 Väter-Brüder-Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sie Kämpfer gegen das faschistische Mordregime waren. 51 000 Mütter und Frauen und Hunderttausende Kinder klagen an!« Und nach dem Dank an die Befreier, »den verbündeten Armeen der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen«, folgte der berühmte Schwur von Buchenwald: »Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht! Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.«

Überlebende Buchenwalder bestanden darauf, dass es am 11. April 1945 eine Selbstbefreiung war. Es steht niemandem zu, erst recht keinem Nachgeborenen, dies in Zweifel zu ziehen, zu negieren oder zu denunzieren.

Der Historiker Dr. Ulrich Schneider ist Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) und Autor eines jüngst erschienenen Buches über »Buchenwald« (PapyRossa, 142 S., br., 12 €).

Erstveröffentlicht im nd v. 8.5. 2025
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2025-05-08/articles/18004649

Wir danken für das Publikationsrecht.

In den Tod getrieben

Bis zuletzt hielten die Nazis an Rassenwahn und massenmörderischem Antisemitismus fest: Noch kurz vor der Befreiung durch die Alliierten ermordeten sie Abertausende KZ-Gefangene auf sogenannten Todesmärschen

Auf ihrem Vormarsch befreiten die alliierten Truppen immer wieder NS-Konzentrationslager, in denen Hunderttausende Menschen unter unsäglichen Umständen inhaftiert und ständiger Gewalt ausgesetzt waren. Viele von ihnen wurden ermordet. Das Symbol des NS-Terrors war das Vernichtungslager Auschwitz, dessen Häftlinge am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurden. akg-images

Von Peter Bierl

Bild: Gedenkstätte Dachau

In den letzten Monaten des Krieges ermorden die Deutschen auf sogenannten Todesmärschen noch etwa eine Viertelmillion Menschen. Es sind Überlebende aus den Konzentrationslagern, die vor den anrückenden alliierten Befreiern weggeschafft werden. Die Nationalsozialisten setzen damit den Genozid bis zur allerletzten Minute fort, und zwar mit den Mitteln, die ihnen angesichts der bevorstehenden Niederlage noch zur Verfügung stehen – und mit Beteiligung von Zivilisten.

Vernichtung durch Arbeit

Deutlich wird der Zusammenhang zwischen Tötungsabsicht und fehlenden Mitteln bei den elf Außenlagern des KZ Dachau bei Kaufering im südwestlichen Oberbayern. Dort lässt die Organisation Todt (OT), zuständig für die Rüstungsproduktion, mithilfe von KZ-Sklaven riesige Bunker anlegen, um im Untergrund Jagdflugzeuge zu fertigen. Der erste Transport aus Auschwitz trifft am 18. Juni 1944 ein. Insgesamt werden bis zu 30 000 Menschen dorthin verschleppt, darunter Frauen und Kinder.

Das Programm ist Vernichtung durch Arbeit. Sie hausen in Erdlöchern, kalt, schmutzig und voller Ungeziefer, ihre Kleidung ist dünn und löchrig, das Essen knapp und schlecht. Fleckfieber, Tuberkulose und Typhus grassieren. Die Arbeitssklaven fällen Bäume, bauen Dämme für Schienen und schleppen schwere Zementsäcke. Insgesamt kommt in knapp zehn Monaten mindestens ein Drittel bis die Hälfte von ihnen ums Leben. Im Oktober werden mehr als 1300 Gefangene als arbeitsunfähig selektiert, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Dennoch gibt es Widerstand. In den Lagern bilden sich zionistische Gruppen, eine Zeitung in jiddischer Sprache wird handschriftlich vervielfältigt.

Als amerikanische Truppen von Westen näherrücken, will der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Ernst Kaltenbrunner, die Lager bombardieren lassen, um die Häftlinge zu töten. Aber dafür fehlen die Bombenflugzeuge. Also schickt die Lagerleitung die noch knapp 10 000 Insassen zu Fuß und in Zügen ins Stammlager Dachau oder das Nebenlager Allach. Dort werden sie mit anderen, die aus den Konzentrationslagern Buchenwald oder Flossenbürg dorthin gebracht worden waren, weiter nach Süden in Richtung Alpen getrieben. Wer unterwegs erschöpft niedersinkt, wird von den Wachen erschossen oder von Bluthunden zerfetzt. Das Krankenlager IV in Kaufering zündet die SS noch an, die US-Soldaten finden Hunderte verbrannter Leichen.

Getrieben von Antisemitismus

Bereits zu Kriegsbeginn organisieren die Nationalsozialisten solche Vernichtungsmärsche. Einige Tausend Juden werden im Dezember 1939 von Chełm zur deutsch-sowjetischen Demarkationslinie am Bug getrieben, dabei werden Hunderte getötet. Etwa 800 Juden aus Lublin sollen Mitte April 1940 nach Biała Podlaska laufen, nur wenige Dutzend überleben. Im Juli und August 1941 erleiden Zehntausende Juden aus der Bukowina und Bessarabien ein ähnliches Schicksal. Diese Gebiete hatte die Sowjetunion 1940 Rumänien abgepresst, ein Jahr später marschieren die Deutschen ein.

Die meisten Todesmärsche finden gegen Ende des Krieges statt. Ab Sommer 1944 werden die Lager im Baltikum, in Ostpolen und Südosteuropa vor der herannahenden Roten Armee geräumt, von Januar bis März 1945 werden Gefangene weiter nach Westen verschleppt und zwischen März und Mai finden eher ziellose Bewegungen innerhalb des schrumpfenden deutschen Machtbereichs statt. Der Begriff Todesmärsche bezieht sich darauf, dass die Gefangenen bereits ausgemergelt und halbverhungert waren und unterwegs von ihren Wächtern misshandelt und massakriert wurden. Der Anblick solcher Kolonnen sei alltäglich gewesen, schreibt Shmuel Krakowski, ein polnisch-israelischer Historiker und Direktor des Archivs von Yad Vashem, der selbst die Konzentrationslager überlebt hatte.

Wer unterwegs erschöpft niedersinkt, wird von den Wachen erschossen oder von Bluthunden zerfetzt.

Der US-amerikanische Historiker Daniel Jonah Goldhagen führt die Todesmärsche als Beleg dafür an, dass die Deutschen bis zuletzt von einem mörderischen Antisemitismus getrieben waren. Als Paradebeispiel für seine These führt er die etwa 1000 Frauen an, die vom Lager Grünberg in Niederschlesien am 29. Januar zur Stadt Helmbrechts südlich von Hof laufen mussten, dabei wurden 200 Frauen ermordet. Von Helmbrechts mussten sie am 13. April zusammen mit anderen weitergehen, insgesamt etwa 1200 Gefangene, die Hälfte sind Jüdinnen. Sie liefen über die Grenze in die deutsch besetzte Tschechoslowakei, wo die Nicht-Jüdinnen zurückgelassen wurden, während die Jüdinnen unter entsetzlichen Bedingungen bis Volary weitergetrieben wurden. Ein US-Offizier beschreibt die überlebenden Frauen am 7. Mai als Greise, dabei handelt es sich um Teenager. Kurz vor Abmarsch in Helmbrechts trifft ein Kurier Heinrich Himmlers ein und übermittelt den Befehl des Reichsführers SS, niemanden mehr zu töten. Der Bote habe die weiblichen SS-Wachen aufgefordert, ihre Prügel abzulegen, was diese nicht taten, schreibt Goldhagen.

Beim Massaker von Gardelegen verbrennen die Wachen mithilfe örtlicher Funktionäre und Zivilisten am 13. April mehrere Tausend Gefangene eines Todesmarsches vom Lager Dora-Mittelbau in einer Scheune bei lebendigem Leib. Manche Märsche verlaufen kreuz und quer, vom KZ Flossenbürg nach Regensburg mit einem gewaltigen Umweg über Sachsen oder vom KZ Neuengamme nach Sandbostel über Bergen-Belsen im Süden und Lübeck im Norden. Die Unterschiede zwischen Häftlingsgruppen seien verschwommen, betroffen waren jüdische, polnische und russische Gefangene gleichermaßen, schreibt der israelische Historiker Daniel D. Blatman.

Gräuel bis zuletzt

Dass es speziell darum ging, Juden zu quälen und zu morden, könnte für die ersten beiden Phasen der Todesmärsche zutreffen, für die letzte im Chaos eher nicht. Aus dem Lager Bor in Jugoslawien sollen 6000 Juden nach Ungarn verschleppt werden, nur einige Hundert überleben, die übrigen werden massakriert. Etwa 76 000 Juden werden Anfang November von Budapest zur österreichischen Grenze getrieben, Tausende werden erschossen, verhungern, erfrieren oder sterben an Krankheiten. Am 20. Januar führt die SS etwa 7000 Juden, davon 6000 Frauen, aus dem Lager Stutthof. Als sie am 31. Januar Palmücken an der Ostsee erreichen, sind 700 bereits getötet worden, die anderen erschießt die SS am Strand.

Zu Beginn des Jahres 1945 wird der Rückzug immer chaotischer, Kommandostrukturen zerfallen, dennoch verüben die Deutschen unfassbare Gräuel, aber wahllos, etwa in Buchberg bei Bad Tölz, wo die SS etwa 120 sowjetische Zwangsarbeiter*innen aussortiert und erschießt, die Juden und Jüdinnen aber leben lässt. Anfang Februar löst die SS das Lager Groß-Rosen mit allen Nebenlagern auf, von etwa 40 000 Gefangenen werden mehr als die Hälfte ermordet. Bei den Todesmärschen aus dem KZ Stutthof ab dem 25. April kommen etwa 26 000 Menschen ums Leben. Im Außenlager Mühldorf-Mettenheim, einem halb unterirdischen Rüstungsbetrieb der Firma Messerschmitt, werden 4000 Menschen am 25. April in einen Güterzug gepfercht, der fünf Tage durch Oberbayern fährt. Es gibt kein Essen und keine Toiletten.

In Poing östlich von München bleibt der Zug wegen eines Defekts liegen. Die Wachen schießen auf Gefangene, die fliehen, mehr als 50 Tote und 200 Verletzte bleiben liegen, als der Zug sich wieder in Bewegung setzt. Als US-Soldaten den Zug am 30. April in Seeshaupt am Starnberger See entdecken, liegen Tote und Verwundete in den Waggons übereinander gestapelt in Blut und Exkrementen. Überlebende leiden unter Flecktyphus und Tuberkulose, 63 von ihnen sterben nach der Befreiung an Unterernährung und Krankheiten. Der Lagerkommandant von Mühldorf will noch am 2. Mai etwa 600 Gefangene ermorden lassen, die man im Lager gelassen hatte. Sein Befehl wird nicht mehr befolgt. Die US-Einheiten sind etwa 15 Kilometer entfernt.

»Endphaseverbrechen«

Die Todesmärsche bewegen sich durch Städte und Dörfer. Bei manchen Anwohnern lösen die lebenden Leichen, die an ihren Haustüren vorbeiwanken, Entsetzen und bei einigen Hilfsbereitschaft aus. Manche Überlebende berichten, dass Einheimische ihnen Brot, Wasser oder Kartoffeln geben wollten. »Der Name dieser Stadt ist mir im Gedächtnis geblieben, nicht nur, weil er mir sonderlich vorkam, auch nicht nur, weil ich nach zehn Monaten Lager und Wald das erste Mal wieder eine Stadt erblickte. Es gab noch einen weiteren Grund«, notiert Zwi Katz in seinen Erinnerungen über Fürstenfeldbruck. Aus den Fenstern sei ihnen Brot zugeworfen worden. »Es war aufmunternd und stimmte mich optimistisch, der Krieg ging sichtlich zu Ende.«

Weil nur die Überlebenden berichten können, entsteht ein falscher Eindruck. Die meisten Deutschen verbergen sich in ihren Häusern, aus Angst vor den gefährlichen »Untermenschen« der NS-Propaganda, die um Hilfe betteln oder stehlen; manche auch, weil die Wachen hilfsbereite Zeitgenossen bedrohen. Die Bevölkerung handelt extrem feindselig, wie Shmuel Krakowski schreibt. »Diese Situation löste eine schreckliche Welle der Gewalt von Zivilisten aus, die bis dahin nicht aktiv am Genozid beteiligt waren«, bilanziert Daniel D. Blatman. Er spricht von einer »genozidalen Mentalität«.

Kinder bewerfen die Elendszüge mit Steinen. Lokale NS-Funktionäre, Bürgermeister, Polizisten, Volksturmmänner und Hitlerjungen machen Jagd auf geflohene »Zebras«, wie die Gefangenen aufgrund ihrer blauweiß gestreiften KZ-Kleidung genannt wurden. Die sogenannten Endphaseverbrechen zeigen, dass Rassenwahn und Massenmord bis zum letzten Augenblick die Charakteristika dessen waren, was von einer AfD-Größe als »Vogelschiss« in der deutschen Geschichte abgetan wurde.

Erstveröffentlicht im nd v. 1.5. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1190934.jahre-befreiung-in-den-tod-getrieben.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Befreiung ohne Befreier

Bundestag schließt Repräsentanten Russlands und Belarus‘ von Weltkriegsgedenken aus. Führende Tageszeitung behauptet Kontinuität eines „großrussischen Imperialismus“ – „vor Hitler“, in den 1940er Jahren, im Ukrainekrieg.

08 Mai 2025

German Foreign Policy

Bild: Sowjetisches Ehrendenkmal im Tretower Park in Berlin. Foto: Jochen Gester

BERLIN/MOSKAU (Eigener Bericht) – Der Deutsche Bundestag sperrt von der heutigen Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag des Kriegsendes alle Repräsentanten Russlands und Belarus‘, deren Vorgängerstaat weite Teile Deutschlands befreit hatte – auch Berlin –, aus. Bereits am Sonntag hatte der russische Botschafter in der Bundesrepublik an den Gedenkveranstaltungen in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück nicht teilnehmen dürfen. Beide Konzentrationslager waren Ende April 1945 von der Roten Armee befreit worden. Durch deutschen Terror kamen 27 Millionen Bürger der Sowjetunion und rund ein Viertel der Bevölkerung der belarussischen Sowjetrepublik zu Tode. Vertreter ihrer Nachfolgestaaten sind beim deutschen Gedenken nicht mehr erwünscht. Zur Begründung heißt es, Russland führe einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Botschafter gleich mehrerer Staaten, die in den vergangenen Jahren fremde Staaten überfallen haben, werden heute im Bundestag erwartet, der seinerseits im Jahr 1999 einen Angriffskrieg beschlossen hat. Grund für die klare Ungleichbehandlung ist, dass Berlin Moskau im Ukrainekrieg niederzuringen sucht. Außenminister Johann Wadephul erklärt, Russland sei „für immer ein Feind“.

„Vom Hausrecht Gebrauch machen“

Die explizite Ausladung der Botschafter sowie anderer offizieller Repräsentanten Russlands und Belarus‘ von den Gedenkveranstaltungen zum 80. Jahrestag des Kriegsendes hatte bereits Anfang April hohe Wellen geschlagen. Damals war eine als streng vertraulich klassifizierte Handreichung des Auswärtigen Amts bekannt geworden, die sich an die Bundesländer, Kreise und Kommunen wandte. In dem Papier hieß es, es dürfe „keine Einladung an russische und belarussische Vertreter zu Gedenken von Bund, Ländern und Kommunen“ geben.[1] Zur Begründung warnte das deutsche Außenministerium vor „Propaganda, Desinformation und geschichtsrevisionistischer Verfälschung“. Beispiele dafür, dass sich Repräsentanten auch nur eines der beschuldigten Staaten bei Gedenkfeiern solcher Provokationen schuldig gemacht hätten, konnte ein Regierungssprecher in der Bundespressekonferenz freilich nicht nennen.[2] In der Handreichung des Auswärtigen Amts hieß es weiter, sollten Repräsentanten der zwei Staaten „unangekündigt erscheinen“, könnten die Veranstalter des jeweiligen Gedenkens „von ihrem Hausrecht Gebrauch machen“. Damit stellte das Ministerium den Hinauswurf von Vertretern von Ländern frei, denen der deutsche Vernichtungskrieg eine beispiellose Zahl an Todesopfern abverlangt hatte – mutmaßlich 27 Millionen im Fall der Sowjetunion, deren Nachfolgestaat Russland ist; ein Viertel der Bevölkerung von Belarus.

Ausdrücklich ausgeladen

In der Praxis wurde die Berliner Direktive, die noch von der vormaligen Außenministerin Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) verantwortet wurde, nur teilweise umgesetzt. So konnte der russische Botschafter Sergej Netschajew am 16. April am offiziellen Gedenken an die Schlacht um die Seelower Höhen teilnehmen. Die Schlacht eröffnete die letzte große Offensive der Roten Armee zur Befreiung Berlins; in ihr wurden mehr als 33.000 sowjetische Soldaten getötet. Teilnehmen konnte Netschajew auch an den Erinnerungsfeiern in Torgau, wo sich am 25. April 1945 sowjetische und US-amerikanische Soldaten im Verlauf der Befreiung Deutschlands erstmals die Hand reichten.[3] Allerdings politisierte der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer das Gedenken, indem er Russland Kriegsschuld vorwarf – am Ukrainekrieg. Nicht teilnehmen durften Netschajew sowie sein belarussischer Amtskollege an den offiziellen Gedenkveranstaltungen in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück am 4. Mai. Die Konzentrationslager waren Ende April 1945 von der Roten Armee befreit worden. Man habe den russischen Botschafter ausdrücklich ausgeladen, teilte der Leiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Axel Drecoll, mit; falls er dennoch komme, „werden wir unser Hausrecht durchsetzen – in enger Abstimmung mit den Sicherheitskräften“.[4]

Der Club der Angriffskrieger

Auch an der Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag am heutigen Donnerstag dürfen die Botschafter Russlands und Belarus‘ nicht teilnehmen. Eingeladen sind nach Angaben aus dem Parlament aber die Botschafter aller anderen in Berlin vertretenen Staaten.[5] Dazu gehören Repräsentanten der anderen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, denen Berlin die Befreiung vom NS-Regime ebenso zu verdanken hat wie der Sowjetunion respektive ihrem Nachfolgestaat. Der Teilnahme des US-Botschafters steht die Tatsache nicht entgegen, dass die Vereinigten Staaten – unter anderem – den Irak im Jahr 2003 mit einem Angriffskrieg überzogen. Die Botschafter Frankreichs und Großbritanniens werden nicht mit Hinweis auf den Angriffskrieg ausgesperrt, den ihre Staaten im Jahr 2011 gegen Libyen führten. Auch die Tatsache, dass der Veranstalter des Gedenkens, der Deutsche Bundestag, im Jahr 1999 dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Jugoslawien mehrheitlich zustimmte, hat heute für das Gedenken keinerlei Folgen. Mit Blick auf eingeladene Ukrainer heißt es, man könne es ihnen nicht zumuten, gemeinsam mit Vertretern Russlands des Kriegsendes zu gedenken. Wie möglicherweise anwesende Repräsentanten des Iraks, Libyens und Serbiens es empfinden, gemeinsam mit Repräsentanten der USA, Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands die Berliner Gedenkveranstaltung zu begleiten, wurde noch nie gefragt.

Kein Anspruch auf Respekt

Lediglich der ehemalige Bundestagspräsident und heutige Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung Norbert Lammert (CDU) lässt Kritik an der Ausgrenzung Russlands erkennen. Er sei sich „nicht sicher“, ob staatliche Vorgaben wie die erwähnte Handreichung des Auswärtigen Amts angemessen seien, äußerte Lammert im ZDF; jedenfalls könne es „keinen vernünftigen Zweifel daran geben, dass unabhängig von aktuellen Entwicklungen, so schmerzlich, so bedrückend, so brutal sie auch sein mögen, Opfer von Kriegen“ – Lammert bezog das auf die sowjetischen Opfer im Weltkrieg – „Anspruch auf Respekt haben“.[6] Das Auswärtige Amt und der Deutsche Bundestag sehen dies im Falle Russlands und Belarus‘ anders.

„Die Brutalität der Roten Armee“

Die Ausgrenzung Russlands und Belarus‘ vom Berliner Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs geht mit Bestrebungen einher, das Vorgehen der Sowjetunion im Krieg sowie nach der Befreiung Deutschlands von der NS-Herrschaft neu zu interpretieren. So haben in den vergangenen Tagen Leitmedien begonnen, den 8. Mai nicht mehr als Tag des Kriegsendes, sondern als Beginn des darauf folgenden Geschehens zu betrachten – dies vor allem mit Blick auf die Umsiedlung der deutschsprachigen Bevölkerungsteile Osteuropas, besonders Polens und der Tschechoslowakei. Dabei war nicht nur von einer speziellen „Brutalität der Roten Armee“ die Rede, „auch wenn sie letztlich an der Befreiung Deutschlands vom NS-Terror entscheidend mitgewirkt hat“, wie etwa der NDR noch einräumte.[7]

„Der russisch-imperiale Komplex“

Mit Blick auf die Umsiedlung selbst hieß es in der vergangenen Woche in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bei ihr seien „machtpolitische“ Pläne der Sowjetunion „in der langen Linie des großrussischen Imperialismus“ von großer Bedeutung gewesen. So hätten „als reine Kompensation“ für die mit der staatlichen Neuordnung Osteuropas „verloren gehenden polnischen Ostgebiete“ eigentlich „Ostpreußen oder Oberschlesien vollauf genügt“, hieß es in dem Blatt weiter. Dass noch mehr Ostgebiete des Deutschen Reichs Polen übergeben worden seien, sei „allein deshalb“ geschehen, „weil Stalin mit List und Tücke darauf hinarbeitete“.[8] „Die Vertreibung vieler Millionen Menschen in ein Rest-Deutschland“ habe dem „Kreml die Chance“ geboten, „einen überbevölkerten Krisenherd im Kern Mitteleuropas zu schaffen“, behauptet der Historiker Manfred Kittel, der an der Universität Regensburg lehrt; dabei hätten die „Ostvertriebenen“ nach den russischen Plänen „ein Ferment der Unruhe und der sozialen Dekomposition bilden“ sollen. „Der russisch-imperiale Kontext“ sei „in der konkreten diplomatischen Anbahnungs- und später auch in der praktischen Durchführungsphase der Vertreibungen zentral“ gewesen. Den „großrussischen Imperialismus“, fährt Kittel fort, habe es „bereits lange vor Hitler“ gegeben – und es gebe ihn „auch ohne Hitler bis heute“, zum Beispiel „in Form des anhaltenden Vernichtungskrieges“ gegen die Ukraine.

„Für immer ein Feind“

In Kittels Perspektive eines epochenübergreifenden russisch-sowjetischen „Imperialismus‘“ kann es eine Kooperation mit Russland bloß in Phasen relativer russischer Schwäche geben – so etwa in den 1990er und den 2000er Jahren, als die Bundesrepublik durch eine gewisse Zusammenarbeit mit Moskau Zugriff auf die immensen russischen Erdgasvorkommen erhielt. Sobald Russland erstarkt, wäre ein Konflikt mit ihm demnach unvermeidlich. Dazu passt, was der neue deutsche Außenminister Johann Wadephul Anfang Februar im Telefongespräch mit zwei russischen Satirikern zum Ukrainekrieg äußerte: „Wie auch immer der Krieg mit Russland endet – Russland bleibt für uns für immer ein Feind.“[9]

[1] Nicolas Butylin: Geheime Handreichung: Baerbock will keine Russen bei Kriegs-Gedenken. berliner-zeitung.de 04.04.2025.

[2] Florian Warweg: Die fragwürdige Begründung des Auswärtigen Amts für Ausladung russischer Diplomaten vom Gedenken an den 8. Mai. nachdenkseiten.de 09.04.2025.

[3] Kretschmer erinnert russischen Botschafter an Kriegsschuld. spiegel.de 25.04.2025.

[4] Michael Sauerbier: Brandenburg droht Putins Botschafter mit Rauswurf. bild.de 22.04.2025.

[5], [6] Andreas Kynast: 8. Mai: Russen müssen draußen bleiben. zdf.de 03.05.2025.

[7] Henning Strüber: Ende April 1945 dringt die Rote Armee in den Nordosten vor. ndr.de 28.04.2025.

[8] Manfred Kittel: Der russische Imperialismus und die Vertreibung der Deutschen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 30.04.2025. Zu Kittel s. auch Vertreibung aus dem Leben.

[9] Streich mit Johann Wadephul. rutube.ru.

Erstveröffentlicht auf GFP v. 7.5. 2025
https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/9964

Wir danken für das Publikationsrecht.

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