NATO hat Kaliningrad im Visier

Wenn man einmal unsere zeitgewendeten Mainstreammedien verlässt und sich nach anderen – gerade auch englischsprachigen – Quellen umsieht, lässt sich so manche Entdeckung machen. Während hier zu Lande ein drohender Angriff Russlands auf europäische NATO-Staaten, der zwar nicht beweisbar aber wie eine sichere Tatsache behandelt wird, herbeiphantasiert wird – er käme einem staatlichen Suizidversuch Russlands gleich – wird presseöffentlich in einer Konferenz der US-Streikräfte in Wiesbaden über die Ausschaltung der strategischen Basis Kaliningrad diskutiert, was doch – so kann man es der Defence News entnehmen -, ein sehr reizvolles wie einfach zu realisierendes Szario wäre. Der Autor geht dieser Sache nach. (Jochen Gester)

Von Florian Rötzer

Bild: General Christopher Donahue, Kommandeur der US Army Europe and Africa, bei seinem Eröffnungsvortrag für die Rüstungskonferenz. Quelle: dod.gov


US-Präsident Trump, derzeit wegen Epstein in Nöten, hat die US-Außenpolitik umorientiert, zumindest rhetorisch. Während Biden angeblich Demokratie und Freiheit in der Ukraine verteidigen und Russland damit schwächen wollte, ist Trump der europäische Konflikt Anlass, als Waffenhändler aufzutreten. Die Europäer sollen die Waffen in den USA kaufen, um sie der Ukraine zu übergeben.

Da geht es um viele Milliarden, alleine die Patriot-Batterien, die nun die Ukraine erhalten sollen, kosten jeweils eine Milliarde US-Dollar, die Abwehrraketen pro Stück 3-4 Millionen. Die Preise dürften in die Höhe gehen, weil die teuren Rüstungsgüter knapp sind. Lockheed Martin kann bislang jährlich 12 Systeme und 550 PAC-3 MSE-Abfangraketen herstellen. Die deutsche Regierung geht dabei voran, im Verein mit Großbritannien, den Niederlanden und den nordischen Ländern, Ungarn, die Tschechien, Frankreich und Italien wollen aber den USA keine Waffen für die Ukraine abkaufen.

Auch wenn Trump die Ukraine nicht mehr direkt militärisch unterstützen will und es noch nicht klar ist, ob und wie viele der in Europa, vor allem in Deutschland, stationierten Truppen abgezogen werden, entwickeln die US Army mit den europäischen Nato-Verbündeten Überfallspläne auf die russische Enklave Kaliningrad, während nach außen von Regierungen und „Experten“ beschworen wird, Russland habe vor, durch kleinere Angriffe etwa im Baltikum die Nato zu testen.

Auf der LandEuro-Konferenz der US Army in Wiesbaden erläuterte der General Christopher Donahue, Kommandeur der US Army Europe and Africa den neuen Plan der „Abschreckungsstrategie an der Ostflanke“. Zweck der Konferenz war es, „globale Verteidigungsstrategien zu erörtern und abzustimmen und dabei den Schwerpunkt auf Zusammenarbeit, Innovation und Bereitschaft zur wirksamen Reaktion auf komplexe internationale Bedrohungen zu legen“. Wichtig war vor allem die Zusammenarbeit mit der Rüstungsindustrie und die Herausstellung technischer Innovationen, um nach der Erhöhung der Militärausgaben  auf 5 Prozent vom BIP auch mehr zu investieren. Klar war, wo der Feind sitzt: „Wir sind dabei, die Abschreckung wiederherzustellen, um Russlands anhaltender Aggression in der Ukraine durch Transformation und Innovation zu begegnen, wobei die U.S. Army Europe and Africa als entscheidendes Testgelände für die künftige Kriegsführung dient“, sagte Donahue im Vorfeld.

Donahue geht es als Vertreter der US Army in Europa um die Stärkung der landgestützten Streitkräfte. Schnell müssten für die Industrie und die Streikräfte standardisierte, datengestützte Systeme, gemeinsame Abschusssysteme und Cloud-gestützte Koordination entwickelt werden. Man konzentriere sich mit den Anforderungen auf die baltischen Staaten. Im Militärsprech von Donahue: „Wir wissen, was wir zu entwickeln haben, und der Anwendungsfall, den wir verwenden, ist, dass man vom Boden aus (abwehren) muss. Die Landdomäne verliert nicht an Bedeutung, sie wird immer wichtiger. Man kann jetzt A2AD-Blasen (Anti-Access, Aerial-Denial) vom Land aus ausschalten. Man kann jetzt die Meere vom Land aus erobern. All diese Dinge beobachten wir in der Ukraine.“

Der General kam nicht von ungefähr auf Kaliningrad zu sprechen, dem verwundbarsten Teil Russlands. Ebenso wie die Nato die Angst schürt, dass russische Truppen in einen baltischen Staat einmarschieren oder die Suwalki-Lücke besetzen könnten, um das Baltikum vom Rest der Nato zu trennen, gibt es in Russland die Angst, dass die Nato Kaliningrad isolieren oder besetzen könnte.

Donahue sagte, Kaliningrad sei etwa 75 km breit und von allen Seiten von der Nato umgeben. Die Nato sei dazu imstande, es schneller als bislang möglich einzunehmen. Es gebe keinen Grund, warum man die russische A2AD-Blase um Kaliningrad nicht vom Land in einem bislang unbekannten Zeitrahmen aus zerstören kann: „Wir haben das bereits geplant und entwickelt. Das Massen- und Impulsproblem, das Russland für uns darstellt … wir haben die Fähigkeit entwickelt, um sicherzustellen, dass wir dieses Massen- und Impulsproblem mit 22 Divisionen stoppen können.“ Und dann müssten „natürlich alle von uns sicherstellen, dass wir die offensive Kapazität besitzen.“

Man habe das alles mit den europäischen Partnern entwickelt, man wisse alles, was man braucht: „Die Daten, unbemannte Systeme, Brigaden und alles weitere.“ Für den gemeinsamen ZUgriff habe sich die Nato bereits auf Palantirs Maven Smart System geeinigt. Man könne der Industrie ganz genau sagen, was gebraucht wird. Ganz entscheidend sei, dass alles interoperabel sei. Notwendig sei ein gemeinsames offensives und defensives Abschusssystem für die Luftabwehr und weitreichende Flugkörper mit einem gemeinsamen Betriebssystem, vor allem müsse jedes Waffensystem und jede Munition, mit denen man auf einen Feind schießt, billiger als das sein, was man abschießt.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 18.7. 2025
https://overton-magazin.de/top-story/nato-hat-kaliningrad-im-visier/

Wir danken für as Publikationsrecht.

„Deutschland wird wieder gefährlich“

Von Florian Rötzer

Bilder: Wikipedia / Collage: Jochen Gester. Der Feind steht im Osten. Kontinuitäten deutscher Außenpolitik. In der Reihe: Wilhelm II, v. Bülow, Hitler, v. Ribbentrop, Adenauer, Brentano, Merz, Wadephul. (Jochen Gester)

Angekündigt worden war, dass es am Montag eine Entscheidung von Präsident Trump zur Ukraine geben werde. Die Ukrainer-Unterstützer werden sich mehr erwartet haben. Trump erklärte zwar beim Treffen mit Nato-Generalsekretär Rutte, er sei sehr unglücklich über Putin und werde „sekundäre Zölle“ in Höhe von 100 Prozent erheben, wenn es in 50 Tagen keinen Deal gebe. Er gab sich zuversichtlich, dass dies auch geschehen wird.

Überdies sollen die „besten Waffen der Welt“ an die Nato-Verbündeten verkauft werden, die sie dann der Ukraine weitergeben können. Es soll sich um eine erste Welle in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar handeln und Raketen, Luftabwehrsysteme und Artilleriegeschosse beinhalten. USA werden aber weiterhin nichts mehr selbst zahlen. Es sei schließlich Bidens Krieg und die USA getrennt durch einen Ozean vom Kriegsschauplatz. Ob die USA auch weitreichende Raketen freigeben, scheint so zu sein, ist aber nicht sicher.

Matt Whitaker, US-Botschafter bei der Nato, stellte klar, dass die USA nur überschüssige Waffen verkaufen werden.

Am Sonntag hatte Präsident Wolodymyr Selenskij nach einem Treffen mit dem Oberkommando der Streitkräfte, bei dem es auch um das Vorrücken der russischen Truppen etwa in Richtung Pokrowski ging, angekündigt, Angriffe mit weitreichenden Waffen auf Ziele in Russland an.  Man werde „alles machen, um den Krieg auf russisches Territorium zu verlagern“, und Versuche unterbinden, dass die Russen Offensiven starten. Um welche weitreichenden Waffen es sich handelt, verriet Selenskij nicht.

Es könnte sich um die Waffen handeln, die gemeinsam mit Deutschland entwickelt werden. Bekanntlich will die Bundesregierung die Ukraine bei Angriffen auf Russland unterstützen und hat angekündigt, gemeinsam mit der Ukraine entsprechende Waffen zu produzieren. Beim Besuch von Selenskij in Berlin Ende Mai sagte Bundeskanzler Friedrich Merz: „Wir wollen weitreichende Waffen ermöglichen. Wir wollen auch gemeinsame Produktion ermöglichen. Wir werden vor allem darum bemüht sein, die ukrainische Armee mit allen Möglichkeiten auszustatten, (…) das Land erfolgreich zu verteidigen.“

Das Unterstützungspaket in Höhe von 5 Milliarden soll diese Produktion weitreichender Waffen für die Ukraine fördern. Überdies will die Bundesregierung zwei Patriot-Batterien von den USA kaufen. Obgleich Merz-Regierung verkündet hatte, Entscheidungen über Waffenlieferungen nicht mehr bekanntzugeben, erklärte Verteidigungsminister Pistorius in einem Interview mit der Financial Times, dass weiterhin keine Taurus-Raketen an die Ukraine geliefert wurden. Es ist anzunehmen, dass Taurus-Raketen nicht schnell in großer Zahl produziert werden können und dass die Bundeswehr damit einen Trumpf in der Hand behalten will. Ein Einsatz in der Ukraine würde Details preisgeben. Daher ist anzunehmen, dass Deutschland die Produktion ukrainischer Waffen finanziert.

Das ist auch im Sinn von Selenskij, der die heimische Rüstungsindustrie stärken und gleichzeitig die Abhängigkeit von Waffenlieferungen vermindern will. Er sagte: „Derzeit werden etwa 40 % unserer Waffen für die Verteidigung in der Ukraine hergestellt. Unsere Aufgabe ist es, diesen Wert und damit die Verteidigungsunabhängigkeit unseres Staates deutlich zu steigern.“

Am Freitag hat das ZDF mit dem Leiter des Sonderstabs Ukraine im Bundesverteidigungsministerium, Generalmajor Freuding, gesprochen, der gerade in Kiew war. Er sagte, die Lage sei zwar angespannt, aber die Luftverteidigung sei noch stabil, man sei aber am Überlegen, wie man „neue Luftverteidigungssysteme mittlerer und großer Reichweite“ in die Ukraine kriegen. Man unterstütze die Ukraine „mit der Finanzierung weitreichender Raketen in hoher dreistelliger Stückzahl“. Damit sollen Ziele tief im russischen Raum angegriffen werden. Schon Ende Juli würden die ersten geliefert und dann in der Folge in einer „hohen dreistelligen Stückzahl“ zur Verfügung stehen. Das werde die Ukraine in den nächsten Monaten „massiv verstärken“.

„Wir brauchen Waffensysteme, die weit auch in die Tiefe des russischen Raumes reichen, die Depots, Führungseinrichtungen, Flugplätze und Flugzeuge angreifen können.“ Wenn Freuding hier von einem „Wir“ bei Angriffswaffen spricht, dann wird deutlich, dass die deutsche Führung umschwenkt von einem Verteidigungs- auf einen Angriffskrieg, den die Ukraine stellvertretend führt.

Pistorius betont die Tötungsbereitschaft der Bundeswehr.  Bezeichnend ist, dass er keine Vorsicht walten lässt, wenn es um Russen geht, als ob die Operation Barbarossa, der Angriff auf die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg als geplanter Vernichtungskrieg mit mehr als 20 Millionen Opfern, keine Bedeutung mehr spielen würde: „Er betonte, dass deutsche Truppen, die jahrelang eine Kultur der militärischen Zurückhaltung als Reaktion auf die Schrecken des Zweiten Weltkriegs pflegten, bereit seien, im Falle eines Angriffs Moskaus auf einen Nato-Mitgliedstaat russische Soldaten zu töten“, schreibt die FT. „‘Wenn die Abschreckung nicht funktioniert und Russland angreift, wird es dann passieren? Ja‘, sagte er. ‚Aber ich würde Ihnen empfehlen, einfach nach Vilnius zu fahren und mit den Vertretern der deutschen Brigade dort zu sprechen. Die wissen genau, was ihre Aufgabe ist.“‘ Russische Soldaten zu töten? Kreml-Sprecher Peskow griff die Formulierung dankbar auf und meint, er könne kaum glauben, dass Pistorius davon spreche, im Krieg russische Soldaten töten zu wollen: „Aber leider stimmt das“, sagte er gegenüber RBC: „Deutschland wird wieder gefährlich.“

Um welche Raketen oder Drohnen es sich handelt, ist nicht bekannt. Nach der Welt könnte es sich um in der Ukraine entwickelte An-196 Lyutyi-Drohnen mit einer Reichweite von 1200 km und einen Sprengsatz von 50-75 kg handeln. Deutschland soll die Produktion von über 500 dieser Drohnen finanzieren, die seit 2023 von der Ukraine eingesetzt werden. Auch über Deep-Strike-Drohnen des  Typs BARS mit einer Reichweite bis zu 700 km waren Finanzierungsverträge geschlossen worden. Selbst wenn sie in der Ukraine gebaut werden, sind es dann auch deutsche Waffen, die ab Ende Juli gegen russische Ziele gerichtet werden sollen.

Update: Pistorius war beim US-Verteidigungsminister Hegseth auch mit dem Wunsch angetreten, das bodengestützte Raketensystem „Typhon“ mit einer Reichweite von 2000 km von den USA zu kaufen. Man will offenbar nicht abhängig davon sein, ob Trump die von Biden zugesagte Stationierung von Mittelstreckenraketen  einhält, um über weitreichende Offensivwaffen zu verfügen. Trotzdem wünscht sich Pistorius die Stationierung weiterhin. Mit der Mid-Range Capability (MRC)-Batterie Typhon können SM-6-Raketen und Tomahawk-Lenkflugkörper für Deep Strike-Angriffe gestartet werden.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 15.7. 2025
https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/deutschland-wird-wieder-gefaehrlich/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Weniger ist zuwenig

Von Andreas Buderus

Wir haben das Manifest einer Initiative von Sozialdemokrat:innen hier bei uns im Forum bekannt gemacht, weil dieser Schritt dazu führen kann, dass Risse im Lager der Kriegsertüchtiger entstehen und so der Friedensbewegung neue Kräfte zugeführt werden. Wenig Hoffnung hatten wir allerdings, dasss die SPD als Partei hier eine ernstzunehmende politische Kehrtwende vollziehen könnte. Gründe, warum, formuliert im folgenden Artikel Andreas Buderus, der zu den Initiatoren der Basisinitiative SAGT NEIN! Gewerkschafter:innen gegen Krieg, Militarismus und Burgfrieden – gehört. (Jochen Gester)

Bild: Fotos Wikipedia / Eigene Bearbeitung Jochen Gester

Was uns die öffentliche Debatte über das Manifest der ´SPD-Friedenskreise´ über die Verkommenheit der Verhältnisse und des politischen Diskurses in Deutschland und den Un-Zustand der SPD lehrt, während gleichzeitig Angriffskrieg zur geschätzten ´Drecksarbeit´ wird, und das verordnete ‚Wir‘ zu seiner ideologischen Uniform

Dass der fromme Wunsch einer Nicole nach ´ein bisschen Frieden´, der Deutschland im Gegensatz zu den heutigen erbärmlichen nationalen Ergebnissen beim ESC, im Jahre 1982 zu Platz 1 an der Sonne gereichte, mal den massiven Protest der Staatsgewalt hervorruft – Leute, wer hätte das gedacht… Fällt euch da nichts auf?! Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen (wie bei der Guerot, die ja auch will, dass „wir wieder von Europa träumen können“), und dass die Menschen nicht so oft weinen – das grenzt schon an Wehrkraftzersetzung (im Dienste Putins, wie die FAZ gleich weiß, ob der jetzt diese Kollaborateure bezahlt oder nicht).

Die Tragödie der Gegenwart liegt nicht nur in der Barbarei des globalen imperialistischen Mordens, das in den in den Trümmern von Mariupol und Donezk, den Schutthaufen von Gaza und den Straßen von Djenin und Tulkarem, in den Flüchtlingscamps des Sudan, im Feuer Israelischer und US-amerikanischer Bunker-Buster im Iran, im Chinesischen Meer oder auf den Bergen Kurdistans und in Rojava täglich neue Opfer fordert. Sie liegt gleichermaßen in der moralischen Feigheit und politischen Verkommenheit derer, die sich in den Zentren der Macht als Garanten von Frieden und Freiheit gerieren, während sie mit jedem neuen entgrenzten Aufrüstungspaket, jeder Waffenlieferung und jeder Propagandasalve Öl in das Feuer des globalen Kriegsinfernos gießen.

Der eskalierende globale Krieg um Vorherrschaft – zwischen USA, China, NATO, EU, Russland, BRICS+ – ist keine Abfolge isolierter Konflikte. Er ist Ausdruck der tiefen Erschöpfung des Kapitalismus in seiner in Verwesung übergegangenen imperialistischen Spätphase.

Die „Zeitenwende“ markierte dabei den Übergang von einer symbolischen zu einer materiellen Kriegsökonomie. Mit der Entgrenzung der Rüstungsausgaben und der systematischen Reorganisierung der Industrie entlang sicherheitsindustrieller Interessen (Rüstung, KI, Biotech, Energieautarkie) entsteht ein neuer militärisch-industriell-digitaler Komplex. Er schafft Profite, Disziplin und geopolitische Schlagkraft – und dient zugleich als Fluchtpunkt für ein erschöpftes Kapital, dem in den klassischen Akkumulationsfeldern längst die Luft ausgeht.

Die systematische Umdeutung von Verteidigung in Angriff, von imperialistischer Expansion in „Werteordnung“, von Eskalation in „Verantwortung“ führt zu einer tiefen moralischen und politischen Verdrehung. Wer den Krieg kritisiert, wird nicht nur diskreditiert, sondern pathologisiert – als „Naivling“, „Putinversteher“, „Antisemit“.

Opposition wird zur psychopolitischen Abweichung erklärt. Wie weit die diskursive Kriegsformierung bereits fortgeschritten ist, zeigte zuletzt die Reaktion auf das sogenannte ´Manifest der SPD-Friedenskreise´. Darin wurde keineswegs ein radikaler Pazifismus vertreten, sondern unter grundsätzlicher Akzeptanz des eingeschlagenen Kurses („Für Verteidigungsfähigkeit und Rüstungskontrolle“) lediglich vor einer Aufrüstungsspirale gewarnt, „die zukünftige Konflikte eher wahrscheinlicher macht, als sie zu verhindern“. Doch bereits diese minimale Irritation des herrschenden Kriegsertühtigungs-Dogmas löste einen Furor aus, der selbst für den postdemokratischen Diskursraum bemerkenswert war.

Die mediale Kampagne ließ nicht lange auf sich warten: „Als hätte Putin mitgeschrieben“, lautete der Tenor in BILD, FAZ & Co., flankiert von einer orchestrierten Empörung auch aus der SPD-Führung. Dort wurde den Unterzeichner*innen „Realitätsverweigerung“ attestiert, ihre Warnung als „sicherheitspolitisches Risiko“ verunglimpft . Die FAZ aktualisierte das Scholz-Paradigma von Pazifisten als „Engel aus der Hölle“  in Bezug auf die Manifest-Autor*innen zu   „Tauben am Tor zur Hölle“.  Was hier sichtbar wird, ist die schleichende Kriminalisierung jeder Position, die nicht auf „Kriegstüchtigkeit“ eingeschworen ist. Wer sich dem imperialen Konsens entzieht, wird nicht argumentativ widerlegt, sondern moralisch delegitimiert – als Bedrohung, als Kollaborateur, als Fremdkörper. Die politische Debatte ist damit nicht nur militarisiert, sondern funktional gleichgeschaltet: Differenz wird zum Feind, Kritik zur Gefahr, Friedenswille zum Sicherheitsrisiko.

Als der neue Kriegskanzler Friedrich Merz beim G7-Treffen im Juni 2025 den völkerrechtswidrigen Angriff Israels auf den Iran mit den Worten begrüßt, Israel habe „die Drecksarbeit für uns erledigt“, spricht er nicht nur als Einzelperson – er artikuliert den autoritären Konsens einer entgrenzten Exekutive, die sich vom Souverän längst verabschiedet hat. Eine Formulierung, die den völkerrechtswidrigen Angriff in einen aggressiven Erlösungsmythos umdeutet, der zugleich zur Unterwerfung verpflichtet. Wer „wir“ in diesem Satz ist, bleibt unklar. Doch deutlich wird: Die Bevölkerung soll affektiv vereinnahmt, in nationale Verantwortung genommen, in „Inobhutnahme“ gezwungen werden.

Andererseits: Das so arg diskreditierte, sich selbst so bezeichnende ´Manifest´ der ´SPD-Friedenskreise´ – ein Widerspruch in sich wie Vegetariermenüs aus der Fleischfabrik –   trägt mit pazifistischer Rhetorik eine Maske, hinter der das alte hässliche Gesicht der Sozialdemokratie als Staatspartei des Imperialismus sichtbar bleibt. Das ist kein tragischer Irrtum – es ist politisches Kalkül. Die Kritiker*innen, die dessen Heuchelei aufdecken, werden erneut der Spaltung bezichtigt; der imperialistischen Einheit von SPDCDUCSFDP über Olivgrün bis AfD hingegen gilt der Schutzschild politischer Sitte, von Anstand und Moral.

Die hysterische Zurückweisung des Manifests durch die offizielle SPD – durch Regierungspolitiker wie Klingbeil und Pistorius, den Fraktionsapparat und die üblichen öffentlich-rechtlichen Lautsprecher – ist keine ´Verteidigung der Vernunft´, sondern ein ungewollter Offenbarungseid. Denn sie reagieren nicht auf einen auf Systemüberwindung zielenden Angriff, sondern auf einen butterweichen Appell zu Rückkehr zur Kalter-Kriegs-Diplomatie, flankiert von der Anerkennung der NATO, der grundsätzlichen Bejahung des Ausbaus einer – wenn auch durchdachteren – militarisierten und atombewaffneten Deutschland-EU als eigenständigem geopolitisch imperialistischer Player, von der Verteidigung der ´westlichen Wertegemeinschaft´ und – dies sei betont – ohne jegliche Analyse des imperialistischen Charakters des herrschenden globalen Krieges und der auf den Exitus hintreibenden Mitweltvernutzung. Dass selbst dieses butterweiche und zutiefst linientreue ´Manifest´ jetzt immerhin einen solchen Riss im kriegsbesoffenen proklamierten national standortreuen common-sense erzeugen kann, ist nicht seiner nicht vorhandenen kritischen Wucht oder mutigen Zivilcourage geschuldet, sondern dem bereits erreichten überbordenden Ausmaß der Verkommenheit der realen Verhältnisse. Dies zugestanden, ist das Beste über das Manifest auch schon gesagt.

Die öffentlich wohl inszenierten Schmerzensschreie aus SPD-Baracke, SPD-Fraktions-Otto-Wels-Saal und SPD-Kriegsministerium-Bentlerblock sind der Offenbarungseid  über die finale sozialdemokratische Unterwerfung unter die Logik der vielzitierten  ´Staatsräson´, jenes autoritäre Herrschaftsprinzips, das nach klassischer politikwissenschaftlicher Definition die Interessen des Staates absolut über Moral, Recht und Individuum stellt, das „den Einsatz aller Mittel“ rechtfertigt, „unabhängig von Moral oder Gesetz“. Diese Unterwerfung ist Ausdruck einer tief sitzenden kollektiven psychopolitischen Deformation: Die Angst, erneut als „vaterlandslose Gesellen“ diffamiert zu werden, lässt die SPD seit der Aufhebung des Gesetzes ´gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie´ im Jahre 1890 in vorauseilender Nationalstaatsloyalität jedes internationale Verbrechen decken, das im Namen des deutschen Staatsinteresses begangen wird. Diese pathologische Anpassung ist längst nicht mehr vielleicht noch verstehbarer defensive Angst geschuldet, sondern Struktur gewordene verinnerlichte, zynische Staatsvergottung sozialdemokratischer Prägung, die weder politische noch moralische Kategorien mehr kennt — weil sie diese berechtigter Weise als Bedrohung der eigenen zutiefst teutonischen Michelstruktur erlebt.

Wenn es noch eines Beweises für die Verkommenheit dieses gesellschaftlichen Diskurses und des Zustandes Deutschlands im 80. Jahr nach der nie erfolgten ´Befreiung vom Faschismus´ bedurft hätte, dann ist es die Tatsache, dass der preußisch-wilhelminische Möchtegern-Noske im Bentlerblock als Kriegsminister seit Monaten der ´beliebteste Politiker´ des sich erneut seinen ´Platz an der Sonne´ erkämpfenden Deutschlands ist.

Pistorius steht mit seinen Appellen an den autoritären Charakter wie ein gepanzerter Mahnstein für die Verbindung aus preußischem Kasernenhofdrill und neoliberaler Effizienz: ein Minister ohne Zweifel, ohne Skrupel, ohne Widerrede. Basta-Manier mit Stahlhelm. Ein wilhelminischer Exekutor des neuen, ewig gleichen deutschen Militarismus – ausgestattet mit breiter Zustimmung der politischen Klasse, medialer Dauerpräsenz und dem Anschein ´volksnaher´ Entschlossenheit. Und ´das Volk´ findet ihn ´einfach nur toll´ dafür. ´Endlich wieder einer, der sagt, was Sache ist.´ Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlachter selber…

Doch die eigentliche Farce spielt sich nicht in Uniform ab, sondern im aufgetragenen Konfirmations-Anzug der Sozialdemokratie: öffentlich inszeniertes parteiinternes Trauerspiel zwischen larmoyanten, als ´Appeasement-Adepten´ vorgeführten, in Wahrheit jedoch schlicht opportunistisch und final verwirrt hin und her gerissenen Altspezialdemokraten, die immer noch nicht begreifen wollen, dass die SPD spätestens seit 1914 keine ´Friedenspartei´ mehr ist, und den zackigen Haltungshelden, die keine Fragen stellen, solange die Marschrichtung stimmt.

Dort wimmern nun die Erstunterzeichner Rolf Mützenich, einst Fraktionschef, heute ein ´armes Hascherl´ im Nebel des eigenen politischen Selbstmitleids, und Ralf Stegner, abgehalfterter Außenpolitiker, der sich bis heute als ´links´ inszeniert – was immer das ist außer ein beliebiger Punkt im diffusen politischen Raum. Stegner, der nichts mehr fürchtet, als den kleinen Jungen aus des Kaisers neue Kleider, der eines Tages – oder vielleicht schon im Plenum des kommenden SPD-Parteitages – ungefragt aufsteht und – die stumpfe Nacktheit entlarvend – laut in den Saal ruft: ´Der hat ja gar nichts an!´. Beide fühlen sich vom Pistorius’schen Hammerschlag übergangen, beleidigt, ausgebootet – und tun das, was die SPD-Granden in solchen Momenten schon immer am besten konnten: hohl und betroffen gucken und an Willy Brandt erinnern.

´Man wird ja wohl noch mal sagen dürfen…´, tönt es da zitternd aus Interviews und Kolumnen. Doch gesagt wird nichts, was nicht im Rahmen bleibt, was nicht ins Raster der politischen Geschäftsordnung der Kriegsertüchtigung passt. Kein Bruch, kein Rücktritt, kein tatsächlicher Widerstand – nur öffentlichkeitswirksames Nachkarten, Mimosenpolitik im Dauerlamento – symptomatisch für jene, die lieber rumheulen als kämpfen, lieber bitten als brechen, lieber signalisieren als agieren.

Die Verteidiger*innen des ´Manifests´ klammern sich an eine Rest-Rhetorik Brandtscher ´Entspannungs-Rabulistik’, weil sie eine Rückkehr zur sozialdemokratischen Wärmeflasche und Bettpfanne ersehnen. Doch die SPD ist längst keine Partei des Friedens mehr. Friedenspolitik in der SPD ist wie Vegetariermenü aus der Fleischfabrik: Etikettenschwindel in systematischer Absicht.

Die innerparteiliche Schmierenkomödie der SPD ist kein Ausdruck innerer Kämpfe – sie ist das Ritual von tief in der Logik der Politik des Militärisch-Industriell-Digitalen Komplexes gefangenen Funktionären, die längst wissen, dass der Kurs feststeht und ihr Protest Teil des Theaterdonners ist, der den Marsch der Regimenter übertönen soll.

Die wenigen, die dieses Spiel durchschauen zeigen auf, dass das Manifest in Wahrheit nicht gegen, sondern in letzter Konsequenz für die herrschende Konfrontationspolitik spricht. Es fordert mehr Diplomatie, aber akzeptiert die Logik massiver Aufrüstung. Es beklagt Eskalation, aber vermeidet jede Fundamentalkritik am westlichen Imperialismus. Es moralisiert, ohne politisch historisch zu analysieren. Und eben deshalb trifft es die Zustimmung derer, die den Krieg nur effizienter, nicht noch unmenschlicher führen wollen.

Schlimmer jedoch ist, dass große Teile der noch verbliebenen Friedensbewegung – in Ehren seit den 80ern ergraut, ermattet, desorientiert, illusionssüchtig – auf diesen Trick hereinfallen. Sie wollen nicht erkennen, dass der wahre Feind wie schon immer und nach wie vor im eigenen Land steht und seit durchgängig seit 1998 mit am Regierungstisch sitzt (nur unterbrochen von 2009 – 2013), weil sie die Konsequenz fürchten, die dieser Erkenntnis folgen müsste: den Bruch mit Nationalökonomie, dem ´sozialen Frieden´ der Herrschenden, Parlamentarismus, nationalistischer Standort- und Kriegslogik. Sie versagen erneut und katastrophaler als je vor der Geschichte. Denn die Mechanismen liegen nach zwei Weltgemetzeln mit ihren hunderten Millionen Erschlagenen, dem industrialisierten Massenmord der Shoa, zwei auf Menschen abgeworfenen Atombomben und weiteren 72 Millionen in den globalen Kriegen seit 1945 Abgeschlachteten klarer denn je zu Tage:  Wie vor einem Jahrhundert, so ist auch heute der Weltkrieg keine Kette isolierter Konflikte. Ukraine, Gaza, Westbank, Syrien, Sudan, Iran, Kurdistan, Südchinesisches Meer – es ist ein Weltenbrand, gespeist von denselben ökonomischen Interessen, derselben geopolitischen Gier, demselben nationalistischen Gift.

Wer daran immer noch zweifelte, und wer nach wie vor keine Ideen über das ´Wem nützt es?´ der anhaltend eskalierenden Welt-Unordnung hatte der wurde schon am 15. Juni im newsletter der WirtschftsWoche aufgeklärt: „ Eskalation im Nahen Osten: „Aus dem chronischen Spannungszustand zwischen Iran und Israel wurde über Nacht ein Krieg. Eine neue Phase geopolitischer Unsicherheit hat begonnen, ohne dass klar ist, wie lange sie anhalten und welche Folgen sie haben wird. Oder ob sie irgendjemand eindämmen kann.

Kaum war die Nachricht in der Welt, begannen Menschen und Maschinen an den Märkten zu arbeiten. Die Börse kennt keine Sentimentalitäten. Sie hält nicht inne. Sie reagiert sofort. Der Ölpreis stieg ruckartig, die Aktienmärkte gaben nach. Gefragt waren stattdessen sichere Anlagen: Bundesanleihen, der US-Dollar – und Gold. Wenn das politische Risiko steigt, sucht das Kapital Schutz.“

Wer Frieden will, darf nicht zwischen ´guten´ und ´schlechten Bomben´ unterscheiden, nicht zwischen ´westlichen´ und ´östlichen Mördern´, sondern muss die Logik brechen, die all dies hervorbringt.

So wie Luxemburgs Junius-Thesen gegen die Burgfriedenspolitik der SPD schon 1915 den revolutionären Bruch forderten, stellen wir heute fest:

Die Hauptschuld am Krieg liegt bei jenen, die ihn vorbereiten, finanzieren, rechtfertigen und am Ende von ihm milliardenschwer profitieren – und das sind die Akteure der Militärisch-Industriell-Digitalen Komplexes aller imperialistischen Länder und ihrer jeweiligen Steigbügelhalter in den Regierungen aller angeblichen ´Lager´.

Der wahre Feind der Menschheit steht im jeweils eigenen Land – in den Kriegsregierungen, in der Rüstungslobby und in den Redaktionsstuben, die Kriege wie eh im Auftrag der Herrschenden je passend zu ´präventiv erforderlichen Verteidigungsschlägen´ oder ´militärischen Spezialoperationen´ oder begrüßenswerter ´Drecksarbeit´ verklären.

Die Aufgabe der Linken ist nicht Vermittlung zwischen Krieg und Frieden, sondern bedingungslose Opposition gegen den imperialistischen Krieg aller Seiten.

Die Friedensbewegung darf sich nicht länger als moralisches Feigenblatt der SPD missbrauchen lassen.  Nicht Appelle, sondern Aktionen sind nötig:

  • Enthüllung der und verschärfte Agitation gegen Kriegspropaganda und militaristische Zurichtung der Gesellschaft und ihrer ‚Weichspüler´, wie zum Beispiel die ´SPD-Friedenskreise´.
  • Blockade von Waffentransporten.
  • Streik gegen Rüstungsproduktion.
  • Kollektive Verweigerung der Inanspruchnahme als Kanonenfutter für die Kriege des jeweils aufgepfropften Nationalstaates und Desertion aus allen Armeen.

Was tun?

  • Die Bourgeoisie ruft zum Durchhalten.
    Wir rufen auf, Sand zu sein im Kriegsgetriebe.
  • Die Herrschenden rufen zum ´nationalen Schulterschluss´.
    Wir rufen zum internationalen Klassenkampf.
  • Der Militärisch-Industriell-Digitale Komplex ruft zur Mobilmachung.
    Wir zur flächendeckenden Demobilisierung und Auflösung aller Militärbündnisse und Armeen.

Die weitere epidemische Ausbreitung des globalen Krieges kann nur beendet werden, wenn die Menschen in allen Ländern den Kriegstreibern im jeweils eigenen Land das Handwerk legen.

  • Nicht die Alternative ´Verhandeln oder Siegen´,
    sondern die klare Entscheidung: ´Kein Frieden mit dem Kriegssystem!´
  • Nicht die Bitte um andere oder weniger Waffen,
    sondern die Parole: „Nieder mit allen Waffen!
  • Nicht Hoffnung auf die SPD,
    sondern Kampf gegen das System, das sie verkörpert.
  • Kein Paktieren mit dem imperialistischen Bellizismus!
    Nicht in Deutschland, nicht in Europa, nicht in Russland, nicht in Israel – nirgendwo!

Das gilt es mit offener Hand für all die Sozialdemokratinnen, die es mit ihrem sicherlich gut gemeinten „Appell für Frieden“ ernst meinen, präzise zu benennen.

  • Arbeiter*innen schießen nicht auf Arbeiter*innen!
  • Stoppt die ´Konversion Pervers´ und die vollständige Militarisierung der Gesellschaft!
  • Schluss mit der Burgfriedenspolitik der DGB-Gewerkschaften!
  • Keine Wiedereinführung des Kriegsdienstes!
  • Schutz und Asyl für alle Kriegsdienstverweigerer*innen und Deserteur*innen, egal woher, aus welchem Krieg und von welcher Seite!

DAS gilt es seitens der friedens- und Gewerkschaftsbewegung und von verbliebenen aufrechten Sozialdemokrat*innen, sofern es die noch gibt…, auf dem bevorstehenden SPD-Parteitag am kommenden Wochenende unmissverständlich klar zu stellen.

Weniger ist zu wenig.

Erstveröffentlicht im Gewerschaftsforum Dortmund
https://gewerkschaftsforum.de/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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