In Deutschland, aber auch in Polen ist die Bereitschaft als Soldat zu kämpfen gering


Bild: asov-Selbstmarketing

Von Florian Rötzer

Der Krieg in der Ukraine hat wieder das Bild vom heroisch für sein Land kämpfenden (männlichen) Soldaten mit seinem Kriegerethos beschwört, aber die reale Bereitschaft dazu versiegt auch hier.

In der Ukraine fehlen Soldaten, die den Westen, die Freiheit und das eigene Land unter massenhaften Einsatz ihres Lebens gegen Russland verteidigen sollen. Aufgrund von Munitions- und Soldatenmangel weichen die ukrainischen Truppen bereits ein wenig zurück, an eine Offensive ist vorerst nicht zu denken. Präsident Selenskij propagiert weiterhin eine militärische Lösung, natürlich zugunsten der Ukraine und mit dem heldenhaften Einsatz der Ukrainer und einiger Legionäre, die kämpfen wollten oder zwangsrekrutiert wurden.

Jetzt hofft man vor allem auf (neue) Technik, um Russland auch hinter der Front anzugreifen, aber auch auf eine massive Mobilisierung, um diejenigen, die sich bislang dem Militär entziehen konnten, an die Front zu bringen. Auch an die vielen Männer, die aus der Ukraine trotz Ausreiseverbot geflohen sind, um nicht kämpfen zu müssen.

Aufbäumen gegen die postheroische Gesellschaft

Langsam dämmert die Erkenntnis, dass große Teile der ukrainischen Gesellschaft keineswegs willens sind, ihr Leben für den ukrainischen Bandera-Nationalismus zu opfern, der sich nach dem Maidan-Regierungssturz und getragen von militanten Freiwilligenverbänden, die den Kampf gegen die ostukrainischen Separatisten führten, verbreitete. Damit einher ging die gegen die liberale westliche Kultur gerichtete Feier der kriegerischen Männlichkeit, des tapferen und todesmutigen Helden, des mit Waffen überladenen Kriegers. Nicht von unten, sondern vom Kreml aus wird eine ganz ähnliche post-post-heroische Ideologie propagiert, die einhergeht mit dem Versuch, das traditionelle, binäre und durch männliche Herrschaft gekennzeichnete Verhältnis der Geschlechter zu bewahren bzw. wiederherzustellen. Die Ablehnung von LBQT und der Verweichlichung gehört dazu.

Das Männer-Krieger-Bild ähnelt dem islamistischen Kult der ebenfalls nie ohne Waffen auftretenden „Märtyrer“ von al-Qaida, des Islamischen Staats, der Taliban, der Hamas, allesamt Männer, mit dem Slogan „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“, irgendwie auch vermeintliche Freiheitskämpfer. Die können allerdings wahlweise gegen den Westen oder für diesen kämpfen. Man erinnert sich an die Ausführungen von Klaus Theweleit in seinen „Männerphantasien“, die nun wiedergekehrt sind, allerdings können sie nur Teile der Gesellschaft erfassen.

In Israel lässt sich nicht wirklich eine Anti-Kriegsbewegung feststellen, im Gazastreifen konnte die Hamas keinen Aufstand entfesseln, auch wenn im Westjordanland vereinzelt Palästinenser zu den Waffen greifen oder Anschläge ausführen. In Russland sind viele geflohen, noch scheut der Kreml vor einer Zwangsmobilisierung zurück. In der Ukraine ist der Menschennachschub an die Front als Kanonenfutter versiegt. Wer sich nicht freiwillig gemeldet hat, will auch nicht an die Front, schon gar nicht, wer vor dem Krieg ins Ausland geflüchtet ist. Das ist nicht gerecht, wie die Kriegsbefürworter und die Soldaten an der Front sagen, die fürchten müssen zu sterben oder die unter den harten Fronteinsätzen leiden. Aber da sind dann auch die Kriegsbefürworter, die selbst nicht kämpfen und die ihre Kinder im Ausland verstecken. Neben den Freiwilligen kommen an die Front diejenigen, die keine Beziehungen und wenig Geld haben. Das war schon immer so. Die lautesten Kriegspropagandisten leben sicher hinter der Front und profitieren oft genug davon.

17 Prozent der Deutschen wären bereit, im Falle eines Angriffs aif Deutschland zur Waffe zu greifen

Auch in Deutschland ruft der Verteidigungsminister, der nie an die Front kommen wird, ebenso wie andere Propagandisten wie Strack-Zimmermann, Kiesewetter, Baerbock oder Carlo Marsala, dazu auf, dass die Gesellschaft „kriegstüchtig“ werden müsse. Es geht also nicht primär darum, Wege zu finden, wie Frieden hergestellt werden kann, sondern um mackerhafte Abschreckung und Kriegsführung. Nur gut, dass sich die deutsche Gesellschaft offenbar davon (noch) nicht anstecken lässt.

Nach einer stern-Umfrage wären 61 Prozent nicht bereit, im Falle eines militärischen Angriffs Deutschland mit der Waffe zu verteidigen, 40 Prozent davon sagen, sie würden das auf keinen Fall machen. Auf jeden Fall bereit wären 17 Prozent, wahrscheinlich 19 Prozent.

Mit der Kriegswilligkeit ist es also nicht groß zu rechnen, das zeigt sich auch daran, dass die Bundeswehr seit Jahren und schon vor dem Krieg in der Ukraine keinen Erfolg hat, ihr Personal zu steigern. Erreichen will man bis 2031 203.000 Soldatinnen und Soldaten, seit Jahren sind es mit kleineren Schwankungen 20.000 zu wenig. 2013 waren es mit 191.838 aktiven Soldaten und Soldatinnen noch 10.000 mehr als im Oktober 2023. Kriegstüchtig, wie das Verteidigungsminister Pistorius wünscht, ist Deutschland nicht, deswegen würde der Minister gerne einen Mentalitätswandel voranbringen, da die Deutschen durch zu langen Frieden kämpferisch verkümmert sind, man könnte auch sagen: verweichlicht. Daher wird von Pistorius, Militärexperten und manchen Medien Angst geschürt: „Putin-Angriff in „fünf bis acht Jahren“: Deutschland wehrlos?“

In Polen, das zur europäischen Militärmacht werden wollte, Sinn nur 15 Prozent zur Verteidigung gegen einen russischen Angriff bereit

Die Angst vor Putins Russland wurde lange Zeit von der PiS-Partei in Polen geschürt. Dort wurde der Rüstungshaushalt verdoppelt, jährlich steckt das Land 3,9 Prozent des BIP in die Verteidigung. Polen sollte zur europäischen Militärmacht werden, die Streitkräfte sollten von 160.000 im Jahr 2022 bis 2035 auf 300.000 Männer und Frauen fast verdoppelt werden. Der Ukraine-Krieg kam nicht ungelegen, man konnte alte Systeme wie Flugzeuge und Panzer an die Ukraine geben und sich mit neuen Waffensystemen aus den USA, aber etwa auch aus Südkorea eindecken. Die Frage wird sein, ob die neue polnische Regierung diese großen Ausgaben weiter stemmen will. Nach einem OECD-Bericht leben die Polen „viel kürzer als der Weltdurchschnitt, sie sterben häufiger und sind zu selten körperlich aktiv“.

Rzeczpospolita schreibt, dass nach einer Umfrage auch die Polen bei einem russischen Angriff nicht zu den Waffen stürmen würden. 15,7 Prozent der Befragten sagten, dass sie in diesem Falle in die Armee eintreten würden, als Freiwillige. 29 Prozent würden sich ehrenamtlich beispielsweise in einem Krankenhaus engagieren. 25,5 Prozent würden in einen sicheren Teil des Landes ziehen, 22 Prozent würden nichts tun und 11,9 Prozent mitsamt Familien ins Ausland gehen.  11,6 % wissen nicht, was sie tun werden.

2023 sind mit 18.706 mehr Soldatinnen und Soldaten aus der Armee ausgetreten als in den letzten Jahren, darunter 9759 aus den Territorialverteidigungskräften. 4834 Soldatinnen und Soldaten haben schon eine Kündigung eingereicht, die nächstes Jahr zum Austritt führt. 22.079 sind der Armee oder den Territorialstreitkräften beigetreten.

Erszveröffentlich auf Overton Magazin, v. 23.12.2023
https://overton-magazin.de/top-story/in-deutschland-aber-auch-in-polen-ist-die-bereitschaft-als-soldat-zu-kaempfen-gering/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Appell gegen die nukleare Aufrüstung


Es ist wie ein Déjà-vu der 1980er-Jahre, in denen die USA in Europa mit der Stationierung der atomaren Mittelstreckenraketen Cruise Missiles und Pershing II einen neuen Rüstungswettlauf einleiteten, der sich dann bis hin zu Enthauptungszenarien der sowjetischen Supermacht steigerte. Europa war zum zukünftigen Schlachtfeld eines Krieges geworden, der auch den Einsatz von Atomwaffen vorsah. Unter veränderten geopolitischen Vorausssetzungen scheint ein ähnliches Bedrohungsszenario heute erneut Gestalt anzunehmen. Dies hat Berhard Trautvetter, seit den 80er Jahren Aktivist der Friedensbewegung, dazu motiviert die folgende Petition aufzusetzen, die stark an die großen Abrüstungsappelle der damaligen Zeit erinnert. Wir wünschen der Initiative viel Erfolg. (Jochen Gester)

Die Anzeichen verdichten sich, dass die USA in naher Zukunft in Deutschland Hyperschallraketen stationieren wollen. Wir appellieren an die Bundesregierung eine Aufstellung von US-Hyperschallraketen in Deutschland zu verhindern. Diese Raketen steigern, wie auch die ebenso unverantwortliche Stationierung der russischen Hyperschallraketen in Kaliningrad, aufgrund ihrer kurzen Flug- und damit faktisch nicht mehr vorhandenen Vorwarnzeit das Risiko eines Atomkriegs aus Versehen. Das Mitteilungsblatt (Bulletin) kritischer Nuklearwissenschaftler stuft die Gefahr eines Atomkriegs ohnehin schon so hoch ein, wie nie seit Hiroshima. Niemand hat das Recht, das völlig unkalkulierbare Risiko des Atomkrieges jemals einzugehen. Schon konventionell bestückt steigern  US-Hyperschallraketen auf europäischem Boden im Spannungsfall wegen ihrer Fähigkeit,  gegnerische Führungszentralen mit einem Enthauptungsschlag auszuschalten, die Eskalationsgefahr im Vorfeld eines Atomkrieges . 

Wir fordern die Bundesregierung auf, umgehend eine Verhandlungsinitiative zwischen den Nato-Staaten und Russland zu initiieren, um die gekündigten Abrüstungs- und Beschränkungsverträge für atomare und konventionelle Waffen- und Trägersysteme unverzüglich zu reaktivieren, so dass ein Atomkrieg aus Versehen oder aufgrund technischer Fehler auszuschließen ist. 

Mittelfristig erwarten wir von unserer, der westlichen Seite eine Initiative zu einer weitgehenden Abrüstungsoffensive gemäß der unterzeichneten Verträge wie dem UNO-Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NVV). Ein erster Schritt dafür ist Deutschlands Unterschrift unter den bereits völkerrechtlich gültigen Atomwaffenverbotsvertrag (AVV).

Bisherige Erstunterzeichner:

Prof. Dr. Karl Hans Bläsius
Prof. Dr. Peter Brandt
Angelika Claußen
Gregor Gysi
Karl Wilhelm Koch
Prof. Dr. Klaus Moegling
Michael Müller
Uwe W Schierhorn
Michael von der Schulenburg
Bernhard Trautvetter
Ralph Urban
Peter Vonnahme
Dr. Theodor Ziegler

Die Petition kann hier unterschrieben werden:
https://www.change.org/p/gegen-die-atomare-bedrohung

Ukraine „Jetzt akzeptieren wir auch spanisch sprechende Legionäre“

Bild: Selenskij bei der Amtseinführung von Milei zu Besuch in Argentinien. Bild: president.gov.ua/CC BY-SA-4.0

Von Gaby Weber

Warum hatte sich Wolodymyr Selenskij auf den langen Weg gemacht, um am 10. Dezember zur Amtseinführung des neuen argentinischen Präsidenten Javier Milei dabei zu sein? Weil sich zwei rechtsradikale Brüder umarmen wollten?

Das hielt ich nicht für wahrscheinlich. Dann sah ich die Bilder von dem Tête-à-Tête des Ukrainers mit dem paraguayischen Staatschef. Klar: da bereitet jemand sein Exil vor, in Asunción ist sicher noch ein Palast frei, den einst Mengele bewohnt hatte. Das macht Sinn. Doch dann las ich heute morgen die konservative Tageszeitung La Nación und alles war klar: im redaktionellen Teil, also nicht als Anzeige, fand ich dort das Werbeangebot an kampfbereite Argentinier, kampfbereit für die Freiheit, logo. Was wird geboten und was wird verlangt“, steht im Titel.

Das Angebot richtet sich ausdrücklich an spanisch-sprechende Männer, englisch oder ukrainisch sei nicht notwendig. Auftraggeberin ist die „Internationale Legion für die Verteidigung der Ukraine“ . „Wir haben nicht genug Personal. Wir brauchen junge und motivierte Männer“, wird da ein Oberst zitiert. „Jetzt akzeptieren wir auch spanisch sprechende Legionäre.“


Gezahlt werden monatlich 600 Dollar im einfachen Dienst, 1200 Dollar für Kämpfer im „Gefahrengebiet“, und 3300 Greenbacks für Männer für den direkten Kampf an der Front. Wer schwer verletzt wird, soll eine lebenslange Rente erhalten. Wer fällt – dessen Familie soll eine Entschädigung von 400.000 Dollar bekommen.

Bedingungen: Gesunde Männer zwischen 18 und 60 Jahren. Sie dürfen (angeblich) nicht vorbestraft sein, Erfahrungen bei Polizei oder Militär seien erwünscht. Die Anreise nach Kiev und das Visum müssen die Kandidaten selbst tragen, und erst dort wird entschieden, wer genommen wird und wer nicht.

Ich bin von dem Angebot hin und her gerissen. Einerseits erscheint es mir wenig seriös, der Gerichtsstand Kiev flößt wenig Vertrauen ein, Selenskij gehen doch nicht nur die Männer aus, sondern auch das Geld und die Munition, und er will nicht mal in die Anreise der Legionäre investieren. Andererseits hätte ich hier in Buenos Aires durchaus eine lange Liste von mittelalterlichen halbwegs gesunden (zumindest physisch) Männern, die ich gerne in den ukrainischen Volkssturm schicken würde, den neuen Präsidenten Javier, seinen Wirtschaftsminister und so weiter. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

Erstveröffentlicht auf Overton Magazin v. 21.12.23
https://overton-magazin.de/top-story/ukraine-jetzt-akzeptieren-wir-auch-spanisch-sprechende-legionaere/

Wir danken der Autorin für das Publikationsrecht.

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