Warum die Linkspartei Gewerkschaften priorisieren muss

Die LINKE muss ihr Verhältnis zu Gewerkschaften, Bewegungen und Ostdeutschland neu justieren – und die Partei einen. Dabei können Gewerkschafter in ihren Reihen eine wichtige Rolle spielen, denn sie wissen vom Arbeitskampf, dass Einheit unverzichtbar ist.

Von Ulrike Eifler

Pünktlich zur Sommerpause präsentierte die LINKE der Öffentlichkeit ihr Spitzenteam zur Europawahl. Mit der Seawatch-Kapitänin Carola Rackete und dem Sozialmediziner Gerhard Trabert soll die Partei sichtbarer an die Seite der sozialen Bewegungen gestellt werden. Doch die Nominierung war nicht nur der Auftakt zu Diskussionen des linken Personaltableaus. Sie war auch ein Versuch der Parteispitze, den innerparteilichen Streit mit dem Flügel um Sahra Wagenknecht machtpolitisch und – auch das gehört zur Wahrheit dazu – unter Verletzung der innerparteilichen Demokratie zu entscheiden.

Denn das Vorschlagsrecht für die Europaliste obliegt laut Bundessatzung nicht der Parteiführung, sondern dem Bundesausschuss. Dieser tagt vierteljährlich und ist das höchste beschlussfassende Gremium zwischen den Parteitagen. Er wurde durch die Pressekonferenz der Parteivorsitzenden ebenso vor vollendete Tatsachen gestellt wie der Rest der Partei.

Statt machtpolitische Pflöcke einzuschlagen, wäre die Partei gut beraten, ihre strategischen Leerstellen zu schließen.

In der innerparteilichen Diskussion stehen sich die Forderung einer »disruptiven Neugründung« und die Idee einer »konstruktiven Erneuerung« scheinbar unversöhnlich gegenüber. Dieser Konflikt steht zugleich für das innerparteiliche Ringen um das richtige Verhältnis von Einheit und Klarheit. Denn einerseits muss die LINKE angesichts komplexer gesellschaftlicher Krisen klare politische Einschätzungen liefern, die über die Flügelkompromisse der Vergangenheit hinausgehen. Doch werden solche klaren Positionierungen mittels politischer und organisatorischer Brüche erzielt, leidet andererseits die Einheit der Partei. Eine Strategie der Aufsplitterung würde die gesellschaftliche Linke aber insgesamt nicht stärken und wäre angesichts wachsender AfD-Zustimmungswerte unverantwortlich.

»Akteure aus den Bewegungen für die Spitzenplätze auf Wahllisten zu nominieren, ist noch keine Strategie, sondern spiegelt allenfalls ein gegenseitig instrumentelles Verhältnis zwischen Partei und Bewegung wider.«

Die Suche nach dem richtigen Verhältnis von Einheit und Klarheit sollte sich daher an den zentralen gesellschaftlichen Konfliktlinien ausrichten. Diese sind in einer Zeit multipler Krisen, die die Gesellschaft auf einen permanenten Ausnahmezustand einstimmen, einerseits leicht zu identifizieren – etwa im Kampf gegen den Klimakollaps, die zunehmende soziale Ungleichheit und das wachsende militärische Eskalationspotential. Andererseits ist es hochkompliziert, sie zu bearbeiten.

In der Strategiedebatte der LINKEN könnte es hilfreich sein, wenn sich die Partei auf den sozialistischen Analyserahmen – die Betrachtung der Klassenverhältnisse – konzentriert. Damit stünde am Anfang des Strategieprozesses die Frage, wie sich die multiplen Krisen auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der arbeitenden Menschen auswirken. Ausgehend davon müsste die bisherige Politik der Partei in drei Punkten einer Prüfung unterzogen werden: in ihrem Verhältnis zu Gewerkschaften, in ihrem Verhältnis zu Bewegungen, in ihrem Verhältnis zu Ostdeutschland.

Multiple Krisen und ihre Folgen

Die Zunahme der sozialen Ungleichheit, epochale Umbrüche in der Arbeitswelt, eine zu gesellschaftlicher Dysfunktionalität führende Krise der öffentlichen Infrastruktur, der drohende Klimakollaps, die Krise der Demokratie und nicht zuletzt die Mobilisierung für einen neuen Kalten Krieg – diese Krisen kommen unterschiedlich bei den Menschen an, aber in ihrer Gesamtheit schaffen sie ein neues Gefühl von Unsicherheit. Das gilt in besonderer Weise für die Lohnabhängigen.

Gegenwärtig saugt die AfD dieses Unsicherheitsgefühl auf. Sie lebt von der wachsenden Unzufriedenheit und schürt die Konkurrenz in den unteren Klassen. Dadurch gelingt es ihr, sich als »Partei des kleinen Mannes« zu inszenieren, obwohl sie wie keine zweite Partei für weiteren Sozialabbau, eine weitere Umverteilung nach oben und für den Abbau von Arbeitnehmerrechten steht. Das gelingt ihr auch deshalb, weil die Politik der Bundesregierung bestehende Sorgen vor Verarmung, Klimawandel oder militärischer Eskalation befördert, anstatt sie abzubauen.

Will die LINKE als Opposition zu dieser Politik wahrgenommen werden, muss sie ebenso empathisch wie lösungsorientiert an dieses Gefühl anknüpfen. Wut und Verunsicherung müssen eine Handlungsperspektive bekommen. Denn nicht die Partei ist die Trägerin gesellschaftlicher Veränderung, sondern die Klasse der Lohnabhängigen. Für die LINKE heißt das: Sie muss ihren Beitrag dazu leisten, dass die arbeitenden Menschen den Krisenfolgen nicht ohnmächtig ausgesetzt sind, sondern ihnen handlungsfähig entgegentreten und ihre Interessen durchsetzen können.

Das Verhältnis zu den Gewerkschaften

Die gewerkschaftspolitische Orientierung der Partei beschränkt sich zumeist darauf, Solidarität mit kämpfenden Belegschaften zu bekunden, etwa wenn die Vorsitzenden sich an der Autobahnraststätte Gräfenhausen mit streikenden LKW-Fahrern zeigen oder wenn die Partei die Streiks im öffentlichen Dienst unterstützt. Solche Solidaritätsbekundungen sind wichtig. Sie waren es für die LKW-Fahrer, die von ihrer polnischen Spedition erst monatelang um ihren Lohn geprellt und dann von einem paramilitärischen Schlägertrupp bedroht wurden. Und sie waren es auch für die streikenden Pflegekräfte und Kitabeschäftigten, die in Krisenzeiten auf eine faire Bezahlung drängten.

Gerade Streiks im öffentlichen Dienst entfalten nur wenig ökonomische Macht und sind deshalb um so mehr auf den Rückhalt und die Unterstützung durch die Bevölkerung angewiesen. Die Solidarisierung mit streikenden Belegschaften gehört zur politischen DNA linker Parteien und ist unverzichtbar. Doch in einer Zeit epochaler Umbrüche in Arbeitswelt und Gesellschaft kann diese Solidarisierung nur der Ausgangspunkt linker Politik sein, nicht der Weisheit letzter Schluss.

Gewerkschaften sind Klassenorganisationen, die die Arbeits- und Lebensbedingungen der Lohnabhängigen verbessern wollen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dass dieses Interesse mittels Arbeitskampfmaßnahmen durchgesetzt wird, ist allerdings eher die Ausnahme als die Regel. Der Schutz der Beschäftigteninteressen findet überwiegend entlang von Detailfragen des Arbeitsalltags statt: Wenn Arbeitgeber versuchen, kurzfristig Betriebsferien durchzusetzen, die zu Lasten der Beschäftigten gehen. Wenn Mitarbeitende mit Rückenproblemen an Maschinen beordert werden, an denen sie den ganzen Tag stehen müssen. Oder wenn Beschäftigte in Bauberufen beweisen sollen, dass die Hautkrebserkrankung tatsächlich auf die 220 Tage Arbeit unter freiem Himmel zurückzuführen ist und nicht – wie die Arbeitgeberseite unterstellt – auf den zweiwöchigen Mallorca-Urlaub.

»Wenn Umverteilungskämpfe in Zeiten von Inflation, Energiekrise und Aufrüstung schwieriger werden, dann müssen die Gewerkschaften sich politisch mehr zu Wort melden. Die Partei sollte diese Rolle einfordern und unterstützen.«

Gewerkschaftsarbeit ist also viel kleinteiliger, als es sich in romantischen Vorstellungen von Klassenkampf oft darstellt. Dennoch gilt: Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sind der fortschrittlichste Teil der Arbeiterklasse. Sie haben sich dazu entschlossen, ihre Interessen nicht individuell, sondern gemeinsam durchzusetzen. Das schließt nicht aus, dass sie verengten Blickwinkeln aufsitzen und ihnen politische Irrtümer unterlaufen. Doch es ist wichtig zu verstehen, dass nicht subjektives Führungsagieren Gewerkschaftsarbeit widersprüchlich macht, sondern die objektiv bestehende kapitalistische Konkurrenz zwischen den Unternehmen die Gewerkschaften immer wieder auch in Widersprüche hineinmanövriert – etwa in Fragen von Migration, Standortpolitik oder Aufrüstung. Deshalb braucht die gewerkschaftliche Diskussion gerade in zugespitzten gesellschaftlichen Krisensituationen Impulse von links – nicht zuletzt um das Bewusstsein der Klasse für die Notwendigkeit systemischer Brüche zu schärfen.

Die Verankerung in der organisierten Arbeiterklasse muss daher zu einem notwendigen Element des Parteiaufbaus werden. Denn linke Impulse finden nur dann Eingang in die gewerkschaftliche Diskussion, wenn sie in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit eine Rolle spielen, in den Vertrauensleutestrukturen diskutiert werden und in den strategischen Debatten der Funktionäre Berücksichtigung finden. Ohne Verankerung bleibt es bei Appellen, Ideen und Ratschlägen von außen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Betrieb & Gewerkschaft ist der größte innerparteiliche Zusammenschluss der LINKEN. Das lässt darauf schließen, dass die Partei über eine relevante Anzahl von aktiven Betriebsrätinnen, Vertrauensleuten und hauptamtlichen Gewerkschaftern verfügt. Sie brauchen Material, Argumente und vielleicht auch Schulungen, um in die gewerkschaftliche Diskussion über die Vier-Tage-Woche, den Krieg in der Ukraine oder das politische Mandat der Gewerkschaften eingreifen zu können. Eine solche Verankerung würde zudem die Partei erden, weil sie sich mit den Erfahrungen, den Fragen und auch mit den Flausen der Arbeiterklasse konstruktiv auseinandersetzen müsste.

Die Gewerkschaftsorientierung der Partei muss also weiterentwickelt werden. Nicht zuletzt weil gegenwärtig der gewerkschaftspolitische Blick der LINKEN wie auch der Rosa-Luxemburg-Stiftung stark auf Organizing-Strategien verengt ist. So wichtig der Aufbau von Organisationsmacht ist – gewerkschaftliche Handlungsfähigkeit entsteht dann, wenn betriebliche und gesellschaftliche Kräfteverhältnisse zusammen in den Blick genommen werden. Es reicht nicht, mehr zu werden. Wenn gewerkschaftliche Umverteilungskämpfe in Zeiten von Inflation, Energiekrise und Aufrüstung schwieriger werden, dann müssen die Gewerkschaften sich politisch mehr zu Wort melden. Die Partei darf einer Stärkung der politischen Rolle der Gewerkschaften nicht ausweichen, sondern sollte diese Rolle einfordern und unterstützen.

Das Verhältnis zu den Bewegungen

Die LINKE muss zudem ihr Verhältnis zu sozialen Bewegungen konkretisieren. Akteurinnen und Akteure aus den Bewegungen für die Spitzenplätze auf Wahllisten zu nominieren, ist noch keine Strategie, sondern spiegelt allenfalls ein gegenseitig instrumentelles Verhältnis zwischen Partei und Bewegung wider. Bewegungen sind aufsehenerregende, aber organisatorisch lose politische Eruptionen, die oftmals von großer Euphorie getragen werden und häufig auf ein einzelnes Thema ausgerichtet sind. Daraus ziehen sie ihre Stärke.

Doch auch soziale Bewegungen können politisch irren oder in strategischen Zielkonflikten feststecken. Das zeigt der aktuelle Zustand der Klimabewegung. Seit der Bundestagswahl 2021 hat sich die Strategie breiter Mobilisierungen mit dem Ziel eines Regierungs- und Politikwechsels als Sackgasse herausgestellt. Lützerath gilt hier als Symbol für den Verrat der Grünen an den Forderungen der Klimabewegung. Doch mehr noch als das Abbaggern von Lützerath wurde Deutschlands Engagement im Ukrainekrieg zum ökologischen Offenbarungseid der Bundesregierung – allein wenn man an die exportierten Leopard-Panzer denkt, die auf 100 Kilometer 530 Liter Kraftstoff verbrauchen. Im November 2021 mit dem Versprechen einer klimapolitischen Wende als Fortschrittskoalition angetreten, hat die Ampel ein in der Geschichte der Bundesrepublik beispielloses Sondervermögen verabschiedet, das effektiv ein Konjunkturprogramm für eine Wegwerfindustrie darstellt.

Die multiplen Krisen, die sich, wie Krieg und Klimakrise, miteinander verschränken und gegenseitig verstärken, lassen sich weniger denn je als voneinander losgelöste Problemfelder behandeln. Doch die Klimabewegung tut sich schwer damit, sich zum Krieg zu positionieren. Derweil kompensiert sie den Verlust ihrer Illusionen in die Regierungspolitik, indem sie Straßen blockiert und auf Rollbahnen stürmt. Diese Radikalisierung ist Ausdruck ihrer strategischen Schwäche. Sie kann nur durch den Schulterschluss mit wirkmächtigen Bündnispartnern aufgelöst werden.

»Weil sich die spontane Energie der Bewegungen schnell wieder verflüchtigt, besteht verantwortungsvolle Bewegungspolitik darin, starke Parteistrukturen aufzubauen.«

Der Zeitdruck, den das Fortschreiten des Klimawandels objektiv erzeugt, macht diese Krise zu einem strategischen Dilemma. Doch in einer Studie der Universität Oslo aus dem Jahr 2019 fand das Forschungsteam um Sirianne Dahlum, Carl Henrik Knutsen und Tore Wig heraus, dass bei sämtlichen sozialen Bewegungen der letzten hundert Jahre und über den gesamten Globus betrachtet, Proteste vor allem dann erfolgreich waren, wenn sie sich mehrheitlich aus der städtischen Mittelschicht und der organisierten Industriearbeiterklasse zusammensetzten. Im Kontext des Krisen- und Kriegskapitalismus müssen daher das geostrategische Einordnungsvermögen der Friedensbewegung, die gesellschaftliche Diskursmacht der Klimabewegung und die Durchsetzungsstärke der Industriegewerkschaften zusammenfinden, um der Zerstörung von Mensch undNatur wirksam etwas entgegensetzen zu können.

Linke Parteien verfügen über zwei strategische Vorteile gegenüber sozialen Bewegungen: Sie sind in der Regel im Besitz eines leistungsstarken politischen Apparats. Und sie weiten die Einzelanliegen ihrer Mitglieder zu einer politischen Gesamtperspektive aus. Damit können sie zum organisatorischen Zentrum strategischer Debatten und Aktivitäten werden. Weil sich die spontane Energie der Bewegungen schnell wieder verflüchtigt, besteht verantwortungsvolle Bewegungspolitik darin, starke Parteistrukturen aufzubauen. »Keine Bewegung hält für immer – und auf immer neue Bewegungen zu hoffen, ist ein Lotteriespiel«, schreibt Max Veulliet von der KPÖ in einem Beitrag über das Verhältnis von Bewegungen, Parteien und Parlamenten.

Die LINKE kann ihren Gebrauchswert als sozialistische Partei nicht entfalten, wenn sie sich moralisch in den Widersprüchen einrichtet – wie sie es beispielsweise im Februar 2023 getan hat, als sie von den Initiatorinnen und Initiatoren des »Manifests für Frieden« eine immer stärkere Distanzierung von rechts verlangte und eine solche zur Bedingung für die eigene Mobilisierung gegen den Krieg machte; oder als sie sich in der Frage des Kohleausstiegs einseitig der Klimabewegung anschloss und dabei übersah, dass zeitgleich die Beschäftigten der Kohleindustrie für einen sozialen Übergang kämpften.

Während die LINKE gemeinsam mit der Klimabewegung gegen das Abbaggern von Lützerath protestierte, bemühten sich die Gewerkschaften unter dem Druck des Strukturwandels darum, dass die Kohlereviere nicht zu abgehängten Landstrichen, sondern aus fossilen Energieregionen nachhaltige Energieregionen werden. Der Gebrauchswert einer linken Partei besteht vielmehr darin, in die bestehenden Widersprüche zu intervenieren. Bewegung und Klasse zusammenbringen, sollte die zentrale Aufgabe einer linken Partei sein. Wer die Welt des Kapitals schwächen möchte, wird an einer Stärkung der Welt der Arbeit nicht vorbeikommen.

Das Verhältnis zu Ostdeutschland

Im Kontext hoher Umfragewerte und zunehmender Wahlerfolge für die AfD ziehen Teile der Partei die Bilanz, die LINKE habe das Vertrauen der Menschen in Ostdeutschland eingebüßt und müsse sich nun wieder stärker um sie kümmern. Vor dem Hintergrund zunehmender Lohnunterschiede zwischen Ost und West ist dieser Impuls richtig. Als strategischer Ansatz, die LINKE aus der Krise herauszuführen, scheint er allerdings weniger geeignet. Viel eher müsste es der Partei darum gehen, die Ungleichheit als Klassenkonflikt zu artikulieren und die Solidarität zwischen den Lohnabhängigen in Ost und West zu organisieren.

Seit Jahren bekommen Beschäftigte in den neuen Bundesländern monatlich etwa 800 Euro weniger im Vergleich zu ihren Kolleginnen und Kollegen in Westdeutschland – bei gleicher Arbeit. Die wachsende Tarifflucht gerade im Osten und die Kompensation schwieriger Tarifpolitik im Kontext von Pandemie, Inflation und Energiekrise durch Sonderzahlungen und Inflationsausgleichsprämien hat diese Differenz mittlerweile auf 13.000 Euro jährlich ansteigen lassen. Dies ist eine Ungerechtigkeit, die von keiner linken Partei widerspruchslos hingenommen werden kann. Im 33. Jahr der deutsch-deutschen Einheit stellt sich aber die Frage, wie diese Situation überwunden werden kann.

Will sich die LINKE stärker um den Osten kümmern, muss sie ihr Engagement für Ostdeutschland in eine gesamtdeutsche Bearbeitung von Strukturbrüchen einbetten. Diese haben zu früheren Zeitpunkten auch in anderen Teilen der Bundesrepublik stattgefunden. Etwa im Ruhrgebiet, wo die Krise der Steinkohle und später die Krise der Stahlindustrie für Hunderttausende den Verlust gut bezahlter Arbeitsplätze nach sich zog. Von den zwanzig selbständigen Hüttenwerken Mitte der 1970er Jahre waren 1988 nur noch acht übrig. Die Beschäftigtenzahl hatte sich halbiert. Es folgte ein wirtschaftlicher Niedergang der Region. Heute liegt das verfügbare jährliche Pro-Kopf-Einkommen in den Ruhrgebiets-Hochburgen Duisburg und Gelsenkirchen bei 17.741 beziehungsweise 17.015 Euro. Nirgendwo in Deutschland verdienen die Menschen so wenig wie in diesen beiden Städten.

Aber auch wenn man andere Parameter heranzieht, wird deutlich: Trotz des Strukturbruchs in Ostdeutschland, der in rasanter Geschwindigkeit Industrie, Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung vernichtete, ist die Zunahme von Armut, abgehängten Regionen und sozialer Ungleichheit ein gesamtdeutsches Problem. So hat beispielsweise das Saarland die höchste kommunale Pro-Kopf-Verschuldung, gefolgt von Hessen und Rheinland-Pfalz. In Brandenburg, Bayern und Sachsen war der kommunale Pro-Kopf-Schuldenstand dagegen sogar besonders niedrig. Baufällige Schulgebäude, ausgedünnte ÖPNV-Linien und weiße Flecken in der öffentlichen Infrastruktur sind das Ergebnis einer solchen Entwicklung.

Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen den Strukturwandelerfahrungen in Ost und West: die Geschwindigkeit. Der Niedergang der Ruhrkohle begann Ende der 1950er Jahre mit dem verstärkten Einsatz von Erdöl in privaten Haushalten und industrieller Fertigung. Er zog sich über ein halbes Jahrhundert bis weit in die 2000er Jahre. Gleiches gilt für die Stahl- und die Werftenindustrie. Dagegen vollzog sich der industrielle Niedergang Ostdeutschlands viel rasanter und unter ganz anderen Rahmenbedingungen. Hier halbierte sich allein zwischen 1989 und 1991 die Beschäftigtenzahl im verarbeitenden Gewerbe. Ein Trend, der sich fortsetzte: Bis 1995 ging die Zahl der Industriebeschäftigten noch einmal um die Hälfte zurück, sodass innerhalb weniger Jahre nur noch 14,5 Prozent der Menschen in der ostdeutschen Industrie tätig waren. Dieser Strukturbruch wurde begleitet von einer rücksichtslosen »Freilandpraxis«: Ostdeutschland wurde zu einer Art Experimentierfeld, in dem die Unternehmen versuchten, die Arbeitskraft so abzuwerten, wie sie es in Westdeutschland aufgrund starker Gewerkschaften nicht konnten.

»Der Vertrauensverlust der LINKEN in Ostdeutschland ist eine regionale Tragödie. Doch der Vertrauensverlust der LINKEN unter den arbeitenden Menschen in ganz Deutschland ist das viel größere strategische Problem.«

Mit der Vereinigung von WASG und PDS zur LINKEN ergriffen beide Parteien die historische Gelegenheit, die Erfahrungen der Menschen in Ost und West gleichermaßen in den Blick zu nehmen. Der rot-grüne Neoliberalismus der Regierung Schröder traf die arbeitenden Menschen in beiden Teilen Deutschlands und war ein wesentlicher Faktor, weshalb Ost- und Westlinke zusammenfinden konnten. Dadurch gelang es erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik, eine in der Arbeiterbewegung verankerte Partei links von der Sozialdemokratie zu etablieren.

Die ähnlichen Erfahrungen halfen, die Trennung in der deutsch-deutschen linken Parteiengeschichte zu überwinden und ein gemeinsames Agieren zu ermöglichen. Auch das machte die LINKE in ihrer Gründungszeit stark. Nicht zuletzt, weil sich der Anteil von Arbeiterinnen, Angestellten und Arbeitslosen in ihrer Wählerschaft zwischen 2002 und 2005 mehr als verdreifachte. Nur vier Jahre später – bei der Bundestagswahl 2009 – wählte nahezu jeder fünfte Arbeiter die LINKE. Bei den Arbeitslosen war es sogar jede vierte Person. »Über Nacht« habe die PDS einen Arbeitnehmerflügel bekommen, schrieb der Soziologe Horst Kahrs damals im Wahlnacht-Bericht der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Mittlerweile ist der Anteil der Arbeiter in der Wählerschaft der LINKEN auf 5 Prozent geschrumpft. Der Rückgang drückt das Misstrauen der Klasse aus. Sie geben ihre Stimme eher den Grünen, der FDP oder der AfD, als die LINKE zu wählen. Der Vertrauensverlust der LINKEN in Ostdeutschland ist eine regionale Tragödie. Doch der Vertrauensverlust der LINKEN unter den arbeitenden Menschen in ganz Deutschland ist das viel größere strategische Problem. Die LINKE muss die Erfahrungen der Lohnabhängigen in Ostdeutschland in besonderer Weise in den Blick nehmen, sie aber in den Erfahrungshorizont der gesamten Klasse einbetten. Eine einseitige Konzentration auf Ostdeutschland, im schlimmsten Fall ohne den Fokus auf den Faktor Klasse, würde die notwendige Gesamtperspektive aufgeben, die mit dem Zusammenschluss der LINKEN bei ihrer Gründung gebildet wurde.

Hinzu kommt: Ostdeutschland ist nicht nur die Region, in der sich der heftigste Strukturbruch deutsch-deutscher Nachkriegsgeschichte vollzogen hat. Ostdeutschland ist nicht nur eine abgehängte Region. Ostdeutschland ist auch der Teil Deutschlands, in dem eine neue Generation von Beschäftigten heranwächst, die nicht mehr bereit ist, widerspruchslos hinzunehmen, dass sie länger arbeiten muss und dafür weniger Geld bekommt. Die sich gewerkschaftlich organisiert und anfängt, im Arbeitskampf Tarifverträge durchzusetzen. Im neoliberalen Experimentierfeld Ostdeutschland beginnt sich der Wind zu drehen – gegen längere Arbeitszeiten, gegen fehlende Tarifbindung, gegen Union-Busting. Diese Menschen führen einen Kampf um Lohngleichheit, der lange überfällig ist.

Für die Strategiedebatte der LINKEN lohnt sich der Rückblick auf die Auseinandersetzung um die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland. Damals waren in den neuen Bundesländern die Beschäftigten der Stahlindustrie sowie der Metall- und Elektroindustrie in den Streik getreten. Aber als es aufgrund von Zulieferverflechtungen zu einer Fernwirkung des Streiks auf westdeutsche Firmen kam und diese Kurzarbeit anmelden mussten, sah sich die IG Metall gezwungen, den Streik ergebnislos abzubrechen. Diese Erfahrung zeigt, dass es die Entschlossenheit im Osten und die Solidarität aus dem Westen ebenso braucht wie eine Gesamtperspektive.

Wie weiter in der Partei?

Eine konstruktive Erneuerung der LINKEN ist alternativlos, denn ein Scheitern dieser Partei wäre eine politische Tragödie für die gesamte Linke. Soll dieser Prozess gelingen, muss er mit analytischer Schärfe ebenso wie mit integrativen Angeboten an alle Teile der Partei organisiert werden. Die Einschätzungen zur Krise der Partei und ihren Ursachen sind sehr unterschiedlich. Ziel eines solchen Prozesses muss daher sein, dass sich die Positionen annähern und die Schlussfolgerungen zueinander finden – insbesondere in Bezug auf die Gewerkschaften, die Bewegungen und auch in Bezug auf Ostdeutschland.

Über das Verhältnis der Partei zu Gewerkschaften nachzudenken, würde die Betrachtung der Klassenverhältnisse in den Mittelpunkt der strategischen Debatte stellen und der innerparteilichen Diskussion einen tragfähigen Analyserahmen geben. Das Verhältnis zu sozialen Bewegungen neu zu verhandeln, könnte der Partei helfen, sich strategischer auf die Fragen zu beziehen, an denen gesellschaftliche Mobilisierungen entstehen, und sie auch gegenüber den Bewegungen handlungsfähiger machen. Die Diskussion über Ostdeutschland schließlich würde fortsetzen, was mit dem Vereinigungsprozess von WASG und PDS begonnen wurde: eine Gesamtperspektive einzunehmen, ohne die besondere Zurücksetzung Ostdeutschlands dabei zu vergessen.

Die Rücksichtslosigkeit der Flügelkämpfe in den letzten Jahren hat die Partei extrem polarisiert. Der Aufbau eines strategischen Zentrums, das nicht nur die Interessen der eigenen Strömung im Blick hat, sondern die Entwicklung der Gesamtpartei, kann daher ein integratives Angebot mit dem Ziel einer konstruktiven Erneuerung sein. Doch ein solches Zentrum entsteht nicht von allein. Es braucht die Einsicht und die Bereitschaft der einzelnen Flügel ebenso wie die Unterstützung der Parteiführung.

Auf der Tagesordnung steht also, innerparteilichen Kontroversen auf den Grund zu gehen. Auf der Tagesordnung steht aber auch, eine innerparteiliche Kultur zu entwickeln, die Mehrheitsbeschlüsse nicht zur Ausgrenzung nutzt, sondern so organisiert, dass sie die Partei mit all ihren Flügeln tragen. Im Prozess der konstruktiven Erneuerung können die Erfahrungen linker Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter eine besondere Rolle spielen. Ihre größte Kompetenz: Sie wissen, dass Einheit notwendig ist, aber nicht von allein kommt. Einheit muss über Meinungsverschiedenheiten hinweg organisiert werden, um gemeinsam handlungsfähig zu werden.

Hinzu kommt: Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter stehen tagtäglich in den kleinen und großen Konflikten zwischen Kapital und Arbeit. Und es sind Erfahrungen wie diese, die den Blick der Partei auf die zentralen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen schärfen und neben der Einheit auch für die notwendige Klarheit sorgen können.

Die Autorin:

Ulrike Eifler ist Bundessprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Betrieb & Gewerkschaft in der Partei DIE LINKE.

Der Beitrag wurde auf https://jacobin.de/ zuerst veröffentlicht und wird mit freundlicher Genehmigung der Autorin hier gespiegelt.

Diskurs „Die LINKE der ZUKUNFT“

Ein Richtungsstreit tobt bei den Linken. Mit seinen 15 Thesen hat Mario Candeias einen Nerv getroffen. Im Blog der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist eine Strategiediskussion entbrannt. Es lohnt sich, diesen Diskurs genauer anzuschauen.

(Foto: Jerry Segraves (en:User:Jsegraves99), Public domain, via Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Blackbird-sunset-03.jpg)

Als Außenstehende weiß ich nicht so recht, was los ist bei der Partei die Linke, nur dass es in den eigenen Reihen brodelt und die Wählergunst bedenklich zurückgeht. Der Vorstand scheint mit einem nicht geringen Teil der Mitgliedschaft über Kreuz zu liegen. Die Verunsicherung wirkt ein auf alle linken Bewegungen, auch außerhalb des Parteiprojektes.

Auf die Rezeptionen der gängigen Medien über die Krise der Linken ist kein Verlass, zugunsten reißerischer Akzente wird zumeist ja an Tiefe gespart und das Kapital schreit angesichts der Spaltungen „gebt ihnen Saures“.

Umso mehr fragt man sich immer wieder: Gibt es noch Hoffnung? Kann die Partei Die Linke und die gesellschaftliche Linke überhaupt wieder an Stärke gewinnen? Was muss passieren?

Mit seinen 15 Thesen zur Zukunft der Linken hat Mario Candeias einen Nerv getroffen. Das zeigt vor allem die Resonanz, die sein Beitrag, eine strategische Analyse und Prognose, in kurzer Zeit auslöste. Seit dem Erscheinen im Juli 2023 im Blog der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist eine spannende und lesenswerte Strategiediskussion entbrannt – mit Gegenentwürfen von Ines Schwerdtner, Andreas Fisahn und Samuel Decker.

Der Diskurs ist Balsam für den Intellekt.

Alle Texte eint, dass sie sich an Candeiras Voraussage reiben, der der (gesellschaftlichen) Linken ein ganzes Jahrzehnt des Stillstands prophezeit. Gleichwohl stehen sie mit ihren fundierten Analysen in Kontrast zu dem, was aus der Partei selbst kommt.

Wir dokumentieren und kommentieren die bisher erschienenen Beiträge hier für Euch, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Jeder mag sich ein eigenes Bild machen und diskutieren ist ausdrücklich erwünscht.

„Wir leben in keiner offenen Situation mehr“ von Mario Candeias

15 Thesen zum Ende des Interregnums und warum es gerade jetzt einen Neustart der LINKEN braucht

von Mario Candeias, 21. Juli 2023

Zitiert von: https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/wir-leben-in-keiner-offenen-situation-mehr/

Der Text in Auszügen (Thesen bitte aufklappen):

These 1 – Wir leben in keiner offenen gesellschaftlichen Situation mehr …

…Die Entwicklungspfade sind umkämpft, aber viele Alternativen bereits verunmöglicht und Wege verschlossen. (…)

These 2 – Es bildet sich ein hegemonialer Entwicklungspfad heraus, …

… der unterschiedliche Ausprägungen eines grünen Kapitalismus umfasst (Varieties of Green Capitalism). (…)

These 3 – Diese Entwicklung wird überlagert von einer neuen Blockkonfrontation…

… Sie ordnet sich weniger entlang der Linie Demokratie vs. Autoritarismus, sondern ist geprägt von der harten Konkurrenz um die globale Führung in der neuen Entwicklungsperiode hin zu einem hochtechnologischen und aufgerüsteten grünen Kapitalismus. (…)

These 4 – Dieses hegemoniale Projekt der unterschiedlichen Formen eines grünen Kapitalismus wird bereits jetzt herausgefordert:…

… von der Konvergenz eines radikalisierten Konservatismus mit der radikalen Rechten und von einer aggressiven Verteidigung der fossilistischen Lebensweise, die harte Kulturkämpfe auf allen Ebenen einschließt. Sie bergen ein großes Destruktionspotenzial. (…)

These 5 – Die verschärfte Polarisierung im Inneren sowie die neue globale Blockkonfrontation führen …

… in dieser Entwicklungsperiode zu einem deutlich höheren Niveau an gesellschaftlicher und zwischenstaatlicher Gewalt. Zugleich bildet die ökologische Modernisierung zwar das Herz der ökonomischen Transformation und Akkumulation, sie erfolgt aber nur mit kapitalistischen, also wachstumsorientierten Formen und sie kommt viel zu spät. (…)

These 6 – Für viele Länder des globalen Südens, die über wichtige Rohstoffreserven verfügen und/oder …

… von der Klimakrise stark betroffen sein werden, bringen die kommenden Krisen und Katastrophen externe Schocks und innere Zerfallsprozesse mit sich. Die alten kapitalistischen Zentren stellen sich darauf ein. (…) Die Zonen der Unsicherheit müssen nicht unbedingt kontrolliert, können vielmehr eingehegt werden. Es entsteht eine Art »gated capitalism« – auch ohne funktionierende Gemeinwesen in den Zonen der Unsicherheit. (…)

These 7 – Katastrophen werden auch in den kapitalistischen Zentren zu heftigen Transformationskonflikten führen. …

… Zu den Katastrophen zählen Wetterereignisse wie Überschwemmungen oder Dürren, Probleme der Ernährungssouveränität, ökonomische und soziale Krisen durch langfristige Preissteigerungen aufgrund von beschränkten Ressourcen, der Abriss und die Neuordnung von Lieferketten, die Internalisierung ökologischer Kosten in die Preise für Lebensmittel und Konsumgüter, die Kapitalvernichtung bei fossilistischen Industrien und viele weitere Entwicklungen. (…)

These 8 – Viele spüren in diesen Zeiten multipler Krisen und kommender Katastrophen eine Überforderung, …

… die ihre eigene und eine gemeinsame Handlungsfähigkeit gefährdet. Viele haben das Gefühl, dass alles anders werden muss, die Dringlichkeit ist fast überwältigend. Und doch geht kaum etwas voran. (…)

Die Tatsache, dass es immer schwieriger wird, sich zu arrangieren, erzeugt aber auch ein Potenzial des Widerstands. Dieses kann aber nur gehoben und organisiert werden, wenn es gelingt, mögliche realisierbare Schritte mit politischem Gestaltungswillen und einer Perspektive des Systemwechsels überzeugend zu verbinden. (…)

These 9 – Was bedeutet all das für die gesellschaftliche Linke? …

… Sie wird nicht untergehen, aber sie wird für mindestens ein Jahrzehnt oder länger eine defensive Position einnehmen und kaum Gestaltungsraum haben. (…)

Die Krise der parteipolitischen Linken kann in Deutschland, wie schon in Italien zuvor, zu ihrer praktischen Vernichtung führen. Dies gilt es mit möglichst vielen Kräften zu verhindern, notfalls auch durch klare Profilbildung, die Trennungen in Kauf nimmt. (…)

These 10 – In der krisenhaften Übergangsphase der letzten eineinhalb Jahrzehnte sind neue gesellschaftliche Konflikt- und Spaltungslinien entstanden, …

… die quer durch alle Parteien gehen und seit 2011 zu einer permanenten Umordnung des Parteiensystems geführt haben. (…)

Ursächlich für die Krise der Partei war auch, dass politische Konfliktlinien und Widersprüche sich mit Fragen innerparteilicher Macht und dem Kampf um Ämter und Posten verwickelten. Das erklärt zum Teil, weshalb viele der Konflikte in den letzten Jahren mit solcher Heftigkeit ausgetragen wurden. (…)

These 11 – Die gesellschaftliche Marginalisierung der Linken wird angesichts von sehr beschränkten Mitteln …

… zur Förderung des sozialen Zusammenhalts, angesichts von zunehmenden Gewaltverhältnissen und einem Leben mit der Katastrophe zur Überlebensfrage. (…)

Es braucht Organisationen, in denen es möglich ist, Veränderung selbst in die Hand zu nehmen, oft im Kleinen, aber mit Blick auf das Ganze. Solidaritätsinitiativen können wichtige Ausgangspunkte dafür sein. (…)

Es ist die Hoffnung auf und die Arbeit an einem erneuerten Sozialismus. Denn die Hegemonie der Herrschenden ist nie vollständig und die inneren Widersprüche des Kapitals und des Blocks an der Macht brechen immer wieder auf. (…)

These 12 – Linke Defensive bedeutet entsprechend nicht, dass nicht fortwährend gesellschaftliche Auseinandersetzungen stattfänden. …

… Gesellschaftliche Widersprüche werden auch in einer neuen Periode nicht stillgestellt. Das insgesamt höhere Niveau von Krisen und Katastrophen bildet vielmehr die Grundlage dafür, dass aus kleinen generischen Krisen schnell größere werden können und Kämpfe sich verdichten. (…)

Zentral wäre dabei, nicht passiv auf solche Momente zu hoffen, sondern aktiv und gemeinsam mit Bündnispartner*innen herausgehobene gesellschaftlich produktive Konflikte zu erzeugen, die einen klaren Gegner benennen. (…)

These 13 – Eine neue Hegemonie schafft neue Bedingungen für ein neues Projekt von links. …

… So führte erst die Verallgemeinerung des Neoliberalismus durch sozialdemokratische Regierungen (in Deutschland unter Rot-Grün) dazu, dass oppositionelle gesellschaftliche Gruppen sich entscheiden mussten und entweder in den Machtblock aufstiegen oder eben draußen blieben. (…)

Es wächst der Druck zur Konvergenz links-sozial-ökologischer, links-gewerkschaftlicher, sozialistischer, feministischer und radikaler Kräfte, die unter der neuen Hegemonie keine Repräsentation oder zu wenige Bündnispartner*innen finden, um wirksam zu sein. (…)

These 14 – Für eine solche Konvergenz gibt es aber leider keinen Automatismus. …

… Bestehende Organisationen sollten nicht leichtfertig auf Spiel gesetzt werden – was wiederum kein Argument gegen die Erneuerung einer bestehenden Organisation sein sollte. (…)

Nach innen braucht es eine programmatische Erneuerung und ein Signal des Aufbruchs in den Themenfeldern Frieden, sozial-ökologischer Systemwechsel und Infrastruktursozialismus, Arbeit und Ökonomie der Zukunft. (…)

Ihr höchstes Potenzial hat die LINKE weiter bei Haushalten mit einem niedrigen Einkommen. Es sind diese Gruppen, welche – anders als häufig suggeriert – die dezidiert sozial-ökologischen Forderungen der Partei am stärksten befürworten. Bekanntermaßen gehen diese Wählergruppen aber besonders häufig nicht zur Wahl. Hier braucht es also eine überzeugende Nichtwähler-Strategie.

These 15 – Zu bedenken wären bereits jetzt Wege zu einer disruptiven Neugründung der LINKEN aus dem strategischen Zentrum der Partei heraus. …

… Das wäre der umgekehrte Weg von #aufstehen, vergleichbar eher mit Momentum in UK: Es geht darum, eine Struktur für Aktive, Gewerkschafter*innen und zivilgesellschaftliche Organisationen zu schaffen, die nicht Teil der Partei sein wollen (oder können) und sich dennoch in eine verbindliche Unterstützungsstruktur einbringen wollen. (…)

Es braucht eine Art Doppelbewegung nach innen und nach außen: ein Signal an die „eigenen Leute“, die Aktiven und Nicht-mehr-Aktiven der Partei, aber auch ein Signal nach außen, dass nun eine neue Zeit beginnt. (…)

1. Reaktion von Ines Schwerdtner, August 2023

Wir leben in keiner offenen Situation mehr? Aber natürlich!
Warum die kommenden Monate für die LINKE entscheidend sind – ein Gegenentwurf zu Mario Candeias’ 15 Thesen

Zitiert von: https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/offene-Situation/

Kurz: Der Analyse zum Kampf der Kapitalfraktionen „grüner Kapitalismus“ und konservativ „fossil rückwärtsgewandtem Kapitalismus“ wird ausdrücklich zugestimmt, aber dem pessimistischen Ausblick auf ein Jahrzehnt dezimierter Linker wird widersprochen.

Ines Schwerdtner bestreitet die Defensivposition, in der Candeiras die Linke sieht. Die Spaltung der Partei ist nicht unumgänglich. Die Mitte muss erhalten werden.

„So nachvollziehbar der Wunsch nach klarer Profilbildung ist, nimmt sie eine Schwächung der Linken über Jahre in Kauf und beschränkt sich bewusst auf ein (eher aktivistisches) Milieu.“

Ines Schwerdtner

2. Reaktion von Andreas Fisahn im August 2023

Im Alten das Neue aufspüren
Von einer gerechten Verteilung ist die grüne Transformation weit entfernt. Trotzdem und gerade deshalb finden sich hier Interventionspunkte für eine linke Politik.

Zitiert von: https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/im-alten-das-neue-aufspueren/

Kurz: Andreas Fisahn nimmt einen geradezu philosophischen Blickwinkel ein, arbeitet sich am Potential der gesellschaflichen Widersprüche ab. Wie es in der EU-Verfassung mit dem Grundsatz einer offenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb (Art. 120 AEUV) festgelegt ist, beschreibt er die EU als marktradikal. Ähnlich wie Ines Schwerdtner meint er jedoch einen „Spurwechsel in der Europapolitik“ zu erkennen, die mit dem Green Deal das neoliberale Politikmodell in Teilen hinter sich lässt.

Er geht sogar noch einen Schritt weiter und stellt angesichts „grüner“ Vorgaben zur Produktion von erneuerbaren Energien und E-Mobilität, aber leider auch angesichts staatlicher Eingriffe bei der Rüstungs- und Kriegswirtschäft, die Frage „Ist das schon Sozialismus?“. Die Rolle des kapitalistischen Staates als „idealer Gesamtkapitalist“, auch im Neoliberalismus wird quasi romantisiert.

„Für eine ökologische Umstellung der Wirtschaft, das heißt die ökologische Transformation zum grünen Kapitalismus, muss nicht nur entschieden werden, wo und wie nicht produziert wird, sondern es muss entschieden werden, was produziert wird.“

Andreas Fisahn

3. Reaktion von Samuel Decker im August 2023

Es hat gerade erst begonnen
Während sich die Klimakatastrophe auch im globalen Norden immer deutlicher auswirkt und geopolitische Konflikte eskalieren, scheint die gesellschaftliche Linke und auch die Partei die LINKE zu zerfallen. Muss das so sein? Oder gibt es noch eine Chance für einen linken Aufbruch?

Zitiert von: https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/es-hat-gerade-erst-begonnen/

Kurz: Samuel Decker teilt Candeiras These, dass wir in keiner offenen gesellschaftlichen Situation mehr leben. Der politische Handlungskorridor wird von ökologischen Krisen, Verwertungsbedingungen des Kapitals und festgefahrenen geopolitischen Situation bestimmt. Auch wenn den politischen Kräften das Krisenmanagement entgleitet, werden politische Alternativen in autoritärer Weise bekämpft.

Nach Samuel Decker wird nur eine Linke Erfolg haben, die sich als radikale (sozialistische) Wirtschaftspartei versteht und gesellschaftliche Kulturkämpfe austrägt. Warum er die Spaltung der Partei der Linken deswegen für unumgänglich und die Strategie mit den Positionen von Sahra Wagenknecht für nicht vereinbar hält, erschließt sich gegen Ende des Textes nicht so ganz.

„Über notwenige Formen der sozialen Umverteilung durch Kapitalbesteuerung und Vermögensabgaben hinaus geht es um eine konkrete Gesamtstrategie für den Umbau der Ökonomie – um Preiskontrollen, Kapitalverkehrs- und Investitionskontrollen, Investitionsplanung, Industriekonversion, Vergesellschaftung und schließlich um den Aufbau post-kapitalistischer Formen demokratischer ökonomischer Planung.“

Samuel Decker

Die Diskussion ist eröffnet!

Auch innerhalb der Partei Die Linke macht man sich zur Erneuerungsstrategie der Partei Gedanken. So ist auf dem Blog der Rosa-Luxemburg-Stiftung im August 2023 ein Papier des Soziologen und Kreissprechers Thomas Goes (Göttingen/Osterode) erschienen. Der Artikel steht in starkem Kontrast zu den fundierten Analysen der vorherigen Autoren.

Mit dem Gesicht zu den Menschen
13 Gedanken zur Öffnung und Erneuerung der LINKEN

Zitiert von: https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/gesicht-zu-den-menschen/

Kurz und überspitzt: Der Text steht symbolhaft für das, was aktuell in Reden von der Parteispitze kommuniziert wird. Weder findet eine Analyse der Probleme im Inneren statt noch eine Analyse der äußeren Situation. Keine Notiz zur fortschreitenden globalen Blockbildung, nichts vom Aufgeben einstiger Friedensgrundsätze. Nicht einmal das Wort Kapitalismus ist erwähnt, geschweige denn NATO; keine Aufdeckung von Widersprüchen in der Asylfrage. Zu finden sind Einschwörungen, um zu sagen, wir müssen uns öffnen, wir müssen die Arbeiterschaft erreichen und auch Queere und Migranten. Wir können Listenplätze auch verlosen, vergessen wir die Debatten, die in den eigenen Basisorganisationen bereits passieren.

Es sind viele Worthülsen und von oben herab Kommunikation. Man kann diesen Weg weiter gehen und weiter an Wählergunst verlieren. Man kann aber auch den Diskurs um Marios Candeiras 15 Thesen zum Anlass nehmen, sich wahrhaft mit den neuen inneren und äußeren Gegebenheiten zu beschäftigen, mit linken Ideen darauf zu antworten und sich pluralistisch und kompetent aufzustellen.

Für und gegen den Krieg – in Russland ist die Linke in der Kriegsfrage weitgehend gespalten

Von Ewgeniy Kasakow

Leonid Raswosschajew hält sich mit seiner Meinung nicht zurück. Der ehemalige politische Gefangene, der viereinhalb Jahre für seine Teilnahme an den Protesten gegen die Wahlmanipulation 2011-2012 im Gefängnis verbrachte, wirbt unermüdlich für die Unterstützung der „Spezialoperation“. Raswosschajew, Mitglied der Linken Front (LF), beruft sich dabei auf Marx und Lenin, Russland führe einen antiimperialistischen und antikolonialen Krieg. In seinem Telegramkanal wendet sich Raswosschajew auch an die ukrainischen Soldaten, die ruft er auf, nicht für die „Freiheiten der Perversen“ zu kämpfen, die der Westen überall oktroyiere.

Homophobe Äußerungen dürften bei Raswosschajews Bündnispartnern auf wenig Widerspruch stoßen – denn Raswosschajew ist regelmäßig Gast beim „Klub der verärgerten Patrioten“ (KRP) um den ehemaligen Geheimdienstoberst, Donbass-Kämpfer und überzeugten Monarchisten Igor Girkin-Strelkow. Dieser befindet sich allerdings seit dem 21.Juli in Untersuchungshaft. Ihm wird „Extremismus“ vorgeworfen, die Details der Untersuchung wurden vom Inlandsgeheimdienst FSB zur Verschlusssache erklärt.

Für die Linke Front ist das eine äußerst unangenehme Entwicklung. Denn seit längerem bemüht sich ihr Anführer Sergei Udalzow, der ebenfalls viereinhalb Jahre in Putins Gefängnis verbrachte, um ein Bündnis zwischen der Kommunistischen Partei der Russländischen Föderation (KPRF), anderen „linkspatriotischen“ Kräften und dem KRP für die kommenden Wahlen. Doch die Hardliner-Kritik derer, die eine Intensivierung der Kriegsbemühungen fordern, scheint genauso kriminalisiert zu werden wie die Kritik der liberal-prowestlichen oder linken Kriegsgegner:innen.

Die 2008 gegründete Linke Front war früher für ihre radikale Kritik an der KPRF bekannt. Jetzt wird sie zunehmend zu einem Juniorpartner der Partei, die formell zwar als die größte Oppositionskraft gilt, aber immer wieder ihre Loyalität zum Kreml unter Beweis stellt. Zwar darf Udalzow selbst aufgrund seiner Vorstrafe nicht zu Wahlen kandidieren, aber seine Ehefrau Anastasia Udalzowa sitzt als Nachrückerin für die KPRF in der Duma. Die ehemalige Aktivistin der inzwischen verbotenen Nationalbolschewistischen Partei (NBP), eine wichtige Figur in der Moskauer Underground-Musikszene, stimmte zusammen mit ihrer Fraktion für alle Gesetze zur Verschärfung der Zensur und der Repressionen.

Durcheinandergewirbelt

Die Haltung der KPRF zur Repression gegen die Kriegsgegner sorgt zunehmend für Unmut in linken Kreisen. Während die „verärgerten Patrioten“ sich offiziell mit ihrem ideologischen Gegner, dem linken Soziologen Boris Kagarlitzki, der wegen „Rechtfertigung des Terrorismus“ im Gefängnis sitzt [siehe Seite 17] solidarisiert haben, bewahrt die Parteiführung um Gennadi Sjuganow eisiges Schweigen.

Dabei arbeitet die KPRF punktuell mit linken Organisationen zusammen, die den Krieg ablehnen, wie die trotzkistische Revolutionäre Arbeiterpartei (RRP). Während Jewgeni Prigoschins „Privates Militär- und Sicherheitsunternehmen ‚Wagner‘“ am 24.Juni auf Moskau zumarschierte, sprach sich Gennadi Sjuganow für die „Konsolidierung um den Präsidenten“ auf, die RRP aber rief zur Gründung von Arbeitermilizen zur „Selbstverteidigung“ auf und prangerte sowohl Putin als auch Prigoschin als bürgerliche Kräfte an.

Prigoschins „Marsch der Gerechtigkeit“ hat die Opposition kalt erwischt. Während einige Liberale aus dem Exil heraus für die Unterstützung von „Wagner“-Kämpfern plädierten und Prigoschin als kleineres Übel bezeichneten, befürchteten andere liberale und linke Kriegsgegner eher eine Entfesselung des Terrors durch die frustrierten Kriegsrückkehrer und den Übergang zur offen faschistischen Regierungsform.

Der Putsch

Am Tag von Prigoschins Meuterei, respektive Putsch, streamte die von Boris Kagarlitzki gegründete Internetplattform „Rabkor“ ein Livegespräch zwischen linken Aktivisten, die zur möglichst schnellen Selbstorganisation angesichts der drohenden Gefahr mahnten. Die Leichtigkeit, mit der Prigoschins Truppe sich auf 200 Kilometer der Hauptstadt nähern konnte, die offensichtliche Ratlosigkeit der staatlichen Stellen demonstriere, so die einstimmige Meinung der linksoppositionellen Beobachter, wie fragil in Wirklichkeit die viel gepriesene „Stabilität“ von Putins System sei. Was allerdings auch bedeute, dass rechte Hardliner oder liberal-prowestliche Kräfte sich diese Schwäche bei der nächsten Erschütterung schnell zunutze machen könnten.

Den Linken mangelt es immer noch an Agitation, Strukturen und Vernetzung, wie die Teilnehmer des Rabkor-Streams konstatierten. Kagarlitzki begegnete den Spekulationen, was eine starke Kaderpartei in so einer Situation hätte machen können, mit dem berechtigten Einwand, man könne es nicht aus dem Boden stampfen, wenn „Wagner“-Kolonnen nur noch Stunden von Moskau entfernt seien.

Dass Prigoschin bei seinen Verlautbarungen von „Gerechtigkeit“ (primär für sich und seine Kämpfer) sprach und sich über die Eliten im Hinterland ausließ; dass er sich noch vor kurzem um die Kontrolle der „linkspatriotischen“ Duma-Partei „Gerechtes Russland – Patrioten – Für die Wahrheit“ bemüht hatte, wird in der linken Opposition vor allem als Anzeichen von faschistischer Demagogie wahrgenommen. Allerdings zeigten die Ereignisse, dass Prigoschins Ruf als „Mann fürs Grobe“ die Bevölkerung zwar nicht abschreckt, er aber auch über keine politische Basis jenseits der eigenen Truppen verfügt, die bisher als outgesourcter Teil des staatlichen Gewaltapparates fungierten.

Die Spaltungslinie

Weiterhin besteht in der linken Antikriegsopposition die Spaltung zwischen denjenigen, die für die Unterstützung Ukraine eintreten, und denjenigen, die sich gegen beide Kriegsparteien wenden. Zur ersten Fraktion gehören die trotzkistisch geprägte Russländische Sozialistische Bewegung (RSD), die trotzkistischen Gruppen Sozialistische Alternative (Sektion der ISA) und Sozialistische Tendenz (Sektion der RCIT) sowie das Netzwerk Feministischer Widerstand gegen den Krieg (FAS) und die militante Kampforganisation der Anarcho-Kommunisten (BOAK).

Die zweite Fraktion ist vertreten durch die aus Lesezirkeln entstandene Union der Marxisten, der trotzkistischen Organisation der Kommunisten-Internationalisten (OKI, Sektion der IMT); die Konföderation der revolutionären Anarchosyndikalisten (KRAS) sowie durch eine Reihe von linksstalinistischen Gruppen wie ROT FRONT und den Jugendverband RKSM(b) um Alexander Batow oder Nowosibirsker Plattform „Krasny Poworot“.

Auch gemäßigtere Linke wie die „Rabkor“-Plattform oder die durchaus vorhandenen Kriegsgegner in der KPRF haben keine Illusionen bezüglich der ukrainischen Seite. Teilweise greifen linke Stalinisten auch Stichworte der offiziellen Propaganda gegen die Ukraine auf, doch die Haltung „gegen alle bürgerliche Regierungen“ nimmt allmählich Konturen an. Es gibt weiterhin Versuche, mit Kriegsgegnern in der Ukraine und dem Westen Kontakt aufzunehmen. Die Union der Marxisten und die OKI bauen weiterhin eigene Lesekreise und Ortsgruppen in verschiedenen Regionen auf. Weiterhin sind linke Kriegsgegner im Gewerkschaftsverband Konföderation der Arbeit Russlands (KTR) aktiv.

Im Exil

Häufig wird Kriegskritik eher verklausuliert formuliert, ohne plakative Verstöße gegen die Gesetze, die eine euphemistische Wortwahl wie „militärische Spezialoperation“ aufzwingen. So spricht der Wirtschaftswissenschaftler Oleg Komolow, ehemaliges KPRF-Mitglied, heute Aktivist von ROT FRONT, ein Anhänger der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus, auf seinem You-Tube-Kanal „Prostyje Zifry“ („Einfache Zahlen“) über die ökonomischen Folgen der Sanktionen und die Interessen des russischen Kapitals in der Welt. Sein Fazit ist eindeutig: Russlands Außenpolitik im postsowjetischen Raum und in der „Dritten Welt“ wird durch kapitalistische Interessen bestimmt und kann nicht als Fortsetzung des sowjetischen Antiimperialismus mit seinen Entwicklungsidealen gelten. Der Historiker Alexander Schtefanow, ein gemäßigter Sozialdemokrat und Pazifist, hat nicht nur einen Dokumentarfilm über das Leben im „befreiten“ Donbass gedreht, in dem er die Bewohner selber über ihre Erlebnisse zu Wort kommen lässt, sondern analysiert regelmäßig die historischen Exkurse der russischen und ukrainischen Propaganda.

Aufgrund der aktuellen Repressionslage wächst die Zahl linker Aktivisten im Exil. Aktuell sind es vor allem rechtsliberale Akteure, die im Exil im Namen der russischen Opposition sprechen. Selbst im liberalen Lager wird kritisiert, dass die „sprechenden Köpfe“ des Exils, die über keine Organisationen in Russland verfügen, sich in den Vordergrund drängen und dabei zum Beispiel die Anhänger von Alexei Nawalny, die zahlenmäßig stärker seien, ausgrenzen. Tatsächlich sind Figuren wie Garri Kasparow oder Michail Chodorkowski lange vor Kriegsbeginn exiliert und interessieren sich wenig für die Nöte derjenigen, die Russland kriegsbedingt verlassen haben.

In letzter Zeit werden Schritte zur Vernetzung der linken Exilanten und Migranten unternommen. Linke aus Kasachstan, Kirgisien, Armenien kämpfen gegen die Auslieferung russischer Aktivisten nach Russland. Einige Organisationen wie FAS, RSD oder die Union der Marxisten haben auch Ortsgruppen im Westeuropa gegründet. Erst vor kurzem sprach Michail Lobanow, der als parteiloser Linkssozialist bei den letzten Dumawahlen für die KPRF kandidierte und nur mithilfe offensichtlicher Wahlfälschungen am Sieg gehindert wurde, von der Perspektive der Gründung einer neuen „linken radikal-demokratischen Partei“. Doch die Teilnahme einer im Exil gegründeten Organisation an den politischen Prozessen in Russland wird sich wohl schwer gestalten.

Der Autor wurde 2017 an der Universität Bremen in Philosophie und Geschichte promoviert. Von ihm erschien im Juli 2023 im Unrast-Verlag das Buch „Spezialoperation und Frieden: Die russische Linke gegen den Krieg“.

Erstveröffentlichung in der SoZ
https://www.sozonline.de/2023/09/fuer-und-gegen-den-krieg/

Wir danken für die Zustimmung zum Abdruck des Textes

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