Waffen lösen keine Probleme, schaffen aber neue

Von Hans-Peter Waldrich

Weshalb Pazifismus heute so aktuell ist.

ERSTER TEIL

Bild: pixabay

Man spricht vom Recht auf Verteidigung, meint aber eine Politik der Gewalt. Wer für Recht und Regel eintritt, muss eine pazifistische Position wählen. Diese ist alles andere als irrational und blauäugig.

Die emotionale Basis des Pazifismus

Zunächst allerdings sollte man sich prüfen: Ist man bereit, die tatsächlichen Schrecken von Kriegen, Bürgerkriegen oder Terror an sich herankommen zu lassen? Wen nicht Abscheu, Ekel und Furcht ergreifen, wenn er sich die Realität des systematischen Tötens vor Augen hält, kann kein Pazifist sein. Ihm fehlt das Interesse, sich gegen eine Praxis zu stellen, die an Unmenschlichkeit nicht zu überbieten ist.

Das gilt vor allem im Hinblick auf einen Krieg mit Massenvernichtungsmitteln, vor allem mit Atomwaffen. Vielen Menschen scheint es unmöglich zu sein, sich die Schrecken eines solchen Krieges vorzustellen. Fast ließe sich von einer psychischen Erkrankung sprechen, die der Philosoph Günther Anders „Apokalypseblindheit“ nannte. Er war der Meinung, dass eine durch Atomwaffen ausgelöste Katastrophe zu gewaltig sei, einfach zu groß, um als warnende Vorstellung in der Imagination der Menschen eine Rolle zu spielen. Instinktiv lehnen es die meisten ab, sich mit den entsprechenden Vorstellungsbildern und den dazu gehörigen Gefühlen zu konfrontieren.

Die Unfähigkeit, solche realen Möglichkeiten an sich heran zu lassen, bedeutet natürlich nicht, dass Massenvernichtungsmittel niemals eingesetzt würden. Im Gegenteil: Schwindet die Furcht davor, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie zukünftig eine Rolle spielen werden. Das war die einhellige Überzeugung derer, die sich nach Erfindung der Atombombe dafür engagierten, sie so rasch wie möglich wieder abzuschaffen bzw. unter internationale Kontrolle zu stellen: Albert Einstein, Bertrand Russell, Albert Schweitzer, Carl Friedrich von Weizsäcker, Karl Jaspers, Horst Eberhard Richter und viele, viele andere.

Keiner von ihnen glaubte, es werde alles gut gehen, wenn sich die Nationen auf Dauer und für alle Zeiten auf Abschreckung mit Atomwaffen einlassen würden. Sie sprachen von der „Frist“, die uns noch bliebe, diese Tötungsmittel einzuhegen. Doch die ist längst verstrichen. Der Zustand, vor dem sie warnten, ist gegenwärtig eingetreten. Wie das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri aktuell meldet, befindet sich die Welt in einer rasanten atomaren Aufrüstung. Indirekt ist Deutschland entschieden mit von der Partie.

Vorübung also: Es ist Krieg. Stell dir vor, wie dein eigener Sohn, dein Bruder oder dein Partner einen Bauchschuss erhält. Schreiend stirbt er unter entsetzlichen Qualen. Oder deine Tochter:  Auf abscheuliche Weise wird sie vergewaltigt und anschließend getötet. Wenn du dein zunächst auftauchendes Bedürfnis nach Rache kontrollieren kannst, spürst du Mitleid und das führt direkt zum Pazifismus.

Oder: Du beschäftigst dich mit den Berichten über die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki. Etwa damit, wie die Überlebenden nur nach Wasser schrien. Stell dir vor, wie es dir als Mutter mit deinem Baby in diesem Horror gegangen wäre. Wir besitzen Spiegelneuronen, die auch auf lebhaft imaginierte Vorstellungen mit den entsprechen Gefühlen reagieren. Man kann solche Gefühle aber auch abwehren und damit einer möglichen Realität ausweichen.

Aber: Du wirst sehen, dass es vor allem rationale Gründe sind, die zwingend den Pazifismus fordern. Und das gerade heute! Pazifismus ist eine hoch aktuelle Position. Sie zu diffamieren („Lumpenpazifisten“!) bedeutet, sich nicht nur der Menschlichkeit, sondern auch der Vernunft zu verweigern.

Der falsche Fatalismus: es werde immer Kriege geben

Neben Empathielosigkeit hat der Unwille, den Pazifismus ernst zu nehmen, auch einen anderen Grund: die heimliche Überzeugung, dass der Mensch von Natur aus kriegerisch ist und sich das auch in Zukunft nicht ändern wird. Besser sich mit dieser Konstante arrangieren als illusionär von einer friedlichen Welt träumen.

Doch diese Grundaussage beruht auf einem Irrtum und einem kulturellen Vorurteil. Wissenschaftlich gesichert hat die vorgeschichtliche Menschheit die längste Zeit (viele hunderttausend Jahre) zwar nicht ohne Konflikte, aber ohne vernichtende Kriege gelebt.1 Kriege und systematische Gewaltanwendung sind die Folge unserer falschen Lebensweise. Doch die können wir ändern. Spätestens im Zeitalter der Massenvernichtungsmittel garantiert auf Dauer ausschließlich der Pazifismus das Überleben der Menschheit. Entweder – oder: Entweder wir schaffen es, Kriege und das systematische Töten abzuschaffen oder die Menschheit hat keine Chance mehr.

Zitat des Physikers und Friedensforschers Carl Friedrich von Weizsäcker: „Wäre der Krieg mit allen verfügbaren Waffen auch im technischen Zeitalter unvermeidlich, so wäre die Zukunftsaussicht der Menschheit so gut wie hoffnungslos. Die Spezies Mensch wäre dann eine der vielen Fehlkonstruktionen, die der Kampf ums Dasein hervorbringt und wieder verschlingt, wie vielleicht die Säbeltiger, die, wie es scheint, an der Hypertrophie ihrer Waffen zugrunde gegangen sind.“2

Deshalb ist der Pazifismus keine Position von Träumern, sondern im allerhöchsten Maße realistisch. Klimawandel, Umweltverschmutzung, die wachsende Ungleichheit rund um den Globus, neue Völkerwanderungen aufgrund solcher Verwerfungen fordern unsere gesamte Aufmerksamkeit und alle unsere Ressourcen. Beliebige Konflikte zwischen Kollektiven dadurch lösen zu wollen, dass wir zum gegenseitigen Abschlachten übergehen, ist nicht nur eine perverse, sondern vor allem eine dysfunktionale Methode. Sie macht unsere Anstrengungen, auf diesem Planeten zu überleben, zunichte. Ein Wesen, dem das Wasser bis zum Hals steht, sollte Kooperation und Zusammenarbeit in den Vordergrund stellen, nicht die Frage, wie es Waffen anhäufen und andere bedrohen oder abschrecken kann. Wer das für Träumerei hält, zeigt, dass er nichts begriffen hat.

Rüstung tötet schon jetzt

Immer schon war das Anhäufen von Waffen eine Methode, um auf doppelte Weise zu töten: Zum ersten Mal, während man Geld für Waffen verschwendet, zum zweiten Mal, wenn man Waffen einsetzt. Auch wer Waffen niemals einsetzt und schließlich unbenutzt entsorgt, hat dennoch getötet. Und zwar, indem er dringend benötigte Mittel denen entzog, die sie zum Überleben bräuchten. Man nennt das strukturelle Gewalt. Rüstung ist Gewaltausübung und das noch, bevor ein Krieg beginnt.

Das gehörte einmal zum Grundwissen der Friedensbewegung. Heute redet niemand mehr darüber. Auch wenn man vielleicht die Panik nachvollziehen kann, von denen die politischen Eliten in Ost und West geplagt werden (Menschen sind nun einmal Wesen, die zu einer wahnhaften Verarbeitung der Wirklichkeit neigen, wenn sie sich gegenseitig Angst machen), ist die nun anlaufende globale Aufrüstung in dieser historischen Stunde ein Menschheitsverbrechen.

Rüstung ist ein Selbstläufer, Abrüstung eher nicht

Vor jedem Krieg wurde gerüstet. Doch was Sicherheit bringen soll, steht im Verdacht, das Gegenteil zu bewirken. Der panische Blick auf den bösen Feind, Angst als Ratgeber also, erzeugt ein Grundproblem, das Lehrbücher der Politikwissenschaft unter dem Begriff „Sicherheitsdilemma“ abhandeln. Kurz erklärt: Allgemeine Hochrüstung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Rüstungspotentiale auch eingesetzt werden. Ratschlag der Fachleute: Rüstung immer mit Bemühungen um Abrüstung verbinden. Auch davon hört man zur Zeit überhaupt nichts.

Ohne Diskussion, so als sei alles vergessen worden, was einmal Bedingung der Friedlichkeit war,  ersetzt man das Risiko, dass der Feind angreift, durch das Risiko, dass Rüstung selbst der Grund für den Kriegsausbruch wird. Wie sinnvoll ist es, Milliarden in ein Vorgehen zu stecken, dass Sicherheit nicht erhöht, sondern eher schmälert? Wäre es nicht besser mit dem Feind zu reden? „Wir haben Angst vor euch“, könnte man vorbringen. „Wir sind in den Startlöchern, aufzurüsten, rüsten aber augenblicklich wieder ab, wenn auch ihr das tut. Lasst uns solche Schritte vertraglich festlegen.“

Leicht einsichtig ist, dass solches Vorgehen auf den Widerstand der Rüstungsindustrie trifft. Sie braucht Aufrüstungssicherheit und bekommt sie auch. Zurzeit erleben Rüstungsfirmen einen Boom.

Rüstung unterliegt also einem Druck, der zu weiterer Rüstung nötigt. Alleine die bereits ausgegebenen Gelder entfalten einen Trend, immer so weiter zu machen. Man spricht von „sunk cost“, versenkten Kosten: Ungern wird ein Weg verlassen, in den bereits Milliarden investiert wurden. Diese Gelder gelten als aus dem Fenster geworfen, wenn man den eingeschlagenen Kurs nicht beibehalten würde.

Auch sonst ist es nicht leicht, tausende Waffen, Panzer, Raketen, Drohnen, Geschütze, die fast alle noch brauchbar sind, zu vernichten und das Bedienungspersonal zu entlassen. Zumal solche Waffensysteme mit den Gefühlen von Stolz und Stärke verbunden sind. Abrüstung ist also ein gewaltiger Eingriff. Schon von daher ist Abrüstung nicht leicht durchzusetzen.

Wer hat schon einmal davon gehört, dass über solche Fragen öffentlich diskutiert wurde? Und doch hängen sie mit den Themen Krieg und Frieden engstens zusammen. Pazifisten haben die Pflicht, solche Probleme ins Bewusstsein zu heben.

Jeder Krieg geht mit neuen Kriegen schwanger

Psychologisch gesehen sind Waffengänge Akte gegenseitiger Traumatisierung. Kriegerische Massentötungen und Massenquälereien hinterlassen Wunden, die meist noch Jahrzehnte lang bluten. Aus den beigebrachten Traumata wachsen mit notwendiger Konsequenz Motive, neue Traumatisierungen anzurichten. Die Massenquälerei eines einzelnen Waffengangs legt die Wurzel für eine Massenquälerei eines weiteren Waffengangs. Aktuelles Beispiel ist der Völkermord in Gaza. Hier wird nicht die Hamas bekämpft, es wird ein neuer Terrorismus erzeugt, der später lediglich seinen Namen gewechselt hat.

Man kann sich Kriegführung als einen sich selbst verstärkenden Problemerzeugungsmechanismus vorstellen: Irgendein Konflikt hat Kriegshandlungen ausgelöst. Diese potenzieren die alten Probleme und schaffen zusätzliche neue. Die noch schlimmere Problemlage, die anschließend vorliegt, scheint den nächsten Krieg unvermeidlich zu machen. Jetzt ist der Teufelskreis perfekt, eine sich selbst befeuernde Zwangshandlung. Krieg muss sein, weil Krieg den Krieg erzeugt.

Als Zwangshandlung kann auch das Wettrüsten beschrieben werden. Die politischen Eliten scheinen keinen Spielraum zu haben, der etwas anderes zulässt, als dem Zwangsmuster zu entsprechen. Rüsten die anderen, rüsten auch wir. Jeder kennt solche Zwänge aus dem Alltag. Beleidigt mich jemand, beleidige ich zurück. Vor langer Zeit gab es eine wunderliche Person in Palästina, die riet, aus solchem Teufelskreis auszubrechen: Halte ihm auch die andere Wange hin! Aufschaukelung sollte vermieden werden.

Merkwürdigerweise sind es gerade christliche Parteien, die mit solchem Verhalten nichts am Hut haben. Gandhi war ein Hindu, der große Pazifist Bertrand Russell ein entschiedener Atheist.

Kriegführen löst niemals Probleme

Kriege und systematisches Töten lösen keine Probleme, sie verstärken die alten und erzeugen neue. Das Mittel des Tötens, auch schon die Androhung von Gewalt (Abschreckung) sind grundsätzlich dysfunktional und kontraproduktiv, jedenfalls wenn man den Blick auf die größeren Zusammenhänge und auf die Zukunft richtet. Der vom Krieg besessene Mensch ist ein Wesen, das gut leben möchte und zugleich alles tut, damit das unmöglich ist. Wer würde einen defekten Computer mit einem Vorschlaghammer „reparieren“? Wer Massentötungen ins Auge fasst oder durchführt, damit anschließend die Sonne scheint, befindet sich eindeutig im falschen Film.

Das heißt: die ungeheure Gewalt moderner Kriegsführung, speziell diejenige mit Atomwaffen, lässt keine Aufteilung ihn Gut und Böse zu. Böse ist es zu rüsten und den Krieg zu riskieren. Rüstung und Kriege sind selbst das Kriegsverbrechen. Der Pazifist weiß allerdings, dass von dieser Regel in extrem seltenen Fällen Ausnahmen denkbar sind. Der Pazifismus pauschalisiert nicht, sondern schaut genau hin. Ausnahmen lassen sich finden, sie bestätigen die Regel.3

Was Kriege anrichten, weiß man nie

Je mehr gerüstet wurde, desto unberechenbarer werden Kriege. Für alle möglichen operativen Experimente stehen aller Arten von Waffen zur Verfügung. Dann kann der Krieg sein eigentliches Gesicht zeigen: Krieg ist pure Regellosigkeit, ein chaotisches Geschehen. Blauäugig ist es zu glauben, Kriege seien die „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“, wie es einst der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz formulierte. Halbwegs traf das auf die „Kabinettskriege“ des 18. Jahrhunderts zu. Umgekehrt gilt heute: Kriege bemächtigen sich der Politik und reißen sie in einen Abgrund, der Absichten, Planungen, Ziele und Zwecke vernichtet und verschlingt.

Wer Krieg führt, hat Ziele, aber er erreicht sie so gut wie nie: Kriege führen fast immer zu Ergebnissen, die niemand wollte. Vor allem die mittel- und langfristigen Folgen durchkreuzen häufig sämtliche Voraussicht. Vorhersagen zu wollen, was Waffengänge bewirken und was in der Zukunft deren Konsequenzen sein werden, ist Augenwischerei. Es entspricht menschlicher Anmaßung, die meint, wissen zu können, was niemand wissen kann. In Kriegen wird immer die Büchse der Pandora geöffnet. Wer einen Krieg beginnt oder in ihn einsteigt, müsste zugleich bekennen: „Nun soll das Chaos herrschen. Wir legen unser Schicksal in die Hände des Zufalls. Nach uns die Sintflut.“

Es lohnt sich, hierzu die Meinung des großen Historikers Golo Mann zu hören:

„Die Erfahrung (… ) lehrt, dass Kriege niemals das sind, was man vorher gedacht hatte. Geplant wird wohl und geplant muss werden, aber die neue Wirklichkeit zerreißt diese Pläne. Man ist frei, Krieg zu machen oder nicht. Macht man ihn, dann ist man nicht mehr frei. Dann wird er, was er will und stellt alle, die ihm dienen, unter ein neu werdendes, vorher nicht zu fassendes Gesetz. (…) Wie unbelehrbar muss der sein, der noch glaubt, man könnte den Krieg, wenn er einmal da ist, beherrschen, ihm seine Grenzen beliebig vorschreiben!“4

Das ist auch der Grund, weshalb es enorm schwer ist, Kriege zu beenden. Der Ukraine-Krieg dümpelt sei Jahren vor sich hin, ohne dass die eine oder die andere Seite ihre Kriegsziele erreicht hätte. Der ebenfalls „dümpelnde“ Stellungskrieg während des Ersten Weltkriegs wurde durch den Unwillen der Soldaten beendet, sich gegenseitig noch weiter wegen nichts und wieder nichts umzubringen.

Das humanitäres Völkerrecht – eine Illusion

In großem Umfang sind Kriege mit Vergewaltigungen, Folterungen und grausamen Tötungsarten verbunden. Es ist eine Illusion zu glauben, das Humanitäre Völkerrecht könnte das maßgeblich einschränken. Das vom Wesen her Unkontrollierbare ist nicht durch Rechtsvorschriften zu kontrollieren. Die Realität der allermeisten Kriege zeigt, dass sich Kriege nicht zivilisieren lassen. Kriege und kriegsähnliche Auseinandersetzungen setzen die finstersten Triebe der Beteiligten frei. Sie sind ein Tummelplatz sadistischer und grausamer Neigungen oder sie rechtfertigen fabrikmäßige Massentötungen, die kühl aus großer Ferne geplant und durchgeführt werden.

Beispiele? Etwa die Vernichtung der Zivilbevölkerung durch Flächenbombardements deutscher und japanischer Innenstädte während des Zweiten Weltkriegs oder der massenhafte Einsatz von Napalm im Korea-Krieg. Schreiend rissen sich die Menschen ihre brennende Kleidung vom Leib oder sprangen ins Wasser. Aber die Flammen waren so kaum zu löschen. Sowohl die Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs wie auch die ungeheuren Gräuel während des Korea-Kriegs galten als Verteidigungsmaßnahmen, also als Maßnahmen der „Guten“. Im Korea-Krieg waren es Tötungstechniken jener Truppen, die im Auftrag der UNO handelten. Wie sahen die Kriegsverbrechen der „Bösen“ aus?

Dies alles könnte genügen, sich zum Pazifismus zu bekehren. Doch das Hauptargument kommt noch: Es gibt keine nachvollziehbaren Kriegsgründe. Die Auslösung eines Chaosgeschehens kann nicht begründet werden. Davon in Teil zwei.

Fußnoten

1 Auch neuerdings wieder hat ein Wissenschaftlerteam diese kulturelle Vorurteil begründet widerlegt: Harald Meller, Kai Michel, Carel von Schaik: Die Evolution der Gewalt, Warum wir Frieden wollen, aber Krieg führen, München 2024.

2 Carl Friedrich von Weizsäcker: Der bedrohte Friede, Politische Aufsätze 1945-1994, Hamburg 2020, S. 77.

3 Pazifismus sollte „pragmatisch“ sein, er sollte die Möglichkeiten und Umstände jeder konkreten Situation im Auge behalten. Die Alternative ist ein radikaler Pazifismus, der meist gemeint ist, wenn Pazifismus verurteilt wird. Eine sehr gute Darstellung des pragmatischen Pazifismus findet sich bei: Olaf Müller: Pazifismus, Eine Verteidigung, Stuttgart 2021.

4 Golo Mann:  Abschied vom Atomkrieg?, in: Ist der Krieg noch zu retten? Eine Anthologie militärpolitischer Meinungen, hrsg. von Helmut Lindemann, Hamburg 1965, S. 146 – 170, zit. S. 150.

Erschienen im Overton Magazin v. 3.7. 2025
https://overton-magazin.de/hintergrund/gesellschaft/waffen-loesen-keine-probleme-schaffen-aber-neue/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Weshalb Kriegsgründe auf Lügen beruhen, angreifbar oder irrtümlich sind

Von Hans-Peter Waldrich

Über die Notwendigkeit des Pazifismus.

TEIL ZWEI

Schicken wir unsere Söhne in den Krieg, dann nur für eine „gute Sache“. Doch gute Sachen gibt es nicht, wo Massentötungen anstehen und das Überleben der Menschheit auf dem Spiel steht.

Jeder Kriegsgrund ist anfechtbar

Was sind das für „gute Gründe“, die auch Massentötungen und Massentraumatisierungen rechtfertigen sollen? Eine ganze Liste ließe sich anfertigen, die jene Kriege aufführt, die mit einer Lüge begonnen wurden. Etwa der Krieg der USA gegen den Irak 2003.  Auch der Eintritt der USA in den Vietnamkrieg beruhte auf einer Lüge (dem angeblichen Tonkin-Zwischenfall).

Selten werden Kriege ausgelöst, weil der gesunde Menschenverstand dafür spricht. Erst muss jene „Logik“ kapiert werden, die mit den Alltagsinteressen von mir und dir nichts zu tun hat: die Logik des Machterhalts, der Machtausweitung, des Ärgers mit Konkurrenten, die in anderen Staaten den Ton angeben. Oft, in der Regel bei Bürgerkriegen, so genannten asymmetrischen Kriegen, nützt die Frage, welcher Warlord dadurch reich wird. Der russische Koch Prigoschin war ein solcher Warlord. Gerne wäre er noch reicher geworden. Putin, der am längeren Hebel saß, räumte ihn aus dem Weg.

Die meisten Rechtfertigungen, systematische Massentötungen zu beginnen, sind also angreifbar, perspektivisch einseitig oder beruhen auf Irrtümern. Erst viel später wird manchmal durch die geduldige Arbeit von Historikern festgestellt, ob und inwieweit Kriegsgründe berechtigt waren. Sie waren und sind es sehr selten.

So entsteht ein Widerspruch: Der Eindeutigkeit des Sterbens zahlloser Menschen steht die Vieldeutigkeit jener Begründungen gegenüber, die Eliten vorbringen, wenn sie kriegerische Handlungen in die Wege leiten. Was Leben und Tod betrifft, so gibt es nur zwei Möglichkeiten: lebendig oder tot zu sein. Wenn überhaupt, möchte jeder allenfalls dann sterben müssen, wenn der höhere Zweck absolut klar und unanfechtbar ist. Dem gegenüber steht die Tatsache, dass alle Aussagen über Kriegsgründe kontroverse Behauptungen sind, die richtig oder falsch, halb richtig oder halb falsch sein können. Sie sind mit jenen Unklarheiten und Unsicherheiten belastet, von denen keine Aussagen über hochkomplexe historische und politische Zusammenhänge frei sind.

Sollten wir es zulassen, dass unsere Körper in Leichen verwandelt werden, weil jemand vieldeutige Gründe vorbringt, weshalb das jetzt nötig sei? Wer würde den folgenden Unsinn vertreten: „Ich bin bereit zu sterben, obwohl völlig unklar ist, welchen Sinn mein Tod haben könnte und ob das irgendjemandem nützt oder nicht eher allen schadet.“ Beginnt ein Krieg, wird daher allen Beteiligten Blindheit verordnet. Die Gehirne sind abzuschalten. Wer im Krieg ernsthaft nachdenkt, wird zum Deserteur oder zum Pazifisten.

Kriegsgründe sind lebensfremde Abstraktionen

Weil Kriegshandlungen aller Arten so lebensfeindlich sind, dass sie unterdessen den ganzen Globus bedrohen, klingen ihre Rechtfertigungen heute besonders abgehoben. Freiheit, die Nation, das Volk, die Ethnie, der Glaube, das Territorium etc. sind Abstraktionen, die mit dem realen Alltag der Menschen wenig oder gar nichts zu tun haben. Es gehört sehr viel Propaganda dazu, Menschen zu überreden, ihr ganz konkretes Leben für solche Abstraktionen zu opfern.

Was kann man sich für „nationale Größe“ (MAGA!) oder für „Freiheit“ kaufen? Wie viele Menschen müssen umgebracht oder traumatisiert werden, damit die Staatsgrenze weiterhin genau dort verläuft, wo sie bisher verlief?  Geht es deinem alternden und kranken Vater besser, weil zuvor die Altenheime des Feindes zerbombt wurden? Könnte ich nicht mehr in Ruhe frühstücken, wenn ich mitgeteilt bekäme, ich wäre nun ein Russe? Wie viele Russen müssen abgeschlachtet werden, damit ich als Deutscher frühstücken kann? Und könnte es nicht sein, dass ich nach einigen Jahren schlussendlich kein Russe mehr bin, weil ja nichts so bleibt, wie es ist? Auch ohne vorausgehende Massentötungen? Wen wundert es, wenn aus dem israelisch-iranischen Krieg 2025 gemeldet wird: „In der Krise hat sich gezeigt, dass die meisten Iraner einfach nur ein sicheres und friedliches Leben wollen.“ (FAZ online, 27.6.25)

Überhaupt spricht der historische Wandel gegen die Nutzung des Tötens als ein Mittel der Politik. In der Kuba-Krise 1962 wäre fast der ganze Globus in die Luft gejagt worden, weil man die Ausbreitung des Kommunismus verhindern wollte. Auch in Vietnam galt die Devise, nichts sei schlimmer als „Kommunismus“. In beiden Fällen hätte man nur warten müssen: Der Kommunismus als Bedrohungslage verschwand schließlich auch ohne, dass zuvor Millionen getötet wurden. Vietnam ist heute ein begehrtes Ziel für Touristen und das nicht, weil im Vietnamkrieg zu wenig Unheil angerichtet wurde.

Konklusion: Dass es nötig sei, große Mengen von Menschen zu töten, damit ein wichtiges Ziel erreicht wird, ist nur dann nachvollziehbar, begibt man sich auf eine moralische Ebene, die Lichtjahre von aller Alltagsmoral entfernt ist. Aber es ist gerade die Alltagsmoral, die wir nötig brauchen, damit wir kollektiv überleben: Du sollst nicht töten, die Goldene Regel, das Mitleid mit dem Leiden anderer. Jener seltsame Mensch damals in Palästina mag nicht der Sohn Gottes gewesen sein, aber einer der frühen Pazifisten. Man lese aufmerksam das Neue Testament.

Die Ursachen für Kriege werden von den Kontrahenten gemeinsam erzeugt

Kein Mensch ist eine Insel, kein Staat oder kein Kollektiv lebt im luftleeren Raum. Der Mensch ist ein Rudeltier. Das dichte Geflecht des Miteinanders führt zu Situationen, die jeweils von allen Beteiligten gemeinsam hervorgebracht wurden. Kriegerische Auseinandersetzungen sind davon nicht ausgenommen. Die realen Motive für das Entstehen von Waffengängen stammen aus jenem gemeinsamen Wurzelgrund, der durch das historische Zusammenwirken der Völker und Gruppen aufgeschichtet wurde.

Jeder Massentötung und Massentraumatisierung geht daher eine lange Geschichte gegenseitigen Fehlverhaltens, wechselseitiger Kränkungen, Demütigungen und gegenseitiger Provokationen voraus. Genau diese Wahrheit wird bei Waffengängen ausgeblendet, mehr noch: Davon Kenntnis zu haben und sie zu verbreiten wird verfolgt oder gar zur Straftat. Daher ist die Wahrheit tatsächlich das erste Opfer von Kriegen und deren Vorbereitung.

Feinde sind Einbildungen unserer paranoischen Fantasien

Jenes Knäuel von Konflikten, das in so gut wie allen Fällen von den Kontrahenten gemeinsam geknüpft wurde, wird nun als die ausschließliche Machenschaft des Gegners hingestellt. Spiegelbildlich, also auf beiden Seiten. Stets ist der ausgestreckte Zeigefinger auf den jeweils anderen gerichtet. Was im privaten Umgang zwischen psychologisch informieren Menschen als fragwürdige Projektion gelten würde, wird nun zur Pflicht aller, um den Glauben an ein konstruiertes Feindbild zu kräftigen. Gerne steigen Menschen darauf ein, ihre eigene Feindseligkeit und ihre eigene Mitverantwortung projektiv dem Gegner anzuhängen. Doch gelöst wird dadurch nichts.

Ohne die Fundamentallüge, der andere sei alleine und ausschließlich schuld, würde auch die bestialische Unmoral von Massentötungen deutlicher hervortreten. Der Irrglaube, man kenne den alleinigen Auslöser des Konflikts, erleichtert auch grausames Töten ganz ohne Empathie. Ist nur der Feind die Ursache aller Gräuel, darf man beruhigt jene jungen Leute massakrieren, die der böse Feind an die Front geschickt hat. Sind „Kollateralschäden“ unvermeidlich, so ist auch das in Ordnung. Auch feindliche Zivilisten soll die ganze Härte der Gerechtigkeit treffen. In diesem Sinne merke: Niemand tötet, weil er böse ist, sondern immer, weil er gut ist und die Bösen bestraft.1 Sadisten haben ihre klammheimliche Freude daran.

So gesehen beruhen Feindschaften, die Kriege auslösen, auf dem gemeinsam erzeugten Irrtum, alles Übel komme von der jeweils anderen Seite. Doch indem man den Feind malträtiert, schädigt man zugleich sich selbst. Das ist der Sinn des Bonmots des französischen Pazifisten und Romanciers Henri Barbusse: „Zwei Armeen, die sich bekämpfen, sind eine große Armee, die Selbstmord begeht.“ Was Barbusse im Hinblick auf den Ersten Weltkrieg formuliert hatte, gilt potenziert für das 21. Jahrhundert. Heute heißt es: „Viele mit Massenvernichtungsmitteln ausgestattete Nationen, die sich gewaltbereit gegenüberstehen, sind eine einzige Menschheit, die dabei ist, sich auszulöschen.“

Kriege liegen im Interesse von Eliten, nicht der vielen Menschen, die leben wollen

Undurchschaubare Kriegsgründe, gemeinsam erzeugte Konflikte, abstrakte „Werte“, die massenhaftes Töten rechtfertigen – alles zeigt, dass Kriegshandlungen nur im Interesse einer einzigen Gruppe liegen: nämlich der Herrschaftselite. Nicht immer ist es deren Bosheit, aber stets deren Dummheit, die Krieg auf Krieg erzeugt.2 Engstirnig versprechen sie sich von Waffengängen Vorteile, die sich mittel- und langfristig in Luft auflösen oder sich in Nachteile verwandeln.  Selbst wenn einige der „Vorteile“ erreicht würden, die man sich durch Massentötungen erhoffte, hätten nur die Eliten etwas davon. Die anderen müssten sich mit den Nachteilen begnügen.

Grundsätzlich kann gesagt werden: Kriegsursachen sind Differenzen im kleinen Kreis derer, die Massentötungen veranlassen können. Die „Aggressivität“ der Vielen, die sich angeblich gegenseitig an den Hals wollen, spielt kaum eine Rolle. Wenn Staatschef eins mit Machthaber zwei über Kreuz liegt, ziehen die Massen ohne Wut auf irgendwelche Feinde in den verordneten Krieg. Sie kämpfen, weil sie keine andere Wahl haben oder für ihre Kameraden, die auch keine andere Wahl haben. Könnten sie die Front wechseln und in die gegnerische Uniform schlüpfen, würden sie auch dort für ihre Kameraden kämpfen. Oft müssen sie schlicht Geld verdienen, was ihnen auf andere Weise nicht gelingt. Das heißt: Die Welt der Kämpfenden ist nicht die Welt der Eliten.

Früher trugen Fürsten ihren Ärger mit anderen Fürsten aus, indem sie Bauernsöhne im Gemetzel opferten. Diese wollten nicht kämpfen, wurde aber für windige Ziele „gepresst“. Das hieß: zwangsrekrutiert und gewaltsam ins Inferno gejagt. Kriegführen war ein Schachspiel der Machthaber. Doch nach wie vor sind die Interessen derer, die den militärisch-industriellen Komplex bedienen, in keiner Weise deckungsgleich mit den konkreten Lebenszielen der Bevölkerung. Auch nicht ihn „westlichen Demokratien“. Das wäre allenfalls in identitären Basisdemokratien anders, aber die gibt es nicht.

Das Rätsel der systematischen Massentötungen: Wie schaffen es winzige Minderheiten, die oft selbst wissen, wie sie sich heraushalten, die überwältigende Mehrheit in ein schauerliches Chaos zu stürzen? Für fremde Interessen sich die Beine amputieren zu lassen oder ein Leben lang Albträume zu haben, – weshalb gelingt es Wenigen den Vielen solchen Horror aufzuzwingen?

Im Vietnamkrieg gab es zwei Gruppen von jungen Leuten: Angehörige der unteren Schichten, die als Marines oder Green Berets in einen zweck- und sinnlosen Krieg zogen und junge Männer, die ihre Wehrpässe verbrannten und öffentlich protestierten. Wie kommt es, dass einige deutlich „nein“ sagen können, während die Mehrheit geduldig in den Tod geht?

Es gibt keinen gerechten Krieg

Alles in allem also: Es gibt keinen zu rechtfertigenden und erst recht keinen „gerechten“ Krieg. Die uralte Lehre vom „gerechten Krieg“ ruht auf einer Reihe von Fiktionen. So verlangt sie etwa, dass nur solche Kriege gerecht sind, die von einer „legitimen Autorität“ ausgerufen worden sind. In den meisten Fällen ist es jedoch strittig, welche Autorität so legitim ist, dass sie auch ein Massensterben verordnen darf. Können Warlords oder Gangsterbosse in Bürgerkriegsländern als „legitime Autoritäten“ angesprochen werden?

Ein weiteres Kriterium eines „gerechten Kriegs“ liegt in der Forderung nach Verhältnismäßigkeit. Der durch kriegerischen Eingriff ausgelöste Schaden dürfe nicht größer sein als der Schaden, der ohne Krieg verursacht worden wäre. Dieser Grundsatz ignoriert die Unmöglichkeit, eine solche vergleichende Berechnung im Voraus anzustellen. Niemand kann angeben, welche Schäden entstanden wären, hätte kein Krieg stattgefunden. Die unbekannte Höhe der vermiedenen Schäden kann daher nicht mit Schäden verglichen werden, die ebenfalls unbekannt sind. Nämlich mit den Zerstörungen eines noch nicht begonnenen Krieges. Die Lehre vom „gerechten Krieg“ ist ein Feigenblatt.

Es geht ums Ganze

Kommen wir zum wichtigsten Argument, weshalb Pazifismus keine Haltung von Lumpen, Feiglingen oder Schwachsinnigen ist, sondern eine höchst rationale Position. Das hat mit der Tatsache zu tun, dass sich aktuell die Welt in heftiger atomarer Aufrüstung befindet und auch andere Massenvernichtungsmittel reichlich zur Verfügung stehen und in Stellung gebracht werden. Der Philosophie-Professor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Reinold Schmücker, der sich mit dem Thema „gerechter Krieg“ befasst hat, schreibt dazu zutreffend Folgendes: „Aus der Verhältnismäßigkeit folgt unmittelbar, dass Kriege, die die Existenz der Menschheit auf Spiel setzen, niemals legitim sind. Denn etwas Gutes, das zur wahrscheinlichen Vernichtung der Menschheit in einem wie immer angemessenen Verhältnis stünde, ist (…) undenkbar.“3 Wenigstens in diesem Fall ist alles absolut klar.

Diese Aussage ist gegenwärtig von besonderem Gewicht. Eine Vielzahl bewaffneter Konflikte kann heute bis zu einem Ausmaß eskalieren, das letztlich die gesamte Menschheit betrifft. Es ist keine moralische Rechtfertigung denkbar, die Kriegführung unter Inkaufnahme der Menschheitsvernichtung erlauben könnte. Es reicht nicht, wenn an Krieg Interessierte behaupten, eine solche Eskalationsgefahr bestünde nicht.

Wo es um die Vernichtung der Zivilisation rund um den Globus geht, sind Behauptungen, die auf Wähnen und Glauben basieren, eine ungenügende Basis für Entscheidungen. Besonders eindrucksvoll konnte während des Ukraine-Kriegs verfolgt werden, wie unverantwortlich die globale Massenvernichtung riskiert wurde.

Gerade gegenwärtig gilt also für den Pazifisten, dass er kein Risiko gutheißen kann, das die Massenabschlachtung auch völlig Unbeteiligter rund um den Globus in Kauf nimmt. Dabei kommt es auf den Grad der Wahrscheinlichkeit, dass Massenvernichtungsmittel tatsächlich eingesetzt werden, nicht an. Die allergeringste Möglichkeit, dass ein solches Inferno verursacht werden könnte, ist Grund genug, es unter allen Umständen zu vermeiden. Wer Umstände zu kennen glaubt, die ein solches Risiko rechtfertigen, befindet sich bereits tief im moralischen Unrecht.

Also:

Zusammenfassend kann gesagt werden: Kriege und kriegerische Handlungen beruhen auf dem Grundirrtum, sie könnten als präzise instrumentelle Eingriffe durchgeführt werden, deren Folgen exakt anzugeben sind. Jedenfalls sei das Risiko gering, dass Kriegsziele nicht erreicht werden. Kriege könnten also mit „guten Gründen“ geführt werden.

Das ist nichts als Hybris. Die alten Griechen verwendeten dieses Wort, um die menschliche Neigung zu charakterisieren, sich selbst in gottähnlicher Weise zu überschätzen. Pazifismus ist eine realistische Haltung und eine der Bescheidung. Religiös gesprochen: der Demut, die den Sterblichen ansteht.

Auch das wussten die alten Griechen: Das Schicksal (moira) ist eine Macht, die selbst über den Göttern waltet. Sterbliche sind nicht in der Lage, diese Macht zu instrumentalisieren. Gingen sie dazu über, Millionen, gar Milliarden umzubringen, wäre das der finale Beweis, dass es genau so ist.

Wie also vorgehen?

Wer Pazifist ist, hat das Überleben im Auge. Das Überleben der Menschheit. Der Pazifist vertritt eine Verantwortungsethik, die nicht ausblendet, in welch großer Gefahr wir uns alle befinden. Für Wehrhaftigkeit tritt er ein, wo es vorübergehend nötig ist, zugleich aber entschieden für konsequente Rüstungskontrolle und alsbaldige Abrüstung, die – das wissen auch Pazifisten – nur schrittweise möglich ist. „Kriegstüchtig“ müssen wir nicht werden, sondern tüchtig für professionelle Diplomatie.

Überhaupt fordern Pazifisten, Friedlichkeit als Kulturtechnik in jeden Alltag zu integrieren, in    Kindergären, Schulen, Hochschulen. Friedenstraining könnte man das nennen, das im Gegensatz zur Kriegstüchtigkeit steht. Was wäre das für eine Zeitenwende! Aus der hohen Wahrscheinlichkeit, dass uns Kriege und Waffengänge dem Untergang näherbringen, sucht der Pazifist einen Ausweg. Er vertritt damit eine Haltung, die eigentlich alle Menschen einnehmen müssten – würden sie nur erkennen, was die Stunde geschlagen hat.

Fußnoten:

1 Das spielt auf die so genannte virtous violence theory an, die Theorie der tugendhaften Gewalt:  Alan P. Fiske, Rai T. Shakti:  Virtuous Violence : Hurting and Killing to Creat, Sustain, End and Honor Social Relationships, Cambridge : Cambridge Univ. Press, 2015.

2 In welchem Ausmaß Kriege mit der Dummheit der Eliten zu tun haben, zeigt gut die bekannte US-Historikerin Barbara Tuchman: Die Torheit der Regierenden, Von Troja bis Vietnam, Frankfurt/Main 1991.

3 Reinold Schmücker: Gibt es einen gerechten Krieg? 2021, S. 52.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 4. 7. 2025
https://overton-magazin.de/hintergrund/gesellschaft/pazifismus-in-deutschland-weshalb-kriegsgruende-auf-luegen-beruhen/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Wie ein linker Journalist auf der EU-Sanktionsliste landete

Auf einer Veranstaltung wurde über mögliche Folgen der Maßnahmen gegen Hüseyin Doğru und das Portal »Red Media« diskutiert

Von Peter Nowak

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Welche Folgen hat der Vorwurf, russische Propaganda zu verbreiten? Und macht man sich jetzt strafbar, wenn man etwa dem Journalisten Hüseyin Doğru einen Tee oder einen Kaffee spendiere? Diese Frage wurde auf einer gut besuchten Veranstaltung in der »Maigalerie« der Tageszeitung »Junge Welt« am Donnerstagabend nicht nur scherzhaft diskutiert. Die Zusammenkunft stand unter dem polemischen Titel »EU-Wahrheitsregime kontra Pressefreiheit«.

Thematisiert wurde, dass von den Russland-Sanktionen der EU seit dem 20. Mai auch drei Journalist*innen mit deutscher Staatsbürgerschaft betroffen sind: die in Russland lebenden Blogger*innen Alina Lipp und Thomas Röpker sowie der in Deutschland lebende Doğru, der türkisch-kurdische Wurzeln hat. Konkret hat das 17. Sanktionspaket des EU-Rates Reiseverbote, das Einfrieren von Vermögenswerten und das Verbot der Bereitstellung von Finanzmitteln oder anderen wirtschaftlichen Ressourcen zur Folge.

Doğru ist Chefredakteur des Portals Red., das aufgrund der Sanktionen am 17. Mai seine Auflösung bekanntgab. Am 2. Juli stellte sich ein Sprecher des Auswärtigen Amtes (AA) namens der Bundesregierung hinter die Maßnahmen. Auf der Bundespressekonferenz erklärte er, Red. sei »Teil der russischen Desinformationskampagne«. Man könne »heute verbindlich sagen, dass Red. von Russland gezielt zur Informationsmanipulation eingesetzt wird«. Grundlage der Einschätzung sei eine »umfassende Analyse der deutschen Sicherheitsbehörden«, so Außenamtssprecher Martin Giese. Er drohte zugleich »Konsequenzen für diejenigen« an, die »im Auftrag Russlands oder anderer Staaten gezielt Desinformationen verbreiten und Informationen manipulieren«.

Ziel von Red. sei es, so Giese, die »Spaltung bei gesellschaftlich polarisierten Themen zu vertiefen und Deutschland verdeckt zu diskreditieren«. Der Hauptvorwurf gegen das Medium sei die Verschleierung der Verbindungen nach Russland und die »erkennbar disruptive und polarisierende Motivation« hinter dessen Beiträgen. Red. stelle sich als revolutionäre Plattform unabhängiger Journalistinnen und Journalisten dar. Es gebe aber »enge personelle und finanzielle Verflechtungen mit dem russischen Staatsmedium RT«, erklärte Giese. Russland nutze Plattformen wie Red., um »den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland und Europa zu schwächen«, indem diese »Misstrauen in Fakten, in Medien und in demokratische Strukturen« schürten sowie »staatliche Strukturen diskreditieren«.

Was das konkret für Hüseyin Doğru bedeutet, schilderte Florian Warweg vom Onlineportal »Nachdenkseiten« auf der Veranstaltung. Der Journalist sei nicht über die Sanktionierung informiert worden, könne sich somit also auch nicht inhaltlich gegen die Vorwürfe verteidigen und versuchen, sie zu widerlegen. Er hatte erst davon erfahren, als er mit seiner Kontokarte kein Geld mehr abheben konnte. Ausgaben für Dinge des täglichen Lebens müsse er jedes Mal beantragen.

»Infolge der Sanktionen stellte ab 1. Juli sogar die Krankenkasse die Leistungen für seine Familie zwischenzeitlich ein, obwohl die Ehefrau sich im siebten Monat einer Risikoschwangerschaft befindet«, schilderte Warweg, der in der Bundespressekonferenz Fragen zu den Sanktionen gestellt hatte, die schwierige Situation Doğrus.

Der Sprecher des Auswärtigen Amtes verwies auf den Rechtsweg, den der Journalist ja beschreiten könne, wenn er sich gegen die Sanktionierung wehren wolle. Warweg fragte daraufhin, wie jemand die Kosten für seine Verteidigung aufbringen soll, dem seine Konten gesperrt wurden und wenn auch Spenden an ihn verboten sind. Eine Antwort darauf gab es nicht. Warweg sagte, der Verweis auf den Rechtsweg durch den AA-Sprecher bekomme angesichts der »kafkaesken« Umstände der Sanktionierung einen merkwürdigen Klang.

Doğru bestreitet, vom russischen Staat unterstützt worden zu sein, und weist die Behauptung, er sei Teil der russischen Desinformationskampagne, strikt zurück. Darüber waren sich am Donnerstagabend auch auf dem Podium alle einig. Moderator Rüdiger Göbel nannte alle betroffenen Journalisten, die ihren Beruf ernst nähmen und sanktioniert würden, weil ihre Berichterstattung über die Ukraine und andere Konflikte den Positionierungen des Westens widersprächen. »Man muss deren Meinungen nicht gut finden, aber man muss dafür kämpfen, dass sie dafür nicht sanktioniert werden«, sagte Göbel.

Neben ihm und Warweg beteiligten sich der Chefredakteur der »Jungen Welt«, Nick Brauns, Tilo Gräser von der Zeitschrift »Hintergrund« und Roberto de Lapuente vom »Overton-Magazin« an der Debate. Zu einer kontroversen Diskussion kam es an dem Abend nicht, weil sich nicht nur das Podium, sondern auch große Teile des Publikums einig waren, dass die EU hier kritische Journalist*innen sanktioniert und ein Großteil der Medien und selbst Journalist*innenorganisationen hier mittun würden.

Es wurde dazu aufgerufen, bei Organisationen wie Reporter ohne Grenzen und der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union eine Positionierung für die von Sanktionen bedrohten Journalist*innen anzumahnen. Auch Politiker*innen der Linkspartei sollen aufgefordert werden, sich für Doğru einzusetzen.

Tatsächlich wird mit den EU-Sanktionen die Pressefreiheit massiv eingeschränkt. Allerdings sollte man durchaus erwähnen, dass das Sanktionsregime der EU mit Maßnahmen gegen sogenannte ausländische Agent*innen in Russland kompatibel ist. Wer unter diesem Label gelistet ist, muss dort ebenfalls mit Kontosperren, Reise- und Arbeitsverboten leben.

Erstveröffentlicht im nd v. 5.7. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1192387.russland-sanktionen-wie-ein-linker-journalist-auf-der-eu-sanktionsliste-landete.html?sstr=Peter|Nowak

Wir danken für das Publikationsrecht.

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