Die Generalstreiks diese Woche in Frankreich und Italien sind kein »Generationenkonflikt«. Es geht um soziale Ungleichheit und Aufrüstung.
Von RAUL ZELIK
Titelphoto: USB
Die größten Ereignisse machen nicht immer die größten Schlagzeilen. Bei den Midterms in den USA war die vielleicht bemerkenswerteste Nachricht das Ergebnis für die schwarze sozialistische Basisaktivistin Angie Nixon in Florida. Mit 48 Prozent unterlag sie bei den Wahlen für den US-Senat nur knapp – obwohl sie ihren Wahlkampf praktisch ohne Unterstützung der demokratischen Partei führen musste. Die linke Organizerin bekam in der rechten Hochburg Florida fast 4 Millionen Stimmen. Das ist in etwa so viel, wie Die Linke bei den letzten Bundestagswahlen in ganz Deutschland bekam.
Es gibt noch mehr solcher Nachrichten, die in diesen Tagen untergehen. Kaum der Rede wert war in den Medien hierzulande der Generalstreik vergangenen Freitag in Italien. Ausgerufen von der kleinen Basisgewerkschaft USB brachte er ein bis zwei Millionen Menschen auf die Straße. In unserer Partnerzeitung Il Manifesto rieb man sich verwundert die Augen: »Ein allgemeiner Aufruf reicht aus, um Hunderttausende – überwiegend sehr junge Menschen – auf die Straße zu bringen. Die Organisatoren – sofern sie zu erkennen sind – werden überrannt […] Die Plätze sind mittlerweile schwerer zu leeren als zu füllen.«
Am Generalstreik in Italien beteiligten sich ein bis zwei Millionen Menschen. Doch die Initiative ging nicht von den großen Gewerkschaften aus.
Oder in Frankreich: Trotz massiver Polizeigewalt geht die Protestwelle dort mittlerweile in die achte Woche. Seit dem Ende der Herbstferien sind erneut 500 Oberschulen und 50 Universitäten blockiert. Am vergangenen Samstag trotzten Hunderttausende den von der Regierung Macron verhängten Demonstrationsverboten. Und zum heutigen Donnerstag haben die Gewerkschaften zum Generalstreik aufgerufen: für höhere Löhne und bessere Infrastrukturen, aber auch für echte Maßnahmen gegen den Klimawandel, der in diesem Sommer die verheerenden Waldbrände in Frankreich mitverursacht hat.
In den Medien ist – eher entpolitisierend – von »Gen Z-Protesten« die Rede. Als seien hohe Lebenshaltungskosten, steigende Rüstungsausgaben, Klimawandel und Waffenlieferungen allein ein Problem der Menschen unter 25 … Man muss widersprechen: Die Grenze verläuft nicht zwischen den Generationen, sondern zwischen oben und unten.
Die neue Welle der Klassenkämpfe hat in verschiedenen Ländern unterschiedliche Gestalt angenommen. In den USA, wo es gesellschaftliche und gewerkschaftliche Organisierung traditionell schwer hat, haben linke Basisgruppen Wahlkämpfe als Mittel der Mobilisierung für sich entdeckt. Anderswo, wo soziale Kämpfe im Alltag stärker verankert sind, setzen die Bewegungen auf Streiks und Blockaden. Die Dynamik geht dabei nicht von den großen Gewerkschaften aus. In Italien legten schon im vergangenen Herbst zwei Generalstreiks das Land lahm – organisiert von der Palästina-Solidarität. Und in Frankreich waren es nun Oberschüler*innen und Migrant*innen, die den Anfang machten.
Diese gesellschaftliche Unruhe reißt die etablierten Organisationen mit. Die Intersyndicale, der Zusammenschluss der französischen Gewerkschaften, hat angekündigt, sich über die Vorgaben der Macron-Regierung hinsichtlich der Demonstrationsroute in Paris hinwegzusetzen.
Was diese Kämpfe am Ende erreichen werden, kann niemand vorhersagen. Die progressiven Wahlerfolge in den USA werden am Ende nicht nur von Trump, sondern auch vom Establishment der demokratischen Partei und der Macht der Konzerne zurückgedrängt werden. Und natürlich werden auch die Bewegungen, die in mehreren europäischen Ländern gerade die Straßen fluten, irgendwann wieder abflauen. Doch festhalten kann man für den Augenblick, dass die sozialen Kämpfe zurück sind. Und dass sie überall von Medien und Politik als gewaltsam und kriminell stigmatisiert werden. Ein durchschaubares Spiel: Die »moral panic«, die Panikmache gegen Teile der unteren Klassen, war schon immer ein Instrument bürgerlicher Politik. Attackiert werden die »migrantischen Milieus« und »Chaoten« – gemeint sind die Kämpfe für Gleichheit und soziale Rechte.
Erstveröffentlicht im nd v. 5.11. 2026
Klassenkämpfe nicht Generation Z
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