In mehreren deutschen Städten organisieren Schüler Proteste gegen Bildungsnotstand und Militarisierung. Am 31. Oktober folgt ein Aktionstag.
Von ELIAS INAN CHRISTE
Titelphoto: Schulstreik gegen Wehrpflicht in Köln. r-mediabase
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der wütenden Jugend. Der Blick nach Albanien, nach Belgien oder ins Nachbarland Frankreich zeigt, wie schnell aus sozialem Frust, struktureller Vernachlässigung und politischer Entfremdung massenhafter Protest werden kann. Auf den Straßen von Paris entlädt sich seit Wochen eine Wut, die längst über punktuelle Kritik an Schulreformen hinausgeht: Es ist der Aufstand einer Generation, die spürt, wie ihre Lebensgrundlagen, ihre Bildungschancen und ihre Zukunft auf dem Altar staatlicher Krisenbewältigung und geopolitischer Aufrüstung geopfert werden.
Doch die Dynamik macht an den deutschen Landesgrenzen keineswegs Halt. Auch hierzulande formiert sich ein Unmut, der nicht mehr hinter den Schulbänken gehalten werden kann. Die Anlässe liegen auf der Hand: seit Jahren verfallende Schulgebäude, bröckelnder Putz in den Klassenzimmern, ein historischer Lehrkräftemangel, ausfallender Unterricht und sich dramatisch verschlechternde Bildungschancen, vor allem für Jugendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen. Währenddessen gibt das Kabinett Merz Rekordsummen für die Bundeswehr aus und trimmt die Gesellschaft auf Kriegstüchtigkeit. Viele Jugendliche sind zudem durch den bedrohlichen Aufstieg der extremen Rechten verunsichert.
Protest mit Eichhörnchen-Logo
Dass dieser Unmut nicht mehr nur unausgesprochen schwelt, sondern in konkretes Handeln umschlägt, zeigen die Entwicklungen der vergangenen Wochen. Der Widerstand formiert sich zusehends in Form organisierter Schulblockaden: Was am Französischen Gymnasium in Berlin anfing, tritt seitdem immer häufiger auf. In Berlin, Hamburg und München legten Schüler*innen den Unterrichtsbetrieb an mehreren Gymnasien und Gesamtschulen lahm. Mit verbarrikadierten Eingängen und Transparenten wie »Geld für Bildung statt für Waffen« erzwangen sie Aufmerksamkeit für ein Unbehagen, das die etablierte Politik lange zu ignorieren versuchte.
Organisiert werden die Aktionen vor allem über das Bündnis »Gen Z regelt«, das auch unter dem Aufruf »Gen Z steht auf« und mit einem Eichhörnchen-Logo auftritt. Über Telegram-Gruppen sowie Tiktok und Instagram haben sich Schüler in Dutzenden Städten zusammengeschlossen.
Für den 31. Oktober ruft das Bündnis zu einem ersten bundesweiten Protesttag auf. Die Ankündigung hat hektische Betriebsamkeit ausgelöst: Polizeigewerkschaften und Innenministerien warnen vor möglichen Ausschreitungen wie in Frankreich. Das Bündnis betont jedoch in einem »Wertekompass«, friedlich und überparteilich zu sein: Es lehne Gewalt ab und setze auf Deeskalation. Um nicht für parteipolitische Ränkespiele missbraucht zu werden, sind Parteifahnen auf den Kundgebungen unerwünscht. Rechtsextreme, rassistische und hetzerische Positionen sollen ausgeschlossen werden.
Streit um politische Ausrichtung
Knapp drei Wochen später, am 20. November, wird außerdem unter dem Motto »Schulstreik gegen Wehrpflicht« zu einem internationalen Jugendaktionstag aufgerufen. Beteiligt sind Organisationen aus Frankreich, Belgien und Italien. Im Mittelpunkt steht die Ablehnung einer möglichen Rückkehr zur Dienstpflicht.
In der Bewegung gibt es zugleich eine Kontroverse zur Haltung zum Nahost-Konflikt und zur Frage, inwiefern die Solidarisierung mit der palästinensischen Zivilbevölkerung Teil des Forderungskatalogs sein sollte. Dazu gibt es auch Reaktionen aus der Politik. Martin Sonneborn, Vorsitzender der Partei Die Partei, warnte vor einer Verknüpfung mit der Palästina-Bewegung. Eine starke Polarisierung könne Unterstützer abschrecken und das Anliegen gegen Sozialabbau, Wehrpflicht und Bildungsnotstand schwächen. Der Landtagsabgeordnete Mustafa Groener (Die Linke Sachsen-Anhalt) sieht das anders. Für ihn gehören Friedensfrage, Kritik an der Aufrüstung und Solidarität mit der palästinensischen Zivilbevölkerung zusammen. Sie dürften aus Angst vor staatlicher Repression nicht ausgeklammert werden.
Hier der Aufruf "Zeit für Widerstand - GenZ regelt das!"
Gen Z nimmt sich ihr Recht auf Zukunft
Trotz all dieser Debatten und der Versuche von Politik und Medien, das Phänomen abzutun oder zu kriminalisieren, offenbart die Dynamik rund um »Gen Z regelt« eine tiefgreifende Zäsur: Die Gen Z hat das Vertrauen in die Politik verloren. Über Jahre hinweg wurde Jugendlichen vermittelt, ihre Anliegen seien nachrangig, ob bei der Klimapolitik, bei der Unterfinanzierung der Bildungsstätten oder bei der Entscheidung, Milliarden in Rüstungsprojekte zu lenken, während für die soziale Zukunft kein Geld da sei.
Jugendliche erleben hautnah, wie eine Politik gemacht wird, deren Fehler sie bezahlen müssen, ohne dass ihnen ein echtes Mitspracherecht eingeräumt wird. Wer glaubt, diese Generation werde das stumme Hinnehmen zur Regel machen, hat die Dynamik an den Schulen unterschätzt.
Wenn am 31. Oktober und 20. November, wie von den Organisatoren erhofft, Hunderttausende Schüler auf die Straße gehen, dann tun sie das aus der Erkenntnis, dass ihnen niemand freiwillig eine gerechte Zukunft schenkt. Die Botschaft an die Regierung in Berlin ist klar: Die Jugend fühlt sich ungehört, ignoriert und entmündigt. Und genau deshalb dürfte sie in den kommenden Wochen so laut und unüberhörbar protestieren wie lange nicht mehr. Die Gen Z wartet nicht mehr darauf, um Erlaubnis gefragt zu werden – sie nimmt sich ihr Recht auf Zukunft jetzt selbst.
Elias Inan Christe (18) ist Schüler aus Berlin, war früher bei Die Linke aktiv und betätigt sich nun als freier Journalist. Er wurde vor allem durch die kurdische Freiheitsbewegung politisiert.
Erstveröffentlicht im nd v. 21.10. 2026
Generation Z steht auch in Deutschland auf
Wir danken für das Publikationsrecht.