»Putins Strategie ist aufgegangen«

Der ukrainische Soziologe Volodymyr Ishchenko über Krieg, Klassenverhältnisse und Nationalismus

Interview: Raúl Zelik

Herr Ishchenko, der Krieg in der Ukra­ine wird meist besprochen als ein Konflikt zwischen zwei Staaten oder Nationen, beide vertreten durch ihre Regierungen. Sie hingegen sagen: Will man den Krieg verstehen, muss man über Klassenverhältnisse sprechen. Warum?

Weil dieser Krieg meiner Ansicht nach Folge eines Klassenkonflikts ist, der den gesamten postsowjetischen Raum durchzieht. In den meisten postsowjetischen Ländern bildete sich ab 1991 eine spezifische Kapitalfraktion als herrschende Klasse heraus. Manche Sozialwissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von »politischen Kapitalisten« …

Was verstehen Sie darunter?

Eine Gruppierung, die ihr Kapital akkumuliert durch die Kontrolle des Staates. Sie plündert den Staat aus und verfügt über die Einnahmen aus Rohstoffexporten. Der wichtigste Wettbewerbsvorteil dieser Kapitalfraktion besteht im Zugriff auf selektive staatlichen Leistungen. Die »politischen Kapitalisten« würden gern Teil der globalen Eliten werden. Zugleich jedoch ist die nationale Souveränität für sie von zentraler Bedeutung: Sie benötigen das Machtmonopol, ein Territorium ausplündern zu können. In dieser Hinsicht stehen sie im Widerspruch zum transnationalen Kapital, das ein anderes Akkumulationsmodell hat.

Wo liegt der Widerspruch?

Die »politischen Kapitalisten« brauchen den geschlossenen Raum, in dem sie privilegierten Zugang zur Staatsmacht haben. Die transnationalen Eliten hingegen brauchen die Öffnung. Aus diesem Gegensatz erklärt sich, warum die Korruptionsbekämpfung ein so zentrales Thema der postsowjetischen Politik ist. Anti-Korruptions-Gesetze entziehen den »politischen Kapitalisten« nämlich ihre Grundlage und nutzen dem transnationalen Kapital. Dessen Interessen decken sich im postsowjetischen Raum häufig mit den Interessen der gut ausgebildeten Mittelklassen. Sie wollen die Integration in den Westen.

Auf wessen Seite schlägt sich dabei das Regime von Wladimir Putin?

Putins Regime ist, wie es Marxist*innen ausdrücken, »bonapartistisch« – oder wie es bei Gramsci heißt: »cäsaristisch« – also ein autoritäres, führerzentriertes Regime. Es ist keine ideale Form der politischen Organisation von Klassenherrschaft. Der Bonapartismus ist sehr anfällig für Nachfolgekämpfe. Deshalb gab es auch so viele postsowjetische Revolutionen: nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Armenien, Belarus und – unmittelbar vor der russischen Invasion in der Ukraine – auch in Kasachstan. Ich würde sagen, das Putin-Regime hat mit dem Krieg die Interessen der politisch-kapitalistischen Klasse Russlands nach innen und außen gefestigt.

Und auf der ukrainischen Seite? Die politisch-kapitalistische Klasse, von der Sie sprechen, gibt es ja auch dort. Lange Zeit hatte man den Eindruck, dass sie identische Interessen wie die russischen Eliten verfolgt.

Der Unterschied ist, dass die ukrainischen Eliten immer sehr fragmentiert waren und häufig rein individuelle Interessen verfolgten. »Bonapartistische« Kandidaten wie Viktor Janukowitsch, die allgemeine Klasseninteressen hätten organisieren können, wurden sabotiert. Durch die Proteste des Euromaidan 2014 und die Invasion der Ukraine haben die politischen Kapitalisten der Ukraine massiv an Einfluss verloren. Profitiert davon haben das transnationale Kapital und die Mittelklassen – ganz anders als in Russland.

Zu Beginn des Krieges gab es die Hoffnung, in Russland könne angesichts der russischen Verluste eine innere Opposition entstehen. Inzwischen aber scheint sich die Gesellschaft mit der Situation arrangiert zu haben.

Es wird oft nicht verstanden, wie apolitisch die postsowjetischen Gesellschaften sind. In Russland beruhte die Unterstützung für den Krieg zunächst auf dem Gefühl, das Leben könne ganz normal weitergehen. Deshalb hat sich Putin auch erst nach den Niederlagen bei Charkow im September 2022 zu einer Mobilmachung entschieden.

Aber die Niederlagen haben auch nicht zu einem tiefgreifenden Stimmungswandel geführt.

Es gibt im Augenblick zwei gegensätzliche Prozesse: Auf der einen Seite profitieren Teile der Gesellschaft vom Krieg. Die Reallöhne steigen, weil es eine große Nachfrage nach Arbeitskräften gibt. Einheimische Unternehmer konnten ihre Absatzmärkte nach dem Rückzug westlicher Konzerne erweitern. Die loyalen Mittelschichten, die ihr Einkommen vom Staat beziehen, sind gewachsen. Andererseits gibt es diejenigen, die von der Mobilmachung betroffen sind, und eine wachsende Zahl von Gefallenen. Die russische Wirtschaft leidet unter einem enormen Arbeitskräftemangel. Bei Teilen der Bevölkerung wächst das Einkommen nicht mit den steigenden Preisen mit. Die entscheidende Frage scheint mir jedoch, ob es Brüche in den Eliten gibt. Und da lässt sich festhalten: Auch wenn einige russische Oligarchen Teile ihres Vermögens im Westen verloren haben, sind die Reichen insgesamt doch noch reicher geworden. Es ist kein Zufall, dass Putin den Aufstand der Wagner-Gruppe relativ problemlos überstanden hat. Ich würde sagen, seine Strategie zur Konsolidierung des Regimes durch den Krieg ist weitgehend aufgegangen.

Ist Russland damit auf dem Weg zum Faschismus? Autoritär-nationalistisch ist das System Putin ja zweifelsohne. Aber Sie betonen, dass man die Bedeutung der Ideologie in den postsowjetischen Staaten nicht überschätzen sollte.

Die Rolle der Ideologie ist heute sicher größer als vor dem Krieg. Sowohl die Eliten als auch die Intelligenzija sieht einen Bedarf an Legitimation. Aber der Begriff Faschismus scheint mir trotzdem weiterhin falsch zu sein. Denn Faschismus braucht immer auch eine straff organisierte Zivilgesellschaft, die als Bindeglied zwischen Staat und den einfachen Leuten fungiert. Die postsowjetischen Gesellschaften hingegen sind atomisiert, in der Zivilgesellschaft sind nur sehr wenige Menschen organisiert. Deshalb scheint mir der Begriff »bonapartistisch« treffender. Es handelt sich um ein autoritäres, führerzentriertes Regime mit nationalistischer Rhetorik. Ein Vergleich mit dem militaristischen Preußen unter Bismarck ist – zumindest heute – wahrscheinlich erhellender als der Vergleich mit Hitlers Drittem Reich.

Wie sieht das auf der ukrainischen Seite aus? Welche ökonomischen Interessen werden hier formuliert?

Anders als in Russland haben in der Ukraine seit dem Euromaidan 2014 die professionellen Mittelklassen und das transnationale Kapital ihre Macht stark ausgebaut. Ihr Interesse ist es, das Land als untergeordnete Peripherie in den westlichen Kern-Kapitalismus zu integrieren. Der ethnisch-ukrainische Nationalismus ist nicht viel mehr als ein Instrument, um sich eine Nische in den globalen Eliten und globalen Mittelklassen zu schaffen. Außerdem sorgt er dafür, die subalternen Klassen in Schach zu halten.

Die Euromaidan-Revolution bedeutete also keinen Bruch zwischen einem prowestlichen und einem prorussischen Flügel der Oligarchie?

Wie gesagt: Die ukrainischen Eliten waren unfähig, selbst eine stabile Form der Klassenherrschaft zu etablieren. Der sogenannte »prorussische« Teil der Elite konnte kein »prorussisches« Entwicklungsprojekt für die Ukraine anbieten. Das ist ein entscheidender und häufig unterschätzter Grund, warum das Minsker Abkommen scheiterte und sich Russland zur Invasion entschied. Auf der anderen Seite haben die »proeuropäischen« politischen Kapitalisten die westliche Karte nur aus opportunistischen Motiven gespielt. Petro Poroschenko, der nach dem Euromaidan Präsident wurde, hat die russische Bedrohung benutzt, um die Korruption seiner Geschäftspartner zu verschleiern. Ein anderer vermeintlich »prowestlicher« Oligarch ist Wiktor Pintschuk. Sein Vermögen beruht unter anderem darauf, dass er Schwiegersohn von Leonid Kutschma ist …

… dem ukrainischen Präsident 1994 bis 2005 …

Ende 2016 veröffentlichte Pintshchuk einen Artikel im »Wall Street Journal«, in dem er die Ukraine aufforderte, »schmerzliche Kompromisse mit Russland« zu akzeptieren – so etwa den Verlust der Krim und die Umsetzung des Minsker Abkommens. Image und Klasseninteressen dieser »prowestlichen« politischen Kapitalisten fallen weit auseinander.

In Ihrem neuen Buch blicken Sie sehr kritisch auf die Maidan-Revolution. Stehen Sie damit alleine?

Nein. Vor der Invasion äußerten sich bei allen Umfragen nur noch etwa 40 Prozent der Ukrainer*innen positiv über den Euromaidan – und diese Umfragen fanden im separatistisch kontrollierten Osten des Donezk-Beckens und auf der Krim, wo die Ablehnung am stärksten war, gar nicht statt. Die Zustimmung für den Aufstand war seit 2014 also deutlich zurückgegangen. Seit Beginn der russischen Invasion sind Umfragen ziemlich unzuverlässig geworden – wie das unter Kriegsbedingungen fast immer der Fall ist. Einer der Gründe hierfür ist, dass man alles ablehnt, das als »antiukrainisch« interpretiert werden könnte. Das betrifft auch die wirtschaftlichen Umstände und Fakten. Beispielsweise haben in Umfragen die Menschen die wirtschaftliche Lage Ende 2022 viel besser bewertet als vor der Invasion, obwohl die Indikatoren etwas komplett Anderes besagen.

Hat sich auch die Stimmung gegenüber dem Krieg verändert? Am Anfang war ja eine breite Mehrheit in der Ukraine dafür, das Land gegen die Invasion zu verteidigen.

Wie sollen wir das wissen? In den – nicht sehr zuverlässigen – Umfragen nimmt die Popularität von Präsident Selenskyj ab, ist aber immer noch relativ hoch. Am wichtigsten ist natürlich das Thema Mobilmachung. Die Ukraine braucht viele neue Soldaten. Doch auch unter denjenigen, die sich bei Umfragen als Patrioten bezeichnen, wollen viele nicht ihr Leben riskieren. Ich denke, der Rückhalt für die Regierung ist fragiler als oft angenommen.

Ein großer Streitpunkt war immer, ob dieser Krieg ein geopolitischer Konflikt zwischen Machtblöcken ist. Mittler­weile sieht es so aus, als wollten sich die USA gar nicht unbedingt weiter in der Ukraine engagieren. War die These von der geopolitischen Konfrontation falsch?

Es ist umgekehrt: Die geopolitische Dimension wird immer wichtiger. Wir erleben das Zerbröckeln der US-amerikanischen Hegemonie in der Welt, und Russland versucht, diese Gelegenheit im Interesse seiner herrschenden Klasse auszunutzen. Das lässt sich an vielen Orten beobachten: im Nahen und Fernen Osten und in Afrika, wo Russland seinen Einfluss vor allem in den ehemaligen französischen Kolonien ausweitet. Der Krieg in der Ukraine ist mit all diesen Konflikten verwoben.

Wie könnte der Krieg enden? Ist eine Verhandlungslösung denkbar?

Die meisten Beobachter*innen gehen davon aus, dass es am Ende zu einer Verhandlungslösung kommen wird. Und es gibt auch immer wieder Berichte über Kontakte. Wie diese Lösung aussehen könnte, hängt nur von den Kräfteverhältnissen auf dem Schlachtfeld ab. Ob ein Teil der Ukra­ine russisch wird oder nicht, ob man im Westen eingebunden wird oder neutral bleibt – das alles wird nicht durch Volksbefragungen oder politisches Abwägen, sondern mit Gewalt auf dem Schlachtfeld entschieden. Je nach militärischem Ausgang wird die Verhandlungslösung dann so oder so aussehen.

Interview

Wiebe Kiestra

Volodymyr Ishchenko wurde 1982 in der Ukraine geboren, wuchs in Kiew auf und unterrichtete dort Soziologie an verschiedenen Universitäten. Heute forscht er in Berlin und schreibt u. a. für die Tageszeitung »The Guardian« und die Magazine »Jacobin« und »New Left Review«. Dieser Tage erscheint sein Buch »Towards the Abyss. Ukraine from Maidan to War« (Richtung Abgrund. Vom Maidan zum Krieg) im Londoner Verlag Verso.

Erstveröffentlicht im nd v. 17./18.2 .2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1180076.klassenverhaeltnisse-ukraine-krieg-putins-strategie-ist-aufgegangen.html

Wir danken für das Abdruckrecht.


Unruhe in Grünheide

IG Metall will demokratische, gerechte Betriebsratswahl bei Tesla und beantragt deren Verschiebung

Die Vorbereitung der Betriebsratswahl beim Autobauer Tesla fällt in eine Phase, in der die Fabrikhallen leer sind. Um demokratische Standards zu wahren, will die IG Metall juristisch einen besseren Termin erreichen.

Bild: IG Metall

Von Christian Lelek

Dem Autobauer Tesla stehen in seiner Gigafactory in Grünheide im Landkreis Märkisch-Oderland Betriebsratswahlen ins Haus. Schon vorab zeichnet sich ab, dass es eine umkämpfte Wahl werden könnte. So wurde am Dienstag bekannt, dass sich die Industriegewerkschaft IG Metall vor Gericht dafür einsetzt, die Wahl zu verschieben. »Wir begrüßen die zweite Betriebsratswahl bei Tesla in Deutschland sehr«, erklärt Bezirksleiter Dirk Schulze per Pressemitteilung. »Wir wollen aber, dass es dabei fair, gerecht und demokratisch zugeht.«

Bisher war vorgesehen, zwischen dem 18. und 20. März zu wählen. Dies hatte laut einem Bericht der »Märkischen Oderzeitung« der Wahlvorstand am 31. Januar beschlossen. Die IG Metall will nun erreichen, dass die Wahl später stattfindet und hat dafür eine einstweilige Verfügung beim Arbeitsgericht in Frankfurt (Oder) eingereicht. Der Antrag ziele auf den Neustart der Wahl zu einem späteren Zeitpunkt ab, erklärt ein Sprecher der Gewerkschaft »nd«, zur »Herstellung von Chancengleichheit, und weil es keinen Zeitdruck gibt«.

Die Chancengleichheit sei zurzeit nicht gegeben, da Tesla das Werk bis zum 11. Februar weitgehend »stillgelegt« habe. Tesla hatte den Produktionsstopp mit Lücken in der Lieferkette begründet: »Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Roten Meer und die damit verbundenen Verschiebungen der Transportrouten zwischen Europa und Asien über das Kap der Guten Hoffnung wirken sich auch auf die Produktion in Grünheide aus.«

Die Frist, um Wahlvorschläge einzureichen, endet am 15. Februar. Demnach bleiben den Beschäftigten lediglich vier Tage, um gut von ihrem passiven Wahlrecht Gebrauch zu machen, also »sich abzusprechen, Kandidat*innen aufzustellen und Listen zu bilden«, wie es ein Sprecher der IG Metall im Gespräch mit »nd« formuliert. Das betreffe vor allem die Produktionsbeschäftigten. »Es gibt keinen akzeptablen Grund, durch völlig unnötige Hektik hierbei einzelne Beschäftigtengruppen zu benachteiligen«, schreibt die IG Metall. Als Kandidat*innen kommen alle festangestellten Mitarbeiter*innen in Frage, die mindestens 18 Jahre alt sind und von mindestens 50 Kolleg*innen gestützt werden. Gerade um letzteres zu organisieren, scheinen vier Tage knapp bemessen.

Laut Betriebsverfassungsgesetz ist der Wahlvorstand, der für die Durchführung der Wahl verantwortlich ist, vom bestehenden Betriebsrat zu bestellen. In der Regel läuft das über das gewöhnliche Beschlussverfahren, in dem der Betriebsrat per Mehrheitsbeschluss Beschäftigte zum Wahlvorstand bestimmt. Laut dem Sprecher der IG Metall besteht der Betriebsrat bei Tesla zurzeit aus 19 Mitgliedern. Es gebe auch IG-Metall-Mitglieder im Betriebsrat, doch die Mehrheit von zehn Gremiumsmitgliedern wie auch die Vorsitzende seien der Gigavoice-Liste zuzurechnen.

Dass sich das in der Arbeit des Betriebsrats niederschlägt, liegt nahe. So positioniert sich dann auch seine Vorsitzende Michaela Schmitz, eine Managerin, auf einer Linie mit dem Management, zum Beispiel bei der Ablehnung von Tarifverträgen. »Wir sind nah an der Belegschaft dran. Unsere Geschwindigkeit geht verloren, wenn wir von außen beeinflusst werden«, hatte sie Anfang des Jahres der Deutschen Presse-Agentur gesagt und sich damit klar gegen die IG Metall gestellt. Wie »Business Insider« berichtete, hatte das Gremium außerdem weniger Betriebsversammlungen abgehalten, als das Gesetz vorsieht. 2022 sei die Belegschaft nur zu einer Versammlung zusammengekommen, vier sind vorgeschrieben.

Auch das Verhalten des Betriebsrats bei der Gestaltung der andauernden Produktionspause zog Kritik der Gewerkschaft auf sich. Laut IG Metall hat der Betriebsrat mit der Werksleitung vereinbart, dass die ersten zwei Tage zur Hälfte vom Arbeitszeitkonto abgezogen werden können. Die Gewerkschaft kritisierte, dass das unternehmerische Risiko auf die Beschäftigten abgewälzt werde, statdessen sei der Verdienstausfall zu 100 Prozent zu begleichen. Dem RBB zufolge sind es vor allem Batteriekomponenten aus China, die die Verzögerungen bedingen. Nachdem die USA eine enormes Wirtschaftsförderungsprogramm (Inflation Reduction Act) beschlossen hatten, legte Tesla seinen Plan, eine eigene Batterieproduktion in Grünheide zu realisieren, auf Eis.

Das Betriebsverfassungsgesetz sieht Wahlen alle vier Jahre vor. Der erste Betriebsrat war in Grünheide 2022 gewählt worden. Da sich aber seitdem die Betriebs- und Beschäftigtenstruktur derart gravierend verändert hat, wird bereits dieses Jahr im Frühling neu gewählt. Mittlerweile arbeiten fast 12 500 Menschen in der Fabrik. 2022 waren es dem IG-Metall-Sprecher zufolge maximal 3000. »Bei der ersten Wahl vor zwei Jahren waren die meisten Beschäftigten noch gar nicht bei Tesla. Daher konnten sie bei der Premiere auch nicht an der Betriebsratswahl teilnehmen und nicht über den derzeit amtierenden Betriebsrat mitbestimmen«, heißt es in der Mitteilung der IG Metall. Dass die unternehmensnahe Gigavoice-Liste mit Manager*innen, Teamleiter*innen und Ingenieur*innen die Wahl gewann, führt die Gewerkschaft auf den niedrigen Anteil an Produktionsbeschäftigten zurück, deren Perspektive im Gremium demnach unterrepräsentiert ist. Die anstehende Wahl, bei der es um 39 Plätz geht, will die IG Metall gewinnen. Wann über den Antrag auf eine einstweilige Verfügung entschieden wird, war bis zum Redaktionschluss am Arbeitsgericht Frankfurt (Oder) noch nicht entschieden.

Erstveröffentlicht im nd v. 7.2. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1179805.tesla-tesla-vor-betriebsratswahl-unruhe-in-gruenheide.html?sstr=Tesla

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Die größten NATO-Manöver seit Jahrzehnten haben begonnen – als Demonstration!

Von Christian Müller

Während es immer klarer wird, dass die Ukraine gegen Russland keine Chance auf einen Sieg hat, haben die größten NATO-Manöver seit Jahrzehnten begonnen – mit rund 90’000 Soldaten. Gleichzeitig wachsen die Selbstzweifel: NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg weilte in den letzten Tagen, wohl im Hinblick auf einen möglichen künftigen US-Präsidenten Donald Trump, in Florida, um die US-Militärführung zu überzeugen, dass die NATO nicht nur für Europa, sondern auch für die USA wichtig ist. Und die «Steadfast Defender 2024»-Manöver werden als «Demonstration» der NATO-Einigkeit bezeichnet. (Man beachte auch die Anmerkungen am Schluss dieses Artikels.)

«The exercise, which is conducted across various NATO nations, is based on NATO’s new defence plans and demonstrates the Alliance’s ability to rapidly deploy forces from North America and other parts of the Alliance, to reinforce the defence of Europe. It also gives a clear demonstration of NATO’s transatlantic unity, strength and determination to do all that is necessary to protect each other and our common values», so die Plattform Joint-Forces.com.

Oder zu Deutsch: «Die Übung, die von verschiedenen NATO-Staaten durchgeführt wird, basiert auf den neuen Verteidigungsplänen der NATO und demonstriert die Fähigkeit des Bündnisses, schnell Streitkräfte aus Nordamerika und anderen Teilen des Bündnisses zu verlegen, um die Verteidigung Europas zu stärken. Sie ist auch eine klare Demonstration der transatlantischen Einheit, der Stärke und der Entschlossenheit der NATO, alles zu tun, was notwendig ist, um einander und unsere gemeinsamen Werte zu schützen“.

Im April 2021 hat Jens Stoltenberg den Studenten der «University South Florida» in Tampa erklärt, dass die NATO den Artikel 5 in ihrer Gründungsurkunde ändern muss und wird, um der NATO auch Präventiv-Schläge zu ermöglichen. Siehe «NATO: vom Verteidigungsbündnis zum Angriffspakt».

Zur Rede Stoltenbergs in Tampa (automatische Übersetzung). Die Hervorhebungen im Text setzte Christian Müller.

Es ist schön, euch alle zu sehen. Und es ist toll, wieder hier zu sein. Denn ich habe das SOCOM (United States Special Operations Command) und den Luftwaffenstützpunkt MacDill bereits 2017 besucht. Und ich wurde instruiert, und heute wurde ich erneut instruiert, und es hat sich viel geändert. Und das zeigt, dass Sie in der Lage sind, sich an eine sich verändernde Welt anzupassen, und dass Sie berücksichtigen, dass wir heute anderen Bedrohungen und anderen Herausforderungen gegenüberstehen als 2017.

Wie bereits erwähnt, ist mein Besuch hier im SOCOM der Abschluss eines recht umfangreichen Besuchs in den Vereinigten Staaten. Wir haben am Samstag in Washington begonnen, wir haben uns mit der Regierung getroffen, aber auch viel Zeit auf dem Capitol Hill verbracht und uns mit beiden Parteien getroffen, mit Republikanern und Demokraten. Und gestern sind wir dann nach Alabama, nach Troy, gereist. Dort haben wir gesehen, wie dort einige der fortschrittlichsten und wichtigsten Waffen für dieses Bündnis hergestellt werden. Wir haben die Javelins gesehen, aber natürlich werden dort auch viele andere Arten von Waffen hergestellt. Und dann endet mein Besuch hier auf dem Luftwaffenstützpunkt MacDill und beim SOCOM.

Und deshalb möchte ich Ihnen zunächst für Ihren Dienst danken, für das, was Sie jeden Tag tun. Denn Sondereinsätze sind für jede militärische Operation von entscheidender Bedeutung und daher auch für das gesamte NATO-Bündnis so wichtig. Und Sie sind die Besten der Besten, Sie sind der Schlüssel zu so vielen Dingen, die wir als Bündnis und auch als einzelne Bündnispartner tun. Das Großartige hier ist, dass Sie natürlich die US-Spezialeinsatzkräfte und das Kommando haben, aber auch NATO-Verbündete und Partner, die mit ihnen zusammenarbeiten. Was Sie hier tun, ist also nicht nur für die USA wichtig, sondern für das gesamte Bündnis und für die Art und Weise, wie wir mit den Partnern in Europa, aber auch mit globalen Partnern in der ganzen Welt zusammenarbeiten.

Wie Sie wissen, sind Sie, die Spezialeinsatzkräfte, oft die Ersten, die kommen, und die Letzten, die gehen, und das bringt Sie oft in Gefahr. Lassen Sie mich daher auch all jenen Tribut zollen, die den höchsten Preis gezahlt haben, auch in jüngster Zeit. Deshalb müssen wir ihrer gedenken und all jenen unser Beileid aussprechen, die Angehörige verloren haben.

Die Realität ist, dass wir heute in einer gefährlicheren Welt leben als noch 2017, als ich das letzte Mal hier war. Denn seitdem haben wir eine zunehmende Rivalität zwischen Großmächten erlebt, nicht zuletzt mit China, in der Straße von Taiwan. Wir sehen eine anhaltende Bedrohung durch den Terrorismus, wir sehen Cyber-Bedrohungen. Aber dann haben wir einen neuen Krieg im Nahen Osten, und wir haben einen ausgewachsenen Krieg in Europa, in der Ukraine, den Angriffskrieg gegen die Ukraine.

All dies hat dazu geführt, dass die NATO die größte Anpassung, die größte Veränderung für unser Bündnis seit dem Ende des Kalten Krieges vorgenommen hat, indem sie mehr Streitkräfte in höhere Bereitschaft versetzt hat. Zum ersten Mal in unserer Geschichte haben wir im östlichen Teil des Bündnisses kampfbereite Truppen. Und die Bündnispartner investieren jetzt tatsächlich mehr in die Verteidigung. Wie Sie wissen, waren die Verteidigungsausgaben viele Jahre lang rückläufig, insbesondere in Europa. Und jetzt, in den letzten Jahren, haben alle Bündnispartner damit begonnen, ihre Verteidigungsinvestitionen zu erhöhen, und immer mehr Bündnispartner erfüllen die Vorgabe, mindestens 2 % des BIP für die Verteidigung auszugeben. Das bedeutet auch, dass die Alliierten mehr in Sondereinsätze investieren, und zwar in die nationalen Fähigkeiten, aber auch in die Zusammenarbeit mit den Partnern als Alliierte in der gesamten NATO. Und was hier geschieht, all die Aktivitäten, über die ich kurz vor unserer Ankunft in diesem Raum informiert wurde, spiegeln die zunehmende Bedeutung von Sondereinsätzen wider.

Die NATO reagiert darauf, weil wir das gemeinsam tun müssen. Die gute Nachricht ist, dass wir sehen, dass die NATO in einer Weise reagiert, die zeigt, dass die NATO das erfolgreichste und stärkste Bündnis der Geschichte ist. Und wir reagieren auch, indem wir die Ukraine unterstützen. Denn wir stehen vor vielen Herausforderungen, und eine der wichtigsten langfristigen Herausforderungen für die NATO ist China mit seinen umfangreichen Investitionen in neue moderne militärische Fähigkeiten und seinen Versuchen, auch Nachbarn zu zwingen und Nachbarn wie Taiwan zu bedrohen.

Aber die unmittelbarste Herausforderung, vor der wir stehen, ist natürlich der Krieg in der Ukraine. Und ich begrüße es, dass die NATO-Verbündeten und -Partner der Ukraine eine noch nie dagewesene Unterstützung gewähren. Sie sind ein Teil davon, und ich danke Ihnen dafür. Wir werden in der Ukraine auf die Probe gestellt. Denn wenn Präsident Putin in der Ukraine gewinnt, ist das nicht nur eine Tragödie für die Ukrainer, es macht auch die Welt gefährlicher und uns verwundbarer. Es liegt also in unserem nationalen Sicherheitsinteresse, die Ukraine zu unterstützen. Und ich bin der festen Überzeugung, dass das, was wir in der Ukraine tun, wichtig ist, nicht zuletzt deshalb, weil wir dort mit einem Bruchteil unseres Verteidigungsbudgets den russischen Kampffähigkeiten schwere Verluste beigebracht haben, ohne unsere eigenen Streitkräfte in Gefahr zu bringen. Und das zeigt, dass wir die Ukrainer weiterhin unterstützen sollten.

Natürlich haben wir alle auf größere Erfolge bei der Offensive gehofft, die die Ukrainer im vergangenen Jahr gestartet haben. Aber wir müssen uns daran erinnern, dass zu Beginn der Invasion durch Russland im Februar 2022 viele befürchteten, dass Russland innerhalb von Tagen die Kontrolle über Kiew und innerhalb von Wochen über den Rest der Ukraine übernehmen würde. Das ist nicht geschehen. Den Ukrainern ist es gelungen, die russischen Invasoren zurückzudrängen. Sie haben 50 % des anfangs von Russland besetzten Gebiets befreit. Und es ist ihnen gelungen, einen Korridor im Schwarzen Meer zu öffnen, was eine große Leistung ist, um die russische Schwarzmeerflotte zurückzudrängen. Und sie konnten den russischen Streitkräften schwere Verluste zufügen: mehr als 300.000 Tote, Tausende von zerstörten gepanzerten Fahrzeugen und Hunderte von Flugzeugen.

Wir müssen dies also berücksichtigen, denn es zeigt, dass die Unterstützung, die wir der Ukraine gewähren, sei es durch die Vereinigten Staaten oder andere NATO-Bündnispartner, auf dem Schlachtfeld, vor Ort, Tag für Tag, tatsächlich einen Unterschied macht. Ich sage dies, weil meine wichtigste Botschaft während dieses Besuchs lautete, dass wir nicht nachlassen, sondern vielmehr noch mehr tun sollten, um sicherzustellen, dass die Ukraine die erforderliche Unterstützung erhält. Wir haben die Kapazitäten, wir haben die Fähigkeiten, was wir brauchen, ist der politische Wille, um sicherzustellen, dass wir die Unterstützung leisten, die sie brauchen, um unsere Werte zu schützen und die Welt sicherer zu machen, als wenn wir Präsident Putin gewinnen lassen.

Dies ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil das, was in der Ukraine geschieht, von autoritären Führern in der ganzen Welt genau beobachtet wird: im Iran, in Nordkorea, aber nicht zuletzt in Peking. Peking beobachtet die Ukraine. Und wir wissen, dass das, was heute in der Ukraine und in Europa passiert, morgen in Asien und Taiwan passieren kann. Das ist also alles miteinander verknüpft. Das ist der Grund, warum dies für die NATO so wichtig ist.

Lassen Sie mich diese sehr kurze Einführung mit dem Hinweis beenden, dass ich in die Vereinigten Staaten zurückkehren werde, nicht unbedingt zur MacDill Air Force Base, aber ich werde zumindest im Juli in die Vereinigten Staaten zurückkehren, wenn Sie den NATO-Gipfel mit allen Staats- und Regierungschefs abhalten werden, die hierher kommen, um das 75-jährige Bestehen der NATO zu feiern. Auf diesem Gipfel werden wir das Bündnis feiern, aber auch wichtige Entscheidungen über Abschreckung und Verteidigung, über die Zusammenarbeit mit unseren Partnern im asiatisch-pazifischen Raum und auch über die Ukraine treffen.

Vor allem aber werden wir die Einigkeit von 31 und bald 32 Bündnispartnern demonstrieren. Sie haben Montenegro, Nordmazedonien und Finnland erwähnt, das ist absolut richtig. Aber dann werden wir sehr bald Schweden als 32. Alliierten haben. Wir werden also demonstrieren, wir werden die Einigkeit feiern. Die NATO ist das erfolgreichste Bündnis der Geschichte, weil wir in der Lage waren, uns zu verändern; die Welt verändert sich. Aber auch, weil es uns gelungen ist, trotz aller Unterschiede zusammenzustehen. Wir sind 31, bald 32 Bündnispartner von beiden Seiten des Atlantiks, mit einer unterschiedlichen Geschichte, einer unterschiedlichen Kultur, unterschiedlichen politischen Parteien an der Macht, aber wir waren immer in der Lage, uns auf unsere Kernaufgabe zu einigen, nämlich uns gegenseitig zu schützen und zu verteidigen.

Und der Zweck der NATO ist es, durch glaubwürdige Abschreckung den Frieden zu erhalten, indem wir zusammenstehen. Solange wir also weiterhin jedem potenziellen Gegner glaubhaft vermitteln, dass ein Angriff auf einen Bündnispartner die Reaktion des gesamten Bündnisses nach sich ziehen wird, sind wir sicherer und stärker, als wenn wir versuchen, dies allein zu tun.

Die NATO ist also ein gutes Geschäft für alle Bündnispartner. Die NATO ist wichtig für Europa. Aber die NATO ist auch für die Vereinigten Staaten von Bedeutung, vor allem, weil die Vereinigten Staaten sich jetzt mehr Sorgen um China machen: die Größe ihrer Wirtschaft, die hohen Investitionen in neue militärische Fähigkeiten und Technologien. Die Vereinigten Staaten sind bei weitem der größte Verbündete. Gleichzeitig müssen wir wissen, dass die Vereinigten Staaten 25 %, also ein Viertel, der Weltwirtschaft, des weltweiten BIP, repräsentieren. Zusammen mit 31 NATO-Bündnispartnern repräsentieren wir 50 % des weltweiten BIP und 50 % der weltweiten Militärmacht. Die NATO ist also ein gutes Geschäft für die Vereinigten Staaten. Die NATO macht auch die Vereinigten Staaten stärker und sicherer. In der NATO stehen wir also zusammen, denn sie nützt uns allen, und das werden wir auf dem NATO-Gipfel im Juli feiern. Ich danke Ihnen vielmals und bin bereit, einige Fragen zu beantworten.

Zum englischen Original der Rede.

Anmerkung von Christian Müller: Den Satz «Die NATO ist ein gutes Geschäft für die Vereinigten Staaten.» („So NATO is a good deal for the United States.“) und die beiden Sätze «Und ich bin der festen Überzeugung, dass das, was wir in der Ukraine tun, wichtig ist, nicht zuletzt deshalb, weil wir dort mit einem Bruchteil unseres Verteidigungsbudgets den russischen Kampffähigkeiten schwere Verluste beigebracht haben, ohne unsere eigenen Streitkräfte in Gefahr zu bringen. Und das zeigt, dass wir die Ukrainer weiterhin unterstützen sollten.» muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Nicht nur bestätigt der NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg dabei, dass die NATO in der Ukraine auch militärisch mitmischt, er ist auch noch stolz darauf, Russland schädigen zu können, ohne dabei eigene Soldaten gefährden oder gar verlieren zu müssen. Was sind denn schon die ukrainischen Menschenleben wert, die da zu Tausenden geopfert werden, nur um die Vorherrschaft der USA in der Welt zu stärken und Russland zu schwächen?

Erstveröffentlich auf GlobalBridge
https://globalbridge.ch/die-groessten-nato-manoever-seit-jahrzehnten-haben-begonnen-als-demonstration/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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