Schlimmer oder schlimmer

In Sachsen-Anhalt steht Die Linke vor einem kaum zu lösenden Dilemma: Sie will die AfD verhindern, darf die Sparpolitik der Union aber nicht mittragen.

Von RAUL ZELIK

Nach der Landtagswahl am 6. September in Sachsen-Anhalt zeichnen sich zwei Szenarien ab, von denen man nicht recht weiß, welches schlimmer wäre: Scheitern die kleineren Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde, könnte es der AfD für eine absolute Mehrheit reichen. Mit der ersten rechtsextremen Landesregierung würde die faschistische Eroberung des Staates zwar nicht beginnen – in den sogenannten Sicherheitsapparaten treiben Gestalten wie Ex-Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen schon lange ihr Unwesen. Doch unter AfD-Führung würde sich die Entwicklung zweifelsohne beschleunigen.

Reicht es hingegen – zweites Szenario – für die AfD knapp nicht, wird Die Linke wohl einen CDU-Ministerpräsidenten ins Amt wählen. Trotz gegenteiliger Versicherungen: Aus progressiver Sicht wäre eine linke Unterstützung der Austeritätspolitik kaum weniger verheerend als eine AfD-Landesregierung. Denn wenn sich Die Linke in den neoliberalen Allparteien-Konsens einreiht, erscheint die herrschende Politik endgültig als alternativlos. Auch unter Führung der Union würde die rechte Transformation des Staates vorangetrieben werden, während sich die AfD weiter als »Systemopposition« gebärden könnte. Linke Gegenbewegungen würden ausbleiben, weil alle Angst hätten, es könnte unter der AfD alles noch schlimmer werden.

In der Linken gibt es bislang erstaunlich wenig Auseinandersetzung mit diesem Dilemma. Zwar ist allen in der Partei bewusst, dass sie ihr Comeback Anfang 2025 der Profilierung als antifaschistischer Gegenpol verdankte. Doch große Unklarheit besteht darüber, was das im Einzelnen bedeutet und wie diese Rolle ausgefüllt werden sollte.

Vom wirtschaftlichen »Survival of the Fittest« zur faschistischen Politik ist es letztlich nur ein kleiner Schritt.

Bestünde die rechte Gefahr in erster Linie in der AfD, dann müsste Die Linke wohl tatsächlich mit den »Parteien der Mitte« den Status quo verteidigen – inklusive Sozialkürzungen und Aufrüstung. Doch was ist, wenn die AfD gar nicht Ursache, sondern nur Symptom des erstarkenden Faschismus ist? Wenn die Entwicklung weniger von Wählerbewegungen als von der kapitalistischen Krise selbst getragen wird? Wenn sich Rassismus, Menschenverachtung und Kriegsvorbereitungen deshalb global ausbreiten, weil die »freie Marktwirtschaft« an ökologische und soziale Grenzen gestoßen ist und wirtschaftliches Wachstum jetzt immer stärker auf Kosten anderer erfolgen muss?

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Niemand sollte unterschätzen, wie gefährlich eine AfD-Regierung wäre. Dass sich selbst die dümmsten Rechtsextremen beim Regieren nicht »selbst entzaubern«, wie manche hoffen, lässt sich überall in Europa beobachten. Trotzdem ist eben auch die Beobachtung wahr, dass das Problem weit über die AfD hinausgeht.

Dabei ist es längst nicht nur so, dass die neoliberale Sparpolitik die Wähler*innen nach rechts treibt. Auch die Mitte-Parteien machen sich immer stärker Positionen zu eigen, die als Kernmerkmale eines rechten Projekts gelten müssen: Deutschland soll in die Lage versetzt werden, seine Interessen – Stichwort Ressourcen – militärisch durchzusetzen. Gegen Armut und Verelendung bringt man die Polizei zum Einsatz. In Schulen und Ausbildungseinrichtungen sollen die Menschen »fit für den Wettbewerb gemacht werden«. Und für diejenigen, die dabei scheitern, gibt es kein Mitgefühl, sondern Verachtung und Zwangsmaßnahmen.

Woran liegt es, dass die rechte Agenda global auf dem Vormarsch ist? Nun, nicht zuletzt daran, dass es vom wirtschaftlichen »Survival of the Fittest« zur faschistischen Politik nur ein kleiner Schritt ist. Ein Antifaschismus, der erfolgreich sein will, sollte sich weniger mit der AfD und mehr mit dem Wirtschaftssystem beschäftigen, das die Politik der Entmenschlichung produziert.

Gewiss: Die sachsen-anhaltische Linke behauptet, dass sie einer unionsgeführten Landesregierung Kompromisse abringen würde. Doch der Fall Sachsen – wo eine schwarz-rote Koalition ihren Haushalt mit linken Stimmen verabschiedete – lässt daran Zweifel aufkommen. Wenn sich Die Linke in Sachsen-Anhalt in eine formale oder informelle Allparteienkoalition »der Mitte« einreiht, wird sie dem Antifaschismus einen Bärendienst erweisen. Die AfD wäre dann zwar noch einmal verhindert, könnte in der Folge aber erst recht die anderen Parteien vor sich hertreiben. Will Die Linke den Faschismus stoppen, darf sie der AfD das Feld der Systemopposition nicht überlassen.

Erstveröffentlicht im nd v. 6.8. 2026
Die Linke vor einem Dilemma

Wir danken für das Publikationsrecht.

100 Prozent Erneuerbar – geht das?

100 Prozent erneuerbare Energie rund um die Uhr: das ist technisch machbar, gut fürs Klima, sichert die Energieversorgung, schafft Arbeitsplätze, stärkt die Wirtschaft und kostet relativ wenig. Für die Investitionen brauchen wir aber den politischen Willen.

Titelphoto: Screenshot Tagesschau

Von Dr. HAUKE DOERK

Mit einem klimaneutralen Energiesystem aus der Krise

Bereits heute liegt der Anteil erneuerbarer Energie im Strommix bei rund 60 Prozent. Doch Wind- und Solaranlagen produzieren nicht zu jeder Zeit gleich viel Strom. Wie kann also eine vollständig erneuerbare Energieversorgung trotzdem funktionieren?
Eine neue Studie des Fraunhofer ISE zeigt auf, wie das klimaneutrale Energiesystem im Jahr 2045 aussehen kann. Die Studie modelliert im Detail eine kosteneffektive Transformation und berücksichtigt reale Wetterdaten einschließlich extremer Wetterjahre. Im Ergebnis ist das Zusammenspiel verschiedener Technologien und Flexibilitätsoptionen entscheidend:

  • Energie speichern: Überschüssiger Strom wird in Batterien gespeichert oder zur Herstellung von Wasserstoff genutzt und steht damit später zur Verfügung.
  • Strom europaweit austauschen: Überschüsse und Engpässe werden über das europäische Stromnetz regional ausgeglichen. Dadurch müssen insgesamt weniger Erzeugungskapazitäten aufgebaut werden.
  • Strom flexibel nutzen: Wärmepumpen oder Power-to-Gas-Anlagen können verstärkt dann betrieben werden, wenn viel erneuerbarer Strom zur Verfügung steht. Wärmespeicher helfen dabei, Erzeugung und Verbrauch zeitlich zu entkoppeln.
  • Klimaneutrale Energieträger nutzen: Klimaneutrale Gase und synthetische Energieträger ergänzen das System. Ein Teil davon kann auch importiert werden.

Ein abgestimmtes Zusammenspiel aus flexiblem Verbrauch, Verteilung sowie Speicherung von Überschüssen und Importen klimaneutraler Energieträger sorgt also dafür, dass Backup-Kapazitäten aufgebaut werden. So ist die Energieversorgung auch trotz Schwankungen in der Stromproduktion aus Sonne und Wind zu jeder Zeit gesichert – auch in einer sogenannten „kalten Dunkelflaute“.

100 Prozent erneuerbar: Was muss sich ändern?

Damit das funktioniert, muss Deutschland seine Erneuerbaren Energien erheblich ausbauen. Laut Fraunhofer ISE werden bis 2045 rund 300 Gigawatt Windkraft und 470 Gigawatt Photovoltaik benötigt. Gleichzeitig müssen Stromnetze ausgebaut und digitalisiert, Speicher geschaffen Energieeffizienz vorangebracht und eine leistungsfähige Wasserstoffinfrastruktur aufgebaut werden. Auch der Energieverbrauch muss flexibler werden.

Mit der Elektrifizierung von Verkehr und Wärme wächst zudem der Strombedarf deutlich: Die Versorgung ist dabei sichergestellt, wenn rechtzeitig in die erforderliche Infrastruktur investiert und die nötigen regulatorischen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Weniger Energieimporte, mehr Krisensicherheit

Ein vollständig erneuerbares Energiesystem macht Deutschland nicht nur klimaneutral, sondern auch unabhängiger von Energieimporten: Laut der aktuellen Fraunhofer ISE Studie lässt sich die Abhängigkeit von importierten Energieträgern um rund 80 Prozent reduzieren. Statt Kohle, Öl und Gas aus dem Ausland zu beziehen, wird ein deutlich größerer Teil der benötigten Energie mit Wind- und Solaranlagen im eigenen Land erzeugt. Der Vergleich verschiedener Szenarien zeigt, dass wir umso weniger abhängig von Energieimporten werden können, je stärker wir auf einen sparsamen Umgang mit Energie (also auf Effizienz und Suffizienz) setzen.

Das stärkt auch die Krisensicherheit. Wie wichtig eine geringere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist, zeigt sich aktuell: Infolge des Irankrieges stiegen die Gaspreise Anfang 2026 stark an. Der Strompreis blieb dagegen weitgehend stabil, weil der Anteil der Erneuerbaren im Strommix bereits jetzt bei rund 60 Prozent liegt. Damit ist die Stromversorgung weniger abhängig von Preissprüngen bei fossilen Energieträgern.

Gleichzeitig bleibt ein größerer Teil der Wertschöpfung im Land. Der Ausbau erneuerbarer Energien, der Stromnetze und Speicher schafft Arbeitsplätze und stärkt insbesondere die regionale Wirtschaft.

Klimaneutralität ist bezahlbar

Der Umbau des Energiesystems erfordert natürlich Investitionen. Mit rund 1,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes pro Jahr kostet die Transformation dabei aber relativ wenig. Und die Investitionen lohnen sich: Das Fraunhofer ISE beziffert die Kosten für die Vermeidung einer Tonne CO₂ mit rund 210 Euro. Das Umweltbundesamt veranschlagt die gesellschaftlichen Kosten einer zusätzlich ausgestoßenen Tonne Treibhausgas dagegen mit bis zu 800 Euro, wenn die Wohlfahrt heutiger und zukünftiger Generationen gleich gewichtet wird. Klimaschutz rechnet sich also auch volkswirtschaftlich.

Es kommt auf den politischen Gestaltungswillen an

An technischen oder wirtschaftlichen Gründen wird die Energiewende also nicht scheitern. Laut den Autoren der Studie ist entscheidend, „ob die erforderlichen Investitionen in erneuerbare Energien, Netzinfrastruktur, Speichertechnologien und Wasserstoffwirtschaft zeitgerecht mobilisiert werden und ob der regulatorische Rahmen die Flexibilisierung des Systems konsequent fördert. Die Frage der Klimaneutralität 2045 ist damit letztlich keine Frage der Machbarkeit – sie ist eine Frage des politischen Gestaltungswillens, zukunftsorientierten Unternehmensentscheidungen und der gesellschaftlichen Bereitschaft zum systemischen Wandel.“

Für diesen Gestaltungswillen setzen wir uns als Teil der Umweltbewegung ein – und werden es weiterhin tun.

Zur Fraunhofer-ISE-Studie „Kostenoptimale Transformation des deutschen Energiesystems bis 2045“

Erstveröffentlicht beim Umwewltinstitut München e.v.: Energie und Klima

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Die Hand des Höcke

Thüringer AfD-Chef macht BSW-Gründerin Angebot. Parteispitze erkennt PR-Manöver und Tübinger Studie den Klassencharakter der Rechtsaußenpartei

Von Kristian Stemmler

Die Einlassungen der konkurrierenden Parteien vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern treiben immer seltsamere Blüten. Am Mittwoch abend hat der AfD-Flügelmann Björn Höcke, Landes- und Fraktionsvorsitzender in Thüringen, auf X ein zweiminütiges Video veröffentlicht, in dem er die BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht auffordert, in Thüringen »staatspolitische Verantwortung« zu übernehmen. »Werden Sie Ministerpräsidentin«, rief Höcke auf. »Ich reiche Ihnen die Hand. Lassen Sie uns ein neues Kapitel in der Parteiengeschichte der Bundesrepublik Deutschland aufschlagen.«

Wagenknecht habe recht mit ihrer Äußerung, wonach die »Brandmauer«-Politik gescheitert sei, heißt es in dem Video. In Thüringen unterstütze ihre Partei aber den Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU), »ein Mann, der wirklich jede Glaubwürdigkeit« verloren habe, kritisierte Höcke. Wagenknecht kommentiere »durchaus des öfteren klug das Zeitgeschehen«. Sie rede »viel von der Seitenlinie« und solle jetzt zeigen, dass das BSW in Thüringen keine »Kartellpartei« sei.

Die BSW-Gründerin würdigte Höcke zunächst keiner öffentlichen Antwort, um am Donnerstag schließlich gegenüber AFP dessen Hand auszuschlagen und ihn statt dessen zu einem TV-Duell herauszufordern. Dieses solle »auf neutralem Boden und mit einem unparteiischen Moderator« veranstaltet werden. So könnten »Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen BSW und AfD« klar werden. Zuvor hatte BSW-Vorstandsmitglied Klaus Ernst gegenüber der Augsburger Allgemeinen den Vorschlag des Thüringers als »absoluten Quatsch« und »billigen PR-Gag« abgelehnt. Seit Gründung habe das BSW eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen, »insbesondere eine gemeinsame Regierung«. Ernst nannte die AfD eine »in Teilen faschistische und rechtsradikale Partei«. Derzeit regiert das BSW in Thüringen mit der CDU und der SPD in einer »Brombeerkoalition«.

Unangenehmer als Höckes Provokation dürfte für Wagenknecht sowie für die BSW-Kovorsitzenden Fabio De Masi und Amira Mohamed Ali der innerparteiliche Widerstand gegen eine Öffnung zur AfD sein. »Mit ihrem gefährlichen Kurs überschreiten Wagenknecht, de Masi und Mohamed Ali ohne jede innerparteiliche Diskussion und Willensbildung Grenzen, die ich nicht länger bereit bin zu tolerieren«, kritisierte der Thüringer BSW-Minister ­Steffen Schütz. Das Verhältnis zwischen der BSW-Bundesspitze und dem Thüringer Landesverband gilt als angespannt.

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Schütz bezog sich auf den Vorstoß von Wagenknecht, die vor einigen Tagen für einen »überparteilichen« Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt plädiert hatte, der faktisch mit einer Mehrheit aus AfD und BSW regieren könnte. Am Mittwoch bekräftigte sie gegenüber Bild ihren Vorschlag. Sollten die anderen Parteien diesen ablehnen, werde das BSW sich im dritten Wahlgang enthalten. Damit würde für die AfD und deren Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund eine relative Mehrheit ausreichen, um die Regierung zu stellen.

Zumindest dem Klassencharakter der AfD kommen bürgerliche Institutionen nun offenbar langsam auf die Spur. So hat eine Studie der Universität Tübingen im Auftrag des ARD-Magazins »Panorama« laut den am Donnerstag veröffentlichten Ergebnissen ergeben, dass die Rechtsaußenpartei zwar von vielen Arbeiterinnen und Arbeitern gewählt worden war, aber am marktliberalen Kurs ihrer Gründungszeit festhält – und diesen sogar noch verschärft hat. Die Tübinger bestätigen: Die AfD verfolgt eine Politik, die den Interessen der Arbeiterschaft diametral widerspricht.

Der Politikwissenschaftler Floris Biskamp analysierte dafür das Grundsatzprogramm sowie sämtliche Bundestags- und EU-Wahlprogramme der AfD seit 2013. Die Ergebnisse prüfte er mit weiteren Methoden, etwa quantitativen Programmanalysen und einer Auswertung der Antworten der Parteien auf Fragen des sogenannten Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung. Die Partei befinde sich seit ihrer Gründung deutlich am marktliberalen Ende des Spektrums und damit ungefähr zwischen Union und FDP.

Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte sie der Auswertung zufolge einen Wert von 92 Prozent. Nur die FDP lag mit 100 Prozent noch weiter am marktradikalen Pol. CDU/CSU kamen auf 79 Prozent, das BSW auf 29, SPD und Grüne auf jeweils 25 und Die Linke auf acht Prozent. Dennoch verfolge die AfD, so Biskamp, die Strategie, die »kleinen Leute« in den Blick zu nehmen. Dafür sei aber weniger die Programmatik als das Image verändert worden.

Erstveröffentlicht in der jungen Welt v. 14.8. 2026
Die Hand des Höcke

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