„Dankbar für die Fürsorge der Partei“

Die Gigworker im Allgemeinen und die Riders im Speziellen bleiben ein Unruheherd, der von der Regierung untersucht wird und die Partei zu Reaktionen zwingt. Man versucht sich einen Überblick zu verschaffen über die weltweit größten Sektor der Plattformarbeit. Chinas Gigworker werden zur neuen Normalität, aber der „unvermeidliche Trend“ bringt Probleme mit sich.

Von Karsten /Arbeitswelten Deutschland China

In China gibt es rund 200 Millionen Gigworker, die ihren Lebensunterhalt mit verschiedenen temporären Jobs bestreiten, denen jedoch die Sicherheit eines traditionellen Beschäftigungsverhältnisses fehlt

(…) In China gehören Freiberufler, Essenslieferanten, Livestreaming- Anbieter und Ride-Hailing-Fahrer [UBER-Prinzip] zu den häufigsten Formen von Gigworkern.

Die Zahl der Gigworker lag in den letzten drei Jahren bei rund 200 Millionen, was etwa 23 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung Chinas entspricht, so das Nationale Amt für Statistik. Da die Unternehmen im Zuge des holprigen Aufschwungs nach der Pandemie Stellen abbauen und jedes Jahr eine Rekordzahl neuer Hochschulabsolventen auf den Arbeitsmarkt drängt, fördern die Behörden zunehmend die Gig-Arbeit, um die Beschäftigung zu stärken, die Peking als Grundlage für soziale Stabilität und Verbrauchervertrauen betrachtet. (…)

„Flexible Beschäftigung gibt es jetzt in jeder Branche und in jedem Bereich, sie ist zu einer neuen Normalität auf dem Arbeitsmarkt geworden … sie hat eine Rolle als ’neuer Motor‘ für die Beschäftigung gespielt“, sagte Bao Chunlei, ein Forscher der staatlich unterstützten Chinesischen Akademie für Arbeit und soziale Sicherheit, in einem Artikel vom April.

Nach Angaben der führenden Personalvermittlungsagentur Zhaopin vom Mai entschieden sich 19,1 Prozent der Hochschulabsolventen im Jahr 2024 für eine „langsame Beschäftigung“, während 13,7 Prozent sich für eine „flexible Beschäftigung“ entschieden. „Langsame Beschäftigung“ ist ein beliebter Ausdruck für das Verbleiben in der Arbeitslosigkeit oder die Fortsetzung eines Studiums. (…)

Der Trend wächst vor dem Hintergrund einer sich ausweitenden Gig-Economy auf der ganzen Welt. (…)

„Studenten achten zunehmend auf flexible Arbeitsverhältnisse und bevorzugen diese, was sich zu einem wichtigen sozialen Phänomen entwickelt hat, dem wir uns stellen müssen“, heißt es. (…)

Der Zustrom von Arbeitslosen hat jedoch zu einem Überschuss in der Ride-Hailing-Branche und zu einem Rückgang des Verdienstes der Fahrer geführt.(…)

SCMP 9.7.2024


Xi Jinping hat dieses Thema zur Chefsache gemacht.  Die Partei hat eine Aufsichtsbehörde geschaffen und einen 17 Punkte Plan aufgestellt. Parteimitglieder unter den Plattform-Zustellern sollen in die Überwachung der Branche eingebunden werden.

Partei reagiert auf Ridersproteste

China steht zu den Lieferfahrern: 17-Punkte-Plan zielt darauf ab, die Reichweite der Kommunistischen Partei zu erhöhen

Neue Richtlinien für das Wohlergehen von Gig-Arbeitern beinhalten einen Plan für „Teilzeit-Sozialaufseher“, da die Kommunistische Partei eine engere Kontrolle der Gesellschaft anstrebt

China hat einen detaillierten Plan vorgestellt, um die Reichweite der Kommunistischen Partei unter den zig Millionen Lieferfahrern im Land zu erhöhen, als Teil einer fortlaufenden Kampagne, um die Attraktivität der Partei an der Basis zu erhöhen.

Ziel ist es, sicherzustellen, dass die Zusteller „dankbar für die Fürsorge der Partei“ sind und ihrer Führung folgen, so die Staatliche Verwaltung für Marktregulierung (SAMR), die diese Woche auf ihrem offiziellen WeChat-Account einen 17 Punkte umfassenden Leitfaden veröffentlichte.

Die Fahrer sollten auch dazu angeregt werden, Probleme an der Basis zu melden, heißt es in der Prioritätenliste. Die mächtige Aufsichtsbehörde wurde 2018 nach umfassenden Umstrukturierungen und Fusionen in der Verwaltung eingerichtet, um eine stärkere Marktaufsicht sowie Antimonopol- und Sozialmanagementarbeit mit Blick auf das Allgemeinwohl zu leisten.

In ihrem Bestreben, die chinesische Gesellschaft insgesamt stärker zu kontrollieren, hat sich die Partei in den letzten Jahren zunehmend auf Gigworker konzentriert, z. B. auf Moderatoren von Livestreaming- und Kurzvideoplattformen, Internetautoren und jetzt auch auf Zustelldienste.
Diejenigen, die für Online-Lieferplattformen arbeiten, sind praktisch Allwetter-Freelancer, die nicht durch traditionelle Arbeitsverträge geschützt sind. Sie sind mit sinkenden Löhnen und längeren Arbeitszeiten konfrontiert, während die chinesische Wirtschaft mit Herausforderungen von innen und außen konfrontiert ist.

Der SAMR erkannte die Zusteller als „neuen und wichtigen Teil“ der chinesischen Beschäftigungslandschaft an und verpflichtete sich, die Arbeit zum Aufbau der Partei unter ihnen zu verdoppeln, um „ihr Gefühl der Erfüllung, des Glücks und der Sicherheit zu stärken“.

„Wir müssen die ideologische und politische Arbeit gründlich und detailliert durchführen, die Lösung ideologischer Probleme mit der Lösung praktischer Probleme verbinden und die Online-Lieferarbeiter anleiten, ‚für die Fürsorge der Partei dankbar zu sein, auf die Befehle der Partei zu hören und der Führung der Partei zu folgen'“, heißt es im ersten Punkt des am Dienstag veröffentlichten Memos, das sich auf einen Slogan bezieht, der häufig in den Reden von Präsident Xi Jinping auftaucht.

Der Slogan wurde erstmals von Xi in einer Rede im Februar 2021 verwendet, um den Erfolg von Chinas Armutsbekämpfungskampagne zu feiern, und wurde seitdem häufig in offiziellen Erklärungen von Partei- und Staatsbehörden verwendet.

Parteimitglieder unter den Online-Zustellern mit starkem Verantwortungsbewusstsein würden als „Teilzeit-Sozialaufseher“ eingestellt, hieß es in der SAMR-Mitteilung.

(…)

Unter der Aufsicht der örtlichen Abteilung für Parteiorganisation und der neu gegründeten Abteilung für Sozialarbeit sollten die Behörden damit beginnen, Parteimitglieder unter den Zustellern ausfindig zu machen, um „je nach den Umständen“ mobile Parteizellen und Zweigstellen einzurichten.
Peking hat im März letzten Jahres eine Abteilung für Sozialarbeit eingerichtet, die dem Zentralkomitee unterstellt ist, um die Kontrolle über nicht-öffentliche Bereiche und Basisorganisationen zu verstärken.

(…)

Die Handelskonflikte mit dem Westen und das ungleichmäßige Wachstum nach dem Ende des Kalten Krieges haben es China schwer gemacht, genügend Arbeitsplätze zu schaffen, insbesondere für junge Menschen, die gerade erst ins Berufsleben eintreten.

(…)

Immer mehr Arbeitnehmer haben keine andere Wahl, als sich in der Gig-Economy zu engagieren, obwohl der Markt zunehmend gesättigt ist und einen schlechten Arbeitsschutz bietet. (…)

scmp 14.6.2024

Es ging wohl weniger um  „eine stärkere Marktaufsicht sowie Antimonopol- und Sozialmanagementarbeit mit Blick auf das Allgemeinwohl“,  denn um die Überwachung der Beschäftigten  durch Parteimitglieder unter den Zustellern als „Teilzeit-Sozialaufseher“.  Der Erfolg des 17 Punkte Programms hält sich in Grenzen, die Spannungen und die Unruhe in der Branche sind geblieben.

Nur selten findet man so detaillierte Innenansichten v0n Arbeitskämpfen, wie im folgenden Bericht:

Neue Taktiken der Plattform-Arbeiter

In den letzten Jahren sind aufgrund von Fabrikschließungen im verarbeitenden Gewerbe und massiven Entlassungen in Sektoren wie IT und Immobilien immer mehr Arbeitnehmer in die Plattformsektorengewechselt. Im Jahr 2018 gab es 2,7 Millionen Zusteller auf Meituan, Chinas größter Plattform für Lebensmittellieferungen, und im Jahr 2023 wird diese Zahl auf mehr als sieben Millionen ansteigen. Der gleiche Trend gilt auch für Rideshare-Fahrer. Es gab also einen beträchtlichen Zustrom von Plattformarbeitern, aber der Kundenstamm schrumpft im Zuge des wirtschaftlichen Abschwungs. Es ist anzunehmen, dass Chinas Plattformsektoren im Jahr 2023 eine „Sättigung“ erreicht haben.

Einige Beobachter haben argumentiert, dass Plattformarbeiter im Vergleich zu Fabrikarbeitern größere Hindernisse bei der kollektiven Organisierung haben. (…) Im Jahr 2023 kam es jedoch trotz dieser Herausforderungen zu sporadischen Kämpfen von Plattformarbeitern(…). Im Oktober protestierten etwa 50 Arbeiter im Kreis Qing’an in der Provinz Heilongjiang gegen Meituan. Im August streikten die Meituan-Beschäftigten in der Stadt Qionghai in der Provinz Hainan. Im April streikten Hunderte von Meituans Essenslieferanten in der Stadt Shanwei, Provinz Guangdong, mehr als eine Woche lang und erregten damit nationale und internationale Aufmerksamkeit.

Der Streik der Essenslieferanten in Shanwei ist es wert, genauer betrachtet zu werden, da es sich um einen der längsten und bekanntesten Streiks der Gig-Arbeiter in den letzten Jahren handelt. Die Gesamtzahl der Beschäftigten von Meituans Essenslieferdiensten in Shanwei lag zwischen 800 und 1.000. Anfang April 2023 strich die lokale Meituan-Geschäftsführung eine Reihe von Zulagen für die Arbeiter und senkte die Preise pro Bestellungseinheit. Daraufhin begannen Offline-Gespräche unter den Meituan-Beschäftigten in ihren Stationen und Teams, um zu diskutieren, wie sie sich wehren könnten.

Einige Arbeiter schlugen vor, in den Streik zu treten, da es vor einigen Jahren einen erfolgreichen Präzedenzfall gab. Sie richteten eine WeChat-Gruppe ein und baten ihre Teamkollegen, der Gruppe beizutreten, um ihr Interesse an einem Streik zu bekunden. Durch Verwandtschafts- und Freundschaftsnetzwerke fügten die Arbeiter auch Kollegen aus anderen Teams und Stationen hinzu, die dann die Nachricht unter ihren Kollegen verbreiteten. Die Cuiyuan-Straße war das belebteste Geschäftsviertel von Shanwei, und viele Zusteller warteten darauf, ihre Bestellungen abzuholen. Während sie dort warteten, sprachen die Arbeiter mit ihren Kollegen über den möglichen Streik und luden sie ein, der WeChat-Gruppe beizutreten. Innerhalb weniger Tage wuchs die WeChat-Gruppe auf Hunderte von Beschäftigten an. Bis Mitte April war eine Offline-Organisation von Mensch zu Mensch passiert, obwohl niemand etwas in der WeChat-Gruppe gesagt hatte.

In Offline-Gesprächen beschlossen die Beschäftigten, bei Regen zu streiken. Der Grund dafür war, dass Meituan bei Regen in der Regel ein größeres Auftragsvolumen erhält, so dass ein Streik dann Meituan am stärksten treffen würde. Dies wurde unter den Arbeitern offline über die Netzwerke ihrer Teamkollegen und die Verwandtschafts- und Freundschaftsnetzwerke der Teams ungleichmäßig kommuniziert.

Am 19. April regnete es. Die Beschäftigten posteten Nachrichten wie „Es regnet jetzt, ich nehme keine Bestellungen mehr an“ in der WeChat-Gruppe. Dutzende dieser Nachrichten überfluteten die Gruppe, so dass jeder wusste, dass der Streik begonnen hatte. Auch Beschäftigte, die nicht in der WeChat-Gruppe waren, erfuhren, dass gestreikt wurde, weil ihnen eine unmögliche Anzahl von Aufträgen zugeteilt wurde, während sich immer mehr Beschäftigte abmeldeten. Viele von ihnen legten die Arbeit nieder, weil es unmöglich war, diese Aufträge zu erledigen. Einige Arbeiter schätzten, dass am Ende des ersten Tages 70 Prozent der Meituan-Beschäftigten in Shanwei im Streik waren.

In der Nacht des zweiten Tages schickte Meituan Hunderte von Arbeitern aus den umliegenden Regionen nach Shanwei, um den Streik zu brechen. Diese Streikbrecher erhielten eine Grundvergütung von 200 Yuan pro Tag und einen fast dreimal so hohen Stücklohn wie die Arbeiter in Shanwei. Dies verärgerte die lokalen Arbeiter in Shanwei zusätzlich. Die Arbeiter schätzten, dass ab dem dritten Tag nur noch 30 der loyalsten lokalen Arbeiter nicht streikten. Alle anderen streikten. Die Streikbrecher leisteten schlechte Arbeit, um den Betrieb von Meituan am Laufen zu halten. Sie kannten die geografischen Feinheiten von Shanwei nicht und lieferten die Aufträge nur sehr langsam aus. Viele fühlten sich bald erschöpft und zogen es vor, nur den Grundlohn zu erhalten und ihren Tag mit Videospielen in Internetcafés zu verbringen.

Dann begannen Nachbarschaftsausschüsse und die Polizei, die örtlichen Arbeiter anzurufen und sie zur Rückkehr an die Arbeit zu drängen. Ein Arbeiter sagte, er habe einen Anruf von der Polizei erhalten, dem Druck nachgegeben und beschlossen, zur Arbeit zurückzukehren. Seine Teamkollegen fanden jedoch bald über ihre Meituan-App heraus, dass dieser Arbeiter in der Rangliste zum „Besten“ gekürt worden war und daher wohl Streikbrecher gewesen sein musste. Der Arbeiter wurde daraufhin von seinem Onkel, einem Arbeiter desselben Teams, der aktiv Streiks organisierte, beschimpft. Er wurde auch von den anderen Kollegen beschimpft. Der Arbeiter streikte daraufhin erneut.

In diesem Fall neutralisierte der Gruppendruck unter den Kollegen den Druck der staatlichen Behörden. Nach Beginn des Streiks wurde die WeChat-Gruppe zu einem lebendigen Ort, an dem die Beschäftigten die nächsten Schritte diskutierten. Die Beschäftigten beschlossen, keine Vertreter zu wählen, um mit der Unternehmensleitung zu verhandeln, da sie befürchteten, dass die Vertreter Vergeltungsmaßnahmen ergreifen würden. Stattdessen übermittelten die Teamleiter die Forderungen der Beschäftigten an die Geschäftsführung. Am achten Tag lenkte die Geschäftsleitung ein, setzte alle Zulagen wieder ein und stellte die Einheitstarife auf das vorherige Niveau zurück.

Während des Streiks formulierten die Streikenden jedoch eine ehrgeizigere und egalitärere Forderung, nämlich die Abschaffung aller Schichten, die auch die Arbeitnehmer besser zusammenführen könnte. Vor dem Streik waren viele Zulagen nur für Beschäftigte der Stufe A vorgesehen, deren Einheitstarife ebenfalls höher waren. Die Arbeitnehmer forderten, dass die Zulagen für alle Beschäftigten in den Bahnhöfen gelten und die Einheitstarife angeglichen werden sollten. Diese Forderungen wurden nicht erfüllt. Dies trieb einen Keil zwischen die Streikenden. Die Beschäftigten der Stufe A kehrten am achten und neunten Tag größtenteils an die Arbeit zurück, aber viele Beschäftigte der unteren Stufen blieben im Streik. In den nächsten Tagen lockte die Unternehmensleitung die Beschäftigten mit täglichen Prämien zurück an die Arbeit. Am elften Tag waren etwa 80 Prozent der Streikenden an die Arbeit zurückgekehrt. Am vierzehnten Tag war der Streik tatsächlich beendet.

Die Spaltung unter den Streikenden in der letzten Phase des Streiks hatte nachhaltige Auswirkungen. Mehr als ein halbes Jahr später beschwerten sich einige Beschäftigte bei einem Abendessen immer noch darüber, dass die Beschäftigten der Stufe A sie verraten hätten, und schworen, dass sie nie wieder mit diesen Verrätern streiken würden. Nach dem Streik wechselte die Betriebsleitung in Shanwei auch viel häufiger die Stationen und Teams, um die Netzwerke der Kolleginnen und Kollegen zu unterbrechen, die für die Organisation und Aufrechterhaltung des Streiks so wichtig waren.

Mehrere Aspekte dieses Streiks sind bemerkenswert. Erstens können dichte persönliche Netzwerke unter den Plattformarbeitern, die hauptsächlich in einer relativ kleinen Stadt wohnen, als wichtige Kanäle dienen, um eine räumlich verstreute Belegschaft in ihrem Arbeitsprozess zu organisieren. Zweitens hat der Plattform-Algorithmus in diesem Fall ironischerweise dazu beigetragen, dass die Arbeiter ihren Streik verbreiten und aufrechterhalten konnten. Drittens können wir auch sehen, dass die Solidarität der Arbeiter zerbrechlich ist und die Überwindung der Strategie des Managements, „zu teilen und zu herrschen“, eine entscheidende Herausforderung für kollektive Aktionen bleibt.

Die Streikwelle in China, die im Jahr 2023 sowohl von den Fabrik- als auch von den Plattformarbeitern getragen wurde, bietet sowohl inspirierende als auch ernüchternde Lektionen, (…) gleichzeitig wurde die Kraft der Arbeiterkämpfe – die mehr oder weniger sporadisch und improvisiert bleiben – durch die Manöver der Bosse, die Maßnahmen der Regierung und die strukturellen Veränderungen in der Wirtschaft eingeschränkt. (…)

Asian Labour Review 4. Juni 2024

Ein aktueller Konflikt:

Am Montagnachmittag  (12. August) kam es im Greentown Xixi Century Center im Xihu-Distrikt in Hangzhou, Zhejiang, zu einem Konflikt zwischen Essenslieferanten und Sicherheitskräften, woraufhin sich Hunderte von Fahrern versammelten, um zu protestieren, und mit der Polizei zusammenstießen (…).

Nach Angaben vieler Internetnutzer wurde der Vorfall von einer Essenslieferantin verursacht, die bei der Auslieferung von Lebensmitteln versehentlich das öffentliche Absperrgitter umgestoßen hatte. Der Sicherheitsbeamte konfiszierte die Fahrzeugschlüssel und verlangte eine Geldstrafe von 200 Yuan. Die Fahrerin kniete nieder und bettelte in ihrer Verzweiflung um Gnade. Diese Szene wurde von anderen Fahrern fotografiert und in die Fahrergruppe hochgeladen, was den Zorn der Öffentlichkeit hervorrief.

Es wurden Flaschen und Stühle auf die Polizei geworfen

Hunderte von Lebensmittellieferanten versammelten sich am Eingang des Xixi Century Center und verlangten eine Entschuldigung des Sicherheitspersonals. Die örtliche Regierung entsandte sofort eine große Anzahl von Polizeibeamten an den Ort des Geschehens (…) Die Demonstration dauerte bis zum Abend dieses Tages. Netizens zufolge sperrte Meituan danach alle Fahrer, die sich zum Zeitpunkt des Vorfalls in der Community aufhielten, wegen „unangemessener Störung des Ablaufs der Veranstaltung“. Nach Angaben aus dem Netz war auch der Meituan-Dienst im Xixi Century Center zum Zeitpunkt des Vorfalls geschlossen.

Ridersprotest 12.8.2024

Erstveröffentlicht im Forum Arbeitswelten Deutschland China
https://www.forumarbeitswelten.de/blog/partei-reagiert-auf-ridersproteste/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Kampfansage des Kapitals

Kurt Stenger über das Timing des Konflikts bei Volkswagen

Bild: wikimedia commons

Bei Volkswagen haben die Uhren immer etwas anders getickt als sonst in der Autobranche und der deutschen Konzernwelt insgesamt. Mitbestimmung der Gewerkschaften und der Landespolitik haben dazu geführt, dass es in Wolfsburg gerade bei der Kernmarke VW besondere soziale Errungenschaften gibt und Beschäftigungssicherung, bisweilen auch mit innovativen Modellen, großgeschrieben wurde. Umso bemerkenswerter sind jetzt die plumpen Drohungen des Konzernvorstands mit Werksschließungen und nicht sozial verträglichem Stellenabbau. IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger sieht zu Recht »die Grundfesten erschüttert«.

Ob das Timing unmittelbar nach den Wahlen in Sachsen und Thüringen bewusst gewählt oder Zufall ist, sei dahingestellt. Auf jeden Fall wollen die Konzernchefs die Gunst der Stunde, alles auf die Ampel zu schieben, für ihre Zwecke nutzen. Und tatsächlich stellt Oppositionschef Friedrich Merz, der die deutsche Wirtschaft wegen der politischen Rahmenbedingungen für nicht mehr wettbewerbsfähig erklärt, den VW-Bossen einen Freifahrtschein aus. Dabei waren es CDU/CSU zusammen mit der regierenden FDP, die den Umstieg auf Elek­tro­mobilität, worauf VW stärker als die deutsche Konkurrenz setzt, ausbremsten.

Deutsche Autobauer werden bei den Kosten aber nie mit chinesischen mithalten können, was auch kein echtes Problem darstellt. Der VW-Konzerngewinn war im ersten Halbjahr 2024 zwar rückläufig, mit rund zehn Milliarden Euro aber doch gewaltig. Wenn man gerade in Wolfsburg, wo Profitabilität bisher nur eine Seite der Medaille war, jetzt den dicken Rotstift ansetzt, dürften andere Konzerne bald nachziehen. Insofern sind die Kürzungspläne bei VW eine Kampfansage des Kapitals.

Sieh dazu auch:
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1184980.automobilbranche-das-versagen-des-vw-vorstandes.html?sstr=Das|Versagen

Erstveröffentlicht im nd v. 4.9. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1184975.autoindustrie-krise-bei-vw-kampfansage-des-kapitals.html?sstr=Kampfansage

Wir danken für das Publikationsrecht.

Namibia – Alles wieder gut?

Die deutsche Erinnerungspolitik erteilt sich Bestnoten. In Namibia zeigt sich, wie lückenhaft sie tatsächlich ist.

Von Tsafrir Cohen und Eyal Weizman

Bild: Modell eines Ngauzepo, eines ‚Hanging Tree‘. Hunderte Ovaherero und Nama wurden während der antikolonialen Aufstände und des Genozids an solchen Bäumen erhängt. (Forensic Architecture/Forensis, 2022)

Das historische Gedächtnis Europas und die ihm zugehörige Erinnerungskultur zeichnen sich durch das Ausbleiben historischer Gerechtigkeit für die erlittene Ausgrenzung und Unterdrückung aus, die mit dem Anbruch der Moderne begann und noch heute das Schicksal vieler Millionen Menschen prägt. Im Zentrum dieser Geschichte steht das Verbrechen des Kolonialismus, unter dem die Länder und Regionen des Globalen Südens leben und leiden – unter seinem langen Schatten ebenso wie unter seiner Aktualität.

Kaum ein Land symbolisiert das in der deutschen Debatte besser als Namibia. „Wiedergutmachung“ im Wortsinn ist unmöglich, sehr wohl aber steht ein ernsthafter Versuch aus, ein durch die Gewalt des Kolonialismus gestörtes Verhältnis zu reparieren. Bei allem überschwänglichen Nationalstolz auf die eigene Erinnerungskultur ist die Geschichte des deutschen Kolonialismus in der zeitgenössischen deutschen Historiografie eine Randnotiz. Nicht einmal ein rudimentäres Grundwissen über den ersten deutschen Völkermord kann als selbstverständlich vorausgesetzt werden.

Dabei begehen wir in diesem Jahr den 120. Jahrestag der Ereignisse, die den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts auslösten. Er traf die Völker der Ovaherero und Nama in einem Gebiet, das Deutschland als „Südwestafrika“ – das heutige Namibia – kolonisiert hatte. Im Rahmen des europäischen „Wettlaufs um Afrika“ errichtete das Kaiserreich Kolonien, die das heutige Togo, Kamerun, Tansania, Ruanda, Burundi und Namibia umfassten.

Der erste Genozid des 20. Jahrhunderts

Die Region im Südwesten des Kontinents galt als Inbegriff dessen, was der deutsche Geograf Friedrich Ratzel 1897 als „Lebensraum“ bezeichnete: ein Raum, der gemäß der sozialdarwinistischen Ideologie des „survival of the fittest“ beansprucht wurde, um das eigene Volk zu erhalten. Damit die deutsche Besiedlung möglich wurde, mussten die einheimischen Völker aus dem Weg geräumt werden. Zunächst erfolgte die Landnahme stückweise durch erzwungene Schutz- und Kaufverträge, Drohungen, Bestechungen und Massaker. Allmählich entstand Südwestafrika als ein Geflecht von Farmen, Missionsstationen, Mineral- und Diamantenminen sowie Militärfestungen. Für Ratzel war es ein Ort, an dem die „deutsche Rasse“ ihren Charakter festigen sollte, während die ansässige Bevölkerung als „Untermenschen“ betrachtet wurden, die nach Belieben ausgebeutet, vertrieben oder ausgerottet werden konnten.

Am 12. Januar 1904 kam es zu einem Aufstand der Ovaherero unter der Führung von Samuel Maharero. Mehr als hundert Soldaten und Siedler, zumeist Bauern und Missionare, wurden in den folgenden Tagen getötet. Die sogenannte kaiserliche „Schutztruppe“ musste sich zurückziehen. Gedemütigt begann Deutschland, Vergeltung für diese Akte antikolonialen Widerstands zu planen. Im Juni 1904 traf General Lothar von Trotha, ein Kolonialoffizier, der sich durch seine Mitwirkung bei der brutalen Niederschlagung des Boxeraufstands in China einen Namen gemacht hatte, in Südwestafrika ein. Er schwor, „die aufständischen Stämme in Strömen von Blut“ zu vernichten.

Im August 1904 suchten schätzungsweise dreißigtausend Ovaherero Zuflucht am Fuße des Bergplateaus von Waterberg. Die Schutztruppe schnitt ihnen den Fluchtweg nach Westen ab und zwang Männer, Frauen und Kinder so in die Kalahari-Wüste, wo sie gejagt und erschossen wurden. Am 2. Oktober erließ Trotha vor seinen Truppen den berüchtigten Vernichtungsbefehl: „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück, oder lasse auf sie schießen.“ So kam es. In den folgenden Monaten wurden viele Ovaherero erschossen, andere starben, nachdem sie von deutschen Truppen vergiftetes Wasser aus Brunnen getrunken hatten. Und eine große Zahl verdurstete und verhungerte in der Wüste, in die sie getrieben worden waren.

Die traditionellen Führer der Nama und Ovaherero datieren den Beginn des Völkermords nicht auf den Angriff in Waterberg, sondern auf einen wenig bekannten Überfall elf Jahre zuvor. Am 12. April 1893 griff ein Kontingent der Schutztruppe die Nama-Siedlung Nâ‡gâs – auf Deutsch Hornkranz – an. Es war der Sitz von „Captain“ Hendrik Witbooi vom Witbooi-Nama-Volk, der alle deutschen „Schutzangebote“ abgelehnt und sich in den Augen der deutschen Kolonisten damit der Rebellion schuldig gemacht hatte. Die Deutschen kamen zu dem Schluss, dass die einzige Möglichkeit, den „rebellischen Eingeborenen“ Einhalt zu gebieten, darin bestand, sie auszurotten. Also zerstörten sie die Siedlung und ermordeten Frauen, Kinder und alte Menschen. In den folgenden Jahren leisteten die Nama-Stämme unter der Führung von Witbooi und Jacobus Morenga weiter Widerstand gegen die deutsche Herrschaft, und am 22. April 1905 erließ Trotha den zweiten Vernichtungsbefehl, diesmal gegen die Nama.

Die überlebenden Nama und Ovaherero wurden in Konzentrationslager geschickt, wo sie als Sklavenarbeiter:innen für den Bau von Straßen, Eisenbahnen, Farmen und Verwaltungsposten der Kolonie eingesetzt wurden. Mehr als die Hälfte der Gefangenen starb binnen eines Jahres. Das wohl tödlichste Lager befand sich auf Shark Island, einer windigen und exponierten Halbinsel in der Nähe der südatlantischen Hafenstadt Lüderitz. Die Gefangenen waren dort eisiger Kälte schutzlos ausgeliefert, wurden ausgehungert, geschlagen, vergewaltigt und hingerichtet. Frauen wurden gezwungen, die von Leichen abgetrennten Köpfe – teils ihrer eigenen Verwandten – abzukochen und das Fleisch mit Glasscherben abzukratzen. Die Schädel wurden für rassistische Forschungen an Universitäten und in anthropologische Sammlungen nach Deutschland geschickt, wo die meisten heute noch lagern.

Unabgegolten

Bis zum Ende des deutschen Feldzugs im Jahr 1908 waren über 65.000 Ovaherero, mehr als zwei Drittel der Bevölkerung, und 10.000 Nama getötet worden. Jahrzehntelang wurde über diese genozidalen Verbrechen geschwiegen. Es ist dem jahrelangen Kampf namibischer und deutscher zivilgesellschaftlicher Gruppen zu verdanken, dass mehr und mehr Licht auf diesen blinden Fleck deutscher Geschichte fällt. 2015 erklärte sich die deutsche Regierung bereit, ihre „moralische Verantwortung für die Kolonialisierung Namibias“ anzuerkennen und sich „für die historischen Entwicklungen, die zwischen 1904 und 1908 zu völkermörderischen Zuständen geführt haben“, zu entschuldigen. Die Worte waren wohl gewählt. Eine moralische Verantwortung ist keine juristische Verantwortung und völkermörderische Zustände sind kein Völkermord.

Erinnern an die Opfer des Genozids an den Ovaherero und Nama auf Shark Island in Namibia.
Während der Gedenkfeierlichkeiten für die Opfer des Genozids auf Shark Island. (Foto: medico)

Die Ereignisse von 1904 bis 1908, so die Argumentation, könnten nur aus heutiger Sicht als Genozid angesehen werden. Sie stützte sich auf eine juristische Spitzfindigkeit, die in Fällen von Völkermord und Sklaverei seit langem infrage gestellt wird: den Grundsatz, dass eine Rechtsfrage auf der Grundlage der zum Zeitpunkt der Tat geltenden Gesetze beurteilt werden muss. Deutschland argumentierte also, dass die UN-Völkermordkonvention erst 1948 in Kraft getreten sei und daher nicht auf den Völkermord in Südwestafrika angewendet werden könne, der vorher stattgefunden hatte. Ein ähnliches Argument wurde von Eichmann bei seinem Prozess in Jerusalem vorgebracht: Da Hitlers Befehle im Dritten Reich „Gesetzeskraft“ besaßen, habe er nach den damaligen Gesetzen gehandelt.

Rehabilitation und Reparation

Noch ungeheuerlicher ist eine andere juristische Volte: Laut der Haager Konvention von 1889 galt die Massentötung von Zivilist:innen im Rahmen eines Krieges als illegal – also auch Anfang des 20. Jahrhunderts. Da sich das Völkerrecht jedoch auf Kriege zwischen „zivilisierten Völkern“ beziehe, falle koloniale Gewalt gegen eine indigene Bevölkerung nicht unter diesen Tatbestand. Deutschland argumentierte also, dass die in Südwestafrika begangenen Verbrechen nicht nach modernen Rechtsstandards, sondern nach den rassistischen Gesetzen der Kolonialzeit beurteilt werden müssten.

Die Strategie der Bundesregierung, einen „historischen Völkermord“ nicht abzustreiten, sehr wohl aber dessen Justiziabilität, hat Methode. Denn damit entledigt sich Deutschland auch jeglicher Verpflichtung zur Zahlung von Reparationen oder zur Erleichterung der Wiedergutmachung. Als Zeichen des guten Willens kündigte Berlin stattdessen ein Abkommen an, über einen Zeitraum von dreißig Jahren 1,1 Milliarden Euro Entwicklungshilfe zu leisten. Dies hielten die deutsche und die namibische Regierung 2021 in einer Gemeinsamen Erklärung fest. Entwicklung also, das alte Zauberwort und Versprechen des Westens.

Einst waren die Ovaherero und Nama reich an Land, Vieh und Kultur gewesen. Die Kolonialisierung hat diesen Wohlstand ruiniert und „Entwicklungsbedarf“ erzeugt. medico-Partnerin Sima Luipert von der Nama Traditional Leaders Association (NTLA) drückt es so aus: „Entwicklung ist die größte Lüge des Nordens. Es ist die vermeintliche Großzügigkeit einer Zivilisation, die auf unserer Unterdrückung beruht.“ Einige Gemeinschaften antworteten auf das deutsche Angebot mit der Forderung, Deutschland solle ihre einstigen Ländereien von den Nachkommen deutscher Siedler kaufen und sie zurückgeben.

Unabgegolten sind die Genozide in Südwestafrika auch in der sich selbst immer wieder zelebrierenden und andere belehrenden deutschen Gedenkkultur. Tatsächlich liegt immer noch ein Mantel des Schweigens und Vergessens über eben dieser Geschichte. Sie wurde weder hinreichend erforscht noch wird sie umfassend gelehrt oder auch erzählt. Ob in Wissenschaft, Kunst oder Politik: Die Verbrechen in Südwestafrika sind weit weg und lange her. Auch in Namibia selbst sind die Genozide längst nicht aufgearbeitet. Das angestammte Land der Opfer blieb nicht nur während der südafrikanischen Apartheidherrschaft im Besitz deutscher Siedler, darunter ehemalige Offiziere, die am Völkermord beteiligt waren. Auch 34 Jahre nach der Unabhängigkeit besitzen rund 4.500 Europäer:innen 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen.

In der Geschichtsschreibung der SWAPO-geführten Regierung steht der eigene Kampf gegen die Apartheid überdeutlich im Vordergrund; die kolonialen Verbrechen Deutschlands interessieren kaum. Dazu passt, dass die betroffenen Gebiete bis heute unter Vernachlässigung leiden. Und dazu passt auch, dass es kaum Formen oder Stätten der Erinnerung gibt. Zeugnisse der kolonialen Herrschaft von einst verfallen. So ist Shark Island ein bei Tourist:innen beliebtes Ausflugsziel mit einem staatlich betriebenen Campingplatz, das viele in völliger Unkenntnis dessen besuchen, was hier einst geschah. Sie werden aber auch durch nichts daran erinnert.

Es ist eine zynische Wendung, dass die Halbinsel nun Standort eines großen deutschen Energieprojekts werden soll: Wo einst die Lager waren, soll ein Dock entstehen, über das in Namibia produzierter flüssiger Wasserstoff zu Europas energiehungriger Industrie transportiert werden soll. Mehr Greenwashing einer dunklen Geschichte geht kaum.

Während der Gedenkfeierlichkeiten zur Erinnerung an den Genozid an den Ovaherero und Nama auf Shark Island in Namibia
Viele nehmen in Uniformen an den Gedenkfeierlichkeiten teil, eine Anspielung auf jene Monturen, die die Verbände der Nama und Ovaherero den deutschen Soldaten im Kampf abnahmen. (Foto: medico)

Die Nachkommen der Opfer des Völkermordes haben sich stets gewehrt: Sie gründeten in den ihnen zugewiesenen, beengten „Homelands“ Städte, die die Namen ihrer angestammten Heimatorte tragen, und haben ihre Forderungen nach Wiedergutmachung durch Deutschland und dem Recht auf Rückkehr auf ihr Land aufrechterhalten. Sie haben sich auch dagegen gewehrt, dass die deutsch-namibischen Verhandlungen über den Völkermord nahezu ohne die Beteiligung ihrer Vertreter geführt wurden. Ein auf die erwähnte deutsch-namibische Erklärung aufbauendes Abkommen zwischen den beiden amtierenden Regierungen in Namibia und Deutschland stieß auf ihren erbitterten Widerstand und wurde auch deshalb vom namibischen Parlament bislang nicht gebilligt.

Forensic Architecture und medico arbeiten mit den betroffenen Gemeinden zusammen, um jene Teile der eigenen Geschichte sichtbar und hörbar zu machen, die im kollektiven Gedächtnis wenig Platz haben. In einer von medico unterstützten transnationalen Kooperation mit der Ovaherero Traditional Authority (OTA) und der NTLA haben Forensic Architecture und ihre Berliner Schwestergruppe Forensis Archivfotos und Zeugnisse traditioneller mündlicher Überlieferung in 3D-Modelle von Orten der Gräueltaten, zerstörten Dörfern und Massengräbern integriert. Ihre Ergebnisse sind der Beginn einer Reihe digitaler Beweise zur Rekonstruktion des Völkermords.

Ein Weltgedächtnis

Die Anerkennung des Genozids sowie Erinnerungs- und Reparationsarbeit würden nicht nur längst fällige historische Gerechtigkeit gegenüber den Nama und Ovaherero walten lassen. Sie könnten das Ende der deutschen Kolonialismus-Amnesie einläuten, auch in Bezug auf die Grausamkeiten gegenüber dem Volk der San in Namibia oder die hunderttausenden Opfer der Niederwerfung des Maji-Maji-Aufstands in Deutsch-Ostafrika (1905-1907), dem heutigen Tansania, sowie über den afrikanischen Kontinent hinaus.

Nicht weniger als ein vertieftes Verständnis und eine erweiterte Selbstreflexion deutscher Geschichte sind gefordert. Die Verquickungen und die Schuld, die sich aus den offensichtlichen Verflechtungen zwischen den Verbrechen der Shoah und dem Genozid in Namibia ergeben, sind vielfältig: Viele der Schlüsselelemente des nationalsozialistischen Systems – die systematische Ausrottung von Völkern, die als rassisch minderwertig angesehen wurden, rassistische und eugenische Theorien und Praktiken, das Konzept des Lebensraums, der Transport von Menschen in Viehtransportern zur Zwangsarbeit in Konzentrationslagern – waren ein halbes Jahrhundert vor der Shoah in Südwestafrika angewandt worden. Bereits 1951 argumentierte Hannah Arendt, dass der europäische Imperialismus eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des nationalsozialistischen Totalitarismus und der damit verbundenen Völkermorde spielte. Und Aimé Césaire bezeichnete den europäischen Faschismus als die Heimkehr kolonialer Gewalt.

Doch es geht heute mitnichten nur um die Wiedergutmachung historischer Schuld, sondern um einen Aufbruch in eine andere Zukunft. Black Lives Matter und zahlreiche andere Bewegungen weltweit tragen dazu bei, die Gewaltgeschichte des Kolonialismus ins Selbstverständnis des Westens zu integrieren – im Stadtbild, an den Universitäten, im Alltag oder in den Medien. Es mag utopisch klingen, aber das könnte konstitutiv sein für ein gleichberechtigtes „Weltgedächtnis“ (Charlotte Wiedemann), durch das wir lernen, nicht nur Geschichte von Frankfurt oder Windhoek aus gemeinsam zu interpretieren und zu erzählen, sondern auch gemeinsam zu handeln und der Gegenwart fortwährender asymmetrischer, vom Kolonialismus nach wie vor geprägter Macht- und Herrschaftsverhältnisse entgegenzutreten. Unsere Partner von NTLA und OTA sind dazu bereit: „Wir erheben keinen Anspruch auf Singularität, sondern streben vielmehr nach globaler Gerechtigkeit, Solidarität und universeller Freiheit.“

medico unterstützt derzeit die „Nama Traditional Leaders Association“ (NTLA), unter anderem bei der Ausrichtung des Genocide Memorial Walk in der Lüderitzbucht. Als Teil einer selbstorganisierten Erinnerungskultur, die die Erinnerung an den Genozid und dessen Auswirkungen wachhält, kommen hier regelmäßig Nama und Ovaherero aus verschiedenen Regionen Namibias zusammen. Dieses Jahr präsentierte dort außerdem Forensic Architecture erste Ergebnisse einer Genozid-Recherche. Auf einer weiteren Zusammenkunft wurde ein Austausch über das deutsch-namibische Wasserstoffvorhaben organisiert.

Tsafrir Cohen (Foto: Christoph Boeckheler)

Tsafrir Cohen ist Geschäftsführer von medico international. Bis 2014 war er hier für Projektkoordination und Öffentlichkeitsarbeit zu Israel und Palästina zuständig. Danach hat er bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung Regionalbüros geleitet: zunächst Israel, dann Großbritannien und Irland. (Foto: Christoph Boeckheler)

Eyal Weizman ist Professor am Goldsmiths Institute der University of London und Direktor von Forensic Architecture (FA). Gemeinsam mit Tsafrir Cohen bereiste er im vergangenen Jahr Namibia. medico und FA kooperieren seit 2023 zur Rekonstruktion der deutschen Kolonialverbrechen und deren andauernden Auswirkungen im heutigen Namibia.

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 2/2024. Das Rundschreiben schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren!

Erschien im medico-newsletter Mai 2024:
https://www.medico.de/blog/alles-wieder-gut-19530

Wir danken für das Publikationsrecht.

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