Wie kann Antimilitarismus neue kulturelle Hegemonie erringen?

Erfahrungen aus den bisherigen Friedensbewegungen seit den Achtzigerjahren

Lou Marin

Seit dem aggressiven militärischen Angriff der russischen Armee des Diktators Putin und dem in allen bürgerlichen Medien resolut unterstützten Verteidigungskrieg der Ukraine gilt Pazifismus quasi als neuer propagandistischer Hauptfeind. (1) Was Anfang der 1980er-Jahre noch mit dem diffamierenden Kommentar „Geht doch nach drüben!“ belegt wurde, gilt heute als ausgemachter Quatsch: „Putin ist doch der Aggressor, da kann man doch nicht nichts tun!“ – als wäre es je darum gegangen, nichts gegen den russischen Angriffskrieg zu tun.

Das war nicht immer so: Gemäß dem von Gramsci entlehnten Begriff kann auf die Friedensbewegung der 1980er-Jahre so zurückgeblickt werden, dass eine lang andauernde „kulturelle Hegemonie“ von Antikriegs-Positionen entstanden ist: Die Kriegsdienstpflicht (euphemistisch: Wehrpflicht) wurde abgeschafft, der Rüstungsetat sank (wenn auch auf hohem Niveau), und das Material der Bundeswehr verschliss angeblich (die Rede war sogar von „kaputtgespart“). Doch nun sollen das 100-Milliarden-Paket und die Lieferung schwerer Waffen eine militärpolitische Kehrtwende herbeiführen.

Die kulturelle Hegemonie der Friedensbewegung der 1980er Jahre

Wie aber kam es zu dieser kulturellen Hegemonie der 1980er-Friedensbewegung? Zunächst war der Kristallisationspunkt ein anderer als ein konventionell geführter Krieg: Der NATO-Nachrüstungsbeschluss von 1979 führte dazu, dass die Friedensbewegung als eine „Anti-Atomraketen-Bewegung“ entstand. Das prägte auch die organisatorische Struktur der neuen Friedensbewegung: Sie war zentralisiert. Zwar baute sie auf örtlichen Strukturen von „Friedenswochen“ (Aktion Sühnezeichen) auf, orientierte aber von Anfang an auf zentrale Großdemonstrationen. Der „Krefelder Appell“ und damit eine Politik der DKP-nahen Verbände legte den Stil fest. Durch die Großdemonstration in Bonn 1980 wich die anfängliche Skepsis der bürgerlichen Massenmedien („holländische Krankheit“). Zunächst wurden auch gewaltfreie Aktionen von den Führungspersonen der Friedensverbände eher abgelehnt; noch die einwöchige Blockadeaktion in Großengstingen 1982 (2) wurde von den gewaltfreien Aktionsgruppen gegen die Verbände organisiert.

Diese Aktion brach allerdings auch das Eis: Gewaltlose Blockaden wurden (…) eine verbreitete Handlungsmöglichkeit, wobei allerdings die Radikalität zunehmend dem Nur-Symbolischen weichen sollte. Die Festlegung der ‚neuen Friedensbewegung’ auf einen Minimalkonsens, der einzig und allein die Ablehnung der NATO-Nachrüstung zum Gegenstand hatte und alle weitergehenden Fragen (…) ausgrenzte, gab der neuen Friedensbewegung einen verwaltenden Charakter. Ein zentraler Koordinationsausschuss (…) übernahm die Steuerung der Aktivitäten. Es erfolgte eine Mobilisierung von oben, (…) die mit der Versicherung endete, (…) man stehe gemeinsam ‚auf dem Boden der Verfassung’.“ (3)

Zwar organisierte sich ein „Bündnis unabhängiger Friedensgruppen“ (BUF) der Anhänger*innen des Zivilen Ungehorsams, das durch aufwendige Gremienarbeit radikalere Forderungen in die offizielle Friedensbewegung einbringen konnte. Daraus entstanden unversöhnlicher auftretende Blockaden wie etwa in Bremerhaven und später die Manöverstörungen im „Fulda Gap“. Aber die Atom-Orientierung der Friedensbewegung wurde damit nicht wesentlich verändert, und nach dem INF-Vertrag von Washington Ende 1987 kam es zu Krise und zeitweiliger Auflösung der Friedensbewegung, bis auf die ohnehin langjährig Aktiven, weil die unmittelbare atomare Kriegsgefahr gebannt schien. (4)

Anti-Golfkriegs-Bewegungen: Umstellung auf Widerstand gegen reale, konventionelle Kriege

Der erhoffte Wechsel zum massenhaften Widerstand gegen konventionelle Kriege fand statt im Rahmen der Golfkriege der von den Bush-Regierungen geführten „Koalition der Willigen“ außerhalb des Völkerrechts, beginnend mit dem so genannten Zweiten Golfkrieg 1991. Die langjährig aktiven kleineren gewaltfreien und antimilitaristischen Gruppen stellten sich bereits der US-Truppenverlegung aus der BRD in die Golfregion 1990 durch Blockaden auf der Schiene und den Straßen entgegen und riefen US-Soldat*innen zur Kriegsdienstverweigerung oder zu AWOL (Absence without leave) gegen diesen Krieg auf. Daraus entwickelte sich direkt zu Kriegsbeginn am 16. Januar 1991 eine „bewegungsauslösende“ direkte gewaltfreie Aktion, nämlich die Demo-Blockade der US-Airbase in Frankfurt. Sie war mit rund 10.000 Teilnehmenden an der Demo und Hunderten von Blockierer*innen bei der ganztägigen Blockade ein medial unübersehbarer Erfolg und entscheidend für die nachfolgende Anti-Golfkriegs-Massenbewegung.

Weil diese Aktion noch aus dem Fundus der kulturellen Hegemonie schöpfen konnte, war es der Bewegung auch möglich, der gegen sie entstehenden Strömung der so genannten „Anti-Deutschen“ zu widerstehen, die gegen Antikriegsdemonstrationen mit ostentativem Schwenken von Pro-Israel- und Pro-US-Flaggen demonstrierten, ihr pauschal Anti-Israelismus und Anti-Amerikanismus vorwarfen und solche Demos örtlich sogar physisch angriffen. (5)

Dass es damals noch einfacher war, eine Massenbewegung gegen einen klar als imperialistisch erkennbaren und kritisierbaren Krieg („Kein Blut für Öl!“) zu schaffen, zeigte dann der Ex-Jugoslawienkrieg mit seinen zunehmenden Bundeswehreinsätzen im Laufe der Neunzigerjahre, bis hin zur völkerrechtswidrigen Bombardierung Serbiens 1999. So entstanden dort kein massenhafter antimilitaristischer Widerstand, sondern Initiativen wie das von wenigen Gruppen getragene transnationale Netzwerk zur Unterstützung flüchtender Kriegsdienstverweigerer („KDV im Krieg“) aus allen kriegführenden Balkanländern und die internationale Unterstützung der Antikriegspositionen der „Frauen in Schwarz“ in Belgrad.

Die Friedensbewegung erlebte zu Beginn des neuen Jahrtausends und nach dem 9.11.2001 erneut eine Krise, als sich die Schröder-Fischer-Regierung am US-geführten Krieg in Afghanistan beteiligte und dann glaubte, sie könnte dies gegenüber ihrem Verhältnis zur USA als Legitimation benutzen, um nicht am Dritten Golfkrieg, dem Irakkrieg ab 2003, mitzumachen, wenngleich Waffenlieferungen und Finanzzahlungen an die USA die dortige Empörung über den angeblich unverlässlichen Bündnispartner dämpften. Gegen den Irakkrieg ab 2003 entstand jedoch eine weltweite Antikriegsbewegung, an der sich dann auch die Friedensinitiativen aus der BRD wieder beteiligen konnten, ohne nach außen als nationalistisch dazustehen. So kam es noch einmal zum massenhaften Antikriegswiderstand, befeuert durch die Dokumente über die Folterungen in Abu Ghraib, dem Bagdader Zentralgefängnis, und die Morde aus US-Helikoptern, die über Wikileaks im weiteren Verlauf dieses Jahrzehnts an die weltweite Öffentlichkeit gelangten. Sowohl der Afghanistankrieg als auch der Irakkrieg liefen sich durch deren unglaubliche Länge wie auch die hohen Verluste in der jeweiligen Zivilbevölkerung über die Jahre hinweg tot, ohne dass über solch einen langen Zeitraum eine Massenbewegung aufrechterhalten werden konnte, ohne aber auch eine Infragestellung der genannten kulturellen Hegemonie, auf die sich noch Margot Käßmann stützen konnte, als sie 2010 medienwirksam sagte, nichts sei gut in Afghanistan. (6)

Die Lage nach dem 24. Februar 2022

Was könnte in der gegenwärtigen Situation helfen, die Diffamierungspropaganda gegen Pazifismus und die alte Friedensbewegung wieder aufzubrechen? Obwohl wir die Schrecken und die Opfer, die das mit sich bringen würde, nicht wünschen können, werden sich die Chancen für eine motivierende Erinnerung an die teilweise erfolgreichen Bewegungen früherer Jahrzehnte wohl verbessern, je länger der Ukrainekrieg dauert und je mehr sich zeigt, dass die bundesdeutschen Waffenlieferungen keine Lösung, sondern nur eine zeitliche Fortsetzung des Krieges bringen. Die Hoffnung wäre, dass sich ein Abnutzungs- und ökonomischer Ermüdungseffekt entwickeln könnte, wie er schon 2021 in Afghanistan wirksam geworden ist. Die Friedensbewegung und ihre antimilitaristischen Bestandteile könnten dabei versuchen, aus vielen bestehenden antimilitaristischen Einzel-Aktionskampagnen, wie etwa der Kampagne gegen Rheinmetall, wieder zu einer „bewegungsauslösenden“ direkten Massenaktion zu kommen, wie das 1991 für den Zweiten Golfkrieg gelang. Einmal neu entfacht, würde sich eine antimilitaristische Bewegung an die Vielfalt der gewaltfreien Aktionsmöglichkeiten erinnern können – und vielleicht sogar wieder auf Ansätze eines erneuerten kritischen Journalismus stoßen. (7)

Anmerkungen:

1 Vgl. Peter Nowak: Feindbild deutscher Pazifismus, in: Graswurzelrevolution, Nr. 471, September 2022, S. 3.

2 Zur Erinnerung und rückblickenden Analyse siehe die gesammelten Beiträge von damals beteiligten Aktivist*innen der einwöchigen Blockade in Großengstingen, die das Lebenshaus Schwäbische Alb auf ihrer Website veröffentlicht hat: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/014356.html .

3 Fritz Marz, S. Münster: „Nur wer sich bewegt, spürt seine Fesseln. Zu 20 Jahren sozialer Bewegung“, in: Graswurzelrevolution, Nr. 171/72/73, Sonderheft „Texte zu Anarchismus und Gewaltlose Revolution heute“, 1992, S. 8-14, hier S. 11.

4 Vgl. ebenda, a.a.O., S. 11f.

5 Vgl. Lou Marin: 30 Jahre Zweiter Golfkrieg 1991, in: Graswurzelrevolution, Nr. 456, Februar 2021, siehe: https://www.graswurzel.net/gwr/2021/02/30-jahre-zweiter-golfkrieg-1991/ .

6 Vgl. Auszug der Rede von Margot Käßmann in der Dresdner Frauenkirche vom 1.1.2010, siehe: https://intern.ekhn.de/facettnet/detail/news/nichts-ist-gut-in-afghanistan.html .

7 Etwa nach dem Vorbild des ZEIT-Dossiers von Jana Simon: „Wir nicht“, in: Die Zeit, 11. August 2022, S. 13-15.

Lou Marin ist seit langem Mitglied des Herausgeber*innenkreises der Graswurzelrevolution

Zuerst erschienen in „Friedensforum“ 6 /2022
Wir danken dem Autor für das Abdruckrecht.

Im Zeichen der Vernetzung

Von Violetta Bock

Der Oktober stand im Zeichen der Vernetzung

Die Inflation ist das beherrschende Thema bei Gewerkschafter:innen. Nicht nur, aber auch wegen anstehender Tarifrunden in der Metall- und Elektroindustrie, im öffentlichen Dienst, bei der Post und Nahverkehrsunternehmen. Nach zwei Jahren Pandemie und ausgefallenen Konferenzen, gab es im Oktober gleich mehrere gewerkschaftliche Zusammenkünfte.

Berlin: Basis stärken

Den Start machte OKG (Organisieren Kämpfen Gewinnen) am ersten Oktoberwochenende unter dem Motto „Basis stärken“ mit ca. 140 Teilnehmer:innen in Berlin. Zweidrittel der Anwesenden hatten im letzten Jahr an Streiks teilgenommen, sei es bei der Krankenhausbewegung, Gorillas oder Amazon. In über einem Dutzend Workshops berichteten Aktive, wie sie sich im betrieblichen Alltag organisieren. Immer wieder ging es zentral darum: wie reagieren wir auf gesellschaftliche Krisen bei schwacher betrieblicher Verankerung und wie können wir sie ausbauen, um gesellschaftlich durchsetzungsfähig zu werden. Samstagabend beim Podium berichtete Wolfang Schaumberg von seinen Erfahrungen seit den 70ern aus der Gruppe oppositioneller Gewerkschafter, Ines Schwerdtner stellte den Ansatz von Genug ist Genug vor durch die Verbindung von Sozialprotesten und anstehenden Tarifverhandlungen. Carola Rackete führte in einem spontanen Grußwort aus, wie sich die Klimagerechtigkeitsbewegung nun ebenso Organizing-Methoden annähert.

Durch englische Übersetzung während der Konferenz und vor allem das internationale Abschlusspodium gelang es den Blick zu weiten. Dort überbrachte eine Kollegin von der Inicjatywa Pracownicza (IP) aus Polen die Botschaft, wie sie mit dem Krieg in der Ukraine konfrontiert sind. Bereits seit 2014 arbeiten ukrainische Geflüchtete mit Ein-Monats-Verträgen in den Fabriken in Polen. Als Gewerkschaft haben sie mit ihnen Verbindungen aber auch zu den Gewerkschaften in der Ukraine geknüpft, die derzeit sowohl gegen die russischen Panzer als auch gegen die Aushöhlung ihrer Rechte als Arbeiter:innen durch das neue Arbeitsgesetz kämpfen. Eine Kollegin aus England erzählte, wie die Inflation dort bereits durchschlägt und wie 250.000 Streikende an diesem Wochenende der Arbeiter:innenbewegung neuen Schwung geben. Aus Italien berichtete ein Hafenarbeiter von ihren Ansätzen während der Pandemie und der Blockade von Waffenexporten, um nicht zu Komplizen der Herrschenden im internationalen Weltgefüge zu werden. Gelobt wurde insgesamt die Atmosphäre des kritisch aber produktiven Austausch und der bestärkende Charakter. Das machte sich auch Samstagabend beim „Work Slam“ bemerkbar. Angelehnt an das Format des Poetry Slam, wurden hier Anekdoten und Aha-Momente aus dem Arbeitsalltag erzählt, mal nachdenklich, mal erinnernd, mal schmunzelnd. Manchmal tut es einfach gut, über den Chef herzlich zu lachen.

Frankfurt: Kämpferische Gewerkschaften und Organizing

Eine Woche später ging es mit gleich zwei Konferenzen in Frankfurt weiter. Die VKG (Vernetzung für kämpferische Gewerkschaften) lud ein zum Schwerpunkt Kampf gegen die Inflation. Etwa 100 linke und organisierte Gewerkschafter:innen diskutierten, wie ein kämpferischer Kurs in den Gewerkschaften gestärkt werden kann. Dafür wurde einmal positive Bilanz gezogen über den Aufbau von VKG in den letzten zweieinhalb Jahren und das Steigern der Öffentlichkeitsarbeit, der Analysen und der Vernetzung vor Ort. Ebenso wurde aus erster Hand von Kämpfen wie im Krankenhaus oder am Hafen berichtet. Einen Schwerpunkt nahm die Einschätzung der kommenden Kämpfe und insbesondere der Tarifrunden ein. Zum Abschluss wurde die Resolution „Nein zu Preisexplosion und Lohnverlusten: Die Gewerkschaften müssen die Gegenwehr organisieren!“ verabschiedet. Darin heißt es unter anderem: „Wir fordern die Gewerkschaftsvorstände auf, jetzt in den Betrieben und auf der Straße zu mobilisieren, um eine breite Bewegung aufzubauen. Die Beteiligung an der konzertierten Aktion mit Regierung und Unternehmern muss beendet werden.“ Neben der Anrufung der Gewerkschaftsspitze werden Belegschaftsversammlungen angeregt und Vorschläge für zentrale Forderungen und ein Aktionsprogramm.

Am gleichen Tag feierte der express sein 60jähriges Bestehen unter dem Motto „Von dem Begehren nach einer anderen Freiheit getragen.“ Das Tagungsprogramm lud nicht nur zum Feiern ein, sondern war gerahmt von inhaltlichen Beiträgen und der Diskussion zu einem der prägendsten Ansätze in der heutigen Gewerkschaftslandschaft: Organizing. Doch Organizing ist nicht gleich Organizing. Und so unterschiedlich die Organisierungsansätze in Methode, Ziel und Ausrichtung auch sind, werden sie selten miteinander diskutiert. Genau dies nahm sich der express für die Tagung vor, ganz im Sinne eines Kommunikationsorgans einer pluralen Gewerkschaftsbasis. Mit den Referent:innen Florian Wilde, Slave Cubela und Yanira Wolf trafen Akteure aus verschiedenen Einzelgewerkschaften, Gewerkschaftsgenerationen und Arbeitsfeldern aufeinander zu einer produktiven Diskussion mit den rund 40 Gästen.

Mannheim: Angriffe abwehren

Am 15. Oktober, noch ein Stück weiter südlich, fand die 9. Konferenz gegen BR-Mobbing statt. Rund siebzig Betriebsräte und gewerkschaftlich Aktive aus verschiedenen Branchen werteten die zurückliegenden BR-Wahlen aus und diskutierten, wie es um die konkreten Strategien zur erfolgreichen Verteidigung verbriefter Rechte in der Arbeitswelt steht. Eins wurde in jedem Fall deutlich: Corona hat den Angriffen gegen Betriebsräte keinen Abbruch getan. Die Folgen der anhaltenden „Corona-Krise“ werden von Geschäftsführungen zum Teil sogar durch „Verdachtskündigungen“ ausgenutzt. Der Konferenz in Mannheim gelingt es in bewährter Tradition durch ihr Format konkrete Fallbeispiele zu beleuchten, als auch Verantwortliche aus Gewerkschaftsvorständen erläutern zu lassen, wie Beschlüsse zur Stärkung der Betriebsräte innerhalb der Gewerkschaften umgesetzt werden. Sowohl der baden-württembergischen DGB-Vorsitzende als auch Vorstandsmitglieder der IG Metall erläuterten ihre Positionen. Sie erhielten als Auftrag die Öffentlichkeitsarbeit noch mehr zu verstärken, vor allem angesichts des skandalösen Umgangs mit dem BR-Vorsitzenden im Unternehmen des BDA-Präsidenten Dulger. Mit gezielter Gewerkschaftsbekämpfung werden Betroffene gesundheitlich zerstört, mit Auswirkungen auf Angehörige und Kolleg:innen. In der verabschiedeten Entschließung wurde daher mit Dringlichkeit auf die notwendige Gegenwehr hingewiesen.

Nicht selten wurde auf der ein oder anderen Konferenz kritisch hinterfragt, warum man nicht lieber eine gemeinsame Konferenz mache. Kaum eine:r dürfte jede besucht haben, zumindest hatte jede:r die Wahl zwischen verschiedenen Regionen, Zielgruppen und je spezifischen Ansätzen. Positiv kann man zum Oktober 2022 auf jeden Fall sagen, dass viel linke gewerkschaftliche Vernetzung und Austausch stattgefunden hat, und wir mit einem stabilisierten Fundament in die kommenden Monate starten. Das alles in einer Konferenz zu bündeln, scheint wenig sinnvoll, aber vielleicht gelingt es zumindest beim nächsten Mal Termine besser abzustimmen. Und wahrscheinlich werden viele spätestens bei der nächsten Streikkonferenz der Rosa Luxemburg Stiftung vom 12. bis 14. Mai in Bochum aufeinander treffen.

Erschienen in der Oktobernummer der Sozialistischen Zeitung (SoZ)
https://www.sozonline.de

Wir danken der Autorin für das Abdruckrecht.

„Ich beteilige mich nicht am Krieg“

Ruslan Kotsaba wurde 1966 geboren. Er ist Mitbegründer der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung. Wegen seiner Weigerung, eine Waffe in die Hand zu nehmen, wurde er in der Ukraine mehrmals inhaftiert und von Ultrarechten angegriffen. Mit ihm sprach Peter Nowak.

Wie wurden Sie zum Pazifisten?

Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine gab es auch von Linken massive Kritik am Pazifismus, mit dem man die Panzer nicht stoppen könne. Warum halten Sie am Pazifismus fest?

Ich bin ein christlicher Pazifist und gehöre der griechisch-orthodoxen Kirche an. Ich werde bis zu meinem Lebensende daran festhalten, dass Krieg ein Verbrechen ist, an dem ich mich nicht beteilige. Wer mit Waffen Leute tötet, der muss auch akzeptieren, dass er erschossen wird. Ich setzte mich dafür ein, dass die zivile Bevölkerung nicht von den Folgen des Krieges betroffen ist. Wie wichtig das ist, zeigt sich jetzt in der Ukraine. Die zivile Bevölkerung leidet, weil das russische Militär die Infrastruktur zerstört.

2014 wurde ich als Journalist in den Donbass entsandt und interviewte Menschen auf beiden Seiten der Front. Ich habe ihnen in die Augen gesehen. Viele von ihnen wurden wenig später in den Krieg geschickt und starben. Da habe ich erkannt, dass der Krieg ein Verbrechen ist, an dem ich mich nicht beteiligen werde.

Was können Pazifist*innen aktuell in der Ukraine ausrichten?

Die pazifistische Bewegung ist im aktuellen Kriegszustand illegal und kann nur konspirativ arbeiten. Die circa 110 Mitglieder der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung sind nicht nur Verfolgungen der Justiz ausgesetzt. Eine weitere Gefahr sind die Angriffe von ultrarechten Nationalist*innen. Ich wurde im letzten Jahr von einer Gruppe von Rechten angegriffen und am Auge verletzt. Bis heute ist meine Sehkraft gemindert. Doch bis zum russischen Einmarsch wurden die ultrarechten Gruppen noch vom ukrainischen Geheimdienst kontrolliert. Das ist mittlerweile nicht mehr der Fall, was eine große Gefahr für uns Pazifist*innen ist.

In Deutschland wird Pazifist*innen vorgehalten, sie seien unsolidarisch mit der Ukraine. Was entgegnen Sie?

Ich finde es unerträglich, dass die Lieferung von Waffen, die Menschen auf beiden Seiten töten, als Solidarität bezeichnet wird. Besonders unverständlich ist mir dabei die Position der Grünen, die schließlich einmal als pazifistische Partei angetreten sind. Davon ist allerdings schon zu Zeiten, als Joschka Fischer Außenminister war, nichts mehr übrig geblieben.

Wie sollte Ihrer Meinung nach der Krieg beendet werden?

Als erstes muss man verstehen, dass es sich um einen geopolitischen Konflikt zwischen Russland und den USA handelt, der auf dem Territorium der Ukraine ausgetragen wird. Darauf hat auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wenig Einfluss, was durch seine ständigen Auftritte im Fernsehen vergessen wird. Nicht bei ihm, sondern bei Biden und Putin liegt der Schlüssel für ein Ende des Krieges. Deshalb müsste es zu Verhandlungen mit ihnen kommen. Dabei müsste der Status der Neutralität der Ukraine festgeschrieben werden.

Dagegen kommt der Einwand, dass es keine Verhandlungen ohne die Beteiligung der Ukraine geben kann.

Der Status der Neutralität war ein grundlegendes Prinzip nach der Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion. Im Zuge einer antirussischen Stimmung in der ukrainischen Politik nach 2014 wurde es leider aufgegeben.

Wie sieht ein optimistisches Szenario für ein Ende des Kriegs aus?

Wenn in der Ukraine, Belarus und Russland immer mehr Menschen den Kriegsdienst verweigerten, wären nicht mehr genügend Soldaten vorhanden, um den Krieg weiterzuführen. Deswegen sollte die EU die Kriegsgegner*innen in allen drei Ländern aktiv unterstützen, statt immer mehr Waffen zu liefern.

Halten Sie das für realistisch?

Leider nicht. Aber auch das Szenario, dass Russland den Krieg verliert, das man in Deutschland häufig hört, halte ich für Wunschdenken. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass der Konflikt noch länger andauert und irgendwann nach Verhandlungen zwischen Russland und den USA beendet wird, ohne die Ursachen zu beseitigen. Ein solcher eingefrorener Konflikt in Europa lähmt die EU und könnte immer wieder zu neuen Auseinandersetzungen führen.

Welche Botschaft haben Sie an Kriegsgegner*innen in Deutschland?

Unterstützt die Pazifist*innen und Kriegsgegner*innen auf beiden Seiten des Konflikts und habt den Mut, eure Stimme zu erheben gegen weitere Waffenlieferungen, an wen auch immer. Das wäre die beste Solidarität mit der Zivilbevölkerung auf allen Seiten.

Erschienen im nd, 26.10.22
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1167998.ukraine-krieg-ich-beteilige-mich-nicht-an-krieg.htm

Wir danken Peter Nowak für das Abdruckrecht.

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