Deutschland und Europa – Sieg ist möglich (Teil 2)

Die Empfehlungen der Koalition der Freiheitsverteidiger

„Technologischer Vorsprung in Geschwindigkeit und Präzision ist kriegsentscheidend.“ (DGAP- Positionspapier zur europäischen Verteidigung, 4.3.2025)[9]

Von Manfred Henle

Bild: Buchcover Hachette books

Die planmässige Herbeiführung der „extremsten militärischen Eventualitäten“ seitens Europas und seines notfalls auch ohne US-Führerschaft weltweit ausgreifenden NATO-Expansionismus eröffnet für die Entscheidungsbefugten über Krieg und Frieden in Gestalt der „Freiheitsverteidiger “ die zwar nicht ganz neue, aber dennoch rhetorisch gestellte heisse Frage: „Abhängigkeit oder Selbstbehauptung: Deutschlands und Europas Rolle im 21. Jahrhundert entscheidet sich jetzt.“ (DGAP-Positionspapier) Russland einmal besiegt und beiseite geräumt eröffnet die Perspektive, Europas anvisierte Weltführerschaft gegen die USA, gegen China und sonstige denkbaren Rivalen oder Gegnern zu behaupten. Keine Frage, so „verschärft sich der globale Wettlauf um technologische Vorherrschaft.“ (ebd.)

Daraus folgt:

Deutschland muss jetzt Initiator eines “SPARTA”-Projektes (Strategic Protection and Advanced Resilience Technology Alliance) für die europäische Verteidigung sein. Dies bedeutet das unverzügliche Aufsetzen grosser Rüstungsprogramme mit Fokus auf neue Technologien und souveräner innereuropäischer Beschaffung. (ebd.)

Dass der auf diese Weise eröffnete globale Wettlauf um technologische Vorherrschaft der Wegbereiter der militärischen Gewalt- und Vorherrschaft und somit Grundlage jeglicher Weltführerschaft ist, ist am allerwenigsten den europäischen Entscheidungsbefugten ein Geheimnis: An der nuklear- und Dollar gestützten Pax Americana messen sie sich, denn die ist der Massstab und ist ihr Vorbild. Einzig „asymmetrische Überlegenheit….Aufklärungs- und Wirküberlegenheit in allen Dimensionen“ (ebd.) sichert – siehe Vorbild USA seit 1945 – Weltführer-, Weltherrschaft. Nun mag zwar etwa Russland zur Kapitulation gezwungen oder militärisch besiegt sein, eine Ewigkeitsgarantie ist das ebenso wenig wie prinzipiell eine asymetrische Überlegenheit „in allen Dimensionen“ auf ewig besiegelt ist: Seit wann fügen sich die respektablen Gegner oder Rivalen ihrer Unterlegenheit in allen Dimensionen? Das gilt selbst für ein etwaig besiegtes Russland, deshalb mindestens dies:

Dass die allseits beschworene glaubwürdige, auch nuklear bewaffnete „wirksame Abschreckung“ unter anderem zum Arsenal der puren Kriegs- und Friedens-Propaganda gehört, ist den Entscheidungsbefugten und ihren Generälen und sonstigen fachkundigen Kriegsplanern und Vorbereitern ohnehin klar, denn: „They (Russia, China, North Korea and Iran) circumvent our deterrence and bring the front line to our front doors. Even into our homes.“ (Rutte, To Prevent War, NATO Must Spend More, 12.12.2024)[10]

Die Einsicht, dass jede Abschreckung, auch die „Abschreckung durch asymmetrischen Technologievorsprung“ (DGAP), durch noch so asymetrische Überlegenheit respektable Gegner und Rivalen nur herausfordert, ihresgleichen sich auch darum zu bemühen, diese Einsicht bemüht die Koalition der Willigen und die Koalition der Freiheitsverteidiger ihresgleichen wiederum, alle Anstrengungen zu unternehmen; und beflügelt sie zu ungeahnten Höhenflügen in Sachen „Asymetrische Führungsüberlegenheit in allen Dimensionen.“ Unter anderem:

„Asymmetrische digitale Führungsüberlegenheit, Autonome Systeme und Roboter kombinieren KI, Sensorik und Steuerungssoftware, europäisches Hyperschallprogramm, Souveräner Zugang zum Weltraum, ein Raketenschutzschild und eigene satellitengestützte Kommunikationsfähigkeiten.“ Nicht zuletzt ist zu beachten: „Algorithmen, maschinelles Lernen und datengetriebene Systeme zur Automatisierung, Analyse und Entscheidungsunterstützung sind von grosser Bedeutung im Gefechtsfeld.“

Fazit der angestrebten, allumfassende Militarisierung des europäischen Kontinents mitsamt seiner Bewohnerschaft darauf: „In Summe zielen sie auf ‚das scharfe Ende‘ der Verteidigung, also die Überlegenheit auf dem modernen Gefechtsfeld.“ „(DGAP)

All dies sind „entscheidende Faktoren für geopolitische Macht. Europa kann es sich nicht weiter leisten, militärische Schlüsseltechnologien zu verpassen.“(DGAP) Der Anspruch Deutschlands und Europas, sich als souveräne „Selbstbehauptung im 21. Jahrhundert“ weit über den europäischen Kontinent hinaus als geopolitische Macht zu etablieren, gebietet selbstredend auch dies:

Auch diesem wenig bescheidenen, nuklearen Weltmacht-Anspruch Europas steht die pure Existenz der Atom-Weltsupermacht Russland im Weg. Darin besteht sie, darin ist sie zusammengefasst, die berüchtigte „nukleare russische Bedrohung.“ Diese für den europäischen Weltmacht-Anspruch existenzielle „Bedrohung“ muss zuallererst aus dem Weg geräumt werden: „Nukleare Abschreckung bleibt ein zentraler Pfeiler strategischer Stabilität und muss sich der konkreten nuklearen Bedrohung seitens Russlands entgegenstellen.“ (DGAP)

Ein Leitstern am Himmel der deutschen Medienlandschaft fühlt sich als ein weiterer Freiheitsverteidiger in der Koalition der Willigen verpflichtet, dem Publikum dezidiert zu kommunizieren, warum sich das von den deutschen und europäischen NATO-Entscheidungsträgern geplante „atomare Massaker“ (van Loen, die Kriminalisierung des Krieges, 1955)[11] auf jeden Fall lohnt – „whatever it takes“ (Merz). Sofern Russland angesichts der geplanten Nuklear-Drohung des europäischen Pfeilers der NATO nicht schon vorher in die Knie geht und kapituliert. Gelingt es aber nicht das Publikum auch massenmedial davon zu überzeugen, dass ein atomares Massaker in jedem Fall zu seinem Vorteil und Gunsten gereicht, dann droht allgemeine, pazifistische, landesverräterische Fahnenflucht:

„Neuerdings reden zu viele Menschen in Deutschland davon, auswandern zu wollen – aus den unterschiedlichsten Gründen. Dabei gibt es hier einiges zu verteidigen, bevor Deutschland am Ende noch zum Vasallenstaat Russlands wird.“ (FAZ, Auswandern aus Deutschland?, 30.3.2025)[12]

Eine Empfehlung für die Führbarkeit des atomaren Massakers

Vor dem Hintergrund der impulsiv geführten Debatte um Kriegstüchtigkeit und Siegfähigkeit der Bundeswehr wäre auch die Frage erneut aufzuwerfen, wie ein ‚Sieg‘ nach einem nuklearen Waffengang überhaupt definiert werden kann. (FAZ, Die Bombe verstehen lernen, 24.3.2025)[13]

Wie ein „Sieg“ nach dem Übergang von der nuklearen Drohung gegenüber der Atom-Weltsupermacht Russland seitens der deutschen und europäischen NATO-Entscheidungsträger zum atomaren Massaker in Europa zu definieren ist, haben die USA mit ihren Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki der Weltgemeinschaft eindrucksvoll vor Augen geführt. Hiroshima und Nagasaki sind für die hiesigen Atomkriegs-Planer der Ansporn, den Atomkrieg gegen Russland ebenso überlegen und souverän führen zu können, wie die USA 1945. Deshalb: “ Deutschland muss seine Passivität in Fragen der nuklearen Abschreckung überwinden.“ (FAZ, 24.3.2025) Russland, wie überhaupt alle sonstigen etwaigen Rivalen, die sich dem Weltmachtanspruch Europas in den Weg stellen sollen sehen, dass das nuklear bewaffnete Europa definitiv entschlossen ist, sich als zukünftige „Weltführungsmacht“ (Kaja Kallas) aufzustellen. Das ergibt für die europäische Atomkriegsplanung folgende Strategie: „Damit die Strategie für den möglichen Angreifer glaubhaft wirkt, gilt es, die eigene Bevölkerung zu überzeugen.“ (FAZ, 24.3.2025) Denn nichts ist glaubwürdiger als Abschreckung für den „möglichen Angreifer“ als zur Kenntnis zu nehmen, dass NATO-Europa bereit ist, seine eigene Bevölkerung um des Sieges willen ins atomare Massaker zu schicken.

In aller Deutlichkeit ist massenmedial nochmals hervorzuheben, dass es bei weitem nicht nur gegen die Atom-Weltsupermacht Russland gehen muss, sondern im Interesse der zukünftigen, nuklear hochgerüsteten deutsch-europäischen Weltführerschaft im 21. Jahrhundert gegen jeden erdenklichen „Angreifer“. Deshalb: „Nukleare Abschreckung ist kein statisches Konzept, sondern ein dynamisches Instrument, das kontinuierlich an neue geopolitische Realitäten angepasst werden muss.“ (FAZ, 24.3.2025)

Beileibe persönlich nicht so gerne ins atomare Massaker schicken lassen möchten sich die deutschen und europäischen politischen Entscheidungsträger über (Atom-) Krieg und Frieden. Denn immerhin hat „der in Deutschland häufig verunglimpfte US-Stratege Hermann Kahn..schon in seinem 1960 veröffentlichtem Buch ‚On Thermonuclear War‘ darauf hingewiesen, dass effektive Abschreckung auch auf der Fähigkeit basiere, staatliche Funktionen nach einem nuklearen Angriff aufrechtzuerhalten.“(FAZ, 24.3.2025) Die „Regierungsfunktion“ braucht es zuallererst während und nach dem atomaren Massaker. Deshalb geht es auch im geplanten „Thermonuclear War“ darum, dass „die eigene Bevölkerung“ durch Einsatz und Hingabe ihres eigenen Lebens, das Überleben von Staat, Standort und Nation mitsamt ihrer Regierungsmannschaft sichert.

Um dies bewerkstelligen zu können, haben die Bevölkerungen Europas im Grunde nur einen kleinen Lernprozess zu vollziehen, damit ihre politischen Herrschaften den Sieg im Atomkrieg einstreichen können: Erstens „Das Undenkbare denken“; ist das gelungen eröffnet es zweitens den Weg „die Bombe verstehen lernen;“ dies vollbracht ergibt für die politischen Herrschaften in Europa das Wunsch- und Traumergebnis: Die eigenen Bevölkerungen haben ihren unzeitgemässen Pazifismus überwunden und können zu sich selbst sagen: “How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb.“ (Stanley Kubrick, 1964)

Epilog: Victory is possible

Wie eingangs erwähnt: „Russia is not invicible. .we also need to prepare for war…(and) we must prepare for the worst.“ (Kaja Kallas). Das rechtfertigt, den Atomkrieg ins Auge zu fassen, allseits zu propagieren und den europäischen Kontinent einer schonungslosen Militarisierung zu unterwerfen. Gemäss einer nach wie vor gültigen US-Atomkriegs-Doktrin:

Nuclear war is possible. But unlike Armageddon, the apocalyptic war prophesied – to end history, nuclear war can have a wide range of possible outcomes…

If American nuclear power is to support U.S. foreign policy objectives, the United States must possess the ability to wage nuclear war rationally…

Strategists cannot offer painless conflicts or guarantee that their preferred posture and doctrine promise a greatly superior deterrence posture to current American schemes. But, they can claim that an intelligent U.S. offensive strategy, wedded to homeland defenses, should reduce U.S. casualties to approximately 20 million, which should render U.S. strategic threats more credible. (Colin S.Gray, Keith Payne, Victory is possible)[14]

Eine beeindruckende, „rationale“ Kosten-Nutzen-Kalkulation die vor Augen führt, dass sich für die politische Herrschaft auch ein Atomkrieg lohnt.

Erstveröffentlicht im Untergrund Blättle v. 3. April 2025
https://www.untergrund-blättle.ch/politik/europa/deutschland-und-europa-sieg-ist-moeglich-teil-2-008968.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Deutschland und Europa – Sieg ist möglich (Teil 1)


Die frohe Botschaft- Russland ist besiegbar

„Russia is not invincible…we also need to prepare for war…(and) we must prepare for the worst.“ (K.Kallas, 22.1.2025)[1]

Von Manfred Henle

Bild: Die estnische Politikerin Kaja Kallas, Vizepräsidentin der Europäischen Kommission. Foto: European Union (PD)

Seit Verkündung der Zeitenwende, radikal entschlossen, seit Trump auf demokratischen Weg die politische Macht und Führerschaft in den USA seine Hände bekommen hat, treiben diesseits des Atlantiks die politischen Entscheidungsbefugten über Krieg und Frieden, die Leit- und Massenmedien, die Denkfabriken, sowie eine Unzahl von sogenannten „Experten“ für „Sicherheit“ einen schier grenzenlosen Überbietungswettbewerb hinsichtlich Kriegsvorbereitung und Militarisierung des europäischen Kontinents. In bewusster Anlehnung an die „Koalition der Willigen“ im von den USA ohne UN-Mandat vor 20 Jahren angeführten Dritten Golfkrieg gegen den Irak, verkünden und unterbreiten die über Krieg und Frieden Entscheidungsbefugten dem Publikum ihre Kriegspläne.

Die EU-Kommission wartet unter dem ideologischen Propaganda-Schlagwort „RearmEurope“ – als hätten Deutschland und Europa unter US-Führung jahrzehntelang etwas anderes gemacht als die konsequente militär- und geostrategische Vorwärts-Einkreisung der Sowjetunion und Russlands – mit folgendem Angebot auf: „Wir befinden uns in einer Ära der Aufrüstung. Europa ist bereit, seine Verteidigungsausgaben massiv zu erhöhen…Mit „ReArm Europe“ könnten fast 800 Milliarden Euro für ein sicheres und resilientes Europa mobilisiert werden.“ (EU-Kommission, Weissbuch, Pressemitteilung, 4.3.2025)[2]

Zwar erheischen die nach oben vollkommen offenen 800 Milliarden Euros eingestandenermassen das Gegenteil eines sicheren und resilienten Europas: Denn der ins Auge gefasste Krieg gegen Russland verlangt sich darüber vollkommen im Klaren zu sein, dass der Sieg wohl nur um den Preis „Preparing for the worst-case scenario“ (EU-Kommission 2025)[3] zu haben ist. Und deshalb Sicherheit, Resilienz und sogenannte „Schutzschirme“ aller Art im Kugel-, Drohnen-. Bomben- und Raketenhagel des Gegners sich in ein Nichts auflösen werden. Eingedenk dessen eröffnet das Weissbuch der EU-Kommission dem europäischen Publikum die hoffnungsvolle Perspektive:

Das Weissbuch hat einen viel breiteren Spielraum, der sich auf die Zukunft der europäischen Verteidigung konzentriert. Es soll einen neuen Ansatz zur Verteidigung formulieren und die Mitgliedstaaten für die extremsten militärischen Eventualitäten vorbereiten. (Fragen und Antworten zum Verteidigungspaket, 19.3.2025)[4]

Auf der Grundlage, von Deutschland und Europa aus einen Krieg gegen das angeblich besiegbare Russland vorzubereiten, erscheint es den zuständigen Initiatoren von Krieg und Frieden auf jeden Fall lohnenswert, ein auf dem europäischen Kontinent bislang einmaliges Hochrüstungs-, Militär- und Verschuldungsprogramm aufzulegen:

Das hat es in der Geschichte des Deutschen Bundestags noch nie gegeben: Mit Zweidrittel-Mehrheit stimmte das Parlament für drei Änderungen im Grundgesetz, die eine nie gekannte Schuldenaufnahme möglich machen sollen. Fast eine Billion Euro sollen in den nächsten Jahren in den militärischen Bereich, die zivile Infrastruktur und den Klimaschutz gesteckt werden…Die Investitionen in die Infrastruktur brächten Vorteile für Bürgerinnen und Bürger. (Bundestag stimmt für eine Billion Euro neue Schulden, 18.3.2025)[5]

Die Vorteile für die Bürgerinnen und Bürger bei auch dieser nach oben vollkommen entgrenzten Hochrüstung liegen auf der Hand: Solange der grundgesetzlich garantierte „Spannungs- und Verteidigungsfall“, der laut GG „Art.80a“ ironischerweise „dem Schutz der Bevölkerung“ dienen soll nicht verkündet ist, solange ist es den Bürgerinnen und Bürgern erlaubt, die für „die extremsten militärischen Eventualitäten“ (v.d.Leyen) militärisch nunmehr herzurichtende „Zivile Infrastruktur“ in Gestalt von Strassen, öffentlichen Plätzen, Fuss- und Radwegen, Parks, Gebäuden, Brücken, Flüssen, Eisenbahnen, Seehäfen und sonstige Lokalitäten zu benutzen. Denn solche Einsichten sind den Entscheidungsbefugten über Krieg und Frieden und ihren militärischen Sachverständigen seit der Erfindung des Bombenkriegs mehr als geläufig: „Bis 2030 brauchen wir ein funktionierendes EU- weites Netz von Landkorridoren, Flughäfen und Seehäfen, die den schnellen Transport von Truppen und militärischer Ausrüstung erleichtern.“ (v.d.Leyen-Rede, in Dänemark,18.3.2025)[6]

Ist doch die zivile Infrastruktur mitsamt ihren Bewohnern in der modernen Kriegsführung vor allem der Staaten, die es sich militärtechnisch und ökonomisch leisten können, allererstes Zielobjekt ihrer ausgedehnten Zerstörungs- und Vernichtungstätigkeit aus der Luft – siehe gegenwärtig Ukraine und israelisches Gaza-Bombardement; einschliesslich gelegentlicher Bombardierungs-Ausflüge der israelische Luftwaffe in den Libanon, nach Syrien, in den Jemen, auch in den Iran, um nur die aktuellsten Bomben-Ausflüge der israelischen Luftwaffe zu benennen.

Der Lohn des Sieges

Dem Beschluss der gegenwärtigen europäischen Koalition der Willigen, notfalls auch ohne US-Führung und Unterstützung, die Kriegsdrohungen gegen Russland bis zu den „extremsten militärischen Eventualitäten“, bis zum tatsächlichen Krieg gegen die atomar gestützte Militärgrossmacht Russland voranzutreiben liegt die Kalkulation zugrunde, dass die siegreiche Erledigung Russlands sich allemal lohnt: Die allein schon durch die blosse Existenz der russischen Landmasse gegebene Relativierung deutscher und europäischer Ansprüche auf eine nach allen Seiten ausgreifenden Weltmacht Europa ist ein für allemal zu beenden. Schliesslich geht es darum:

„Today, it became clear that the free world needs a new leader. It’s up to us, Europeans, to take this challenge.“ (Kallas, Free world needs a new leader, 1.3.2025)[7]

Diesem anspruchsvollen Ziel den Weg zu bahnen, um im angebrochenen 21. Jahrhundert einmal von der russischen „Bedrohung“ dieses Anspruchs befreit als eine Weltführungsmacht mit und gegen andere Grossmächte wie den USA, China oder sonstigen kommenden Rivalen erfolgreich zu konkurrieren, da lohnt sich der Einsatz aller zur Verfügung stehenden und zu mobilisierenden materiellen und menschlichen Ressourcen als Grundlage staatlicher Gewaltausübung. Will heissen: „Angesichts der Bedrohungen unserer Freiheit und des Friedens auf unserem Kontinent muss jetzt auch für unsere Verteidigung gelten: whatever it takes.“ (Merz-O-Ton, 5.3.2025)[8]

Koste es was es wolle, selbstredend auch an Menschenleben, den um des Sieges willen ein Krieg, zumal ein Krieg gegen die atomar gestützte Militärgrossmacht Russland, gebietet. Es lohnt sich. Auch, weil die Millionenhere der Staatsbürger in und ohne Uniform das geplante Unternehmen, mit aller militärischen Gewalt die Freiheit und angestrebte Weltführerschaft der europäischen Staatengemeinschaft zum Durchbruch zu verhelfen, mit ihrem Einkommen, ihren Ersparnissen und ihrem Leben bezahlen werden.

Diesem eigentlich psychiatrie-reifen Irrsinn pflichten die Leit- und Massenmedien, Denkfabriken und die sogenannten Experten für Sicherheit bei, wie unlängst eine Denkfabrik und ein Leitstern am deutschen Medienhimmel. Der Koalition der Willigen gesellt sich pflichtbewusst und in Sorge um den Erfolg des gigantisch geplanten militärischen Unternehmens eine „Koalition der Freiheitsverteidiger“ hinzu.

Fussnoten:

[1] Vice-President Kaja Kallas at the Annual Conference of the European Defence Agency, 22.1.2025, unter: https://www.eeas.europa.eu/eeas/defence-speech-high-representativevice-president-kaja-kallas-annual-conference-european-defence_en

[2] EU-Kommission, Weissbuch, Pressemitteilung, 4.3.2025, unter: https://germany.representation.ec.europa.eu/news/rearm-europe-von-der-leyen-skizziert-vor-europaischem-rat-plan-zur-aufrustung-europas-2025-03-04_de?prefLang=en

[3] EU-Kommission 2025, White Paper for European Defence-Readiness 2030, unter: https://defence-industry-space.ec.europa.eu/document/download/3ce35bde-8519-416a-bc89-56a3681629ac_en?filename=WP%20on%20defence%20-%20factsheet%20v23_0.pdf

[4] Fragen und Antworten zum Verteidigungspaket: Weissbuch für die europäische Verteidigung – Bereitschaft 2030, unter: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/qanda_25_794

[5] Bundestag stimmt für eine Billion Euro neue Schulden, 18.3.2025, unter: https://www.dw.com/de/bundestag-abstimmung-heute-live-grundgesetzaenderung-sondervermoegen-schuldenbremse-v1/a-71936390

[6] v.d.Leyen, Rede zur europäischen Verteidigung an der Königlich Dänischen Militärakademie 18.3.2025, unter: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/speech_25_814

[7] Kaja Kallas, Free world needs a new leader, 1.3.2025, unter: https://news.err.ee/1609619270/free-world-needs-a-new-leader-kaja-kallas-says-after-trump-zelenskyy-exchange

[8] F.Merz, 5.3.2025, unter: https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/merz-schulden-kehrtwende-finanzpolitik-100.html

Erstveröffentlicht im Untergrund Blättle v. 1. April 2025
https://www.untergrund-blättle.ch/politik/europa/deutschland-und-europa-sieg-ist-moeglich-teil-1-008967.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

Am Rande des Abgrunds

Warum Europa in einen Krieg schlittert, den es nicht gewinnen kann.

Von Günther Burbach

Bild: Wikimedia

Es sind nicht mehr nur Warnungen. Es sind Realitäten. Frankreichs und Großbritanniens Militärchefs reisen in die Ukraine, um eine direkte europäische Präsenz vorzubereiten. „Nur Berater“ heißt es, wie in Afghanistan, wie im Irak, wie immer, wenn die Angst vor der Wahrheit größer ist als der Mut zur Ehrlichkeit. Doch die Konsequenz ist klar: Europa bewegt sich mit rasender Geschwindigkeit auf einen Krieg zu, der jenseits der Ukraine geführt werden könnte, nicht nur gegen Russland, sondern auch gegen den Rest der Vernunft.

Der Krieg in der Ukraine ist zur Chiffre geworden. Nicht mehr für territoriale Souveränität, sondern für verletztes Prestige, übersteigerte Moralrhetorik und das letzte Aufbäumen einer europäischen Führungsschicht, die jeden diplomatischen Kompass verloren hat. Was als Verteidigung begann, ist zur Offensivideologie mutiert. Und während sich die Toten täglich mehren, schrauben sich die politischen Führer immer weiter in eine Eskalation hinein, für die sie keine Exit-Strategie haben.

Werkzeuge sind ersetzbar

Was wäre, wenn tatsächlich britische oder französische Soldaten in der Ukraine ums Leben kämen? Ein Angriff auf einen NATO-Staat? Ein Bündnisfall? Ein Dritter Weltkrieg? Die Antwort liegt nicht mehr im Konjunktiv. Sie liegt in der kalten Realität einer Strategie, die gar keine mehr ist. Europa hat sich moralisch in eine Ecke manövriert, aus der es nicht mehr herauskommt, ohne den Vorwurf des Verrats an der Ukraine. Also macht man weiter. Auch ohne Ziel.

Russlands Position ist deutlich: Friedensverhandlungen ja, aber zu Bedingungen, die im Westen kategorisch abgelehnt werden. Die Anerkennung der Krim, die Neutralität der Ukraine, der Verzicht auf NATO-Beitritt. Vorschläge wie eine temporäre UN-Administration in Kiew werden belächelt oder ignoriert. Dabei wäre gerade jetzt ein Moment der Pragmatik gefragt. Doch Europa verhandelt nicht mehr. Es belehrt, es sanktioniert, es liefert Waffen.

Und Amerika? Amerika spielt sein eigenes Spiel. Unter Trump geht es nicht um Ukraine, nicht um Russland, nicht um Menschenrechte. Es geht um China. Um das nächste große Spielbrett. Und dafür braucht es, vielleicht – einen halbwegs befriedeten Osten. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist es Amerika schlicht egal, was aus Europa wird. Die geopolitische Linie ist klar: Europa ist nicht das Ziel. Es ist ein Werkzeug. Und Werkzeuge sind ersetzbar.

Wer hinterfragt, wird diffamiert

Die Medien? Sie tun, was sie seit Jahren tun. Sie warnen vor der Gefahr aus Moskau, sie basteln Bedrohungsszenarien, sie geben der Politik das moralische Rüstzeug, weiterzumachen. Dass Russland ökonomisch geschwächt, militärisch gebunden und geopolitisch isoliert ist, spielt keine Rolle mehr. Dass ein Angriff auf Europa strategisch völlig sinnlos wäre, wird nicht einmal mehr diskutiert. Es geht nicht um Analyse. Es geht um Haltung.

Inmitten all dessen wirkt die politische Führung Europas zunehmend kopflos. Unter dem Druck der Öffentlichkeit, getrieben von Umfragewerten, sozialen Medien und innerparteilichen Machtkämpfen, agieren viele Entscheidungsträger wie Getriebene. Jeder Kompromiss gilt als Schwäche, jedes Zögern als Verrat. In dieser Atmosphäre haben Diplomatie und Nachdenklichkeit keinen Platz mehr. Was zählt, ist Entschlossenheit, auch wenn sie in die Sackgasse führt.

Dabei gibt es sie noch, die warnenden Stimmen: aus Italien, aus Griechenland, selbst aus Teilen der deutschen Bevölkerung. Doch sie werden übertönt von einem Chor der Härte, der nicht mehr unterscheiden will zwischen Verteidigung und Angriff, zwischen Besonnenheit und Feigheit. Die Logik ist binär geworden: Wer nicht für Waffen ist, ist gegen die Ukraine. Wer verhandeln will, betreibt Appeasement. Wer hinterfragt, wird diffamiert.

Frieden ist keine Kapitulation

Der Philosoph Richard David Precht bringt es auf den Punkt: „Wir führen einen Stellvertreterkrieg und tun so, als wären wir moralisch überhöht. Dabei fehlt uns der Mut, über Alternativen zum Krieg nachzudenken.“ Diese Worte beschreiben präzise das Klima in Europa: Wer nicht mitmarschiert, wird ausgegrenzt. Precht ist damit einer der wenigen, die öffentlich aussprechen, was viele denken, aber nicht mehr zu sagen wagen.

Was wir erleben, ist das perfekte Rezept für eine Katastrophe: ein ideologisch aufgeladener Konflikt, eine politische Elite ohne diplomatische Fantasie, eine öffentliche Meinung, die auf Krieg vorbereitet wird, und ein globales Machtvakuum, in dem Rationalität längst zur Schwäche erklärt wurde. Die europäische Politik gleicht zunehmend einer Herde kopfloser Hühner, die blindlings auf eine Autobahn rennen, in der irrigen Annahme, dass man sie für mutig hält.

Wenn es jetzt nicht gelingt, diesen Kurs zu verlassen, wird Europa zum Schlachtfeld. Nicht, weil Russland es angreift. Sondern weil niemand den Mut hat, zurückzutreten. Und weil niemand mehr sagt, was gesagt werden muss:

Frieden ist keine Kapitulation. Frieden ist das Einzige, was uns vor dem Abgrund bewahren kann. Alles andere führt unausweichlich in eine Eskalation, deren Ende niemand mehr kontrollieren wird.

Quellen
  • Reuters: Putins Vorschlag für temporäre UN-Verwaltung in der Ukraine (2025)
  • ZDF: Russische Bedingungen für Friedensverhandlungen (2025)
  • The Guardian: Trumps Strategie gegen China – Ukraine nur Mittel zum Zweck (2025)
  • Watson: Entsendung europäischer Militärchefs nach Kiew (2025)
  • APNews: EU-„Porcupine-Strategie“ zur Aufrüstung der Ukraine (2025)
  • Zeit Online: Widerstand gegen russische Forderungen in EU-Führung (2025)
  • Interview mit Richard David Precht, Podcast „Lanz & Precht“, 2023

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 7. Aptil 2025
Wir danken für das Publikationsrecht.

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