Der Wortlaut des amerikanisch-russischen 28-Punkte Friedensplans ist bekannt geworden

Der vorliegende Plan ist mehr als eine Idee und weniger als ein unterschriebener Vertrag. Doch der Umfang der Festlegungen und seine Konkretion begründen die Aussicht, dass es zu einer Vereinbarung kommt. Er trägt die Handschrift der USA, der keine unerhebliche Verantwortung für das Ausbrechen des Krieges zukommt und trägt der Tatsache Rechnung, dass die Strategie der Biden-Regierung, Russland durch einen langandauenden Krieg zu schwächen und die wirtschaftliche, politische und militärische Anbindung der Gebiete, die einmal zur Sowjetunion gehörten, zu beenden und der NATO-Kontrolle zu unterwerfen, vorerst gescheitert ist. Auf der Haben-Seite der USA stehen exklusive Geschäfte mit der Ukraine und mit Russland.

Russland hat gute Gründe, einem solchen Plan zuzustimmen. Das Abkommen beseitigt wesentliche Hindernisse der als Drohung empfundenen NATO-Präsenz in der Ukraine und macht die Tür auf für eine politische und wirtschaftliche Wiedereinbindung des Landes in Weltwirtschaft und Weltpolitik. Dazu kommt als Kriegsbeute ein staatlicher Zugriff auf die begehrten Ressorcen bedeutender Gebiete, die nun der Russischen Konföderation angegliedert werden.

Die Ukraine als Staat muss schmerzliche Konzessionen hinnehmen. Doch dafür trägt seine politische Führung auch ein großes Stück der Verantwortung. Es war ein Irrsinn, eine NATO-Mitgliedschaft der Ukaine zu fordern, die eine Stationierung von Atomwaffen an der russischen Grenze ermöglicht hätte. Ein ähnliches Szenario – die Stationierung einer atomaren Basis in Kuba durch die Sowjetunion – hätte 1961 fast ein nukleares Inferno ausgelöst. Der militärisch-industrielle Komplex der USA war dazu bereit und nur dem deeskalierenden Einsatz von Kennedy und Chrustschow ist es zu verdanken, dass die Krise beigelegt wurde. Selensky war eigentlich für das Versprechen gewählt worden, eine Verhandlungslösung mit Russland zu suchen. Doch hat er sich dann durch den Druck aus London und Washington und die Drohung des rechten Sektors dagegen und für eine Kriegseskalation entschieden. Die unterschriftsreife Verhandlungslösung vom März 2022 wäre um vieles besser als das jetzt auf dem Tisch liegende Abkommen. Und die 100 000en, die Opfer des Krieges geworden sind, wären noch am Leben. Auch stünde das Land nicht vor der jetzt zu bilanzierenden wirtschaftlichen Katastrophe. Der russophobe ukrainische Nationalismus hat dazu geführt, dass jetzt mehr denn je andere Mächte über seine Zukunft entscheiden. Für die Bevölkerung der Ukraine wird ein Ende des Krieges jedoch ein Aufatmen und Grund für neue Hoffnungen sein.

Außen vor, ohne wirkliche Kriegsbeute, stehen die Staaten der EU. Auch sie sind daran nicht unschuldig. Sie haben sich darauf verlassen, dass die nuklear gerüstete Supermacht ihre schützende Hand auch in Zukunft über die weltweiten Geschäfte europäischer Unternehmen hält. Und das ist es ja, was im Kapitalismus zählt und auch bei der Standortbindung von Konzernen eine Rolle spielt. Doch die Niedergangskrise des US-Hegemons hat die Spielregeln verändert. Die USA sind nicht mehr bereit, für die Sicherheitsbedürfnisse von Staaten, die sie als wirtschaftliche Konkurrenten begreifen, zu zahlen. Und sie schrecken auch nicht davor zurück, sie direkt massiv zu schädigen. Die jetzt zu vernehmenden Empfehlungen von „Experten“ wie Roderich Kiesewetter, man müsse nun direkt auf höherer Stufe eskalieren und einen direkten Krieg mit Russland riskieren, offenbart nur hysterische wie verantwortungslose Hilflosigkeit und ist ein Eingeständnis für die strategische Sackgasse der EU-Eliten, aus der aus menschlichem Ermessen keine „Zeitenwende“ oder „Kriegstüchtigkeit“ herausführt, sondern eine Politik der Abrüstung, Verständigung und Kooperation zu gegenseitigem Nutzen. Doch um eine solche Wende in den Bereich des Möglichen zu rücken, muss sich in der Gesellschaft noch viel bewegen. Den Hauptverdienst für die aktuelle Entwicklung hat die Bevölkerungsmehrheit der Ukraine, die nicht mehr willens war, weiter in den Krieg zu ziehen. Es zeigte sich einmal mehr, dass Kriege durch die beendet werden, die in ihm nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren haben. (Jochen Gester)

Von Florian Rötzer

Bild: Der ukrainische Präsident Selenskij hat nach einem Treffen mit dem US-Armeeminister Driscoll erklärt, über den Friedensplan mit US-Präsident Trump in den nächsten Tagen verhandeln zu wollen. Bild: president.gov.ua/CC BY-NC-ND-4.0

Heute Abend haben der ukrainische Präsident Selenskij und US-Armeeminister Driscoll bei einem Treffen vereinbart, an den Punkten des Friedensplans zu arbeiten. Er wurde im Geheimen von Trumps Sondergesandter Stephen Witkoff und Russlands Sondergesandter Kirill Dmitriev ohne Mitwirkung der Ukraine und der Europäer ausgehandelt.

Offenbar sieht der angeschlagene Selenskij keine Möglichkeit,  sich den Verhandlungen über den 28-Punkte-Plan zu entziehen. Er steckt mitten im Korruptionssumpf, muss in der Ukraine damit rechnen, entmachtet, wenn nicht gestürzt zu werden, und ist sich natürlich der misslichen Lage an der Front bewusst, die dazu zwingt, schnell einen Waffenstillstand herbeizuführen, bevor Russland weitere Geländegewinne macht und die Position der Ukraine weiter geschwächt wird.

Er hatte wohl versucht, einen eigenen Plan mit den europäischen Partnern vorzuschlagen und erst einmal den amerikanisch-russischen Plan abgelehnt. Der Druck aus Washington war aber wohl zu groß und die Sicherheit von den europäischen Partner zu gering, um nicht Trump entgegenzukommen, der unbedingt für sein Erfolgskonto ein Kriegsende bewirken will. „Unsere Teams – die Ukraine und die USA – werden an den Punkten des Plans zur Beendigung des Krieges arbeiten. Wir sind bereit für eine konstruktive, ehrliche und operative Arbeit“, schrieb Selenskij, der gleichzeitig aber Washington gewinnen will, Sanktionen gegen Russland zu verschärfen. Er tut so, als würde Russland keine Rolle spielen, aber natürlich muss er sich mit Putin einigen, während Trump auf beide Druck ausübt.

Selenskij wird mit den europäischen Partnern im Rücken versuchen, die vorgesehenen Punkte im Plan zugunsten der Ukraine zu ändern. Der Kreml wird sich dem widersetzen und wahrscheinlich noch stärker auf Zeit setzen. Aus Russland wird berichtet, dass die Stadt Kupjansk in der Region Charkiw gerade eingenommen und größere Truppenverbände eingeschlossen seien. Es sollen auch Teile der Stadt Konstantinovka in der Region Donezk und der Stadt Veseli in der Region Saporischschja eingenommen worden sein. Für Selenskij wird es nun immer mehr ein Spiel auf Zeit, den Krieg zu beenden. Dafür wird er viele Konzessionen machen müssen, die ihm als Verrat oder Kapitulation ausgelegt werden. Trump hingegen ist nur bedingt bereit, die Ukraine zu unterstützen, vermutlich ist ihm wichtiger, dass der Krieg beendet wird und die USA und Russland wirtschaftliche Beziehungen ausbauen.

Strana veröffentlichte den 28-Punkte-Plan, erklärt aber nicht weiter, wie man an das Dokument gelangt ist. Axios hat den Plan ebenfalls veröffentlicht. Die Punkte scheinen aber mit dem übereinzustimmen, was bislang durchgesickert ist. Der Ukraine wird der Beitritt zur Nato verwehrt, sie muss ihre Truppen reduzieren, kann aber der EU beitreten. Die Sanktionen gegen Russland werden schrittweise abgebaut, große Teile der eingefrorenen russischen Gelder sollen für den Wiederaufbau verwendet werden, der für die USA Gewinne abwerfen soll, mit Russland werden umfangreiche Wirtschaftsbeziehungen aufgebaut. Reparationszahlungen sind nicht vorgesehen, auch keine Verfolgung von Kriegsverbrechen. Russland erhält die Krim, Donezk und Lugansk, in den Regionen Cherson und Saporischschja soll die Front zur Demarkationslinie werden. Andere besetzte Gebiete wie vermutlich in der Region Charkiw könnten der Ukraine zurückgegeben werden.

  1. Die Souveränität der Ukraine wird bestätigt.
  1. Zwischen Russland, der Ukraine und Europa wird ein umfassendes Nichtangriffsabkommen geschlossen. Alle Unklarheiten der vergangenen 30 Jahre gelten damit als beseitigt.
  1. Es wird nicht erwartet, dass Russland in Nachbarländer einmarschiert, und es wird nicht erwartet, dass die NATO sich weiter ausdehnt.
  1. Zwischen Russland und der NATO wird ein Dialog unter Vermittlung der Vereinigten Staaten stattfinden, um alle Sicherheitsfragen zu lösen und die Voraussetzungen für eine Deeskalation zu schaffen, um die globale Sicherheit zu gewährleisten und die Möglichkeiten für Interaktion und künftige wirtschaftliche Entwicklung zu erweitern.
  1. Die Ukraine wird verlässliche Sicherheitsgarantien erhalten.
  1. Die Stärke der ukrainischen Streitkräfte wird auf 600.000 Personen begrenzt.
  1. Die Ukraine verpflichtet sich, in ihrer Verfassung festzuschreiben, dass sie der NATO nicht beitreten wird, und die NATO verpflichtet sich, in ihre Charta eine Bestimmung aufzunehmen, dass die Ukraine künftig nicht mehr aufgenommen wird.
  1. Die NATO beschließt, keine Truppen in die Ukraine zu entsenden.
  1. Europäische Kampfflugzeuge werden in Polen stationiert.
  1. US-Garantie:

▪️ Die USA erhalten eine Entschädigung für die Garantie

▪️ Wenn die Ukraine Russland angreift, verliert sie ihre Garantie.

▪️ Sollte Russland in die Ukraine einmarschieren, werden neben einer entschiedenen koordinierten militärischen Reaktion alle globalen Sanktionen wieder in Kraft gesetzt, die Anerkennung des neuen Territoriums und alle anderen Vorteile dieses Abkommens werden widerrufen.

▪️ Sollte die Ukraine grundlos eine Rakete auf Moskau oder St. Petersburg abfeuern, wird die Sicherheitsgarantie als ungültig betrachtet.

  1. Die Ukraine ist für eine EU-Mitgliedschaft berechtigt und erhält während der Prüfung dieser Frage einen kurzfristigen Vorzugszugang zum europäischen Markt.
  1. Ein umfassendes globales Maßnahmenpaket zum Wiederaufbau der Ukraine, einschließlich, aber nicht beschränkt auf:
  1. Einrichtung des Ukraine-Entwicklungsfonds zur Investition in wachstumsstarke Branchen, einschließlich Technologie, Rechenzentren und künstlicher Intelligenz.
  1. Die Vereinigten Staaten werden mit der Ukraine zusammenarbeiten, um die ukrainische Gasinfrastruktur, einschließlich Pipelines und Speichereinrichtungen, gemeinsam wiederherzustellen, auszubauen, zu modernisieren und zu betreiben.
  1. Gemeinsame Anstrengungen zur Wiederherstellung kriegszerstörter Gebiete, zur Wiederherstellung, zum Wiederaufbau und zur Modernisierung von Städten und Wohngebieten
  1. Infrastrukturentwicklung
  1. Gewinnung von Mineralien und natürlichen Ressourcen
  1. Die Weltbank wird ein spezielles Finanzierungspaket entwickeln, um diese Bemühungen zu beschleunigen.
  1. Russland wird wieder in die Weltwirtschaft integriert werden:
  1. Die Aufhebung der Sanktionen wird schrittweise und auf individueller Basis besprochen und vereinbart.
  1. Die Vereinigten Staaten werden ein langfristiges Wirtschaftskooperationsabkommen abschließen, um eine gegenseitige Entwicklung in den Bereichen Energie, natürliche Ressourcen, Infrastruktur, künstliche Intelligenz, Rechenzentren, Projekte zum Abbau seltener Erden in der Arktis und anderen für beide Seiten vorteilhaften Geschäftsmöglichkeiten zu erreichen.
  1. Russland wird eingeladen, zur G8 zurückzukehren.
  1. Die eingefrorenen Gelder werden wie folgt verwendet:

100 Milliarden US-Dollar an eingefrorenen russischen Vermögenswerten werden in die von den USA geführten Wiederaufbau- und Investitionsbemühungen in der Ukraine investiert. Die USA erhalten 50 % der Gewinne aus diesem Vorhaben. Europa steuert weitere 100 Milliarden US-Dollar bei, um die für den Wiederaufbau der Ukraine verfügbaren Investitionen zu erhöhen. Die eingefrorenen europäischen Gelder werden freigegeben. Die verbleibenden eingefrorenen russischen Gelder werden in ein separates US-amerikanisch-russisches Investitionsvehikel investiert, das gemeinsame Projekte in bestimmten Bereichen umsetzen wird. Dieser Fonds soll die Beziehungen stärken und gemeinsame Interessen ausbauen, um einen starken Anreiz zu schaffen, nicht in einen erneuten Konflikt zu verfallen.

  1. Zur Erleichterung und Gewährleistung der Umsetzung aller Bestimmungen dieses Abkommens wird eine gemeinsame US-amerikanisch-russische Arbeitsgruppe für Sicherheitsfragen eingerichtet.
  1. Russland wird seine Nichtangriffspolitik gegenüber Europa und der Ukraine gesetzlich verankern.
  1. Die Vereinigten Staaten und Russland werden sich auf eine Verlängerung der Verträge über die Nichtverbreitung und Kontrolle von Kernwaffen, einschließlich des START-1-Vertrags, einigen.
  1. Die Ukraine erklärt sich bereit, gemäß dem Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen ein kernwaffenfreier Staat zu sein.
  1. Das Kernkraftwerk Saporischschja wird unter Aufsicht der IAEA in Betrieb genommen, und der erzeugte Strom wird zu gleichen Teilen zwischen Russland und der Ukraine aufgeteilt – 50:50.
  1. Beide Länder verpflichten sich zur Umsetzung von Bildungsprogrammen in Schulen und Gesellschaft, die auf das Verständnis und die Toleranz gegenüber verschiedenen Kulturen sowie auf die Beseitigung von Rassismus und Vorurteilen abzielen:
  1. Die Ukraine wird die EU-Regeln zur religiösen Toleranz und zum Schutz sprachlicher Minderheiten übernehmen.
  1. Beide Länder werden sich darauf einigen, alle diskriminierenden Maßnahmen abzuschaffen und die Rechte der ukrainischen und russischen Medien und des Bildungswesens zu gewährleisten.
  1. Sämtliche Nazi-Ideologie und -Aktivitäten müssen abgelehnt und verboten werden.
  1. Territorien:
  1. Die Krim, Luhansk und Donezk werden de facto als russisch anerkannt, auch von den Vereinigten Staaten.
  1. Cherson und Saporischschja werden entlang der Kontaktlinie eingefroren sein, was einer faktischen Anerkennung entlang der Kontaktlinie gleichkommt.
  1. Russland gibt weitere vereinbarte Gebiete auf (wahrscheinlich sind damit die von der Russischen Föderation besetzten Teile der Regionen Charkiw, Sumy und Dnipropetrowsk gemeint – Anm. d. Red. ), die es außerhalb der fünf Regionen kontrolliert.
  1. Die ukrainischen Streitkräfte werden sich aus dem von ihnen derzeit kontrollierten Teil des Gebiets Donezk zurückziehen. Diese Rückzugszone wird als neutrale, entmilitarisierte Pufferzone gelten, die international als zum Gebiet der Russischen Föderation gehörig anerkannt ist. Russische Streitkräfte werden diese entmilitarisierte Zone nicht betreten.
  1. Nach der Einigung über künftige territoriale Regelungen verpflichten sich die Russische Föderation und die Ukraine, diese Vereinbarungen nicht mit Gewalt zu ändern. Im Falle eines Verstoßes gegen diese Verpflichtung erlöschen jegliche Sicherheitsgarantien.
  1. Russland wird die Nutzung des Dnepr durch die Ukraine für kommerzielle Zwecke nicht behindern, und es werden Abkommen über den freien Transport von Getreide durch das Schwarze Meer geschlossen.
  1. Zur Lösung offener Fragen wird ein humanitärer Ausschuss eingerichtet:
  1. Alle verbleibenden Gefangenen und Leichen werden im Prinzip „alle gegen alle“ ausgetauscht.
  1. Alle zivilen Gefangenen und Geiseln, einschließlich der Kinder, werden zurückgebracht.
  1. Es wird ein Programm zur Familienzusammenführung umgesetzt.
  1. Es werden Maßnahmen ergriffen, um das Leid der Opfer des Konflikts zu lindern.
  1. In 100 Tagen finden in der Ukraine Wahlen statt.
  1. Alle an diesem Konflikt beteiligten Parteien erhalten eine vollständige Amnestie für ihre Handlungen während des Krieges und verpflichten sich, künftig keine Ansprüche mehr geltend zu machen oder Beschwerden zu berücksichtigen.
  1. Dieses Abkommen ist rechtsverbindlich. Seine Umsetzung wird von einem Friedensrat unter dem Vorsitz von Präsident Trump überwacht und gewährleistet. Verstöße werden mit Sanktionen geahndet.
  1. Sobald alle Parteien diesem Memorandum zugestimmt haben, tritt der Waffenstillstand unmittelbar nach dem Rückzug beider Parteien an die vereinbarten Punkte in Kraft, um mit der Umsetzung der Vereinbarung zu beginnen.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 20.11. 2025
https://overton-magazin.de/top-story/der-wortlaut-des-amerikanisch-russischen-28-punkte-friedensplans-ist-bekannt-geworden/

Wir danken für das Publikationsrecht.

Kriegseintritt statt Friedensplan

Der neue Plan der USA und Russlands für einen Waffenstillstand in der Ukraine stößt in Berlin auf Ablehnung. CDU-Abgeordneter fordert faktisch Kriegseintritt. Zwei Drittel der ukrainischen Bevölkerung fordern Friedensverhandlungen.

Von German Foreign Politics

Bild: Screenshot You Tube Video. Beschriftet.

BERLIN/KIEW/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Der neue US-amerikanisch-russische Plan für einen Waffenstillstand in der Ukraine stößt in Berlin auf Ablehnung. Laut Berichten haben sich Sondergesandte Russlands und der Vereinigten Staaten vor kurzem auf einen 28-Punkte-Plan geeinigt, mit dem der Ukraine-Krieg beendet werden soll. Er sieht vor, dass die Ukraine die Regionen Donezk und Luhansk vollständig aufgibt und klare Einschränkungen bei ihren Streitkräften akzeptiert. Dafür soll sie Sicherheitsgarantien erhalten. Ein solcher Plan sei „nicht akzeptabel“, urteilt Kanzleramtschef Thorsten Frei. Der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter fordert, stattdessen einen „Siegesplan“ für die Ukraine zu entwickeln und dazu unter anderem die „Flugabwehr über der Westukraine“ zu übernehmen, also in den Krieg einzutreten. Bereits zuvor hatte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärt, Kriege würden „von denen verloren, denen zuerst das Geld oder die Soldaten ausgehen“; die EU werde für die Kiewer Finanzen sorgen. In der Bevölkerung der Ukraine nimmt nicht nur der Widerstand gegen die Zwangsrekrutierung von Männern zu; eine Zwei-Drittel-Mehrheit wünscht zudem Verhandlungen über ein schnellstmögliches Ende des Kriegs.

Territorien

Der neue Plan für einen Waffenstillstand in der Ukraine, den Berichten zufolge der US-Immobilieninvestor Steve Witkoff im Auftrag von Präsident Donald Trump und der Leiter des russischen Staatsfonds, Kirill Dmitrijew, im Auftrag von Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen vom 24. bis zum 26. Oktober in Miami im Kern entwickelt haben [1], enthält Regelungen, die einen Mix aus Territorial- und Sicherheitsfragen umfassen. Er sieht – soweit bekannt – vor, dass die Ukraine diejenigen Teile der Regionen Donezk und Luhansk, die sie noch kontrolliert, an Russland übergibt.[2] Russland soll dort allerdings keinerlei Truppen stationieren dürfen. Umgekehrt heißt es, Russland solle einige Gebiete in den Regionen Cherson und Saporischschja an die Ukraine zurückgeben.[3] Davon abgesehen solle dort die aktuelle Frontlinie eingefroren werden. Zur Erläuterung der Forderung, die Ukraine solle die bislang noch von ihr militärisch kontrollierten Teile der Regionen Donezk und Luhansk freiwillig räumen, heißt es, die russischen Streitkräfte seien dort ohnehin auf dem Vormarsch und würden die fraglichen Territorien nach dem erwarteten Fall von Pokrowsk früher oder später erobern. Wenn man sie ihnen jetzt übergebe – und das im Gegenzug gegen einen Waffenstillstand –, verkürze man wenigstens den Krieg und das Leiden.

Sicherheit

Der von Witkoff und Dmitrijew entworfene Plan sieht darüber hinaus Maßnahmen vor, die den jeweiligen Sicherheitsbedürfnissen beider Seiten Rechnung tragen. Im Kern geht es dabei um die russische Forderung, die Ukraine dürfe in Zukunft nicht von der NATO zu einer militärischen Bedrohung für Russland gemacht werden. Das ist Moskaus zentrales Kriegsziel. Putin hatte im Herbst 2021 in einem Schreiben an die NATO erklärt, keinen Angriff auf die Ukraine führen zu wollen, sollte das westliche Militärbündnis auf die Mitgliedschaft des Landes verbindlich verzichten. Dazu war die NATO jedoch nicht bereit (german-foreign-policy.com berichtete [4]). Der aktuelle US-amerikanisch-russische Plan sieht nun vor, dass die ukrainischen Streitkräfte halbiert werden; dass sie auf bestimmte, für Angriffe auf Ziele in Russland benötigte Waffensysteme verzichten; und dass sie bestimmte Formen von US-Unterstützung nicht mehr erhalten.[5] Im Gegenzug werden Kiew US-Sicherheitsgarantien in Aussicht gestellt. Weitere Elemente sehen Regelungen für die ukrainische Innenpolitik vor; so sollen das Russische wieder als offizielle Amtssprache zugelassen und die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche wieder in vollem Umfang legalisiert werden.

Immer mehr Deserteure

Der neue Vorstoß zugunsten eines Waffenstillstands erfolgt, während die Ukraine auf dem Schlachtfeld empfindliche Rückschläge erleidet. So steht der Fall der strategisch bedeutenden Stadt Pokrowsk laut Einschätzung von Militärexperten kurz bevor.[6] An der Strategie der ukrainischen Militärführung, die Stadt um jeden Preis zu halten zu suchen, wird zunehmend Kritik geäußert – zum einen, weil die Opferzahl unter den Soldaten immer stärker steigt, zum anderen, weil die Verteidigung von Pokrowsk Kräfte bindet, die jetzt an anderer Stelle fehlen. Dies betrifft die Region Saporischschja, in der sich die russischen Streitkräfte mittlerweile wieder in der Offensive befinden.[7] Dabei „schrumpfen“ die ukrainischen Streitkräfte, wie der in der Ukraine gut vernetzte Militärexperte Franz-Stefan Gady kürzlich bestätigte; das sei nicht nur wegen der hohen Verluste, sondern auch aufgrund zunehmender Desertionen der Fall.[8] Bereits Ende August hatten die ukrainischen Behörden eingeräumt, die Zahl der aufgrund von Desertion eingeleiteten Gerichtsverfahren belaufe sich inzwischen auf mehr als 250.000.[9] In der Ukraine nehmen die Proteste gegen Zwangsrekrutierungen, bei denen Männer gewaltsam an die Front verschleppt werden, zu.[10]

Immer weniger Kriegsbefürworter

Parallel schwindet in der ukrainischen Bevölkerung die Zustimmung zum Krieg. Bereits im August hatte eine Umfrage ergeben, dass nur noch 24 Prozent der Bevölkerung der Meinung waren, die Ukraine solle den Krieg bis zum erhofften Sieg fortsetzen. 69 Prozent hingegen befürworteten Verhandlungen mit dem Ziel, den Krieg so rasch wie möglich zu beenden.[11] Aktuell kommt eine schnell steigende Ablehnung gegenüber der Amtsführung von Präsident Wolodymyr Selenskyj hinzu. Ursache ist der jüngste Korruptionsskandal, der mit Timur Minditsch auch einen von Selenskyjs engsten Mitarbeitern betrifft. Dieser bringt nicht mehr nur die ukrainische Opposition gegen Selenskyj auf, sondern auch eine Reihe Abgeordnete der Regierungsfraktion „Diener des Volkes“ im Parlament, die mit ihrem Austritt droht. Die Regierung unter Selenskyj verfügte dann über keine Mehrheit mehr. Die ursprünglich für diese Woche geplante zweite Lesung des Staatshaushalts musste aufgrund des Streits bereits auf Dezember verschoben werden.[12] Nach Berichten ist die Zustimmung zu Selenskyj in der Bevölkerung aufgrund des Korruptionsskandals dramatisch um gut 40 Prozentpunkte abgestürzt und liegt nun bei weniger als 20 Prozent.[13]

Wer Kriege verliert

Ungerührt von der Entwicklung halten die EU und fast alle ihrer Mitgliedstaaten an ihrer Unterstützung für Selenskyj und vor allem der Forderung, den Krieg weiterzuführen, fest. In der vergangenen Woche erklärte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas: „Kriege werden von denen verloren, denen zuerst das Geld oder die Soldaten ausgehen.“[14] Damit das Geld nicht Kiew, sondern Moskau ausgehe, führe Brüssel seine massive finanzielle Unterstützung für die Ukraine fort, während es seine Sanktionen gegen Moskau stetig ausweite, erklärte Kallas. Zu der Frage, was es bedeutet, sollten der Ukraine wirklich die Soldaten „ausgehen“, äußerte sie sich nicht.

Nicht zum Waffenstillstand bereit

Der aktuelle US-amerikanisch-russische Waffenstillstandsplan wiederum stößt in Berlin auf Ablehnung. Kanzleramtschef Thorsten Frei nannte die Berichte über den Plan „verstörend“; sollte Russland „Kriegsziele erreichen“, die es „auf dem Schlachtfeld nicht erreicht hat“, wäre dies „nicht akzeptabel“. Vorsichtiger äußerte sich Außenminister Johann Wadephul: Er erklärte, er begrüße jede Waffenstillstandsinitiative, wünsche aber eine Einbeziehung der Staaten Europas.[15] Der CDU-Außen- und Militärpolitiker Roderich Kiesewetter hingegen stufte den Plan als „sinnlos“ ein und forderte stattdessen einen „Siegesplan“ für die Ukraine. Dazu sei nicht nur die Lieferung von Marschflugkörpern des Modells Taurus erforderlich, sondern auch die unmittelbare Übernahme der „Flugabwehr über der Westukraine“ mit einer „Koalition der Willigen“.[16] Damit träte die Bundesrepublik aktiv in die Kampfhandlungen in der Ukraine und damit in den Krieg ein.

[1] Barak Ravid, Dave Lawler: Scoop: U.S. secretly drafting new plan to end Ukraine war. axios.com 19.11.2025.

[2] Christopher Miller, Anastasia Stognei, Amy Mackinnon: US and Russian officials draft new peace plan for Ukraine. ft.com 19.11.2025.

[3] Barak Ravid: Scoop: Trump plan asks Ukraine to cede additional territory for security guarantee. axios.com 19.11.2025.

[4] S. dazu Gefährliche Sicherheitsgarantien.

[5] Christopher Miller, Anastasia Stognei, Amy Mackinnon: US and Russian officials draft new peace plan for Ukraine. ft.com 19.11.2025.

[6] Oliver Imhof: „Die ukrainischen Streitkräfte schrumpfen, und die Front ist sehr ausgedünnt“. spiegel.de 05.11.2025.

[7] Reinhard Lauterbach: Vormarsch im Nebel. junge Welt 17.11.2025.

[8] Oliver Imhof: „Die ukrainischen Streitkräfte schrumpfen, und die Front ist sehr ausgedünnt“. spiegel.de 05.11.2025.

[9] Yuliia Taradiuk: Over 250,000 desertion, AWOL cases opened since 2022, prosecutors say. kyivindependent.com 26.08.2025.

[10] Ian Proud: Ukraine’s ‘Busification’ – forced conscription – is the tip of the iceberg. responsiblestatecraft.org 04.11.2025. Eine Vielzahl an Fällen von Zwangsrekrutierungen ist dokumentiert – einschließlich Videos – auf busification.org.

[11] Ukrainian Support for War Effort Collapses. news.gallup.com 07.08.2025.

[12] Nach Korruptionsskandal steigt Druck auf Selenskyj. Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.11.2025.

[13] Josh Rudolph, Olena Prokopenko, Valeriia Ivanova: Yermak Must Go: Zelenskyy’s Anti-Corruption Test. gmfus.org 18.11.2025.

[14] European Group of Five (E5): Press remarks by the High Representative Kaja Kallas following the meeting. eeas.europa.eu 14.11.2025.

[15] Sven Lemkemeyer: „Verstörend“, „Kapitulationsplan“, „inakzeptabel“: Das sind die wichtigsten Reaktionen auf den Ukraine-Friedensplan. Tagesspiegel.de 20.11.2025.

[16] Simon Schröder: „Kapitulieren kann die Ukraine alleine“: Experten zerreißen Trumps Hinterzimmer-Deal mit Putin. merkur.de 20.11.2025.

Erstveröffentlichtauf GFP v. 21.11. 2025
https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/10206

Wir danken für das Publikationsrecht.

Auf dem Weg in die (rechte) Militärrepublik

Teil des Protestes gegen Aufrüstung und Militarisierung sein!

Von Tobias Pflüger

11. November 2025

Bundeskongress 2025

Vortrag von Tobias Pflüger, gehalten auf dem Außerordentlichen Bundeskongress der VVN-BdA in Stuttgart am 4./5. Oktober 2025

Bild: Screenshot You Tube Video

Als Vorbemerkung: Die derzeitige Rechtsentwicklung in der hiesigen Gesellschaft wird begleitet durch eine heftige Militarisierung (in der Bundesrepublik). Der Begriff „Highway to hell“ von Fritz Burschel trifft hier durchaus auf beides zu.

Die jetzt im Amt befindliche Bundesregierung hat gemeinsam mit den Grünen bevor sie ins Amt kam, zwei hunderte von Milliarden schwere Schuldenprogramme aufgelegt, einmal das so genannte Infrastrukturprogramm und einmal ein nach oben offenes Militär- und Rüstungsfinanzierungsprogramm. Diese Schuldenprogramme sind allein schon wegen ihrer unglaublichen Dimension aber natürlich darüber hinaus prägend für die Politik der nächsten Jahre. Der Militärbereich ist allem anderen übergeordnet. Ausgaben für Militär und Rüstung haben absolute Priorität, alles andere ist dem untergeordnet. Die Aussage des jetzigen Bundeskanzlers Friedrich Merz „Whatever it takes“ für Ausgaben im Militärbereich ist der eigentliche Skandal noch vor Beginn der Bundesregierung gewesen.

Nun zu den beiden Schuldenprogrammen im Konkreten: Zuerst das so genannte Infrastrukturprogramm: Ein vernünftiges Infrastrukturprogramm wäre dringend nötig. Gestern bin ich Bahn gefahren, ich kann Euch ein Lied singen. Doch: Die primären Kriterien bei der Vergabe der Milliarden sind insbesondere auch militärische. Das sagt der ehemalige Verkehrsminister Volker Wissing sehr klar: „Hinzukommt, dass die Infrastruktur Teil unserer Sicherheitsarchitektur ist. Viele übersehen, dass die zivilen Infrastrukturen auch für militärische Mobilität erforderlich sind. Und Deutschland ist ein wichtiges Transitland für die NATO.“ Maischberger: „Die NATO hat gerade gesagt, alles was sozusagen von Norden aus Süd von Ost nach West geht über deutsche Autobahnen“. Wissing: „Ja und natürlich wird das auch über die deutsche Schienenwege transportiert, deswegen dürfen wir das so nicht trennen, wie das manche tun, dass sie sagen: Für die Verteidigung finden wir gut, aber für die Infrastruktur brauchen wir es nicht. Denn ohne Infrastruktur können wir nicht äußere Sicherheit gewinnen.“ (ARD-Sendung Maischberger 11.03.2025: Volker Wissing) Es gibt ähnliche Presseberichte, z.B. bei der dpa wird Wissing wie folgt zitiert: „Infrastrukturinvestitionen sind wichtig für unsere Sicherheit“. „Wir reden über Infrastruktur, bei der Straße und auch bei der Schiene, die wir zur Verteidigung unseres Landes brauchen.“ Ähnlich in der Deutschen Verkehrszeitung (DVZ) vom 13.03.2025: https://www.dvz.de/politik/detail/news/wissing-infrastruktur-und verteidigung-gehoeren-zusammen.html

Jetzt nachdem die ersten Ausschüttungen aus diesem Infrastrukturprogramm laufen bestätigt sich diese Feststellung. Das hat auch damit zu tun, was die Europäische Union aufgelegt hat, ein zentrales Programm der EU ist die „Military Mobility“, da geht es um die Finanzierung militärisch nutzbarer Infrastruktur mit dem Ziel einen Aufmarsch nach Osten von der Infrastruktur her zu ermöglichen. Die NATO will Deutschland als Drehscheibe für den Aufmarsch nach Osten. Also, das Infrastrukturprogramm ist im Grunde genommen nicht das, was gesagt wird, sondern eben auch ein Programm für die militärische Infrastruktur. Das wird auch deutlich am neuen NATO-Beschluss, 5 % des Bruttoinlandproduktes (BIP) jedes NATO-Landes für Militär auszugeben. Der Beschluss ist aufgeteilt in 3,5 % direkte Militär- und Rüstungsfinanzierung und 1,5% in die Finanzierung militärisch nutzbarer Infrastruktur.

Mein Eindruck ist, dass verschiedenste politische Kräfte das noch nicht wirklich realisiert haben, dass dieses Infrastrukturprogramm ein Mogelprogramm ist und es hier auch um eine (versteckte) Mitfinanzierung der Militarisierung geht.

Das hat auch damit zu tun, dass es jetzt den so genannten Operationsplan Deutschland (OPlan) gibt. Die gesamte Republik soll kriegstüchtig gemacht werden. Der Operationsplan Deutschland wird gerade in den Ländern und in den Kommunen implementiert. Leider ist dieser OPlan geheim, doch wer etwas recherchiert findet das Grünbuch 4.0, ein Bericht von Bundestagsabgeordneten, in dem angedeutet wird, was da gerade läuft.

Jetzt zum zweiten Bereich, im Bereich der Bundeswehr werden gerade sämtliche Wünsche erfüllt. Die Finanzplanung ist sehr konkret: Der eigentliche „Verteidigungshaushalt“ soll nach dem gültigen Finanzplan folgendermaßen steigen: 2025: 62,4, 2026: 82,7, 2027: 93,3, 2028: 136,5 und 2029 152,8 Mrd €.

Der Gesamthaushalt des Bundes beträgt 2025 ungefähr 500 Milliarden. Dies macht die Dimension der Militärausgaben deutlich. Ausgaben für das Militär und Rüstung dominieren den Bundeshaushalt immer mehr.

Deshalb auch meine These, die Bundesrepublik ist auf dem Weg in eine Militärrepublik. Friedrich Merz und Co. haben angekündigt, dass es Sozialkürzungen geben wird. Auch die Entwicklungshilfe wird derzeit zusammengestrichen. Der einzige Bereich der sein Geld immer bekommt, ist der Militärbereich.

Diese militärpolitische Priorisierung wird gerade auf alle gesellschaftlichen Bereiche durch dekliniert und das ist gefährlich: Es gibt eine Militarisierung des Gesundheitswesens, eine Militarisierung des ganzen Bildungsbereiches. Der Verkehrsbereich wird militarisiert. Nur einige kurze Beispiele. Im Bildungsbereich: In Bayern ist ein Bundeswehrförderungsgesetz verabschiedet worden, ein Gesetz zur Förderung der Verteidigungsindustrie folgt gerade. In Bayern müssen nun Schulen mit der Bundeswehr kooperieren. Es darf nach Gesetz keine Zivilklauseln an Hochschulen mehr geben. Im Bereich des Gesundheitswesen gibt es für den V-Fall eine Umkehrung der Triage und eine Einbindung der Krankenhäuser in die gesamte Kriegsvorbereitung. Im Verkehrsbereich gibt es eine Reihe von Projekten, die dringend notwendig sind, doch es wird auch besonders darauf geachtet, welche Projekte werden als militärisch notwendig erachtet. Deutlich sieht man das z.B. bei Brückensanierungen.

Alle Bereiche werden quasi durchzogen von der Militarisierung und wenn es einzelne Menschen gibt, die erfreulicherweise da nicht mitmachen wollen, gibt es auch Repressionen. Wir haben gerade den Fall von einem DHL-Arbeiter, der darauf hingewiesen hat, dass der Leipziger Flughafen doch als Hub relativ umfangreich für Militärtransporte genutzt wird. Ihm wurde gekündigt. Das ist ein Skandal.

Wichtig ist, bei der Produktion von Waffen: Es sind Waffen nicht wie Winfried Kretschmann sagt, für Verteidigung, es sind Waffen für Verteidigung und für Angriff! Dass auch Angriffe geplant werden, lässt sich an den Strategien für die Bundeswehr, an den Waffensystemen und an den Manövern und Übungen ablesen. Es werden gerade Kamikaze-Drohnen, also bewaffnete Angriffsdrohnen angeschafft. Es läuft eine regelrechte Beschaffungswelle derzeit. Da gibt es einen Switch immer mehr Richtung angriffsorientierten Beschaffungsprojekten. In der „Nationalen Sicherheitsstrategie“ wird Russland als „größte Bedrohung“ und China als „systemischer Rivale“ definiert In den neuen „Verteidigungspolitischen Richtlinien“ geht es um „deutsche Führungsverantwortung“ (in Europa, in der Welt?) und insbesondere die Herausbildung einer »kriegstüchtigen« Bundeswehr.

Die Szenarien der Manöver und Übungen sind klar: Inzwischen greift bei Übungen auch mal „blau“ „rot“ an. Es wird auch Angriff geübt. Die laufende Kriegsvorbereitung bedeutet klar: Sowohl Verteidigung als auch Angriff.

In allen Bundesländern wird die Rüstungsindustrie gefördert. Baden-Württemberg und Bayern sind hier vorne dran. Winfried Kretschmann (Grüne) spricht von Umwandlung von der auto(orientierten) Wirtschaft hin zu einer (europäischen) Rüstungsindustrie. Wir nennen diesen Prozess, der gerade im ganzen Land läuft Gegenkonversion, von ziviler Produktion hin zu Rüstungsproduktion. Sehr konkret werden gerade Arbeitsplätze hier in Stuttgart bei Bosch brutal zusammengestrichen, und den Kolleg*innen werden andere Arbeitsplätze im Bereich der Rüstung „angeboten“. Im Bereich der EU wird von Kommission und Parlamentariern eine Umwandlung hin zum Ziel der Kriegswirtschaft (Manfred Weber und Co.) diskutiert. Das heißt die Umwandlung der gesamten Wirtschaft mit dem Hauptziel der Militärorientierung.

Ein zentrales Projekt bei der Umwandlung hin zu einer Militärrepublik ist die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Derzeit haben wir noch den Stand, dass in typisch sozialdemokratischem Sprech „zunächst freiwillig“, junge Männer eingezogen werden sollen. Doch CDU/CSU und andere machen Druck, dass die verpflichtende Wehrpflicht schneller eingeführt werden soll. Es geht darum, dass junge Männer (verpflichtend) aber auch Frauen und andere rekrutiert werden sollen. Interessant dabei ist, dass die Wehrpflicht bei den Jungen nicht gut ankommt. Wie in einer Yougov-Umfrage vom Anfang März 2025 herauskam, befürworten zwar rund 58 Prozent der Deutschen eine Wehrpflicht. Die 18- bis 29-Jährigen, also die die betroffen sind, lehnen eine Wehrpflicht aber zu 61 Prozent ab.

Gegen die Wehrpflicht formiert sich inzwischen gesellschaftlicher Widerstand, das ist gut so. Wir als VVN-Bda sagen auch klar nein zur Wehrpflicht, selbstverständlich sollten wir als VVN überall klar gegen diese unglaubliche Aufrüstung und gegen die Wehrpflicht Position beziehen, und wir sollten als VVN Teil dessen sein, was gerade entsteht, eine Bewegung gegen Aufrüstung, gegen Wehrpflicht und gegen Kriegsvorbereitungen.

Also lasst uns Protest und Widerstand auf allen Ebenen gegen gegen Aufrüstung, gegen Wehrpflicht und gegen Kriegsvorbereitungen (mit)organisieren.

Nach der Veranstaltung wurde ich darauf hingewiesen, dass die zu Beginn benannte parallele Rechtsentwicklung mit der Militarisierung insofern besonders gefährlich zusammenfallen, als dass es durchaus sein könnte, dass AfDler direkt oder indirekt in Regierungssesseln (in Bundesländern) dann über eine solche Bundeswehr oder Militär- und Rüstungsförderung vor Ort (mit)bestimmen (könnten).

Das strukturelle Problem, der nicht wenigen Rechten und Rechtsextremen in der Bundeswehr (die Kriterien bei der Rekrutierung sind „herabgestuft“ worden!) sei abschließend nur angedeutet.

Erstveröffentlicht bei der VVNB BdA
https://vvn-bda.de/auf-dem-weg-in-die-rechte-militaerrepublik/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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