Moneten für Arbeitskämpfe

Payday, ein Solidaritätsfonds gegen Lohnraub, hat zwei erste Unterstützungsfälle angenommen

Nicht nur Peanuts: Nach den ersten Ausgaben fasst der Solidaritätsfonds von Payday noch 8000 Euro. dpa/Hendrik Schmidt

Wenn Arbeitgeber Lohn einbehalten, schüchtert das Beschäftigte ein. Der Soli­daritätsfonds Payday steuert dagegen und gleicht gewerkschaftsaktiven Kolleg*innen die Lohndifferenz aus.

Von Christian Lelek

Wer sich an seinem Arbeitsplatz organisiert, einen Betriebsrat gründen oder eine gewerkschaftliche Betriebsgruppe bekannt machen will, wird vom Chef selten dafür umarmt. Vielmehr verbreitet sich zunehmend eine Kultur und eine Expertise, erste Organisierungsversuche im Keim zu ersticken. Diese Kultur hat in den Betrieben den Effekt, dass Beschäftigte sich zweimal überlegen, ob sie es riskieren und tatsächlich auf der Arbeit aktiv werden wollen. Arbeitgeber und ihre Gehilfen greifen dabei auf einen dicken Methodenkatalog zurück.

Ein Mittel ist, den Beschäftigten, den Lohn teilweise oder in Gänze vorzuenthalten, sprich Lohnraub. Das ist natürlich illegal, wird aber dennoch genutzt, in der Erwartung, dass sich Beschäftigte nicht oder nicht erfolgreich wehren.

Um dem Lohnraub seine abschreckende Wirkung zu nehmen, gründete sich der Verein Payday. Payday richtete einen Fonds ein, der aktiven Beschäftigten die unrechtmäßig vorenthaltenen Löhne so lange ausgleicht, bis sie erfolgreich zurückerstritten wurden. Dann soll das Geld in den Fonds zurückfließen und für neue Kämpfe ausgegeben werden. Wie Payday mitteilt, sind für die ersten zwei Unterstützungsfälle nun Gelder geflossen.

In einem Fall wurde nicht ausbezahlter Lohn in Höhe von 2000 Euro ausgeglichen, »um der Person zu ermöglichen, den Lohn einzuklagen und gleichzeitig bei dem Arbeitgeber zu bleiben, ohne sich einen neuen Job suchen zu müssen«, wie Payday mitteilt. Es geht um ein Ersatzmitglied eines Betriebsrats, dessen für Betriebsratsarbeit genutzte Arbeitszeit nicht vollständig vergütet wurde. Die Person interpretierte dies als einen Angriff auf den Betriebsrat als solchen.

»Arbeitgeber enthalten den aktiven Beschäftigten, die sich für die Interessen anderer einsetzen, den Lohn vor, um sie auch wirtschaftlich zu zermürben.«Sebastian Riesner Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG)

»Da die Person, die wir unterstützen, vom Arbeitgeber stark unter Beschuss steht, können wir aktuell nicht mehr Details preisgeben«, sagt Ruth Kreuzer gegenüber »nd«. Kreuzer ist selbst Betriebsratsmitglied und hat Payday vor mehr als eineinhalb Jahren mitgegründet. Für diesen Fall sei aber ein Gerichtstermin anberaumt, und der Rechtsanwalt, der das Betriebsratsmitglied vertritt, zeige sich mit Blick auf den Ausgang zuversichtlich.

Payday gleicht lediglich die Lohndifferenz aus, etwaige Rechtskosten übernimmt der Verein nicht. »Bei finanziellen Engpässen weisen wir auf die Möglichkeit der Prozesskostenhilfe hin, streben aber im besten Fall eine Gewerkschaftsmitgliedschaft für die Betroffenen an, sodass die Gewerkschaften die Arbeitskonflikte als Härtefälle anerkennen und die Rechtskosten übernehmen«, sagt Kreuzer.

Sebastian Riesner, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) in Berlin und Brandenburg, begrüßt die Initiative von Payday. »Leider machen wir als Gewerkschaft auch im Rahmen unserer Arbeit immer wieder die Erfahrung, dass Arbeitgeber den aktiven Beschäftigten, die sich für die Interessen anderer einsetzen, um zum Beispiel einen Betriebsrat zu gründen, Lohn vorenthalten, um sie auch wirtschaftlich zu zermürben«, sagt Riesner. Der lange Rechtsweg werde von »skrupellosen Arbeitgebern und ihren juristischen Helfern« ausgenutzt. Payday schließe hier eine Lücke, aus der sich, so Riesner, hoffentlich erfolgreiche Arbeitskämpfe ergeben.

Der zweite Unterstützungsfall betrifft einen ehemaligen Kurier des Pizza-Lieferdienstes Domino’s. Den Fall hatte »nd« bereits im Mai bekannt gemacht. Allerdings wurde dem Kurier, nachdem er auf Missstände im Betrieb aufmerksam gemacht hatte, nicht nur Geld in Höhe von 4000 Euro nicht gezahlt, sondern am Ende auch gekündigt. Auf die Arbeitsbedingungen bei Domino’s kann er also nicht mehr einwirken. Doch zumindest die Abwendung des Lohnraubs ist noch drin – ein Teilerfolg. Verhandelt wird darüber am 10. September um 11.45 Uhr vor dem Arbeitsgericht Berlin.

Erstveröffentlicht im nd v. 3.9. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1184944.solidaritaetsfonds-gegen-lohnraub-payday-moneten-fuer-arbeitskaempfe.html?sstr=Moneten

Wir danken für das Publikationsrecht.

Helft die andauernde Nakba in Djenin zu beenden!

Presseerklärung vom 2. September 2024 der ATL (der französischen „Freund*innen des Freedom Theatre Djenin“)


Die französischen Freund*innen des Djeniner Freedom Theatre (ATL Jenin) fordern einen sofortigen Waffenstillstand in Djenin und im Westjordanland.

Im Flüchtlingslager und in der Stadt Djenin führt die israelische Kolonialarmee seit dem 29. August ununterbrochen eine massive Zerstörungskampagne durch: Häuser werden mit Bulldozern niedergewalzt, Straßen aufgerissen, die Wasser- und Stromversorgung zerstört, der Wiederbeginn des Schulbetriebs vereitelt. Das Lager ist abgeriegelt, niemand darf es betreten oder verlassen. Seit dem 1. September ist ein ganzes Viertel besonders betroffen: Die Bewohner*innen wurden aus ihren Häusern vertrieben, die seither von der Armee besetzt sind, und die Familien irren umher wie im Gazastreifen und im Jahr 1948.

Unterdessen setzt Israel seine Angriffe auf den Gazastreifen fort und wird dabei von Regierungen in aller Welt unterstützt, von denen einige einen Waffenstillstand fordern, während sie weiterhin Waffen liefern. Während die Weltaufmerksamkeit von der blutigen Operationen in Gaza beansprucht ist, greift der Besatzer Orte im Norden des besetzten Westjordanlandes an. In Djenin erinnert die Offensive an diejenige von 2002, als ein Teil des Flüchtlingslagers fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht wurde. Überall auf der Welt sind Menschen, die um ihre Verantwortung wissen, nicht bereit, diese Vernichtungskampagne hinzunehmen.
Wir haben Zeugenaussagen von Mitgliedern des Freedom Theatre und anderen Lagerbewohner*innen erhalten.

Lest hier mehr darüber (auf Englisch):

Invasion israélienne du camp de réfugiés & de la ville de Jénine – ATL Jenine

Wir antworten auf den Appell, den Ahmed Tobasi, der künstlerische Leiter des Freedom Theatre, am 2. September veröffentlicht hat:

„Ich wende mich an Künstler*innen, Aktivist*innen, ihr seid es, die jetzt handeln und diesen Wahnsinn aufhalten müßt: Die Unterstützung für die Lieferung von Bomben nach Israel muss aufhören. Macht euch klar, was gerade passiert… Fordert eure Regierungen auf, endlich einzuschreiten. Die militärischer Unterstützung muss ein Ende haben. Denn faktisch dient sie dazu, Künstler*innen und Kinder zu töten, Theater zu zerstören… Das ist ein gegen die palästinensische Bevölkerung gerichteter Völkermord, ist Krieg, ethnische Säuberung seitens Israels, der USA, Großbritanniens und des Westens.“

Fordert mit uns – den französischen Freund*innen des Freedom Theatre – einen Waffenstillstand!
Wendet euch in diesem Sinne an eure gewählten Vertreter*innen!
Verbreitet diese Presseerklärung!


Solidarität mit Djenin unter Beschuss!

Freund*innen des Freiheitstheaters Djenin, 2. September 2024

Stop à la Nakba qui se poursuit à Jénine – ATL Jenine

Kanonenbootpolitik 2.0

Deutsche Kriegsschiffe vor China

Von Raul Zelik

Bild: Fregatte „Baden-Württemberg“. Quelle: flickr

Die Militarisierung der deutschen Politik schreitet weiter munter voran. Diesmal führt das grüngeleitete Außenministerium die Truppen in den ostasiatischen Raum. Bislang lässt das Außenministerium offen, ob die Fregatte »Baden-Württemberg« und das Versorgungsschiff »Frankfurt« die Meerenge von Taiwan tatsächlich durchfahren werden. Gut gelaunt verkündete der grüne Staatsminister Tobias Lindner bei einem Besuch in Tokio, man sei nicht verpflichtet, Peking um Erlaubnis zu fragen, da es sich um internationale Gewässer handele. Es gelte die »wertebasierte Ordnung« zu verteidigen, erläuterte Lindner. Und der mitgereiste Marine-Inspekteur assistierte, Kriegsschiffe seien zur Sicherung von Handelsrouten unverzichtbar: »No shipping, no shopping.«

Forsch segelt Deutschland damit in Richtung eines neuen brandgefährlichen Konflikts. Denn völkerrechtlich ist in der Taiwan-Frage vieles hochumstritten. Über Jahrhunderte gehörte die Insel zu China, wurde 1895 von Japan besetzt und fiel 1945 zurück an Peking. Nach dem Sieg der Kommunisten 1949 verschanzte sich die rechtsnationalistische Kuomintang-Regierung auf der Insel und beanspruchte zunächst, Gesamt-China zu repräsentieren. Dass eine Mehrheit der Taiwanes*innen heutzutage die Unabhängigkeit befürwortet, ist vermutlich richtig. Aber das Völkerrecht sieht eine Unabhängigkeit wegen mangelnder politischer Freiheiten nicht vor. Verbürgt ist nur das Selbstbestimmungsrecht einer Nation ohne Staat.  

Man stelle sich die Sache umgekehrt vor: Die Balearen hätten sich unabhängig erklärt, und die Volksrepublik China würde zum Schutz Mallorcas Kriegsschiffe ins Mittelmeer verlegen. Vermutlich wäre sich die europäische Öffentlichkeit schnell darin einig, dass es sich hierbei um eine inakzeptable Provokation handelt.

Was die Entsendung deutscher Kriegsschiffe angeht, ist die Sache sogar noch eindeutiger. Deutschland war zwischen 1898 und 1919 Kolonialmacht in China und federführend an der Niederschlagung des Boxeraufstands beteiligt. 1900 sorgte Kaiser Wilhelm II. für die Zusammenstellung einer internationalen Strafexpedition, zu der sich Briten, Amerikaner, Russen, Japaner, Franzosen und Deutsche in überraschender Eintracht zusammenfanden. Die Militäroperation kostete mehr als 100 000 Chines*innen das Leben.

Gewiss: Die VR China verhält sich gegenüber ihren Nachbarn nicht minder imperialistisch als die westlichen Verbündeten. Aber die Entsendung deutscher Kriegsschiffe bleibt eine neokoloniale Geste, die an die »Kanonenbootpolitik« der Jahrhundertwende erinnert. Zu den Skurrilitäten der Grünen gehört es, dass sie in Museen zur »De-Kolonisierung« aufrufen, im geopolitischen Konflikt hingegen ganz auf die neoimperiale Karte setzen. Denn in Taiwan geht es genau darum: Der Chip-Hersteller Taiwan Semiconductor Manufacturing Company produziert die Hälfte aller Halbleiter weltweit. Bei den modernsten Varianten liegt der Weltmarktanteil sogar bei über 90 Prozent. Fiele Taiwan an Peking, würde die Volksrepublik dieSchlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts kontrollieren. Das sind die »Werte«, die hier verhandelt werden.  

Erstveröffentlicht im nd v. 31.8. 2024
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1184891.taiwan-kanonenbootpolitik.html?sstr=Zelik

Wir danken für das Publikationsrecht.

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