Faraz Shariat im Interview über seinen Film »Staatsschutz«, die systematische Verharmlosung rechtsextremer Gewalt und eine Hoffnung auf Wehrhaftigkeit
Vorbemerkung FORUM-Red.: Am Donnerstag ist der Film „Staatsschutz“ im Kino. Er lief auf der diesjährigen Berlinale und erhielt den Publikumspreis. Der Film passt wie „Arsch auf Eimer“ auf die momentane politische Situation. Ein packender und gut recherchierter Film, den man gesehen haben sollte.(JG)
Titelbild: Chen Emilie Yan als junge Staatsanwältin Seyo Lotta Kilian/Jünglinge Film
»Staatsschutz«, Deutschland 2026. Regie: Faraz Shariat; Buch: Claudia Schaefer, Sun-Ju Choi, Jee-Un Kim. Mit: Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, Arnd Klawitter, Sebastian Urzendowsky, Kathrin Angerer. 113 Min. Kinostart: 27. August.
Herr Shariat, Sie haben sechs Jahre nach Ihrem Debütfilm »Futur Drei« keinen weiteren Film gedreht. Warum?
»Futur Drei« war ja ein Quereinstieg für mich, denn ich habe nicht Film studiert. Ich musste erst mal klarkommen, dass ich jetzt überhaupt Filme machen kann und ein bisschen verstehen, wie die Dynamiken innerhalb der Filmbranche funktionieren. Dann habe ich viele Stoffe entwickelt, aber nichts hat die Schlagkraft gehabt, sodass ich das Gefühl hatte, das ist jetzt mein nächster Kinofilm. Ich glaube, das hat auch etwas mit der politischen Entwicklung in Deutschland zu tun. Mit jedem Jahr hat sich der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck dramatisiert. Ich interessiere mich für politische Filme, und es ist für mich total wichtig, dass meine Filme im direkten Kontakt zu dem stehen,was in der Welt passiert, weil Kino für mich ein Austragungsort der großen gesellschaftlichen Fragen ist. Aber alle Projekte, an denen ich gearbeitet habe, hatten diese Dringlichkeit nicht. Dann hatte ich das Glück, Claudia Schaefer kennenzulernen, die Drehbuchautorin von »Staatsschutz«. Da war mir klar, das ist genau die Art von Film, die ich machen möchte.
Was war besonders an diesem Drehbuch?
»Staatsschutz« hatte diese krasse, sachliche Auseinandersetzung mit all den abgefuckten Themen, die mich auch wütend gemacht haben: Warum ist es so schwer, rechte Gewalt zu verfolgen? Warum findet diese Verharmlosung die ganze Zeit in staatlichen Institutionen statt – im Umgang mit NSU, mit Hanau oder Halle. Das waren wahnsinnig frustrierende Momente, die einen Vertrauensverlust zu diesen Institutionen verursacht haben. Ich glaube, diese Wut und die Möglichkeit auch, selbst aus dieser Ohnmacht rauszukommen, waren der Grund, warum ich genau wusste, dass »Staatsschutz« mein nächster Kinofilm ist. Dann hat eines zum anderen geführt, und es ging auch wahnsinnig schnell. Also von dem Moment, wo ich das Buch gelesen habe, bis jetzt, sind ungefähr anderthalb, zwei Jahre vergangen.Interview

Faraz Shariat wurde 1994 in Köln geboren. Nach ersten Theaterarbeiten am Schauspiel Köln studierte er Szenische Künste an der Universität Hildesheim und gründete das Berliner Filmkollektiv Jünglinge. Sein autobiografisch inspiriertes Kinospielfilmdebüt »Futur Drei« wurde 2020 unter anderem mit dem Teddy Award der Berlinale ausgezeichnet. Sein neues Politdrama »Staatsschutz« hat dieses Jahr in der Sektion Panorama der Berlinale den Publikumspreis gewonnen.
Im Gegensatz zu Ihrem ersten Film, der semi-autobiografisch war und dessen Drehbuch Sie selbst geschrieben haben, zeigen Sie in »Staatsschutz« eine komplett andere Welt. War die Geschichte schon fertig, oder haben Sie sie auch etwas mitentwickelt?
Wir haben ungefähr acht oder neun Monate noch mal daran gearbeitet, um das Drehbuch näher an mich ranzuholen. Da ging es vor allem um Tonalität, Atmosphären, die Figuren, Humor, um die Sprache des Films sozusagen. Aber die Geschichte stand schon. Claudia hat bereits jahrelang daran gearbeitet. Und für mich war es eigentlich fast wie ein Geschenk, die Möglichkeit zu haben, als Regisseur in eine ganz andere Welt reinzugehen. Ganz weit weg von mir. Ich würde niemals einen Film schreiben können, der in einem Gerichts-Setting spielt. Das war eine Herausforderung für mich, die ich aber total gerne bestritten habe. Ich denke, die Aufgabe vom Filmemacher ist auch, sich in neue Welten reinzudenken, ein Gefühl dafür zu bekommen, was seine emotionale Wahrheit darin ist, und dann Risiken einzugehen. Ich will nicht mein Leben lang die ganze Zeit nur von mir selbst erzählen, aber die Themen, die in »Staatsschutz« drinstecken, haben zum Teil auch etwas mit »Futur Drei« zu tun. Also es gibt einen systemischen Antagonismus, es gibt strukturellen Rassismus. Das sind Aspekte, die sich wahrscheinlich durch viele meiner Arbeiten durchziehen werden.
In »Staatsschutz« geht es um strukturellen Rassismus im staatlichen Apparat, explizit in der Staatsanwaltschaft. Basiert das Drehbuch auf realen Fällen?
Im Grunde basieren alle Fälle, die die Protagonistin, die Staatsanwältin Seyo, flankieren, auf echten Fällen. Ihre Geschichte, also die dramatische Verdichtung einer Staatsanwältin, die selbst Opfer rechter Gewalt wird, ist sozusagen die geniale Idee von Claudia Schaefer. Aber alle anderen Aspekte, die da vorkommen, sind echte Fälle, die der Recherche vorausgingen. Außerdem waren NSU, Hanau, Halle alle große spektakuläre Fälle, die das Wissen des Films sehr stark geprägt haben. Uns war klar, dass »Staatsschutz« ein Film ist, der im Zentrum die Geschichte einer Opferperspektive einnimmt und die Frage stellt, wie es sich anfühlt, als Opfer auf den Staat vertrauen zu müssen in der Verfolgung der rechtsextremen Gewalt, und dann alleingelassen zu werden. Das ist eine Erfahrung, die sich eigentlich durch alle besagten Fälle durchzieht: Die Opfer und Hinterbliebenen von NSU, Halle und Hanau berichten Ähnliches.
Vor ein paar Monaten ist die InRa-Studie herausgekommen, die sich mit dem institutionellen Rassismus beschäftigt. Das war die größte Studie, die jemals von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurde. Sie haben an etlichen Forschungsstandorten recherchiert und die Frage gestellt: Gibt es dort institutionellen Rassismus? Surprise, surprise – in allen Institutionen wurde institutioneller Rassismus festgestellt. Diese Studie wurde von Alexander Dobrindt sozusagen einfach unter den Teppich gekehrt, wurde nicht besprochen, ist an einem Freitagnachmittag veröffentlicht worden, also zu einer Uhrzeit, in der man nur Sachen veröffentlicht, die wenig Resonanz finden sollen. Es gab keine Pressekonferenz. Dass die staatlichen Institutionen nur sich selbst schützen und erzählen, es gebe bei ihnen keinen Rassismus, ist etwas, was immer wieder bewiesen wird. Und dieser Film will darauf aufmerksam machen, wie wir diesen strukturellen Rassismus bekämpfen können. Wenn wir das nicht tun, dann können wir sofort aufgeben und das Feld den Rechtsextremen überlassen.
Ihre Protagonistin Seyo ist eine junge Deutsch-Koreanerin, die in der ostdeutschen Provinz zur Staatsanwältin wird und immer betont, dass ihr Migrationshintergrund bei ihrer Arbeit keine Rolle spielt. War die Geschichte schon im Drehbuch in einem ostdeutschen Setting angesiedelt?
Ja, die Geschichte war schon immer in Ostdeutschland. Wir haben uns aber viel damit beschäftigt, ob das so sein muss oder nicht. Man könnte sie ja auch irgendwo erzählen, nicht spezifisch sein. Am Ende haben wir uns für einen eklektischen Ansatz entschieden: Also die Geschichte spielt in einer fiktiven Stadt in Ostdeutschland. Wir haben aber bewusst Motive gemischt. Die Staatsanwaltschaft ist zum Beispiel ein Gottfried-Böhm-Bau, eine ganz klare westdeutsche Architektur. So wird die Spezifik von Ostdeutschland gezeigt als eines der Bundesländer, die AfD-Werte von circa 30/40 Prozent haben und die als Erstes in den Faschismus kippen könnten. Und gleichzeitig sind die Probleme, die in dem Film besprochen werden, deutschlandweit relevant. Die Geschichte hätte genauso gut in NRW spielen können oder auch in Süddeutschland.
Am Anfang des Films glaubt Seyo daran, dass ihre Behörde neutral und objektiv arbeitet, bis sie selbst Opfer eines rassistischen Anschlags wird. Muss man unbedingt selber Opfer werden, um die Probleme im System zu realisieren?
Man sucht ja im fiktiven Filmemachen nach Spannung oder nach einer bestimmten dramatischen Konstruktion, die gut funktioniert für das, was man erzählen will. Uns hat es total gereizt, eine Opferfigur zu erzählen, die kein Opfer sein will, die sich die Mittel des Staates zu eigen macht, um zu ermitteln. Seyo bricht natürlich viele Regeln im Laufe des Films. Das hat auch etwas mit dieser Doppelfunktion zu tun, weil sie als Staatsanwältin alle Dinge tun darf, die sie im Film tut. Nur weil sie Opfer wird, ist es ihr natürlich verwehrt, in ihrem eigenen Fall zu ermitteln. Doch in dem Moment, wo sie realisiert, dass der Staat sie nicht schützt, sondern die Täter, oder dass der Staat nicht rechtmäßig ermittelt und ihrem Fall nicht die notwendige Aufmerksamkeit gibt, entscheidet sie sich, die Regeln zu brechen. Sie deckt ihren Fall auf und verbindet ihn auch mit anderen Fällen rechter Gewalt an dem Ort, an dem sie lebt. Dadurch entsteht natürlich eine Grundspannung.
Der Film nutzt gezielt Thriller-Elemente, handelt zwar von einem schwierigen Thema und spielt zum großen Teil im Gerichtssaal, ist aber nicht langweilig, eher fesselnd. Und bei aller Wut, bei aller Ungerechtigkeit, die man miterlebt, bleibt noch Raum für Hoffnung. Wie haben Sie das geschafft?
Mich freut das, dass Sie das so beschreiben. Für mich ist Kunst und Kultur ein Ort, der immer auch mit Hoffnung zu tun hat. Ich könnte nicht mein Leben leben, ich könnte auch nicht meine Arbeit machen, wenn ich nicht selbst in dystopischen, menschenverachtenden Lebensrealitäten trotzdem nach Hoffnung suche. »Staatsschutz« ist wahnsinnig brutal, es geht viel um Gewalt, die zum großen Teil unsichtbar ist. Das war uns wichtig. Der Thrill in »Staatsschutz« ist eigentlich strukturelle Gewalt. Das irgendwie filmisch einfangen zu können, war eine Herausforderung. Ganz viel passiert im Sound. Mich hat interessiert, die Feindseligkeiten in einer No-Go-Area, an einem Ort, wo die AfD 40 Prozent hat, einfangen zu können und eine destabilisierende, unbehagliche Situation erfahrbar zu machen. Dieses Unbehagen oder dieser psychologische Zustand, die ganze Zeit auf der Lauer zu sein, nicht zu wissen, ob man gleich angegriffen wird, hat »Staatsschutz« größtenteils geprägt. Und egal, wie düster, abgefuckt und frustrierend die Themen sind, um die es geht – für mich ist das Kino trotzdem auch ein Ort, an dem ich Spaß haben möchte, wo ich unterhalten werden möchte. Wir reden viel über Rechtsextremismus. Es ist zum Glück ein Thema, das hier und da in den Nachrichten auftaucht. Aber im Kino trauen sich halt wenige Menschen, eine Geschichte zu erzählen, die das Publikum reinholt, die eine klare Haltung hat, aber auch das Versprechen von Unterhaltung ernst nimmt. Mir war wichtig, dass »Staatsschutz« schon als Thriller funktioniert.
Der Film ist nach der Premiere in der Sektion Panorama der diesjährigen Berlinale beim Publikum gut angekommen und hat den Publikumspreis gewonnen. Wie war das für Sie?
Das ist der Preis, den ich am allerliebsten haben will. Natürlich kommt man nicht drum herum, den Festivals und den Auszeichnungen von Jurys einen Wert zu geben, weil es klar ist, dass das etwas bedeutet. Man wünscht sich ja, dass der Film auf einem großen Festival läuft. Aber am Ende des Tages mache ich Filme für das Publikum. Ich finde es auch okay, wenn Leute etwas scheiße finden, was ich gemacht habe. Aber ein Feedback zu bekommen, dass das Publikum den Film gerne gesehen hat und damit was anfangen konnte, ist natürlich eine wahnsinnig tolle Auszeichnung. Und ich hoffe, dass der Film jetzt im Kino sein Publikum finden kann.
Gab es seit der Premiere schon Feedback oder Kritik von der Seite der deutschen Behörden zu dem Film?
Also, von Behörden habe ich bis jetzt noch nichts gehört. Aber im Gespräch mit dem Publikum ist mir aufgefallen, dass diese Verharmlosung der rechten Gewalt, um die es ja in dem Film geht, auch im Publikum so wahrgenommen wird: Diese Rede vom Einzelfall, dass das alles gar nicht so schlimm ist. Uns wird oft gesagt, das sei einfach eine Überzeichnung, so schlimm sei es ja nicht. Oder ob wir da nicht ein bisschen übertreiben würden? Doch wenn man sich mal die Sachlage anguckt, zum Beispiel diese InRa-Studie, oder auch mit Institutionen spricht, die dieses Wissen von Opfern sammeln, dann muss man tatsächlich sagen: Der Film ist eigentlich eine Untertreibung. Die Realität ist schon drastischer als der Film.
Sie haben am Anfang des Gesprächs gesagt, dass Sie sich vor allem für das politische Kino interessieren. Und Ihr Film ist aktueller denn je. Was hoffen Sie mit diesem Beitrag bewegen zu können?
Es sind in wenigen Wochen Landtagswahlen in Ostdeutschland. Deswegen bringen wir den Film noch davor raus. Ich glaube, Sichtbarkeit ist immer noch ein kraftvolles Instrument. Ich hoffe auf eine Sichtbarkeit für die Themen des Films: Wie können wir Widerstand leisten? Was bedeutet es, wenn Rechtsextreme in unseren Behörden arbeiten, wenn wir Rechtsextreme dulden und Raum an rechtsextreme Ideologien übergeben? Ob das jetzt im Bundestag ist, in der Justiz ist oder in der Polizei, das hat Konsequenzen.
Diese Konsequenzen sichtbar zu machen, erhoffe ich mir von dem Film. Und gleichzeitig erhoffe ich mir eine Form von Debatte. Dass ich einen Diskursraum öffnen kann für die Frage: Was bedeutet Wehrhaftigkeit? Die demokratischen Institutionen der deutschen Regierung haben Möglichkeiten der Wehrhaftigkeit. Es gibt Gesetze, mit denen man Rechtsextremismus strafverfolgen kann. Es gibt auch Möglichkeiten, mit denen Politik gegen Rechtsextreme klarere Kante zeigen kann. Man kann auch die Menschen, deren Job es ist, dagegen anzukämpfen, mehr in die Verantwortung holen und sagen, eine Justiz, die konsequent und verantwortungsvoll Rechtsextremismus verurteilt und ermittelt, schafft ein Klima, in dem Rechtsextremismus auch weniger gedeihen kann.
Man muss sich einfach mal Statistiken angucken: Wie viel politische Gewalt von Rechtsextremen ausgeht versus wie viel von Linksextremen oder vom migrantischen, islamistischen Extremismus. Im Jahr 2024 gab es ungefähr 40 000 Fälle von rechtsextremen Straftaten, rund 6000 Fälle von linksextremen Straftaten und circa 1700 Fälle von religiös-ideologisch motivierten Straftaten. Doch wenn man sich anschaut, welche Themen das politische Klima, die Berichterstattung dominieren, dann ist da einfach ein extremes Mismatch: Wir reden so wenig über rechtsextreme Gewalt und so viel über linksextreme oder islamistische Gewalt, weil man damit gut Politik machen kann, weil man damit Angst schüren kann, weil man damit Leute zu Sündenböcken machen kann, für alle möglichen Probleme, die die Bundesregierung nicht hinkriegt zu managen. Man muss da einen klaren Fokus schaffen: Das Problem unserer Gegenwart ist Rechtsextremismus. Punkt.
Erstveröffentlicht im nd v. 27.8. 2026
Das Problem ist Rechtsextremismus
Wir danken für das Publikationsrecht.