Krieg gegen Zivilisten: Nach geleakten Daten sind 83% der Toten Zivilisten

Neue geleakte Zahlen zu Gaza

Von Florian Rötzer

Bild Gaza-City – vorher dem Krieg und jetzt. Times of Gaza

Die israelische Regierung will Hamas eliminieren und erklärt immer wieder, dass die Zahlen der Hamas-Gesundheitsbehörde über Tote und Verletzte im Gazastreifen übertrieben seien. Besonders bestritten wird der hohe Anteil von Zivilisten, vor allem von Frauen und Kindern. Jetzt haben das Magazin +972,  Local Call und der Guardian in einem Bericht geleakte Zahlen einer geheimen Datenbank des Militärgeheimdienstes einsehen können. Danach wären 5 von sechs getöteten Palästinenser Zivilisten. Israels Ministerpräsident Netanjahu hatte 2024 von einem Verhältnis 1:1 gesprochen.

Die Datenbank, die die Namen von über 47.000 angeblich Militanter enthält, listet bis zum Mai namentlich bekannte 8900 Mitglieder von Hamas oder dem Islamischen Dschihad als tot (7330) oder wahrscheinlich tot (1570) auf. Die Zahl scheint, so der palästinensische Analyst Muhammad Shehada aufgrund von Angaben von Hamas und dem Islamischen Dschihad, die Ende 2024 von 6500 Toten sprachen, einigermaßen verlässlich zu sein. Verglichen wird die Zahl mit den bis Mai vom Gaza-Gesundheitsministerium genannten 53.000 Toten. Gemeinhin wird angenommen, dass die Zahlen einigermaßen verlässlich sind. Geht man von den Angaben aus, wären 17 Prozent der Toten Militante und 83 Prozent Zivilisten.

Die IDF bestreiten die Richtigkeit der Zahlen, ohne genauere Angaben zu machen: „Während des gesamten Krieges werden fortlaufend nachrichtendienstliche Auswertungen über die Anzahl der im Gazastreifen eliminierten Terroristen durchgeführt, basierend auf BDA-Methoden (Bombenschadensbewertung) und Quervergleichen aus verschiedenen Quellen. Eine der Informationsquellen, die abgeglichen werden, sind Dokumente, die von terroristischen Organisationen im Gazastreifen stammen“, schreibt ein IDF-Sprecher und reicht noch eine Selbstdarstellung: „Die IDF sind ein professionelles Militär, das nach operativen Methoden arbeitet, die von vielen Armeen weltweit akzeptiert werden – die in dem Artikel aufgestellten Behauptungen sind nicht nur falsch, sondern spiegeln auch einen grundlegenden Mangel an militärischem Verständnis wider.“

Eine Studie, die in Lancet veröffentlicht wurde und nicht nur Bombenopfer, sondern auch andere Folgen des Krieges berücksichtigte, kam zu weitaus höheren Zahlen durch Schätzungen. Nach ihr wären von Oktober 2023 bis 30. Juni über 64.000 Gaza-Bewohner getötet worden. Damit würde die Zahl jetzt wohl bei um die 100.000 Toten liegen (Zahl der Kriegstoten im Gazastreifen könnte weit unterschätzt sein). Eine weitere, in Frontiers in Public Health 2024 erschienene Studie untersuchte das Verhältnis von getöteten Militanten und Zivilisten in den Gaza-Kriegen und kam zu dem Schluss: „Im Konflikt von 2023 gibt es starke Beweise dafür, dass Zivilisten ein Kriegsziel sind, wobei die Zivilbevölkerung im Mittelpunkt des Konflikts steht.“

Das oben genannte Verhältnis von getöteten Zivilisten zu getöteten Militanten kann höher oder geringer sein, je nachdem, wen man als Zivilist oder Militanten einordnet. Die israelische Regierung hat immer wieder sehr unterschiedliche Zahlen der angeblich getöteten Militanten vorgelegt, wie +972 auflistet. Zuletzt sollen es 20.000 und mehr gewesen sein. Vertrauenswürdig ist das nicht, zumal gerne getötete Palästinenser als Militante oder Terroristen bezeichnet werden: „Wir melden viele getötete Hamas-Aktivisten, aber ich denke, die meisten der von uns als tot gemeldeten Personen sind nicht wirklich Hamas-Aktivisten“, sagte eine Geheimdienstquelle, die die Truppen vor Ort begleitet hat. „Die Leute werden nach ihrem Tod in den Rang eines Terroristen befördert. Wenn ich auf die Brigade gehört hätte, wäre ich zu dem Schluss gekommen, dass wir 200 Prozent der Hamas-Aktivisten in dem Gebiet getötet haben.“

Viele Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 90 Prozent der Getöteten Zivilisten sind. Angeblich ist ein solches Verhältnis normal bei Kriegen nach dem Ersten Weltkrieg. Andererseits sagt Therese Pettersson vom Fachbereich Friedens- und Konfliktforschung an der Universität von Uppsala, die das Projekt Uppsala Conflict Data Program (UCDP) leitet: „Es ist ein weit verbreiteter Mythos, dass in heutigen Konflikten mehr zivile Menschen sterben. Auch wenn es zwischen den verschiedenen Konflikten erhebliche Unterschiede gibt, liegt der Anteil der zivilen Todesopfer seit Jahrhunderten konstant bei etwa 40-60%.“ Daher ist der Anteil der getöteten Zivilisten im Gazastreifen sehr hoch. Nach UCDP, das Daten seit 1989 sammelt, gab es nur einen höheren Anteil mit 99,8 % in Ruanda (1994), mit 95 % in Mariupol (2022) und mit 92 % in Srebenica (1995).

Allerdings unterscheiden sich die Kriegslagen deutlich: Im Ukraine-Krieg bekämpfen sich hochgerüstete staatliche Armeen vor allem an der Front, wobei sich allerdings Angriffe auf das Hinterland mit Flugkörpern mehren, was auch zu höheren Opferzahlen unter Zivilisten führt. Im Gazastreifen kämpft eine technisch weit überlegene Armee gegen militante Organisationen, die sich verstecken müssen und kaum Angriffs- oder Widerstandskapazitäten haben.

Wenn man einen Vergleich zum Ukraine-Krieg zieht, wird die Unverhältnismäßigkeit deutlich. Im Gazastreifen sind 83% der Toten Zivilisten, im Ukraine-Krieg 10 %, wobei zusätzliche 11 % als unbekannt gelten.

Seit Kriegsbeginn im Februar 2022 wurden bis Juli 2025 nach Zählung der OHCHR 13.883 Zivilisten getötet. 11.164 auf dem von Kiew kontrollierten Gebiet, 2719 auf russisch kontrolliertem Gebiet. Das ist allein schon quantitativ deutlich weniger als im Gazastreifen. Wie viele russische und ukrainische Soldaten während des Kriegs getötet wurden, ist schwierig zu beziffern. Es werden Hunderttausende auf beiden Seiten sein, so dass deutlich mehr Soldaten als Zivilisten ums Leben kamen (wobei man natürlich fragen kann, was etwa in der Ukraine zwangsweise rekrutierte Männer sind). Zu Beginn des Krieges wurden die meisten Zivilisten getötet, danach ging die Zahl zurück, steigt aber seit Juni wieder an.

Was der Vergleich zeigt, ist, dass russische und ukrainische Streitkräfte – mit Ausnahme des Stadtkampfs in Mariupol – bei Angriffen auf Zivilisten zurückhaltend zu sein scheinen, sie wahrscheinlich häufig Opfer von Luftabwehraktivitäten sind. Im Gazastreifen geht es jedoch um Vernichtung von Leben bzw. es wird keine Rücksicht auf Zivilisten genommen, die in Haftung von Hamas genommen werden, selbst wenn es noch Kinder sind. Im Vergleich zu den Luftangriffen auf Städte im Zweiten Weltkrieg oder die Atombombenangriffe der Amerikaner auf Nagasaki und Hiroshima nimmt sich das Vorgehen der IDF auch noch relativ harmlos aus. Im Krieg gegen den Terror haben die amerikanischen Streitkräfte auch andere Vernichtungskapazitäten etwa gegen Mosul oder Raqqa eingesetzt. Allerdings durften Zivilisten vor den Angriffen fliehen, die Menschen im Gazastreifen sitzen jedoch in einem Gefängnis.

Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 22.8. 2025
https://overton-magazin.de/top-story/krieg-gegen-zivilisten-nach-geleakten-daten-sind-83-der-toten-zivilisten/

Wir danken für das Publikationrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung