»Die Tiktok-Revolte geht um«

Der Aufstand auf den Straßen Frankreichs hat eine historische Intensität und geht auch quantitativ über die Proteste der Gelbwesten vor Jahren hinaus. Eine Fortsetzung ist sicher

John Malamatinas, Paris

Titelbild: Auf die Barrikaden: Das Straßenbild in Frankreich prägten vor allem zahlreiche junge Menschen. Foto: John Malamatinas

Auch am Sonntag versammelte sich eine riesige Menschenmenge auf dem Pariser Place de la République und in den umliegenden Straßen. Barrikaden wurden errichtet und in Brand gesetzt. Am Abend hielt Präsident Emmanuel Macron eine Ansprache an die Nation, die einige Demonstrierende an den Barrikaden auf ihren Smartphones verfolgten. Darin verurteilte er die Gewalt und versuchte, zwischen guten und schlechten Protestierenden zu unterscheiden.

Wer am Wochenende auf den Plätzen und Straßen Frankreichs unterwegs war, konnte eine Revolte historischen Ausmaßes bezeugen. Zum ersten Mal in der Nachkriegszeit hat die französische Polizei die Kontrolle in vielen Städten über ganze Areale verloren und konzentrierte sich darauf, die Paläste der Macht zu beschützen.

Frankreichs Polizei zieht den Kürzeren

In Paris explodierte die Situation auf dem Place de la République, wo sich Zehntausende Schüler*innen, Jugendliche, einige Gelbwesten, Linke und all jene versammelt hatten, die etwas gegen Macrons Politik einzuwenden hatten. Der berühmten Marianne-Statue in der Mitte des Platzes wurde eine riesige gelbe Weste umgehängt. Darauf stand: »1961 ertränkt die Polizei Algerier*innen/2026 verstümmelt die Polizei Schüler*innen.« Am Samstag war auch der 55. Jahrestag der Angriffe der französischen Staatsgewalt auf Zehntausende friedlich für ihre Gleichberechtigung demonstrierende algerische Immigranten. Bis zu 380 Menschen wurden damals durch Polizisten getötet, keiner der Verantwortlichen wurde je vor ein Gericht gestellt.

Frankreichs Polizei ist für Brutalität berüchtigt. Als einzige in Europa setzt sie explosive Blendgranaten ein; keine andere verstümmelt so viele Menschen durch Gummigeschosse. Im europäischen Vergleich verfügt sie über besonders viel Personal und Ausrüstung. Ihre Erfahrung in der Aufstandsbekämpfung ist weltweit einzigartig. Dennoch hat sie an diesem Tag verloren.

Mehr Zulauf als bei den Protesten der Gelbwesten

Der Aufstand ist nicht nur in seiner Intensität historisch, sondern auch in seinen Dimensionen. Nach Angaben der Organisatoren gingen am 17. Oktober landesweit 800.000 Menschen auf die Straße, das Innenministerium sprach von 550.000. Zum Vergleich: Am 14. Juni 2016, auf dem Höhepunkt der Mobilisierungen gegen die damalige Arbeitsmarktreform, zählten die Gewerkschaften 1,3 Millionen Demonstrierende. Bei den Gelbwestenprotesten erreichte die Beteiligung am ersten großen Aktionstag, dem 17. November 2018, laut Innenministerium mit 280.000 Menschen ihren offiziellen Höchststand, der aber tatsächlich bei mehreren Aktionstagen bei über einer halben Million gelegen haben.

Dieses Mal prägten zahlreiche junge Menschen das Bild, darunter Schüler*innen, die bereits in den vergangenen Wochen gegen das marode Bildungssystem, die vernachlässigte Infrastruktur und die Bildungspolitik Macrons aufbegehrt hatten, aber auch viele Menschen aus den Banlieues. Eigentlich sollte der Tag diese junge Generation mit den Gelbwesten und anderen Teilen der Arbeiterklasse zusammenbringen. Doch zumindest in Paris waren die Gelbwesten weit weniger präsent als erwartet. Ob die Verbindung gelingt, dürfte entscheidend dafür sein, ob sich der Aufstand zu einer breiten gesamtgesellschaftlichen Bewegung ausweiten kann.

Von One Piece zu Superheld*innen – Von Twitter zu Tiktok

Die Ästhetik der Revolte, von Superheldenkostümen bis hin zu historischen Anspielungen wie Demonstrierenden in Napoleon-Kostümen, spricht unterschiedlichen Generationen aus der Seele. Doch vor allem ist es die Generation Z, deren Aufbegehren von einer positiven Nostalgie geprägt ist – einer Sehnsucht nach all dem, was ihr in den knapp zehn Jahren des Macronismus verwehrt geblieben ist.

In diesem Zusammenhang lassen sich auch die massiven Plünderungen verstehen, von denen der Handelsverband zufolge mehr als 1500 Geschäfte in ganz Frankreich betroffen waren. Vor Ort war zu beobachten, wie Waren aus den Geschäften auf die Straßen geworfen, herumgereicht und verteilt wurden. Die Plünderungen hatten vielerorts einen kollektiven Charakter. Sie müssen im Kontext einer gesellschaftlichen Zerrüttung verstanden werden, die sich seit Jahren vollzieht: einer Sparpolitik, die Schulen und öffentliche Einrichtungen verfallen ließ und die Mauern zwischen den Klassen immer höher zog. Einer Politik, die ein ganzes Land an den Rand des Bankrotts geführt hat.

Chaotische Revolte mit klaren politischen Motiven

Wer sich die Mühe macht, mit den Jugendlichen auf dem Place de la République zu sprechen, erkennt schnell, dass hinter der Revolte weit mehr steckt als jene vermeintlich unpolitische Zerstörungswut, über die etwa die Reporter der »Bild« lamentieren. »Wir haben die Schnauze voll. Die Wirtschaft bricht zusammen, und wir haben keine Mittel mehr, um zu leben«, erklärt ein Jugendlicher. Auch die Polizeigewalt gegen Schüler*innen treibt sie auf die Straße. »Wir sind keine Randalierer, wir sind hier, um zu demonstrieren. Das ist unser Recht.« »Wir werden nicht gehört, wir werden nur angegriffen«, sagt ein anderer Jugendlicher. Die Revolte mag chaotisch erscheinen, doch ihre Ursachen sind zutiefst politisch.

Der 17. Oktober könnte zugleich den Beginn einer neuen Ära politischer Mobilisierung markieren. Am 7. September veröffentlichte ein junger Tiktoker ein Video, in dem er angesichts der explodierenden Spritpreise zum Protest aufrief. Kurz darauf schlug er den 17. Oktober als gemeinsamen Aktionstag vor. Content-Creator*innen griffen den Aufruf auf, KI-generierte Bilder und Videos verbreiteten sich massenhaft, und auch die Schülerproteste wirkten als Verstärker. Laut einer Erhebung des Analyseunternehmens Visibrain wurden Videos zum 17. Oktober auf Tiktok bis zum Vortag der Proteste 132 Millionen mal aufgerufen und 18 Millionen Mal geliket. Plattformübergreifend kursierten rund 460.000 Beiträge.

Wochenlang konnte man sich in diesem digitalen Universum verlieren, von einem Video zum nächsten springen, zwischen absurdem Humor, politischen Botschaften und ernsthaften Mobilisierungsaufrufen. In mehreren Sprachen, darunter Englisch und Deutsch, wurden Menschen aus ganz Europa zu einer »Fête de la Musique 2« eingeladen – in Anspielung auf das bekannte französische Straßenmusikfestival. Andere Videos erinnerten daran, zu diesem Fest unbedingt die Gelbwesten mitzubringen. Jugendliche stellten ikonische Szenen der Gelbwestenbewegung nach, bekannte Influencerinnen verbreiteten eigene Aufrufe. Schon während der Schüler*innenproteste zeigte sich diese lebendige Tiktok-Kultur: Vor Polizeiketten tanzten Jugendliche zum viralen Song »Policeman« von Eva Simons – »Hey, mister policeman, I don’t want no trouble.«

Die Mobilisierung entzieht sich linker Kontrolle

Was sich hier abzeichnet, ist eine Weiterentwicklung jener digitalen Mobilisierungsformen, die bereits während des Arabischen Frühlings als »Twitter-Revolution« bekannt wurden und später bei den Gelbwesten sowie jüngeren Protestbewegungen in Ost- und Südostasien eine wichtige Rolle spielten. Doch die Tiktok-Revolte geht noch einen Schritt weiter: Protest wird nicht mehr nur über soziale Netzwerke verbreitet, sondern durch eine unüberschaubare Flut von Memes, Videos, Trends und kollektiven Inszenierungen überhaupt erst zu einer gemeinsamen politischen Erfahrung.

Damit entzieht sich die Mobilisierung zunehmend dem traditionellen Bewegungsmanagement und der Kontrolle linker Parteien oder Gewerkschaften. Dennoch versuchten auch etablierte politische Akteure, an die Dynamik anzuknüpfen. So rief etwa Jean-Luc Mélenchon, einer der bekanntesten Köpfe der französischen Linken, zur Beteiligung am 17. Oktober auf. Über die Behauptung rechter Medien und Kommentatoren, die Proteste seien ein Komplott von La France insoumise, machte er sich der Parteigründer öffentlich lustig.

Angesichts des Schocks der Kapitalisten wird die Repression eine neue Ebene erreichen, und da wird Marx wieder in seiner Betrachtung der Niederschlagung der Pariser Kommune 1871 aktuell: »Die Bourgeoisie der ganzen Welt sieht der Massenschlächterei nach der Schlacht wohlgefällig zu, aber sie entsetzt sich über die Entweihung von Dach und Fach!«

Diese Art der Mobilisierung ist unberechenbar. Das zeigt sich auch daran, wie der Funke bereits auf andere Länder übergesprungen ist, etwa auf Albanien oder zuletzt Italien. Die Träume einer jungen Generation könnten auf diese Weise die ganze Welt erfassen. Etwas, das man im sittsamen Deutschland vielleicht noch nicht versteht, das aber auch hier irgendwann geschehen könnte. Frankreich jedenfalls stehen unruhige Zeiten bevor – mindestens bis zu den Präsidentschaftswahlen im April 2027. Wie das Medienportal Contre attaque nicht ohne Selbstkritik sagte: »Auch wenn die Polizei verloren hat, haben wir noch lange nicht gewonnen. Denn uns fehlt die Perspektive, ein gemeinsamer Kampfplan. Wir müssen dieses Regime stürzen und die ersten konkreten Schritte in Richtung eines besseren Lebens gehen.«

Erstveröffentlicht im nd v. 19.10. 2026
Frankreichs zornige Jugend …

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