Ostermarsch 2022 in Berlin – eine erste Nachlese

Der diesjährige Berliner Ostermarsch fand in Kreuzberg statt. Das Demonstrieren gegen Kriegsgefahren an Ostern hat hier eigentlich keine Tradition. In den letzten Jahren fanden die Ostermärsche vorwiegend in Mitte statt. Doch heißt dies nicht, dass dieses Thema die Kreuzberg:innen nie bewegt hätte. Erinnert sei nur an den Besuch des damaligen US-Präsidenten Ronald Raegan 1987. Der führte zu Randale in Kreuzberg. Denn der Teil der Bevölkerung, insbesondere der junge, der keinerlei Verständnis für die Stationierung atomarer US-Mittelstreckenraketen in Deutschland hatte, wollte diesem Präsidenten ein „Not welcome“ signalisieren. Rund um das Brandenburger Tor gab es jedoch ein Demonstrationsverbot. Das offizielle Berlin applaudierte dort der für die Geschichtsbücher gedachten Inszenierung Reagans, der weihevoll die Worte sprach: „Mr. Gorbatschow – please open this gate“. Die Polizei hatte die Aufgabe zu verhindern, dass die Demonstrant:innen Richtung Brandenburger Tor marschieren. Denn das hätte dort andere Bilder produziert als erwünscht waren. Die Aktiven der Friedensbewegung der 80er Jahre wussten, dass die US-Adminstration sich einer Strategie verschrieben hatte, die Sowjetunion „totzurüsten“ und für diesen Endkampf zwischen dem „Reich des Guten und des Bösen“ Europa, und hier vor allem Deutschland, als Schlachtfeld auserwählt war. Das mobilisierte schließlich Hunderttausende. Im historischen Rückblick wissen wir, dass die US-Strategie des Totrüstens erfolgreich war und auch gerade deshalb wohl dort als erprobtes Rezept gilt. Die von der Friedensbewegung geforderte Auflösung der beiden großen Militärblöcke wurde von den „Siegern“ auch schlicht ignoriert und man nutzte die Zeit, den frei werdenden Raum nun selbst zu besetzen und sich nach Osten auszuweiten.

Möglicherweise waren diese historische Lehren bei vielen Teilnehmer:innen des Osternarsches noch präsent, und sie waren dadurch stärker immunisiert gegen die im Moment verbreiteten Schwarz-Weiß-Erzählungen von den „Mächten der Freiheit“, denen gegen skrupellose Autokraten eine Art Notwehrrecht zustünde und nun eine „Zeitenwende“ notwendig mache, die im Kern all das infrage stellt, wofür die Friedensbewegung der 80er Jahre auf die Staße gegangen ist.

Denn im Gegensatz zu den ersten Demonstrationen, die von jungen Linken in Wedding organisiert wurden, und an denen auch in hohem Maße Gleichaltrige teilnahmen, war der Ostermarsch in Kreuzberg stark geprägt von der Altersgruppe, die mit diesem Thema schon in den 80er-Jahren konfrontiert war. In gewisser Weise hat hier die „alte“ Friedensbewegung wieder den Weg auf die Straße gewagt, um zu verhindern, dass eine radikale Wende rückwärts angetreten wird. Und ich hatte den Eindruck, dass es hier auch eine Ost-West-Begegnung gab und Menschen aus den beiden ehemaligen getrennten Stadthälften zusammengeführt hat, so dass hier frei nach Willy Brandt zusammenwächst, was wirklich zusammengehört. Geeint durch die Erkenntnis: „Nie wieder Krieg“ und nicht erneut wie schon in den letzten Weltkriegen „Alles für den Siegfrieden“.

Die Zahl der Teilnehmer:innen am Ostermarsch in Berlin entsprach zwar nicht dem, was politisch notwendig wäre, die Große Koalition von Bellizisten im Reichstag ernsthaft zu beeindrucken, doch lässt sie Hoffnungen zu, dass wir wachsen können. Mit etwa 1.500 Menschen auf der Demo, so die erste Einschätzung der Organisator:innen dürfte sich die Zahl des letzten Jahres mindestens verdopplt haben. „Zeit-online“ nannte zu diesem Zeitpunkt eine Zahl von 1.300, die von der Polizei gezählt wurde. Wenn nun der „Tagesspiegel“ in seiner Ostersonntagausgabe die Zahl „400“ angibt, die polizeilich autorisiert sei, ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass hier Leute am Werk sind, die sicherstellen möchten, dass eine politisch unerwünschte Bewegung kein mutmachendes Medienecho bekommt.

Bliebe noch zu erwähnen, dass es an diesem Ostermarsch auch einen „Alternativen Ostermarsch“ gab, an dem – auch hier differieren die Einschätzungen – zwischen 650 und 1.000 Friedensbewegte teilnahmen. Organisiert wurde er von ukrainischen und syrischen Gruppen und der Initiative „Leave no one behind“. Als Grund dafür, dass sie zu einer eigenen Aktion aufgerufen haben, gaben die Organisator:innen an, im Aufruf des traditionellen Ostermarsches werde Russland nicht als Agressor genannt und das Recht auf Selbstbestimmung nicht erwähnt. Dies trifft tatsächlich zu. Doch es ist ein Fehlschluss, aus dem Aufruf der Berliner Friedenskooperative (Friko) die These begründen zu wollen, dass die Teilnehmer:innen des Ostermarsches sich in ihrer großen Mehrheit weigerten, Russland als Agressor zu benennen. So sehr die Mehrheit der Demonstrierenden darüber einig sein dürfte, dass die NATO eine große Mitverantwortung für die Zuspitzung der Lage in Osteuropa trägt, so dürfte es noch nur eine kleine Minderheit sein, die Russland schlicht den Opferstatus zubilligen möchte. Einer Teilnahme am „offiziellen“ Ostermarsch wäre den Initiator:innen kaum verwehrt worden. Liest man ihren Aufruf, müssen sie sich eher die Frage gefallen lassen, warum in ihrem Aufruf die NATO mit ihren Weltordnungskriegen und ihrem militärischen Drohpotenzial überhaupt nicht vorkommt und warum dort das gewaltige Aufrüstungspotenzial, das jetzt in Deutschland mit Verfassungsrang angeschoben wurde, mit keinen Wort erwähnt wird. Der Friedensbewegung haben sie damit eher einen Bärendienst erwiesen.

Im Folgenden einige Impressionen vom Samstag aus Kreuzberg: (Bilder: Jochen Gester)

9. April: Antimilitaristische Demonstration in Berlin

Ein Bündnis linker Gruppen hatte am Samstag, den 9. April zu einer antimilitaristischen Demonstration Unter den Linden unter dem Slogan „No war but class war“ aufgerufen. Die Demonstration ging durch die Friedrichstraße bis zum Rosenthaler Platz. Kritische Redebeiträge gegen die geplante Megaufrüstung gab es an einem Werbebüro der Bundeswehr und vor den Parteihäusern von FDP und Grüne/Bündnis 90. Ein Gewerkschafter machte bekannt, dass Arbeiter:innen in verschiedenen Ländern Europa durch Streiks und andere Behinderungsmaßnahmen versuchten haben, Militärtransporte sowohl von NATO-Waffen als auch von russischem Militärgut zu blockieren. Zur Demonstration, an der sich etwa 700 Personen beteiligten, aufgerufen hatten u.a. Berliner Antifagruppen, Klimaaktivist:innen von Ende Gelände, die Initiative „Rheinmetall entwaffnen“, die Jugendorganisation der Partei DIE LINKE sowie verschiedene anarchistische und sozialistische Gruppen.

Dem Aufruf zur Aktion war zu entnehmen, wie sich die Initiatoren in diesem Krieg positionieren:

„Der von der russischen Regierung begonnene Angriffskrieg auf die Ukraine wütet nun bereits seit mehr als einem Monat. Existenzgrundlagen werden zerstört, Zivilist*innen werden ermordet, verletzt oder müssen sich auf die Flucht begeben. … Mit dem Krieg verfolgt Russland geopolitische Ziele und will sich als Großmacht behaupten. Die Ukraine ist sowohl für Russland als auch für die NATO-Staaten als Einflusssphäre von Interesse. Allen imperialistischen Mächten geht es nur darum, in der Konkurrenz zu bestehen und ihren Herrschaftsbereich zu festigen oder auszubauen. Die Antwort auf den Krieg kann daher auch nicht der Ruf nach der NATO oder noch mehr Aufrüstung sein. Wir fordern das sofortige Niederlegen der Waffen, den Abzug aller Truppen und die Abrüstung aller Großmächte. … Als Bündnis stellen wir uns nicht an die Seite dieser Großmächte, die ihre Kriege auf dem Rücken der Menschen austragen. Unsere Solidarität gilt denen, die unter Kriegen leiden, und denen, die gegen sie auf die Straße gehen. Wir unterstützten die Anti-Kriegsproteste in Russland, bei denen Demonstrierende harten Repressionen ausgesetzt sind.

Ein Mitglied des „Internationalen Bündnisses Nordberlin“ rief dazu auf, sich beim traditionellen Berliner Ostermarsch, der am kommenden Samstag um 12 Uhr am Oranienplatz beginnt, am „Wir-zahlen-nicht-für-ihren-Krieg-Block“ zu beteiligen. In einem Beitrag der VVN BdA wurden die Teilnehmer:innen eingeladen, am 9. Mai, dem Tag der Befreiung vom deutschen Faschismus, gegen Krieg und Nationalismus auf die Straße zu gehen.

Wir danken dem UMBRUCH-ARCHIV für die Überlassung der Bilder.
https://umbruch-bildarchiv.org/willkommen/

DER APPELL – Bitte unterschreiben!

Es waren nur wenige Tage vor dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine. Der Karikaturist Klaus Stuttmann veröffentlichte eine Karikatur, in der US-Präsident Biden erzürnt dem Regierungschef der Russischen Föderation mit erhobenem Zeigefinger zu verstehen gab: „Wenn du am Mittwoch nicht einmarschierst, nur um meine Geheimdienste als Deppen dastehen zu lassen, dann mach ich dich fertig“. Stuttmann und viele mit ihm – auch ich – glaubten nicht daran, dass diese Dienste wirklich wussten, was kommt, sondern den üblichen Desinfomationsnebel verbreiten. Doch sie waren sicher bei den Gesprächen mit Putin dabei und er muss ihnen gesagt haben, was zu erwarten ist. Als das dann passierte, löste es eine Schockwirkung aus. Die Öffentlichkeit war erstmal wie gelähmt. Genau diese Situation nutzte dann die Bundesregierung, verstärkt um fast alle Oppositionsparteien, um in einem Handstreichverfahren, ohne jegliche Debatte in der Gesesllschaft, einen Beschluss durch den Bundestag zu bringen, der eine „Zeitenwende“ einläuten soll. Dessen zentrale Pföcke sind: Mindestens 2% des jährlichen Bundesaushalts für das Militär, dazu ein Sonderfonds von 100 Mrd, ebenfalls „für die Verteidigung“, und damit das Ganze auch dann Bestand behält, wenn die öffentliche Meinung sich drehen sollte, Aufnahme ins Grundgesetz. Viele stellen sich danach die Frage, wie dagegen eine Widerstandslinie aufgebaut werden kann, die hoffen lässt, das Ganze doch noch zu kippen. Ein offenbar fruchbares Ergebnis dieser Diskussionen ist der „DER APPELL“- Seine Initiator:innen sind Jan Dieren, (SPD, Mitglied des Deutschen Bundestags), Klaus Dörre, (Soziologe, Universität Jena), Julia Schramm, (Autorin und Mitglied des Bundesvorstands von DIE LINKE), Ingar Solty, (Referent für Außen-, Friedens- und Sicherheitspolitik des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung) und Andrea Ypsilanti, (SPD Mitglied, Sprecherin Institut Solidarische Moderne).

Die Beteiligten hatten keinen Konsens in der Beurteilung der Vorgeschichte des Krieges und der danach notwendigen politischen Maßnahmen , was ja auch für das sozial-politische Mileus repräsentativ ist, dem sie angehören. Doch sie waren einig, dass die geplante Hochrüstung und seine Absicherung durch einen Verfassungsauftrag abgelehnt werden muss.

Der politische Minimalkonsens scheint gut gewählt. Der Kreis der Unterzeichner:innen erzeugte einen schnellen Sog, der das Bedürfnis weckte, auch dabei zu sein. Der heutige Stand (7.4.22) der Unterzeichner:innen beträgt knapp 45 000. Darunter auch erfreulich viele Gewerkschaftsmitglieder. Wir wünschen dem APPELL eine Entwicklungsperspektive wie dem berühmten „Krefelder Appell“, der in den 80er Jahren die Mobilisierung gegen die geplanten atomaren Mittelstreckenreaketen begleitete. Doch allein der Blick auf die parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse in dieser existenziellen Frage zeigt, dass wir hier nicht im Spurt über eine Ziellinie laufen werden sondern vor einer Marathonaufgabe stehen.

Wir fordern dazu auf, den Appell zu unterschreiben und dafür zu sammeln.

Hier ist die Website von DER APPELL:
https://derappell.de/

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