Ausbruch aus dem Kriegsregime: „Ihr kriegt uns nicht!“

Wir schlagen vor, aus dem Kriegsregime zu desertieren – ein Debattenbeitrag der Interventionistischen Linken Frankfurt am Main

Bild: Kommunalinfo Mannheim

Das Kriegsregime ist ein massiver Angriff auf liberale Grundrechte, auf die kritische Zivilgesellschaft, auf die Rechte von Lohnarbeitenden und auf den Sozialstaat.

Als Israel am 13. Juni 2025 den Iran angriff, trafen israelische Bomben das Evin-Gefängnis in Teheran und töteten vermutlich über 70 Gefangene des iranischen Regimes. Unmittelbar nach den israelischen Angriffen ging das iranische Regime mit einer Repressionswelle gegen Kritiker*innen vor. Was auch immer uns also diejenigen erzählen, die von Kriegen profitieren und ihre Machtbereiche ausweiten wollen: Kriege werden nie im Sinne von Menschenrechten oder Befreiung geführt. Im Gegenteil: Krieg ist immer auch ein Krieg gegen die sozialen Kämpfe, die Bewegungen von unten.

Ob in den Eskalationen der Kriege und der Gewalt im Iran, in Gaza, in der Ukraine oder in Syrien: die internationale Ordnung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bricht gerade zusammen und niemand scheint eine Idee für ihre Stabilisierung zu haben, selbst die Herrschenden nicht. Sie setzen ihre Interessen mit Gewalt durch – zunehmend ohne rhetorische Verschleierung, wie sie noch um die Jahrtausendwende üblich war.

Länder wie Iran, wie Palästina und die Ukraine werden zu Schlachtfeldern, auf denen der Kampf um ökonomische Interessen und um die internationale Ordnung geführt wird. Aber auch in Ländern, die nicht akut vom Krieg betroffen sind, schreibt sich dessen Logik fort: in Prozessen einer gesamtgesellschaftlichen Militarisierung. In Deutschland wird seit der »Zeitenwende« die Begrenzung der Rüstungsausgaben aufgehoben, die Debatte um die Wehrpflicht angeheizt, auf Wahlplakaten werden Sicherheit und Aufrüstung versprochen, Unternehmen wie VW setzen wieder vermehrt auf Kriegsgerät, die Aktien von Rheinmetall & Co. boomen. Und der Diskurs wird autoritärer: Von Individuen wird »Kriegstüchtigkeit« verlangt, jeglicher Widerspruch als »naiv« diffamiert, Veranstaltungen werden abgesagt, Demos und Sprechchöre als antisemitisch gebrandmarkt und verboten. Der Debattenkorridor verengt sich und Zwischentöne sind kaum mehr hörbar. So oder so ähnlich wird auch anderswo für Ordnung und Disziplin an der Heimatfront gesorgt.

Wir stellen daher eine Hypothese auf über die Entfaltung eines Kriegsregimes. Damit meinen wir keine spezifische Form der Regierung in Form einer Militärjunta in einzelnen Nationalstaaten. Sondern wir meinen einen neuen Modus der Herrschaft und der nationalen und globalen Krisenbearbeitung durch das gemeinsame Agieren staatlicher und nicht-staatlicher Akteure. Dieser Modus zentriert sich um das Recht des Stärkeren. Die Kriege dienen zum einen der Sicherung von knapper werdenden Ressourcen und der Neuordnung globaler Handelsrouten, Lieferketten und neokolonialer Machtverhältnisse. Zum anderen bedeutet Krieg stets Homogenisierung und Disziplin im Inneren, das Niedermähen sozialer Widersprüche und Kämpfe unter dem Banner nationaler Einheit.

Was auch immer uns diejenigen erzählen, die von Kriegen profitieren und ihre Machtbereiche ausweiten wollen: Kriege werden nie im Sinne von Menschenrechten oder Befreiung geführt.

Auch hierzulande soll eine Volkswirtschaft, eine Gesellschaft kriegstüchtig gemacht werden – materiell und diskursiv. Der sozialpsychologische Treiber ist die geschürte Angst vor dem Bösen, das hinter den Mauern lauert, die unsere Zivilisation trennen von einer barbarischen Welt. Der russische Autoritarismus, der islamistische Fundamentalismus der Hamas dienen als das Symbol des Übels, demgegenüber die eigene gesellschaftliche Ordnung als Inbegriff der Menschlichkeit, der Freiheit und des Fortschritts erscheinen soll.

In Anbetracht ihrer notwendigen Verteidigung sollen wir uns einreihen und glauben, die zahllosen Krisenherde, die Ungleichheiten und die Klimakatastrophe, die ihren Ursprung in der kapitalistischen Produktionsweise finden, seien zweitrangig geworden. Den Gürtel enger schnallen, die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages hinnehmen, die Inflation schlucken und dulden, dass Milliarden in Rüstung statt in das Bildungs- und Gesundheitssystem investiert werden – all das soll nötig sein, wenn »der Russe« bald wieder vor der Tür steht und wir gegen ihn zusammenhalten müssen. Indem die äußere Bedrohung permanent beschworen wird, wird jeder Einwand gegen steigende Rüstungshaushalte, sinkende Löhne oder ausgedünnte Sozialleistungen als naiv, illoyal oder gefährlich gebrandmarkt. Realpolitische Alternativen – Abrüstung und die Suche nach diplomatischen Lösungen – verschwinden so nach und nach aus dem öffentlichen Diskurs.

Die Rhetorik der Alternativlosigkeit zementiert nicht nur das Kriegsregime selbst, sondern auch den neoliberalen Kern seiner Politik. Austerität und Militarisierung werden zur einzigen denkbaren Strategie für Sicherheit und Fortschritt erhoben. Durch eine negative Rüstungskonversion sollen deutsche Arbeitsplätze und Profite gesichert werden, wenn in Zukunft statt Zugwaggons wieder Panzer die Fabrikhallen verlassen. Um der Rezession also zu entkommen, wird gezielt auf den militärischen Wirtschaftszweig gesetzt. Einmal mehr profitiert die deutsche Wirtschaft vom Sterben und Töten.

Die Rhetorik des Krieges kennt nur eine binäre und rassistisch kodierte Freund-Feind-Logik, die im Gegenüber und im Außen nur die Bedrohung und das absolut Andere gegenüber der eigenen Position sieht, mit dem Verhandlung oder Kompromiss nicht mehr zu machen ist. Die rassistische Entmenschlichung des Gegners war immer Grundvoraussetzung dafür, Kriege oder sogar einen Völkermord wie in Gaza durchzuführen und zu legitimieren. Der Feind steht dabei nicht nur im Außen, sondern ist längst in der eigenen Gesellschaft angekommen. Betrachtet man zum Beispiel die Forderung von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) nach effektiveren Waffen für die Bundespolizei, die hochgerüsteten Außengrenzen und paramilitärische Akteure wie Frontex, so zeigt sich erneut, dass die »Anderen« mit militärischen Mitteln ferngehalten, prekarisiert und ihre Rechte weiter ausgehöhlt werden sollen.Die Autoren

Die Interventionistische Linke (IL) Frankfurt am Main kämpft seit den Blockupy-Protesten vor gut zehn Jahren »im Herzen der Bestie gegen Militarismus und Faschismus und für das Leben«, so ihre Selbstbeschreibung. Für den 26. bis 31. August ruft die sie dazu auf, zum antimilitaristischen Aktionscamp der Initiative Rheinmetall Entwaffnen zu kommen. Dort wird sie ihre Broschüre unter dem Motto »Ihr kriegt uns nicht!« präsentieren. Der hier gekürzt veröffentlichte Text ist in vollständiger Fassung zu lesen auf: https://blog.interventionistische-linke.org/antikriegsbewegung/neues-kriegsregime

Zugleich sind migrantisierte Personen immer das »Testfeld« für autoritäre Praktiken, die im nächsten Schritt verallgemeinert werden sollen. Besonders deutlich zeigte sich dies im Herbst 2023, als sich die Repressionen und Eingriffe der Ampel-Regierung gegen die palästinasolidarische Bewegung richteten, die sich mit Debatten um importierten Antisemitismus und einer rassistischen Stimmungsmache für Abschiebungen »im großen Stil« verbanden. Daraus resultierten massive Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit sowie des Zugangs zur Staatsangehörigkeit.

Die militärische Logik des Denkens in Lagern, die keine Zwischentöne zulässt und den Feind als das absolut Böse präsentiert und damit den Korridor des Sagbaren verengt, das Verbot von Demonstrationen, die Aufrüstung von Polizeikräften und das Entziehen von Mitteln für kritische, soziale und/oder linke Projekte – das alles sind die Embleme eines zusehends autoritär agierenden Staates. In Deutschland zeigt sich das insbesondere am Ausbau von Bundeswehr und Polizei, die im Zuge der Debatten um die »Wehrhaftigkeit« der Demokratie nicht nur symbolisch, sondern auch materiell massiv aufgerüstet werden. Und das trotz zahlreicher, durch antifaschistische Recherchen ans Licht gebrachter rechter bis rechtsextremer Netzwerke in genau diesen Institutionen. Mit Blick auf die nächste Wahl hat eine gesichert rechtsextreme Partei die Möglichkeit, die Macht in einem bis dahin vermutlich massiv hochgerüsteten Staat zu übernehmen.

Wer die Grundbedingungen imperialer Konkurrenz im Kapitalismus nicht abschafft, wird auch in Zukunft nicht darum herumkommen, Kriege zu führen. Weder die erpresserische »Friedens«-Politik Trumps noch die Expansion des europäischen Grenzregimes, das Migrationsbewegungen militärisch und sicherheitspolitisch bekämpft, deuten darauf hin, dass die faschistische Internationale tatsächlich ein Projekt des Friedens ist, mögen Auslandseinsätze in ihrer Anhängerschaft noch so unpopulär sein.

Im Angesicht des eskalierenden planetaren Chaos werden politische Vormachtstellungen und der Zugriff auf zunehmend knappere Ressourcen und die imperiale Lebensweise immer häufiger mit militärischen Mitteln gesichert. Es ist zu befürchten, dass sich dieser Trend durch eine Art »überdimensionales Prepping« (Naomi Klein) zuspitzt. Das betrifft auch die Absicherung der Rohstoffe für »grüne« Technologien: Die übrigen Projekte des »green capitalism« verbinden sich mit einem militarisierten Neoliberalismus, denn auch ein auf »grüne« Technologie umgestellter Kapitalismus benötigt Zugriff auf Ressourcen und ist auf neokoloniale Ausbeutung angewiesen.

Auch in Ländern, die nicht akut vom Krieg betroffen sind, schreibt sich dessen Logik fort: in Prozessen einer gesamtgesellschaftlichen Militarisierung.

Wir sehen bereits jetzt, wie autoritäre, faschistische und kriegstreibende Herrschende unterschiedlicher Schattierungen demokratische Grundrechte untergraben, kritische Zivilgesellschaften attackieren und Gewalt als Mittel politischer Durchsetzung feiern – sei es als Aufstandsbekämpfung oder als Abschiebephantasie. Unser Antifaschismus muss also antimilitaristisch werden und unser Antimilitarismus antifaschistisch.

Das Kriegsregime ist ein massiver Angriff auf liberale Grundrechte wie Versammlungs-, Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, auf die kritische Zivilgesellschaft, auf die Rechte von Lohnarbeitenden und auf den Sozialstaat. Es ist also auch ein Krieg von oben nach unten, ein Angriff auf schon Erkämpftes, ein Angriff auf alle Formen widerständigen Verhaltens.

Wir schlagen deshalb vor, zu desertieren. Nicht nur in dem engen Sinne der Verweigerung des Kriegsdienstes. Desertieren verstehen wir als Praxis des Sich-Entziehens, der kollektiven Verweigerung der Einbindung ins Kriegsregime. In der Praxis würde das bedeuten, sich in all jene Kämpfe zu involvieren, in denen die Ausbreitung des autoritären Kriegsregimes verhandelt wird: in Kämpfe gegen die deutsche Unterstützung des Genozids in Gaza, in Kämpfe gegen Repression, in Kämpfe gegen Gewalt an Queers, an Migrant*innen und an FLINTA*, in Kämpfe gegen Sozialkürzungen und Sparpolitik, gegen Aufrüstung, Waffenlieferungen, Wehrpflicht und militaristische Zurichtung, in Kämpfe gegen fortgesetzte Ressourcenausbeutung, gegen militarisierte Außengrenzen und Abschiebungen, gegen den hochgerüsteten Polizeiapparat.

Unsere Aufgabe als radikale Linke ist es, diese Kämpfe zu antimilitaristischen Kämpfen gegen das Kriegsregime zu machen, sie aus ihrer Isolation zu holen und miteinander zu verbinden. Es ist unsere Aufgabe, Momente der Verweigerung, der Desertion aus dem Kriegsregime zu verbreitern und zu kollektivieren. Weil die Logik des Krieges eine neue Logik der Macht schafft, die in der Militarisierung der ganzen Gesellschaft ihre Legitimationsgrundlage und ihr Ziel hat.

Und – last, but not least – gilt es, all diese Kämpfe gegen das Kriegsregime als transnationale Kämpfe zu führen. Wir brauchen eine transnationale Bewegung, die sich nicht einordnet in die starren Reihen der Disziplin und in die abgegrenzten Fronten der Lagerbildung. Denn die Grenze verläuft nicht zwischen Nationen und Fronten, sondern zwischen uns, die wir in den Kriegen sterben, und denen, die daran profitieren. Zwischen unten und oben. Zwischen den Gefangenen des Evin-Gefängnisses im Iran und überall auf der Welt und den Mächtigen, die sie einsperren und Bomben auf sie werfen. Zwischen denen, die für das Leben kämpfen und denen, die Todesmaschinen bauen. Wir können und wollen uns für keine Seite in diesen Kriegen entscheiden, denn es sind Kriege gegen uns.

Erstveröfentlicht in nd v. 19.8. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1193398.militarisierung-ausbruch-aus-dem-kriegsregime-ihr-kriegt-uns-nicht.html?sstr=Ihr|kriegt|uns|nicht

Wir danken für das Publikationsrecht.

Verbot von antimilitaristischem Camp: Krieg ist Frieden

Mit der Zeitenwende nimmt auch der Autoritarismus zu, glaubt Raul Zelik

Bild: „Orwell Marketing“ – ebay; https://share.google/images/q7wR7HkoOLYLpcua9

Wer wissen möchte, worin die »Zeitenwende« besteht, muss nur das Radio anschalten. Auf dem Deutschlandfunk, früher vergleichsweise vielstimmig, wird mittlerweile zu jeder Tages- und Nachtzeit die Werbetrommel für deutsche Rüstungskonzerne gerührt. In den Börsennachrichten lobt man die »Performance« von Thyssenkrupp Marine Systems, in der Kultursendung wird erläutert, warum der ukrainische Nationalismus die Freiheit verteidigt, der palästinensische hingegen mörderisch ist.

Dass die Verhältnisse aufgrund dieser Mobilmachung autoritärer werden, hätte man ahnen können. Eine Gesellschaft, in der die »nationalen Interessen« beschworen werden, rückt zwangsläufig nach rechts. In diesem Sinne ist das Verbot des antimilitaristischen Camps »Rheinmetall-Entwaffnen« durch die Polizei keine Überraschung.

Um die 1000 Personen wollten ab dem 26. August in Köln zusammenkommen, um sich der Militarisierung in den Weg zu stellen. Anders als bei früheren Camps sollte es diesmal auch um die Bundeswehr gehen. Die Polizei hat das untersagt, weil ein »unfriedlicher« Verlauf befürchtet wurde. Als Begründung wurde unter anderem auf den Slogan »Krieg dem Krieg« verwiesen.

Das ist nicht in erster Linie deshalb ein Skandal, weil mit der Begründung auch Tucholsky-Lesungen untersagt werden könnten. Viel schlimmer ist der Euphemismus dahinter: »Unfriedlich« sind nicht etwa die Bombenangriffe in Jemen und Gaza, die Rheinmetall mit seinen Geschäften ermöglicht, sondern die Proteste dagegen.

Erstveröffentlicht im nd v. 14.8. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1193311.rheinmetall-entwaffnen-verbot-von-antimilitaristischem-camp-krieg-ist-frieden.html?sstr=Zelik

Wir danken für das Publikationsrecht.

Krieg dem Kriege

Der Ausspruch »Soldaten sind Mörder« stammt von Kurt Tucholsky, formuliert in den 1930er Jahren. Aber was genau ist Tucholskys Pazifismusbegriff?

Von Frédéric Valin

Bild : pixabay

Soldaten sind Mörder.» Dieses berühmte Zitat des Schriftstellers Kurt Tucholsky (1890–1935) hat – bei aller Kriegsbegeisterung in Politik und Medien – spätestens seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine wieder mehr Verbreitung gefunden. Nachdem Tucholsky von Friedensbewegten wieder vermehrt in Anschlag gebracht wird, lohnt sich ein genauerer Blick auf seinen Pazifismus und auch die Widersprüchlichkeiten, die sich hinter der Parole verbergen. Dabei scheint auf den ersten Blick eindeutig, dass Tucholsky den Satz genau so gemeint hat, wie er wiedergegeben wird. Dessen Sinn ergibt sich aus dem Kontext des berühmten «Weltbühne»-Artikels «Der bewachte Kriegsschauplatz» von 1931, den Tucholsky der Feldgendarmerie gewidmet hat; zudem hat der Schriftsteller diese Aussage bei verschiedenen Anlässen wiederholt.

Ein leichter kontextueller Unterschied zwischen der Bedeutung von «Soldaten sind Mörder» in unserer Gegenwart und in der Weimarer Republik könnte in folgendem Umstand liegen: Der Tatbestand Mord war damals anders definiert als heute. Grob gesagt, es bestand keine sprachliche Differenzierung zwischen Mord und Totschlag und entsprechend umfasste Tucholskys Diktum weit mehr Taten als im heutigen Strafgesetzbuch darunter fallen würden. Aber dieser Einwand ist eher spitzfindig, juristisch gesehen fehlt in dem Ausspruch ohnehin die konkrete handelnde Person, die des Mordes bezichtigt wird. So sah es auch Tucholskys Redakteur bei der «Weltbühne», Carl von Ossietzky, dem wegen dieses Zitats der Prozess gemacht wurde: Es handle sich nicht um die Diffamierung eines Standes, sondern um die Diffamierung des Krieges. Das Berliner Schöffengericht folgte dieser Auffassung und sprach Ossietzky 1932 frei.

Auch spätere Versuche, den Satz unter Strafe stellen zu lassen, scheiterten. Insbesondere der CSU-Politiker Franz Josef Strauß verfolgte in seiner Zeit als Verteidigungsminister Pazifist*innen mit grimmigem Furor; ausgerechnet jener Franz Josef Strauß, der als Wehrmachtssoldat in der Sowjetunion, wie er in seinen Memoiren schreibt, Zeuge mehrerer Massaker seiner Kameraden an jüdischen Menschen wurde. Aber weder Strauß’ noch alle anderen Anklagen hielten stand, bis 1995 das Bundesverfassungsgericht endgültig entschied, dass der Satz keinen Straftatbestand erfüllte.

Kämpferische Friedensliebe

Nachdem damit die juristischen Instrumentalisierungen verunmöglicht wurden, stellte sich die grundlegendere Frage, wie Tucholskys Pazifismus eigentlich definiert war – gerade weil der Satz in pazifistischen Zusammenhängen immer wieder auftaucht und Tucholsky nach wie vor einer der wirkmächtigsten Pazifisten in Deutschland. Klar ist: Sein Pazifismus speist sich aus den Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg, der zumindest an der Westfront ein Gepräge hatte, wie ihn aktuelle Kriege nicht mehr aufweisen. Sprich, die einigermaßen klare Trennung zwischen Front und Hinterland, die bei Tucholsky immer wieder eine Rolle spielt, existiert so nicht (mehr).

Tucholsky schreibt: «Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war.» Aber heute haben sich die Grenzen des Krieges durch Drohnen- und Luftangriffe, den Einsatz verdeckter Truppen und systematisch eingesetzten Terror gegen die Zivilbevölkerung verwischt; in vielen modernen Kriegen existiert eigentlich überhaupt keine Front mehr, nur mehr «Konfliktgebiete». Die Aufhebung dieser Trennung ist im Übrigen kein ausschließliches Merkmal der Moderne, wie der Politologe Herfried Münkler belegt hat: Auch der 30-jährige Krieg (1618–1648) beispielsweise kannte diese Trennung nicht. Dieser Krieg war gerade zu seinem Ende hin nicht auf entscheidende Schlachten ausgelegt, sondern auf die Auspressung und Verheerung ganzer Regionen.

Scheinbar paradoxerweise geht es Tucholsky darum, den äußeren Krieg nach innen, also in die Gesellschaft zu tragen. Denn Tucholskys Pazifismus ist kein friedlicher. Er hält die Friedensliebe nur dann für wirkungsvoll, wenn sie kämpferisch ist: «Das Recht zum Kampf, das Recht auf Sabotage gegen den infamsten Mord: den erzwungenen – das steht außer Zweifel. Und, leider, außerhalb der so notwendigen pazifistischen Propaganda. Mit Lammsgeduld und Blöken kommt man gegen den Wolf nicht an.» An anderer Stelle brachte Tucholsky diese Haltung auf die griffige Formel «Krieg dem Kriege». Und er ließ keinen Zweifel daran, dass in diesem Krieg, den er gegen den Krieg der Staaten führen wollte, jedes Mittel Recht ist, sofern es wirkt: «Uns radikalen Pazifisten aber bleibt (…) das Naturrecht, imperialistische Mächte dann gegeneinander auszuspielen, wenn der Friede Europas, wenn unser Gewissen das verlangt, und ich spreche hier mit dem vollen Bewußtsein dessen, was ich sage, aus, dass es kein Geheimnis der deutschen Wehrmacht gibt, das ich nicht, wenn es zur Erhaltung des Friedens notwendig erscheint, einer fremden Macht auslieferte.»

Was Tucholsky unter Krieg versteht, ist der Waffengang der Nationalstaaten, ist die Konfrontation der imperialistischen Mächte. Die Hybridität gegenwärtiger Kriegsführung, die den Terror gegen die Zivilgesellschaft nicht nur toleriert, sondern strategisch einbezieht, hätte vielleicht nicht jenseits von Tucholskys Vorstellungskraft gelegen, aber sie liegt quer zu seiner Argumentation. Denn es ist nicht nur der Frieden um jeden Preis, den Tucholsky mit seinem eigenen, privaten Krieg gegen den Krieg verteidigt, sondern es ist auch eine Idee einer Gemeinschaft jenseits des Nationalstaates: «Wir halten den Krieg der Nationalstaaten für ein Verbrechen, und wir bekämpfen ihn, wo wir können, wann wir können, mit welchen Mitteln wir können. Wir sind Landesverräter. Aber wir verraten einen Staat, den wir verneinen, zugunsten eines Landes, das wir lieben, für den Frieden und für unser wirkliches Vaterland: Europa.»

Wie Kurt Tucholsky über aktuelle Kriege denken würde, muss aber letztlich Spekulation bleiben und ist entsprechend müßig. Dass und wie seine geistigen Nachfolger*innen mit dem Krieg insbesondere in der Ukraine verfahren sind, hat nun allerdings Pascal Beucker in seinem Buch «Pazifismus – ein Irrweg?» verarbeitet. Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat gerade jenen Teil der Friedensbewegung erschüttert, die Russland für eine Friedensmacht hielt (und in manchen Teilen sogar heute noch hält). Und diese Zuschreibung allein ist schon eine Abkehr vom Pazifismus tucholskyscher Prägung, der jedem Staat misstraut. Mit dem Vaterland, das Tucholsky zu verraten jederzeit bereit ist, ist nicht nur das eigene gemeint, sondern jedes Vaterland.

Etwas ratlos wirkte Tucholsky häufig, wenn es darum ging, welche Mittel zu ergreifen seien, um den Frieden zu bewahren; gerade weil er den Frieden um jeden Preis will, weiß er bisweilen nicht den Weg dorthin. Einen Interventionskrieg habe er, so schreibt er in der Korrespondenz mit der Zürcher Ärztin Hedwig Müller, einer engen Freundin, stets für wahnsinnig gehalten; notwendig wäre gewesen, dass die deutsche Bevölkerung von sich aus die Kriegsvorbereitungen unterläuft – durch Blockaden, durch Sabotage, durch eine positive europäische Idee, die den grassierenden Nationalismen etwas entgegensetzt.

Aber all das gab es nicht, weswegen Tucholsky 1935 konstatiert: «Es gibt keine geistige Position. Daher mein Schweigen.» Sein Pazifismus ist kein Deckmantel für andere Ideologien, er verbirgt nichts. Und es ist gerade diese Ratlosigkeit, die Tucholskys Texten zum Frieden eine menschliche Dimension gibt, der vielen aktuellen Traktaten und Aufrufen fehlt. Sie führt ihn zum Versuch, so ehrlich wie möglich zu sein. Dass Tucholskys Parolen in der heutigen Neuauflage «seiner» Zeitung, der «Weltbühne», zwar gedruckt werden, aber Russland nicht als Aggressor im Ukraine-Krieg benannt wird, bricht mit diesem Erbe.

Wie geht Frieden?

Indem er sich im Falle eines Krieges für einen Generalstreik und Regierungssturz aussprach, für einen Kampf im Inneren, gegen die Regierung, war Kurt Tucholskys Pazifismus auch revolutionär. Dass der Frieden dabei Konditionen braucht und sich nicht einfach nur herbeiwünschen lässt, schien ihm überdeutlich: «Die stupide Anschauung Ernst Jüngers, Kampf sei das Primäre, das Eigentliche, wofür allein zu leben sich verlohne, steht auf ähnlichem Niveau wie die eines falschen Friedensfreundes, der jeden Kampf verabscheut und für Kamillentee optiert. Weder ewiger Kampf ist erstrebenswert noch ewige Friedfertigkeit. Nur Krieg … das ist eine der dümmsten Formen des Kampfes, weil er von einer recht unvollkommenen Institution und für sie geführt wird.»

Die Spannung zwischen der in der Weimarer Republik verbreiteten Kriegslüsternheit und seinem radikalen Pazifismus hat Kurt Tucholsky am Ende nicht mehr ausgehalten. Als abzusehen war, dass seine Versuche, eine bessere Welt herbeizuschreiben, gescheitert waren, verstummte er nach und nach; nur seine Briefe geben bruchstückhaft Auskunft über seine innere Erschütterung. Am 16. Mai 1935, neun Monate vor seinem Tod schreibt er an Hedwig Müller: «Nichts als Pacifist zu sein – das ist ungefähr so, wie wenn ein Hautarzt sagt: ›Ich bin gegen Pickel.‹ Damit heilt man nicht.» Das Wettrüsten, das er in diesen Tagen beobachtete, hielt er für einen Wahnwitz mit einem ganz bestimmten Grund: «Aber das nur deshalb, weil die Regierungen, vollgesogen von der blödsinnigen Idee der absoluten Souveränität – in Anarchie leben und keine Rechtsordnung über sich anerkennen wollen.»

Diese Rechtsordnung, die Tucholsky vermisst, soll seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges das Völkerrecht bilden. Dieses nicht anzuerkennen, es nicht als Grundlage für die Bewertung von Krieg und Frieden zu nehmen, führt automatisch, so lässt sich mit Tucholsky schließen, selbst wiederum zum Kriege: «Also muß der Friedenstörer, der ja Deutschland ist, den Ton angeben, wie ja immer der niedrigste den Ton angibt.» 1945 erklärten die Gründungsmitglieder der UN in ihrer Charta, nunmehr «künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren». Das ist bislang nicht gelungen; die Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) zählte 2023 weltweit 28 Kriege und bewaffnete Konflikte.

Erstveröffentlicht im nd v. 14.8. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1193304.pazifismus-krieg-dem-kriege.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

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