Die Bundeswehr verstärkt ihre Kooperation mit den Israel Defense Forces (IDF); auch Polizei und Cybersecuritybehörden intensivieren die Zusammenarbeit mit Israel, während die Kriege um Dominanz in Nah- und Mittelost eskalieren.
Redaktion GERMAN FOREIGN POLICY
Titelbild: Screenshot IDF
TEL AVIV/BERLIN (Eigener Bericht) – Deutschland baut seine militärische, polizeiliche und auf Cybersecurity bezogene Zusammenarbeit mit Israel systematisch aus. Dies geht aus Vereinbarungen hervor, die beide Seiten bereits zu Jahresbeginn geschlossen haben und die jetzt umgesetzt werden. So sieht der im Januar unterzeichnete „Cyber- und Sicherheitspakt“ eine engere Kooperation der Polizeibehörden sowie den Aufbau eines „Cyberdome“ in Deutschland vor; Berlin kooperiert mit Israel, um „praxisnahe Erkenntnisse aus einem Land mit hoher Einsatzfrequenz“ zu erhalten. Ein im Februar geschlossenes Abkommen über eine deutlich intensivierte Militärzusammenarbeit zielt darauf ab, die Bundeswehr in der Praxis „kriegsfähig“ zu machen. Dazu sollen die israelischen Landstreitkräfte ihre Fähigkeiten und Erfahrungen, die sie in Israels vergangenen und aktuellen Kriegen erlangt haben, an das Deutsche Heer weitergeben. Mit ihrem „unübertroffenen Fachwissen im Bereich Bodenoperationen“ könnten die Israel Defense Forces (IDF) der Bundeswehr helfen, „sich auf ein zunehmend unbeständiges globales Umfeld einzustellen“, heißt es. Die Stärkung der Kooperation erfolgt vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Kriege um die Dominanz in Nah- und Mittelost.
„Der wichtigste Partner außerhalb der NATO“
Die deutsch-israelische Militärkooperation begann – wie die Rüstungszusammenarbeit (german-foreign-policy.com berichtete [1]) – im Kern bereits gegen Ende der 1950er Jahre, als deutsche Militärs israelische Soldaten in den Gebrauch damals gelieferter deutscher Waffensysteme einwiesen. Für die 1980er Jahre sind sporadisch gemeinsame militärische Lehrgänge bei den Gebirgsjägern belegt; ab 1998 fanden – neben Austauschprogrammen für Offiziersanwärter – „regelmäßige Treffen auf Generalstabsebene des Heeres“ statt.[2] Nach Angaben der Bundesregierung nahmen zwischen 1984 und 2014 „bis zu 493“ israelische Militärs, darunter Offiziere, an Ausbildungs- und anderen Programmen der Bundeswehr teil; umgekehrt hielten sich 254 deutsche Soldaten zu Ausbildungsprogrammen und Übungen in Israel auf.[3] Unklar ist freilich, ob die Zahlen dem vollen Umfang entsprechen: Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage im Bundestag hervorgeht, werden Maßnahmen der Militärkooperation mit Israel zuweilen geheimgehalten.[4] Dabei ist die Zusammenarbeit keinesfalls auf das Heer beschränkt; ab 2017 nahm die deutsche Luftwaffe mehrmals am israelischen Luftwaffenmanöver Blue Flag teil. Der Inspekteur der Luftwaffe, Ingo Gerhartz, erklärte 2022, für seine Teilstreitkraft seien die Israel Defense Forces (IDF) „der wichtigste Partner außerhalb der NATO“.[5]
Auf dem Weg zur Einsatzarmee
Systematisch intensiviert wurde die deutsch-israelische Militärkooperation seit den 1990er Jahren. Dies hat exemplarisch Generalleutnant a.D. Helmut Willmann 2002 bestätigt, der in den Jahren von 1996 bis 2001 als Inspekteur des Heeres unter anderem damit befasst war, die Beziehungen seiner Einheiten zu den israelischen Landstreitkräften zu institutionalisieren. Weil man damals dabei gewesen sei, die Bundeswehr „von der Friedens- zur Einsatzarmee“ umzubauen, habe man „natürlich auch den Kontakt zu Armeen“ gesucht, „die da schon mehr Erfahrungen hatten als wir“, erläuterte Willmann.[6] Es sei allen „klar“ gewesen, „dass die Zusammenarbeit mit der israelischen Armee natürlich auch professionell uns Vorteile bringt“. 2014 wurde zum Beispiel eine – offenbar erst 2015 verspätet realisierte – Ausbildungsreise deutscher Militärs nach Israel angekündigt, wo Häuser- und Tunnelkampf auf dem Programm stand.[7] Man habe großes Interesse an den „spezifischen Einsatzerfahrungen der israelischen Streitkräfte“, hieß es dazu aus dem deutschen Heereskommando.[8] Mit Blick auf die stets intensiver werdenden Militärbeziehungen äußerte im Oktober 2021 der Militärattaché an der deutschen Botschaft in Tel Aviv, Oberst Jürgen Haffner, es gebe „ein unglaublich enges Interesse der Bundeswehr an den israelischen Streitkräften und umgekehrt“; die Frequenz der wechselseitigen Besuche sei „unglaublich dicht“.[9]
Auf dem Weg zur Kriegsfähigkeit
Aktuell – in einer Zeit, in der die Bundeswehr unmittelbar „kriegsfähig“ werden soll – wird ihre Zusammenarbeit mit den kriegserfahrenen israelischen Streitkräften noch weiter gestärkt. Am 20. Februar, acht Monate nach Israels erstem Angriffskrieg gegen Iran und wenige Tage vor dem zweiten amerikanisch-israelischen Überfall auf das Land, unterzeichneten der Inspekteur des Deutschen Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, und der Kommandeur der israelischen Bodentruppen, Generalmajor Nadav Lotan, ein Kooperationsabkommen, das die Landstreitkräfte beider Länder auf vier Feldern eng verbinden soll. Geplant sind, wie es unter Berufung auf einen Heeressprecher heißt, gemeinsame „Ausbildung und Übungen“, eine „gemeinsame Fähigkeitsentwicklung“, zudem der „Austausch von Einsatzgrundsätzen“ sowie „Austauschprogramme, insbesondere für junge Offiziere und Offizieranwärter“.[10] Anlässlich der Unterzeichnung des Abkommens sei Freuding von Lotan „über die taktischen Lehren aus dem gegenwärtigen Krieg“ informiert worden, heißt es in einem Bericht; welcher von Israels aktuellen Kriegen damit gemeint war, ist unklar.[11] Weiter heißt es, mit ihrem „unübertroffenen Fachwissen im Bereich Bodenoperationen“ hälfen die IDF der Bundeswehr dabei, „sich auf ein zunehmend unbeständiges globales Umfeld einzustellen“. Da entstehe „eine äußerst funktionsfähige Allianz“.
„Praxisnahe Erkenntnisse“
Jenseits von Rüstung und Militär bauen die Bundesrepublik und Israel auch die Kooperation ihrer Repressions- und Cybersicherheitsbehörden aus. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Premierminister Benjamin Netanjahu unterzeichneten dazu am 11. Januar einen „Cyber- und Sicherheitspakt“, der unter anderem die Kooperation der Polizeiapparate beider Länder noch weiter intensivieren soll – sie gilt schon jetzt als eng – und darüber hinaus etwa die „Drohnendetektion und Drohnenabwehr“ verbessern, den „Aufbau eines gemeinsamen KI- und Cyberinnovationszentrums“ vorantreiben und außerdem „Austausch und Vernetzung zum Thema Cyberdome“ fördern soll. Beim „Cyberdome“ handelt es sich laut Angaben des Bundesinnenministeriums um „ein teilautomatisiertes System zur Detektion, Analyse und Reaktion auf Cyberangriffe“.[12] Ob mit „Reaktion“ auch Gegenattacken gemeint sind – das sogenannte hackback –, bleibt offen. Insgesamt erwartet Bundesinnenminister Dobrindt laut Aussage der Bundesregierung vom „Austausch mit Israel praxisnahe Erkenntnisse aus einem Land mit hoher Einsatzfrequenz“.[13]
Die Dominanz in Nah- und Mittelost
Mit dem Ausbau der ohnehin bereits engen Kooperation der Rüstungsindustrien [14], der Streitkräfte sowie der Repressions- und Securityapparate beider Länder rücken Deutschland und Israel auf den zentralen Feldern innerer und äußerer staatlicher Gewaltanwendung so dicht zusammen wie noch nie zuvor. Während die deutsche Seite dabei von den israelischen Erfahrungen und Fähigkeiten lernen und profitieren kann, bindet Israel die Bundesrepublik noch enger an sich – in einer Situation, in der die Kriege um die Dominanz im Nahen und Mittleren Osten immer mehr eskalieren. Einerseits wankt die westliche Dominanz; Iran behauptet sich bislang im Krieg gegen die USA und Israel, während Saudi-Arabien sich mit Pakistan und der Türkei im neuen Mekka-Abkommen verbündet hat, um künftig in puncto Sicherheit größere Unabhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu erlangen (german-foreign-policy.com berichtete [15]). Andererseits ist Israel dabei, seine Macht in Nah- und Mittelost in seinen aktuellen Kriegen immer weiter auszudehnen; es bietet sich so für die deutschen Herrschaftseliten als Einflussanker in einer geostrategisch bedeutenden, aber heftig umkämpften Region an.
[1] S. dazu Rüstungskooperation mit Israel.
[2] Otfried Nassauer, Christopher Steinmetz: Rüstungskooperation zwischen Deutschland und Israel. Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit. Research Report 2003.1. Berlin, September 2003. S. auch „Im nationalen Interesse Deutschlands“ (III).
[3], [4] Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Christine Buchholz, Jan van Aken, Annette Groth, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke. Deutscher Bundestag, Drucksache 18/2787. Berlin, 09.10.2014.
[5] Stephan Jeglinski: Inspekteur der Luftwaffe mit Ernst-Cramer-Medaille ausgezeichnet. bundeswehr.de 24.05.2022.
[6] Daniel Marwecki: Absolution? Israel und die deutsche Staatsräson. Göttingen 2024.
[7] Thorsten Jungholt: Bundeswehr soll in Israel den Tunnelkampf lernen. welt.de 10.08.2014.
[8] Thorsten Jungholt: Bundeswehr soll in Israel den Häuserkampf lernen. welt.de 30.08.2015.
[9] „Ich möchte mit keinem tauschen“. bundeswehr.de 21.10.2021.
[10] Deutsches und israelisches Heer vereinbaren Zusammenarbeit. israelnetz.com 25.02.2026.
[11] John Meister: Deepening military ties between IDF and Bundeswehr. blogs.timesofisrael.com 21.02.2026.
[12] Zusammenarbeit zur Cybersicherheit mit Israel wird ausgebaut. bmi.bund.de 12.01.2026.
[13] Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Jan Köstering, Clara Bünger, Doris Achelwilm, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Die Linke. Deutscher Bundestag, Drucksache 21/4306. Berlin, 23.02.2026.
[14] S. dazu Rüstungskooperation mit Israel.
[15] S. dazu Das Mekka-Abkommen und die Folgen.
Erstveröffentlich bei GFP am 29,9, 2026
https://www.german-foreign-policy.com/news/detail/10557
Wir danken für das Publikationsrecht.