Redaktion PERSPEKTIVE ONLINE
Am Arbeiter:innenkampftag, dem 1. Mai, zogen auch international Millionen durch die Straßen. In hunderten Städten weltweit kam es zu Demonstrationen mit verschiedenen Schwerpunkten – gegen Krieg und Imperialismus, den Abbau von Arbeiter:innenrechten, schlechte Arbeitsbedingungen oder neoliberale Politik. Teilweise sahen sich die Protestierenden harten Repressionen ausgesetzt.
Titelbild flickr. „ufcw770, CC BY 4.0
Am 1. Mai, dem internationalen Kampftag der Arbeiter:innen, gab es nicht nur in zahlreichen Städten Deutschlands Demonstrationen gegen Krieg, Aufrüstung und Sozialabbau auf dem Rücken der Bevölkerung, sondern ebenfalls in hunderten Städten weltweit. Auch in der Türkei und Kurdistan sind Zehntausende auf die Straße gegangen. Im Mittelpunkt der Proteste standen u.a. deutliche Kritik an Kriegspolitik, wirtschaftlicher Krise und mangelnder Demokratie. Besonders große Demonstrationen fanden in Wan (türkisch: Van) und Istanbul statt.
In Wan folgten Tausende dem Aufruf der Gewerkschaften und anderer Organisationen. Unter dem Motto „Brot, Arbeit, Freiheit“ zog schon am Vorabend des 1. Mai ein Demonstrationszug durch die Stadt. In den Reden wurden vor allem die wirtschaftliche Notlage, Arbeitslosigkeit und Ausbeutung thematisiert. Gleichzeitig wurde die politische Situation kritisiert, darunter die Absetzung der gewählten Stadtverwaltung und deren Auswechslung durch staatliche Zwangsverwalter.
In Istanbul kam es bei der jährlichen Demonstration zum 1. Mai zu brutalen Szenen, als Demonstrierende versuchten, den von der Polizei abgesperrten Taksim-Platz im Stadtzentrum zu erreichen. Dabei übte die Polizei massive Gewalt aus und ging mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Teilnehmenden der Demonstration vor. Im Verlauf des Tages wurden in der türkischen Metropole über 500 Protestierende festgenommen und zahlreiche bei Polizeieinsätzen verletzt. In den Stadtvierteln Kadıköy und Kartal dagegen durften 1.Mai-Feiern stattfinden, bei denen sich Menschen zahlreich zusammenfanden. Auch in vielen weiteren Städten wie Dersim, Batman, Urfa, Antep, Izmir und Ankara fanden Demonstrationen statt.
Gegen neoliberale Politik und bessere Arbeiter:innenrechte: 1. Mai in Argentinien und Peru
Ebenfalls in vielen Städten Lateinamerikas gingen Tausende auf die Straßen und wurden dabei von Gewerkschaften, NGO und linken Gruppen unterstützt. Dabei standen Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen sowie höheren Löhnen im Mittelpunkt. In einigen Ländern wie Argentinien oder Peru richteten sich die Proteste spezifisch gegen die neoliberale Politik der Regierungen.
In Buenos Aires versammelten sich tausende Protestierende, um sich lautstark gegen die geplante Arbeitsmarktreformen des ultrarechten Präsidenten Javier Milei zu stellen. Die Reform sieht unter anderem eine Einschränkung des Kündigungsschutzes sowie Beschneidungen des Streikrechts vor.
Streik gegen Kriegs- und rassistische Einwanderungspolitik in den USA
In den USA haben sich am 1. Mai tausende Menschen an landesweiten Protesten und einem sogenannten „wirtschaftlichen Boykott“ beteiligt: Unter dem Motto „No school, no work, no shopping“ fanden rund 3.500 Aktionen statt – darunter Streiks, Demonstrationen und Blockaden in zahlreichen Städten.
Im Zentrum der Proteste standen Kritik an wirtschaftlicher Ungleichheit, Kapitalismus, Kriegspolitik und den Einwanderungsbehörden wie ICE. Besonders sichtbar waren Aktionen der Jugendbewegung Sunrise Movement, deren Aktivist:innen unter anderem die New Yorker Börse blockierten und in mehreren Städten Proteste organisierten, bei denen es auch zu Festnahmen kam. Weitere Aktionen richteten sich gegen Amazon, das Department of Homeland Security sowie gegen den Einfluss großer Tech- und Konzernchefs.
Auch Beschäftigte aus dem Bildungs- und Gesundheitswesen beteiligten sich mit Streiks und Demonstrationen. In mehreren Bundesstaaten kam es zu Schulschließungen und massiven Walkouts von Schüler:innen und Lehrkräften. Gewerkschaften und linke Organisationen betonten dabei, dass Arbeitskraft und Konsum als politische Machtmittel eingesetzt werden müssten, um wirtschaftliche und soziale Veränderungen zu erzwingen.
Die Proteste wurden von einem breiten Bündnis aus Gewerkschaften, Klimagruppen, migrantischen Organisationen und linken Bewegungen getragen. Ziel sei es laut Organisator:innen, langfristig die Voraussetzungen für einen Generalstreik in den USA zu schaffen.
Polizeigewalt in Manila und Tausende für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen indischer Arbeiter:innen
In der philippinischen Hauptstadt Manila kam es ebenfalls zu brutalen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Teilnehmer:innen der „May-Day“-Proteste. Hier wurde neben besseren Arbeits- und Lebensbedingungen besonders für eine Ende des Kriegs der USA gegen den Iran demonstriert, da die philippinische Bevölkerung stark von den durch den Krieg ausgelösten hohen Ölpreisen betroffen ist. Dabei kam es in der Nähe der US-Botschaft zu größeren Auseinandersetzungen.
Bei den Demonstrationen am 1. Mai in Indien standen besonders die Lebensbedingungen der Tages- und Vertragsarbeiter:innen im Vordergrund: Diese sehen sich in vielen Fällen extrem unsicheren Arbeitsverhältnissen und schlechten Löhnen ausgesetzt. In der nordindischen Millionenstadt Srinagar war unter den Protestierenden eine große Anzahl an Frauen, die lautstark mehr Rechte und Sicherheiten für Arbeiterinnen forderten.
Generalstreik gegen Krisenmanagement auf dem Rücken griechischer Arbeiter:innen und Räumung von Prosfygika
In Griechenland wurde zum 1.Mai von vielen Gewerkschaften ein landesweiter Generalsstreik ausgerufen, der für 24 Stunden einen Großteil des Verkehrs lahmlegte.. In Athen riefen Gewerkschaftsgruppen wie ADEDY oder PAM zu Protesten auf, die sich gegen ein Krisenmanagement auf dem Rücken der Arbeiter:innen stellte. Neben der Forderung nach faireren Löhnen und besseren Tarifverträgen stellten sich die Teilnehmer:innen besonders gegen die Mietpolitik und die steigende Gentrifizierung in der griechischen Hauptstadt.
Im Mittelpunkt standen dabei u.a. die Auseinandersetzungen um das besetzte Viertels Prosfygikas, das bald geräumt werden soll. Prosfygika ist ein selbstverwaltetes Wohnviertel im Zentrum Athens mit rund 400 Bewohner:innen aus vielen Ländern. Die acht Wohnblöcke wurden in den 1930er Jahren für Geflüchtete aus Kleinasien gebaut und haben sich seit den 2000er Jahren durch Zuzug von Migrant:innen, Aktivist:innen und politischen Gruppen zu einem kollektiv organisierten Projekt entwickelt. Die Gemeinschaft reagiert mit Selbstorganisation, Solidaritätskampagnen und Widerstandsaktionen wie Hungerstreiks auf die Räumungsdrohung und versteht sich als Teil internationaler sozialer Kämpfe.
Die Gemeinschaft organisiert sich über wöchentliche Vollversammlungen und zahlreiche autonome Strukturen, die zentrale Bereiche des Alltags abdecken – darunter Versorgung, Bildung, Gesundheit und Kinderbetreuung. Ziel ist ein selbstbestimmtes, solidarisches Zusammenleben jenseits staatlicher und kapitalistischer Logiken.
Internationale Solidarität in Brüssel und Kritik an Abschaffung des 1. Mai als Feiertag in Paris
In Brüssel sind am 1. Mai tausende Menschen feministischer, ökologischer, kurdischer und internationaler Organisationen zu einer internationalen Demonstration durch die Innenstadt gezogen. Besonders auffällig war die starke kurdische Beteiligung, die dem Protest mit Fahnen, Slogans und politischen Parolen wie „Jin, Jiyan, Azadî“ ein deutliches Profil gab.
Die Demonstration verband soziale Forderungen mit klarer Kapitalismus- und Kriegskritik. In Reden und Erklärungen wurde das aktuelle globale System als Ursache von Ausbeutung, Ungleichheit und Krisen beschrieben. Ein Schwerpunkt lag auf der Situation in Kurdistan und Westasien.
Auch in der französischen Hauptstadt Paris war der Protest abermals lautstark und kämpferisch. Ebenfalls unter dem Motto „Brot, Frieden und Freiheit“ hatten Gewerkschaften landesweit zu Demonstrationen aufgerufen, wobei sich tausende für die Rechte der Arbeiter:innen in Paris versammelten. Besonders im Fokus stand dabei zusätzlich die aktuelle Debatte in Frankreich, den 1.Mai als einzigen verpflichtenden und bezahlten Feiertag abzuschaffen. Gegen diese Reform stellten sich Gewerkschaften unter dem Motto „Don’t touch Mayday!“.
Erstveröffentlicht auf Perspektive online am 2.5. 2026
Von Istanbul bis Buenos Aires …
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