US-Außenminister Marco Rubio spricht auf der Münchner Siko
Von TANJA RÖCKEMANN
Die Münchner Sicherheitskonferenz (Siko) passt zu den Verhältnissen wie eine Handgranate in einen Schützengraben. Seit Jahrzehnten ist sie Treffpunkt all jener, die sich um die Zukunft unserer Welt die größten Sorgen machen und genau deshalb keine andere Wahl haben, als sie mit Waffen zu überziehen. In diesen Bemühungen sehen sich die Hüter der globalen Sicherheit allerdings wechselnden Antagonisten gegenüber: Von der Gründung der Siko 1963 an bis 1991 war es naturgemäß die Sowjetunion; in den 1990er Jahren waren es Entwicklungsländer, welche die kapitalistische Globalisierung zu verhindern trachteten; in den 2000er Jahren betrat der Islamismus die Weltbühne (aus Versehen von den USA selbst bewaffnet – na, Schwamm drüber); spätestens seit den 2010er Jahren bedroht die Volksrepublik China die friedliebenden kapitalistischen Metropolen.
In der Rede, die der US-Außenminister Marco Rubio jüngst auf der Siko hielt, geistert die heutige Weltmacht China unbenannt herum wie Lord Voldemort in »Harry Potter«. Zum Kernübel unserer Gegenwart erklärt der fanatische Antikommunist allerdings folgenden Problemkomplex: »Klimakult« und »Massenmigration« zerstören die »nationale Identität« der westlichen Staaten aus ihrem eigenen Inneren heraus, gestützt von der – Achtung, hier kommt der Trump-Twist – »bösartigen Ideologie des Freihandels«, eine »törichte Vorstellung«, die »sowohl die menschliche Natur als auch die Lehren aus über 5000 Jahren aufgezeichneter Menschheitsgeschichte ignoriert«. Rubio kleckert nicht, sondern klotzt: »Tausende Jahre westlicher Zivilisation« stehen auf dem Spiel!
In Wirklichkeit besteht die Gefahr für die Sicherheit dieser planetenzerstörenden »Zivilisationen« natürlich in Dingen wie dem potenziellen Verlust von »Lieferketten-Souveränität«, der Bedrohung von »Wettbewerbsfähigkeit in den Märkten des globalen Südens« und, in geringerem Maße, der »Deindustrialisierung«. Ein Geheimnis ist das alles nicht, Rubio sagt es ja offen. Aber die bürgerliche Herrschaft – zumal in ihrer faschistoiden Form – kommt nicht aus ohne die Aufmöbelung ihres brutalen Materialismus zu vermeintlichen Höhenflügen einer »zivilisierten« Kultur. Anbiedernd trompetet der trumpistische Außenminister also den sichtlich geschmeichelten europäischen Eliten entgegen: »Dieser Kontinent brachte Mozart und Beethoven hervor, Dante und Shakespeare, Michelangelo und Da Vinci, die Beatles und die Rolling Stones. Die Gewölbe der Sixtinischen Kapelle und die Türme des Kölner Doms zeugen nicht nur von der Größe unserer Vergangenheit oder vom Glauben an Gott, der diese Wunder inspirierte – sie verweisen auch auf die Wunder, die uns in der Zukunft erwarten.«
Man merkt es: Das Herrschaftspersonal, das sich alljährlich zur Siko in der Hauptstadt der Bewegung trifft, wird weder klüger noch sympathischer. Die Fressen sind wirklich überhaupt nicht zu ertragen. Immerhin verkünden sie nun selbst das »Ende vom Ende der Geschichte« (Rubio). Vielleicht kann die Linke ja daraus mal irgendwas machen.
Erstveröffentlicht im nd v. 20.2. 2026 (Abo)
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