US-Sanktionen gegen linkes Tech-Kollektiv beginnen zu wirken

Die Maßnahmen gegen Autistici/Inventati zeigen: Die USA verfügen über Mittel, europäische linke Meinungsfreiheit auszuhebeln. Der Kampf geht weiter

Von Matthias Monroy

Titelbild: Donald Trump mit Vizepräsident JD Vance und Kriegsminister Pete Hegseth. Foto: The White House (PD)

Vorbemerkung Redaktion FORUM: Die Trump-Administration demonstriert nicht nur eindrucksvoll, dass der Begriff des Imperialismus keine Reliquie des vergangenen Jahrhundert ist, sondern selten treffender war wie heute. Sie macht auch keinen Hehl daraus, dass ihr jede Art radikaler Kapitalismuskritik ein Greul ist. Der lange Arm des Weißen Hauses geht nun auch dazu über die Strukturen der Linken in Europa anzugreifen. Es ist nicht anzunehmen, dass sich die deutsche Bundesregierung schützend vor uns wirft. Hierauf werden wir Antworten finden müssen. (JG)

Weitere Infos zum Thema finden sich auch in diesem Beitrag:

Von Genua bis Berlin: Die Kriminalisierung der Antifa-Bewegungen als staatliche Praxis Zunehmende Angriffe auf antifaschistische Initiativen und Organisationen

Im Juli 2026 organisierte das US-Aussenministerium eine internationale Tagung „Die Welt gegen Antifa“ mit – nach offiziellen Angaben – Vertretern aus 60 Staaten.

https://www.untergrund-blättle.ch/politik/europa/zunehmende-angriffe-auf-antifaschistische-initiativen-und-organisationen-010209.html

Kollektiv Autistici/Inventati (A/I) als »speziell ausgewiesene globale Terroreinheit« eingestuft. Alle Vermögenswerte und Geschäfte des Netzwerks, wenn sie der US-Jurisdiktion unterliegen, werden eingefroren. Davon betroffen sind rund 1500 Websites sowie rund 10 000 Gruppen, die bei A/I unter der Domain Noblogs.org WordPress-Blogs angelegt haben. Gestört sind damit auch Mailadressen, Mailinglisten, Chat- und Videokonferenzdienste, die auf Servern des Kollektivs laufen.

Der US-Vorwurf gegen A/I lautet auf »materielle Unterstützung« für Terrorismus, konkret soll das Kollektiv seine digitale Infrastruktur für »gewalttätige Antifa-Zellen« und andere »linksextreme« Gruppen sowie für bereits sanktionierte Organisationen wie die PKK bereitgestellt haben – gemeint ist Spekulationen zufolge der Blog von Abolition Media, der regelmäßig Beiträge in Solidarität mit Rojava, der kurdischen Selbstverwaltung in Nordsyrien, crosspostet.

US-Bürger*innen und -Unternehmen wird deshalb jede Transaktion mit A/I untersagt. Dazu hat der Finanzminister Scott Bessent das Kollektiv auf die Sanktionsliste des Office of Foreign Assets Control (OFAC) gesetzt. Auch ausländische Banken sind gehalten, diese im Rahmen eines »De-Risking« zu beachten. Machen sie weiterhin mit A/I Geschäfte, können sie von US-Zahlungssystemen wie Visa und Mastercard ausgeschlossen oder selbst sanktioniert werden. Die Frist zur Abwicklung bestehender Geschäftsbeziehungen läuft bis zum 25. September.

DNS-Sperre durch US-Firma

Auch A/I hat also noch über drei Wochen Zeit, die IT-Dienste für tausende linke Gruppen und zehntausende Einzelpersonen dem Zugriff der Vereinigten Staaten zu entziehen – und hat damit längst begonnen. Bislang lief die Hauptwebseite für Maildienste beispielsweise über Server, deren Internetadresse bei Public Interest Registry (PIR), einem US-Registrar, eingetragen war.

Diesen Dienst hat PIR offenbar eilig gestoppt und damit verhindert, dass die Domain von A/I im weltweiten Domain Name System (DNS) aufgelöst wird. Das DNS funktioniert wie ein Telefonbuch für das Internet: Es übersetzt die für Menschen lesbare Adresse in die numerische IP-Adresse des Servers. A/I stellt seine Systeme deshalb auf einen anderen Registrar um; das Tech-Kollektiv hat eine Anleitung veröffentlicht, wie Nutzer*innen dazu einen Eintrag in ihrem Mailprogramm ändern können.

Parallel zur DNS-Sperrung soll es auf Noblogs.org zu einem Sicherheitsvorfall gekommen sein: Unbekannte hätten über eine Sicherheitslücke in der verwendeten Blog-Software für etwa zwei Stunden privilegierten Zugriff erlangt, schreibt A/I. Dabei sei die Startseite »verändert« worden. Ob die Angreifer*innen auf die Nutzerdatenbank mit E-Mail-Adressen und verschlüsselten Passwörtern zugreifen konnten, ließ das Kollektiv offen. Noblogs.org ist inzwischen wieder online, jedoch auch für die Blog-Betreiber*innen zunächst nur im Nur-Lese-Modus.

Auch deutsche Blogs nun als Hassrede gelistet

Eine weitere Kettenreaktion der US-Sanktionen ist eine Einstufung durch den Sicherheitsdienstleister Cisco Talos, der sämtliche Subdomains von Noblogs.org in seiner Datenbank pauschal als »Hassrede« listet. Cisco ist ein zentraler Anbieter von Sicherheitslösungen, auf seine Talos-Reputationsdatenbank greifen etwa Firewalls, Web-Filter und DNS-Dienste zu. Das kann dazu führen, dass diese Dienste den Zugriff auf die gesamte Noblogs-Plattform blockieren oder Nutzer*innen vor dem Besuch warnen. Ein Test belegt dies: So wird etwa die Webseite des Berliner Netzwerks »Wrangelkiez United« bei Cisco Talos als »Hate Speech« klassifiziert.

Auch finanzielle Auswirkungen trafen A/I bereits: Offenbar hat der in den USA ansässige Zahlungsdienst Paypal den Account des Kollektivs umgehend gesperrt. Die italienische Banca Etica – ein Institut ähnlich der gemeinwohlorientierten deutschen GLS Bank – kündigte laut A/I ebenfalls an, die Konten des Kollektivs zu schließen. Auch dies erfolgt nicht auf direkte Anweisung aus Washington, sondern als Reaktion auf das Compliance-Risiko: Die Banca Etica fürchtet, den Zugang zum US-Finanzsystem zu verlieren.

Wie A/I war es bereits mehreren Gruppen und Organisationen in Deutschland ergangen, nachdem die US-Regierung die »Antifa Ost« ebenfalls als »terroristisch« auf die OFAC-Liste gesetzt hatte. Die davon betroffene Solidaritätsorganisation Rote Hilfe konnte zunächst die Rücknahme ihres »Debanking« bei der Sparkasse und der GLS Bank erreichen. Auch A/I will entsprechend gegen die Banca Etica vorgehen.

Angriff auf europäische digitale Souveränität

Ob die Repression gegen A/I in den USA rechtlich haltbar ist, wird aber auch von Organisationen wie der Electronic Frontier Foundation infrage gestellt. Die renommierte Bürgerrechtsorganisation vertritt die Auffassung, dass die bloße Nutzung der Dienste von A/I für Bürger*innen der Vereinigten Staaten keine Straftat darstellt, solange damit keine finanzielle Unterstützung verbunden ist. Zudem seien Dienste des italienischen Kollektivs durch die im Ersten Verfassungszusatz garantierte Meinungsfreiheit geschützt, argumentiert das US-Magazin »Reason«.

Die inzwischen am University College London tätige italienische IT-Expertin Francesca Bria warnte davor, dass das Vorgehen der USA auch ein Problem für die europäische digitale Souveränität darstelle: Wer über die zentralen Schaltstellen des Internets verfüge, könne europäische Infrastruktur lahmlegen, ohne einen einzigen Server anzutasten. Der sozialdemokratische EU-Abgeordnete Brando Benifei aus Italien forderte die EU-Kommission deshalb auf, A/I auf Basis des Digital Services Act zu schützen.

Nicht die erste Repressionswelle gegen A/I

A/I kündigte an, sich von den US-Maßnahmen nicht beeindrucken zu lassen: Man werde weitermachen wie bisher und die falschen Anschuldigungen einer »politisch verzweifelten Administration« bekämpfen.

Es ist auch nicht die erste Repressionswelle gegen das seit 25 Jahren bestehende Kollektiv: Bereits 2004 durchsuchte die italienische Polizei heimlich den Hauptserver von A/I und entschlüsselte Nutzerinhalte; bemerkt wurde dies aber erst ein Jahr später im Rahmen einer Akteneinsicht. Im Jahr 2007 nahm ein US-Provider den gesamten Noblogs-Server vorläufig vom Netz, als das satirische Browserspiel »Operation: Pedopriest«, das die Vertuschung von Missbrauchsfällen durch die katholische Kirche kritisierte, auf der Plattform gehostet wurde.

Als Reaktion auf die Repressalien führte A/I eine redundante, verteilte Serverarchitektur ein, um solche Zugriffe künftig zu erschweren und erhielt dafür 2008 den italienischen Datenschutzpreis »Winston Smith« für seine zensurresistente Infrastruktur. Diese dürfte nun weiter dezentralisiert und damit sicherer werden.

Erstveröffentlicht im nd v. 31.8. 2026
De-Banking und Internetblockade …

Wir danken für das Publikationsrecht.

Diese Seite verwendet u. a. Cookies, um die Nutzerfreundlichkeit zu verbessern. Mit der weiteren Verwendung stimmst du dem zu.

Datenschutzerklärung