Von FLORIAN RÖTZER
Bild: Licorne-Atomwaffentest 1970. Bild: CTBTO/CC BY-2.0
Staaten, die über Atomwaffen verfügen, können sich einigermaßen sicher sein, nicht angegriffen zu werden. Das hat Nordkorea demonstriert, während Staaten, die nicht nuklear bewaffnet sind, in der Gefahr schweben, von Großmächten überfallen zu werden, wenn geopolitische Interessen berührt sind: Irak, Syrien, Iran und Ukraine belegen dies in jüngster Zeit.
Die Versuchung besteht aber auch, wenn Kriege sich hinziehen, schnell eine Atomwaffe einzusetzen, um eine Kapitulation zu erzwingen. Vorbild sind die USA, die am Ende des Zweiten Weltkriegs noch schnell mit Atombomben, den schlimmsten Massenvernichtungswaffen, die Städte Hiroshima und Nagasaki verwüstet und buchstäblich zur verbrannten Erde gemacht haben.
Donald Trump drohte gestern dem Iran an, seine Zivilisation auszulöschen, was unmittelbar zu Vorstellungen über den Einsatz von Atomwaffen führt: „A whole civilization will die tonight, never to be brought back again.“ Er ging dann aber einen Waffenstillstand unter Bedingungen ein, die sehr zugunsten des Iran sind. Man könnte sich aber vorstellen, dass Trump durchaus bereit sein könnte, taktische Atomwaffen weit entfernt von den USA einzusetzen, wenn er eine Niederlage fürchten müsste oder einen langen Krieg zu seinen Gunsten beenden will.
Im November 2023 schlug ein religiös getriebener, rechter Minister der Netanjahu-Regierung vor, doch schnell Schluss mit dem Problem der Palästinenser zu machen. Amihai Ben-Eliyahu von der rechtsextremen, kahanistischen und religiösen Partei Otzma Jehudit unter Ben-Gvir ist seit 2022 mit einer kurzen Unterbrechung 2025 Minister für religiöses und kulturelles Erbe. Er forderte, die „Monster von Gaza“ nach Irland oder in die Wüste zu vertreiben oder auch an eine Lösung durch eine Atombombe zu denken. Die Befürwortung der Verwendung einer Atomwaffe war von einem israelischen Minister natürlich ein grober Fehler, schließlich hat Israel offiziell keine Atomwaffen.
In Russland gibt es schon lange Stimmen, endlich dem Krieg in der Ukraine ein Ende zu setzen und dafür eine Atomwaffe einzusetzen. Gerne droht auch mal Medwedew damit. Einer der Befürworter des Einsatzes von Atomwaffen in der Ukraine ist der russische religiös-nationalistische Oligarch Konstantin Malofeev, Gründer des Tsargrad-Fernsenders, der im Umkreis des Kreml stehen soll, die Separatisten im Donbass unterstützt hat und letztlich das Zarenreich und traditionelle orthodoxe Werte wiederherstellen will. Den Einsatz einer Atomwaffe in der Ukraine sieht er gedeckt von der 2024 veränderten Nukleardoktrin, nach der Angriffe nichtnuklearer Staaten, die von Atommächten unterstützt werden, mit Atomwaffen beantwortet werden können. Schon zuvor schlug er vor, mit taktischen Atomwaffen eine unpassierbare, radioakziv verstrahlte Zone in Analogie zum Tschernobyl-Sperrgebiet herzustellen, um den Krieg zu beenden.
Jetzt hat er auf Tsargrad eine neue Kolumne mit dem Titel „Es ist Zeit, diesen Krieg zu beenden“ veröffentlicht. Und er meint, er könnte innerhalb von vier Wochen beendet werden, wenn Russland taktische Atomwaffen einsetzt. Es handelt sich um eine Reaktion auf die Äußerungen von Denys Shtilierman, dem Gründer und Leiter des 2022 gegründeten Drohnen- und Raketenherstellers Fire Point. Das schnell zu einem der größten Rüstungskonzerne der Ukraine gewachsene Unternehmen, produziert die Flamingo-Marschflugkörper (FP5) mit einer Reichweite von 3000 km und Langstreckendrohnen. Fire Point will mit europäischen Unternehmen Abfangraketen anbieten, die billiger als die Patriot-Raketen sind, deren Bestände rar geworden sind. Und man befinde sich in den letzten Entwicklungsphasen für zwei Hyperschall-Marschflugkörper. FP7 soll eine Reichweite von 200-300 km haben, FP9 mit einem Sprengkopf von 800 kg von 850 km. Damit liege Moskau in Reichweite, sagte Shtilierman. Angriffe auf die russische Hauptstadt, die bislang gut geschützt durch Luftabwehr ist, würden ein „massives Umdenken in der russischen Bevölkerung und bei den Spitzenpolitikern in Russland“ bewirken.
Die Ankündigung, Moskau anzugreifen, sieht Malofeev als Eskalation seitens Kiews. Nur der Einsatz taktischer Atomwaffen könne den Kriegsverlauf entscheidend verändern, da die Fortsetzung mit konventionellen Waffen zu noch größeren Verlusten führen werde. Sein Vorschlag: Russland solle die Zivilisten in der Ukraine warnen und ihnen 72 Stunden Zeit geben, aus den Zielgebieten zu fliehen. Dann würde ein Angriff mit einer Atombombe mit 20-25 Kilotonnen Sprengkraft erfolgen, die größere Zerstörung verursachen und Panik auslösen würde. Der Krieg wäre in einem Monat beendet, sagt er. Little Boy, die Hiroshima-Atombombe, hatte eine Sprengkraft von 13 Kilotonnen. Das ist auch der Bezugspunkt seiner Argumentation: „Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki retteten nach fast vier Jahren Krieg im Pazifik Zehntausende amerikanische und, nicht zu vergessen, sowjetische Soldaten.“ Was er nicht sagt: auf Kosten des Lebens von vielen japanischen Zivilisten.
Der religiöse Oligarch meint sogar, dass die darauf folgende „Entnazifizierung“ Rückhalt bei der ukrainischen Bevölkerung finden würde, die mit der Regierung unzufrieden sind. Möglicherweise würden sie nachträglich den Einsatz von Atomwaffen gegen ihr Land auch würdigen, wie das kürzlich die japanische Premierministerin Sanae Takaichi demonstriert habe, als sie auf dem Nationalfriedhof Arlington am Grab des unbekannten Soldaten einen Kranz niederlegte. Allerdings ist der Oligarch auch in Russland ein Extremist und dürfte den Kreml nicht entscheidend beeinflussen können. Schon gar nicht zur Entscheidung über den Einsatz einer Atomwaffe. Aber seine Argumentation zeigt die Versuchung, die der Besitz von Atombomben ausübt.
Allerdings hat Putin den Einsatz von Atomwaffen nicht ausgeschlossen und gäbe es jetzt ein Fenster für Russland, massiver anzugreifen, da die USA mit dem Iran beschäftigt sind und sich aus der Nato zurückziehen wollen, während durch den Krieg gegen den Iran sich die russische Kriegskasse füllt. Sollte Russland eine taktische Atomwaffe einsetzen, könnte dies den USA und Israel ermöglichen, gleichfalls eine zu verwenden, um den Iran zu unterwerfen. Das gilt auch umgekehrt natürlich. Die überall praktizierte Missachtung des Völkerrechts lässt viele ungute Szenarien zu.
Malofeev schrieb jetzt auch darüber, warum die USA und Iran einen Waffenstillstand eingehen konnten, während dies zwischen Russland und der Ukraine nicht geschieht. Er meint, die USA und Iran seien keine „existentiellen Feinde“, der Iran stelle für die USA im Unterschied zu Israel keine Bedrohung dar, die Ukraine für Russland aber schon: „Doch wir haben existenzielle Differenzen mit unserem feindseligen Nachbarland (Ukraine). Solange dieses antirussische Projekt existiert, sind wir in Gefahr. Der Westen, Epsteins Globalisten, werden die Ukraine nutzen, um Russland zu ukrainisieren.“ Und dann führt er das manichäische Weltbild aus, das auch den ukrainischen Nationalisten eigen ist, die davon träumen, Russland, den Erzfeind, zu vernichten: „Der ukrainische Staat hat keinen Existenzgrund. Die Ukrainer sind Russen ohne orthodoxen Glauben oder die Idee eines Imperiums. Also entwickelten sie eine Mission: Russland zu hassen. Deshalb können wir keine Einigung mit ihnen erzielen. Sie sind unser Gegenpol. Es gibt nur uns oder sie. Sollte sich die Lage beruhigen, wird der Kampf in unseren Köpfen weitergehen. Bis zur vollständigen Entnazifizierung. Bis zum Sieg des Guten über das Böse.“

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher. In diesen Tagen erschien sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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Erstveröffentlicht im Overton Magazin v. 8.4. 20226
Über die Versuchung …
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