IPPNW: »Einen kleinen Atomkrieg gibt es nicht«

Inga Blum zu den Debatten über nukleare Abschreckung auf der Münchner Sicherheitskonferenz

Interview Gisela Dürselen

Ivy Mike Test Detonation Mushroom Cloud, 1. November 1952. Bild: Department of Energy/public domain

Privat: Sie waren am vergangenen Wochenende als kritische Beobachterin auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Was war Ihr Eindruck?

Die Konferenz war stark eingeengt auf ein militärisches Verständnis von Sicherheit. Zwar wurde viel über die Krise der internationalen Ordnung gesprochen und es herrschte eine deutlich spürbare Angst wegen des verlorenen Vertrauens in den bisherigen Partner USA. Trotzdem zielten die auf den großen Bühnen diskutierten Lösungen vor allem auf die weitere Aufrüstung Deutschlands und Europas. Vorschläge für die Stärkung der internationalen Ordnung wie Investitionen in die Vereinten Nationen oder die Weltgesundheitsorganisation WHO, die sich in einer existenziellen Finanzkrise befinden, gab es wenig. Vor allem die Vertreter Chinas sprachen sich für eine Stärkung von Uno und Multilateralismus aus, von westlicher Seite wurden Zweifel geäußert, ob nicht eine versteckte Agenda dahinterstecken könnte.

Und jenseits der öffentlichen Panels?

In über 200 »Side Events«, die teilweise der Geheimhaltung unterliegen, wurde zum Teil etwas kritischer diskutiert. Es gab Veranstaltungen vom Roten Kreuz, von WHO und mit Vertreter*innen der Uno. Die meisten dieser Debatten waren aber von Privatunternehmen und Rüstungsindustrie gesponsert, und dort ging es vor allem um militärische Wettbewerbsfähigkeit. Nicht nur im konventionellen Bereich, sondern auch auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz oder im Weltraum. Unter Beteiligung deutscher Ministerien wurde diskutiert, wie Gesundheitssystem und Transportsystem umgebaut werden sollten, um auf einen möglichen Flächenkrieg in Europa ab 2029 vorbereitet zu sein, in dem Deutschland die logistische Drehscheibe wäre.


Inga Blum ist Ko-Präsidentin der Internationalen Ärzt*innen zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) und aktives Mitglied der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN). Am vergangenen Wochenende nahm sie für den Verein »Münchner Sicherheitskonferenz verändern« als Beobachterin an dem internationalen Treffen von Politikern, Militärs und Wirtschaftsvertretern teil.

Welche Rolle spielten wirtschaftliche Interessen?

Wirtschaftsexpertinnen stellten Strategien für einen schnelleren Aufbau von Rüstungsindustrie vor. Das Profitstreben privater Unternehmen und die enge Vernetzung von Industrie und Politik als treibende Kraft hinter der Aufrüstung ist eindeutig. Rüstungskonzerne wie Hensoldt, Heckler und Koch, Lockheed Martin und Rheinmetall gehören zu den offiziellen Sponsoren der Konferenz.

Kamen Rüstungskontrolle und Risikoreduktion überhaupt zur Sprache?

Konferenzpräsident Wolfgang Ischinger hat tatsächlich schon in seiner Eröffnungsrede über die Gefahr der Weiterverbreitung von Atomwaffen gesprochen und an die Atommächte appelliert, ihre Abrüstungsverpflichtungen einzuhalten. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sanchez hat eindringlich vor den Gefahren von Atomwaffen gewarnt und zur Abrüstung aufgefordert. Es sei ein Fehler, dass allein die USA in den nächsten Jahren 946 Milliarden US-Dollar für Atomwaffen ausgeben wollen: eine Summe, mit der die extreme Armut auf der Welt beendet werden könnte.

Was war die deutsche Position?

Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte an, mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron über den Aufbau einer gemeinsamen europäischen atomaren Abschreckung zu sprechen. Deutschland würde damit sowohl gegen den Nichtverbreitungsvertrag als auch gegen den 2+4-Vertrag zur deutschen Einheit verstoßen. Das würde dem internationalen Kontrollsystem für atomare Abrüstung vermutlich endgültig den Rest geben. Die Weiterverbreitung von Atomwaffen in immer mehr Länder würde die Wahrscheinlichkeit der Katastrophe dramatisch erhöhen.

Von welchem Risiko sprechen wir?

Wenn eine einzelne Atomwaffe mit einer Sprengkraft von 100 Kilotonnen beispielsweise über München explodieren würde, würden unmittelbar etwa 200 000 Menschen sterben, 400 000 Menschen wären schwer verletzt. Das Zentrum wäre vollkommen zerstört, in einem Umkreis von sechs Kilometern würden die meisten Gebäude durch die immense Druckwelle kollabieren. Im Zentrum der Explosion wäre es heißer als auf der Oberfläche der Sonne. Hitze und Druck würden zur Entstehung von Feuerstürmen führen, in denen die meisten Menschen sterben würden. Der Großteil der Krankenhäuser und der Infrastruktur wäre zerstört. Effektive Hilfe wäre unmöglich. Überlebende würden in den Tagen und Wochen nach der Explosion an der akuten Strahlenkrankheit sterben.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit einer Eskalation?

Selbst wenn es nicht zum absichtlichen Einsatz von Atomwaffen kommt, zeigen die zahlreichen Unfälle und Fehlalarme aus der Vergangenheit, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis etwas passiert. Besonders gefährlich ist, dass zwischen den USA und Russland immer noch 1800 Atomwaffen auf höchster Alarmstufe stehen und innerhalb von Minuten abgefeuert werden könnten. Die Deutsche Gesellschaft für Informatik warnt, dass gerade in Zeiten hoher politischer Spannungen Fehlalarme leicht für echt gehalten werden können, sodass ein Gegenangriff ausgelöst wird.

Sogenannte Mininukes, taktische Atomwaffen mit geringer Sprengkraft, sollen das Risiko begrenzen …

Das US-Militär hat Planspiele durchgeführt, die gezeigt haben, dass eine Ausweitung zu einem Atomkrieg nach dem Einsatz einer Atomwaffe sehr wahrscheinlich ist. Einen »kleinen« Atomkrieg gibt es nicht. Bereits der Einsatz von weniger als drei Prozent der Atomwaffen in den globalen Arsenalen würde in Europa unmittelbar mehr als 100 Millionen Todesopfer fordern. Der aus den brennenden Städten aufsteigende Ruß würde die Atmosphäre für Jahre verdunkeln, eine globale Abkühlung und Ernteausfälle wären die Folge. Über zwei Milliarden Menschen würden verhungern.

Laut einer Umfrage des Bundesamts für Strahlenschutz fürchten 58 Prozent der Befragten einen Einsatz nuklearer Waffen. Warum gibt es keine stärkere Friedensbewegung?

Das Wissen über die Gefahr ist verloren gegangen. In der Friedensbewegung dachte man mit dem Ende des Kalten Krieges mehrheitlich, das Problem sei gelöst. Doch diejenigen, die damit Geld verdienen, haben weitergemacht. Dazu kommt, dass die öffentliche Meinung stark durch die Politik und industrienahe Think Tanks beeinflusst wird.

Was müsste geschehen?

Die dringend nötige öffentliche Debatte zum Beispiel über die ab diesem Jahr geplante Stationierung von weitreichenden US-Raketen in Deutschland. In die Entscheidung der Ampel-Regierung darüber im Jahr 2024 wurde nicht einmal der Bundestag einbezogen, und er forderte auch keine Debatte darüber ein. Viele Entscheidungen im Rüstungsbereich unterliegen der Geheimhaltung. Die Münchner Sicherheitskonferenz, die zu einem großen Teil aus Bundesmitteln finanziert wird, müsste die Öffentlichkeit zu diesen für uns alle existenziellen Fragen in Zukunft viel stärker einbeziehen.

Erstveröffentlicht im nd v. 17.2. 2026
Einen kleinen Atomkrieg …

Wir danken für das Publikationsrecht.

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