KZ Buchenwald vor 85 Jahren: Solidarität unter Lebensgefahr

Wie Häftlinge im KZ Buchenwald 1941 sowjetischen Kriegsgefangenen halfen und was dies für den späteren Lagerwiderstand bedeutete

Von SABINE STEIN

Titelbild: Gedenkstätte Buchenwald

Mitte August 1992 fiel auf dem Appellplatz von Buchenwald ein Strauß roter Rosen vom Himmel – aus einem von 16 russischen Militärhubschraubern, die das Gelände der Gedenkstätte überflogen. Einer von ihnen stand für einen Moment in der Luft, bevor er die Blumen abwarf; fast genau auf den Gedenkstein, der seit 1954 an das Kriegsgefangenenlager für die sowjetischen Soldaten erinnert. An den Blumen war ein handgeschriebener Zettel befestigt. Seine Übersetzung: »Ewiges Gedenken den Häftlingen von Buchenwald. Heute, am 12. August 1992, schicken wir Euch – nach Russland fliegend – einen letzten Gruß und verneigen uns ein letztes Mal vor Euch. Die Piloten des selbständigen Hubschrauberregiments ›Nohra‹. Der Regimentskommandant Oberst Nikolaj Safronov«.

Der Rosenstrauß steht für die lebendige Erinnerung in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion an den Widerstand, den Häftlinge aus ganz Europa in Buchenwald leisteten. Boris Filatov, ein ehemaliger Häftling, drückte es im April 1967 in einem Radiobeitrag so aus: »Buchenwald, das ist der Ort faschistischer Grausamkeiten, aber Buchenwald ist auch das Symbol des Mutes (…).«

Eine gemeinsame Widerstandserfahrung war eine spontane Solidaritätsaktion für die ersten Rotarmisten in Buchenwald am 18. Oktober 1941. Hierzu sei daran erinnert, dass Hitler seinen Generälen bereits über zwei Monate vor dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion klargemacht hatte, dass der kommende Krieg gegen die Sowjets nur als Weltanschauungskrieg zu führen sei, in dessen Verlauf »die jüdisch-bolschewistische Intelligenz« vernichtet werden müsse. Dieser Anordnung, als »Kommissarbefehl« bekannt geworden, leisteten Wehrmachtseinheiten tausendfach Folge und gingen weit darüber hinaus. In Gefangenenlagern nahe der Front wurde nach Staats- und Parteifunktionären, nach führenden Personen der Wirtschaft, Angehörigen der Intelligenz und Juden gefahndet.

Tausende wurden erschossen, Zehntausende verhungerten. Erste Kontingente sowjetischer Kriegsgefangener erhielt die SS bereits im Oktober 1941 zum sogenannten Arbeitseinsatz. Sie sollten auf verschiedene Konzentrationslager verteilt werden – ein klarer Bruch des Völkerrechts erreichte damit eine neue Stufe. Die Einweisung in die KZ erfolgte zunächst geheim. Eine erste kleine Gruppe sowjetischer Kriegsgefangener erreichte Buchenwald am 16. September 1941. Sie wurde unmittelbar nach Ankunft ermordet.

Geheime Mordaktionen

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Im Oktober 1941 wurde in Buchenwald die sogenannte Genickschussanlage eingerichtet. Sie befand sich außerhalb des Lagers im ehemaligen Pferdestall der Kommandantur. Die Gefangenen wurden dort nach einer fingierten ärztlichen Begutachtung an eine Messlatte gedrückt. Durch einen Schlitz in der Wand erhielten sie einen Pistolenschuss in den Hinterkopf. Die Toten wurden umgehend eingeäschert. Ihre Asche wie auch die Erkennungsmarken schüttete man in die Kanalisation. Die Marken blieben als Ganzes erhalten. Bei Grabungen auf dem Gelände der Gedenkstätte kommen solche Marken immer wieder zutage. Sie sind Belege für den Massenmord und bergen wenigstens eine geringe Chance, die Identität der Erschossenen zu ermitteln.

Am 18. Oktober 1941 wurden die Blockältesten ans Tor gerufen. Sie erfuhren, dass ein Transport sowjetischer Kriegsgefangener erwartet wird und sie verantwortlich seien, die Lagerstraße abzuriegeln, damit die Gefangenen keine Verbindung mit Häftlingen aufnehmen können. Es wurde mehrfach betont, dass bei Zuwiderhandlung schwere Strafen drohen. Zur Durchsetzung des Befehls bestimmte die SS die kommunistischen Blockältesten Kurt Leonhardt, Kurt Wabbel und den Österreicher Sepp Schuhbauer.

Erinnerungspolitik

Angesichts einer neuerlichen Welle der Diffamierung des von Kommunisten geführten Häftlingswiderstands setzen die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald und Nachfahren auf die Vermittlung von Fakten. Diese widersprechen den Darstellungen unter anderem von Ines Geipel in ihrem als »Roman-Essay« deklarierten Buch »Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung« (S. Fischer Verlag, 2026) über »rote Kapos«, die angeblich Opfer und Täter zugleich gewesen sein sollen. Im LAG-Mitteilungsblatt »Die Glocke vom Ettersberg« widerlegt der Historiker Ulrich Schneider Geipels Darstellungen über konkrete politische Gefangene und konstatiert, die Autorin reproduziere »faktisch die Erzählungen des Kalten Kriegs und der Abwicklungszeit der DDR«.

Auf dem Güterbahnhof in Weimar trafen an diesem Tag 2000 sowjetische Kriegsgefangene ein. Die SS nahm sie mit Schlägen in Empfang und trieb sie auf die Straße zum Ettersberg. Alexej Jewgenewitsch Lysenko erinnerte sich 1974: »Uns quälte furchtbarer Hunger, kalter Herbstregen, das Leben unter freiem Himmel, Schmutz, tausende von Läusen, brachten uns in den ersten Monaten unserer Gefangenschaft zur völligen Erschöpfung. (…). Langsam bewegen wir uns durch die Straße aufwärts unter dem Gebrüll der Begleitsoldaten, unter Schüssen, Kolbenschlägen und dem Bellen der Hunde.« 1991 Rotarmisten trafen lebend ein – neun von ihnen lagen, unterwegs erschossen, am Straßenrand.

Alexej Lysenko: »Es war schon fast dunkel, da erschienen bei uns an der Abgrenzung Leute in seltsam gestreifter Kleidung. Sie trugen Schüsseln und Thermobehälter mit Suppe. Und was für Suppe! Richtig heiß, gesalzen (…) Hundert Tage hatte ich so etwas nicht gesehen. Wer seine Suppe aufgegessen hatte – wir aßen sie nicht, wir schlürften sie gierig hinunter – bekam einen Nachschlag«.

»Die deutschen Politischen riskierten viel, verloren fast alles – aber gewannen an Glaubwürdigkeit.« Richard Kucharczyk Überlebender des KZ Buchenwald

Am Morgen führten die beauftragten Blockältesten Wabbel, Leonhardt und Schuhbauer die Soldaten truppweise in das Häftlingsbad beim Kammergebäude zur Desinfektion. Im Anschluß an das Duschen, nach langem Warten im Freien, liefen die Kriegsgefangenen zwischen den Holz- und Steinbaracken hindurch zum separierten Sonderlager. Dann geschah etwas, was mit Worten schwer zu beschreiben ist, erzählte der ehemalige Häftling Richard Kucharczyk 30 Jahre später einem Journalisten. »Als uns bekannt wurde, dass die Gefangenen durch unsere Barackenstraße mußten, da sammelten wir in aller Eile alles, was aufzutreiben war: Brot, den letzten Zigarettenstummel, der für den Sonntag bestimmt war, Lappen, die karge Marmeladenration, eine Scheibe Wurst. (…) Ungeachtet des SS-Verbotes strömten die Häftlinge aus ihren Blocks. (…) Jeder versuchte irgend etwas zu geben.«

Brutale Bestrafung

Zum ersten Mal kam es zu einer offenen Massenaktion gegen einen SS-Befehl. Am nächsten Tag erhielt das gesamte Lager als Strafe einen Tag Essenentzug. Angeordnet vom Schutzhaftlagerführer Florstedt. »Am Ende sagte er: Zur Abschreckung für die anderen, die es noch wagen sollten, sich solidarisch mit den Feinden der Welt zu erklären, erhält jeder 25 Stockschläge und kommt in die Strafkompanie, in den Steinbruch. Sollte es nochmal einer wagen, sich den eingezäunten Blöcken zu nähern, dann blüht ihnen dasselbe wie den drei roten Schweinehunden!«, gab Kurt Leonhardt 1957 zu Protokoll. Er, Wabbel und Schuhbauer mussten mit zerschlagenem Gesäß und heruntergezogenen Hosen auch noch Kniebeugen machen. Das Sonderlager für die Rotarmisten wurde in der Folge hermetisch abgeriegelt, es wurden Bewachungsmannschaften aus den Reihen der »Kriminellen und Asozialen« geschaffen.

»Dennoch setzten die politischen Häftlinge in den folgenden Tagen ihre Hilfe fort«, berichtet Otto Sepke. »Die Häftlingsbekleidungskammer gab heimlich zusätzliche Kleidungsstücke aus, die Küche fand Wege, Brot und zusätzliche Lebensmittel in das Kriegsgefangenenlager zu schmuggeln.«

Gleichwohl folgten monatelange Repressionen der SS gegen die politischen Häftlinge. Die Lagerführung tauschte Lagerälteste, Vorarbeiter, Blockälteste und Stubendienste gegen »Grüne« aus, so genannt wegen des grünen Winkels für die Gruppe der Kriminellen.

Walter Krämer und seinen Stellvertreter Karl Peix aus dem Häftlingskrankenbau ließ Florstedt in den Bunker werfen. Nach einigen Tagen wurden beide im Außenlager Goslar »auf der Flucht erschossen« (November 1941). Über 50 politische Häftlingsfunktionäre wurden im März 1942 in einem Sonderkommando, als Teil der Strafkompanie, zusammengefasst. Zu diesem gehörten auch die Kommunisten Wabbel, Leonhardt und Schuhbauer. Durch geschicktes Agieren der Politischen gelang im Juli 1942 die Auflösung des Sonderkommandos.

Nach der Solidaritätsaktion vom Oktober 1941 geriet das über Jahre mühsam aufgebaute illegale Netzwerk des kommunistischen Lagerwiderstandes in eine tiefe Krise. Die deutschen Politischen riskierten viel, verloren fast alles – aber gewannen an Glaubwürdigkeit. Diese bildete das Fundament, auf dem sich der militärische Widerstand gründete. Mit dem Eintreffen der sowjetischen Kriegsgefangenen, die nur kämpfend das Lager verlassen wollten, reifte auch bei den deutschen Politischen der Gedanke, sich mit Waffen zur Wehr zu setzen.

Aufstandsplanung

Mitte 1942 entstand der Plan, sich auf das mögliche Lagerende vorzubereiten. Bereits Anfang des Jahres existierte ein internationales Netzwerk. Die sowjetischen Kriegsgefangenen hatten bereits ein eigenes militärisch-politisches Zentrum gebildet, das sich 1943 mit dem der zivilen sowjetischen Häftlinge zusammenschloss.

Strenge Regeln der Konspiration wurden festgelegt und auf deren Einhaltung geachtet. Die Führung des internationalen militärischen Netzwerks lag ausschließlich und allgemein anerkannt bei den deutschen Kommunisten. Die ausschließlich illegal beschafften Waffen kamen auf unterschiedlichsten Wegen in das Lager: aus den Rüstungswerken am Lager, nach dem Bombenangriff am 24. August 1944 oder aus den Beständen der SS. Ende März 1945 verfügte der militärische Untergrund über 188 Gruppen mit Kämpfern aus elf Nationen.

Am 6. April kam der offizielle Befehl zur Räumung des Lagers. Die Funktionshäftlinge spielten auf Zeit, um die Evakuierung zu verzögern. Am 7. April begannen die Todesmärsche von Buchenwald. Am 8. April setzten die Häftlinge des militärischen Untergrunds mit einem illegalen Sender einen Hilferuf an die US-Truppen ab. Die sowjetischen Kriegsgefangenen drängten darauf, einen Aufstand zu beginnen, erreichten aber keine Mehrheit. Am 10. April verließen sie in geschlossener Formation von mindestens 600 Mann und mit Hieb- und Stichwaffen in den Taschen das Lager. Mit ihnen auch Polen und Tschechen – im Ganzen mehr als die Hälfte des militärischen Netzwerks.

Am Vormittag des 11. April befahl SS-Lagerkommandant Pister den Lagerältesten Hans Eiden zu sich und teilte mit, die SS würde sich mittags zurückziehen, Eiden solle das Lager mit den verbliebenen 21 000 Häftlingen später an die US-Armee übergeben. Die Untergrundorganisation der Häftlinge war aufs Höchste alarmiert: Sollte es ein Massaker geben? Sie mobilisierte ihre militärischen Widerstandsgruppen.

Gegen 13 Uhr kamen die ersten amerikanischen Panzer, 90 Minuten später hatte das 37. Bataillon der 4. US-Panzerdivision die SS besiegt und war nach Osten weitergefahren. In der folgenden Stunde übernahmen die Widerstandsgruppen das Lager und hissten die weiße Fahne. Buchenwald war befreit. Im Bericht an den Nachrichtendienst der Abteilung für psychologische Kriegsführung der US-Armee, verfasst von einer Gruppe ehemaliger Häftlinge unter Leitung von Eugen Kogon von Anfang Mai 1945 heißt es: »Niemals hätte das KL Buchenwald soviel Positives in dieser Hölle der SS erlebt, niemals wäre es am Ende zu einem beachtlichen Teil noch gerettet worden, wenn es der zähen, todesverachtenden Arbeit politisch führender Menschen unter den Lagerinsassen nicht gelungen wäre, sich im Laufe der Jahre doch durchzusetzen.«

Sabine Steinwar bis 2022 Archivarin der KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Der Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrages, den sie auf dem 15. Treffen der Nachkommen von Buchenwald-Häftlingen am 12. April hielt. Der vollständige Text ist auf der Webseite der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora (lag-buchenwald-dora.de) abrufbar. Zitate ohne Quellenangabe stammen aus dem Buchenwald-Archiv.

Erstveröffentlicht im nd v. 6.5. 2026
KZ Buchenwald vo 85 Jahren …

Wir danken für das Publikationsrecht.

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