„Wie findest du den Krieg?“

Versuch einer Antwort auf die Frage eines Vierzehnjährigen

Von GABRIELE HELLER

Titelbild: Screenshot You Tube Video

Stell dir vor, du lebst in einem Land, das von einem Nachbarstaat angegriffen wird. Im Nachbarland herrschen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Die Menschen leiden unter einer schlechten Politik. In solch einer Situation erscheint es richtig, das eigene Land zu verteidigen – für Freiheit, Recht und Demokratie.

Jeder Mensch hat nur dieses eine Leben. Wer als Soldat in den Krieg zieht, riskiert es – mit hoher Wahrscheinlichkeit. Deshalb stellt sich eine schwierige Frage: Sind die Gründe, dein Land zu verteidigen, so stark, dass du dafür sterben würdest? Sind die Gründe es wert, dass Du dabei umkommst?

Dein Leben steht auf dem Spiel

Ist es feige oder egoistisch zu sagen „Nein, diese Gründe reichen nicht, um als Soldat gegen Unbekannte zu kämpfen”? Egoismus bedeutet normalerweise, alles für sich behalten zu wollen und nichts abzugeben – etwa den eigenen Geschwistern. Das setzt aber voraus, dass man überhaupt etwas besitzt, das man teilen kann. Bei der Frage „Behalte ich mein Leben oder riskiere ich es mit hohem Risiko als Soldat” ist das nicht der Fall. Wenn du es verlierst, ist alles vorbei. Du kannst nichts mehr geben, nichts mehr erleben, nichts mehr sein. Oder erwartet man nur, „ein bisschen“ von seinem Leben zu opfern – einen Arm, ein Bein?

Der Wunsch zu leben, gesund zu bleiben und nicht zu sterben, ist kein Egoismus. Jeder Mensch hat ein Recht, sein Leben zu leben. Der Philosoph Immanuel Kant sagte: der Mensch darf niemals nur als ein Werkzeug benutzt werden. Jeder Mensch hat seinen eigenen wertvollen Wert, der geachtet werden muss.

Vom Menschen zur Waffe

Ein Soldat muss eine militärische Ausbildung durchlaufen. Für einen Soldaten zählt: Er muss die Handgriffe und Bewegungen für den Kampf sowie für den Einsatz der Waffe erlernen. All das muss wie im Schlaf sitzen. Der Soldat muss das Erlernte fast automatisch abrufen können. Zeit zum Nachdenken hat er im Ernstfall nicht. 

In der Schule lernen Kinder, Konflikte ohne Gewalt zu lösen – sie üben im Gespräch und Rollenspiel, einander zuzuhören, Rücksicht auf unterschiedliche Interessen zu nehmen und Streit fair beizulegen. Ein Soldat hingegen wird darauf vorbereitet, unbekannte Menschen auf der Gegenseite zu töten. Im zivilen Leben nennen wir das Mord.

Normalerweise fühlen wir mit, wenn wir Leid sehen. Wir erschrecken, wenn jemand verletzt ist. Der Soldat muss sich dagegen abstumpfen. Er muss wie eine gut funktionierende Killermaschine handeln. Er muss den anderen töten, bevor dieser ihn tötet. Einfühlung in andere sind dem Soldaten im Kampf hinderlich. Kurzes Zögern bringt ihn selbst in Gefahr. Wer lange im Krieg Soldat war, kann zwar am Ende des Krieges die Uniform für immer ablegen. Doch seine Erfahrungen wird er nie wieder los. Der Krieg hat ihn verändert. Er ist ein anderer Mensch geworden – das berichten nahezu alle, die einmal an einem Krieg teilgenommen haben.

Mut, Feigheit, Zufall

Feigheit bedeutet, vor Gefahren zurückzuschrecken, obwohl man sie überwinden könnte. Das Gegenteil von Feigheit heißt: „Habe den Mut, Dich den Schwierigkeiten zu stellen. Renne nicht gleich weg.” Wenn Du sagst: „Ich bin einverstanden, dass die Armee mich als ihren Soldaten einsetzt“, dann hat das weder mit Mut noch mit Feigheit zu tun. Ob man als Soldat überlebt oder stirbt, hängt nämlich nur zu einem kleinen Teil vom eigenen Handeln ab. Nur in Filmen wird so getan, als könne Superman mit außergewöhnlichen Fähigkeiten alle Gegner ausschalten. Im Krieg herrscht der Zufall.

Nun könnte jemand einwenden: „Du willst dein eigenes Land nicht verteidigen, erwartest aber, dass es andere tun?“ Das klingt nach einem Vorwurf. Doch die eigentliche Frage ist eine andere: Haben wir das Recht, von Menschen zu verlangen, ihr Leben zu opfern? Und: Machen sich alle Menschen bewusst, was auf dem Spiel steht? Wenn du tot bist, bist du tot – du hast nichts mehr vom möglichen Sieg. Ein Soldat trägt immer das Risiko, im Kampf zu sterben. Und in dem Inferno eines Atomkriegs gäbe es sowieso keine Kämpfe mehr – nur noch Tote, egal, ob Soldat oder Zivilist.

Gibt es Ausnahmen?

Seit der NS-Diktatur haben viele Länder Kriege damit begründet, dass sie einen neuen „Hitler“ verhindern wollen. Aber passiert so etwas wirklich so oft? Sind die kritisierten Machthaber wirklich vergleichbar – oder handelt es sich zwar um Verbrecher, aber nicht um Doppelgänger Adolf Hitlers? Und wer entscheidet das überhaupt? Deshalb ist die Frage schwer: Wann ist ein Krieg – trotz all des Leids – wirklich gerechtfertigt oder sogar notwendig?

Ein Blick in die neuere Geschichte zeigt immer wieder das Gleiche: Am Anfang heißt es, man kämpfe für das Richtige und Gute. Wer Krieg beginnt, macht alle glauben, dass das Recht auf der eigenen Seite und das Unrecht auf der Gegenseite steht. Das Problem ist: Die andere Seite denkt genau das Gleiche, nur umgekehrt. Am Ende richten Kriege viel mehr Schaden an, als man sich vorstellen konnte. Ein Krieg lässt sich kaum kontrollieren. Er wird schnell schlimmer und grausamer. Am Ende bleiben sehr viele Tote sowie Menschen zurück, die großen Schmerz und Verluste erleben, die man nicht mehr rückgängig machen kann. Auch die Natur und Städte werden schwer beschädigt. Es bleibt die traurige Frage: Hätte es nicht auch einen anderen Weg gegeben?

Das übersehene Dazwischen

Zwischen „nichts tun“ und „Krieg führen“ gibt es einen Möglichkeitsraum. Dieses Zwischenfeld wird zu wenig beachtet. Sobald immer mehr Waffen angesammelt werden, verengt sich das Denken in einfache Gegensätze von Gut und Böse, Freund und Feind. Wie sehr man selbst dazu beiträgt, dass sich Konflikte verschärfen, wird nicht bemerkt. Nach Alternativen, die nicht einfach aus der Dose kommen, sondern gemeinsam aufzubauen sind, wird erst gar nicht gefragt. Kurz vor Ausbruch von Gewalt ist es zumeist zu spät für einen Gegenvorschlag. Friedensarbeit muss früh beginnen.

Frieden nach vorne stellen

Mit welchem Recht verlangen Politiker von ihren Bürgern, ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Es ist eine Forderung, die zu viel verlangt. Stattdessen sollte alles darangesetzt werden, Kriege von vornherein zu verhindern. Die wenigsten entscheiden sich durch einen militärischen Sieg; die meisten werden am Verhandlungstisch beendet. Der Weg zum Frieden ist dabei oft lang, denn Kriege entstehen nicht aus dem Nichts, sondern aus Konflikten, die sich über Jahre oder sogar Jahrzehnte zuspitzen. Deshalb muss heute und dauerhaft viel stärker in Prävention und zivile Konfliktlösung investiert werden. Erst wenn Friedensarbeit mit ähnlich großem Aufwand betrieben wird wie die militärische Aufrüstung, lässt sich ernsthaft beurteilen, ob sie wirksam oder nur naive Träumerei ist.

Angstspirale und Sicherheitsdilemma

Wenn Land A mehr Waffen kauft, fühlt sich Land B bedroht und rüstet ebenfalls auf. Um Land A zu überlisten, beginnt Land B heimlich, neue Waffen zu entwickeln, die besonders schnell fliegen können. Auch den Standort dieser Waffen versucht es zu verbergen. Land A wird nun immer misstrauischer und setzt alles daran, noch furchterregendere Raketen zu bauen. Sie sind besonders explosiv und können das Land B vollständig zerstören. Beide Seiten leben in Angst. Beide Seiten wollten ursprünglich nur ihre Sicherheit schützen. Einige Politiker behaupten, das Gleichgewicht der Abschreckung sichere den Frieden. Aber je schneller und gefährlicher die Waffen werden, desto größer wird der Druck, als Erster anzugreifen – oft als präventive „Verteidigung“ gerechtfertigt. Dadurch wächst die Anspannung. Und unter Stress passieren schneller Fehler. Während des Kalten Krieges gab es über 100 Missverständnisse, die beinahe zu einem katastrophalen Weltkrieg geführt hätten: Computerfehlmeldungen, menschliche Bedienungsfehler, Übungsmanöver, die als real gedeutet wurden und unschuldige Vögel, die unter den Radar gerieten und für einen Angriff der Sowjetunion gehalten wurden.

Ein neuer Anfang

Wer ausschließlich auf Aufrüstung setzt, erhöht Angst und Unsicherheit. Nur gegenseitige Kontrollen und Zusammenarbeit können Sicherheit schaffen und am Ende gar Frieden bringen – wie das Beispiel Deutschlands und Frankreichs zeigt.Die beiden Nachbarstaaten waren früher erbitterte Gegner. Sie nannten sich sogar „Erbfeinde“, weil sie glaubten ihre Feindschaft würde für immer weitergehen. Sie führten mehrere schlimme Kriege gegeneinander. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren beide Länder völlig erschöpft. Erst dann begannen sie umzudenken. Frankreich und Deutschland schlossen einen wichtigen Vertrag. Ihre Regierungen trafen sich mindestens zweimal im Jahr, um miteinander zu reden und ihre Politik besser abzustimmen. So wuchs nach und nach Vertrauen. Auch Jugendliche und Studierende kamen sich durch Austauschprogramme und Stipendien näher. Heute arbeiten beide Länder in der EU ganz selbstverständlich eng zusammen. Das hätte sich vor 80 Jahren noch niemand vorstellen können. Die gemeinsame Geschichte zeigt, dass aus Hass und Krieg in einer für ewig gehaltenen Todfeindschaft schließlich Frieden und Zusammenarbeit entstehen kann.

Wir danken für das Publikationsrecht.

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