Warum sind selbst das Kapital und Rechtsextreme international besser vernetzt als Linke, fragt nd-Kolumnistin Nelli Tügel
Bild: DIE LINKE Schwalm
Kürzlich war ich Zuhörerin einer Podiumsdiskussion; es ging darum, den gegenwärtigen Kapitalismus zu verstehen, und wurde – logisch – recht global. Schließlich sagte der Linke-Politiker Harald Wolf, dass es »eigentlich« eine neue Internationale bräuchte. In dem Satz steckt eine einfache Wahrheit, doch gilt die Idee heute vielen Linken als naive Fantasie.
Wie kann das sein? Wo doch die Geschichte der Arbeiter*innenbewegung von Beginn an eine Geschichte der grenzübergreifenden Vernetzung und Debatte war? Wie konnte es zu der absurden Situation kommen, dass heute nahezu alle – Kapital, Staaten, Superreiche und Rechtsextreme – stärker international miteinander verbunden und handlungsfähiger sind als wir Linken, deren Vordenker den Imperativ »Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« schon 1848 formuliert hatten?
Klar, Linke schreiben sich gern den Abbau von Grenzen ins Programm oder Parolen wie »No borders, no Nations« auf Demotranspis. Doch geht es um Organisierung, Strukturen und Strategien, sind Borders und Nations zumeist – Ausnahmen wie die kurdische Bewegung bestätigen die Regel – das, woran sich Gruppen oder Parteien orientieren. In ihrer Frühphase war die Arbeiter*innenbewegung viel weiter, obgleich heutige technische Voraussetzungen besser sind.
Woran also liegt es? Ein Grund dürfte die Geschichte der Internationalen und ihr Ende sein: Die erste von ihnen, die von Marx mitgegründete Internationale Arbeiterassoziation, löste sich mit der Spaltung von den Anarchist*innen auf; die zweite Internationale implodierte wegen des epischen Versagens ihrer Anführer zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Die dritte Internationale war organisatorisch wohl am ausgereiftesten, sie unterhielt einen großen Apparat kosmopolitischer, international agierender Hauptamtlicher. Wie der Stalinismus dem Ganzen ein grausiges Ende setzte, lässt sich dann in Eugen Ruges »Metropol« oder Wolfgang Leonhards »Die Revolution entlässt ihre Kinder« nachlesen. Die vom sowjetischen Diktator befohlene Selbstauflösung der Komintern 1943 zog einen Schlussstrich unter die internationale Organisierung der Arbeiter*innenbewegung. Alle weiteren Versuche – die trotzkistischen Internationalen, die Zusammenarbeit der dekolonisierten Staaten Afrikas, später die Antiglobalisierungsbewegung – sind an das Niveau der Vorstalin-Ära nicht mehr herangekommen.
Hinzu kommt die sozialdemokratische, seit 1914 hauptsächlich am Nationalstaat orientierte Prägung der Gewerkschaften, die nie eine dem Globalisierungsgrad des Kapitals angemessene Strategie gefunden haben. Dabei hatte es schon Mitte des 19. Jahrhunderts Gewerkschaften mit multinationaler Mitgliedschaft und grenzübergreifender Hilfe bei Streiks gegeben. Heute: in vielen Ländern und Branchen undenkbar.
So sehr sich diese Misere historisch herleiten lässt, das Ergebnis bleibt eine Katastrophe. Denn noch viel naiver, als sich eine neue Internationale vorzustellen, ist der Glaube, man könne gegen Kapital, Superreiche und Rechte wirklich etwas ausrichten, ohne mit den eigenen Strategien, Debatten und Aktionen die Grenzen der Nationalstaaten zu überschreiten.
Nelli Tügel ist Redakteurin der Monatszeitung »analyse & kritik« und freie Journalistin. Hier nimmt sie Ausbeutung, Arbeiter*innenbewegungen und linke Strategien unter die Lupe.
Erstveröffentlicht im nd v. 19.2. 2026
Linke gefangen …
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